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Mittwoch, 28. Oktober 2026

743 Kilometer authentische Schweiz

Ein Zitat

Oben: Das Städtchen Erlach am Bielersee. Unten: Die zurückgelegt Strecke der Kapellentour eines ganzen Jahres.
Fotos: © Jörg Niederer
"Nichts bezeichnet den Menschen mehr als das, wofür er niemals Zeit findet." Isolde Kurz (1853-1944)

Entdeckt

Vor genau einem Jahr begann ich entlang der Kapellen und Liegenschaften der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) der Schweiz kreuz und quer durch das Mittelland zu wandern (Siehe Beitrag vom 29. Oktober 2025!). Dabei war ich bis heute 743 Kilometer weit zu Fuss unterwegs. Ich bin, ausgehend von der Regenbogenkirche in Wollishofen am Zürichsee an 97 Wirkorten der Methodisten vorbeigekommen. An 54 Orten ist die EMK und ihre Tochterorganisationen nach wie vor im Besitz der Örtlichkeiten. Nicht an all diesen Orten wird noch kirchlich oder diakonisch gehandelt. Mancherorts sind die Objekte vermietet oder Wohnraum geworden.

Mein Weg führte mich also vom Üetliberg an den Fuss des Chasseral, vom Zürichsee an die Gestaden des Bielersees, vom Grossraum Zürich via Glarus nach Aarau und mit einem Abstecher nach Luzern ins Bernbiet und ins Emmental. Weiter ging es nach Bern und nun ins Seeland bis ins lange Zeit savoyische und dann bernische Erlach. In manchen Wochen war ich an zwei Tagen unterwegs, in anderen nur an einem Tag. Unterwegs kam es immer wieder zu interessanten Begegnungen. Unter dem Stichwort "Kapellentour" können die vielen Beiträge zu einstigen und aktuellen Kapellen, Alterszentren, Kinderkrippen und Wohnliegenschaften nachgelesen werden. Natürlich gab es auf dem Weg auch Besonderes zu sehen, Steinkreise im Säuliamt, der Flachsee an der Reuss, die Stadtmauer und der einstige Richtplatz von Luzern, die Sandsteinfelsen und das Schloss von Burgdorf, der Rastplatz für die Fahrenden bei Jegenstorf, die Straffanstalten von Hindelbank und Thorberg, das Ladenimperium Jakob-Markt in Zollbrück, die Aareauen zwischen Belp und Bern, das Bundeshaus in Bern, der Chutzenturm bei Wahlendorf, das Grosse Moos, die Zuckerfabrik bei und das schöne Städtchen Aarberg, und nun der Bielersee.

In Erlach, oder wie es auf Französisch heisst, in Cerlier, wurde ich erstmals französisch gegrüsst. Ich steh an den Pforten zum Welschland. Die Anreisen zu den jeweiligen Etappen werden nun noch etwas länger. In Neuchâtel ist dann der Umkehrpunkt. Dann geht es via Jura langsam aber sicher wieder zurück. Wenn alles gut geht, werde ich in etwa einem Jahr erneut im Gottesdienst der Regenbogenkirche sitzen, diesmal nicht in Wollishofen sondern in der Methodistenkirche in Oerlikon. Denn am Standort Wollishofen wurde zwischenzeitlich die kirchliche Arbeit der EMK eingestellt. Veränderung liegt eben überall in der Luft.

Jörg Niederer

Montag, 26. Oktober 2026

Pilzzeit

Ein Zitat

Lamellenpilz. Vielleicht eine Schleierlings- oder Fälblings-Art.
Foto: © Jörg Niederer
"Der du die Wälder färbst, / Sonniger, milder Herbst, / Schöner als Rosenblühn / Dünkt mir dein sanftes Glühn." Ferdinand von Saar (1833-1906)

Entdeckt

Die Oberfläche des Pilzes sieht ein bisschen aus wie Schokopulver auf Milchschnee. Essen werde ich ihn bestimmt nicht. Ich kenne mich bei Pilzen nicht aus. Auch vermute ich, dass die essbaren Pilze schon längst gepflückt worden sind, was dazu führt, dass ich nur ungeniessbare Pilze zu Gesicht bekomme. Mit dem Regen der letzten Tage besteht eine erhöhte Chance, weitere schöne Exemplare zu entdecken. Da ich heute in der Natur unterwegs sein werde, halte ich die Augen nach Pilzen und anderen kleinen Wundern offen.

Jörg Niederer

Freitag, 16. Oktober 2026

Sugar, Zucker, Sucre

Ein Zitat

Oben: Die Zuckerfabrik Aarberg ist von der Kirche aus gut zu sehen. Unten: Die Zuckerfabrik Frauenfeld, wie ich sie fast jeden Tag sehe.
Fotos: © Jörg Niederer
"Jeder hat sein Gift, und meins ist Zucker." Derrick Rose, ehemaliger Basketballspieler (*1988)

Entdeckt

Als ich in Aarberg aus dem Zug steige, liegt ein Duft in der Luft, wie ich ihn nun schon seit 18 Jahren gut kenne. Bei der Kirche in der wunderschönen aber etwas autoverseuchten Altstadt von Aarberg ha
be ich dann einen guten Blick auf die Ursache dieses Duftes. Aus dem Nebel ragen die Industriebauten der Zuckerfabrik. Die Produktion ist in vollem Gang. Weisser Wasserdampf steigt auf.

In der Schweiz gibt es nur noch eine einzige weitere Anlage, die Zucker produziert. Sie sehe ich fast jeden Tag, wenn ich auf den Balkon hinaustrete, oder den Gang in die Stadt antrete: die Zuckerfabrik Frauenfeld. Damit könnte man sagen: Im Laufe meines Lebens bin ich buchstäblich und mittels Einsatz meiner Extremitäten von Zuckerfabrik zu Zuckerfabrik gewandert.

Zucker wird in der Schweiz vom Staat mit Beiträgen an den Anbau gefördert. Auf der anderen Seite haben sich Teile der Lebensmittelindustrie, flankiert von bundesrätlichem Beistand, mit der Unterzeichnung der Erklärung von Mailand verpflichtet, den Zuckergehalt in Nahrungsmittel zu verringern, was soweit auch erfolgt ist.

Zwar ist die Schweiz geeignet für die Zuckerrübenproduktion, doch müssen dabei starke Insektizide eingesetzt werden. Zum Einsatz kommen Produkte mit Breitbandwirkung, die für alle Insekten toxisch sind. So ist das derzeit giftigste Pflanzenschutzmittel Deltamethrin, das in der Schweiz verwendet werden darf, für den Zuckerrübenanbau zugelassen. Es ist für Wassertiere wie Fische und Kleinkrebse 10'000-mal schädlicher als beispielsweise das in der Öffentlichkeit bekanntere Glyphosat. Beim Einsatz von solchen Breitbandinsektiziden überlebt praktisch kein Insekt auf der behandelten Fläche.

Bio-Zucker wäre die Lösung, ist jedoch äusserst Arbeitsintensiv in der landwirtschaftlichen Produktion. Eine ökologische Zuckerproduktion und -Verarbeitung ist daher in der Schweiz nur in sehr begrenzten Umfang möglich und deckt bei weitem nicht die Nachfrage.

In gesundheitlicher Hinsicht ist Zucker daher ein problematischer Stoff, sowohl im Anbau wie beim Konsum. Dabei wird unser Lebensraum und die Biodiversität massiv beeinträchtigt. Hinzu kommen Erkrankungen wie Diabetes Typ 2 sowie Übergewicht.

Doch auch in diesem Jahr werden in den beiden Werken Aarberg und Frauenfeld wieder 250'000 bis 300'000 Tonnen Zucker produziert und dann wohl auf die eine andere andere Art konsumiert. Das macht pro Schweizer:in und Jahr so um die 35 Kilogramm Zucker. En Guete!

Jörg Niederer


Freitag, 22. Mai 2026

Der Wanderwagen

Ein Zitat

René Moor unterwegs in schwierigerem Gelände mit dem Wanderwagen.
Foto © Jörg Niederer
"Gestern bin ich von meiner 6-wöchigen Wanderung von Sigmaringen/Donau nach London zurückgekehrt und bin voller Begeisterung von meinem cart4go 4all. Mit Rucksack hätte ich (70-Jähriger Rentner) die 1200 km niemals geschafft, ging es doch u.a. über 3 Mittelgebirge: Schwäbische Alb, Schwarzwald und Vogesen." Kommentar von Dr.M.S. auf der Webseite von cart4go

Entdeckt

Nun bin ich also 72 Kilometer mehr oder weniger hinter meinem Wanderkollegen René Moor und seinem Wanderwagen hergetrottet. Auf meinem Rücken lasteten wohl so 15 Kilogramm Rucksackgewicht mit Inhalt. Die Folge: Verspannte Schulter am 3. und 4. Tag. Mein Vorauswanderer hatte diesbezüglich keine Schwierigkeiten. Seine Wanderausrüstung rollte auf dem von ihm meist wie ein Karette gestossenen Wanderwagen. Ging es steil bergauf, dann wurde er auch schon einmal gezogen. Hinunter, etwa über eine Treppe, liess sich der Wagen leichter steuern, wenn er dem Wanderer vorausrollte.

Der Wanderwagen ist schon seit 2017 in Besitz von René Moor. Seither ist viel gegangen beim Produzenten. Der Wanderwagen cart4go wurde weiterentwickelt. Es gibt schon vier Modelle. Auch kann man ihn sich nun auch in die Schweiz liefern lassen. Zugriemen gab es schon beim Modell von 2017, doch René Moor verzichtet darauf. Mit einer Breite von 52 Zentimeter kommt es auch mit Singletrails zurecht. Den Bianco- oder auch Lägerngrat sollten es dann aber doch nicht sein. So will der Schrittler, wie sich Moor auch nennt, mit dem Wanderwagen vor allem die flacheren Passagen begehen. Begonnen am Bodensee durfte ich ihn also bei seiner zweiten Serie von Weinfelden entlang von Thur und Rhein bis nach Kaiserstuhl begleiten. Weiter soll es bis an den Genfersee gehen. Die vier zurückgelegten Etappen boten viele flache Wegabschnitte, aber auch den einen oder andern steilen Auf- und Abstieg auf typischem Wanderterrain. Der Wagen erfüllte klaglos seinen Dienst. Was man von mir nicht sagen konnte. Gelegentlich habe ich schon geklagt, meist leise und heimlich. Denn zweifellos bietet so ein Wanderwagen neue Möglichkeiten, sich auf zwei Beinen unbelasteter fortzubewegen.

Noch einige Details zum Gefährt. Es wird ohne Packtasche geliefert. Alle Teile sind mit einem einzigen Inbusschlüssel montier- und zerlegbar. Die Reifen sind PU-pannengesichert. Je nach Grösse kann zwischen 17 und 25 Kilogramm zugeladen werden bei einem Eigengewicht von unter 3 bis 6 Kilogramm. Die Kosten sind überschaubar, spart man sich doch so früher oder später teure Rückenoperationen. Von 270 Euro geht es je nach Modell hoch bis 400 Euro.

Also mich hat der Wanderwagen überzeugt. Vielleicht werde ich bald auch so unterwegs sein. Das selbst dann, wenn ich gelegentlich etwas dumm angeglotzt werden sollte. Gerade auch mit Blick auf die teure Kameraausrüstung, die schnell einmal ins Gewicht gehen kann, ist ein Wanderwagen Balsam für den lastengeplagten fotografierenden Fernwanderer.

Jörg Niederer


Freitag, 15. Mai 2026

Glotzen

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Rinder bei Nyffenegg beobachten uns neugierig, wie wir den Berg hinaufkeuchen.
Foto © Jörg Niederer
"Das ständige Glotzen / Das ständige Motzen / Das ständige Protzen / einfach zum Kotzen" Hans-Christoph Neuert (1958-2011)

Hingesehen

Unlängst las ich darüber, wie Schweizer:innen fremde Personen unverhohlen anglotzen, was natürlich von diesen als Problem erfahren wird. Nun hat mich auch schon einmal jemand daraufhin angesprochen, warum ich sie ständig fixiere. Tatsächlich suche ich immer irgend einen Orientierungspunkt in der Landschaft, und wie ich festgestellt habe, sind das nicht selten Personen. Natürlich arbeite ich zwischenzeitlich an dieser Marotte und versuche, bewusst auch wegzuschauen.

Dazu eine Beobachtung. Selten sind mir so viele neugierige Rinder und Kühe begegnet wie auf der letzten Wanderung. Schon von weitem fixierten sie uns, beobachteten anhaltend, wie wir langsam näher kamen, ja sie glotzten uns richtiggehend in den Boden. Was sie wohl dachten bei unserem Anblick? Vermutlich wunderten sie sich, wie langsam wir den Berg hochkraxelten, und warum wir uns überhaupt so unnötiger Weise abplagen. Vielleich mokierten sie sich auch über unser Outfit, verglichen es mit anderen Wandernden, die besser gekleidet waren. Vielleicht fragten sie sich auch, ob uns zu trauen sei. Thurgauer im Emmental, das könnte zu Eigentumsdelikten führen.

Zurückglotzen brachte auch nicht viel. Das war den Rindern und Kühen so was von egal. Die schauten uns einfach weiter an, irgendwie aufmerksam und auch gelangweilt. Man muss ja irgendetwas betrachten beim Wiederkäuen. Möglicherweise dachten sie auch darüber nach, warum sie noch nie einen Menschen gesehen haben, der wie sie ins Gras beisst, selbst wenn diese noch so erschöpft ausgesehen haben und reif für eine Stärkung gewesen wären. Das wäre mir aber gar nicht recht: Ins Gras beissen. Da glotze ich viel lieber weiter in der Gegend rum.

Jörg Niederer

Dienstag, 7. April 2026

Auf der Kapellentour – eine Zwischenbilanz

Ein Zitat

Hin und her führten mich die 35 Etappen auf der Kapellentour durch das Schweizer Mittelland.
"Ich glaube, die Welt ist wunderbar, und des Menschen Herz noch wunderbarer." Bettine von Arnim (1785-1859)

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Seit dem 28. Oktober bin ich immer einmal wieder tageweise unterwegs von Kapelle zu Kinderkrippe zu Altersheim zu Spital der Evangelisch-methodistischen Kirche. In 35 Etappen sind bisher 420 Kilometer schweizerisches Mittelland mit zwei Abstechern in die Alpen zusammengekommen. Im Grossraum Zürich gestartet ging es erst mal nach Glarus, dann wieder zurück in die Stadt Zürich und weiter mit einem Abstecher über Affoltern am Albis nach Aarau. Von dort führte mich der Weg nach Luzern und zurück an den Jurarand in die Stadt meiner Kindheit nach Olten. Durchschnittlich 12 Kilometer war ich dabei unterwegs. Es waren also durchaus Genusstouren. Ich bin selbst da, wo ich mich gut auskenne, mir unbekannte Wege gegangen und habe viel Neues und Faszinierendes entdeckt. Jahreszeitlich stapfte ich durch den Herbst, Winter und Frühling. Gebäude sah ich viele, die nach wie vor der Kirche und ihren "Tochtergesellschaften" gehören. Aber ich kam ebenfalls an vielen einstigen methodistischen Wirkorten vorbei, die heute nicht mehr kirchlich genutzt werden. Wenn ich mich nur schon an die Orte zurückerinnere, auf denen ich als Pfarrer die letzten 40 Jahre wirkte, dann gibt es von 19 Predigtstationen 12 nicht mehr. Umso erfreulicher waren die Begegnungen an den Orten, an denen ich auf Gemeindeglieder und Berufskolleg:innen traf. Sei es in Gottesdiensten oder zum Kaffee in einer Pfarramtsstube.

Es geht weiter. Die nächsten 100 Kilometer führen mich durch den Oberaargau und das Unteremmental nach Burgdorf. Dann geht es ins Seeland nach Biel und anschliessend über den Jura nach Basel und wieder zurück nach Zürich. Ich bin gespannt, was mich auf diesen Wegen erwartet.

Jörg Niederer

Dienstag, 24. März 2026

Schlammbach im Luzernischen

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Altes Gemäuer im Zentrum der Gemeinde Schlierbach, Kanton Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Cool, der nächste Bus kommt in 2 Stunden!"

Hingesehen

Schlierbach, Kanton Luzern grenzt an Schmiedrued, Kanton Aargau. In Schmiedrued war ich einst als Pfarrer tätig. Schlierbach war mir dennoch bis vor drei Tagen absolut unbekannt. Heute werde ich von hier aus auf meiner Kapellentour weiterwandern. Das geht, weil das Postauto den kleinen Ort auf dem Hügelzug östlich des Surentals (erst!) seit dem Jahr 1979 erschliesst. Sehenswürdigkeiten gibt es da nicht gerade viele. Da wäre die Sägerei und eine in römische Zeit datierende Fundstelle. Das wäre es dann auch schon gewesen. Was es mit dem alten Gemäuer auf dem Foto auf sich hat, es steht im Zentrum des Dorfs, habe ich nicht herausgefunden. Ein Schulhaus gibt es seit 1809. Die Gemeinde selbst besteht erst seit 1844. Damals wurden die Orte Schlierbach, Etzelwil und Wetzwil zur Gemeinde Schlierbach zusammengefasst. Telefonieren kann man in Schlierbach seit 1907, mit Elektrizität erschlossen ist der Ort seit 1912. Es gibt auch ein Restaurant mit prächtiger Aussicht.

Solche Orte wie Schlierbach finden sich einige in der Schweiz. Orte, die für die Menschen, die dort leben, von Bedeutung sind. Alle anderen fragen sich, wie man an so einem Ort überhaupt lange bleiben kann. Wenigstens hat es einen Volg-Einkaufsladen. Neben seiner auffälligen Front muss man den Zugang zur Gemeindeverwaltung, sie befindet sich im selben Gebäude, richtiggehend suchen.

Für Wandernde wichtig: Sind das Gemeindehaus und das Restaurant zu, sieht es schlecht aus mit öffentlichen Toiletten. Warum ich das weiss? Dreimal darfst du raten.

Der frühere Schlierbach heisst heute Weierbach und fliesst im Risitobel ums Dorf herum. Schlierbach bedeutet: "Schlammbach". Das Dorf erbte später diesen etwas unvorteilhaften Namen. Auch das ist irgendwie überraschend.

Jörg Niederer


Mittwoch, 4. Februar 2026

Es war einmal...

Ein Zitat
Heute ist die einstige Kapelle der Methodist:innen in Lenzburg ein Wohn- und Bürohaus. Viel hat sich äusserlich am Gebäude nicht verändert.
Fotos © Jörg Niederer
"Was ist Bürokratie? Eine Regelung der einzelnen Inkompetenzen im Sinne der allgemeinen Verantwortung."
Anton Kuh (1890-1941)

Hingesehen
Bei diesem Gebäude, einer ehemaligen Methodistenkapelle, kann ich das gleiche leicht angepasst schreiben wie schon im Blog vom 1. Februar 2026. Das werde ich nun auch so tun.
Einige langjährige Methodist:innen werden wissen, was auf diesem Foto zu sehen ist. Heute ist es ein Wohnhaus mit einer Wohngemeinschaft, einer weiteren Wohnung und einem Advokaturbüro. Doch zuvor war es der Versammlungsort der Methodist:innen in Lenzburg. Das Gebäude ist schon etwas betagt. Verkauft wurde es, nachdem sich mehrere Kirchgemeinden, darunter auch die Methodist:innen von Lenzburg, gemeinsam in Hunzenschwil eine Gewerbehaus kauften und seither dort gemeinsam feiern. So entstand die 3x3-Gemeinde, heute "3x3 EMK Region Lenzburg" genannt.
Gestern fand die Etappe meiner Kapellentour von Niederwil nach Lenzburg an diesem Ort sein Ende. Während ich so an der Strafanstalt, dem Schlossberg, dem Staufberg und dem Gofi vorbeizog, fielen mir Episoden und Gegebenheiten ein aus der Zeit, als wir uns in diesem Gebäude an der Ammerswilerstrasse trafen. Da sind die Alleebäume entlang der Strasse und auch die alte historische Dampfwalze direkt gegenüber besagter Liegenschaft. Auch die Diskussion kam mir in den Sinn, von der ich von meinem dort wohnhaft gewesenen Kollegen hörte. Es ging darum, ob eine Pfarrfamilie eine Geschirrspülmaschine brauche oder nicht. Nun, das ist Schnee von gestern.
Heute wird wohl weniger über Kücheneinrichtungen diskutiert als über die Frage, wie eine Kirche mit einer 300-jährigen Geschichte aktuell und relevant für die Menschen der heutigen Zeit bleiben kann. Das wird dann auch wieder Thema sein in etwa 5 Monaten am Gemeindestandort der "3x3 EKM Region Lenzburg", an der Tagung der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika (Synode der Methodist:innen). Darauf bin ich gespannt.
Jörg Niederer

Dienstag, 20. Januar 2026

Kanton Zürich zum Letzten

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Die Evangelisch-methodistische Kirche in Affoltern am Albis ist die Letzte, die ich auf meiner Kapellentour im Kanton Zürich erwandert habe.
Fotos © Jörg Niederer

"Ich solle noch sagen was meine Leidenschaft ist, neben Jesus. Das ist das Wandern. Ich wandere gerne und wenn ich Zeit habe, male ich auch gerne Aquarelle."
Urs Baumann, Pfarrer in der EMK Affoltern am Albis anlässlich einer Predigt in der dortigen Viva Kirche. 

Hingesehen

Auf meiner Kapellentour war ich bisher in den Kantonen Schwyz, Glarus und vor allem Zürich unterwegs. Nun endet bald die Zeit im Wirtschaftskanton und es geht in den weiss besockten Kanton Aargau, da, wo ich bisher in meinem Leben am meisten Zeit verbracht habe. Doch vorher durfte ich noch einmal vor einer Methodistenkirche stehe: derjenigen in Affoltern am Albis. Die Kapelle an der Zürichstrasse duckt sich etwas verschämt zwischen die mehrstöckigen Wohnhäuser. Architektonisch ist das Gemeindezentrum einmalig. Eine zweite derartige Konstruktion gibt es in der methodistischen Schweiz nicht mehr. 

An diesem "Ort der Begegnung", wie auf zwei Seiten aussen am Mauerwerk zu lesen ist, sind meine Frau und ich erst ganz allein. Doch dann fährt ein Auto vor, aus dem ein Ehepaar entsteigt. Es ist der aktuelle Liegenschaftsverwalter, der mich nicht kennt, mir dann aber doch abnimmt, dass ich irgendwie auch zu dieser Kirche gehören muss. Die beiden scheinen in Eile zu sein, und so frage ich gar nicht erst, ob er mich durch das Anwesen führen könnte. Nach kurzem Austausch von Höflichkeiten trennen sich unsere Wege wieder.

Nun wird es sehr lange Zeit dauern, bis ich wieder eine methodistische Liegenschaft im Kanton Zürich erwandern werde. Im Aargau warten die Rüeblitorten auf uns, und viele Erinnerungen aus vergangenen Zeiten.

Jörg Niederer


Freitag, 16. Januar 2026

Wieder einmal Winterwandern

Ein Zitat

Jörg Niederer im Winterwald beim Aufstieg von Zürich Altstetten nach Uitikon Waldegg.
Foto © Sabine Möckli
"Der Sommer macht mir heisse Plage, / Die Herbstluft ist veränderlich; / Drum stimmt die Liebe mit mir ein: / Der Winter soll mein Frühling sein." Johann Christian Günther (1695-1723)

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Der meteorologische Winter 2025/2026 ist zur Hälfte Geschichte. Seit meine beiden grossen Zehen mit Arthrose gesegnet sind, ist das Gehen auf weichem, stark nachgebendem Untergrund beschwerlicher geworden. Das gilt insbesondere für Schnee. So schaute ich vergangenen Dienstag bei der Weiterwanderung auf der Kapellentour mit etwas Sorge auf die zu erwartende Winterlandschaft zwischen Zürich-Altstetten und Bonstetten. Tatsächlich war ich fast 80% des Weges auf Schnee unterwegs; und o Wunder, es ging sich ausgezeichnet. Mit Stöcken war selbst die Gefahr, auf glattem Untergrund auszugleiten, ein beherrschbares Risiko. Dank Sonnenschein zeigte sich die Winterlandschaft von ihrer besten Seite. All dies Vorteilhafte hob meine Stimmung ins Himmelweite. Auch die gelegentlichen Pflotsch-Stellen an besonders sonnenexponierten Lagen nahe den Bäumen konnten der Dichte und Wärme der Wanderschuhe nichts anhaben. Es war ein weiterer, wunderbarer Tag in meinem Leben. Das tut, wie man so sagt, der Seele gut.

Jörg Niederer

Donnerstag, 1. Januar 2026

Jahresschlusswanderung durch Zürich

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Die Kapelle im Spital Bethanien Zürich wird nach wie vor von den Diakonissen der Diakoniegemeinschaft Bethanien genutzt.
Foto © Jörg Niederer
"Als Seelsorger habe ich Zeit für spontane, warmherzige und mitfühlende Begegnungen. Meine Ohren und Sinne sind offen für Gespräche über 'Gott und die Welt'. So erlebe ich im Convita Bethanien, bei den Diakonissen, in den Gottesdiensten und bei anderen Gelegenheiten was der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber treffend so beschrieb: 'Alles wirkliche Leben ist Begegnung'." Pfarrer Hanspeter Minder, Seelsorger Diakonie Bethanien

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Meine Jahresschlusswanderung bei schönstem Sonnenschein erfolgte am 31. Dezember 2025 von Küsnacht nach Zürich. Dabei besuchte ich Häuser und Kapellen aus mindestens vier verschiedenen, in methodistischer Tradition stehenden Gebäuden.

Während am Zürichsee über weite Strecken kaum ein Evangelisch-methodistisches Werk zu finden ist, ändert sich die Situation in Zürich grundlegen. Auf kürzeste Distanzen trifft man auf historische und neuere Objekte dieser Freikirche, in der ich 40 Jahre als Pfarrer gewirkt habe.

Die Evangelisch-methodistische Kirche ist mit der Kapelle Zelthof in Zürich auf meiner Reiseroute vertreten, und mit einer weiteren Kapelle, in der seit 25 Jahren das Restaurant Blinde Kuh in absoluter Dunkelheit feine Gerichte serviert.

Dann ist da die Genossenschaft CVB Immobilien, die aus dem ehemaligen methodistischen Verlagshaus CVB Buch + Druck hervorgegangen ist. An der Schifflände Zürich führte sie lange Zeit eine Buchhandlung. Das Haus gehört noch immer der Genossenschaft CVB Immobilien.

Dann sind da zwei verschiedene selbständige methodistische Werke mit Liegenschaften in Zürich vertreten. Hervorgegangen sind sie aus der Arbeit von zwei Diakonissenmutterhäusern.

Die Bethesda Alterszentren AG ist eine Tochter der Stiftung Diakonat Bethesda, zu der auch die Residenz Küsnacht in Itschnach gehört (Siehe Beitrag vom 19.12.2025). Auf dem von mir zurückgelegten Abschnitt ist da der Hauptsitz der Bethesda Alterszentren AG in Küsnacht zu nennen.

Das andere methodistische selbständige Werk ist die Diakonie Bethanien. Ihr bin ich in Zürich gleich mehrfach begegnet. Da wären zwei Kitas, dann das Altersheim Convita Bethanien und die Diakoniegemeinschaft Bethanien zu nennen.

Als Namen lebt auch das vor Jahren verkaufte Spital Bethanien weiter. Es gehört heute zu den Genolier-Spitälern und Kliniken und befindet sich an der Toblerstrasse, direkt neben dem Diakonissen-Schwesternhaus der Diakoniegemeinschaft Bethanien. Meines Wissen leben noch neun Bethanien-Schwestern im Schwesternhaus oder im Convita Bethanien.

Dort habe ich auch kurz die Kapelle besucht. Sie wird heute von der Privatklinik Bethanien als Auditorium bezeichnet. Unerwartet platzte ich dabei in die Vorbereitungen zur Jahresschlussfeier der Bethanien-Diakonissen hinein und konnte einige Worte mit zwei netten älteren Damen sprechen. Das war schön.

Heute soll es weiter gehen. Nach der Jahresschlusswanderung gibt es eine Neujahrswanderung. Ich bin gespannt. was dieses neue Jahr bringen wird.

Jörg Niederer

Montag, 15. Dezember 2025

Ein Loblied auf das Holz

Ein Zitat

Detailansicht eines Heuschobers, der wohl auch als Stall für Ziegen oder Schafe genutzt wurde.
Foto © Jörg Niederer
"Je näher du der realen Materie kommst, Stein, Luft und Holz, Junge, desto spiritueller ist die Welt." Jack Kerouac (1922–1969)

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Gestern unterhielt ich mich kurz mit einem pensionierten Schreiner. Aktuell katalogisiert er historische Gegenstände, die zur handwerklichen oder bäuerlichen Welt von einst gehören und in einem Museum lagern. Dass er als Schreiner solche Arbeit tut, hat damit zu tun, dass früher sehr viele Gegenstände aus Holz hergestellt wurden, vom ganzen Wohnhaus über den Hobel bis zur Holzschraube, vom Schneidbrett über das Furnier bis zum Gartenmöbel, von den Intarsien über das Ehebett bis zum Cellophan.

Holz war das Plastik von einst. Holz hat aber gegenüber Kunststoffen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass es sich natürlich zersetzt. Es verwittert. Holz bleibt nicht ewig, wird nicht zu Mikroplastik, das zunehmend unser Leben belasten. Holz altert je nach Konservierung schneller oder langsamer. An Burgruinen lassen sich die Aussparungen für die Holzbalken im Gemäuer oft noch gut erkennen, während es die Balken schon lägst nicht mehr gibt. Wenn man uraltes Holz findet, dann meist in Moorböden oder an ganz trockenen Orten in Wüsten. Unter Luftabschluss geht die Zersetzung sehr langsam voran. In Trockenheit kann Holz versteinern.

Auf dem Foto sieht man eine typische Detailansicht eines Heuschobers im Alpenraum. Vielleicht wurde er auch als Stall für Ziegen oder Schafe genutzt. Ein landwirtschaftlicher Multifunktionsraum, dessen Struktur und Hülle zu einem grossen Teil aus Holz besteht. Luftig gebaut dient ein solcher Schuppen der Zwischenlagerung und weiteren Trocknung des eingebrachten Heus. Er dient aber auch verschiedensten Wildtieren als Unterschupf, allen voran Vögeln Fledermäusen und Insekten. Oft ist leicht zu erkennen, welche Balken im Laufe der Jahrhunderte ersetzt werden mussten. Andere Bretter zeigen deutliche Spuren des Gebrauchs. Letzteres wird oft als malerisch, charaktervoll und idyllisch wahrgenommen. Balken, einst verborgen hinter Wand- und Deckenverkleidungen werden bei Renovationen oft wieder hervorgeholt, sichtbar gemacht, um einen Raum heimelig zu gestalten. Wirtshaustische zeigen stolz Spuren der Gäste vieler Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, sagt man. Aber Holz ist soviel mehr. Darum gehe ich heute ein bisschen Waldbaden. Oder auch ganz prosaisch gesagt: Ich gehe wandern. Einen grossen Teil davon im Wald.

Jörg Niederer

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Bei Fridolin

Ein Zitat

Der Heilige Fridolin, Kantonspatron von Glarus, steht bei Näfels auf einem Kreisel, geschmückt mit vielen Luftballons.
Foto © Jörg Niederer
"Mit ihren Herden wieder hin, / ziehen die Schäfer an Fridolin." Bauernregel zum Namenstag von Fridolin am 6. März.

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Beim Namen Fridolin kam mir lange Jahre vor allem ein Dackel in den Sinn. Die Geschichte, geschrieben von Franz Caspar, dem Autor des noch bekannteren Buchs "Rösslein Hü", war in den meisten Kinderzimmern zuhause. So auch in meinem. Erst viel später wunderte ich mich, dass ein Dackel ausgerechnet den Namen eines Kantonsheiligen trägt, notabene des einzigen Menschen auf einem schweizerischen Kantonswappen.

Fridolin ist mir denn auch mehrfach im Kanton Glarus begegnet. Noch bin ich auf meiner Kapellentour nicht ganz fertig mit diesem Stand. Es fehlen noch etwa zehn Kilometer Glarus.

Wer ist nun dieser Heilige Friedolin, der stets mit Wanderstab und Bibel dargestellt wird? Selbst bei der stilisierten Figur auf dem Kreisel bei Näfels dürfen diese beiden Attribute nicht fehlen, auch wenn abgesehen vom Kopf und den Händen wenig an eine menschliche Gestalt erinnern.

Fridolin soll in Bad Säckingen DE das sogenannte Fridolinskloster gegründet haben. Das war im 6. Jahrhundert. Der adlige Fridolin wurde in der irischen Klosterschule des Erzbistums Armagh ausgebildet, war aber nie ein Mönch. Die Legende erzählt, wie dieser Fridolin sich um den Wiederaufbau des Klosters Poitiers in Gallien bemühte, um sich nach vollendetem Werk als Wanderprediger auf Missionsreise zu begeben. Diese habe ihn dann über Metz und Strassburg nach Chur geführt. Seine Kirchen- und Klostergründungen, auch die spätere in Säckingen, waren alle dem Heiligen Hilarius von Poitiers geweiht.

In den Besitz von Glarus kam Fridolin durch eine Schenkung der Brüder Ursus und Landolphus, wobei letzterer versucht haben soll, ihn nach Ursus' Tod um seinen Anteil zu betrügen. Darauf habe Fridolin Ursus vorübergehend vom Tod auferweckt, um diese Sache klipp und klar durch Ursus klären zu lassen.

Das ist denn auch der Grund, warum Friedolin Schutzheiliger gegen Erbschleicherei ist.

Endgültig zum Kantonspatron wurde Fridolin in der Schlacht zu Näfels am 9. April 1388, in der die Glarner unter dem Banner des Fridolin die habsburgische Übermacht aus der Eidgenossenschaft vertreiben konnten.

Kriegerisches habe ich in Glarus nicht vor. Das Erbe des Fridolin muss ich ihm auch nicht streitig machen. Aber wandernd fühle ich mich dem Mann aus Irland schon ein wenig verbunden. Fridolin, wir sehen uns!

Jörg Niederer

Mittwoch, 12. November 2025

Kirchliche Gartenzwerge

Ein Zitat

Gartenzwerge auf einem Altartisch in der Kirche Schübelbach.
Foto © Jörg Niederer
"Je kleiner der Garten, desto größer der Gartenzwerg." Brigitte Fuchs (*1951)

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Natur gab es gestern auf meiner methodistischen Kapellentour zwischen Pfäffikon SZ und Altenburg viel. Angefangen bei einem Trupp Grosser Brachvögel über viele Störche, Grau- und Silberreiher zu Möwen und Eichelhäher; auch Mäuse gab es und Toggenburger Ziegen, natürlich Kühe und noch mehr. Aber wirklich aussergewöhnlich waren die Gartenzwerge, diese Inbegriffe der Biederkeit, in der Kirche von Schübelbach (das einzige Gotteshaus übrigens, das am Weg lag und geöffnet war). Sie standen zuvorderst ganz Rechts im Kirchenschiff. Verteilt über die ganze Breite waren Bilder aufgestellt von Familienangehörigen, manche schon recht alt. Auf einem Foto war eine Vierfachhochzeit zu sehen. Auf anderen Männer in alten Uniformen. Und dann eben die beiden Gartenzwerge. Dem herzförmigen Ballon am Handgelenk des einen war schon länger das Gas entwichen. Fröhlich lachend eine Schnecke in der Hand standen sie da zwischen all dem Gold, Marmor und den vielen Heiligen. Da passten sie so gar nicht hin. Es sei denn, wie ich auf der Webseite der Kirchgemeinde entdecken konnte, als Beitrag zu einem Familiengottesdienst. Ob sie wohl die Lieblings-Gartenzwerge eines lieben verstorbenen Angehörigen waren? Ob sie nach dem Kirchenbesuch wieder irgendwo in einem "gepützelten" Garten ihren bürgerlichen Dienst verrichten werden? Oder landen sie gar im Pfarrgarten?

So aussergewöhnlich die Gartenzwerge in der Kirche waren, so besonders war auch das Wetter. Die Sonne beschien mich den ganzen Tag von der Seite. Das Gehen ging im Herbstlicht wie von allein.

Wie schön, dass ich mich selbständig bewegen kann, nicht so wie Gartenzwerge. Auch muss ich nicht ständig an einem Platz stehen, bis mich jemand entführt oder auch nur umstellt.

Aktuell sind es nur noch 20 Kilometer bis zur nächsten methodistischen Kapelle in Glarus. Der Zürichsee und die Pfnüselküste liegen hinter mir. Es geht also voran.

Jörg Niederer

Samstag, 1. November 2025

Landmarke Säntis

Ein Zitat

Von Thalwil aus gesehen erhebt sich der Säntis über den Zürichseeorten Herrliberg und Meilen.
Foto © Jörg Niederer
"Selbst bei 200 km Fernsicht  fehlt einem manchmal der Durchblick." Hermann Lahm (*1948)

Hingesehen

Als ich am vergangenen Mittwoch zu meiner ersten Etappe der Kapellentour aufbrach, hatte man auf den Anhöhen über dem Zürichsee eine spektakuläre Weitsicht. Die frisch verschneiten Alpen zeigten sich am Horizont. Über Thalwil konnte man beobachten, wie die Fähren zwischen Horgen und Meilen hin- und herschipperten. Am Horizont über Mailen und Herrliberg erhob sich das Säntismassiv in seiner ganzen Pracht. Der Säntis gilt als Wetterberg. An 200 Tagen regnet oder schneit es auf dem Gipfel. 400 Blitze pro Jahr schlangen in den 124 Meter hohen Sendemast ein. Doch an diesem Tag zeigte sich diese Landmarke friedlich und erhaben.

Wer wie ich im östlichen Teil der Schweiz lebt, sieht in diesem überschaubaren Gebirge so etwas wie der Hausberg. Ob ich ihn allerdings auch heute sehen werde, ist noch ungewiss. Während meine erste Etappe auf etwas erhöhten Wegen von Wollishofen via Entlisberg nach Adliswil führte und von dort weiter nach Vorder Längimoos, Sihlhalden, Tällegg, Bergli, Spätz und Horgen, für die heutige zweite Etappe von Horgen dem Seeufer entlang nach Wädenswil und vielleicht weiter nach Richterswil. Da kann es an diesem Herbsttag auch neblig sein, befinden wir uns doch an der sogenannten Pfnüselküste des Zürichsees. Wir werden sehen. Jedenfalls zu sehen gibt es eine weitere methodistische Kapelle. Auch darauf freue ich mich.

Jörg Niederer

Montag, 20. Oktober 2025

Herdendummheit

Ein Zitat

Wandernde auf einem innoffiziellen Weg in der französischsprachigen Schweiz.
Foto © Jörg Niederer
"...wo stehe ich persönlich in Gefahr, der Masse (ob auf dem breiten Weg oder dem schmalen Trampelpfad) zu folgen und dabei das Selberdenken der Bequemlichkeit zu opfern?" Stef Gerber im Blog: "Gemeinsam falsch"

Hingesehen

Heute darf ich mit der Pfarrkleingruppe, zu der ich während meiner beruflichen Tätigkeit dazugehörte, wandern gehen. Es wird in der Tat eine sehr kleine Gruppe, nachdem vier Personen aus verschiedenen Gründen absagen mussten. Wir werden in Österreich wandernd, da dort das schlechte Wetter an diesem Tag später ankommt als auf Schweizer Seite.

Zu diesem Vorhaben passt ein Blogbeitrag von einem anderen Berufskollekten. Stef Gerber stellt darin anhand einer Wandererfahrung augenzwinkernd fest, dass man sich auch gemeinsam verlaufen kann, dass manchmal auch der schmale Weg in die Irre führt. Dazu zitiert er (nicht mehr augenzwinkernd) aus einem Buch von Willi Näf mit dem geistreichen Titel: "Seit ich tot bin, kann ich damit leben". In einem fiktiven Interview mit dem SS-Obersturmführer Lutz Baumgartner geht es um Gleichschaltung, Gruppendruck und Herdendummheit. Die Gegenwart lässt grüssen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 15. Oktober 2025

Pausentage

Ein Zitat

Herbstlicher Altarschmuck in der ab 1532 paritätischen Kirche Thal SG.
Foto © Jörg Niederer
"Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun, aber am siebten Tag sollst du ruhen. Auch dein Rind und dein Esel sollen ausruhen. Und der Sohn deiner Sklavin sowie der Fremde sollen sich erholen." Bibel, 2. Mose 23,12

Hingesehen

Christina Ragettli schreibt in ihrem Buch mit dem genialen Titel "Von Wegen" über ihre 2363 Kilometer lange Weitwanderung auf der Via Alpina von Triest nach Monaco auch über ihre Lernerfahrungen. Eine davon könnte auch ein Plädoyer für den sonntäglichen Ruhetag sein.

"Erst wenn man Pausen einlegt, dann freut man sich wieder auf den Wanderalltag. Und wenn man wandert, freut man sich auf den Pausentag. Diese Abwechslung war für mich so wichtig und hat vielleicht über Erfolg und Misserfolg - oder besser: Ankommen und Nicht-Ankommen entschieden. Auch Hermann fragte mich immer wieder: 'Äh was, dort machst du wieder eine Pause?' Aber als ich Hermann traf, war ich schon ganz entspannt und erklärte ihm: 'Ja klar, hey, ich habe keine Eile - muss nur wieder zurück ins Büro, wenn ich fertig bin.'" (Christina Ragettli, Von Wegen, München 2025, S. 246f)

Jörg Niederer

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