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Freitag, 14. August 2026

Das Vertriebsnetz

Ein Zitat

Einstige Predigtorte der Methodist:innen: Oben: Gehöft Ober Altenei. Unten: Bauernbetrieb Aspi.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir vergehen wie Rauch von starken Winden." Andreas Gryphius (1616-1664)

Entdeckt

Der bequeme Weg von Langnau nach Signau folgt den Flussläufen von Ilfis und Emme. Der unbequeme Weg dagegen führt auf direkterem Weg über die Emmentaler Hügel. Dabei kommt man an vielen Gehöften und Heimetli vorbei. Noch in Sichtweite von Langnau, 150 bis 200 Höhenmeter über der Talsohle, trafen sich einst Methodist:innen zu ihren Gottesdiensten in Bauernhöfen. Luftlinie sind diese Orte nur zwei, drei Kilometer von der "Mutterkirche" in Langnau entfernt. Von Langnau aus betreute die Pfarrperson auch die "Aussenstationen".

Man kann sich fragen, ob ein so dichtes Netzt an Predigtplätzen Sinn macht. Es scheint zumindest ein Bedürfnis gewesen zu sein, sonst hätte es diese abgelegenen Predigtplätze nicht gegeben. Vermutlich hätte man ohne sie viele Bauernfamilien an ihren schwer zugänglichen Orten nicht erreicht. Auch ist zu vermuten, dass solche Predigtplätze in Privathäusern auch von anderen Freikirchen im Emmental unterhalten wurden. Zumindest die Täufer trafen sich oft in abgelegenen Weilern.

1987 wurden die beiden methodistischen Predigtstandorte Altenei und Aspi aufgegeben. Das hat wohl vielfältige Ursachen gehabt. Zu vermuten ist, dass es auch im Emmental zu einer verstärkten Entfremdung der Bevölkerung von freikirchlicher Zugehörigkeit gekommen ist. Weiter wurden an vielen Orten die Wege wintersicher ausgebaut und damit die Mobilität erhöht. Auch die Grossfamilien auf den Bauernhöfen verschwanden, was das Transportproblem deutlich verringerte. Vielleicht wollte man die Pfarrpersonen entlasten. Weiter vermutet werden kann, dass das Gemeinschaftserlebnis vermehrt in Gottesdiensten mit höherer Beteiligung gesucht wurde.

Die negativen Folgen dieser Strukturbereinigung: Nähe zu und Einfluss auf die Menschen schwanden dahin. An manchen Orten sosehr, dass innerhalb von 30, 40 Jahren von der einst blühenden und vielfältigen Arbeit nur noch wenige Baudenkmäler übriggeblieben ist. So etwa auf dem kirchlichen Arbeitsfeld um Signau herum. Dazu später mehr in diesem Blog.

Der Niedergang erfolgte schleichend und unaufhaltsam. Das Alte ist vergangen, das Neue zeigt sich aktuell noch nicht.

Jörg Niederer

Dienstag, 11. August 2026

Tempi Passati

Ein Zitat

"Wie traurig. Eine Hälfte der Welt glaubt nicht an Gott, die andere nicht an mich." Oscar Wilde (1854-1900)

Entdeckt

Oben: Das Lindenzytli in Hettiswil. Unten: Das Primarschulhaus von Hettiswil
Fotos © Jörg Niederer

Hettiswil ist ein kleines Dorf, südöstlich von Hindelbank. Wer hindurch wandert, steht irgendeinmal vor dem Lindenzytli. Der kleine Turm mit Uhr fällt auf. Seine Glocke erinnert an eine Zeit, die vor 900 Jahren begann, und in der Reformation endete, als hier ein kleines Cluniazenserpriorat stand. Nie lebten mehr als drei Mönche an diesem Ort. Heute ist nichts mehr von diesem "Gotzhus Hettiswil" zu sehen. Zwar fand die Glocke des Klosters, die vorübergehend in Solothurn ruhte, wieder als Feuerglocke ins Dorf zurück. Damit sie gut hörbar war, wurde das Lindenzytli im Dorfkern errichtet. Doch da die Glocke zersprang, ersetzte man sie durch eine neue. Auch das Lindenzytli steht nicht mehr da, wo es ursprünglich hingebaut worden war. Aufgrund des Verkehrs verschob man es zwischen 1950-1954 um zwei Meter. Heute ist das Lindenzytli Wahrzeichen von Hettiswil, und erinnert noch ein wenig an das verflossene Kloster.

All das ist Tempi Passati. Genauso, wie die Sonntagschule der Evangelisch-methodistischen Kirche im Primarschulhaus Hettiswil. Sie bestand bis 1981 als Teil der Arbeit des Kirchenbezirks Burgdorf. Sonntagschulen wurden an vielen Standorten in Schulhäusern abgehalten. Methodistische Kirchen brachten diese Form der sonntäglichen Kinderunterweisung überhaupt erst in die Schweiz. Schulen als Standorte waren ideal geeignet, kannten die Kinder doch schon den Ort und fühlten sich dort wohl. Offensichtlich entsprach dieses Angebot auch dem Bedürfnis jener Zeit. Sonntagschulen mit 100 Kindern und mehr gab es zum Beispiel in Strengelbach und an vielen anderen Orten. In meiner Anfangszeit erlebte ich noch Sonntagschulweihnachtsfeiern in einem dieser Landschulhäusern.

Heute ist es kaum möglich, als Freikirche ein solches Angebot im Schulhaus anzubieten. Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen sind religiös diverser unterwegs, wollen nicht, dass ihre Kinder in irgend einer ihnen nicht vertrauten Weise indoktriniert werden. Ein berechtigtes Anliegen. Also werden Schulräume kaum noch an Kirchen und Gemeinschaften vermietet. Selbst die Werbung an Schulen für die beliebten Kinderwochen, auch wenn die Landeskirchen beteiligt sind, wird nicht mehr gern gesehen.

So kann man nicht nur in Hettiswil sagen: Sonntagschulen in Schulhäusern sind wie das Kloster Hettiswil: Vergangenheit. Tempi Passati.

Jörg Niederer

Montag, 3. August 2026

Glockengeschichten

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Oben: Die einstige, methodistische Kapelle ist heute ein Wohnhaus. Unten: Methodist:innen feierten einst auch im Kirchlein von Rüti bei Lyssach.
Fotos © Jörg Niederer

"Im taussd sib hundert eilfften Jahr / ich ganz von new gegossen war, / weil d'Kilchen-Gmeind ersetzen wollte / das von den Dieben Weggeholte. / Das[s] zu dem Wort ich ruffte fein, / wolt ich größer gegossen sein."
Inschrift aufgrund der durch Diebstahl ersetzten Glocke im Kirchlein Rüti.

Entdeckt

Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Jegenstorf wurde bis 1993 gottesdienstlich genutzt. Sie gehörte zum EMK-Bezirk Burgdorf. Heute wohnen im Haus, dem man nicht auf den ersten Blick die Kapelle ansieht, drei Mietparteien. Nach wie vor gehört das Gebäude mit Umschwung der EMK.

Ganz anders sieht es mit dem Kirchlein in Rüti bei Wyssachen aus, das auf halbem Weg zwischen Burgdorf und Jegenstorf liegt. Auch dort versammelten sich die Methodist:innen bis zum Jahr 1994. Das reformierte Gotteshaus sieht auf eine lange Geschichte zurück, die Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts begann. In der Reformation ging das Gotteshaus in die Hände der Neugläubigen über und wurde von Pfarrhelfern aus Burgdorf bis ins Jahr 1938 betreut. Heute gehört das Kirchlein zur Seelsorgeeinheit Kirchberg.

Auch das gibt es also, dass Methodist:innen sich in Gotteshäusern anderer Konfessionen versammelten.

Beim Kirchlein gibt es Geschichten zu den beiden Glocken, die bis heute von Hand geläutet werden. So stürzten 1666 die beiden Glocken in Folge eines Blitzeinschlags ab, nahmen dabei aber keinen Schaden. Dann, im Jahr 1711, wurde gar eine Glocke aus dem Kirchturm gestohlen. Vielleicht hat sich jemand am lauten Glockenschlag gestört. Das soll es ja auch heute geben. Genutzt hätte es ihm oder ihr wenig, wurde doch das entwendete Geläut durch eine grösseres Glocke ersetzt.

Im Jahr 1711 war dann auch noch eine in heutiger heissen Zeit hilfreiche Erfindung zu verzeichnen. Johann Justus Partels, ein in Deutschland lebender Ingenieursoffizier baute den ersten Wetterkasten, auch Luftpumpe genannt. Wir nennen diese heute nicht wegzudenkende Erfindung Ventilator.

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Weg geht nie aus

Ein Zitat

Das Schloss Burgdorf
Foto © Jörg Niederer
"Man muss nur hübsch alt werden: dann gibt sich alles." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Entdeckt

In den letzten viereinhalb Monaten ist meine Weg auf der Kapellentour bis Burgdorf weitergegangen. Seit Projektstart am 28. Oktober sind 541 Kilometer und 13'000 Höhenmeter zusammengekommen. Ich bin dabei an 39 von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) aktiv genutzten Liegenschaften vorbeigekommen. Weitere 27 aufgegebene Standort habe ich so nebenher auch noch besucht.

Die weitere Planung führt mich nun auf 238 Kilometern via Jegenstorf, Hindelbank, Langnau i. E., Signau, Worb, Belp, Wabern, Bern, Lyss, Aarberg, Täuffelen, Neuchâtel und Saint-Imier nach Biel.

Mit Neuchâtel werde ich mein westlichstes Tourenziel erreichen. Danach geht es wieder mehrheitlich ostwärts, und irgendeinmal werde ich dann erneut in Zürich landen.

Solche Reisen über lange Distanzen und mit gesteckten Zielen führen immer zu einem Problem: Irgendeinmal sind sie abgeschlossen. Was wird dann kommen? Nun, da wären noch einige Kapellen und Standorte der EMK im Berner Oberland. Und danach könnte der süddeutsche Raum folgen, oder auch Österreich, Ungarn, usw.

Der Weg wird mir nie ausgehen. Solange die Beine tragen, geht es in meinem Leben immer auch wieder zu Fuss weiter.

Jörg Niederer

Mittwoch, 29. Juli 2026

Fertig "Frauen auf der Kanzel"

Ein Zitat

Die Kapelle der ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf in ihrem Milieu hinter dem Kino und nahe am Bahnhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Wer es auf sich nimmt, Menschen zu führen, soll sich vorbereiten, dafür Rechenschaft abzulegen." Benediktsregel

Entdeckt

Ist das jetzt ein Fortschritt oder ein Rückschritt. Da wo in Burgdorf die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) steht, trifft sich neuerdings die "Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz". Wer im Internet nach der EMK Burgdorf sucht, landet auf der Webseite der EMK Breitenegg (siehe Beitrag vom 27. Juli 2026). Zwar findet man noch auf Allianzseiten die folgende Beschreibung: "Die Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf ist eine lebendige Gemeinde, die sich seit über 150 Jahren im Bahnhofquartier entwickelt hat. Basierend auf methodistischen Grundlagen bietet sie eine offene Kirche und Gastfreundschaft für Menschen jeden Alters. Die Gemeinde ist Teil der weltweiten United Methodist Church und verfolgt das Motto 'Gottes offenes Wohnzimmer'." Doch das ist Vergangenheit. Am 10. Mai 2026 (Siehe Bericht in D'Region Burgdorf!) feierte die Gemeinde nach 138 Jahren Präsenz in Burgdorf ihren letzten Gottesdienst. Nun, ganz fertig ist es nicht. Das "SamschtigZmorge", ein soziales Angebot, bei dem Deutsch gelernt und gemeinsam gefrühstückt wird, findet weiterhin statt. Initiiert wurde dieser Treffpunkt, der gerne von Migrant:innen besucht wird, von der pensionierten Pfarrerin Annemarie Studer. Auch dafür erhielt sie 2021 den Sozialpreis der Stadt Burgdorf verliehen (Siehe Beitrag vom 6. November 2021). Auch nach der Beendigung der EMK-Gemeindearbeit in Burgdorf ist sie weiter Ansprechperson für dieses Angebot.

Zurück zur Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz. Relinfo schreibt: "Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz LBKS wurde im Jahr 2012 in Burgdorf BE begründet von Personen südamerikanischer, spanischer und schweizerischer Herkunft … Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz vertritt einen altlutherischen Glauben mit betont liturgischer Ausrichtung und Ablehnung von theologischem Rationalismus und Frauenordination."

Auch wenn sich verschiedene Konfessionen im gemeinsamen Glauben an Christus verbunden wissen, so ist das schon eine andere Welt, die sich nun in der Johanneskapelle der einstigen EMK trifft. Besonders auffällig ist der Hinweis zur Frauenordination. Dass Frauen als Pfarrerinnen arbeiten, ist in der EMK gang und gäbe und seit vielen Jahren keine Frage mehr. Das sieht man ja auch an der immer noch in Burgdorf wirkenden EMK-Pfarrerin Annemarie Studer. 

Zu meiner Eingangsfrage nach Fortschritt oder Rückschritt: Ich empfinde es als Rückschritt, wenn an einem Ort, an dem viele Jahrzehnte auch ordinierte Frauen predigten, dies nun nicht mehr der Fall sein wird.

Jörg Niederer

Montag, 27. Juli 2026

Die Kapelle und der Glungge-Hof

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Die Kapelle der Evangelisch-methodistische Kirche in Breitenegg gibt es seit 1924.
Fotos © Jörg Niederer

"Auf unseren gemeinsamen Weg als Bezirk Breitenegg freue ich mich und danke Euch herzlich für jegliche Unterstützung."
Thomas Lerch, neuer Gemeindemitarbeiter auf dem Bezirk Breitenegg

Entdeckt

Es gibt Orte, da wundert man sich, dass hier eine Freikirche zu finden ist, während andernorts diese ihre Tore schliessen musste. So geschehen auf dem evangelisch-methodistischen Kirchenbezirk Burgdorf-Breitenegg. In Burgdorf beendeten kürzlich die Methodist:innen ihre kirchliche Präsenz, während sie im kleinen Emmentaler Weiler Breitenegg auch nach 102 Jahren weiter wirken. Gestern war ich zum ersten Mal an diesem abgelegenen Ort im Emmental. Bis zur nächsten Busstation geht es 1,9 Kilometer weit und 125 Höhenmeter hinunter ins Önztal. Wer hier lebt, ist motorisiert. Vor der Kapelle stehen mehrere Autos, einige ohne Nummernschilder. Hinter der Kapelle, direkt in der Verlängerung am Haupteingang vorbei, ist ein Schwimmbassin für Kinder aufgestellt. Sitzgelegenheiten stehen etwas unordentlich beim Eingang herum. Es gibt ein Untergeschoss mit Gemeinderäumen. Die Kapelle war bei meinem Besuch verschlossen. Im ersten Stock standen die Fenster offen. Einen Moment lang sah ich dort eine Frau und grüsste. Das musste sie vertrieben haben. Wunderte sie sich über diesen neugierigen unbekannten Mann, der da Fotos von der Kapelle und sich machte?

Die Kapelle ist, so lese ich in einer Broschüre über das Dorf, auch das Übungslokal des Posaunenchors Rüedisbach, ein Allianzmusikverein. Weiter steht in der Broschüre, dass sich die Gläubigen der Evangelischen Gemeinschaft, einer Vorläuferkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), schon vor dem Kapellenbau in den Bauernhöfen Mutzgraben, auf der Heidenstatt und im Äusseren Grütt getroffen haben.

Zur Methodistenkirche Breitenegg zählen heute 38 Mitglieder. Hinzu kommt ein noch einmal so zahlreicher Freundeskreis, und etwa 25 Kinder.

Die Jungschar dort nennt sich Glungge und zählt aktuell 32 Personen. Mit dem Namen knüpft diese Jugendarbeit an verfilmte Werke von Jeremias Gotthelf an. Die Filme "Ueli der Knecht" und "Ueli der Pächter" wurden denn auch in einem imposante Bauernhaus aus dem Jahr 1681 im nahe gelegenen Weiler Brechershäusern gedreht. Seither wird besagtes Bauernhaus auch namentlich mit der Glungge aus den Büchern Gotthelfs gleichgesetzt.

Auf dieser Etappe der Kapellentour kamen wir nicht nur an der Methodistenkirche Breitenegg, sondern auch am Glungge-Bauernhof vorbei. Noch weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in dieser Gegend. Dazu später mehr.

Was mir auffällt. Die mir bekannten und eher abgelegenen Versammlungsorte der Methodist:innen haben gut in der Gesellschaft integrierte Jungscharen. Oft wird von der offiziellen, politischen Gemeinde auf dieses Angebot hingewiesen. Weiter sind eine grössere Zahl der Kirchgemeindeglieder in der Landwirtschaft tätig und stark familiär verbunden. Vermutlich ist das auch so in der EMK Breitenegg.

Von Breitenegg wird mich die geplante Wanderroute nach Burgdorf führen. Dazu später mehr.

Jörg Niederer

Mittwoch, 22. Juli 2026

Die Predigten im Heimet Zimmerhus

Ein Zitat

Oben. Das Zimmerhus ist ein schönes Emmentaler Heimet ob Griesbach. Unten. Das Harmonium steht immer noch im einstigen Gottesdienstraum des Zimmerhus'.
Fotos © Jörg Niederer
"sapere aude / incipe. / Wage es, weise zu sein, fange an!" Horaz (65 - 8 v. Chr.)

Entdeckt

Ernst und Heidi wahren ihr Leben lang Kleinbäuerin und Kleinbauer im Heimet Zimmerhus. Das Land reichte nicht, um von der Milchwirtschaft zu leben. So stellten die beiden den Betrieb in den Emmentaler Hügeln ob Griesbach bald schon auf die weniger aufwändige Muttertierhaltung um. Ernst arbeitete nebenher als Fahrer für verschiedene Unternehmen. Heidi, eine gebürtige Berner Oberländerin, schaute tagsüber zu Hof und Kindern. An den Abenden und Wochenenden versorgte Ernst die Tiere mit und bestellte das Feld.

Ich lernte die Familie kennen, als ich 1985 meine Pfarrstelle auf dem Bezirk Huttwil antrat. Es war der Vater von Ernst, der in einem Zimmer dieses Bauernhauses mit christlichen Versammlungen begann. Das Harmonium steht noch heute im Andachtsraum, den man über eine steile Treppe erreich. Dort fanden die methodistischen Gottesdienste statt. Die Menschen kamen aus der direkten Umgebung, aus den benachbarten Höfen. Es ging familiär zu und her.

Am letzten Montag besuchten meine Frau und ich die beiden betagten Leute auf unserer Kapellentour-Etappe von Wasen i. E. nach Affoltern i. E. Wir kamen zur ungünstigen Mittagszeit an. Das Essen war fertig, es wurde Besuch erwartet, und da sich dieser Besuch um eine Stunde verspäten würde, mussten wir uns mit Händen und Füssen dagegen wehren, dass uns nicht deren Essen vorgesetzt wurde. Die Stunde mit Heidi und Ernst verging im Flug. Viele Erinnerungen an Menschen und Situationen mussten besprochen werden. Damals kam ich meist mit der Bahn von Huttwil nach Griesbach, um dann mit dem Fahrrad die rund hundert Höhenmeter durch ein Wäldchen hinauf zum Zimmerhus zu bewältigen. Das reichte, um oben schweisstriefend anzukommen. So wechselte ich jeweils vor dem Gottesdienst oder der Bibelstunde die Kleider. Letztere fand jeweils in der Stube der Familie statt. Es kam vor, dass ich nachts im Wäldchen die Hand nicht vor den Augen sah. Da half das Dynamolicht am Fahrrad auch nicht viel weiter. Im Winter war ich mit Spicks an den Fahrradreifen unterwegs auf den eisigen Strassen. Auch schon musste ich mich durch hohe Schneeverwehungen hinauf zum Zimmerhus kämpfen. Dass ich zwei der drei Jahre den Dienst auf dem Bezirk Huttwil ohne Auto versah, führte immer wieder dazu, dass Heidi und Ernst sich für ihr Autofahren entschuldigten. Dass sie an diesem Ort nicht ohne Auto auskommen, konnte ich absolut verstehen, doch es gelang mir nicht, sie davon abzuhalten, ihr motorisiertes Unterwegssein immer wieder zum Thema zu machen. Heidi fährt auch heute noch Auto, Ernst musste es wegen einer Augenerkrankung aufgeben.

Ich weiss nicht mehr genau, ob die Gottesdienste im Zimmerhus während meiner Zeit aufgegeben wurden, oder ob es erst kurz nach meinem Weggang geschehen ist. So nebenbei bemerkte Heidi, dass ihren Kindern die Gottesdienste vor Ort nicht gut getan hätten, ohne dies näher zu erklären. Es war wohl der Erwartungsdruck, Dabeisein zu müssen; aber was weiss ich schon. Längst wird der einstige Gottesdienstraum anderweitig genutzt. Ein Hometrainer steht dort. An der Wand hängen Bilder des einen Sohns, der Kunst studierte und heute Lehrer ist. Auf der Treppe zum ehemaligen Andachtsraum hängen die Fotos der zehn Grosskinder.

Bald schon könnte das Heimet in die Hände von entfernten Verwandten übergehen. Was das dann mit Ernst machen wird, wenn er wegziehen muss, er, der ein Leben lang an diesem Ort wohnte, davon 56 Jahre mit Heidi zusammen? Ich denke daran, wie er gleich kurz nach der Begrüssung lachend meinte, er werde wohl bald sterben. Die Nieren könnten den Dienst versagen. An die Dialyse wolle er nicht, er habe ein langes, gutes Leben gehabt.

Dann kommt, nach unserem unerwarteten, auch der erwarte Besuch und wir verabschieden uns von den beiden mit einem "auf Wiedersehn". Ob es dazu noch einmal auf dieser Erde kommen wird?

Die Weiteren Beiträge zum methodistischen Bezirk Huttwil: Zu Huttwil und Neuligen; zu Rohrbach: zu Wasen i. E.!

Jörg Niederer

Dienstag, 21. Juli 2026

Der falsche und der richtige Ort

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Im Vereinshaus Gmünden versammelten sich einst die Methodist:innen von Wasen i. Emmental. Heute nennt man das Haus "Kirchenstübli". Es liegt direkt neben der Reformierten Kirche.
Fotos © Jörg Niederer

"Das Fussgehn ist gewiss die angenehmste Art zu reisen. Man geniesst die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen..."
Adolph Knigge (1752-1796)

Entdeckt

Ich war gestern wieder unterwegs auf meiner Kapellentour.

Das hat man nun davon. Selbst leitete ich in Wasen i. Emmental keine Gottesdienste mehr der Evangelisch-methodistischen Kirche. Diese endeten im Jahr 1982 und ich trat meine Stelle erst 1985 an. So führte mich meine Recherche zuhause vor Ort an eine total falsche Stelle. Da Methodisten ja immer auch in Wohnhäusern zusammenkamen, fotografierte ich voller Freude ein etwas verstecktes Haus beim Gasthof Rössli. Da erkundigte sich der Bewohner besagten Hauses, ob ich das Rössli kaufen wolle, und stellte klar in Abrede, dass ich mich bei seinem Haus an richtiger Stelle befinde.

Eine Nachfrage bei Passanten und in der Apotheke führte mich auf den rechten Pfad. Beim besagten Vereinshaus Gmünden handelt es sich um das heutige Kirchenstübli, direkt hinter der Evangelisch-reformierten Kirche. Das relativ kleine, freistehende Gebäude diente wohl einst der Landeskirchlichen Gemeinschaft als Versammlungsort. Dabei handelt es sich, wie beim Evangelischen Gemeinschaftswerk, um Spezialfälle im Kanton Bern. Innerhalb der Landeskirche versammelten sich die etwas "frömmeren" Christen zu eigenen Versammlungen und Bibelstunden, und stellten zu diesem Dienst auch Prediger ein. Trotzdem verstanden sie sich immer als Teil der grossen Landeskirche.

Vermutlich haben sich die Methodist:innen in diesem Vereinshaus zu den Gottesdiensten eingemietet. Das liegt auch nahe, weil die leitenden Personen auf dem heute aufgelösten Bezirk Huttwil (mit den Stationen Huttwil, Rohrbach, Neuligen, Zimmerhus und bis 1982 Wasen) in Wasen in direkter Nachbarschaft zum Vereinshaus Gmünden wohnten. Auch später arbeiteten die Methodist:innen mit der Landeskirchlichen Gemeinschaft eng zusammen. So unterrichtete ich einige Jahre die Unterrichtskinder der Landeskirchlichen Gemeinschaft, der Heilsarmee und der Evangelisch-methodistischen Kirche in einer Klasse. Das geschah in Griesbach auf dem Hof Unter Baumen, bei einem Mitglied der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Auf dem Bezirk Huttwil versammelte man sich also als Methodistenkirche in eigenen Kapellen, in Schulhäusern, in Vereinshäusern der Landeskirche und auch in Privathäusern. Selbst feierte ich die Gottesdienste noch auf dem Heimetli (so nennt man im Emmental die Bauernhöfe) Zimmerhus. Dazu dann im nächsten Blogbeitrag mehr.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. April 2026

Am Rand oder mittendrin

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Oben: Die Evangelisch-methodistische Kirche Langenthal steht direkt neben einer katholischen und einer neuapostolischen Kirche. Unten: Die heute als Wohnung genutzte methodistische Kapelle von Rohrbach steht am Rand des Dorfs auf dem Weg zum Friedhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Sonderbar, dass man sich erinnert, man habe sich einer Sache erinnern wollen, aber diese doch nicht mehr sicher erinnert." Jean Paul (1763-1825)

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Auf meiner Kapellentour befinde ich mich nun im Oberaargau, einem Teil des weitgehend protestantischen Kantons Bern. Behäbige Bauernhäuser säumen den Weg. Die bestimmenden Kirchen in den Dörfern sind reformiert.

In Langenthal hat wohl die Bevölkerungsentwicklung dafür gesorgt, dass die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) heute relativ nahe am Stadtzentrum steht. Sie ist an diesem Ort nicht das einzige Gotteshaus. Direkt daneben befindet sich das moderne Kirchengebäude der Neuapostolische Kirche, die seit einigen Jahren Teil der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz (AGCK) ist, genauso wie schon länger die EMK und die Römisch-katholische Kirche. Deren Kirche Maria König befindet etwa 60 Meter von der EMK entfernt quer über eine Kreuzung hinweg. So ist die recht agile Gemeinde der EMK an einem Standort, den man als religiöses Bermudadreieck beschreiben könnte.

Ganz anders, wenn man der Langete etwa 11 Kilometer flussaufwärts folgt, in Rohrbach. Dort steht die Kapelle am äussersten Rand des Dorfs an einer Nebenstrasse, die zum Friedhof führt. Wobei, eine Kapelle ist es nicht mehr. Auch hier wurde das Gebäude verkauft und wird heute als Wohnhaus genutzt. Als ich meine Laufbahn als Methodistenpfarrer begann, war das einer der ersten Orte, an denen ich predigte. Das war vor über 40 Jahren. Wir wohnten jung verheiratet in Huttwil in der dortigen EMK-Kapelle. In Rohrbach predigte ich regelmässig, wenn ich mich recht entsinne so alle zwei Wochen. Und doch war ich mir beim Anblick der einstigen EMK-Kapelle unsicher, ob das wirklich der Ort war, an dem ich erste Predigterfahrungen sammelte. So fragte ich eine Frau, die gerade den nahen Bauernhof verliess, ob das Gebäude einst eine Kapelle gewesen sei, und sie bestätigte.

Die Kapelle, einmal recht zentral, das andere Mal am Rand. Wo eine Kapelle oder Kirche zu stehen kommt, hat oft auch damit zu tun, dass jemand ein Grundstück spendet für diesen Zweck. So war es im 8. Jahrhundert mit der ersten Kirche in Rohrbach. Diese wurde von einem gewissen Adelgoz gestiftet, einem Alemannen aus der Ostschweiz. Und so wird es wohl auch mit der EMK in Rohrbach gewesen sein. Auch sie könnte auf gestiftetem Grund zu stehen gekommen sein. Heute befindet sich das einstige kirchlich genutzte Gebäude immer noch am Rand der bebaubaren Fläche. Eine unverstellte Aussicht über die weiten Felder südwestlich von Rohrbach ist den Bewohner:innen sicher.

Jörg Niederer

Freitag, 24. April 2026

Freikirche mit Glocke

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Die methodistische Johanneskirche in Strengelbach. Das kleine handgeläutete Glöckchen ist gut zu erkennen.
Foto © Jörg Niederer
"Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, / folg ich der Vögel wundervollen Flügen." Georg Trakl (1887–1914)

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Sie ist eine der ganz wenigen methodistischen Kirchen in der Schweiz mit einer funktionsfähigen Glocke im kleinen Türmchen auf dem Dach. Die Johanneskapelle in Strengelbach steht etwas versteckt in zweiter Reihe an der Hauptstrasse nach Brittnau. Als Pfarrer durfte ich an diesem Ort vier Jahre lang wirken. Dass eine Freikirche eine Glocke hat, ist deshalb aussergewöhnlich, weil dies in der Regel den Landeskirchen vorbehalten war, und man bei Freikirchen dafür keine Baubewilligung erteilte. Vielleicht war es das Misstrauen einer "ausländischen" Kirche gegenüber, die dazu führte, dass solche Glockentürmchen in Methodistenkirchen nur symbolischen Charakter hatten. Ganz ähnlich wie heute den Muslimen der Bau eines Minaretts verboten ist und jeweils viel Wiederstand entsteht, wenn sie eine Moschee bauen wollen, erging es wohl in der Anfangszeit auch vielen Freikirchen. Sie stiessen auf viel Widerstand und Vorurteile.

Warum war es in Strengelbach anders? Das Narrativ dazu, das ich hörte, ging so: Die Johanneskirche war die überhaupt erste Kirche in Strengelbach, die gebaut wurde. Das reformierte Gotteshaus wurde erst später erreichtet, genauso wie die Katholische Kirche. Das änderte die Rahmenbedingungen. Man wollte in Strengelbach wohl eine richtige Kirche, die aussah wie eine Kirche und auch klang wie eine Kirche, und nicht nur eine unbedeutende Kapelle.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ein über 80-jähriger Mann mir zeigte, worauf man achten müsse, wenn man die Glocke via Seilzug erklingen lassen wollte. Man durfte nicht zu heftig ziehen, und es brauchte an der richtigen Stelle eine kurze Pause, bevor der nächste Glockenschlag durch erneutes Ziehen am Seil eingeleitet wurde.

Geläutet wurde zu meinen Zeiten in Strengelbach jeweils am Samstagabend, um den Sonntag einzuläuten, und vor den Gottesdiensten an den Sonntagen. Wie es heute ist, weiss ich nicht.

Seit 2011 lädt der Kulturplatz regelmässig zu Konzerten in die Johanneskirche ein. Nach wie vor finden Sonntagsgottesdienste statt. Schön, dass die Johanneskapelle in Strengelbach auch in diesen Tagen erklingt.

Jörg Niederer

Mittwoch, 22. April 2026

Kirchenfusion und Neuausrichtung

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Oben: Die Kapelle an der Sälistrasse 2/Weiherstrasse 7 in Zofingen mit dem ebenfalls zur Kirche gehörenden Haus an der Sälistrasse 4. Unten: Die einstige Kapelle der Bischöflichen Methodistenkirche an der Weststrasse 2 in Zofingen.
Fotos © Jörg Niederer

"Die EMK Zofingen ist ein Ort für Menschen in Bewegung – für Pilger, die merken, dass das Leben mehr sein könnte."
Selbstbeschreibung der Gemeinde

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Wenn zwei Kirchen sich zusammenschliessen, folgt an manchen Orten, an denen beide Traditionen vertreten sind, die Klärung des zukünftigen Standorts. Diese Frage stellte sich 1972 auch in Zofingen, als im Rahmen der Kirchenvereinigung der Bischöflichen Methodistenkirche und der Evangelischen Gemeinschaft die Evangelisch-methodistische Kirche entstand. In Zofingen gab es damals die Methodistenkapelle an der Weststrasse 2 und die Kapelle der Evangelischen Gemeinschaft an der Sälistrasse 2. An beiden Orten wirkten Pfarrpersonen.

In Zofingen entschied man sich für die grössere Kapelle an der Sälistrasse 2. Die Luftlinie gerade einmal 800 Meter entfernte Kapelle an der Weststrasse wurde anfänglich noch für Anlässe der vereinigten Kirche genutzt und später dann an die Pfingstgemeinde Zofingen verkauft.

Damals wurden auch die Zuständigkeitsbereiche neu definiert. Meist dauerte das einige Zeit. Die Gemeinde in Olten gehörte noch einige Jahre über die Zusammenlegung hinaus zu Zofingen, um dann mit den Gemeinden in Rothrist und Aarburg einen neuen Bezirks zu bilden. So kam es, dass ich auch Erinnerungen habe an die Kapelle an der Weststrasse. Dort erlebte ich als Kind einer dieser legendären Kinder-Grossanlässe. Etwa 200 Kinder trafen sich zur Sonntagschule im Gottesdienstraum. Wenn ich mich recht erinnere, herrschten chaotische Zustände. Gleichzeitig wurden uns Kinder von verschiedenen Sonntagschullehrer:innen Geschichten erzählt. Gewohnt an deutlich übersichtlichere Sonntagschullektionen fühlte ich mich an diesem Ort absolut unwohl und besuchte ihn danach auch nicht mehr.

In der Kapelle an der Sälistrasse wurde ich einige Jahre später konfirmiert, inklusive dem obligaten anschliessenden Familienausflug auf den Heiteren. Das war die Zeit der Samtanzüge. Jahre später, durfte ich hier in Zofingen als zweiter Pfarrer auf dem Bezirk wirken. Die Pfingstgemeinde hatte ihren Sitz noch in der Kapelle an der Weststrasse. In jener Zeit brodelte es zwischen den charismatisch ausgerichteten Methodist:innen und den anderen. Das führte dazu, dass eine grössere Zahl von Gläubigen die Evangelisch-methodistische Kirche Zofingen verliessen und mehrheitlich bei den Pfingstlern eine neue Heimat fanden. Kein Wunder, war das Verhältnis der beiden Denominationen damals angespannt. Schon in jener Zeit wurde die Kapelle an der Weststrasse zu klein für die Pfingstgemeinde. Eine Veränderung für das Haus war absehbar. Heute befindet sich im einstigen Gebäude der Bischöflichen Methodistenkirche das Kulturhaus West. Auf der Webseite gibt es verschiedene Fotos, wie die Räume jetzt aussehen. Das selbe gilt auch für die Räume der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Sälistrasse 2, die man auch auf der Webseite unter Vermietung betrachten kann.

Jörg Niederer

Montag, 13. April 2026

Heiratskapellen-Erinnerung

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In Rothrist findet sich das methodistische Gemeindezentrum Zehntenhaus (Foto oben!) unten im Dorf, dieweil die ehemalige Hölzlikapelle der methodistischen Gemeinde (Foto unten!) heute als Einfamilienhaus genutzt wird.
Fotos © Jörg Niederer
"Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und den Leben wird heiter dahinströmen." Epiktet (gest. 135 n.Chr.)

Hingesehen

Es war im August 1984, als sich meine Frau und ich in der Hölzlikapelle (Foto unten!) das Eheversprechen gaben und wir von Pfarrer Markus Schöni kirchlich getraut wurden. damals war ich noch Student am Theologischen Seminar in Reutlingen. Die Hölzlikapelle gehörte zu meinem kirchlichen Heimatbezirk, der aus den Gemeinden in Olten, Aarburg und Rothrist bestand. In den dazwischenliegenden 42 Jahren ist viel geschehen. Als wir 1999 nach Rothrist ins Zehntenhaus (Foto oben!) zogen, war noch das Heimatmuseum der Gemeinde Rothrist im Stockwerk über unserer Wohnung untergebracht. Die Evangelisch-methodistische Kirche hatte wenige Jahre zuvor das denkmalgeschützte Zehntenhaus erstanden und an Stelle des nicht geschützten Scheunenteils den kirchlichen Anbau neu errichtet. Nötig wurde der Gemeindeumzug, weil ein starkes Gemeindewachstum das Fassungsvermögen der Hölzlikapelle an seine Grenze brachte. Die Hölzlikapelle wurde von einem Architekten erstanden, der darin anfänglich ein Forum für allerlei esoterische Anlässe unterhielt, nicht zur Freude vieler Gemeindeglieder. Speziell war auch, dass dieser Architekt Teil der Zehntenhausgemeinde war.

Nach einigen Jahren baute der Architekt die Hölzlikapelle in ein loftähnlich gestaltetes Wohnhaus um. In den zentralen Kirchenraum wurden in einem rechteckigen, freistehenden Einbau die Nassbereiche untergebracht und die Empore wurde zum Schlafzimmer. Auch heute wohnen Menschen in diesem markanten Gebäude. Es steht nicht mehr allein auf weiter Flur. Rundherum ist eifrig gebaut worden, wobei das benachbarte Bauernhaus, in dem zeitwiese der Gemeindepfarrer wohnte, immer noch wie ein Relikt aus alten Zeiten dasteht.

Wie ist es, wenn man nach 42 Jahren wieder an dem Ort steht, an dem man sich das Jawort gegeben hat? Wie ist es, wenn dieser Ort nicht mehr Kirche ist, auch nicht mehr öffentlich zugänglich? Was mich betrifft betrübt es mich nicht. Klar, gerne würde man alte Zeiten wieder aufleben lassen. Aber im Leben verändert sich so vieles. Ich finde es schön, wenn ein sakraler Bau in anderer wohnlicher Weise weiterlebt. An der Liebe zu und der Vertrautheit mit meiner Frau hat diese Veränderung nichts geändert.

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. April 2026

Pailletten, Bustiers und Posamenten auf der Kapellen-Empore

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Die ModeAusstellung.ch mit Kostümen und Kleidern aus den letzten 150 Jahren ist in der ehemaligen methodistischen Kapelle von Uerkheim zu besichtigen.
Foto © Jörg Niederer
"Schau aufmerksam in den Spiegel und trage nur, was wirklich zu dir passt. Kümmere dich nicht darum, ob du modisch bist." Vivienne Westwood (1941-2022)

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Eine über hundertjährige Stündeler-Kapelle mit abgedunkelten Fenstern! Was da wohl von der Öffentlichkeit verborgen werden soll? Es ist gerade 13.00 geworden an diesem wunderschönen Ostertag, als wir eintreten. Wir werden von einem älteren Herrn, der sich sogleich mit Handschlag als André Wieland vorstellt, herzlich im privaten Mode-Museum in der ehemaligen Methodisten-Kapelle von Uerkheim begrüsst. Wir werden die einzigen Besuchenden sein in den zwei Stunden, in denen wir zwischen Kleidern und Kostümen aus 150 Jahren verbringen. Bei der Frage, woher wir von dieser Modeausstellung vernommen haben, gebe ich mich als Pfarrer der Kirche zu erkennen, zu der diese Kapelle einst gehörte. Seine Frau Martha, die eigentliche Modespezialistin, wird herbeigerufen. Es entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Dabei erfahre ich, dass kaum noch Kontakte zu den Kirchengliedern von früher bestehen. Einmal eine kleine Wanderausstellung bei den Methodist:innen in Hunzenschwil mit mässigem Erfolg, einmal eine Organistin, die wissen wollte, wohin das Altarbild verschwunden sei, einmal eine Nachbarin, die sich schwer tut mit der Umnutzung der Kapelle. Martha Wieland ist sichtlich endtäuscht über dieses Desinteresse. Bevor aber die Führung durch die Ausstellung beginnt, gehe ich aufs stille Örtchen. Auch dort Mode. Unterwäsche aus Wolle hängt an Bügeln an der Wand. Alles ist geschmack- und liebevoll gestaltet. Die beiden haben die Kapelle eigenhändig renoviert und umgebaut. Der Dachstock wurde ausgebaut, Treppenaufgänge umplatziert, der Saal im Untergeschoss erweitert. Kaum sei dieser fertig gewesen, habe die Uerke Hochwasser geführt. Das Wasser stand 40 cm im schönen Saal.

Auf der Führung erfahren wir viel über die Mode der letzten 150 Jahre. Da gibt es die Schuh- und Kostümsammlung von Caterina Valente. Im ehemaligen Pfarrerbüro befindet sich nun die Literatursammlung und die alten Modezeitschriften. Einige sehen aus wie Kirchenbücher von früher. Wir erfahren, weshalb in den Weltkriegszeiten die Mode leichter und die Röcke kürzer wurden – der Stoff war Mangelware – auch wurde im 2. Weltkrieg Viskose mangels anderer Stoffe salonfähig. Wir bewunderten St.Galler Stickereien, bestaunten kunstvolle Posamenten, entdeckten Hüte aus Rosshaar, wunderten uns über die Vorläufer der ersten Büstenhalter, realisierten das provozierende der Mode aus der Zeit, als der Charleston als Tanz und Modestil aufkam.

Die Zeit verging wie im Flug in diesem einzigartigen Ambiente aus Mode und Kapelle. Zwei Stunden später waren wir mehr als überzeugt: es hat sich gelohnt, nach Uerkheim zur einstigen Methodistenkapelle zu reisen. Die herzliche Art der Wielands und die faszinierenden Modekleider in der liebevoll ausgebauten Kapelle; da ist die Umnutzung eines Sakralbaums mehr als gelungen. Ganz besonders den einstigen Gottesdienstbesuchenden dieses Orts sei empfohlen, einen Augenschein zu nehmen. Wielands sind begierig, mehr von den Vorbesitzenden zu erfahren. Für Modeliebhabende ist es sowieso ein Muss, in die Museums-Kapelle an der Uerke zu reisen.

Jörg Niederer

Dienstag, 7. April 2026

Auf der Kapellentour – eine Zwischenbilanz

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Hin und her führten mich die 35 Etappen auf der Kapellentour durch das Schweizer Mittelland.
"Ich glaube, die Welt ist wunderbar, und des Menschen Herz noch wunderbarer." Bettine von Arnim (1785-1859)

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Seit dem 28. Oktober bin ich immer einmal wieder tageweise unterwegs von Kapelle zu Kinderkrippe zu Altersheim zu Spital der Evangelisch-methodistischen Kirche. In 35 Etappen sind bisher 420 Kilometer schweizerisches Mittelland mit zwei Abstechern in die Alpen zusammengekommen. Im Grossraum Zürich gestartet ging es erst mal nach Glarus, dann wieder zurück in die Stadt Zürich und weiter mit einem Abstecher über Affoltern am Albis nach Aarau. Von dort führte mich der Weg nach Luzern und zurück an den Jurarand in die Stadt meiner Kindheit nach Olten. Durchschnittlich 12 Kilometer war ich dabei unterwegs. Es waren also durchaus Genusstouren. Ich bin selbst da, wo ich mich gut auskenne, mir unbekannte Wege gegangen und habe viel Neues und Faszinierendes entdeckt. Jahreszeitlich stapfte ich durch den Herbst, Winter und Frühling. Gebäude sah ich viele, die nach wie vor der Kirche und ihren "Tochtergesellschaften" gehören. Aber ich kam ebenfalls an vielen einstigen methodistischen Wirkorten vorbei, die heute nicht mehr kirchlich genutzt werden. Wenn ich mich nur schon an die Orte zurückerinnere, auf denen ich als Pfarrer die letzten 40 Jahre wirkte, dann gibt es von 19 Predigtstationen 12 nicht mehr. Umso erfreulicher waren die Begegnungen an den Orten, an denen ich auf Gemeindeglieder und Berufskolleg:innen traf. Sei es in Gottesdiensten oder zum Kaffee in einer Pfarramtsstube.

Es geht weiter. Die nächsten 100 Kilometer führen mich durch den Oberaargau und das Unteremmental nach Burgdorf. Dann geht es ins Seeland nach Biel und anschliessend über den Jura nach Basel und wieder zurück nach Zürich. Ich bin gespannt, was mich auf diesen Wegen erwartet.

Jörg Niederer

Montag, 6. April 2026

Skulpturen und Mode in methodistischen Kapellen

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Oben: die ehemalige methodistische Kapelle in Staffelbach. Unten: die ehemalige methodistische Kapelle in Uerkheim.
Foto © Jörg Niederer
"Ich plane jeden Tag in die Kirche zu gehen!" Thomas Lüscher, der heutige Besitzer der früheren Evangelisch-methodistischen Kapelle in Staffelbach.

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Gestern an Ostern ging ich in die Kirche. Für einen pensionierten Pfarrer ist das nicht aussergewöhnlich. Allerdings war es ein spezieller Kirchenbesuch. Und das kam so.

Auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft entdecke ich auch einige für die Evangelisch-methodistische Kirche "verflossene" Kapellen. Heute gehören sie nichtkirchlich motivierten Besitzer:innen. So ist es auch bei den Kapellen von Staffelbach und Uerkheim. Mit dem Entscheid, nur noch in Bottenwil Gemeindearbeit zu tun, wurden die beiden Kapellen verkauft. Beim Verkauf von Kapellen ist es nicht gleichgültig, an wen die einstigen gottesdienstlich genutzten Häuser weitergegeben werden. Diese Gebäude, sie stehen oft unter Denkmalschutz, wurden viele Jahre liebevoll und mit hohem finanziellem Aufwand und freiwilliger Arbeit unterhalten. Sie wegzugeben, fällt den Christ:innen, die dort ihre Kinder getauft und geheiratet haben, nicht leicht. Auch  hat es durchaus schon Beispiele gegeben, bei denen sakrale Häuser als Bordell oder als esoterischer Brennpunkte genutzt wurden. 

Nun sind solche kirchlichen Liegenschaften nicht gerade gesucht. Die Käufer:innen-Auswahl ist klein. Gerade in nicht zentral gelegenen – um nicht zu sagen abgelegenen – Regionen auf dem Land sind es Glücksfälle, wenn sich geeignete Nachbesitzer:innen finden lassen. In Staffelbach und Uerkheim ist das aus meiner Sicht ausgezeichnet gelungen.

2014 zog in Staffelbach der Holz- und Bronzebildhauer Thomas Lüscher mit seiner Familie in die Kapelle ein. Nun ist der Gottesdienstraum sein Atelier. Dort werden allerlei Kurse angeboten, Werke erstellt und im Haus wird auch gewohnt. Die Kapelle hat einen Anbau bekommen, der ein wenig aussieht wie die Berg- oder Talstation einer Gondelbahn.

Schon früher, 2010, erstanden André und Martha Wieland die Kapelle in Uerkheim. Eigenhändig bauten sie die Liegenschaft so um, dass auf vier Etagen Räume genutzt werden können. Heute ist die Kapelle ein privates Mode-Museum. Kleider der letzten 150 Jahre sind dort ausgestellt. Die Mode-Sammlung kann jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats von 13-17 Uhr besichtigt werden. Gestern an Ostern war der 1. Sonntag im Monat. Und so wanderten wir von Muhen nach Bottenwil, und besuchten unterwegs die Kapelle Uerkheim und ihr neues Innenleben. Dieser Besuch war so aussergewöhnlich anregend, dass es dazu eines eigenen Blogbeitrags bedarf. Das kann ich schon einmal verraten: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und sich von Martha Wieland in die Modegeheimnisse einweihen zu lassen. Das Ambiente ist aussergewöhnlich, der Erkenntnisgewinn ebenso.

Das also war mein spezieller Oster-Kirchenbesuch.

Jörg Niederer

Samstag, 4. April 2026

Karfreitagswanderung

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Im Zoar, der Evangelisch-methodistischen Kirche in Muhen feierten Menschen aus den reformierten und methodistischen Kirchen gemeinsam den Karfreitagsgottesdienst.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin ein rechtes Rabenaas, / Ein wahrer Sündenkrüppel, / Der seine Sünden in sich frass, / Als wie der Russ' den Zwippel [gemeint ist der Rost]. / Herr Jesu, nimm mich Hund beim Ohr, / Wirf mir den Gnadenknochen vor, / Und schmeiss mich Sündenlümmel, / In deinen Gnadenhimmel." Kernlied aus einem alten schlesischen Kirchengesangbuch

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Nein, das Kernlied aus dem alten schlesischen Kirchengesangbuch haben wir nicht gesungen. Doch andere Lieder wurden angestimmt, im Zoar, dem Jugend- und Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Muhen. Dort startete ich gestern mit dem Besuch des Gottesdienstes meine karfreitägliche Etappe der Kapellentour.

Wie auch in der Methodistenkirche in Niederzuwil sitzt man im Zoar an kleinen Vierertischchen. Der gemeinsam mit der Reformierten Kirche gestaltete Gottesdienst war gut besucht; keine der Sitzgruppen blieb leer. Geleitet wurde die Feier gleich von zwei Pfarrpersonen mit methodistischen Wurzeln. Einmal von der methodistischen Pfarrerin Christine Moll, dann vom der EMK "abtrünnig" gewordenen reformierte Pfarrer Stephan Gassler. Der Gottesdienst war bewusst einfach gehalten. Eine Predigt gab es nicht. Stattdessen wurde von verschiedenen Beteiligten die ganze Passionsgeschichte aus der Bibel gelesen. Dazwischen sang die Gemeinde elektronisch begleitet passende Lieder. Das Abendmahl folgte unmittelbar auf den Leseteil, in dem das letzte Passamahl von Jesus mit den Jüngern beschrieben wird. Mit der Schilderung des Todes Jesu am Kreuz wurde die Altarkerze ausgelöscht. Der Gottesdienst endete im Schweigen.

Draussen vor der Tür konnte ich mich mit drei meiner früheren Gemeindegliedern unterhalten. Mit dem Aus der Gemeindearbeit in Schmiedrued (siehe Beitrag vom 25. März 2026!) wechselten sie in die nahe gelegene EMK Muhen. Es war schön, in die bekannten Gesichter zu blicken und einige Worte zu wechseln.

Dann ging es für mich los, direkt auf der als Wanderweg ausgeschilderten und am Zoar vorbeiführenden Strasse. Mein nächstes Ziel galt der ehemaligen Kapelle in Kölliken. Wie so viele sakrale Gebäude in der Region wird sie heute alternativ genutzt, in diesem Fall als Wohnraum. Dann warf ich einen Blick auf das Gelände der unglaublich aufwendig sanierten ehemalige Sondermülldeponie. Hier soll nun eine landwirtschaftliche Nutzfläche entstehen, die beispielhaft biodivers bewirtschaftet wird. Ich bin sehr gespannt. Der weitere Weg führte mich dann hinauf auf den Engelberg und wieder hinunter in meine Geburts- und Heimatstadt Olten. Ein kurzer Besuch bei meiner Mutter im Altersheim rundete die mit 400 Höhenmetern und 16 Kilometern Länge etwas anspruchsvollere Wanderung ab. Doch, so kann man den Karfreitag durchaus verbringen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 25. März 2026

Der Flugsaurier im Ruedertal

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Die ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche in der Heggelen Schmiedrued. Einmal von oben, einmal mit Jörg Niederer von unten.
Foto © Jörg Niederer
"Der Pfarrer, der aus städtischen Landen kommt und zuständig ist für seine freie Kirche im Bezirk Kulm, lacht viel. Die Gemeinde weniger." Zitat aus einer Reportage im Tagi-Magazin 40/1995 über die Evangelisch-methodistische Kirche Schmiedrued

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Gestern ging es auf der Kapellentour weiter, von Schlierbach via Schmiedrued nach Moosleerau. In Schmiedrued steht in der Heggelen die ehemalige Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche. Das ist in jenem Tal, in dem der Schriftsteller Hermann Burger wirkte. Es ist eine sehr ländlich geprägte Region. Hier geschah es, dass ein Journalistenduo vom "Das Magazin", der Beilage des Tagesanzeigers, sich ein Bild machen wollte von der ländlich-konservativen Talschaft. Peer Teuwsen (Text) und Reto Klink (Fotos) erkundeten "Das Hinterland des Mittellands" – so der Titel der Reportage – eine gute Woche lang. Nebst vielen Ortsansässigen wollten die beiden auch einen Gottesdienst einer Freikirche miterleben. Wir Methodisten wurden ausgewählt. Es war im Sommer. Die Gemeinde war informiert über den Besuch. Ich hatte das Vergnügen, die Predigt zu halten, und natürlich wollte ich die Erwartungen und klischeehaften Vorstellungen der beiden Journalisten nicht erfüllen. Also predigte ich so, wie ich glaubte, dass sie es nicht erwarten würden. Später stand dann über diesen Gottesdienst folgendes in der Reportage (Das Magazin 40/1995): "Das gute Dutzend Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes zieht, die Drohungen des Alters im Rücken, mit scheuem Seitenblick an der Tafel [der Kranken und Betagten] vorbei. Pfarrer Niederer, gewandet in einem roten Veston, sagt, diese seine Gemeinde im Ruedertal sei am Aussterben. Aber schon füllt das Harmonium die Kapelle der evangelisch-methodistischen Kirche zu Schmiedrued mit Schwerem: 'Und in ew'gen Lichtgewanden der Verklärung wandelt er.' Der Chor ist schwach, aber der junge Pfarrer singt für zehn. So gestärkt hebt er an für die Predigt. Der Pfarrer erzählt die Geschichte vom Flugsaurier, der kürzlich in seinem Garten stand und sich das Grün des Rasens einverleibte. Wie vom Himmel geworfen, aus einer anderen Zeit. Ungläubige Gesichter. Und dann spricht er in die Mitte seiner Gemeinde: 'Aber wenn ihr mir diese Geschichte nicht glaubt, warum glaubt ihr denn an die Auferstehung Jesu Christi?'"

Im weiteren Verlauf habe ich dann meine Antwort auf diese Frage zu geben versucht.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie nach dem Gottesdienst der Fotojournalist unglaublich nervös war, als er mit zitternden Händen die Grossformatkamera aufstellte, und dann das Schwarzweissfoto aufnahm, das im besagten Artikel abgedruckt ist. Die meisten Menschen, die darauf zu sehen sind, leben nicht mehr. In fast jedem ihrer Häuser im Ruedertal war ich. Eine dieser Frauen hat mir vor diesem Gottesdienst gesagt: "Die Journalisten wollen uns Frommen doch nur in die Pfanne hauen".

Die Gemeindearbeit wurde später wirklich beendet. Doch die Kapelle steht immer noch. Sie ist auch noch mit "Evangelisch-methodistische Kirche" angeschrieben. Gekauft hat sie ein Harmonium-Liebhaber. Er wollte zuerst nur die drei Harmonien erstehen, die dort herumstanden. Doch dann entschloss er sich, hier ein Harmonium-Museum einzurichten, und kaufte das Haus gleich mit. Ob es das Museum wirklich auch gegeben hat, weiss ich nicht. Viel mit dem Haus anfangen konnte er nicht. Es steht ausserhalb der Bauzone. Abreissen kommt nicht in Frage. Seit meinem letzten Besuch vor einigen Jahren wurde die Eingangspartie neu gestrichen. Sonst sieht es noch so aus wie damals, vor 30 Jahren. An manchen Orten bleibt die Zeit halt stehen. Fast könnte man hier auf den Flugsaurier warten. Oder auf die Auferstehung.

Jörg Niederer

Dienstag, 24. März 2026

Schlammbach im Luzernischen

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Altes Gemäuer im Zentrum der Gemeinde Schlierbach, Kanton Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Cool, der nächste Bus kommt in 2 Stunden!"

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Schlierbach, Kanton Luzern grenzt an Schmiedrued, Kanton Aargau. In Schmiedrued war ich einst als Pfarrer tätig. Schlierbach war mir dennoch bis vor drei Tagen absolut unbekannt. Heute werde ich von hier aus auf meiner Kapellentour weiterwandern. Das geht, weil das Postauto den kleinen Ort auf dem Hügelzug östlich des Surentals (erst!) seit dem Jahr 1979 erschliesst. Sehenswürdigkeiten gibt es da nicht gerade viele. Da wäre die Sägerei und eine in römische Zeit datierende Fundstelle. Das wäre es dann auch schon gewesen. Was es mit dem alten Gemäuer auf dem Foto auf sich hat, es steht im Zentrum des Dorfs, habe ich nicht herausgefunden. Ein Schulhaus gibt es seit 1809. Die Gemeinde selbst besteht erst seit 1844. Damals wurden die Orte Schlierbach, Etzelwil und Wetzwil zur Gemeinde Schlierbach zusammengefasst. Telefonieren kann man in Schlierbach seit 1907, mit Elektrizität erschlossen ist der Ort seit 1912. Es gibt auch ein Restaurant mit prächtiger Aussicht.

Solche Orte wie Schlierbach finden sich einige in der Schweiz. Orte, die für die Menschen, die dort leben, von Bedeutung sind. Alle anderen fragen sich, wie man an so einem Ort überhaupt lange bleiben kann. Wenigstens hat es einen Volg-Einkaufsladen. Neben seiner auffälligen Front muss man den Zugang zur Gemeindeverwaltung, sie befindet sich im selben Gebäude, richtiggehend suchen.

Für Wandernde wichtig: Sind das Gemeindehaus und das Restaurant zu, sieht es schlecht aus mit öffentlichen Toiletten. Warum ich das weiss? Dreimal darfst du raten.

Der frühere Schlierbach heisst heute Weierbach und fliesst im Risitobel ums Dorf herum. Schlierbach bedeutet: "Schlammbach". Das Dorf erbte später diesen etwas unvorteilhaften Namen. Auch das ist irgendwie überraschend.

Jörg Niederer


Mittwoch, 18. März 2026

Predigtplatz im Nirgendwo

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In einem unscheinbaren Wohnhaus in der Agglomeration von Luzern befand sich einst ein methodistischer Predigtplatz.
Foto © Jörg Niederer
"Mir ist es nur selten gelungen eine Gelegenheit wahrzunehmen, bevor es keine mehr war." Mark Twain (1835-1910)

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Ein Wohnhaus, wie es viele gibt. Auf zwei Stockwerken vier Wohnungen. Der Ort, irgendwo im weiteren Umfeld der Stadt Luzern. Hier stehen nur noch wenige ältere Häuser, wie dieses. Rundherum sind markante Wohnüberbauungen entstanden. Der Dorfkern ist nicht fern. Ein Coop, einige kleinere Läden, ein Bistro, eine Baustelle, nichts besonderes.

In diesem Wohnhaus in einer der Wohnungen befand sich einst ein Predigtplatz der Evangelisch-methodistischen Kirche. Den Raum zur Verfügung gestellt hatten Privatpersonen. Das ist, wie auch die Arbeit in Luzern (Siehe Beitrag vom 12. März 2026), längst Geschichte.

Dass es wirklich auch so war, davon kann man in Verzeichnissen älterer Konferenzverhandlungen lesen. Die so genannten "Jährlichen Konferenzen" findet bis heute jährlich einmal während 3-4 Tagen statt. Dann wird auch Buch geführt, eine Statistik der Mitglieder erhoben und die Wirkorte festgehalten. Auf dem Arbeitsfeld Luzern gab es im Jahr 1981 nebst der Kapelle in Luzern noch vier weitere Orte des Wirkens. Weitherum in der Schweiz traf man sich in Schulhäusern, auch Gemeindehäusern, in Hotels und Restaurants, in Altersheimen, in Fabriken und Verwaltungszentren und eben auch in Privathäusern. Nach und nach sind diese "Aussenstationen" verschwunden. Die Zeiten haben sich geändert. Es geht nicht mehr darum, in jedem grösseren Dorf eine kleine Glaubensgemeinschaft zu unterhalten. Kräfte werden gebündelt, die Kirche konzentriert sich auf wenige zentrale Standorte. Die Mobilität macht es möglich. Nicht mehr der Prediger, die Predigerin reisen zu den Gläubigen. Es sind die Gläubigen, die zu den Kapellen reisen, auch einmal 50 Kilometer, mit dem Privatauto oder dem öffentlichen Verkehr.

Geblieben sind mancherorts die Hauskreise. Diese finden immer noch in Privaträumen statt. Da treffen sich 5-10 Menschen zu Gesprächen über Texte der Bibel, über Kirche und Gesellschaft. Dazu braucht es selten eine Pfarrperson. Selbst ist heute die Christin, der Christ. Gut so.

Wie es weitergehen wird mit den Kirchen, mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz, wir werden es sehen. Leicht haben sie es nicht mehr.

Jörg Niederer

Donnerstag, 12. März 2026

Freikirche in der Innerschweiz

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Jörg Niederer steht vor der Kapelle der einstigen Evangelisch-methodistischen Kirche Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man lässt." Odo Marquard (1928-2015)

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Sie ist wohl eine der markantesten methodistischen Kapellen in der Schweiz mit ihrem Turm und den auffälligen Eingängen. In der Ecke eines im Quadrat um einen Innenhof angeordneten Gebäudekomplexes fällt das über 100-jährige Gebäude gegenüber dem neuen Glashochhaus der Luzerner Polizei auf. Im mit "Evangelisch-methodistische Kirche" (EMK) beschriften Gebäude befinden sich nebst den Kirchenräumen acht Wohnungen und das Büro der Pfarrperson. Doch die Gemeinde, die dort seit 2008 ihre Gottesdienste feiert, gehört nicht zur Methodistenkirche. Die "International Church of Luzern" hat ihre Ursprünge bei den Batisten. Die Methodistenkirche stellte die Arbeit in Luzern 2008 offiziell ein. Das Gebäude ist immer noch im Besitz der schweizerischen Methodistenkirche und steht in einer attraktiven, leicht zu vermietenden, ruhigen Wohnlage, in Gehdistanz zur prächtigen Altstadt.

Zur Zeit, als ich meine ersten Pfarrstelle in Huttwil angetreten hatte, traf man sich als Gemeinde so ein-, zweimal pro Jahr mit den Luzerner Methodist:innen. Der Pfarrer, der damals dort wirkte, war einst mein allererster Religionslehrer. Das war zu einer Zeit, als er so etwas wie Testpfarrer in Zofingen war. "Praktikum" wurde diese Zeit genannt. Ich war als Viertklässler fasziniert von dem, was er erzählte. Auch später wieder, als wir uns ab und zu in Luzern trafen, habe ich ihn in seiner direkten, freundlichen und bestimmten Art geschätzt. Vor wenigen Tagen ist er nun verstorben.

Luzern ist eine weitere Station auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft. Meine Kapellentour macht hier eine 180° Wende. Methodist:innen in der Innerschweiz sind nicht erst rar, seit es die Gemeinde in Luzern nicht mehr gibt. Auch zuvor konnte die EMK in diesem streng katholischen Kerngebiet nicht leicht Fuss fassen. Das hat wohl auch etwas damit zu tun, dass man, anders als andere Freikirchen, sich nicht scharf vom Katholizismus abgrenzte und distanzierte. Vielmehr versuchte man einen partnerschaftlichen Umgang mit anderen Konfessionen zu pflegen, und hat eine gewisse Hemmung, in scharfe Konkurrenz zu diesen zu treten.

In Luzern übrigens fällt man nicht auf, wenn man mit umgehängter Kamera durch die Innenstadt zieht. Hier knippst die ganze Welt all die Sehenswürdigkeiten in der quirligen innerschweizer Metropole am Vierwaldstättersee weg. Hier läuft man eher in Gefahr, den "Einheimischen" als Tourist auf den Geist zu gehen. Es droht Overtourismus.

Jörg Niederer

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