Dienstag, 11. August 2026

Tempi Passati

Ein Zitat

"Wie traurig. Eine Hälfte der Welt glaubt nicht an Gott, die andere nicht an mich." Oscar Wilde (1854-1900)

Entdeckt

Oben: Das Lindenzytli in Hettiswil. Unten: Das Primarschulhaus von Hettiswil
Fotos © Jörg Niederer

Hettiswil ist ein kleines Dorf, südöstlich von Hindelbank. Wer hindurch wandert, steht irgendeinmal vor dem Lindenzytli. Der kleine Turm mit Uhr fällt auf. Seine Glocke erinnert an eine Zeit, die vor 900 Jahren begann, und in der Reformation endete, als hier ein kleines Cluniazenserpriorat stand. Nie lebten mehr als drei Mönche an diesem Ort. Heute ist nichts mehr von diesem "Gotzhus Hettiswil" zu sehen. Zwar fand die Glocke des Klosters, die vorübergehend in Solothurn ruhte, wieder als Feuerglocke ins Dorf zurück. Damit sie gut hörbar war, wurde das Lindenzytli im Dorfkern errichtet. Doch da die Glocke zersprang, ersetzte man sie durch eine neue. Auch das Lindenzytli steht nicht mehr da, wo es ursprünglich hingebaut worden war. Aufgrund des Verkehrs verschob man es zwischen 1950-1954 um zwei Meter. Heute ist das Lindenzytli Wahrzeichen von Hettiswil, und erinnert noch ein wenig an das verflossene Kloster.

All das ist Tempi Passati. Genauso, wie die Sonntagschule der Evangelisch-methodistischen Kirche im Primarschulhaus Hettiswil. Sie bestand bis 1981 als Teil der Arbeit des Kirchenbezirks Burgdorf. Sonntagschulen wurden an vielen Standorten in Schulhäusern abgehalten. Methodistische Kirchen brachten diese Form der sonntäglichen Kinderunterweisung überhaupt erst in die Schweiz. Schulen als Standorte waren ideal geeignet, kannten die Kinder doch schon den Ort und fühlten sich dort wohl. Offensichtlich entsprach dieses Angebot auch dem Bedürfnis jener Zeit. Sonntagschulen mit 100 Kindern und mehr gab es zum Beispiel in Strengelbach und an vielen anderen Orten. In meiner Anfangszeit erlebte ich noch Sonntagschulweihnachtsfeiern in einem dieser Landschulhäusern.

Heute ist es kaum möglich, als Freikirche ein solches Angebot im Schulhaus anzubieten. Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen sind religiös diverser unterwegs, wollen nicht, dass ihre Kinder in irgend einer ihnen nicht vertrauten Weise indoktriniert werden. Ein berechtigtes Anliegen. Also werden Schulräume kaum noch an Kirchen und Gemeinschaften vermietet. Selbst die Werbung an Schulen für die beliebten Kinderwochen, auch wenn die Landeskirchen beteiligt sind, wird nicht mehr gern gesehen.

So kann man nicht nur in Hettiswil sagen: Sonntagschulen in Schulhäusern sind wie das Kloster Hettiswil: Vergangenheit. Tempi Passati.

Jörg Niederer

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