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Donnerstag, 4. Juni 2026

Seit 500 Jahren Neuling

Ein Zitat

Kleiner Ausschnitt aus der Dolde der Fremden Pimpinelle.
Foto © Jörg Niederer
"… nur, idem man sich über das Bekannte völlig verständigt hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten." Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Entdeckt

Wie lange ist ein Mensch Fremder am Ort seiner Immigration? Ab der 2. Generation sprechen wir von Secondos. Die 3. Generation wird oft immer noch nicht als Einheimisch angesehen, selbst wenn sie durch ihre eingebürgerten Eltern als Schweizer:innen zu Welt gekommen sind.

Bei Pflanzen kann der Zeitraum, in der sie als Neulinge gelten, noch viel länger dauern. So ist die ursprünglich aus Nordamerika stammende Fremde Pimpinelle vor 500 Jahren in Europa eingeschleppt worden, und gilt immer noch als Neophyt. Lateinisch wird sie Pimpinella peregrina genannt. Wurzeln und Blätter haben einen würzigen, leicht brennenden Geschmack. Daher wohl auch der Name Pimpinella, denn Piper ist das lateinische Wort für Pfeffer. Peregrina meint den/die Fremde:n, den/die Pilger:in.

So gesehen bleibt dieses Doldengewächs eine fremde Pflanze, eine ewige Pilgerin in Europa.

Jörg Niederer

Sonntag, 16. November 2025

Nomadenehre

Ein Zitat

Wegkreuz im Gegenlicht der Sonne bei der Kapelle Sankt Johann (Altendorf).
Foto © Jörg Niederer
"Aber die Männer von Sodom riefen: 'Verschwinde! Ausgerechnet du als Fremder spielst dich hier zum Richter auf!'" Bibel, 1. Mose 19,9

Hingesehen

Die Gerichtsvollstrecker über Sodom und Gomorra treffen in der Stadt ein und werden als Fremde von Lot willkommen geheissen (Siehe 1. Mose 19,1-14!). In der Stadt gilt er selbst als Zugezogener und Fremder. Wie Abraham steht er in der Tradition der Nomaden. Gastfreundschaft ist ihm heilig. Wie heilig sie ihm ist, sieht man daran, dass er eher seine beiden Töchter als die beiden Fremden dem Mob ausliefert. Lot setzt sich unter Einsatz seines Lebens für die beiden Gottesboten ein. Er nimmt in Kauf, dass sich nun der ganze Hass der Stadtbewohner auf ihn entlädt. Er, der Fremde, findet den Mut, das richtige für die Fremden zu tun. Er ist einer der Gerechten in Sodom.

Nomaden leben in Zelten. Das einzige Türschloss ist die Achtung vor dem andern. Sesshafte leben in Häusern aus Stein, hinter massiven Türen mit Sicherheitsschlössern. Je grösser der Besitz ist, desto ausgeklügelter die Alarmanlage.

Der eigentliche Reichtum Abrahams und Lots war die Gastfreundschaft. Kein Fremder war versucht oder gezwungen sich das Eigentum Lots oder Abrahams zu stehlen. Die beiden Männer waren bereit, alles zu geben für die Gäste in ihrer Mitte. 

Liegt es daran, dass Fremde bei uns ein so schlechtes Image haben, weil wir vom Lebensgefühl her eher Bewohner von Steinhäusern, von Sodom und Gomorra sind? Unsere massiven Türen haben Schlösser. Nicht um die Fremden von innen zu schützen, sondern um sie auszuschliessen. Unser Eigentum ist uns heiliger als der Mensch, der nicht zu unserer Sippe und unserem Land gehört. Aber was wäre wohl, wenn die Fremden und Asylsuchenden zu uns kommen, um uns Gottes Gericht über unsere egoistische Lebensweise anzusagen?

Jörg Niederer

Sonntag, 26. Oktober 2025

Ein ungebetener Gast

Ein Zitat

Weihnachtsprojektionen eines Gastes auf eine Tür in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Abraham sagte: 'Mein Herr, wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, dann geh nicht hier vorüber. Ich stehe dir zu Diensten'." Bibel, 1. Mose 18,3

Hingesehen

Drei wildfremde Menschen stehen vor dem Zelt Abrahams. Er kennt sie nicht. Doch er lädt sich sogleich zum Essen ein. Das ist orientalische Gastfreundschaft.

Ich stelle mir vor, wie ich, ein Schweizer, in der Wohnung sitze. Da klingelt es. "Ja", frage ich durch die Gegensprechanlage. Jemand fragt im gebrochenen Deutsch, ob er mit mir sprechen dürfe. Ich bin misstrauisch. Was will denn der? Warum läutet er bei mir?

Ich überwinde mein Misstrauen und öffne. Nun steht er vor der offenen Wohnungstür. Kein Hausierer, kein Bettler. Und doch weiss ich nicht recht, ob ich ihn hereinbitten will.

"Was möchten Sie?" frage ich ihn. "Nur mit Ihnen reden und einen Kaffee trinken", antwortet er. "Sie wollen mit mir meinen Kaffee trinken, an meinem Tisch sitzen, und auf Kosten von meiner Zeit mit mir reden." Nun müsste er merken, dass ich nicht begeistert bin. "Sie sind nicht etwa von den Zeugen Jehovas?" frage ich ihn. Er schweigt. Er hat verstanden. Bei uns steht nicht jedem X-beliebigen die Tür offen. Bei uns kann man nicht einfach so kommen. Bei uns sind Gäste willkommen – nach Voranmeldung und mit gültigen Ausweispapieren. Ich schliesse die Wohnungstür. Ich bin froh, dass er von alleine wieder gegangen ist.

Was wäre, wenn Abraham derart seinen Besuch weggewiesen hätte? Er hätte die Ankündigung seines Lebens verpasst. Es sind manchmal Fremde, die dir das Wichtigste im Leben sagen. Wie heisst es doch im Hebräerbrief 13,2: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen."

Jörg Niederer

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