Sonntag, 5. Juli 2026

Stacheln

Ein Zitat

Das Rotchrüz im Wald ob Siggenthal wurde 1873 erstellt und 2022 renoviert.
Foto © Jörg Niederer
"Gute Sitte, Religion, Takt, alles umsonst; der Mensch bleibt, wie er ist." Theodor Fontane (1819-1898)

Entdeckt

Wenn man von Judenächer Steinenbühl im Mansital dem Wanderweg in Richtung Ifluh und Siggenthal folgt, kommt man mitten im Wald zum Rotchrüz. Es wurde bereits 1873 errichtet. In jenem Jahr crashte von Wien ausgehend die Börse, und der Stacheldraht wurde erfunden. Mir scheint, der Stacheldraht korrespondiert mit der Dornenkrone des Gekreuzigten. Stacheldraht steht für unzählige Grausamkeiten, und für verendete Tiere, die sich nicht mehr aus den schmerzhaften Stahlnadeln befreien konnten. Daher gilt in der Schweiz seit 30. September 2025 ein Stacheldrahtverbot ausserhalb von Sömmerungsgebieten. Vor und nach der Sömmerung muss er auch in diesen Gebieten temporär abgebaut werden. So steht es im neu im Jagdgesetz.

Gut, das der Stacheldraht wegkommt. Nun muss nur noch die menschliche Grausamkeit abgebaut werden, und wir gehen sonntäglich-paradiesischen Zeiten entgegen. Versuche dazu sind schon mehrfach unternommen worden. Bisher haben sie wenig gefruchtet. Leider. Aber Aufgeben ist keine Option.

Jörg Niederer

Samstag, 4. Juli 2026

Sein oder Nichtsein

Ein Zitat

Braunkehlchen. Oben: Männchen. Unten: Weibchen mit Futter für die Jungen.
Fotos © Jörg Niederer

"Die grosse Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht - die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering. Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut."
Martin Buber (1878–1965)

Entdeckt

Braunkehlchen sind Bodenbrüter. Das ist ihr grosses Handicap. Denn in der heutigen Landwirtschaft sind viele Wiesen ohne grosse Insektenvielfalt und werden auch viel zu früh gemäht, zu einer Zeit, in der die Jungen der Braunkehlchen noch nicht flügge sind. Das führt dazu, dass sie in der Schweiz in tieferen Lagen nur noch an wenigen Orten vorkommen. Es fehlen die Nahrung und die sicheren Brutstandorte.

In Saas-Fee gibt es sie noch. Dort werden einige Wiesen wohl erst nach dem 15. Juli gemäht. Genug Zeit, dass die Brut der Braunkehlchen ausfliegt.

Auch in der Allmend Frauenfeld wir mit dem Hinweis und Foto des Braunkehlchens darauf hingewiesen, dass die Wiesen nicht betreten werden dürfen. Dabei gibt es schon seit einiger Zeit im ältesten Naturschutzgebiet der Schweiz keine Braunkehlchen mehr. Sie kommen auch nicht mehr zurück. Denn Braunkehlchen sind extrem Standortgebunden. Sie lassen sich nicht an anderen Orte versetzen. Auch nicht, wenn man die Eier an einem solchen neuen Standort künstlich ausbrüten und die Jungen dann von Hand grossziehen würde. Denn der Standort ist genetisch bedingt. Auch die künstlich grossgezogenen Braunkehlchen würden nach ihrer Reise ins Winterquartier in Afrika wieder an den Standort ihrer Eltern zurückkehren.

Braunkehlchen zeigen: Es gibt irreversible Eingriffe in die Natur. Nicht alles kann wieder rückgängig gemacht werden.

In höheren Lagen über 1600 Metern kommt das Braunkehlchen noch häufiger vor. Doch auch hier verändert sich die landwirtschaftliche Nutzung zu Ungunsten des kleinen Vogel. Hoffen wir, dass die kleinen Vögel in der Schweiz noch lange brüten werden.

Jörg Niederer

Freitag, 3. Juli 2026

Haariger, fliegender Parasit

Ein Zitat

Ein Grosser Wollschweber fliegt die Blüten des Alpen-Thymians an.
Foto © Jörg Niederer
"Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen." Georg Büchner (1813-1837)

Entdeckt

Wollschweber vermehren sich parasitär. Die Leidtragenden sind in der Regel solitär lebende Wespen- und Bienenarten. Manche Wollschweber schiessen ihre Eier aus dem Flug in die Legeröhren der Wespen und Bienen. Andere, wie dieser Grosse Wollschweber, legen die einzelnen Eier beim Eingang der Legeröhre ab und tarnen diese mit Sandkörnern. Schlüpfen die Larven, besitzen sie kleine Beine, so dass sie in die Legeröhre ihres Wirts eindringen können. Dort ernähren sie sich von den Wirtslarven. Nach der ersten Häutung haben die Larven dann keine Beine mehr und gleichen so stärker den Larven der Wirtstiere. Es gibt Wollschweber, die auf diese Weise 2000-3000 Eier ablegen.

Auf dem Foto ist schön der haarige Pelz zu sehen, der den gesamten Leib des Wollschwebers umgibt. Ebenfalls ist der lange Rüssel gut zu erkennen. Mit ihm saugt der Grosse Wollschweber im Flug an den Blüten, fast wie ein kleiner Kolibri. Auf dem Foto tut sich das Insekt am Nektar des Alpen-Thymians gütlich.

Jörg Niederer

Donnerstag, 2. Juli 2026

Im Felsen stochern

Ein Zitat

Oben: Weibchen des Mauerläufers. Unten: Wahrscheinlich ein Mauerläufer-Männchen im Strassentunnel.
Fotos © Jörg Niederer
"Wenn dir ein Fels vom Herzen fällt, so fällt er auf den Fuß dir prompt! So ist es nun mal auf der Welt: ein Kummer geht, ein Kummer kommt…" Heinz Erhardt (1909–1979)

Entdeckt

Mauerläufer sind beliebt unter Ornitholog:innen. Das gilt zwar für alle Vögel, doch wird der Mauerläufer entdeckt, ist das besonders schön. Der Bergvogel ist ein Vertikalzieher. Im Sommer niestet und lebt er in grossen Höhen. Im Winter, wenn dort alles unter einer hohen Schneedecke verschwindet, kann man ihn auch im Schweizer Mittelland antreffen. Mit seinem an ein Pinzette erinnernden langen Schnabel stochert er in den Spalten der Felsen nach allerlei Getier. Dabei bevorzugen Mauerläufer eher feuchtere Stellen am Fels. Ihre Nester bauen die mit ihren karminrot aufleuchtenden Flügeln an Schmetterlinge erinnernde Vögel in spaltenreichen Felsen oder auch einmal in einem Naturstein-Tunnel.

Am Mattmark-Stausee können Mauersegler in den Felsen direkt beim Restaurant beobachten. Dort ist dann auch das obere Foto entstanden, während das untere den Mauerläufer in einer höhlenartigen Nische zeigt mit Futter im Schnabel für den Nachwuchs.

Jörg Niederer

Mittwoch, 1. Juli 2026

Das Essen ist angerichtet

Ein Zitat

Ein Bartgeier flog mit Beinknochen eines grösseren Tieres entlang des Mattmark-Stausees über uns hinweg.
    Foto © Jörg Niederer
"Jeder sei, in seiner Art, majestätisch. Wenn er auch kein König ist, müssen doch alle seine Handlungen, nach seiner Sphäre, eines Königs würdig sein und sein Tun, in den Grenzen seines Standes und Berufs, königlich." Baltasar Gracián y Morales (1601-1658), spanischer Jesuit

Entdeckt

Fotografisch, das gebe ich zu, ist das Bild kein Highlight. Als Belegfoto für einen ikonischer Alpenvogel aber schon. Zuvor hatten wir ihn zwar täglich gesehen, jedoch weit oben und weit weg. An der Bergvogelexkursion von BirdLife kam er zu guter Letzt dann doch noch in die Nähe: der Bartgeier.

Es geschah am Mattmark-Stausee. Hingefahren waren wir, um den Mauerläufer zu beobachten. Dazu mehr im nächsten Blog. Da sah ihn einer durch das Spektiv. Erst nur ein kleiner, eigenartigerweise T-förmiger Punkt über dem Monte-Moro-Pass flog der Greifvogel entlang der linken Bergkette direkt auf uns zu und über uns hinweg. Er brauchte dazu kaum einen Flügelschlag. In den Fängen trug er einen Beinknochen einer Gämse oder eines anderen grösseren Tieres mit sich. Wie er gekommen war, verschwand er auch wieder hinter dem Grat des Klein Allalin.

Wen kleinere Vögel "Nahrung" mit sich tragen, dann kann man von Nachwuchs oder Paarbildung ausgehen. Denn es gibt keinen anderen Grund für einen Vogel, etwas nicht sofort zu essen, wenn es nicht für Nachwuchs oder Brautwerbung gedacht ist. Ob das auch für die Geier gilt? Ich weiss es nicht? Wollte der Bartgeier sein Futter vor Konkurent:innen in Sicherheit bringen? Hat er einen bestimmten Ort, wo er die Knochen aus grosser Höhe fallen lässt, um sie schnabelgerecht zu zerkleinern? Oder bringt er sie seinen Jungen? Beim erbeuteten Bein kann man immerhin sehen, dass es auch Fleisch am Knochen hat. Während Altvögel vor allem Knochen fressen, bekommen Junggeier auch Fleisch von den Altvögeln geboten.

Nun, das sind Spekulationen. Was aber bleibt: Das Staunen über diesen mächtigen Vogel, der wieder zurück ist in unserem Alpenraum, nachdem er einst rücksichtslos ausgerottet worden war.

Übrigens: An diesem Tag sahen wir auch noch Gänsegeier und eine weitere Rarität: der Mönchsgeier. Diese beiden allerdings waren wieder bloss kleine geflügelte Punkte entlang der Gratkante vom Klein Allalin.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Gute Sitte, Religion, Takt, alles umsonst; der Mensch bleibt, wie er ist." Theodor Fontane (1819-...