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Freitag, 25. September 2026

Glaubensmurks

Ein Zitat

Tanzvorführung beim Münster von Strasbourg.
Foto: © Jörg Niederer
"Wir haben alle mehr Torheiten als Haare." Jean Paul (1763-1825)

Entdeckt

Gestern hörte ich einen Spruch aus dem Mund eines Kollegen. Nicht dass er deren Inhalt gutgeheissen hätte, eher schon, um unsere Diskussion über einstige glaubensbegründete Verbote zu ergänzen. Ich habe mir den Spruch notiert, um ihn für diesen Blog zitieren zu können: "Das Bein, das dich zum Tanz bewegt, das wird im Himmel abgesägt."

Der Satz kommt aus einer nicht allzu vergangenen Zeit, als es in kirchlichen Kreisen noch verpönt oder verboten war, zu tanzen, ins Kino zu gehen, Alkohol zu trinken oder an den Feiertagen zu wandern, zu lesen oder zu stricken. Hinzu kamen Kleidungsvorgaben und auch der Haarschnitt wurde misstrauisch begutachtet. Weiter wurden in den Kirchen Alternativ-Kinderprogramme zur Fasnachtszeit angeboten, um unsereins davor zu bewahren, an diesen sündigen Ort zu gehen.

Solcherlei gehörte zum pädagogischen Rüstzeug der Glaubenshüter:innen. In meiner Sonntagschulzeit sangen wir als Kinder gerne das Lied: "Pass auf kleines Auge, was du siehst... denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich, drum pass auf kleines Auge was du siehst." Weitere Strophen thematisierten in gleicher Weise die Füsse, die Ohren die Hände usw.

Dass uns Kindern da ziemlich direkt ein verqueres Gottesbild serviert wurde, war uns zu jener Zeit nicht wirklich bewusst. Dieser Gott, der einzelne Sünden bestraft, der dich immer kontrolliert, ein Helikoptergott, der dir nichts zutraut, der den Freuden des Lebens abhold ist …, der geistert immer noch in manchen Köpfen von Christinnen und Christen herum.

Dank der Erziehung meiner Eltern hatte dieses Gottesbild bei mir glücklicherweise keine Chance. Gott sei Dank dafür!

Heute gibt es andere Formen frommer Disqualifikation. Man denke nur an die nicht enden wollenden Diskussionen, wer mit welcher sexuellen Orientierung zur Kirche gehören darf, und wer nicht.

Vielleicht kennst du auch noch solche "Weisheits-" bzw. "Dummheitssprüche" aus der Kirche, die vor allem dazu da waren, um Menschen mit der Angst vor Gott zu disziplinieren? Sende sie mir zu, oder schreibe sie gleich in den Kommentarbereich!

Jörg Niederer

Sonntag, 24. Mai 2026

Fremdenfreundlich

Ein Zitat

Aussichtsreiche Lage beim Rebbaugebiet am Iselisberg.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn dann der Beistand kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen." Bibel: Johannes 16,13

Entdeckt

Pfingsten und Wein gehören auf gewisse Weise zusammen. So erzählt der Evangelist Lukas selbst, wie manche Menschen das, was an Pfingsten mit den Jüngern geschehen war, als Trunkenheit interpretierten (Bibel: Apostelgeschichte 2,13).

Besoffen vom Heiligen Geist! Wäre es nicht so gewesen, diese Anspielung auf das Betrunkensein der Jünger hätte den Weg nicht in die kanonischen Schriften gefunden. So aber ist der Mut der Jünger, nach Jesu Hinrichtung sich zu ihm zu bekennen und verständlich in vielen Sprachen eine eigenartige, neue Botschaft weiterzuerzählen, für immer mit übermässigem Weingenuss assoziiert.

Der Volksmund sagt ja, Kinder und Betrunkene würden stets die Wahrheit sagen. Um Wahrheit geht es an Pfingsten durchaus. Diese Wahrheit aber ist nicht weinselig, sondern bedeutet Verständigung über alle Grenzen hinweg. Das Christentum ist noch mehr, als es das römische Reich je war, eine Vielvölkergemeinschaft, in der Herkunft, Sprache, Geschlecht, Alter, Gesundheit oder sexuelle Ausrichtung keine trennenden Rollen mehr spielen. Hier erfüllt sich das Gebet von Jesus: "Sie sollen alle untrennbar eins sein..." (Bibel: Johannes 17,21). Darum kann Kirche und Christentum nie nur national verstanden werden. Darum ist das Christentum eine Gefahr für autokratische Nationalstaaten und in jeder Weise fremdenfreundlich.

Jörg Niederer

Freitag, 3. April 2026

KATAPAVSIS

Ein Zitat

Installation von Werner Widmer mit Totenbeinli in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ursprünglich aus Graubünden stammend, haben Totenbeinli eine lange Tradition." Rezept auf GraubündenViva

Hingesehen

Die Installation KATAPAVSIS von Werner Widmer in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld ist zu Ende. Sie bestand aus den kultigen Haselnussstängeli von der Migros. Totenbeinli nennt sie der Volksmund. Es sei eine "Arbeit in Gedanken an die Verstorbenen, eine Hommage an den Tod, eine Ode an das Leben." In immer wieder anderen kirchlichen Zusammenhängen werden die Totenbeinli vom Künstler zu einem Klötzliparkett ausgelegt.

Als ich vergangene Woche einem Vogel nachstellte, der auf dem Kirchturm brüten soll, begann es zu regnen, und so floh ich in die Kirche und entdeckte diese schöne, meditative Installation.

"So überraschend wie bestechend ist Werner Widmers Materialwahl 'Totenbeinli': Die ursprünglich aus Graubünden stammenden Haselnussstängelchen mit der Engadiner Bezeichnung 'Oss da mort' wurden traditionell beim Totenmahl zum Kaffee gereicht. Ihre Trockenheit ist Garant für ihre lange Haltbarkeit..." So steht es in der Beschreibung.

Bei den verarbeiteten Totenbeinli handelt es sich um Ware, die längst das Verfalldatum überschritten hat. Die Stängelchen werden von Ausstellung zu Ausstellung wiederverwendet.

Diese Installation ist nicht nur eine Inspiration zur Verarbeitung des Sterbens, sondern passt auch gut zu Karfreitag. So wundert es nicht, dass das Totenbeinli-Parkett in der Stadtkirche bei den Kreuzwegdarstellungen zu finden ist. Dort wird das Gebäck zu einem meditativen Muster für die Besinnung auf den Tod von Jesus Christus am Kreuz. "Katapausis" übrigens ist Griechisch und meint Ruhe, Rast, auch Ruheplatz. Es ist ein Wort für den Ort, wo ewiger Friede herrscht, bei Gott. An diesen himmlischen Ort geht es paradoxer Weise durch Leiden hindurch. Es ist Karfreitag.

Jörg Niederer

Donnerstag, 19. März 2026

Kanzellandschaften

Ein Zitat

Hinter Kanzeln finden sich oft, verborgen vor den meisten Gottesdienstbesuchenden, ungeahnte Schätze.
Foto © Jörg Niederer
"Es dreht sich alles um Lirum, Larum, / um Lirum, Larum Löffelstiel, / Alles in allem, es war nicht viel." Theodor Fontane (1819-1898)

Hingesehen

Der März ist mein Predigtmonat. An jedem Sonntag bin ich in einer anderen Gemeinde, um dort die Verkündigung mitzugestalten. Da komme ich also auf so manche Kanzel und erblicke, was den meisten Gottesdienstbesuchenden verborgen bleibt. Das, was sich so auf Kanzeln sammelt. Was abgesehen von den Rednerpulten, die keinen Stauraum aufweisen, fast überall zu finden ist: Ein Gesangbuch, eine Bibel, oder auch mal zwei. Ebenfalls ausgesprochen häufig liegen da Streichhölzer. Weiter finden sich Zettel mit Gottesdienstabläufen oder Mitteilungen früherer Sonntage. Je nach Kinderschaar im Gottesdienst kann es auch schon einmal zerknülltes und bemaltes Papiere oder angelutschte Bonbons haben, sind doch Kanzeln ausserhalb der Gottesdienstzeit willkommene Verstecke für die Kleinen. Das heisst aber nicht, dass ich dort je einmal ein beim Versteckspiel vergessenes Kind gefunden hätte. Gelegentlich steht da auch ein Glas mit abgestandenem Wasser, oder es finden sich gebrauchte und ungebrauchte Masken aus der Coronazeit. Auch Technisches ist hier verborgen. Die Schalter für die Lichtorgel oder fürs antiquierte Mikrofon, beziehungsweise die Schalthebel für die Hörschlaufe. Eher ungewohnt in evangelischen Kirchen sind die Räucherutensilien, der Weihrauch, die entsprechenden Gefässe, die Ikone. Doch auch das kann es geben, wenn im Raum eine orthodoxe Migrationsgemeinde eingemietet ist. Auch schon finden kann man Couverts mit Geld. Dabei handelt es sich meist nicht um Bestechungsgelder für kürzere Predigten, sondern um die versprochene Gage der Sonntagsrednerin oder des Sonntagsredners. Mögliche Kollektendiebe tun daher gut daran, auch auf den Kanzeln nach Devisen zu suchen. Sie müssen ja die dazugehörige Quittung nicht unterschreiben.

Faszinierend sind auch die Sitzmöglichkeiten und die je nach dem gestaltete Barrierefreiheit. Ich bin in meinen 40 Jahren Verkündigungsdienst in Kirchen mehr als einmal, statt würdevoll die Kanzel zu besteigen, dort hinaufgestolpert. Gelegentlich steht dann der Thron des Predigers mit den hinteren beiden Stuhlbeinen haarscharf am Rand des mehr oder weniger hohen Podest, was das unerwartet hohe Unfallrisiko von Pfarrpersonen erklärt. Der Heilige Gral, wie er auf dem Foto dieser Kanzelrückseite zu entdecken ist, gehört schon eher zu den Ausnahmen bei den Kanzelausstattungen. Auch Wein habe ich in den meist abstinenten Methodistenkirchen noch nie gefunden. Anders bei angebrochener Schokolade oder Pralinen. Die nehme ich dann jeweils mit. Ich will ja nicht, dass sie dort zu schmelzen beginnt, wie die Gefühle der Kanzelschwalbe bei der Ansprache.

Kanzellandschaften haben also, wie man so sieht, einiges zu bieten. Schaut doch mal bei euch im Gottesdienstraum nach, was ihr dort an Verschollenem und Brauchbarem entdecken könnt!

Jörg Niederer

Mittwoch, 18. März 2026

Predigtplatz im Nirgendwo

Ein Zitat

In einem unscheinbaren Wohnhaus in der Agglomeration von Luzern befand sich einst ein methodistischer Predigtplatz.
Foto © Jörg Niederer
"Mir ist es nur selten gelungen eine Gelegenheit wahrzunehmen, bevor es keine mehr war." Mark Twain (1835-1910)

Hingesehen

Ein Wohnhaus, wie es viele gibt. Auf zwei Stockwerken vier Wohnungen. Der Ort, irgendwo im weiteren Umfeld der Stadt Luzern. Hier stehen nur noch wenige ältere Häuser, wie dieses. Rundherum sind markante Wohnüberbauungen entstanden. Der Dorfkern ist nicht fern. Ein Coop, einige kleinere Läden, ein Bistro, eine Baustelle, nichts besonderes.

In diesem Wohnhaus in einer der Wohnungen befand sich einst ein Predigtplatz der Evangelisch-methodistischen Kirche. Den Raum zur Verfügung gestellt hatten Privatpersonen. Das ist, wie auch die Arbeit in Luzern (Siehe Beitrag vom 12. März 2026), längst Geschichte.

Dass es wirklich auch so war, davon kann man in Verzeichnissen älterer Konferenzverhandlungen lesen. Die so genannten "Jährlichen Konferenzen" findet bis heute jährlich einmal während 3-4 Tagen statt. Dann wird auch Buch geführt, eine Statistik der Mitglieder erhoben und die Wirkorte festgehalten. Auf dem Arbeitsfeld Luzern gab es im Jahr 1981 nebst der Kapelle in Luzern noch vier weitere Orte des Wirkens. Weitherum in der Schweiz traf man sich in Schulhäusern, auch Gemeindehäusern, in Hotels und Restaurants, in Altersheimen, in Fabriken und Verwaltungszentren und eben auch in Privathäusern. Nach und nach sind diese "Aussenstationen" verschwunden. Die Zeiten haben sich geändert. Es geht nicht mehr darum, in jedem grösseren Dorf eine kleine Glaubensgemeinschaft zu unterhalten. Kräfte werden gebündelt, die Kirche konzentriert sich auf wenige zentrale Standorte. Die Mobilität macht es möglich. Nicht mehr der Prediger, die Predigerin reisen zu den Gläubigen. Es sind die Gläubigen, die zu den Kapellen reisen, auch einmal 50 Kilometer, mit dem Privatauto oder dem öffentlichen Verkehr.

Geblieben sind mancherorts die Hauskreise. Diese finden immer noch in Privaträumen statt. Da treffen sich 5-10 Menschen zu Gesprächen über Texte der Bibel, über Kirche und Gesellschaft. Dazu braucht es selten eine Pfarrperson. Selbst ist heute die Christin, der Christ. Gut so.

Wie es weitergehen wird mit den Kirchen, mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz, wir werden es sehen. Leicht haben sie es nicht mehr.

Jörg Niederer

Sonntag, 15. März 2026

Verdienstvoll verdienstlos

Ein Zitat

In der Kirche St. Karl in Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Denn der Lohn der Sünde ist der Tod. Aber die Gnade, die Gott uns gewährt, ist das ewige Leben. Denn wir gehören zu Christus Jesus, unserem Herrn." Bibel: Römer 6,23

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Zum Foto: Das Foto zeigt den Innenraum der Römisch-katholischen Kirche St. Karl in Luzern. Sie ist nach Karl Borromäus (1538–1584) benannt. Fritz Menger (1898-1973) hat sie entworfen. Erbaut wurde sie von 1932-1934 als die erste Beton-Kirche der Innerschweiz. Sie wird in der Liste der Kulturgüter in Luzern als von nationaler Bedeutung geführt. Die Entwürfe der Fresken und Fenster in der Oberkirche stammen von Hans Stocker (1896-1983). Der Kirchenraum fasst 900 Personen.

Zum Bibel-Zitat: Als ob man den Tod erwerben müsste. Als ob er etwas Verdienstvolles wäre. Dabei ist nichts so sicher wie der Tod. Er ist unabdingbarer Bestandteil jeder menschlichen Biographie. Nach den Aussagen von Paulus (Römer 6,12-23) haben wir Menschen den Tod verdient. Verdient durch unsere Sünden. Wenn der Tod aber den Sünder und nicht die Sünde trifft, dann bedeutet das doch, dass sich Sünder und Sünde, Mensch und Tat nicht trennen lassen. Dass Aussagen wie: "Gott hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder" falsch sind. Emil Brunner hat recht, wenn er schreibt: "Nicht bloss, wie wir uns gern einreden, 'das Sündige an uns', nein, der ganze Mensch muss in den Tod hinein. Sünde und Sünder sind nicht zu trennen." (Emil Brunner, das Gebot und die Ordnungen, Zürich 1978, Seite 157).

Wie wenn man sich das Leben verdienen könnte. Wie wenn wir des eigenen Glückes Schmied währen. Dabei ist nichts so unverdient wie das Leben. Oder kannst du gewisse Verdienste oder Versäumnisse ausweisen, die dazu geführt haben, dass du lebst, dass du reich oder arm geboren wurdest, dass du gesund oder versehrt zur Welt gekommen bist? Gewiss können wir das Beste aus einem geschenkten Leben machen. Besonders verdienstvoll ist das aber nicht. Denn letztlich sind wir uns selbst zum Leben geschenkt.

Jörg Niederer

Montag, 9. März 2026

Veränderung

Ein Zitat

Jörg Niederer einmal neben der ehemaligen Evangelisch-methodistischen Kirche. Oben: Stirnseite des Gebäudes. Unten: Südseite des Gebäudes.
Foto © Jörg Niederer
"Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt." Mahatma Gandhi (1869-1948)

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Vom Ende der Evangelisch-methodistischen Kirche im Wynental habe ich an anderem Ort schon geschrieben (Siehe Beitrag vom 28. Februar 2026). Zwischenzeitlich ist dir Reise weitergegangen. Auf der Kapellentour bin ich auch bei der ehemaligen Kapelle in Reinach vorbeigekommen. Ein hübsches dreistöckiges Gebäude mit einem Türmchen an der Seite. An diesem Ort haben wir sieben Jahre lang gewohnt. Das war eine gute Zeit. Die Kinder waren klein. Die Gemeinde lebendig. Der Freundschaften gab es viele. In den 26 Jahren seit unserem Wegzug hat sich viel verändert. Manches zum Guten. So etwas das Trottoir entlang der Alten Strasse, oder die Migros in Sichtdistanz. Anderes ist verschwunden. Gerade wird da, wo einst ein Nachbar sein Anwesen sorgfältig pflegte und der Schäferhund seine Zeit im Garten in einem Zwinger verbrachte, in einer grossen Baugrube gearbeitet. Entlang der Strasse sind viele alte Liegenschaften neuen Mehrfamilienhäusern gewichen. Kleine Länden sind verschwunden. In den meisten wird heute frisierst und Haare geschnitten. Auch der Dorfmetzger neben der Kirche ist nicht mehr. Eines der alten Häuser, die noch stehen, ist sein Wohnhaus.

Überraschend, dass es die einstige Kapelle noch gibt. Sie ist schon viele Jahr eine Kita. Im Haus wohnen immer noch Menschen. Der grosse Balkon über dem ehemaligen Gemeinderaum wurde aufgestockt, so dass nun auch die Mieter im 2. Stockwerk etwas davon haben. Auch noch da ist der Bauernhof, der zu unserer Zeit noch in Betrieb war, auch wenn er mitten im Dorf stand. Dort besuchten unsere Söhne gerne die Kühe, was sich dann auch geruchsweise in unserer Wohnung bemerkbar machte. Hier neben der Kapelle schoss ein Nachbar eines Nachts mit der Kalaschnikow, bestückt mit Nachtsicht-Zielgerät, in die Luft. Und direkt daneben in unserem Gemüsegarten labten sich eines Tages die Schafe des Nachbarn an unserem Salat. Da gab es Wasserschlachten mit der ganzen Familie und ich schaufelte im Schweisse meines Angesichts den Kompost um. Bei mehreren Überschwemmungen der Wyna, sie fliesst bei der Kapelle direkt entlang der Alten Strasse, drang auch Wasser in die unteren Kirchenräume. Im Gemeindesaal gab es spezielle Gottesdienste. So hatten wir einmal lebende Echsen und Schlangen im Gottesdienst, und regelmässig gab es Klassik-Konzerte und Kinderwochen.

Wie wir nun am Samstag also dort vorbeiwanderten, wurde uns bewusst, dass nichts bleibt, wie es ist. Alles verändert sich.

Wie ertrage ich den Wandel der Zeit? Darüber denke ich heute nach. Wie geht es dir, wenn du nach vielen Jahren wieder einmal einen früheren Wohnort besuchst?

Jörg Niederer 

Montag, 2. März 2026

Altlasten-Rassismus

Ein Zitat

Die einstige Tabor-Kapelle der Methodistenkirche in Gontenschwil ist heute in privatem Besitz und wird als Wohnhaus genutzt.
Foto © Jörg Niederer
"Wir verurteilen Rassismus, Antisemitismus, Ethnozentrismus und Tribalismus sowie jegliche Ideologie oder gesellschaftliche Praxis, die von der falschen und irreführenden Annahme oder Idee ausgeht, dass eine Gruppe von Menschen allen anderen Gruppen von Menschen überlegen ist." Soziale Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche.

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In meiner Anfangszeit fanden sich in den Schränken von Kirchen allerlei Altlasten.
Foto © Jörg Niederer
Als ich als Methodistenpfarrer in Reinach AG begann, wurde die Tabor-Kapelle in Gontenschwil schon nicht mehr benutzt. Sie war, wie man sagt, ein Lost Place. So hatte ich die Muse, das alte Gemäuer in aller Ruhe zu erkunden. Dabei entstanden einige Polaroid-Aufnahmen, darunter auch die hier wiedergegebene. Auf den alten Kirchenbüchern in einem Schrank stand dieses Ding, das man heute mit Scham betrachtet. Ein Kässeli war es, bei dem ein knieendes Menschlein mit jedem Geldeinwurf ein dankbares Nicken zeigte. Eine Wackelkopffigur also, die man damals ohne viel zu überlegen mit dem N-Wort belegte. Ich kannte das Utensil schon aus meiner frühen Kindheit. In der Sonntagschule waren wir richtig scharf darauf, das Geldstück, in meinem Fall meist ein Fünfliber, einzuwerfen um zu sehen und zu hören, wie es "Bling" machte und der schwarze Kopf dir zunickte.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute kennt das schweizerische Stadtbild eine Vielfalt an Hauttönungen. Selbst auf dem Land starrt niemand mehr dunkelhäutigen Menschen nach.

Veränderungen: Die Taborkapelle sieht von Aussen noch immer fast gleich aus. Gut, es hat nun Solarpanel auf dem Dach und eine Fertiggarage steht im Garten. Im einstigen Gotteshaus lebt eine Familie, und es ist wohl nicht die Heilige. Der Name auf dem Briefkastenschild ist dafür viel zu schweizerisch. Verschwunden ist die Fäkaliengrube, denn früher war die Kapelle nicht an die Kanalisation angeschlossen. Noch immer führt die Autozufahrt über das Nachbargrundstück und ein Fussgängersteg von der Strasse über den parallel verlaufenden Dorfbach. Die Bäume im Garten sind noch höher gewachsen. Nach wie vor liegt Kapelle und Dorf etwas verschlafen hinter dem Wall der eiszeitlichen Gletscher-Endmoräne.

Veränderungen: Man könnte meinen, die Sache mit dem Sonntagschulkässeli sei für immer Vergangenheit. Doch da sass ich unlängst in einer Runde älterer Menschen, als das Gespräch auf die Spitex kam. Eine Frau erzählte: An einem Morgen habe ein dunkelhäutiger Mann an der Tür geläutet. "Was will der?", habe sie noch gedacht, als er sich als Spitexmitarbeiter zu erkennen gab. Eine andere Frau fuhr fort und erzählte, dass ein anderer Schwarzer bei der Spitex wieder habe aufhören müssen. Die alten Menschen hätten ihn nicht ins Haus gelassen. Das wäre auch bei XY so gewesen, meinte die erste Frau, und nickte hinüber zu einer weiteren Tischnachbarin, worauf diese bestätigte: "Nein, ein N... kommt mir nicht ins Haus. Das sind alles Gauner. Mein Sohn ist Polizist. Was der mir schon alles über die erzählt hat. Dabei nickte sie wie die Sonntagschulkässelifigur aus der Kapelle in Gontenschwil.

Ich meinerseits habe mir gedacht: An der kommenden Generalkonferenz der weltweiten Evangelisch-methodistische Kirche werden zum ersten Mal mehr Delegierte von ausserhalb der USA teilnehmen. Gut möglich, dass es dann auch mehr dunkelhäutige Menschen sein werden, von denen es unter den US-Delegierten ja auch einige gibt, die sich dort auch darüber beraten werden, wie man Vorurteile wenigsten in der Kirche abbauen kann.

Jörg Niederer

Montag, 23. Februar 2026

Der Hund in der Kirche

Ein Zitat

Statue des Heiligen Rochus mit Hund und Pestwunde in der Chiesa San Lorenzo in Isone.
Foto © Jörg Niederer
"Er sucht das Brot in der Hundehütte." Alte Redensart mit der Bedeutung, etwas Törichtes zu tun.

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Vor einigen Tagen schrieb ich über den Hund, der sich mir auf meiner Wanderung von Tesserete nach Isone für einige Zeit angeschlossen hatte (Siehe Beitrag vom 20. Februar 2026!). Der Zufall wollte es, dass ich zwei Stunden später in der Chiesa San Lorenzo in Isone einem weiteren Hund begegnete, was aussergewöhnlich ist, halten sich Hunde doch meist nicht in Kirchen auf.

Da war nahe beim Eingang diese Statue eines Heiligen. Es musste ein Pilger gewesen sein, war er doch mit Jakobsmuscheln geschmückt. Zu seinen Füssen entdeckte ich diesen kleinen, knuffigen Hund mit einem Brötchen im Mund. Erst dachte ich an den Apostel Jakobus, doch dann brachte mich eine Suche im Internet auf den Heiligen Rochus von Montpellier. Der Überlieferung nach lebte er in den Jahren 1295-1379. Er schloss sich den Franziskanern an. Auf einer Pilgerreise nach Rom pflegte und heilte er unterwegs Menschen, die an Pest erkrankt waren. Auch er selbst steckte sich in Piacenza mit der tödlichen Krankheit an, zog sich darauf in die Einsamkeit zurück, bis er auf wunderbare Weise wieder geheilt wurde. Danach kümmerte er sich weiter um pestkranke Menschen.

Was aber hat es mit dem Hund zu seinen Füssen auf sich? Dieser Hund eines Junkers soll ihm täglich solange Brot vorbeigebracht haben, wie seine selbstgewählte und pestbedingte Isolation gedauert habe.

Besonders in den Zeiten der Pestzüge in Europa war der Heilige Rochus ein beliebter Heiliger. Ein Revival erlebte er erst kürzlich wieder während der Corona-Pandemie.

Abwegig ist es nicht, dass Hunde Kranken dienen. Gut bekannt sind die Blindenführhunde oder Assistenzhunde von körperlich Beeinträchtigen. Seit einiger Zeit werden die Vierbeiner auch als Begleitung von an Epilepsie leidenden Menschen eingesetzt, da sie am Geruch erkennen können, wann ein weiterer Anfall kurz bevorsteht und so den oder die Erkrankte:n rechtzeitig warnen können.

Jörg Niederer

Sonntag, 8. Februar 2026

Erkennen

Ein Zitat

Ausschnitt aus den Glasfenster von Ferdinand Gehr in der Kirche Heilig Geist in Suhr. Mutter Jesu und Apostel empfangen das Pfingstfeuer.
Fotos © Jörg Niederer
"Doch wer Gott liebt, der weiss: Ich bin von ihm erkannt und angenommen." Bibel: 1. Korinther 8,3

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Man könnte meinen, der Künstler Ferdinand Gehr (1896-1996) habe einen sehr weiblichen Jesus mit seinen Jüngern dargestellt auf den Glasfenstern in der Kirche Heilig Geist in Suhr. Doch es ist ganz anders. Hier werden die Apostel mit der Mutter Jesu vom verheissenen Pfingstfeuer erfüllt.

Nicht immer erkenne ich sofort, wie etwas gemeint ist und wer dargestellt wird. Dazu einige Gedanken.

Moderne Radaranlagen erfassen zu schnell fahrende Autos von vorn. Auf den Fotos erkennt man nicht nur die Nummernschilder, sondern auch wer hinter dem Steuer sitzt. Bei Google Maps kann man ganze Städte erkunden, als würde man gerade durch die Strassen fahren. In 99 Prozent der Fälle wurden dabei abgebildeten Menschen unkenntlich gemacht. Doch immer wieder versagt bei einzelnen Passanten die Anonymisierung. Man kann den Menschen ohne dessen Einwilligung erkennen. Menschen werden bei der Polizei erkennungsdienstlich behandelt. Prominente werden erbarmungslos von Paparazzi verfolgt, sobald sie gegen ihren Willen erkannt worden sind.

Ist es da wirklich so erstrebenswert, von Gott erkannt zu werden? Ich glaube schon, weil bei Gott Erkenntnis mit Liebe verknüpft ist.

Es gibt Erkenntnis und Erkenntnis. Es gibt, genauer gesagt, Erkenntnis und Liebe. "Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf." (1. Korinther 8,1).

Wenn in der Bibel gesagt wird, Adam habe Eva erkannt, dann ist damit der Liebesakt gemeint, die intimste Form der Vereinigung zweier Menschen.

Gottes Erkenntnis von dir schafft die Basis deiner Liebe zu Gott. Er hat dich erkannt. Er ist dir dabei sehr nahe gekommen. Er hat sich dir zu erkennen gegeben. Indem er dich angesehen hat, hast du ihn erkannt.

Gottes Handeln und Lieben geht menschlichem Handeln und Lieben voraus. Wäre er uns nicht so nahe gekommen (ohne uns dadurch in unserer Persönlichkeit und Intimsphäre zu verletzen), wir hätten von Gott nicht das Geringste erkannt. In Jesus Christus bekommt Gott ein Gesicht, wird erkennbar. Jesus Christus sagt: "Wenn ihr mich erkannt habt, dann werdet ihr auch meinen Vater erkennen." (Johannes 14,7). Das ist nicht nur Erkenntnistheorie. Das ist Anleitung zu erkennender, erfüllender Liebe. 

Jörg Niederer

Freitag, 28. November 2025

Schattensprünge

Ein Zitat

Früh morgens beim Bahnhof Frauenfeld reicht mein Schatten über den Lauf der Murg ans andere Ufer.
Foto © Jörg Niederer
"Kirche funktioniert in dogmatisch geheiligtem Schneckentempo... Willst du was bewegen? Bring Snacks. Viel Geduld. Und ein dickes Fell." Ina Jäckel, Pastorin

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Manchmal möchte ich schon da sein, wo mein Schatten bereits angekommen ist. Doch so einfach ist das nicht. Jeder Prozess, jeder Weg verlangt eine gewisse Anstrengung. Einmal komme ich leichter voran, dann ist es eine wirklich beschwerliche Reise.

Manchmal bin ich meinem Schatten auch schon weit voraus. Dann folgt er mir, lässt sich nicht abschütteln. Der Schatten hat kein Gewicht, ich muss ihn nicht hinter mir herschleppen oder vor mir herstossen. Aber er zieht mich leider auch nicht mit sich mit. Das ist gut, wenn es in die falsche Richtung gehen sollte. In die richtige Richtung könnte er mich schon etwas mehr unterstützen.

Als ich beobachtete, wie mein Schatten zum Zeitpunkt des Sonnenaufgangs mit Leichtigkeit auch den Wasserlauf der Murg überhüpfte, sagte ich mir: Da muss noch mehr gehen. Zum Beispiel könnte es ja sein, dass beim ersten Sonnenstrahl mein Schatten gar die 12 Kilometer weit entfernten Ufer des Neusiedlersees verbindet. Doch will ich wirklich über diese Distanz hoffnungslos hinter meinem Schatten zurückbleiben. Besser ich warte, bis sich die Sonne dem Zenit annähert, und meinen Schatten vom andern Ufer wieder zu mir zurück gleitet.

Als Gleichnis spricht der Schattenwurf in mein Leben hinein. Am Morgen früh gehen meine Pläne und Erwartungen weit in die Zukunft. Doch mit den Stunden werden die damit verbundenen Hoffnungen kleiner, bis sie beim Menschenmöglichen angekommen sind. Doch dann denke ich zurück an das, was auf diesem Weg gelungen oder misslungen ist. Ich drehe mich um, und sehe immer klarer, wie die Probleme wie Schatten anwachsen und dann glücklich im Sonnenuntergang flammend untergehen. Nun habe ich Ruhe, bis zum nächsten Morgen mit seinen neuen grossen Erwartungen.

Jörg Niederer

Sonntag, 23. November 2025

Aus dem Totenreich

Ein Zitat

Die Stadtpfarrkirche St. Johannes und die Liebfrauenkapelle auf dem Schlosshügel von Rapperswil.
Foto © Jörg Niederer
"Herr, mein Gott, dir will ich von Herzen danken und deinem Namen für immer die Ehre geben. Denn deine Güte übertrifft alles in meinem Leben. Du wirst mich aus dem Totenreich ziehen, ganz unten aus der Tiefe." Bibel: Psalm 86,12+13 

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Von der Errettung aus dem Totenreich, der Erlösung der armen Seelen aus dem Fegefeuer, davon sprach ein Geistlicher auf einem dieser religiösen Privatfernsehsendern. Was ich hörte, kam mir vor wie Worte eines esoterischen Telefonabzockers. Einmal mehr irritierte mich, was alles im Namen des Glaubens geglaubt wird.

Das Totenreich kann unserem Leben so nahe sein, so konkret, so furchtauslösend. Errettung aus dem tiefen Totenreich – dahinter stand für den Psalmdichter wohl eine existenzielle Krise, eine lebensbedrohliche Krankheit, eine scheinbar hoffnungslose Situation. Es sind Zeiten, in denen das Sterben Erlösung brächte. Doch dann ergreift Gott die Initiative, schenkt einen überraschenden Umschwung der Erfahrungen und Gedanken. Gottes Gnade steht gross über dem Menschen, der sich schon aufgegeben hat. Das heisst doch: Gott lässt dich nicht fallen. Gott, nicht irgend ein Heiler, zieht dich aus dem tiefen Totenreich.

Jörg Niederer

Mittwoch, 12. November 2025

Kirchliche Gartenzwerge

Ein Zitat

Gartenzwerge auf einem Altartisch in der Kirche Schübelbach.
Foto © Jörg Niederer
"Je kleiner der Garten, desto größer der Gartenzwerg." Brigitte Fuchs (*1951)

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Natur gab es gestern auf meiner methodistischen Kapellentour zwischen Pfäffikon SZ und Altenburg viel. Angefangen bei einem Trupp Grosser Brachvögel über viele Störche, Grau- und Silberreiher zu Möwen und Eichelhäher; auch Mäuse gab es und Toggenburger Ziegen, natürlich Kühe und noch mehr. Aber wirklich aussergewöhnlich waren die Gartenzwerge, diese Inbegriffe der Biederkeit, in der Kirche von Schübelbach (das einzige Gotteshaus übrigens, das am Weg lag und geöffnet war). Sie standen zuvorderst ganz Rechts im Kirchenschiff. Verteilt über die ganze Breite waren Bilder aufgestellt von Familienangehörigen, manche schon recht alt. Auf einem Foto war eine Vierfachhochzeit zu sehen. Auf anderen Männer in alten Uniformen. Und dann eben die beiden Gartenzwerge. Dem herzförmigen Ballon am Handgelenk des einen war schon länger das Gas entwichen. Fröhlich lachend eine Schnecke in der Hand standen sie da zwischen all dem Gold, Marmor und den vielen Heiligen. Da passten sie so gar nicht hin. Es sei denn, wie ich auf der Webseite der Kirchgemeinde entdecken konnte, als Beitrag zu einem Familiengottesdienst. Ob sie wohl die Lieblings-Gartenzwerge eines lieben verstorbenen Angehörigen waren? Ob sie nach dem Kirchenbesuch wieder irgendwo in einem "gepützelten" Garten ihren bürgerlichen Dienst verrichten werden? Oder landen sie gar im Pfarrgarten?

So aussergewöhnlich die Gartenzwerge in der Kirche waren, so besonders war auch das Wetter. Die Sonne beschien mich den ganzen Tag von der Seite. Das Gehen ging im Herbstlicht wie von allein.

Wie schön, dass ich mich selbständig bewegen kann, nicht so wie Gartenzwerge. Auch muss ich nicht ständig an einem Platz stehen, bis mich jemand entführt oder auch nur umstellt.

Aktuell sind es nur noch 20 Kilometer bis zur nächsten methodistischen Kapelle in Glarus. Der Zürichsee und die Pfnüselküste liegen hinter mir. Es geht also voran.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. Oktober 2025

Letztes Sonnenlicht

Ein Zitat

Von der Abendsonne erleuchtet Blüten der Färber-Hundskamille in einer Buntbrache
Foto © Jörg Niederer
"Die Kraft, das Weh im Leib zu stillen, / verlieh der Schöpfer den Kamillen.
Sie blühn und warten unverzagt / auf jemand, den das Bauchweh plagt.
Der Mensch jedoch in seiner Pein / glaubt nicht an das, was allgemein
zu haben ist. Er schreit nach Pillen. / Verschont mich, sagt er, mit Kamillen,
um Gotteswillen!" Karl-Heinrich Waggerl (1897-1973)

Hingesehen

Danach sehnt man sich im Mittelland in diesen Tagen: nach Sonnenschein. Auch die letzten Färber-Hundskamille in der Buntbrache bei der Zuckerfabrik Frauenfeld strecken ihre Blüten dem Licht entgegen. Nach dem gestrigen düsteren Regentag erhoffe auch ich mir heute deutlich mehr Sonnensichtung. Ich will wieder einmal der Geschichte "meiner" Kirche folgen. Los geht es im Raum Zürich. Mehr dann in einem späteren Blogbeitrag.

Jörg Niederer

Freitag, 26. September 2025

Lost Church

Ein Zitat

Laserkopie eines Polaroid-Dias, mit zwei toten Schmetterlingen in der unbenutzten Kapelle von Gontenschwil.
Foto © Jörg Niederer
"Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte." Gustav Heinemann (1899-1976)

Hingesehen

Es war im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends, als ich im aargauischen Reinach auf eine Pfarrstelle kam. Damals gab es vier Kapellen der Evangelisch-methodistischen Kirche, die zu dieser Anstellung gehörten. In drei wurde noch gepredigt, eine Kapelle, die in Gontenschwil, wurde nicht mehr verwendet. Als ich sie besuchte, war es ein Lost Place, oder besser, eine Lost Church.

Dann versuchten wir, dort einen offenen Jugendtreff zu etablieren. Schulklassen bemalten die Innenwände, ein- bis zweimal pro Woche war die Kapelle am Abend geöffnet, drinnen konnte man Badminton spielen es gab kleine Feste und sogar noch einmal einen Gottesdienst.

Bevor aber all das geschah, habe ich Polaroidfotos aufgenommen, die eindrücklich eine vergangene Zeit in dieser Kapelle festgehalten haben. Aus dieser Serie ist der hier wiedergegebene Abzug. Er zeigt die Überreste zweier Tagpfauenaugen, wohl erbeutet von einer Spinne, die auch schon längst nicht mehr da ist. Mit den gemachten Bildern fand dann auch eine kleine Ausstellung statt. Das hier abgebildete Foto war betitelt mit den Worten. "In guten wie schlechten Zeiten".

Der Jugendtreff hatte nicht lange Bestand. Grund waren die sanitären Bedingungen. Die Kirche war nicht an die Kanalisation angeschlossen, und die Klärgrube war undicht. Aber entscheidend für das Ende des kurzeitigen neuen Lebens an diesem Ort waren die Einsprachen der Nachbarschaft.

Wie so viele ausgediente Kapellen wurde auch diese verkauft und umgenutzt. Heute ist sie ein Wohnhaus. Auf Satellitenaufnahmen ist zu erkennen, dass sogar eine Solaranlage das Dach ziert. Wer hätte das vor 30 Jahren wohl erahnt?

Jörg Niederer

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