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Sonntag, 19. April 2026

Eigenruhm stinkt

Ein Zitat

Die Klosterkirche und Teile des Klosters St. Urban. Heute befindet sich hier eine Psychiatrische Klinik.
Foto © Jörg Niederer
"Der Gerechte darf sich freuen über den Herrn – bei ihm wird er seine Zuflucht suchen. Jeder darf sich rühmen, der ein ehrliches Herz hat." Bibel, Psalm 64,11

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Ich musste diesen Vers zweimal lesen. So unglaublich ist das, was hier geschrieben steht. Da heisst es nicht: "Jeder darf Gott rühmen, der ein ehrliches Herz hat." Da heisst es, "Jeder darf sich rühmen..." – "Eigenruhm stinkt" haben wir als Kinder gesagt. Irgendwie ist der ganze Psalm in einer verqueren Logik geschrieben.

David, dem dieser Psalm zugeschrieben wird, war ja nicht gerade ein Engel. Dass er seinen Feinden die göttliche Rache an den Hals wünschte, mag aus menschlicher Sicht verständlich sein. Aber müsste er sich da nicht auch ein bisschen an der eigenen Nase nehmen? Dass es ihm letztlich – es sind ja die letzten Worte des Psalms – um seinen eigenen Ruhm geht, ist nun aber wirklich der Gipfel der Unverschämtheit. Der Psalm offenbart überdeutlich die Abgründe im Herzen des Beters. So wird Gott nicht geehrt. Er wird darin aufgefordert, Handlanger der eigenen Wünsche zu werden.

Das Beste, was dieses Gebet zeigt, ist: So total eigensüchtig und falsch dürfen wir mit Gott reden. Er hört uns ab, wie eine Mutter ihre frustrierten Kinder.

Jörg Niederer

Donnerstag, 27. November 2025

Christusaugen

Ein Zitat

Blaue und weisse Stiefmütterchen mit Rändern aus Raureif in einem Zierbeet in Winterthur.
Foto © Jörg Niederer
"Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen." Redensart aus dem Märchen Aschenputtel

Hingesehen

Dass die Freidenker ausgerechnet eine Blume als Symbol ausgesucht haben, die auch "Christusauge" genannt wird, ist schon erstaunlich. Sie haben sich wohl stärker an der französischen Bezeichnung "La Pensée" orientiert, welche nicht nur die Bezeichnung für das Stiefmütterchen ist, sondern auch noch mit "der Gedanke" übersetzt werden kann.

Beim Nachdenken komme ich als Pfarrer schon früher oder später auf Christus, wobei ich da weniger an sein Auge denke.

Nun gibt es nebst dem Stiefmütterchen noch andere Blütenpflanzen, welche Christusauge genannt werden. Da wären die Konen-Lichtnelke, die Ringelblume, der Christusaugen-Alant und der Echter Bartpippau. Das Auge des Christus ist damit kaum blumentechnisch genau zu bestimmen, einmal abgesehen davon, dass alle so bezeichneten Blumen schön sind.

Die Bezeichnung "Stiefmütterchen" ist vom Märchen der bösen Stiefmutter (bzw. von Aschenputtel oder Cinderella) hergeleitet. Dabei werden die fünf Blütenblätter auf die verschiedenen Rollen aufgeteilt. Das eine zentrale, visuell unten befindliche Kronblatt ist die "Stiefmutter". Dieses bedeckt teilweise die darüber liegenden zwei seitlichen "Töchter", und diese ihrerseits die beiden "Stieftöchter". 

Genau so funktioniert das Gedächtnis. Mit einer Geschichte erinnere ich mich leichter an Namen, Reihen und Ereignisse. Damit wären wir wieder bei der französischen Bezeichnung: "La Pensée", also beim Gedenken und Nachdenken. Der Kreis schliesst sich.

Bleibt noch eine offene Sache: Im Märchen von Aschenputtel ist von zwei Stiefschwestern die Rede, aber nicht von zwei Aschenputteln. Vielleicht gibt es ja eine entsprechende Version, die mir aber nicht bekannt wäre. Vermutlich hat man es bei der Blumen-Namensgebung der "Stiefmütterchen" nicht ganz so genau genommen mit der Geschichte. Da bekommt der Ausruf: "Erzähl keine Märchen" doch gleich noch eine tiefere Bedeutung.

Jörg Niederer

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