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Dienstag, 21. Oktober 2025

Kultur und Natur

Ein Zitat

Selfie der Schrumpf-Pfarrkleingruppe in der Ruine Burg Alt Ems.
Foto © Jörg Niederer
"Der Menschheit Herr, Herr der Völker, bewahr uns vor Krieg, vor seinen Schrecken und wunden. Herr lass uns im Frieden verbleiben mit allen, die Menschenantlitz tragen nach deinem Bild und Gleichnis, Herr des Alls." Aus einem Gebet, angeschlagen in der Kobel-Kapelle Götzis  

Hingesehen

Einmal im Jahr wandert die methodistische Pfarrkleingruppe Ostschweiz. Gestern ging es wetterbedingt nach Österreich, von Hohenems nach Götzis. Viele waren es nicht, die da hinaufkeuchten auf den Schlossberg von Hohenems zur längsten österreichischen Burganlage des Mittelalters, zur Ruine der Burg Alt Ems. Gerade einmal drei von möglichen sieben Pfarrpersonen erlebten den Herbst, die Architektur, Kultur und Natur, wanderten im Trockenen, im Regen, durch Friedhöfe, zu verschlossenen und geöffneten Gasthäusern, an Gärten aller Art vorbei, schweigend, lachend, diskutierend, essend. Da wurden so nebenbei aus der Ferne Windeln geordert, eine Jause eingelegt, über den rechten Weg diskutiert und noch vieles mehr. Einer hatte ein Heimspiel, während zwei sich (kaum) als Ausländer:innen fühlten, in der Region, in der die Bevölkerung sich einst vergeblich um den Anschluss an die Schweiz bemühten.

Zu den kulturellen Highlights nebst der Burganlage gehörten der Jüdische Friedhof und der architektonisch ausgesprochen eindrückliche Islamische Friedhof Altach. Am Pastoralen kommt man auf so einer Tour als Pfarrer:in halt auch nicht ganz vorbei, treibt sich unsereine:r doch immer einmal wieder auch beruflich auf Totenäckern herum. Skurriler Kontrast zur andächtigen Friedhofsstimmung boten zwei für Halloween ausgeschmückte und sich konkurrierende Vorgärten in Hohenems mit menschlichem Gerippen, inszenierten offenen Gräbern, Kettensägenmonster, und grinsenden Kürbissen.

Ach ja, Aussicht hatten wir auch, Kolkraben krächzten schauerlich, Spechte flogen vorbei, das Rheintal brummte hundertfach motorisiert und Passanten grüssten "Servus". Ich finde: Es hat gepasst. Gerne wieder einmal.

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Fortschritt der Trümmerhaufen

Ein Zitat

Der "Engel der Geschichte" von Günther Blenke unweit vom Jüdischen Museum in Hohenems.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Flügel ist zum Schwung bereit / ich kehrte gern zurück / denn blieb ich auch lebendige Zeit / ich hätte wenig Glück" Gerhard Scholem (1897-1982), Gruss vom Angelus

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In Hohenems, unweit vom Jüdischen Museum, steht eine Brunnenfigur von Günther Blenke, erstellt aus Teilen einer vom Blitz getroffenen Eiche. Aufgestellt wurde der "Engel der Geschichte" erstmals im Jahr 2020.

Dazu steht auf einer Tafel:

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. der Engel der Geschichte muss so aussehen. er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Wenn ich diese Zeilen lese, denke ich an zwei Jahre und einen Tag unglaubliches Leid im Nahem Osten, denke ich an das durch die Hamas für Israel und die eigene Bevölkerung ausgelöste und durch Israels Regierung fortgeführte Grauen, und komme nicht darum herum, das in diesem Text auffindbare düstere Bild der Vergangenheit und der Geschichte zu teilen. Wie viel Leid geschieht sinnlos durch die Menschheit? Wann endlich werden alle Tränen abgewischt?

Freitag, 3. Oktober 2025

Die grossen Vögel von Hohenems

Ein Zitat

Beim Nibelungenbrunnen in Hohenems startete die kürzeste Uhu-Expedition aller Zeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Die Stadt [Babylon] wird nie mehr besiedelt, sondern bleibt für alle Zeiten unbewohnt... Nur wilde Tiere hausen an diesem Ort. Die Häuser werden von Eulen bevölkert, Straußenhennen wohnen dort, Bocksgeister springen umher." Jesaja 13,20+21 (Erwähnung von Eulen in der Bibel.)

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Hohenems im Vorarlberg hat einiges zu bieten: das Jüdische Museum, den jüdischen Ortsteil, den jüdischen und den muslimischen Friedhof, das Franz-Schubert-Museum, das Elisabeth-Schwarzkopf-Museum, wegen Handschriften von 1755 und 1779 das Nibelungenmuseum, einen wunderschönen Schlossplatz, den Schlossberg mit der Ruine zuoberst, diverse Wandermöglichkeiten, und noch vieles mehr. Doch wegen all dem wanderte ich nicht kurzentschlossen von Heerbrugg nach Österreich. Es war ein besonderer Vogel, dem ich auf die Spur kommen wollte.

Die Naturführung über einen der grössten Raubvögel unserer Breiten wurde von Daniel Nussbaumer geleitet. Nein, nicht von dem Daniel Nussbaumer, den nun viele hier als pensionierten Methodistenpfarrer kennen. Von einem jüngeren, aber mindesten ebenso vogelaffinen Daniel Nussbaumer. Besammelt hatten sich die gut zehn Personen beim Nibelungenbrunnen auf dem Schlossplatz. Von dort ging es nicht etwa stundenlang bergauf. Gerade mal 100 Meter weit führte die Expedition, an eine Stelle, an der die Felswand des Schlossbergs gut einsehbar war. Das Spektiv, ein modernes Fernrohr, war schon auf die richtige Stelle ausgerichtet. Und tatsächlich: Direkt aus der Stadt Hohenems heraus konnte man ihn entdecken, den Uhu. Nun, das Fotos von ihm ist von schlechtester Qualität. Zu weit weg war der grösster, nachtaktiver Greifvogel unserer Breiten.

Der Uhu von Schlossberg in Hohenems.
Foto © Jörg Niederer

Im Vorarlberg gibt es fast in jedem Seitental ein Uhu-Revier. Dass Uhus so nahe an den Lichtern und Häusern von Hohenems leben, liegt wohl daran, dass kein anderes Revier mehr frei war. Es handelt sich um relativ junge Vögel, vielleicht drei Jahre alt.

Action kam nicht gross auf. Zwei-, dreimal wurde der Vogel von Krähen entdeckt, doch lange beschäftigen diese sich nicht mit dem für sie gefährlichen Greifer.

Daniel Nussbaumer liess uns beim Warten auf das Einnachten einige von einer Waldohreule ausgewürgte Gewölle untersuchen. Es ging darum, anhand der Knöchelchen herauszufinden, was dem Kauz da als Nahrung gedient hatte. In allen Fällen waren es Rötelmäuse.

Weiter erkläre der Naturführer anhand einer Waldkauz-Schwungfeder, warum Eulen geräuschlos fliegen können, und warum ihre Ohren in unterschiedlicher Höhe am Kopf angebracht sind. Auch dass die Eule der wohl älteste abgebildete Vogel Europas ist, erfuhren wird. So fand man doch in Frankreich über 30'000 Jahre alte Höhlenzeichnungen von einer damals auch in Europa lebenden amerikanischen Eulenart.

Für alle, die nun auch die Uhus von Hohenems anschauen möchten: Der Vogel ist nur mit Spektiv zu finden, und das ist alles andere als einfach an dieser grossen, gut strukturierten Felswand. Daniel Nussbaumer suchte ihn gut zwei Stunden, bis er fündig wurde. Und wir waren die Nutzniesser und dankten es ihm mit herzlichem Applaus.

Jörg Niederer

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