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Dienstag, 28. Juli 2026

Der wilde, wilde Mann

Ein Zitat

"Die Form von Unterdrückung, von der wir [Männer] befreit werden müssen ist folgende: Wir müssen uns von all den falschen Bildern und Erwartungen befreien, die uns die Gesellschaft aufgezwungen hat und die wir internalisiert haben." Richard Rohr, Der wilde Mann - Geistliche Reden zur Männerbefreiung, München 1986, S. 104

Entdeckt

Wirtschaftsschild vom Restaurant Wilder Mann in Ferrenberg bei Wynigen.
Foto © Jörg Niederer
Es ist ja nicht so, dass das Restaurant zum Wilden Mann in Ferrenberg ob Wynigen die einzige Gaststätte dieses Namens ist. Auch in Wynigen selbst gibt es einen ehemaligen Gasthof zum Wilden Mann. 1790 wurde das spätbarocke Haus errichtet. Hier aber auf dem Foto ist das Wirtshausschild eines anderen "Wilden Mannes" abgebildet. Das dazugehörige Speiselokal ist in einem alten Bauernhaus aus dem Jahr 1830 untergebracht. Was man sich in Ferrenberg einst unter einem "Wilden Mann" vorstellte, kann man am Wirtshausschild gut erkennen. Ein naiv gemalter Afrikaner im Baströckchen, Pfeil und Bogen, das war damals die heute peinliche wirkende Vorstellung eines Wilden Mannes. Zwischenzeitlich ist eine solche Darstellung glücklicherweise ein No-Go geworden. So darf man Afrikaner nicht mehr darstellen. Damals war es wohl für die Einheimischen kein Problem, ein derart abwertendes, klischeehaftes Bild von Menschen zu zeichnen und zu haben, die noch lange als Sklaven in den USA und andernorts ausgebeutet wurden.

Was wäre mein Bild von einem wilden Mann? 

Ist es der Wilde Mann aus dem Buch des Franziskaners Richard Rohr, ein emanzipierter, von "sexistischen, biographischen und gesellschaftlichen Klischees, Fixierungen und Zwängen" (Richard Riess) befreiter Mann?

Ist es der edle Wilde der Romantik, dieser unverdorbene, gute Mensch, den auch der Philosoph Jean-Jacques Rousseau einst beschworen hatte?

Wäre meine Vorstellung eines wilden Mannes die einer der westlichen Welt unterlegenen, in der Steinzeit verlorenen Mannhaftigkeit?

Oder ist es der wilde Mann im Sinne toxischer Männlichkeit, beschworen im Dunstkreis antifeministischer, Frauen verachtender Mannosphäre?

Was ist mein Bild eines wilden Mannes? Ein zahmer Mann zu werden scheint wenigen erstrebenswert zu sein.

Also: Was ist mein Bild eines wilden Mannes? So klar sehe ich noch nicht. Da braucht es noch ein weiteres Nachdenken.

Jörg Niederer

Montag, 27. Juli 2026

Die Kapelle und der Glungge-Hof

Ein Zitat

Die Kapelle der Evangelisch-methodistische Kirche in Breitenegg gibt es seit 1924.
Fotos © Jörg Niederer

"Auf unseren gemeinsamen Weg als Bezirk Breitenegg freue ich mich und danke Euch herzlich für jegliche Unterstützung."
Thomas Lerch, neuer Gemeindemitarbeiter auf dem Bezirk Breitenegg

Entdeckt

Es gibt Orte, da wundert man sich, dass hier eine Freikirche zu finden ist, während andernorts diese ihre Tore schliessen musste. So geschehen auf dem evangelisch-methodistischen Kirchenbezirk Burgdorf-Breitenegg. In Burgdorf beendeten kürzlich die Methodist:innen ihre kirchliche Präsenz, während sie im kleinen Emmentaler Weiler Breitenegg auch nach 102 Jahren weiter wirken. Gestern war ich zum ersten Mal an diesem abgelegenen Ort im Emmental. Bis zur nächsten Busstation geht es 1,9 Kilometer weit und 125 Höhenmeter hinunter ins Önztal. Wer hier lebt, ist motorisiert. Vor der Kapelle stehen mehrere Autos, einige ohne Nummernschilder. Hinter der Kapelle, direkt in der Verlängerung am Haupteingang vorbei, ist ein Schwimmbassin für Kinder aufgestellt. Sitzgelegenheiten stehen etwas unordentlich beim Eingang herum. Es gibt ein Untergeschoss mit Gemeinderäumen. Die Kapelle war bei meinem Besuch verschlossen. Im ersten Stock standen die Fenster offen. Einen Moment lang sah ich dort eine Frau und grüsste. Das musste sie vertrieben haben. Wunderte sie sich über diesen neugierigen unbekannten Mann, der da Fotos von der Kapelle und sich machte?

Die Kapelle ist, so lese ich in einer Broschüre über das Dorf, auch das Übungslokal des Posaunenchors Rüedisbach, ein Allianzmusikverein. Weiter steht in der Broschüre, dass sich die Gläubigen der Evangelischen Gemeinschaft, einer Vorläuferkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), schon vor dem Kapellenbau in den Bauernhöfen Mutzgraben, auf der Heidenstatt und im Äusseren Grütt getroffen haben.

Zur Methodistenkirche Breitenegg zählen heute 38 Mitglieder. Hinzu kommt ein noch einmal so zahlreicher Freundeskreis, und etwa 25 Kinder.

Die Jungschar dort nennt sich Glungge und zählt aktuell 32 Personen. Mit dem Namen knüpft diese Jugendarbeit an verfilmte Werke von Jeremias Gotthelf an. Die Filme "Ueli der Knecht" und "Ueli der Pächter" wurden denn auch in einem imposante Bauernhaus aus dem Jahr 1681 im nahe gelegenen Weiler Brechershäusern gedreht. Seither wird besagtes Bauernhaus auch namentlich mit der Glungge aus den Büchern Gotthelfs gleichgesetzt.

Auf dieser Etappe der Kapellentour kamen wir nicht nur an der Methodistenkirche Breitenegg, sondern auch am Glungge-Bauernhof vorbei. Noch weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in dieser Gegend. Dazu später mehr.

Was mir auffällt. Die mir bekannten und eher abgelegenen Versammlungsorte der Methodist:innen haben gut in der Gesellschaft integrierte Jungscharen. Oft wird von der offiziellen, politischen Gemeinde auf dieses Angebot hingewiesen. Weiter sind eine grössere Zahl der Kirchgemeindeglieder in der Landwirtschaft tätig und stark familiär verbunden. Vermutlich ist das auch so in der EMK Breitenegg.

Von Breitenegg wird mich die geplante Wanderroute nach Burgdorf führen. Dazu später mehr.

Jörg Niederer

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