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Freitag, 31. Oktober 2025

Wir protestieren gegen den Tod

Ein Zitat

Halloween-Miniaturen in Kartonkisten sind im Schaufenster des Quartiervereins "Im Vogel" in Wollishofen ausgestellt.
Foto © Jörg Niederer
"liebe gemeinde / wir befehlen zu viel / wir gehorchen zu viel / wir leben zu wenig" Kurt Marti (1921-2017) im Buch "Leichenreden" (Darmstadt und Neuwied 1984, S. 35)

Hingesehen

Zum heutigen Halloween gäbe es gleich einige Illustrationen. Da wäre das auf Güterwagons der Bahn gesprayte menschliche Skelette. Oder dann der schauerliche Dekorationswettkampf zweier Nachbarn im Vorarlbergischen Hohenems. Auch die drei klassisch geschnitzten, ausgehölten und mit Kerzenlicht erleuchteten Kürbisfratzen auf dem Brunnen vor dem methodistischen Mehrfamilienhaus in Frauenfeld wären schön anzusehen. Ich habe mich aber für die Aktion "Brings i'd Box" des Quartiervereins "Im Vogel" von Wollishofen entschieden. Dabei sind einige wirklich kreative Halloween-Miniaturen entstanden. So wird Barbies Tod zelebriert, Clowns sind zu sehen und viele Gerippe. Manches erinnert an kirchliche Reliquien.

Nun ist Halloween in frommen Kreisen immer noch umstritten. Dabei macht diese spielerische Beschäftigung mit dem Tod durchaus Sinn. Gleich wie in den Leichenreden von Kurt Marti der floskelhaften Flucht vor dem Sterben eine Absage erteilt wird, so wird an Halloween der Verdrängung des Todes in der westlichen Welt explizit widersprochen. Das geschieht mit einer morbiden Fröhlichkeit. Die Angst vor dem Tod findet ein Ventil im gemeinsamen Zelebrieren der Vergänglichkeit. Die Leichenschau des kleinen Mannes bereitet die Menschen auf das Unvermeidliche vor. Beim Betteln an der Haustür wird das Unvermeidliche versüsst.

Vielleicht ist Halloween ja auch ein Flucht in die Realität. Eine Realität, die Kurt Marti so verräterisch in Worte fasste: "dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav e. lips / durch einen Verkehrsunfall starb. … dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass einige von euch dachten / es habe ihm solches gefallen // im namen dessen der tote erweckte / im namen des toten der auferstand: / wir protestieren gegen den tot von Gustav e. lips" (Kurt Marti, Leichenreden, Darmstadt und Neuwied 1984, S. 23)

Jörg Niederer

Montag, 1. September 2025

Kultur und Sommerflieder

Zitat

Ein Schwalbenschwanz besucht die Blüten eines Sommerflieders.
Foto © Jörg Niederer
"Der klarste Weg ins Universum führt durch einen wilden Wald." John Muir (1838-1914)

Hingesehen

Herzlich willkommen auf meiner Blogseite NichtNurNatur. Der Titel ist Programm. Es geht nicht nur um Natur, aber natürlich auch und immer wieder genau darum: um die Natur. Aktuell interessieren mich Vögel und Insekten besonders. Aber eben nicht nur. Natur hat immer auch viel zu tun mit Kultur. Das ist gleich auch bei dieser ersten Naturbeobachtung so.

Ein Schwalbenschwanz, eine bekannte einheimische Schmetterlingsart, besucht den blühenden Sommerflieder. Sommerflieder ziehen viele Insekten an, auch viele Schmetterlinge. Darum findet er sich häufig in gepflegten und ungepflegten Gärten. Jedoch darf der Sommerflieder in der Schweiz seit 2024 nicht mehr verkauft und auch nicht mehr vermehrt oder weitergegeben werden. Der Schmetterlingsflieder, wie diese Zierpflanze auch genannt wird, gehört zu den invasiven, gebietsfremden Neophyten, also den Pflanzen, die sich ausgesprochen leicht vermehren und dabei einheimische Pflanzen verdrängen.

Nun könnte man sagen, dass der ursprünglich auch China und dem Tibet stammende Sommerflieder doch von unseren einheimischen Insekten und Faltern geschätzt wird. Warum soll er dann bei uns ausgemerzt werden. Es ist richtig, dass er vor allem langrüssligen Insekten als wertvolle Nahrungsquelle dient. Allerdings produziert diese Zierpflanze jährlich bis zu 3 Millionen Samen, die sehr leicht sind und bis zu 40 Kilometer weit verfrachtet werden. Deshalb findet man mitten auf Lichtungen in Wäldern wild wuchernde Ansammlungen vom Sommerflieder. Dort können heimische Wildpflanzen nicht mehr wachsen. Das möchte man unterbinden.

Wie sagte ich doch: Kultur und Natur haben viel miteinander zu tun. Indem wir artfremde Pflanzen bei uns kultivieren, verändern wir die Natur. Nicht immer ist das gut oder erwünscht. Beim Sommerflieder hat man sich gegen ihn entschieden.

Jörg Niederer

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