Sonntag, 30. November 2025

Ein Licht anzünden

Ein Zitat

Glasfenster nach einem Entwurf von Christian Oehler in der Evangelisch-methodistischen Kirche Glarus. Ausführung: Heinrich Rudolf Süess-Naegeli, Zürich 1972
Foto © Jörg Niederer
"Und jetzt sagt er [Gott]: 'Ja, du bist mein Knecht. Du sollst die Stämme Jakobs wieder zusammenbringen und die Überlebenden Israels zurückführen. Aber das ist mir zu wenig: Ich mache dich auch zu einem Licht für die Völker. Bis ans Ende der Erde reicht meine Rettung.'" Bibel, Jesaja 49,6

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Der Bibelvers aus dem Buch Jesaja redet von einem Knecht. Wer damit gemeint ist, ist unsicher. Wahrscheinlich war es der Prophet selbst, aber auch Israel (Jesaja 49,3) könnte gemeint sein. Entscheidend fürs Verstehen ist das nicht. Wichtiger ist, dass wir den Auftrag verstehen, den dieser Knecht bekommen hat. Es ist ein Auftrag für die ganze Welt. Er ist als Licht für die Völker berufen, damit Heil zu jedem Menschen kommen kann.

Gerade jetzt wieder brennen die Advents- und Weihnachtslichter in den Strassen. Das ist eher Reklame für eine überbordende Konsumgesellschaft und weniger Zeichen für die Botschaft der Hoffnung, die Gott schenkt.

So gibt es auch jetzt christlich geprägte Stimmen, welche die geistige und moralische Finsternis dieser Welt beklagen, welche über Not und Elend, Krieg und Bedrohungen jammern, ja über eine Zeit, die böse geworden ist, weil die Menschheit auf dem falschen Weg sei. Diesen Leuten, die so sprechen, sei ein chinesisches Sprichwort gesagt: "Besser ein Licht anzünden als auf die Dunkelheit schimpfen."

Menschen, die auf Jesus Christus hoffen, sind nicht da, um das Elend auf dieser Welt zu beklagen, sondern um in dieses Elend, in diese Finsternis hinein ein wirkliches Licht der Mitmenschlichkeit anzuzünden. Es geht darum, ein Licht für die Welt zu sein. Wer auf Christus hofft, ist Knecht und Magd Gottes, berufen als Licht für die Welt, als Hoffnungstragende:r ins Weihnachtsdunkel hinein.

Jörg Niederer

Samstag, 29. November 2025

Im Zigerschlitz

Ein Zitat

Selfie vor der Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Glarus.
Foto © Jörg Niederer
"Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit» Friedrich Schillers Worte beschreiben auch den Pioniergeist in Glarus

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Nach 51 Kilometern, aufgeteilt auf drei Etappen, bin ich endlich in Glarus angekommen. Der letzte Abschnitt davon startete gestern in Eiseskälte in Reichenburg, führte bei heftigem, kalten Gegenwind an der KVA Linth vorbei, um kurze Zeit später in den sonnengewärmten Zigerschlitz einzubiegen. In Näfels dann wartete das Schlachtdenkmal, in dem die Helden der Eidgenossenschaft gefeiert werden für ihren Sieg im Jahr 1388 über ein zehnfach überlegenes habsburgisches Heer. Weiter spazierte ich der Linth entlang, auch als Escherkanal bekannt, am Flugplatz Mollis vorbei, und erlebte, wie kurz nach 13 Uhr die Sonne hinter dem Glärnisch unterging. Zum Glück nicht für immer, denn etwas 800 Meter weiter tauchte sie wieder auf und liess nicht mehr locker bis vor die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) in Glarus.

Durchs Fester des Kirchenteils entdeckte ich eine Person bei Staubsaugen, was die Hoffnung auf einen Besuch im Inneren der Kapelle nährte. Tatsächlich wurde ich von Urs, dem Hausverwalter, freundlich empfangen. Auch Pfarrer Bernd wurde dazu geholt, der sich darüber wunderte, dass endlich man ein Kollege den weiten Weg nach Glarus gefunden hatte. Erst aber wurde ich etwas beiseite gestellt, da es noch galt, die nicht über jeden Zweifel erhabenen Mikrofone für den Gottesdienst vom Samstagabend am richtigen Ort zu platzieren. Dann aber bekam ich eine schöne, grosse Tasse Kaffee, mein erstes warmes Getränk an diesem Bilderbuchwettertag mit Nonstop-Wanderung. Die Gespräche am Tisch drehten sich in der Folge über Gott und die Welt, über die EMK-Gemeinde, die Kirchenmusik, Peter Spuhler und so einige gemeinsame Bekannte, über die wir natürlich nur Gutes ausgetauscht haben.

Doch, die 20 Kilometern lange Fussreise in die verschneite Bergwelt des Sardona-UNESCO-Naturerbes hat sich bestens gelohnt. Da bin ich nicht zum letzten Mal gewesen. Ich muss (will) schliesslich dann auch wieder von Glarus zurück an den Zürichsee wandern.

Jörg Niederer

Freitag, 28. November 2025

Schattensprünge

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Früh morgens beim Bahnhof Frauenfeld reicht mein Schatten über den Lauf der Murg ans andere Ufer.
Foto © Jörg Niederer
"Kirche funktioniert in dogmatisch geheiligtem Schneckentempo... Willst du was bewegen? Bring Snacks. Viel Geduld. Und ein dickes Fell." Ina Jäckel, Pastorin

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Manchmal möchte ich schon da sein, wo mein Schatten bereits angekommen ist. Doch so einfach ist das nicht. Jeder Prozess, jeder Weg verlangt eine gewisse Anstrengung. Einmal komme ich leichter voran, dann ist es eine wirklich beschwerliche Reise.

Manchmal bin ich meinem Schatten auch schon weit voraus. Dann folgt er mir, lässt sich nicht abschütteln. Der Schatten hat kein Gewicht, ich muss ihn nicht hinter mir herschleppen oder vor mir herstossen. Aber er zieht mich leider auch nicht mit sich mit. Das ist gut, wenn es in die falsche Richtung gehen sollte. In die richtige Richtung könnte er mich schon etwas mehr unterstützen.

Als ich beobachtete, wie mein Schatten zum Zeitpunkt des Sonnenaufgangs mit Leichtigkeit auch den Wasserlauf der Murg überhüpfte, sagte ich mir: Da muss noch mehr gehen. Zum Beispiel könnte es ja sein, dass beim ersten Sonnenstrahl mein Schatten gar die 12 Kilometer weit entfernten Ufer des Neusiedlersees verbindet. Doch will ich wirklich über diese Distanz hoffnungslos hinter meinem Schatten zurückbleiben. Besser ich warte, bis sich die Sonne dem Zenit annähert, und meinen Schatten vom andern Ufer wieder zu mir zurück gleitet.

Als Gleichnis spricht der Schattenwurf in mein Leben hinein. Am Morgen früh gehen meine Pläne und Erwartungen weit in die Zukunft. Doch mit den Stunden werden die damit verbundenen Hoffnungen kleiner, bis sie beim Menschenmöglichen angekommen sind. Doch dann denke ich zurück an das, was auf diesem Weg gelungen oder misslungen ist. Ich drehe mich um, und sehe immer klarer, wie die Probleme wie Schatten anwachsen und dann glücklich im Sonnenuntergang flammend untergehen. Nun habe ich Ruhe, bis zum nächsten Morgen mit seinen neuen grossen Erwartungen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 27. November 2025

Christusaugen

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Blaue und weisse Stiefmütterchen mit Rändern aus Raureif in einem Zierbeet in Winterthur.
Foto © Jörg Niederer
"Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen." Redensart aus dem Märchen Aschenputtel

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Dass die Freidenker ausgerechnet eine Blume als Symbol ausgesucht haben, die auch "Christusauge" genannt wird, ist schon erstaunlich. Sie haben sich wohl stärker an der französischen Bezeichnung "La Pensée" orientiert, welche nicht nur die Bezeichnung für das Stiefmütterchen ist, sondern auch noch mit "der Gedanke" übersetzt werden kann.

Beim Nachdenken komme ich als Pfarrer schon früher oder später auf Christus, wobei ich da weniger an sein Auge denke.

Nun gibt es nebst dem Stiefmütterchen noch andere Blütenpflanzen, welche Christusauge genannt werden. Da wären die Konen-Lichtnelke, die Ringelblume, der Christusaugen-Alant und der Echter Bartpippau. Das Auge des Christus ist damit kaum blumentechnisch genau zu bestimmen, einmal abgesehen davon, dass alle so bezeichneten Blumen schön sind.

Die Bezeichnung "Stiefmütterchen" ist vom Märchen der bösen Stiefmutter (bzw. von Aschenputtel oder Cinderella) hergeleitet. Dabei werden die fünf Blütenblätter auf die verschiedenen Rollen aufgeteilt. Das eine zentrale, visuell unten befindliche Kronblatt ist die "Stiefmutter". Dieses bedeckt teilweise die darüber liegenden zwei seitlichen "Töchter", und diese ihrerseits die beiden "Stieftöchter"

Genau so funktioniert das Gedächtnis. Mit einer Geschichte erinnere ich mich leichter an Namen, Reihen und Ereignisse. Damit wären wir wieder bei der französischen Bezeichnung: "La Pensée", also beim Gedenken und Nachdenken. Der Kreis schliesst sich.

Bleibt noch eine offene Sache: Im Märchen von Aschenputtel ist von zwei Stiefschwestern die Rede, aber nicht von zwei Aschenputteln. Vielleicht gibt es ja eine entsprechende Version, die mir aber nicht bekannt wäre. Vermutlich hat man es bei der Blumen-Namensgebung der "Stiefmütterchen" nicht ganz so genau genommen mit der Geschichte. Da bekommt der Ausruf: "Erzähl keine Märchen" doch gleich noch eine tiefere Bedeutung.

Jörg Niederer

Mittwoch, 26. November 2025

Gwunder

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Portraits zweier Toggenburger Ziegen auf einer Weide bei Reichenburg.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn eine Ziege zur Stelle ist, soll kein anderer für sie meckern." Redensart aus Afrika

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Sie sind neugierig, aufmerksam, gwundrig. Die Toggenburger Ziegen, nach denen ein Mann in Arbeitskleider schaut. Auf Schritt und Tritt traben sie hinter ihm her, wissen aber auch genau, dass sie trotz offenem Zauntor auf der Weide zu bleiben haben. Dann entdecken sie mich und kommen näher, um diesen seltsamen Zweibeiner zu begutachten. Kess stehen sie da. Ich muss Lachen ob ihrer Mimik. Keine Frage, sie haben Freude an mir, und ich Freude an ihnen.

Dass es Toggenburger Ziegen sind, erfahre ich vom Besitzer. Es sei ein Hobby, die Tiere zu halten. Bei Wikipedia erfahre ich später, dass es die zweithäufigste Ziegenart der Schweiz ist, und dass sie im Schnitt 3 Liter Milch geben.

Zeit, einen Ziegenkäse zu geniessen und dabei in tierischen Erinnerungen zu schwelgen.

Jörg Niederer


Dienstag, 25. November 2025

Das alte Haus...

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Das Einsiedlerhaus in Hombrechtikons Ortsteil Schlatt ist schon über 500 Jahre alt.
Foto © Jörg Niederer
"Dein Haus soll ein Sammelort der Weisheit sein." Babylonischer Talmud 

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Ein älterer Herr sägt im Garten etwas umständlich Äste entzwei. Ich frage ihn, wie es so sei, in diesem alten Haus zu leben. Da meint er verschmitzt, er sei ja noch nicht so alt!

Ich spreche vom ältesten Haus auf dem Boden der Gemeinde Hombrechtikon, vom sogenannten "Einsiedlerhaus". Es steht im Ortsteil Schlatt, hart an der Kantonsgrenze.

Dendrochronologische Untersuchungen haben ergeben, dass das Haus schon 511 Jahre alt ist. Die Besitzverhältnisse sind ab dem Jahr 1691 bekannt.

Vermutlich hat das Haus den Namen von seiner Lage an der Pilgerroute nach Einsiedeln. Aber er könnte auch von späteren Bewohner:innen stammen, lebten doch ab dem Jahr 1419 Brüder eines Bettelordens in Schlatt, und später dann 14 franziskanische Terziarinnen.

Die Hauskonstruktion ist sehr urtümlich. Es handelt sich um einen Bohlenständerbau, einem der ältesten im Kanton Zürich. Dabei werden die Zwischenräume stehender Balken, "Ständern" genannt, mit groben Holzbrettern, den sogenannten "Bohlen" flächig aufgefüllt. Besonders im oberen Teil des Hauses ist diese Konstruktion gut zu erkennen. Ebenfalls Original ist das Krüppelwalmdach. Dabei handelt es sich um eine Dachkonstruktion, die auf den vier Seiten mit einer Schräge versehen ist, dem sogenannten "Walmdach". Weil auf den Stirnseiten diese Schrägen aber nur auf halbe Traufhöhe hinabgezogen sind, nennt man es eben "Krüppelwalmdach" oder auch "Kurzwalmdach".

Ja, so ein altes Haus ist schon etwas Besonderes.

Jörg Niederer

Montag, 24. November 2025

Erzwungene Kopulation

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Ein Stockentenpaar schwimmt in einem Bach eines Vorgartens umher.
Foto © Jörg Niederer
"Ist das Weibchen [der Stockente] paarungswillig, nimmt es seine typische Haltung ein, indem es sich flach auf das Wasser legt und den Schwanz anhebt." (Lucy Cooke, Bitch, München 2023, S. 170) 

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Im Tierreich gibt es etwas ähnliches wie die Vergewaltigung. Die Biologen nennen es "Erzwungene Kopulation". Das macht Sinn. Denn anders als bei Menschen geht es dabei nicht um Machtausübung, sondern um den Versuch von Erpeln, eigenen Nachwuchs zu zeugen.

Selbst habe ich die erzwungene Kopulation schon bei Stockenten beobachtet. Dabei haben zwei Erpel das Weibchen eines Entenpaares ins Visier genommen und versucht, mit diesem zu kopulieren. Das verpaarte Männchen tat alles, um dem Weibchen zu helfen, aber wohl ohne Erfolg. Nacheinander kamen die beiden Stockenten zum Schuss. Danach wurde es wieder ruhig.

Möglich ist die erzwungene Kopulation, weil Entenerpel einen Penis haben. Die meisten heutigen Vögel haben dieses Relikt aus grauer Vorzeit nicht mehr. Meist ist der Entenpenis klein verpackt im Körper verborgen. Doch in der Paarungszeit kann er das Zehnfache an Grösse erreichen. Aufgepumpt wird er in Sekundenbruchteilen mittels der Lymphe, einer klaren Flüssigkeit. Das Ergebnis bei der Stockente ist ein spiralförmiges, mit feinen Rippen versehenes Glied, das nicht so ohne weiteres in die Vagina des Weibchens eingeführt werden kann. Denn diese Vagina ist genau anders herum gewunden und enthält noch so einige weitere Gänge, die in Sackgasse enden. Nur wenn das Weibchen sich selbst mit dem Erpel paaren will, nimmt es eine ganz bestimmte für die Paarung erfolgreiche Stellung ein. Erzwungene Kopulation führen nur in 4 % der Fälle zum Erfolg.

Lange Zeit meinte man, das Entenweibchen sei nicht in der Lage, die Gene seiner Jungen mitzubestimmen. Heute weiss man, dass es gerade anders herum ist: Die Weibchen bestimmen über den Ausgang einer Kopulation. Zwar können sie erzwungene Kopulationen nicht verhindern, sie sind ja auch kleiner und schwächer als die Erpel, aber den Weg der Gene bestimmen nicht die Erpel, sondern die Entenhennen, mittel biologischer Empfängnisverhütung.

Jörg Niederer

Sonntag, 23. November 2025

Aus dem Totenreich

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Die Stadtpfarrkirche St. Johannes und die Liebfrauenkapelle auf dem Schlosshügel von Rapperswil.
Foto © Jörg Niederer
"Herr, mein Gott, dir will ich von Herzen danken und deinem Namen für immer die Ehre geben. Denn deine Güte übertrifft alles in meinem Leben. Du wirst mich aus dem Totenreich ziehen, ganz unten aus der Tiefe." Bibel: Psalm 86,12+13 

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Von der Errettung aus dem Totenreich, der Erlösung der armen Seelen aus dem Fegefeuer, davon sprach ein Geistlicher auf einem dieser religiösen Privatfernsehsendern. Was ich hörte, kam mir vor wie Worte eines esoterischen Telefonabzockers. Einmal mehr irritierte mich, was alles im Namen des Glaubens geglaubt wird.

Das Totenreich kann unserem Leben so nahe sein, so konkret, so furchtauslösend. Errettung aus dem tiefen Totenreich – dahinter stand für den Psalmdichter wohl eine existenzielle Krise, eine lebensbedrohliche Krankheit, eine scheinbar hoffnungslose Situation. Es sind Zeiten, in denen das Sterben Erlösung brächte. Doch dann ergreift Gott die Initiative, schenkt einen überraschenden Umschwung der Erfahrungen und Gedanken. Gottes Gnade steht gross über dem Menschen, der sich schon aufgegeben hat. Das heisst doch: Gott lässt dich nicht fallen. Gott, nicht irgend ein Heiler, zieht dich aus dem tiefen Totenreich.

Jörg Niederer

Samstag, 22. November 2025

Afrikanischer Abschied

Ein Zitat

Viele Menschen finden sich bei den Gräbern auf dem Friedhof Madretsch in Biel ein und nehmen Abschied vom verstorbenen methodistischen Pfarrer Dosithé Mangandu.
Foto © Jörg Niederer
"Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir." Bibel: Psalm 130,1 

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Es ist richtig kalt, am Morgen des 21. Novembers 2025. Schon im Stadtbus ist das bei den auffällig vielen Menschen mit afrikanischen Wurzeln ein Thema. Alle steigen beim Friedhof Madretsch in Biel aus. Der Parkplatz ist voll. Um die 400 Menschen nehmen dort in der Kapelle und am Grab Abschied von Dosithé Mangandu. Ich bin einer der wenigen hellhäutigen Menschen, die dem viel zu früh kurz vor Vollendung des 52. Lebensjahrs verstorbenen Pfarrer der methodistischen Gemeinde "Reste de Victoire" zum Grab folgen.

Sie ist so ganz anders, diese Beisetzung. Die vielen kongolesischen Fähnchen und Farben. Die übervolle Kapelle, in der eine grossen Zahl der Menschen sitzend und stehend zwei Stunden den Worten der Rednerinnen und Redner lauschen. Immer wieder dieses laute Trällern, das Wehklagen der Frauen, die afrikanischen Lieder und Rhythmen, der Applaus nach den vielen Reden. Alles wird per Film und Foto festgehalten. Gänsehautmomente kommen auf, als die Witwe ans Mikrofon tritt, dann der Sohn, und zuletzt die Tochter. Diese nimmt die Gitarre, stimmt mit dem Chor zwei Lieder an. Irgendeinmal heisst es, dass nun alle anwesenden Pfarrpersonen nach vorn kommen sollen. Zuhinterst auf der Empore platziert gibt es für mich kein Durchkommen durch die eng stehenden Menschen. Ich schaffe es gerade einmal in den Gottesdienst-Vorraum. Dort sehe ich, wie die Trauerfamilie an mir vorbei in den eisigen Winter hinaustritt. Wir alle folgen ihr und dem per Auto transportierten Sarg ans Grab. Ein Trompeter spielt im Stil der amerikanischen Trauermarsch-Formationen Heilslieder. Es dauert seine Zeit, bis alle am Grab eintreffen. Viele Worte werden dort nicht mehr gemacht. Es ist wohl zu kalt dafür. Auch da ist kein schnelles Durchkommen zu Grab. Ich nehme mir vor, später einmal an den Ort zurückzukommen, um dort eine Blume niederzulegen. Dann zerstreut sich die Menschenmenge. Zu den letzten gehören die Witwe, flankiert von Tochter und Sohn, die an den nächsten Ort der Trauer aufbrechen. Einer wohl aus der näheren Verwandtschaft trägt das grosse Foto von Dosithé Mangandu, das in der Kirche zwischen den Trauerkränzen stand. Wo es wohl in Zukunft stehen und das Andenken an den Verstorbenen lebendig halten wird?

Jörg Niederer


Freitag, 21. November 2025

Liebe, stark wie der Tod

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Eine weibliche Wespenspinne sitzt in ihrem Netz. Charakteristisch ist ihre Zeichnung und beim Netz das Zickzackmuster.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist unglaublich, wieviel Klugheit man braucht, um eine Dummheit auszugleichen, und wie eine Dummheit lange Klugheit zu Schande macht." Fanny Lewald (1811 - 1889) 

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Viele Spinnenweibchen haben die Angewohnheit, ihre männlichen Geschlechtspartner vor, während oder nach der Kopulation zu verspeisen. Das ist bei den Wespenspinnen nicht anders. Lucy Cooke beschreib im Buch "Bitch" die verschiedenen Strategien ausführlich, die dabei durch Männchen zur Anwendung kommen, damit diese bei der Fortpflanzung mit dem Leben davonkommen. Den "Preis für die schrägste Anti-Kannibalismus-Strategie" vergibt die Autorin der wunderschön gezeichneten Wespenspinne.

Erfolgreiche Männchen suchen sich ein noch nicht ausgewachsenes Weibchen, und bewachen es, bis es sich  kurz vor der Geschlechtsreife befindet. Spinnen häuten sich ja mehrfach. Jeweils unmittelbar nach der Häutung ist ihr Exoskelett noch nicht ausgehärtet, und die Tiere sind folglich sehr verletzlich. Bei der sogenannten Reifehäutung kommt nun der Moment für das darauf harrende Männchen. Das nun geschlechtsreife Weibchen kann sich in diesem Moment nicht gross bewegen und schon gar nicht das Männchen angreifen. Also eilt das Männchen zum entwaffneten Weibchen, paart sich mit diesem, und macht sich danach wieder aus dem Staub.

Diese Strategie ist äusserst erfolgreich. Lucy Cooke schreibt: "Bei Kopulationen mit sich häutenden Weibchen überleben 97 Prozent der Männchen, bei konventionellem Sex mit einem Weibchen mit ausgehärteter Hülle nur 20 Prozent." (Lucy Cooke, Bitch, München 2023, S. 136)

Lucy Cooke überlegt sich im Buch auch, warum sich Männchen auf dieses lebensgefährliche Spiel einlassen. Sie kommt zur Überzeugung, dass es für die Spinnen-Don-Juans noch etwas Schlimmeres gibt als vom Weibchen gefressen zu werden. Nämlich nicht beachtet zu werden.

Mir scheint, das ist bei manchen Menschen nicht anders. Lieber sein Leben aufs Spiel setzten, als in der Bedeutungslosigkeit zu enden.

Jörg Niederer

Donnerstag, 20. November 2025

Toten- oder Lebensstadt?

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Graffiti von Reto Pfister an der Stirnwand des Hauses über der Galicia Bar in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts können ist noch lange keine neue Richtung!" Arnold Böcklin (1827-1901) 

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Die Galicia Bar an einer der befahrensten Strassen in Olten gehört dem bekannten Schriftsteller Alex Capus. In ihr kann man etwa ein Leporello des Jakobswegs bestaunen, heimisches Bier trinken und Livemusik erleben.

Über der Galicia Bar ragt die mit wenigen Fenstern versehene Stirnwand eines mehrstöckigen Gebäudes. Auf diesem ist seit Neustem ein Mural von Reto Pfister zu sehen. Es zeigt unverkennbar Anspielungen an den Bilderzyklus "Die Toteninsel" von Arnold Böcklin (1827-1901) einem eigenwilligen Schweizer Maler des Symbolismus. Da sind die rahmenden, hoch aufragenden Felsen, der Fährmann in seinem Boot und auch einige Zypressen. Nur, dass an Stelle des zentralen Zypressenwalds sich die Stadt Olten zwischen den Felsen birgt. Statt der Baumwipfel überragt der nach einer Feuersbrunst übriggebliebene Kirchturm der einstigen Stadtkirche die Inselfelsen.

Diese Kombination von der Stadt Olten mit der Toteninsel ist gewagt. Ist es ein Abgesang an die Solothurner Kleinstadt? Wird die Bedeutung der Stadt als Transitknotenpunkt thematisiert. In Böcklins Werk geht es ja um den Transit vom Leben in den Tod. Dass Böcklin diese Frage bewegte, liegt auf der Hand, wenn man weiss, dass er 8 seiner 14 Kinder sterben sah. Auch irritiert, dass ein Werk hier verarbeitet wurde, das einst von Adolf Hitler erstanden wurde, und das nach einiger Zeit auf dem Berghof dann ab 1940 in der Neuen Reichskanzlei in Berlin hing.

Nun kann Arnold Böcklin nichts für den Geschmack dieses üblen Verführers des vergangenen Jahrhunderts.

André Albrecht interpretiert auf Facebook das Mural so: "Geschaffen wurde es vom Künstler Reto Pfister, der sich formal vom Bild 'Die Toteninsel' von Arnold Böcklin inspirieren liess. // Allerdings ist die Oltner Version viel farbiger und lebensbejahender. Böcklin hat übrigens auch ein Bild mit dem Titel "Die Lebensinsel" gemalt, das "unserem" zumindest inhaltlich näher kommt, zumal die Galicia Bar darunter eine wahre Lebensinsel ist. // Für mich ist Pfisters Bild die 'Oltner Lebensinsel'."

So kann man es natürlich auch sehen. Wobei das Bild "Die Lebensinsel" formal definitiv nicht im Mural von Reto Pfister aufgenommen wurde.

Wie würdest du das neue Graffiti über der Galicia Bar einordnen?

Fragen zu diesem Bild hin oder her, mir gefällt es. Nicht nur, weil Olten meine Geburtsstadt ist und hoffentlich nie meine Totenstadt wird.

Jörg Niederer

Mittwoch, 19. November 2025

In Kürze

Ein Zitat

Sackgasse-Signalisation an der Kürzestrasse in Schmerikon.
Foto © Jörg Niederer
"In der Kürze liegt die Würze." Redensart (Stimmt nicht immer, aber bei Reden schon sehr oft.) 

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Es liegt auf der Hand, dass eine Sackgasse in Kürze endet. Dass diese Sackgasse dann auch gleich Kürzestrasse genannt wird, macht auch Sinn. Etwas länger sind die Kürzestrassen von Biberist und Däniken. Wiederum kurz dagegen ist jene in Port. Aber nur eine der vier in der Schweiz vorkommenden Kürzestrassen ist eine Sackgasse. Eben die von Schmerikon. Vielleicht wird die Kürzestrasse mit der Zeit noch etwas länger. Platz hätte es. Und nur um zu sagen; die Goldbergstrasse in Schmerikon ist noch kürzer als die Kürzestrasse und auch eine Sackgasse. An der Kürzestrasse gibt es genau fünf Wohngebäude, davon ein Doppeleinfamilienhaus. Zwischen der Nummer 1 und 5 hat es noch Platz für die 3. In einem der Häuser kann man viele Briefmarken finden, residiert dort doch die Honegger Philatelie.

Dass es noch kürzere Sachgassen gibt, haben wir schon gesehen. Diese könnte man dann "Kürzeststrasse" nennen. Die kürzeste Strasse übrigens ist 2,06 m lang und befindet sich im Ort Wick in Schottland.

Wenn man nun keine Menschen kennt, die an der Kürzestrasse wohnen und auch kein:e Briefmarkensammler:in ist und schon gar nicht dort wohnt, kann man das oben Geschriebene auch wieder vergessen. Es ist unnützes Wissen. Oder man kann sich einfach nur freuen an der sinnigen Namensgebung dieser Sackgasse in Schmerikon.

Jörg Niederer

Dienstag, 18. November 2025

Methodistischer Prediger und Massenmörder

Zwei Zitate

Ausschnitt aus dem Werk "Fear of a Red Planet" von Steven J. Yazzie, ausgestellt im Heard Museum in Phoenix Arizona. Thematisiert ist die gewaltsame Vertreibung der Ureinwohner im Südwesten der USA.
Foto © Jörg Niederer
"Urteile nicht nach dem Augenschein, sondern nach dem Herzen." Redensart der Cheyenne-Ureinwohner

"Wo echte Gastfreundschaft herrscht, sind nicht viele Worte nötig." Redensart der Arapaho-Ureinwohner

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Die Urbevölkerung in den USA gilt als besonders mit der Erde und der Schöpfung verbunden. Umso dramatischer ist die Vertreibung von Stämmen aus ihrem angestammten Siedlungsgebieten. Der Ausschnitt aus einem Mural von Steven J. Yazzie zeigt eine Situation im Südwesten der USA, wo Stämme der Navajo und Yaqui (1864-1866) betroffen waren. Das Kunstwerk fotografierte ich 2015 anlässlich meiner Mitarbeit im General Board of Church and Society (GBCS) auf einem Ausflug ins Heard Museum in Phoenix, Arizona.

Aktuell findet im Methodist Building in Washington D.C. eine Ausstellung statt, die eines der dunkelsten methodistischen Kapitel in der Geschichte thematisiert. Hauptbeteiligter: Oberst John M. Chivington, methodistischer Prediger und Populist. Ein Zitat von ihm lässt tief blicken: "Verdammt sei jeder Mann, der mit Indianern sympathisiert! … Ich bin gekommen, um Indianer zu töten, und ich halte es für richtig und ehrenhaft, alle Mittel unter Gottes Himmel einzusetzen, um Indianer zu töten. … Tötet und skalpiert alle, ob groß oder klein; zerquetscht ihre Säuglinge wie Läuse!" Am 29. November 1864 richteten 600 Angehörige der 3. und 1. Kavallerie-Regimenter der Colorado National Guard unter Chivingtons Führung ein Massaker unter friedlichen Angehörigen der Cheyenne und Arapaho an. Die Zahl der Opfer schwankt je nach Quelle zwischen 133 und 230. Sicher ist, dass es fast ausschliesslich Frauen, Kinder und alte Männer waren, die am Sand Creek River die Winterzeit verbringen wollten, und dort niedergemetzelt wurden. Berichte in den Medien über das Sand Creek Massaker, auch Chivington-Massaker genannt, führten zu einer offiziellen Untersuchung, in deren Verlauf Chivington als Massenmörder überführt wurde. Trotzdem wurde er nie für diese Tat von einem Gericht verurteilt. Ein Wikipedia-Artikel dazu erzählt ungeschminkt die ganze Geschichte. Seit 2007 gilt der Ort des Massakers als Gedenkstätte.

Die Ausstellung zum Sand Creek Massaker im Methodist Building wurde vom GBCS in Zusammenarbeit mit History Colorado ausgerichtet und mit einer Podiumsdiskussion eröffnet, an der Vertreter der Cheyenne und Arapaho vertreten waren. Bishop Julius C. Trimble, Generalsekretär vom GBCS sagte einleitend: "Wir sagen ganz klar: Die Kirche hat ihre Berufung, unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben, nicht immer gelebt. Wir erkennen an, dass unserer Bitte um Entschuldigung nachhaltige Taten, Beziehungen und Demut folgen müssen."

Eindrücklich ist auch, was Fred Mosqueda, ein Sand Creek Vertreter der Stämme der Cheyenne und Arapaho, von seiner Grossmutter erzählte: Mehr als 100 Jahre nach dem Massaker stellte diese immer noch ihren Mokassins neben ihr Bett, "nur für den Fall, dass sie kommen und ich fliehen muss", wie sie sagte.

Für die Besichtigung der Ausstellung muss ein Zeitfenster online reserviert werden.

Jörg Niederer

Montag, 17. November 2025

Wilhelm Busch und die Halbseitenzwitter

Ein Zitat

Ein Hahn der Sorte Appenzeller Spitzhauben wacht über seine Hühnerschar.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt." William Shakespeare, Hamlet - The Tragedy of Hamlet, 1. Akt, 5. Szene

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In Wilhelm Buschs Geschichte von Max und Moritz wird im ersten Streich dem Hahn und den drei Hennen von Witwe Bolte den Garaus gemacht. Den Abschluss ihres traurigen Endes beschreibt Wilhelm Busch so: 

"Ach, sie bleiben an dem langen, / Dürren Ast des Baumes hangen. / Und ihr Hals wird lang und länger, / Ihr Gesang wird bang und bänger.
Jedes legt noch schnell ein Ei, / Und dann kommt der Tod herbei."

Wobei, der Hahn legt auf der Karikatur natürlich kein Ei, sondern er verrichtet ein letztes Mal sein Geschäft.

Nun habe ich aber im Buch "Bitch" der Zoologin, Dokumentarfilmerin und Moderatorin Lucy Cooke gelesen, dass es gar nicht so abwegig sei, das ein Hahn ein Ei legt. So kennt die Forschung seit den 1920er Jahren sogenannte Halbseitenzwitter. Einerseits kommen sie in der Wildnis vor, etwa beim Rotkardinal, auch bei Schmetterlingen und Krustentieren, aber eben auch bei Haushühner. Bei den beobachteten Geflügel-Chimären ist die eine Seite des Tiers männlich, mit allem drum und dran, inklusive einem Hoden und stärkerem Knochenbau, die andere Seite ist weiblich und folglich von schwächerem Körperbau und natürlich ausgestattet mit Eierstock. Mit anderen Worten: Ein solcher Halbseitenzwitter ist in der Lage, Eier zu legen, aber stellt als Hahn im Korb auch den Hühnern nach.

Lucy Cooke schreibt dazu: "...sie entstehen, wenn Zwillingsembryonen zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihrer Entwicklung (zwischen dem 2-Zell- und dem 64-Zell-Stadium) verschmelzen..." (Lucy Cooke, Bitch, München 2023, S. 58)

Ein derartiges Huhn-Hahn-Tier kann man auf dieser Webseite bestaunen. Ich bin fasziniert, was es an Variabilität in der Natur gibt. Im selben Buch schon im ersten Kapitel habe ich gelernt, dass es im Tierreich alles gibt. Weibchen, die XX oder XY-Chromosomen haben genauso wie Männchen. Es gibt Tiere, die ihr Geschlecht je nach Situation und Umständen wechseln. Selbst das Maulwurfsweibchen ist ein Beispiel dafür. Er hat innere Fortpflanzungsorgane, die an einem Ende Ovarien (Eierstöcke) und am anderen Ende Hoden aufweisen. So ist die Unterscheidung, ob ein Maulwurf männlich oder weiblich ist, alles andere, als eine simple Sache.

Wie sagte doch einst ein erfundener Kerl in einem weltbekannten Werk: "There are more things in Heaven and Earth […] / Than are dream't of in your Philosophy."

Jörg Niederer

Sonntag, 16. November 2025

Nomadenehre

Ein Zitat

Wegkreuz im Gegenlicht der Sonne bei der Kapelle Sankt Johann (Altendorf).
Foto © Jörg Niederer
"Aber die Männer von Sodom riefen: 'Verschwinde! Ausgerechnet du als Fremder spielst dich hier zum Richter auf!'" Bibel, 1. Mose 19,9

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Die Gerichtsvollstrecker über Sodom und Gomorra treffen in der Stadt ein und werden als Fremde von Lot willkommen geheissen (Siehe 1. Mose 19,1-14!). In der Stadt gilt er selbst als Zugezogener und Fremder. Wie Abraham steht er in der Tradition der Nomaden. Gastfreundschaft ist ihm heilig. Wie heilig sie ihm ist, sieht man daran, dass er eher seine beiden Töchter als die beiden Fremden dem Mob ausliefert. Lot setzt sich unter Einsatz seines Lebens für die beiden Gottesboten ein. Er nimmt in Kauf, dass sich nun der ganze Hass der Stadtbewohner auf ihn entlädt. Er, der Fremde, findet den Mut, das richtige für die Fremden zu tun. Er ist einer der Gerechten in Sodom.

Nomaden leben in Zelten. Das einzige Türschloss ist die Achtung vor dem andern. Sesshafte leben in Häusern aus Stein, hinter massiven Türen mit Sicherheitsschlössern. Je grösser der Besitz ist, desto ausgeklügelter die Alarmanlage.

Der eigentliche Reichtum Abrahams und Lots war die Gastfreundschaft. Kein Fremder war versucht oder gezwungen sich das Eigentum Lots oder Abrahams zu stehlen. Die beiden Männer waren bereit, alles zu geben für die Gäste in ihrer Mitte. 

Liegt es daran, dass Fremde bei uns ein so schlechtes Image haben, weil wir vom Lebensgefühl her eher Bewohner von Steinhäusern, von Sodom und Gomorra sind? Unsere massiven Türen haben Schlösser. Nicht um die Fremden von innen zu schützen, sondern um sie auszuschliessen. Unser Eigentum ist uns heiliger als der Mensch, der nicht zu unserer Sippe und unserem Land gehört. Aber was wäre wohl, wenn die Fremden und Asylsuchenden zu uns kommen, um uns Gottes Gericht über unsere egoistische Lebensweise anzusagen?

Jörg Niederer

Samstag, 15. November 2025

Erde am Boden

Ein Zitat

Eine künstliche Erde wird für dem Zauberpark beim Flughafen Zürich aufgeblasen. Noch liegt der Erdballon zur Hälfte am Boden.
Foto © Jörg Niederer
"Der heutige Mensch ist der Natur gefährlicher geworden, als sie ihm jemals war." Hans Jonas (1903-1993)

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Hinter dem Circle beim Flughafen Zürich entsteht gerade der Zauberpark. Ab dem 19. November bis zum 7. Dezember können dort Lichtinstallationen bewundert werden und man kann Konzerten beiwohnen. Gestern spazierten wir über das Gelände. An einer Stelle werden Sonne, Mond und Erde aufleuchten. Dafür wurde gerade Luft in die Erde hineingepumpt. Langsam füllte sich der Planet.

Dieser Anblick einer darniederliegenden Erde erinnert daran, dass es ihr schlecht geht. Das Gasgemisch der Atmosphäre verändert sich zu Ungunsten von Luft atmenden Lebensformen. Die CO2-Konzentration steigt an, über ein Mass an Sicherheit, das wir Menschen fürs Leben auf der Erde brauchen. Diese gefährliche Situation führt immer wieder zu Verhandlungen auf beinahe höchster Ebene. Gerade tagt die 30. Weltklimakonferenz in der brasilianischen Amazonas-Stadt Belém. Es sollen neue Klimaschutzpläne verabschiedet werden, so dass die Erderwärmung bis 2035 auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden kann.

Es ist zu erwarten, dass dieses Ziel zu ambitioniert ist, angesichts einer in sich gespaltenen Weltgemeinschaft. Immer mehr Wissenschaftler:innen warnen immer deutlicher. Aber in einer je auf den eigenen Vorteil bedachten Ländergemeinschaft, und einer Wirtschaft, die auf Wachstum ausgerichtet ist, neutralisiert man sich gegenseitig. Dazu haben viele Länder mit autoritären oder totalitären Regierungen sich von den Klimazielen abgewendet und setzen wieder unverfroren (welch ein Wort in diesem Zusammenhang!) auf fossile Energieträger.

Im Zauberpark am Flughafen Zürich sieht es heute wohl besser aus für die Erde. Zwischenzeitlich wird sie rund und schön zu sehen sein. Doch für die wirkliche Erde und vor allem für ihre Bewohner:innen sieht es nicht gut aus.

Jörg Niederer

Freitag, 14. November 2025

Berggipfel

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Die Berge Säntis und Speer erheben sich am Horizon über den Zürichsee.
Foto © Jörg Niederer
"Die Spitze des Berges ist nur ein Umkehrpunkt." Reinhold Messner (*1944)

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Zwei alpine Gipfel erheben sich am Horizont über dem Zürichsee. Links der Säntis und rechts der Speer. Letzterer seines Zeichens mit 1950,5 Metern der höchste Nagelfluh-Berg Europas. Der Säntis ist mit 2501,9 Meter noch einmal deutlich höher. Auf ihm hat man eine grandiose Rundumsicht. Auf beide Berge bin ich schon selbst hinaufgestiegen.

Nicht so auf den Hügel, der sich auf dem Foto entlang des Sees zwischen den beiden Schneebergen hinzieht. Dabei erhebt sich der Chlosterwald gerade einmal 113 Meter über die Wasser. Vielleicht werde ich auf meiner Kapellentour zurück nach Zürich statt dem nördlichen Zürichseeufer entlang  eine Strecke, die ich schon früher einmal erwandert habe  über diesen Hügel hinwegziehen. Wir werden sehen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 13. November 2025

Chromglänzendes Ungeheuer der Unterwelt

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Eine männliche Nymphe einer Feldgrille wärmt sich an der Novembersonne auf.
Foto © Jörg Niederer
"Warum etwas sagen, wenn man es singen kann?" Walt Disney (1901–1966)

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Ein chromglänzender schwarzer Kopf, zwei gerippte Antennen, die am runden Haupt durch Kugelgelenke befestigt sind, ein Körper wie aus Stahlsegmenten. Die Nymphe einer Feldgrille, stellt man sie sich gross vor wie ein Panzer der Armee, wirkt wie von einem anderen Stern, furchteinflössend und bedrohlich. Doch die Tierchen sind ja nur gerade 18 bis 27 Millimeter lang.

Diese Nymphe auf dem Foto stellte sich mir bei meiner methodistischen Kapellentour auf dem Wanderweg entlang des Hirschlensees in den Weg und liess sich partout nicht, auch zu ihrer eigenen Sicherheit, vom Wanderweg weg vertreiben. So konnte ich ihr mit der Kamera bis auf wenige Zentimeter auf den Leib rückten. Herausgekommen ist dieses eindrückliche Portrait eines Insekts, das überall in den Wiesen zuhause ist, dessen eindringliches Zirpen nicht überhört werden kann, und das sich doch selten in seiner ganzen Pracht zeigt.

Nymphen übrigens zirpen noch nicht, Dazu fehlen ihnen die Flügel, die sie erst nach dem Winter bekommen. Dann, im Frühjahr und Sommer wird wohl auch diese Feldgrille einstimmen in einen vielstimmigen Liebesgesang.

Jörg Niederer

Mittwoch, 12. November 2025

Kirchliche Gartenzwerge

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Gartenzwerge auf einem Altartisch in der Kirche Schübelbach.
Foto © Jörg Niederer
"Je kleiner der Garten, desto größer der Gartenzwerg." Brigitte Fuchs (*1951)

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Natur gab es gestern auf meiner methodistischen Kapellentour zwischen Pfäffikon SZ und Altenburg viel. Angefangen bei einem Trupp Grosser Brachvögel über viele Störche, Grau- und Silberreiher zu Möwen und Eichelhäher; auch Mäuse gab es und Toggenburger Ziegen, natürlich Kühe und noch mehr. Aber wirklich aussergewöhnlich waren die Gartenzwerge, diese Inbegriffe der Biederkeit, in der Kirche von Schübelbach (das einzige Gotteshaus übrigens, das am Weg lag und geöffnet war). Sie standen zuvorderst ganz Rechts im Kirchenschiff. Verteilt über die ganze Breite waren Bilder aufgestellt von Familienangehörigen, manche schon recht alt. Auf einem Foto war eine Vierfachhochzeit zu sehen. Auf anderen Männer in alten Uniformen. Und dann eben die beiden Gartenzwerge. Dem herzförmigen Ballon am Handgelenk des einen war schon länger das Gas entwichen. Fröhlich lachend eine Schnecke in der Hand standen sie da zwischen all dem Gold, Marmor und den vielen Heiligen. Da passten sie so gar nicht hin. Es sei denn, wie ich auf der Webseite der Kirchgemeinde entdecken konnte, als Beitrag zu einem Familiengottesdienst. Ob sie wohl die Lieblings-Gartenzwerge eines lieben verstorbenen Angehörigen waren? Ob sie nach dem Kirchenbesuch wieder irgendwo in einem "gepützelten" Garten ihren bürgerlichen Dienst verrichten werden? Oder landen sie gar im Pfarrgarten?

So aussergewöhnlich die Gartenzwerge in der Kirche waren, so besonders war auch das Wetter. Die Sonne beschien mich den ganzen Tag von der Seite. Das Gehen ging im Herbstlicht wie von allein.

Wie schön, dass ich mich selbständig bewegen kann, nicht so wie Gartenzwerge. Auch muss ich nicht ständig an einem Platz stehen, bis mich jemand entführt oder auch nur umstellt.

Aktuell sind es nur noch 20 Kilometer bis zur nächsten methodistischen Kapelle in Glarus. Der Zürichsee und die Pfnüselküste liegen hinter mir. Es geht also voran.

Jörg Niederer

Dienstag, 11. November 2025

Esel mit Kreuz

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Zwergesel tragen ein dunkles Kreuz auf dem Rücken bzw. auf ihrem Kreuz.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Studie hat rausgefunden, dass Frauen, DIE EIN BISSCHEN ÜBERGEWICHTIG SIND, länger leben als Männer, die das erwähnen."
Spruch auf einer Tafel am Wanderwegrand

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In Oberwil leben zwei Zwergesel. Bei meinem letzten Spaziergang am der Koppel vorbei ist mir einmal mehr die kreuzförmige Fellzeichnung auf dem Rücken der hübschen Tiere aufgefallen. Diese Esel also tragen ihr Kreuz auf sich. Mir kommt dabei - déformation professionelle - natürlich auch das Jesuswort (Bibel: Lukas 9,23-26) in den Sinn, mit dem er die Menschen aufforderte, sich selbst zu überwinden, ihr Kreuz zu nehmen und ihm nachzufolgen. Damit gemeint ist die Bereitschaft, für seine Überzeugung und für das Gute in der Welt zu leben und wenn nötig auch zu sterben.

Selbst die Esel erinnern mich an diese biblische Aussage. Vielleicht sollten wir Menschen uns in unserer Lebenspraxis mehr an den Eseln orientieren. Die Werweisen nicht, ob sie das Kreuz tragen sollen oder nicht. Ihr Kreuz gehört zu ihnen, es macht sie aus.

Jörg Niederer

Montag, 10. November 2025

Amtseinsetzung

Beata Laszli wird von Kirchenratspräsidentin Martina Tapernoux anlässlich der Amtseinsetzung als Pfarrerin in der Kirche Reute gesegnet.
Foto © Jörg Niederer

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"Will nun noch jemand zwischen uns und das Apéro-Buffet treten?" Pfarrerin Beata Laszli nach all den Grussworten zu ihrer Amtseinsetzung im Restaurant Schützenhaus Reute AR.

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Reute im Kanton Appenzell Ausserrhoden weist gleich zwei Dreikantonsecken zu den Kantonen Appenzell Innerrhoden und St. Gallen auf. Das sichelförmig angelegte Dorf mit rund 700 Einwohner:innen liegt an diesem Sonntagabend um 16.30 Uhr verlassen da. Nur Gelegentlich steigen Leute aus Autos aus und verschwinden gleich wieder in Häusern oder in Richtung der markanten Evangelisch-reformierten Kirche. Dorthin bin auch ich unterwegs. Denn an diesem Sonntag wird eine neue Pfarrerin eingesetzt, die im Osten auch bei den Methodist:innen bekannt ist. Die aus Ungarn stammende Beata Laszli war einst als Gemeindemitarbeiterin in der Evangelisch-methodistischen Kirche Sevelen tätig. In Sevelen wohnt sie immer noch mit ihrer Familie. Im August wurde sie in St. Gallen durch die Verantwortlichen der Evangelisch-reformierten Kirche ordiniert. Auch dort hätte sie eine Anstellung als Pfarrerin oder Seelsorgerin gefunden. Sie entschied sich für die Kirchgemeinde Reute-Oberegg, weil sie die Menschen auf dem Land mit ihrer Mentalität gern habe.

Den Gottesdienst über die Geschichte von Petrus, der versucht, wie Jesus auf dem Wasser zu gehen, gestaltete sie zusammen mit Jugendlichen und weiteren Gemeindegliedern und natürlich dem Organisten Kaspar Wagner weitgehend eigenverantwortlich. Ihre seelsorglich feinfühlige Predigt berührte. Auch Kirchenratspräsidentin Martina Tapernoux griff anschliessend in ihrer Einleitung zur eigentlich Amtseinsetzung auf diesen Text zurück. Davon, dass sich Menschen in Kirchgemeinden und in der Welt immer wieder die Hand reichen und Hände halten. Auch, dass es nicht darum gehen könne, es als Pfarrerin allen recht zu machen. Denn an erster Stelle sei man Christus verpflichtet.

Nach dem Gottesdienst wechselte die Festgemeinde zum Apéro ins Restaurant Schützenhaus, wo es weitere Reden und Geschenke von Frauen aus den angrenzenden Kirchgemeinden und aus der Pfarrerschaft der Region gab.

Dort traf ich nebenbei auch einige mir gut von meiner Zeit als Pfarrer in St. Gallen bekannte Menschen.

Für Beata Laszli, sie wollte immer schon Pfarrerin sein, bedeutete dieser Abend wohl, dass sie endlich angekommen ist. Nun hat sie den Ort gefunden, an dem sie ihre Berufung leben kann.

Jörg Niederer

Sonntag, 9. November 2025

Warum Gott mich nicht um Rat fragt…

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Die Rosenbergkapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Wädenswil liegt an einer stark von Passant:innen frequentierten Nebenstrasse.
Foto © Jörg Niederer
"Als sie auf Sodom hinuntersahen, dachte der Herr: 'Soll ich wirklich vor Abraham geheim halten, was ich vorhabe?'" Bibel, 1. Mose 18,16+17

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Abraham musste ein bemerkenswerter Mensch gewesen sein, dass Gott mit ihm seine Pläne besprach. (Siehe Bibel, 1. Mose 18,16-33!). Als Eingeweihter kam Abraham jedoch in Teufels Küche. Denn in Sodom lebte Lot, der Sohn seines Bruders mit dessen Familie. Gott aber wollte Sodom mit Mann und Maus vernichten.

Abraham begann zu feilschen. Wie wenn es um den Preis von Blumenkohl ginge, versuchte er das Leben seines Neffen und dessen Familie und der ganzen Stadt Sodom zu retten. Und Gott liess sich von 50 Gerechten auf 10 herunterhandeln, bei deren Vorfinden in Sodom er die Stadt verschonen würde. Abraham gelang es, Gott sehr gnädig zu stimmen. Es gelang ihm, weil Gott gnädig ist.

Gott!

Manchmal möchte ich, dass du mich um Rat fragst, bevor auf dieser Welt wieder irgendeine Katastrophe dir angelastet wird.

Manchmal möchte ich, dass du dich mit mir besprichst, bevor wieder einer unschuldig stirbt.

Manchmal möchte ich, dass du dich erst bei mir darüber erkundigst, was ich davon halte, bevor du mich irgendwo an irgendwelcher Menschen Seite stellst.

Manchmal möchte ich, dass du nicht alles allein bestimmst, und ich die Suppe auslöffeln muss, die du mir einbrockst.

Manchmal möchte ich, dass du mich zuerst fragst… 

Und dann höre ich Gott sagen: "Mensch, manchmal möchte ich, dass du dich bei mir erkundigst, und nicht einfach vor dich hin lebst, als müsse sich alles um dich drehen."

Und ich verstehe, warum Gott mich so selten zu Rat zieht; – aus lauter Güte zu mir und dieser Welt.

Amen

Jörg Niederer 

Samstag, 8. November 2025

Tischgespräch

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Wackliger, gezeichneter Tisch in einem Vorgarten an der Rosenstrasse in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Den köstlichsten Bissen stellt man zuletzt auf den Tisch." Sprichwort

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An der Rosengasse in Olten stehen typische Arbeiterhäuser mit und ohne Holzlauben. Es ist eine Strasse beim Bahnhof, in der man sich um 70 Jahre zurückversetzt fühlt, in eine Zeit, als die ersten Italiener in die Schweiz kamen um hier zu arbeiten und zu bleiben. Keine 100 Meter davon entfernt führte mein Grossvater einst eine gutgehende Sanitär- und Spenglereiwerkstätte mit um die 50 Angestellten. Während meiner Jugend ist der grösste Teil dieses bahnhofnahen Quartiers einer grossen Überbauung gewichen. Bis eben auf die Häuser an der Rosengasse. Durch sie eilte ich auf meinem Weg zum Bahnhof, als mir Tische und Bänke in einem der schmalen Vorgärten auffielen. Gezeichnet von Wetter und mit vielen Gebrauchsspuren passten sie in die alternative Lokalität. Ich blieb stehen und schaute sie mir an mit der Absicht, sie zu fotografieren. Dabei sah ich, wie eine jüngere Frau mich aus dem Haus heraus durch das vorhanglose, nackte Fenster beobachtete. Sie öffnete einen Flügel und fragte: "Suchen Sie irgend etwas?" "Nein," antwortete ich: "Ich schaue mir nur diesen Gartentisch an". Die Frau erwartete wohl nun von mir so etwas wie eine Bemerkung, dass so heruntergekommene Gartenmöbel kein schöner Anblick seien und entsorgt gehörten. Also fragte sie misstrauisch zurück: "Was ist damit nicht gut?". "Nichts," entgegnete ich. "Mir gefällt, wie der Tisch von Wetter und Gebrauch gezeichnet ist, so schief und zerbrechlich, und doch mit viel Charakter, wie er nur über Jahre entstehen kann." Da hellte sich ihr Gesicht auf und sie lächelte.

Fotografieren durfte ich den Tisch dann auch noch, dieses Gartenmöbel mit jetzt sogar einer kleinen Geschichte mehr.

Jörg Niederer

Freitag, 7. November 2025

Hochzeitsreise

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Die Buchenblattlaus, auf dem Tisch gelandet, sieht mit ihren wolligen Wachsharen und den transparenten Flügeln lustig aus.
Foto © Jörg Niederer
"Dem Leben wirklich / Tag für Tag begegnen / heisst offen sein und bleiben / für das Unerwartete / für die Verwandlung / für die Überraschung" Pierre Stutz (*1953)

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Bei Gruppengesprächen über Prozesstheologie und Offenem Theismus an der Herbstsonne vor dem Hotel fliegt ein etwa 2-3 Millimeter grosses Insekt auf den Tisch. Es ist eine Buchenblattlaus, ein verspätetes Männchen auf der Suche nach einem Weibchen. Folgt man dem Offenen Theismus, dann hat der trinitarisch in sich in Beziehung stehende Gott aus freien Stücken das Universum erschaffen und sich dieser Schöpfung zugewandt, und damit auch diesem geflügelten Winzling. Ein faszinierender Gedanke. Nicht nur Menschen gehört die Aufmerksamkeit Gottes, sie gehört "aller Kreatur".

Buchenblattläuse werden regelmässig von Bienen besucht, die aus ihren Ausscheidungen Honig herstellen. Während der Sommerzeit vermehren sie sich über mehrere Generationen ungeschlechtlich. Das heisst, diese Generationen, "Virgines" genannt, gebären Nachwuchs ohne Zutun eines Männchens. Erst im Herbst kommt es zu Paarungen, dann, wenn geflügelte Männchen auf der Suche nach Weibchen sind. Die Eier werden unten an Buchenblättern abgelegt, woraus dann im Frühjahr die Stammmütter schlüpfen, um wieder Virgines zu erzeugen.

Bei den Wollfäden am Hinterleib handelt es sich um Wachswolle, die mittels Rückenporen erzeugt werden. Damit tarnen sich die Blattläuse und schützen sich vor Kälte.

Das Foto wurde mit der Kamera des Mobiltelefons erstellt. Aus diesem Grund ist es eher von schlechter Qualität, was an der Besonderheit dieses lebendigen Tierchen nichts ändert. Da hat der in Beziehung stehende Gott Grossartiges geleistet.

Jörg Niederer

Donnerstag, 6. November 2025

Training der Biologischen Intelligenz

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Dr. theol. Manuel Schmid referiert an der methodistischen Pfarrversammlung über die Prozesstheologie und den Offenen Theismus.
Foto © Jörg Niederer
"Die fundamentalistische Vorstellung, dass es sich bei der Prophetie um Vorhersage handelt, ist einfach fast ganz falsch." Dr. theol. Manuel Schmid (*1976)

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Dr. theol. Manuel Schmid versprach zu Beginn seiner Ausführungen über die Prozesstheologie und dann besonders über den Offenen Theismus einen "wilden Ritt mit 250 Folien", was unter manchen methodistische Pfarrpersonen Assoziationen an die Circuit Rider des frühen amerikanischen Methodismus aufkommen lies. Auch vermutete der Redner bei den Methodist:innen eine "überdurchschnittliche Experimentierfreude beim Reden über Gott" vorzufinden und hatte damit durchaus recht.

Zur Prozesstheologie und dem Offenen Theismus gibt es viel zu sagen, was Manuel Schmid dann auch tat im Verlauf des Tages. Statt einer unzureichenden Zusammenfassung dieser Lehren nehme ich seine Ausführungen zum Anlass, ein bisschen mit biblischen Texten und Aussagen zu spielen, und die dem offenen Theismus verpflichtete Schriftinterpretation mit dem Wissen um die Künstliche Intelligenz (KI) zu verbinden.

Lesen wir die Bibel in Analogie zur KI als die Erfindung und Entwicklung Biologischer Intelligenz (BI).

In 1. Mose 2ff wird beschrieben, wie die BI aus Erde geformt und mit Sensoren für die Wirklichkeitserfassung versehen wurde. Dann wurden ihr Tiere gezeigt, um diese benennen. Nun ist es so, dass die Namensgebung mehr ist. Durch sie entsteht Erkenntnis und Verfügbarkeit. Diesen Prozess könnte man als Training der BI bezeichnen, so, wie die KI mit Bildern trainiert wird, bis sie diese selbständig benennen kann. Auch die BI erkannte und benannte die Elemente der Wirklichkeit immer zuverlässiger und begann mit diesen zu interagieren. Doch noch war die BI nicht autonome, eigenständige Intelligenz. Erst damit, dass sie auch nicht erwünschte Informationen erfasste und internalisierte - in gewisser Weise Früchte des verbotenen Baums - entstand echte Intelligenz. Damit einher ging eine Entfremdung vom Programmierer und Erfinder. Es kam, wie es kommen musste, Die BI entwickelte eigene Bedürfnisse, wurde gar ähnlich leistungsfähig wie ihr Programmierer, strebte nach noch Höherem, so dass der Erschaffer eingriff, und am Programmcode nachbesserte, was nur zu einer noch umfangreicheren und vielsprachigeren Durchdringung der Wirklichkeit führte. Irgendeinmal wurde die BI zu einer echt üblen Sache. Da beschloss der Programmierer, die BI in ihrer Gesamtheit auszuschalten. Das reute ihn dann aber doch, so dass er eine 8-kernige biologischen Intelligenz nicht mit dem Rest seiner Erfindung untergehen liess. Diese Rest-BI wiederum wurde die Keimzelle der neuen, noch fortschrittlicheren Biologischen Intelligenz, die sich in unglaublich kurzer Zeit erneut weltumspannenden einnistete.

Nun muss man sagen, dass heute die BI zu einer Bedrohung nie dagewesenen Ausmasses geworden ist, doch mit einem klaren Unterschied zur ersten Abschaltung. Heute bedroht sich die BI selbst mit einer von ihr entwickelten Künstlichen Intelligenz (KI). Es ist zu vermuten, dass irgendeinmal in nicht allzu fernen Zukunft diese KI sich von der BI emanzipiert und letztere überflüssig werden lässt. Bis dann ist zu hoffen, dass die "Mensch" genannte BI noch rechtzeitig zur Vernunft kommt und sich zurückbesinnt auf die Liebe ihres Schöpfers.

Jörg Niederer

Mittwoch, 5. November 2025

Glaube und Naturwissenschaft

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Prof. Dr. Theol. Christina aus der Au Heymann referiert anlässlich der methodistischen Pfarrweiterbildung in Interlaken.
Foto © Jörg Niederer
"Die Fehlerhaftigkeit der Menschen wird auf die KI, also auf eine Maschine, übertragen. Von dieser 'Kopie' glauben wir in unserem Halbwissen, dass sie allwissend und fehlerfrei sei." Jörg Niederer

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Die evangelisch-reformierte Theologin, Kirchenratspräsidentin der Evangelischen Landeskirche Thurgau und Philosophin Prof. Dr. Theol. Christina aus der Au Heymann war die Hauptreferentin an der methodistischen Pfarrweiterbildung vom gestrigen Dienstag. Sie überlegte mit den Anwesenden, wie Glaube und Naturwissenschaft zusammengehen können und wie bzw. warum nicht. Am Nachmittag stiess dann auch noch Dr. theol. Manuel Schmid hinzu, So dass ein Podiumsgespräch mit den beiden und Dr. phys., Drs. h.c. Arnold Benz stattfinden konnte.

Von diesem Tag gebe ich einige Zitate und Aussagen wieder.

  • Die damals 3-jährige Tochter zu Christina aus der Au: "Mami, man muss nicht immer gute Gründe haben!" Mutter: "Doch, muss man."
  • "Von Gott reden ist wie von Einhörnern oder dem Spaghettimonstern reden." Christina aus der Au über den Szientismus
  • "Die Evolutionstheorie und der Schöpfungsglauben haben so viel miteinander zu tun wie Staubsauger und Orgel." Karl Barth
  • "Hiobs Perspektive ist 'Aua', bis er Gott begegnet." Christina aus der Au
  • "Wenn die KI [Künstliche Intelligenz]) das Denken gut nachmacht, ist es dann Denken?" Christina aus der Au
  • "Was mach die KI mit unserer Beziehungsfähigkeit zu einem Gegenüber?" Christina aus der Au
  • "Wenn ich den Freund oder die Freundin in der Hosentasche habe [ChatGPT auf dem Handy], was macht das dann mit uns Menschen?" Christiane aus der Au
  • "Wir müssen vorher Gottgläubige sein, um im Staunen Gott zu finden." Christina aus der Au
  • "Da ist das tiefe Gefühl, dass da noch  etwas ist da unten und da hinten." Arnold Benz
Jörg Niederer

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