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Donnerstag, 16. April 2026

Der Türtisch

Ein Zitat

Verwitterte Haustür an einem alten Schindelhaus.
Foto © Jörg Niederer
"Gebet eines Skeptikers / Gott, – wenn du bist, – errette aus dem Grabe / Meine Seele, – wenn ich eine habe." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Hingesehen

Hier wieder einmal eine Leseprobe aus dem Buch: 20/21 Synchron - Ein Lesebuch zur Literatur der mehrsprachigen Schweiz von 1920 bis 2020, Zürich 2022. Diesmal ein Auszug aus den Möbelgeschichten von Tim Krohn (*1965).

"Im Schlafzimmer meiner Nona stand ein Tisch, der aus einer Tür gemacht war. Sie sagte immer: 'Das ist mein liebstes Stück, alles dürft ihr weggeben, aber nicht diesen Tisch.' Schliesslich fragte ich: 'Nona, was findest du daran? Es ist doch nur ein oller Tisch.' Sie lächelte verschmitzt. 'Leg dich drunter.' Ich kroch unter den Tisch und legte mich hin. 'Sieh hoch, jetzt führt die Tür direkt in den Himmel. Wenn ich tot bin, bahrt ihr mich darunter auf, und ich komme direkt ins Jenseits. So können wir uns den Pfarrer sparen.' Sie war wirklich so klein, dass sie unter den Tisch gepasst hätte. Aber wir bahrten sie dann doch auf dem Tisch auf, und der Pfarrer kam auch. Daran, dass sie in den Himmel kam, gab es sowieso keinen Zweifel."

Jörg Niederer

Sonntag, 26. Oktober 2025

Ein ungebetener Gast

Ein Zitat

Weihnachtsprojektionen eines Gastes auf eine Tür in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Abraham sagte: 'Mein Herr, wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, dann geh nicht hier vorüber. Ich stehe dir zu Diensten'." Bibel, 1. Mose 18,3

Hingesehen

Drei wildfremde Menschen stehen vor dem Zelt Abrahams. Er kennt sie nicht. Doch er lädt sich sogleich zum Essen ein. Das ist orientalische Gastfreundschaft.

Ich stelle mir vor, wie ich, ein Schweizer, in der Wohnung sitze. Da klingelt es. "Ja", frage ich durch die Gegensprechanlage. Jemand fragt im gebrochenen Deutsch, ob er mit mir sprechen dürfe. Ich bin misstrauisch. Was will denn der? Warum läutet er bei mir?

Ich überwinde mein Misstrauen und öffne. Nun steht er vor der offenen Wohnungstür. Kein Hausierer, kein Bettler. Und doch weiss ich nicht recht, ob ich ihn hereinbitten will.

"Was möchten Sie?" frage ich ihn. "Nur mit Ihnen reden und einen Kaffee trinken", antwortet er. "Sie wollen mit mir meinen Kaffee trinken, an meinem Tisch sitzen, und auf Kosten von meiner Zeit mit mir reden." Nun müsste er merken, dass ich nicht begeistert bin. "Sie sind nicht etwa von den Zeugen Jehovas?" frage ich ihn. Er schweigt. Er hat verstanden. Bei uns steht nicht jedem X-beliebigen die Tür offen. Bei uns kann man nicht einfach so kommen. Bei uns sind Gäste willkommen – nach Voranmeldung und mit gültigen Ausweispapieren. Ich schliesse die Wohnungstür. Ich bin froh, dass er von alleine wieder gegangen ist.

Was wäre, wenn Abraham derart seinen Besuch weggewiesen hätte? Er hätte die Ankündigung seines Lebens verpasst. Es sind manchmal Fremde, die dir das Wichtigste im Leben sagen. Wie heisst es doch im Hebräerbrief 13,2: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen."

Jörg Niederer

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