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Donnerstag, 22. Januar 2026

Auf in den Nebel

Ein Zitat

Der Fruchtstand einer Waldrebe wurde vom Raureif in ein vergängliches Glitzerwunder verwandelt.
Fotos © Jörg Niederer
"Jeglicher Zauber geht verloren, wenn du versuchst, ihn einzufangen." Helga Schäferling (*1957)

Hingesehen

Aus dem Zugfenster sehen wir eine sonnige Winterzauberlandschaft. An uns vorbei ziehen mit Raureif behangene weissgefärbte Bäume auf grünen Wiesen. Dann wendet sich die Fahrt dem Ausgangspunkt der Wanderung zu. In Affoltern am Albis ist von der Pracht noch eine Ahnung übriggeblieben. Die Sonne schafft es gerade noch so, einen kaum wahrnehmbaren Schatten zu werfen. Kurz steigen wir im Wald auf eine kleine Anhöhe nahe Ottenbach, dann geht es hinunter zur Reuss in eine Nebelsuppe, die wir nur zu gut von unserem Wohnort her kennen. Von nun an ist es eine Wanderung voller Überraschungen. Was wird wohl als Nächstes schemenhaft auftauchen und wieder verschwinden? Entlang des Flusses sind wir fast allein. Es ist still bei einem der 30 Naturschutzgebiete entlang der Reuss.

Für einmal ist das Weiterwandern auf der Kapellentour kein Aufstieg ins Licht, sondern ein Abstieg in den Nebel. Wer nur hat diese Strecke für diesen Tag ausgesucht?

Ein Vorteil gibt es aber: Wir sind umgeben von Raureif. Die Eiskristalle verzaubern uns und alles, lassen die kleiderdurchdringende Kälte immer einmal wieder vergessen. Ein Storch fliegt in vielleicht 20 Meter Höhe direkt über uns hinweg. Ein Trupp Schwanzmeisen zwitschert mit den Wintergoldhähnchen um die Wette. Enten fliegen, überrascht von den Schritten der einsam Wandernden, auf die gegenüberliegende Flussseite.

Es ist eine Reise vom Kanton Zürich in den Kanton Aargau. Es ist eine Reise nach innen.

Jörg Niederer

Sonntag, 28. Dezember 2025

Poesiebaum

Ein Zitat

Ein raureifbehangener Baum wie ein Stillleben der Natur. Glitzer der Sonne verfängt sich in seinen Ästen.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist Zeit, dass man weiss! Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt, / dass der Unrast ein Herz schlägt. / Es ist Zeit, dass es Zeit wird, / Es ist Zeit." Paul Celan

Hingesehen

Seit einigen Tagen zum ersten Mal hat sich die Nebeldecke gelichtet. Die Sonne wirft Schatten in die schneefreien Strassenzüge. Da und dort ereignet sich Blendwerk.

Ich erinnere mich zurück an die Wanderung an die Sonne vor einigen Tagen. Dort, am Waldrand verwandelte die fahle Sonnenscheibe einen raureifbehangen Baum in Poesie. Was wird mir das Erschaffene heute werden?

Jörg Niederer

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Sonne gefunden

Ein Zitat

Eine Hecke bei Vorder-Guldenen im Zwielicht von Nebel und Sonne.
Foto © Jörg Niederer
"Wegen Nebel muss kein Vorhaben ausfallen." Redensart, bei der "Nebel" für einen "undurchsichtigen Grund" steht. 

Hingesehen

Der Spannungsbereich von Neben und Sonne ist immer wieder gut für herzerwärmende Augenblicke. Meine Tour von Kapelle zu Alterszentrum zu Kinderkrippe zu Spital zu Freizeithaus zu Kapelle, alle mit methodistischem Hintergrund, führt mich immer wieder an Orte und in Wetterumstände, die ich sonst wohl nicht entdecken würde. So auch am vergangenen Montag, als unser Weg – meine Frau begleitete mich auf diesem Abschnitt – von Egg über Vorder-und Hinter-Guldenen mit seinen wunderbaren Rietflächen und Waldlichtungen via Mülitobel hinunter ins Küsnachter Tobel und zur Bethesda Altersresidenz in Itschnach führte. Da oben auf Vorder-Guldenen stellte sich das ein, was wir nebelgeplagten Mittelländer:innen uns erhofften. Auf knapp 800 Höhenmeter erlebten wir, wie der Nebel, geblendet vom Sonnenlicht, erst einmal noch undurchdringlicher wurde. Doch dann – über uns blauer Himmel. Am Boden huschte der Schatten im Wandertempo. Warm wurde es uns für diese Viertelstunde, in der wir immer wieder ins Zwielicht von Nebel und Sonne gerieten. Nur kurz war dieses Gipfelerlebnis. Im Wald dann regneten die Bäume ihren Raureif und einige kleine Eiszapfen ab. So wurden wir nass in heiterem, nebeldiffusem Licht. Neben uns plätscherte und rauschte der Mülibach, ein Wasseramselpaar putzte sein Gefieder und weitere Vögel zwitscherten einander ihre Geschichten zu.

Jörg Niederer

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