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Montag, 3. August 2026

Glockengeschichten

Ein Zitat

Oben: Die einstige, methodistische Kapelle ist heute ein Wohnhaus. Unten: Methodist:innen feierten einst auch im Kirchlein von Rüti bei Lyssach.
Fotos © Jörg Niederer

"Im taussd sib hundert eilfften Jahr / ich ganz von new gegossen war, / weil d'Kilchen-Gmeind ersetzen wollte / das von den Dieben Weggeholte. / Das[s] zu dem Wort ich ruffte fein, / wolt ich größer gegossen sein."
Inschrift aufgrund der durch Diebstahl ersetzten Glocke im Kirchlein Rüti.

Entdeckt

Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Jegenstorf wurde bis 1993 gottesdienstlich genutzt. Sie gehörte zum EMK-Bezirk Burgdorf. Heute wohnen im Haus, dem man nicht auf den ersten Blick die Kapelle ansieht, drei Mietparteien. Nach wie vor gehört das Gebäude mit Umschwung der EMK.

Ganz anders sieht es mit dem Kirchlein in Rüti bei Wyssachen aus, das auf halbem Weg zwischen Burgdorf und Jegenstorf liegt. Auch dort versammelten sich die Methodist:innen bis zum Jahr 1994. Das reformierte Gotteshaus sieht auf eine lange Geschichte zurück, die Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts begann. In der Reformation ging das Gotteshaus in die Hände der Neugläubigen über und wurde von Pfarrhelfern aus Burgdorf bis ins Jahr 1938 betreut. Heute gehört das Kirchlein zur Seelsorgeeinheit Kirchberg.

Auch das gibt es also, dass Methodist:innen sich in Gotteshäusern anderer Konfessionen versammelten.

Beim Kirchlein gibt es Geschichten zu den beiden Glocken, die bis heute von Hand geläutet werden. So stürzten 1666 die beiden Glocken in Folge eines Blitzeinschlags ab, nahmen dabei aber keinen Schaden. Dann, im Jahr 1711, wurde gar eine Glocke aus dem Kirchturm gestohlen. Vielleicht hat sich jemand am lauten Glockenschlag gestört. Das soll es ja auch heute geben. Genutzt hätte es ihm oder ihr wenig, wurde doch das entwendete Geläut durch eine grösseres Glocke ersetzt.

Im Jahr 1711 war dann auch noch eine in heutiger heissen Zeit hilfreiche Erfindung zu verzeichnen. Johann Justus Partels, ein in Deutschland lebender Ingenieursoffizier baute den ersten Wetterkasten, auch Luftpumpe genannt. Wir nennen diese heute nicht wegzudenkende Erfindung Ventilator.

Jörg Niederer

Montag, 27. Juli 2026

Die Kapelle und der Glungge-Hof

Ein Zitat

Die Kapelle der Evangelisch-methodistische Kirche in Breitenegg gibt es seit 1924.
Fotos © Jörg Niederer

"Auf unseren gemeinsamen Weg als Bezirk Breitenegg freue ich mich und danke Euch herzlich für jegliche Unterstützung."
Thomas Lerch, neuer Gemeindemitarbeiter auf dem Bezirk Breitenegg

Entdeckt

Es gibt Orte, da wundert man sich, dass hier eine Freikirche zu finden ist, während andernorts diese ihre Tore schliessen musste. So geschehen auf dem evangelisch-methodistischen Kirchenbezirk Burgdorf-Breitenegg. In Burgdorf beendeten kürzlich die Methodist:innen ihre kirchliche Präsenz, während sie im kleinen Emmentaler Weiler Breitenegg auch nach 102 Jahren weiter wirken. Gestern war ich zum ersten Mal an diesem abgelegenen Ort im Emmental. Bis zur nächsten Busstation geht es 1,9 Kilometer weit und 125 Höhenmeter hinunter ins Önztal. Wer hier lebt, ist motorisiert. Vor der Kapelle stehen mehrere Autos, einige ohne Nummernschilder. Hinter der Kapelle, direkt in der Verlängerung am Haupteingang vorbei, ist ein Schwimmbassin für Kinder aufgestellt. Sitzgelegenheiten stehen etwas unordentlich beim Eingang herum. Es gibt ein Untergeschoss mit Gemeinderäumen. Die Kapelle war bei meinem Besuch verschlossen. Im ersten Stock standen die Fenster offen. Einen Moment lang sah ich dort eine Frau und grüsste. Das musste sie vertrieben haben. Wunderte sie sich über diesen neugierigen unbekannten Mann, der da Fotos von der Kapelle und sich machte?

Die Kapelle ist, so lese ich in einer Broschüre über das Dorf, auch das Übungslokal des Posaunenchors Rüedisbach, ein Allianzmusikverein. Weiter steht in der Broschüre, dass sich die Gläubigen der Evangelischen Gemeinschaft, einer Vorläuferkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), schon vor dem Kapellenbau in den Bauernhöfen Mutzgraben, auf der Heidenstatt und im Äusseren Grütt getroffen haben.

Zur Methodistenkirche Breitenegg zählen heute 38 Mitglieder. Hinzu kommt ein noch einmal so zahlreicher Freundeskreis, und etwa 25 Kinder.

Die Jungschar dort nennt sich Glungge und zählt aktuell 32 Personen. Mit dem Namen knüpft diese Jugendarbeit an verfilmte Werke von Jeremias Gotthelf an. Die Filme "Ueli der Knecht" und "Ueli der Pächter" wurden denn auch in einem imposante Bauernhaus aus dem Jahr 1681 im nahe gelegenen Weiler Brechershäusern gedreht. Seither wird besagtes Bauernhaus auch namentlich mit der Glungge aus den Büchern Gotthelfs gleichgesetzt.

Auf dieser Etappe der Kapellentour kamen wir nicht nur an der Methodistenkirche Breitenegg, sondern auch am Glungge-Bauernhof vorbei. Noch weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in dieser Gegend. Dazu später mehr.

Was mir auffällt. Die mir bekannten und eher abgelegenen Versammlungsorte der Methodist:innen haben gut in der Gesellschaft integrierte Jungscharen. Oft wird von der offiziellen, politischen Gemeinde auf dieses Angebot hingewiesen. Weiter sind eine grössere Zahl der Kirchgemeindeglieder in der Landwirtschaft tätig und stark familiär verbunden. Vermutlich ist das auch so in der EMK Breitenegg.

Von Breitenegg wird mich die geplante Wanderroute nach Burgdorf führen. Dazu später mehr.

Jörg Niederer

Montag, 20. Juli 2026

Fütterung der Vögel

Ein Zitat

Infoboard und Notiz zum Vogelfüttern in einer Seitengasse von Huttwil.
Foto © Jörg Niederer
"Narren wachsen unbegossen." Deutsches Sprichwort

Entdeckt

Huttwil. Durchgang zwischen Coop-Einkaufszentrum und Restaurant Bahnhof. Das Infoboard ist zugestellt mit parkierten Autos. Ich frage mich, wer es beachtet an diesem düster wirkenden Ort. Mir fällt es auch nur auf wegen des Zettels darüber. "Das Vogelfüttern auf dem Areal des Restaurant Bahnhof ist untersagt", steht da in grammatikalisch nicht ganz korrekter Schreibweise. Genitiv ist schwer. Der Ort des Anschlags am Fensterladen des Hotels in dieser Seitengasse ist so seltsam wie der Inhalt. Gibt es hier eine Vogelplage? Haben sich Autofahrer hier getroffen, um Vögel zu füttern? Ich sehe nichts Geflügeltes an diesem unwirtlichen Ort, nicht einmal die obligaten Spatzen. Gab es sie einst zahlreich an dieser Lokalität? Sind sie nicht mehr da, weil das Füttern verboten und folglich nichts mehr zu holen ist?

Auf dem Touchscreen darunter wir just in dem Moment die Werbung für die Vogel Trockenbaumontage GmbH eingeblendet. Damit hat das Fütterungsverbot wohl nichts zu tun. Lustig ist es trotzdem, die beiden Botschaften zu verbinden. Wie sieht es aus mit den Mitarbeitenden der Vogel Trockenbaumontage GmbH? Dürfen die im Hotel Bahnhof gefüttert werden? Oder müssen sie sich andernorts verpflegen lassen?

Übrigens: nur 50 Meter weiter steht die einstige Kapelle der Methodisten. Dort haben die Vögel gesungen. Dort ist das Füttern auch nicht verboten. Dort ist es auch nicht so abseitig düster. Dort liegt Musik in der Luft.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. April 2026

Am Rand oder mittendrin

Ein Zitat

Oben: Die Evangelisch-methodistische Kirche Langenthal steht direkt neben einer katholischen und einer neuapostolischen Kirche. Unten: Die heute als Wohnung genutzte methodistische Kapelle von Rohrbach steht am Rand des Dorfs auf dem Weg zum Friedhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Sonderbar, dass man sich erinnert, man habe sich einer Sache erinnern wollen, aber diese doch nicht mehr sicher erinnert." Jean Paul (1763-1825)

Hingesehen

Auf meiner Kapellentour befinde ich mich nun im Oberaargau, einem Teil des weitgehend protestantischen Kantons Bern. Behäbige Bauernhäuser säumen den Weg. Die bestimmenden Kirchen in den Dörfern sind reformiert.

In Langenthal hat wohl die Bevölkerungsentwicklung dafür gesorgt, dass die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) heute relativ nahe am Stadtzentrum steht. Sie ist an diesem Ort nicht das einzige Gotteshaus. Direkt daneben befindet sich das moderne Kirchengebäude der Neuapostolische Kirche, die seit einigen Jahren Teil der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz (AGCK) ist, genauso wie schon länger die EMK und die Römisch-katholische Kirche. Deren Kirche Maria König befindet etwa 60 Meter von der EMK entfernt quer über eine Kreuzung hinweg. So ist die recht agile Gemeinde der EMK an einem Standort, den man als religiöses Bermudadreieck beschreiben könnte.

Ganz anders, wenn man der Langete etwa 11 Kilometer flussaufwärts folgt, in Rohrbach. Dort steht die Kapelle am äussersten Rand des Dorfs an einer Nebenstrasse, die zum Friedhof führt. Wobei, eine Kapelle ist es nicht mehr. Auch hier wurde das Gebäude verkauft und wird heute als Wohnhaus genutzt. Als ich meine Laufbahn als Methodistenpfarrer begann, war das einer der ersten Orte, an denen ich predigte. Das war vor über 40 Jahren. Wir wohnten jung verheiratet in Huttwil in der dortigen EMK-Kapelle. In Rohrbach predigte ich regelmässig, wenn ich mich recht entsinne so alle zwei Wochen. Und doch war ich mir beim Anblick der einstigen EMK-Kapelle unsicher, ob das wirklich der Ort war, an dem ich erste Predigterfahrungen sammelte. So fragte ich eine Frau, die gerade den nahen Bauernhof verliess, ob das Gebäude einst eine Kapelle gewesen sei, und sie bestätigte.

Die Kapelle, einmal recht zentral, das andere Mal am Rand. Wo eine Kapelle oder Kirche zu stehen kommt, hat oft auch damit zu tun, dass jemand ein Grundstück spendet für diesen Zweck. So war es im 8. Jahrhundert mit der ersten Kirche in Rohrbach. Diese wurde von einem gewissen Adelgoz gestiftet, einem Alemannen aus der Ostschweiz. Und so wird es wohl auch mit der EMK in Rohrbach gewesen sein. Auch sie könnte auf gestiftetem Grund zu stehen gekommen sein. Heute befindet sich das einstige kirchlich genutzte Gebäude immer noch am Rand der bebaubaren Fläche. Eine unverstellte Aussicht über die weiten Felder südwestlich von Rohrbach ist den Bewohner:innen sicher.

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. April 2026

Pailletten, Bustiers und Posamenten auf der Kapellen-Empore

Ein Zitat

Die ModeAusstellung.ch mit Kostümen und Kleidern aus den letzten 150 Jahren ist in der ehemaligen methodistischen Kapelle von Uerkheim zu besichtigen.
Foto © Jörg Niederer
"Schau aufmerksam in den Spiegel und trage nur, was wirklich zu dir passt. Kümmere dich nicht darum, ob du modisch bist." Vivienne Westwood (1941-2022)

Hingesehen

Eine über hundertjährige Stündeler-Kapelle mit abgedunkelten Fenstern! Was da wohl von der Öffentlichkeit verborgen werden soll? Es ist gerade 13.00 geworden an diesem wunderschönen Ostertag, als wir eintreten. Wir werden von einem älteren Herrn, der sich sogleich mit Handschlag als André Wieland vorstellt, herzlich im privaten Mode-Museum in der ehemaligen Methodisten-Kapelle von Uerkheim begrüsst. Wir werden die einzigen Besuchenden sein in den zwei Stunden, in denen wir zwischen Kleidern und Kostümen aus 150 Jahren verbringen. Bei der Frage, woher wir von dieser Modeausstellung vernommen haben, gebe ich mich als Pfarrer der Kirche zu erkennen, zu der diese Kapelle einst gehörte. Seine Frau Martha, die eigentliche Modespezialistin, wird herbeigerufen. Es entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Dabei erfahre ich, dass kaum noch Kontakte zu den Kirchengliedern von früher bestehen. Einmal eine kleine Wanderausstellung bei den Methodist:innen in Hunzenschwil mit mässigem Erfolg, einmal eine Organistin, die wissen wollte, wohin das Altarbild verschwunden sei, einmal eine Nachbarin, die sich schwer tut mit der Umnutzung der Kapelle. Martha Wieland ist sichtlich endtäuscht über dieses Desinteresse. Bevor aber die Führung durch die Ausstellung beginnt, gehe ich aufs stille Örtchen. Auch dort Mode. Unterwäsche aus Wolle hängt an Bügeln an der Wand. Alles ist geschmack- und liebevoll gestaltet. Die beiden haben die Kapelle eigenhändig renoviert und umgebaut. Der Dachstock wurde ausgebaut, Treppenaufgänge umplatziert, der Saal im Untergeschoss erweitert. Kaum sei dieser fertig gewesen, habe die Uerke Hochwasser geführt. Das Wasser stand 40 cm im schönen Saal.

Auf der Führung erfahren wir viel über die Mode der letzten 150 Jahre. Da gibt es die Schuh- und Kostümsammlung von Caterina Valente. Im ehemaligen Pfarrerbüro befindet sich nun die Literatursammlung und die alten Modezeitschriften. Einige sehen aus wie Kirchenbücher von früher. Wir erfahren, weshalb in den Weltkriegszeiten die Mode leichter und die Röcke kürzer wurden – der Stoff war Mangelware – auch wurde im 2. Weltkrieg Viskose mangels anderer Stoffe salonfähig. Wir bewunderten St.Galler Stickereien, bestaunten kunstvolle Posamenten, entdeckten Hüte aus Rosshaar, wunderten uns über die Vorläufer der ersten Büstenhalter, realisierten das provozierende der Mode aus der Zeit, als der Charleston als Tanz und Modestil aufkam.

Die Zeit verging wie im Flug in diesem einzigartigen Ambiente aus Mode und Kapelle. Zwei Stunden später waren wir mehr als überzeugt: es hat sich gelohnt, nach Uerkheim zur einstigen Methodistenkapelle zu reisen. Die herzliche Art der Wielands und die faszinierenden Modekleider in der liebevoll ausgebauten Kapelle; da ist die Umnutzung eines Sakralbaums mehr als gelungen. Ganz besonders den einstigen Gottesdienstbesuchenden dieses Orts sei empfohlen, einen Augenschein zu nehmen. Wielands sind begierig, mehr von den Vorbesitzenden zu erfahren. Für Modeliebhabende ist es sowieso ein Muss, in die Museums-Kapelle an der Uerke zu reisen.

Jörg Niederer

Montag, 6. April 2026

Skulpturen und Mode in methodistischen Kapellen

Ein Zitat

Oben: die ehemalige methodistische Kapelle in Staffelbach. Unten: die ehemalige methodistische Kapelle in Uerkheim.
Foto © Jörg Niederer
"Ich plane jeden Tag in die Kirche zu gehen!" Thomas Lüscher, der heutige Besitzer der früheren Evangelisch-methodistischen Kapelle in Staffelbach.

Hingesehen

Gestern an Ostern ging ich in die Kirche. Für einen pensionierten Pfarrer ist das nicht aussergewöhnlich. Allerdings war es ein spezieller Kirchenbesuch. Und das kam so.

Auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft entdecke ich auch einige für die Evangelisch-methodistische Kirche "verflossene" Kapellen. Heute gehören sie nichtkirchlich motivierten Besitzer:innen. So ist es auch bei den Kapellen von Staffelbach und Uerkheim. Mit dem Entscheid, nur noch in Bottenwil Gemeindearbeit zu tun, wurden die beiden Kapellen verkauft. Beim Verkauf von Kapellen ist es nicht gleichgültig, an wen die einstigen gottesdienstlich genutzten Häuser weitergegeben werden. Diese Gebäude, sie stehen oft unter Denkmalschutz, wurden viele Jahre liebevoll und mit hohem finanziellem Aufwand und freiwilliger Arbeit unterhalten. Sie wegzugeben, fällt den Christ:innen, die dort ihre Kinder getauft und geheiratet haben, nicht leicht. Auch  hat es durchaus schon Beispiele gegeben, bei denen sakrale Häuser als Bordell oder als esoterischer Brennpunkte genutzt wurden. 

Nun sind solche kirchlichen Liegenschaften nicht gerade gesucht. Die Käufer:innen-Auswahl ist klein. Gerade in nicht zentral gelegenen – um nicht zu sagen abgelegenen – Regionen auf dem Land sind es Glücksfälle, wenn sich geeignete Nachbesitzer:innen finden lassen. In Staffelbach und Uerkheim ist das aus meiner Sicht ausgezeichnet gelungen.

2014 zog in Staffelbach der Holz- und Bronzebildhauer Thomas Lüscher mit seiner Familie in die Kapelle ein. Nun ist der Gottesdienstraum sein Atelier. Dort werden allerlei Kurse angeboten, Werke erstellt und im Haus wird auch gewohnt. Die Kapelle hat einen Anbau bekommen, der ein wenig aussieht wie die Berg- oder Talstation einer Gondelbahn.

Schon früher, 2010, erstanden André und Martha Wieland die Kapelle in Uerkheim. Eigenhändig bauten sie die Liegenschaft so um, dass auf vier Etagen Räume genutzt werden können. Heute ist die Kapelle ein privates Mode-Museum. Kleider der letzten 150 Jahre sind dort ausgestellt. Die Mode-Sammlung kann jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats von 13-17 Uhr besichtigt werden. Gestern an Ostern war der 1. Sonntag im Monat. Und so wanderten wir von Muhen nach Bottenwil, und besuchten unterwegs die Kapelle Uerkheim und ihr neues Innenleben. Dieser Besuch war so aussergewöhnlich anregend, dass es dazu eines eigenen Blogbeitrags bedarf. Das kann ich schon einmal verraten: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und sich von Martha Wieland in die Modegeheimnisse einweihen zu lassen. Das Ambiente ist aussergewöhnlich, der Erkenntnisgewinn ebenso.

Das also war mein spezieller Oster-Kirchenbesuch.

Jörg Niederer

Montag, 30. März 2026

Zuhause verirrt

Ein Zitat

Jörg Niederer vor den Gebäuden der Vorstatt Chele Bottenwil, die sich zwischen Friedhof und Uerke finden.
Foto © Jörg Niederer
"Die EMK Vorstatt Chele Bottenwil ist eine aufgestellte, lebensnahe, christliche Gemeinde mit einem Altersspektrum von jungen Familien bis zu aktiven Senioren." Selbstbeschreibung der Evangelisch-methodistischen Kirche Bottenwil

Hingesehen

Bottenwil. Eines nachts war ich auf dem Hügelzug zwischen Wiggertal und Uerkental mit dem Mountainbike unterwegs. Damals wohnte ich in Strengelbach und meinte, die Gegend zu kennen wie meine Hosentasche. Es war die Zeit, als noch keine Federung die geländegängigen Zweiräder praxistauglicher erscheinen liessen. Auch war es stockdunkel und der Wald sah so ganz anders aus als bei Tag. Nun ist es aus wildbiologischer Sicht und auch sonst nicht besonders klug, in der Nacht herumzubiken, aber damals wusste ich das noch nicht besser. Irgendeinmal entschied ich mich, wieder heimzufahren. Ich fuhr den Berg hinunter, so rasant, wie das möglich war – und landete in Bottenwil. Das war nun definitiv die total falsche Richtung. In solchen Momenten ist man jeweils müder als wenn alles richtig gelaufen wäre, und so kämpfte ich mich frustriert die steile Strasse 150 zusätzliche Höhenmeter hinauf, um dann auf der richtigen Seite wieder hinunter zu fahren.

Bottenwil. Das war das Ziel der Etappe auf dem Kapellenweg, welche meine Frau und ich am vergangenen Samstag von Moosleerau her unter die Füsse genommen hatten. In Bottenwil gibt es zur Abwechslung mal wieder eine aktive Gemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Noch vor 20 Jahren gehörten zu diesem Kirchenbezirk auch die Kapellen in Staffelbach und Uerkheim. Diese sind zwischenzeitlich verkauft und werden anders genutzt. Dazu dann in späteren Beiträgen mehr. Denn die Umnutzung der beiden kirchlichen Gebäude ist originell. Soviel sei verraten: Es geht dabei um Holz und Stoff.

Zurück zur EMK in Bottenwil. Im Jahr 2018 wurde die Kapelle umgebaut und mit einem freistehenden Wohnhaus erweitert als "Vorstatt Chele Bottenwil" eingeweiht. Der neue Kapellenanbau ist originell mit Holzlatten verkleidet. Das Wohnhaus steht unmittelbar an der Uerke. Erstmals wohnte an diesem Ort auch der Gemeindepfarrer. In der Planungsphase, die sehr lange dauerte,  ich weiss davon, weil ich damals im Bau- und Verwaltungsausschuss der Kirche mitdiskutierte  wurden verschiedene Ausbaumöglichkeiten ins Auge gefasst und teilweise oder auch ganz wieder verworfen. Naheliegend, dass dieser Prozess nicht ganz ohne Spannungen abgelaufen ist. Entstanden sind grosszügige Räumlichkeiten für den Gemeindealltag.

Einige Zeit lang fanden sogar die Beisetzungsfeiern der politischen Gemeinde offiziell in dieser Kapelle statt, liegt doch der Friedhof direkt gegenüber auf der andern Strassenseite.

Heute treffen sich an diesem Ort so 35 Erwachsene und 15 Kinder im sonntäglichen Gottesdienst. Also durchaus eine lebendige Gemeindearbeit. Aktuell ist auch eine 20%-Stelle in der EMK Vorstatt Chele Bottenwil offen für eine Mitarbeiter:in Administration.

Jörg Niederer

Mittwoch, 25. März 2026

Der Flugsaurier im Ruedertal

Ein Zitat

Die ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche in der Heggelen Schmiedrued. Einmal von oben, einmal mit Jörg Niederer von unten.
Foto © Jörg Niederer
"Der Pfarrer, der aus städtischen Landen kommt und zuständig ist für seine freie Kirche im Bezirk Kulm, lacht viel. Die Gemeinde weniger." Zitat aus einer Reportage im Tagi-Magazin 40/1995 über die Evangelisch-methodistische Kirche Schmiedrued

Hingesehen

Gestern ging es auf der Kapellentour weiter, von Schlierbach via Schmiedrued nach Moosleerau. In Schmiedrued steht in der Heggelen die ehemalige Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche. Das ist in jenem Tal, in dem der Schriftsteller Hermann Burger wirkte. Es ist eine sehr ländlich geprägte Region. Hier geschah es, dass ein Journalistenduo vom "Das Magazin", der Beilage des Tagesanzeigers, sich ein Bild machen wollte von der ländlich-konservativen Talschaft. Peer Teuwsen (Text) und Reto Klink (Fotos) erkundeten "Das Hinterland des Mittellands" – so der Titel der Reportage – eine gute Woche lang. Nebst vielen Ortsansässigen wollten die beiden auch einen Gottesdienst einer Freikirche miterleben. Wir Methodisten wurden ausgewählt. Es war im Sommer. Die Gemeinde war informiert über den Besuch. Ich hatte das Vergnügen, die Predigt zu halten, und natürlich wollte ich die Erwartungen und klischeehaften Vorstellungen der beiden Journalisten nicht erfüllen. Also predigte ich so, wie ich glaubte, dass sie es nicht erwarten würden. Später stand dann über diesen Gottesdienst folgendes in der Reportage (Das Magazin 40/1995): "Das gute Dutzend Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes zieht, die Drohungen des Alters im Rücken, mit scheuem Seitenblick an der Tafel [der Kranken und Betagten] vorbei. Pfarrer Niederer, gewandet in einem roten Veston, sagt, diese seine Gemeinde im Ruedertal sei am Aussterben. Aber schon füllt das Harmonium die Kapelle der evangelisch-methodistischen Kirche zu Schmiedrued mit Schwerem: 'Und in ew'gen Lichtgewanden der Verklärung wandelt er.' Der Chor ist schwach, aber der junge Pfarrer singt für zehn. So gestärkt hebt er an für die Predigt. Der Pfarrer erzählt die Geschichte vom Flugsaurier, der kürzlich in seinem Garten stand und sich das Grün des Rasens einverleibte. Wie vom Himmel geworfen, aus einer anderen Zeit. Ungläubige Gesichter. Und dann spricht er in die Mitte seiner Gemeinde: 'Aber wenn ihr mir diese Geschichte nicht glaubt, warum glaubt ihr denn an die Auferstehung Jesu Christi?'"

Im weiteren Verlauf habe ich dann meine Antwort auf diese Frage zu geben versucht.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie nach dem Gottesdienst der Fotojournalist unglaublich nervös war, als er mit zitternden Händen die Grossformatkamera aufstellte, und dann das Schwarzweissfoto aufnahm, das im besagten Artikel abgedruckt ist. Die meisten Menschen, die darauf zu sehen sind, leben nicht mehr. In fast jedem ihrer Häuser im Ruedertal war ich. Eine dieser Frauen hat mir vor diesem Gottesdienst gesagt: "Die Journalisten wollen uns Frommen doch nur in die Pfanne hauen".

Die Gemeindearbeit wurde später wirklich beendet. Doch die Kapelle steht immer noch. Sie ist auch noch mit "Evangelisch-methodistische Kirche" angeschrieben. Gekauft hat sie ein Harmonium-Liebhaber. Er wollte zuerst nur die drei Harmonien erstehen, die dort herumstanden. Doch dann entschloss er sich, hier ein Harmonium-Museum einzurichten, und kaufte das Haus gleich mit. Ob es das Museum wirklich auch gegeben hat, weiss ich nicht. Viel mit dem Haus anfangen konnte er nicht. Es steht ausserhalb der Bauzone. Abreissen kommt nicht in Frage. Seit meinem letzten Besuch vor einigen Jahren wurde die Eingangspartie neu gestrichen. Sonst sieht es noch so aus wie damals, vor 30 Jahren. An manchen Orten bleibt die Zeit halt stehen. Fast könnte man hier auf den Flugsaurier warten. Oder auf die Auferstehung.

Jörg Niederer

Donnerstag, 12. März 2026

Freikirche in der Innerschweiz

Ein Zitat

Jörg Niederer steht vor der Kapelle der einstigen Evangelisch-methodistischen Kirche Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man lässt." Odo Marquard (1928-2015)

Hingesehen

Sie ist wohl eine der markantesten methodistischen Kapellen in der Schweiz mit ihrem Turm und den auffälligen Eingängen. In der Ecke eines im Quadrat um einen Innenhof angeordneten Gebäudekomplexes fällt das über 100-jährige Gebäude gegenüber dem neuen Glashochhaus der Luzerner Polizei auf. Im mit "Evangelisch-methodistische Kirche" (EMK) beschriften Gebäude befinden sich nebst den Kirchenräumen acht Wohnungen und das Büro der Pfarrperson. Doch die Gemeinde, die dort seit 2008 ihre Gottesdienste feiert, gehört nicht zur Methodistenkirche. Die "International Church of Luzern" hat ihre Ursprünge bei den Batisten. Die Methodistenkirche stellte die Arbeit in Luzern 2008 offiziell ein. Das Gebäude ist immer noch im Besitz der schweizerischen Methodistenkirche und steht in einer attraktiven, leicht zu vermietenden, ruhigen Wohnlage, in Gehdistanz zur prächtigen Altstadt.

Zur Zeit, als ich meine ersten Pfarrstelle in Huttwil angetreten hatte, traf man sich als Gemeinde so ein-, zweimal pro Jahr mit den Luzerner Methodist:innen. Der Pfarrer, der damals dort wirkte, war einst mein allererster Religionslehrer. Das war zu einer Zeit, als er so etwas wie Testpfarrer in Zofingen war. "Praktikum" wurde diese Zeit genannt. Ich war als Viertklässler fasziniert von dem, was er erzählte. Auch später wieder, als wir uns ab und zu in Luzern trafen, habe ich ihn in seiner direkten, freundlichen und bestimmten Art geschätzt. Vor wenigen Tagen ist er nun verstorben.

Luzern ist eine weitere Station auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft. Meine Kapellentour macht hier eine 180° Wende. Methodist:innen in der Innerschweiz sind nicht erst rar, seit es die Gemeinde in Luzern nicht mehr gibt. Auch zuvor konnte die EMK in diesem streng katholischen Kerngebiet nicht leicht Fuss fassen. Das hat wohl auch etwas damit zu tun, dass man, anders als andere Freikirchen, sich nicht scharf vom Katholizismus abgrenzte und distanzierte. Vielmehr versuchte man einen partnerschaftlichen Umgang mit anderen Konfessionen zu pflegen, und hat eine gewisse Hemmung, in scharfe Konkurrenz zu diesen zu treten.

In Luzern übrigens fällt man nicht auf, wenn man mit umgehängter Kamera durch die Innenstadt zieht. Hier knippst die ganze Welt all die Sehenswürdigkeiten in der quirligen innerschweizer Metropole am Vierwaldstättersee weg. Hier läuft man eher in Gefahr, den "Einheimischen" als Tourist auf den Geist zu gehen. Es droht Overtourismus.

Jörg Niederer

Samstag, 28. Februar 2026

Das peinliche Malheur

Ein Zitat

Jörg Niederer vor dem ehemaligen Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche in Oberkulm.
Foto © Jörg Niederer
"Kirchenschlaf gilt als gesund. Denn wer friedlich schlummert, steht unter Gottes Schutz, das sagen auch die Psalmen. In Evessen bei Braunschweig stehen sogar zwei Betten in der Kirche für eine beschützte Bettruhe." Oliver Vorwald, Radiopastor

Hingesehen

Nach zwanzig Tagen bin ich wieder einmal auf der Kapellentour unterwegs. Oberkulm im Wynental. Hier befand sich in einem unauffälligen Doppelstockhaus, etwas zurückversetzt gelegen hinter einer direkt an der Hauptstrasse befindlichen Pizzeria, im Parterre der Gottesdienstsaal der Evangelisch-methodistischen Kirche. Die Toilette war in einem kleinen Kämmerchen des Eingangsbereichs bei der Haustür untergebracht. Es gab nur kaltes Wasser, und im Winter bestand die Gefahr, dass die Leitungen und der Allerwerteste einfroren.

Vor rund 30 Jahren besuchte nur noch eine Handvoll Frauen die Gottesdienste. Die Bibelstunde fand an einem Wochentag um 14 Uhr statt. Normaler Weise referierte die Pfarrperson so einige Minuten über den ausgesuchten Text und dann tauschte man sich darüber aus. Nun sind die ersten Stunden am Nachmittag ja durchaus fordernd, was den Aufmerksamkeitspegel der Teilnehmenden betrifft. Und so machte sich der ausgefallene Mittagsschlaf bei mir gerade dann besonders bemerkbar, wenn ich in dieser trauten Runde sass. Mit anderen Worten: Ich bin eingeschlafen. Das wäre nun nicht weiter schlimm gewesen, ist das doch auch andern immer wieder einmal passiert. Besonders Bauern hatten jeweils am Sonntagmorgen nach dem Stall in der warmen Kirche mit dem Wachbleiben zu kämpfen. Doch in besagten Fall war ich nicht einfach einer der Teilnehmenden an der Bibelstunde, sondern derjenige, der dieselbe hielt. Der Schlaf hatte mich mitten in meinen Ausführungen übermannt.

Natürlich bemerkten die Frauen das Malheur, doch taten sie so, als sei ihnen dieser Sekundenschlaf des Pfarrer nicht weiter aufgefallen. Jedoch brachte von diesem Tag an die eine Frau, die nahe dem Gemeindesaal wohnte, eine Thermosflasche voll starken Kaffees mit, um einer Wiederholung meines Missgeschicks durch eine vorgelagerte kulinarische Weckrunde vorzubeugen.

Heute gehört diese Liegenschaft nicht mehr der EMK. Der Bezirk Reinach, zu der die Kapellen in Oberkulm, Gontenschwil, Schmiedrued und Reinach gehörten, wurde auf Ende 2003 geschlossen. Damals zählte der ganze Bezirk noch 50 Mitglieder, war aber längst nicht mehr finanziell selbsttragend. Auch kam der Entschluss zur Liquidierung dieser Arbeit im Wynen- und Ruedertal nicht zuerst von den Gemeindegliedern, sondern vom damaligen gesamtkirchlichen Leitungsteam, dem sogenannten Kabinett. Es war meines Wissens die einzige so verfügte Schliessung eines ganzen Bezirks. Spätere Schliessungen von Kirchgemeinden und Bezirken erfolgten dann stärker mitbestimmt durch die Menschen vor Ort, und sie wurden auch nicht mehr in dieser Radikalität umgesetzt.

Jörg Niederer

Freitag, 6. Februar 2026

Schmerzensweg - Erinnerungsweg

Ein Zitat

Eine der Kapellen der Evangelisch-methodistischen Kirche liegt in einem ruhigen Ortsteil der politischen Gemeinde Rupperswil.
Fotos © Jörg Niederer
"Es kann der Tag kommen, da all unser Gold nicht reicht, uns ein Bild von der entschwundenen Zeit zu formen." Inschrift von Unbekannt beim Dorfmuseum Rupperswil

Hingesehen

Rupperswil. Hier besitzt die Evangelisch-methodistische Kirche eine Kapelle. Aktuell wird sie als Wohnhaus und auch noch als Kirche benutzt. Jedoch besuchen die Methodist:innen, die hier einst in den Gottesdienst gingen, wie schon jene aus Bremgarten (Siehe Beitrag vom  1. Februar 2026!) und Lenzburg (Siehe Beitrag vom 4. Februar 2026!) die Anlässe der "3x3 EMK Region Lenzburg". Das ist naheliegend, im buchstäblichen Sinn. Eine Pfingstgemeinde ist heute in den Räumen in Rupperswil eingemietet.

Ich bin wieder in einer Region, in der sich die Präsenz der Methodistenkirche in verschiedenen Liegenschaften niederschlägt. Alleine auf der gestrigen Etappe der Kapellentour von Lenzburg via Rupperswil, Hunzenschwil und Rohr nach Aarau bin ich an drei methodistischen Gotteshäusern und an einer ehemaligen Kapelle vorbeigekommen.

Aber es ist auch eine Wanderung, an der mich trübe Gedanken begleiten. So steht doch Rupperswil für einen der brutalsten Morde in der Geschichte der Schweiz. Gerade lief auf SRF eine Dokumentation über dieses schreckliche Geschehen. Unter den Opfern war auch eine junge Frau, die in der 3x3-EMK-Gemeinde ein- und ausgegangen ist. Und dann bin ich auch wieder vor dem Haus in Rohr gestanden, in dem mein jüngster Bruder nicht mehr weiter leben konnte und wollte. Das war vor noch nicht einmal zwei Jahren.

Aber Rupperswil war auch ein Ort, an dem ich als etwas erfahrenerer Nachbarspfarrer einen Kollegen begleiten durfte, der eben seine ersten Schritte in dieser Aufgabe zu gehen versuchte. Heute wirken zwei seiner Brüder an massgeblichen Stellen in der Kirche mit. Er jedoch hat sich im Verlauf dieser Zeit als Pfarrervikar in Rupperswil für einen anderen Weg entschieden.

Rupperswil. Das ist auch der Standort der Zuckermühle. Da fühlt man sich als Bewohner von Frauenfeld und dessen Zuckerfabrik doch gleich irgendwie mit dem aargauischen Ort verbunden.

Ganz nebenbei konnte ich auf dieser Wanderung auch einige Dinge erledigen, die mit meinem weiteren Engagement in der Methodistenkirche zu tun haben. So besichtigte ich Lokalitäten für die kommende Tagung der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika in Hunzenschwil. Dazu aber etwas mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Jörg Niederer

Mittwoch, 4. Februar 2026

Es war einmal...

Ein Zitat
Heute ist die einstige Kapelle der Methodist:innen in Lenzburg ein Wohn- und Bürohaus. Viel hat sich äusserlich am Gebäude nicht verändert.
Fotos © Jörg Niederer
"Was ist Bürokratie? Eine Regelung der einzelnen Inkompetenzen im Sinne der allgemeinen Verantwortung."
Anton Kuh (1890-1941)

Hingesehen
Bei diesem Gebäude, einer ehemaligen Methodistenkapelle, kann ich das gleiche leicht angepasst schreiben wie schon im Blog vom 1. Februar 2026. Das werde ich nun auch so tun.
Einige langjährige Methodist:innen werden wissen, was auf diesem Foto zu sehen ist. Heute ist es ein Wohnhaus mit einer Wohngemeinschaft, einer weiteren Wohnung und einem Advokaturbüro. Doch zuvor war es der Versammlungsort der Methodist:innen in Lenzburg. Das Gebäude ist schon etwas betagt. Verkauft wurde es, nachdem sich mehrere Kirchgemeinden, darunter auch die Methodist:innen von Lenzburg, gemeinsam in Hunzenschwil eine Gewerbehaus kauften und seither dort gemeinsam feiern. So entstand die 3x3-Gemeinde, heute "3x3 EMK Region Lenzburg" genannt.
Gestern fand die Etappe meiner Kapellentour von Niederwil nach Lenzburg an diesem Ort sein Ende. Während ich so an der Strafanstalt, dem Schlossberg, dem Staufberg und dem Gofi vorbeizog, fielen mir Episoden und Gegebenheiten ein aus der Zeit, als wir uns in diesem Gebäude an der Ammerswilerstrasse trafen. Da sind die Alleebäume entlang der Strasse und auch die alte historische Dampfwalze direkt gegenüber besagter Liegenschaft. Auch die Diskussion kam mir in den Sinn, von der ich von meinem dort wohnhaft gewesenen Kollegen hörte. Es ging darum, ob eine Pfarrfamilie eine Geschirrspülmaschine brauche oder nicht. Nun, das ist Schnee von gestern.
Heute wird wohl weniger über Kücheneinrichtungen diskutiert als über die Frage, wie eine Kirche mit einer 300-jährigen Geschichte aktuell und relevant für die Menschen der heutigen Zeit bleiben kann. Das wird dann auch wieder Thema sein in etwa 5 Monaten am Gemeindestandort der "3x3 EKM Region Lenzburg", an der Tagung der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika (Synode der Methodist:innen). Darauf bin ich gespannt.
Jörg Niederer

Dienstag, 20. Januar 2026

Kanton Zürich zum Letzten

Ein Zitat

Die Evangelisch-methodistische Kirche in Affoltern am Albis ist die Letzte, die ich auf meiner Kapellentour im Kanton Zürich erwandert habe.
Fotos © Jörg Niederer

"Ich solle noch sagen was meine Leidenschaft ist, neben Jesus. Das ist das Wandern. Ich wandere gerne und wenn ich Zeit habe, male ich auch gerne Aquarelle."
Urs Baumann, Pfarrer in der EMK Affoltern am Albis anlässlich einer Predigt in der dortigen Viva Kirche. 

Hingesehen

Auf meiner Kapellentour war ich bisher in den Kantonen Schwyz, Glarus und vor allem Zürich unterwegs. Nun endet bald die Zeit im Wirtschaftskanton und es geht in den weiss besockten Kanton Aargau, da, wo ich bisher in meinem Leben am meisten Zeit verbracht habe. Doch vorher durfte ich noch einmal vor einer Methodistenkirche stehe: derjenigen in Affoltern am Albis. Die Kapelle an der Zürichstrasse duckt sich etwas verschämt zwischen die mehrstöckigen Wohnhäuser. Architektonisch ist das Gemeindezentrum einmalig. Eine zweite derartige Konstruktion gibt es in der methodistischen Schweiz nicht mehr. 

An diesem "Ort der Begegnung", wie auf zwei Seiten aussen am Mauerwerk zu lesen ist, sind meine Frau und ich erst ganz allein. Doch dann fährt ein Auto vor, aus dem ein Ehepaar entsteigt. Es ist der aktuelle Liegenschaftsverwalter, der mich nicht kennt, mir dann aber doch abnimmt, dass ich irgendwie auch zu dieser Kirche gehören muss. Die beiden scheinen in Eile zu sein, und so frage ich gar nicht erst, ob er mich durch das Anwesen führen könnte. Nach kurzem Austausch von Höflichkeiten trennen sich unsere Wege wieder.

Nun wird es sehr lange Zeit dauern, bis ich wieder eine methodistische Liegenschaft im Kanton Zürich erwandern werde. Im Aargau warten die Rüeblitorten auf uns, und viele Erinnerungen aus vergangenen Zeiten.

Jörg Niederer


Freitag, 19. Dezember 2025

In und vor der Residenz

Ein Zitat

Die Residenz Bethesda Itschnach ist eines der grössten Alterszentren, das mir bekannt ist. Zum ersten Mal stand ich auf einer Wanderung am 15. Dezember 2025 davor.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn du die Hand geschlossen hältst, kann nichts Gutes hineinkommen. Die offene Hand ist gesegnet, denn sie gibt reichlich, so wie sie empfängt." Biddy Mason (1818-1891), ehemalige Sklavin und Mitgründerin der First African Methodist Episcopal Church in Los Angeles, California.

Hingesehen

Ausgangspunkt unserer Wanderung vom Montag war Egg. Dort gibt es eine Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche, die jedoch als Kinderkrippe genutzt wird. Sie gehört zum Distrikt Nordostschweiz, und so besuchte ich sie bereits einmal zu Fuss im Jahr 2010. Zielort der aktuellen Wanderung war die Residenz Bethesda Itschnach. Von weitem hatte ich die Gebäude auch schon gesehen, doch noch nie stand ich direkt vor diesem aus methodistischem Handeln entstandenen Werk. In meinem Geburtsjahr 1959 wurde dort mit Bauen begonnen. Es entstand ein Heim für Chronischkranke, welches 1962 zusammen mit einer Krankenpflegerinnenschule eröffnet wurde. Getragen wurde die Arbeit von Diakonissen des Diakonats Bethesda Basel.

Man könnte dieses Werk auch als Mutterhaus der Bethesda Alterszentren AG bezeichnen. Heute sind es mehrere Häuser, die sich aufteilen in die Pflegeeinrichtung Residenz Küsnacht und Panorama Park Küsnacht mit seinen Alterswohnungen. 230 Mitarbeiter:innen kümmern sich dort um die Bewohner:innen. Auch die Seelsorge ist nebst der Pflege fester Bestandteil dieses christliche Werks.

Natürlich sind wir dann auch in die Residenz eingetreten, und haben uns kurz umgesehen. Die Cafeteria war gut besucht, in der Auslage sahen wir feine Tortenstücke, doch geblieben sind wir dann doch nicht. Abschliessend habe ich dann noch das obligate Selfie vor dem Schriftzug der Residenz beziehungsweise der Liegenschaft aufgenommen. Als ich auch noch den Glockenturm fotografierte, fragte mich eine vorbeieilende Frau, wohl eine leitende Angestellte, ob ich auch im Haus fotografiert habe. Es war ihr wichtig, dass ich die Privatsphäre der Bewohnenden und ihrer Gäste respektiere. Ich konnte sie beruhigen. Das ist ja eine Selbstverständlichkeit. In der Konsequenz gibt es daher halt immer nur Fotos, auf denen methodistische Häuser ohne Menschen zu sehen sind. Oder dann müsst ihr mit meinen Gesichtszügen Vorliebe nehmen, über deren Erscheinen in der Öffentlichkeit ich nach wie vor frei verfügen kann :-).

Jörg Niederer

Sonntag, 2. November 2025

Von Gott kommt Hilfe!

Ein Zitat

Die methodistische Kapelle in Horgen ist heute fest mit dem Alterszentrum Haus Tabea verbunden und wirkt recht unscheinbar inmitten der Überbauung.
Foto © Jörg Niederer
"Bei Gott schweigt meine Seele still. Von ihm kommt die Hilfe, die ich nötig habe!" Bibel, Psalm 62,6

Hingesehen

Auf Gott vertrauen erhöht die Unabhängigkeit. Auf Gott vertrauen macht resilient gegen Irritationen des Lebens.

Auf Gott vertrauen macht unabhängig von dem, was die anderen sagen oder tun. So erkennt man: "Nur ein Hauch sind die Menschenkinder. Ein trügerisches Nichts sind die Sterblichen!" (Psalm 62,10)

Auf Gott vertrauen mach unabhängig von der Meinung, mit Gewalt könne man Ziele erreichen. Das weiss der Psalmdichter und mahnt: "Darum verlasst euch nicht auf erpresstes Gut. Gestohlene Habe wird euch nichts nützen." (Psalm 62,11a)

Auf Gott vertrauen macht unabhängig von den Täuschungen des Wohlstands (Psalm 62,11b). Vielleicht ist Wohlstand das grösste Hindernis auf dem Weg zum Frieden. Wer auf Gott vertraut, erlebt, wie ihn oder sie der Besitz nicht mehr gefangen nimmt. Eigentum wird im Vertrauen auf Gott zu Gottes Eigentum. Gott verfügt darüber. Ob Gott es mir gibt oder nimmt, immer ist es das Beste für mich.

Darum: "Von Gott kommt die Hilfe, die ich nötig habe!" (Psalm 62,1).

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. Oktober 2025

Alte Kapelle im Tal der Sihl

Ein Zitat

Eine der ältesten Kapellen der Bischöflichen Methodistenkirche steht in Adliswil, erbaut im Jahr 1885.
Foto © Jörg Niederer
"Wir möchten das Leben feiern, fördern und miteinander teilen." Motto auf der Webseite der Evangelisch-methodistischen Kirche Adliswil

Hingesehen

"KAPELLE DER BISCH. METHODISTENGEMEINDE / Dem DIENST DES HERRN GFEWEIHT 29. SEPT. 1885" ist an der Fassade links und rechts des leicht erhöhten Eingangs der Kapelle in zwei Aussparungen zu lesen. Tatsächlich war das Gotteshaus eines der ersten Gebäuden im Adliswiler Stadtteil Grund. Die markante Sichtbacksteinkirche steht da, wo die Grundstrasse einen rechtwinkligen Knick macht. Besonders eindrücklich ist es, ihr vom der Kilchbergstrasse entgegenzugehen. Schon von weitem ist die Kapelle am Strassenende auszumachen.

Die Sihl windet sich bei Adliswil.
Foto © Jörg Niederer
Auf dem Parkplatz daneben steht ein Camper. Ich weiss, er gehört dem Pfarrer. Bei ihm im Pfarrhaus klingle ich und werde von Daniel Eschbach herzlich empfangen und mit einem Espresso verwöhnt. Nur eine Viertelstunde dauert der Aufenthalt. Dabei erinnern wir uns wieder daran, wie wir, er war damals noch Pfarrer in Bülach, rund 500 schwere Flanellbilder von einem Lager in Bülach nach Adliswil in die Kapelle zügelten. Gesammelt wurden diese Bilder (hier sind einige Beispiele zu sehen) von der verstorbenen Diakonisse und Pfarrerin Elisabeth Russenberger. Eingesetzt wurden sie in den Sonntagschulen der Methodistenkirchen. Die Sonntagschulen waren lange Zeit der Importschlager und ein Alleinstellungsmerkmal der Methodist:innen, bis die Landeskirchen nachzogen.

Dann geht meine Fussreise weiter Richtung Horgen, nicht ohne der Sihl Adieu zu sagen. Diesem eindrücklichen Fliessgewässer, das teilweise noch unverbaut seinen Lauf sucht, bin ich vor Jahren zusammen mit meiner Frau von der Mündung in Zürich hinauf zum Sihlsee und weiter gefolgt. Ganz fertig bin ich mit dem Fluss noch nicht. Es fehlt noch der Aufstieg zur Quelle, dem Sihlseeli auf 1895 m.ü.M.; Es liegt unweit des Pragelpasses. Vielleicht im nächsten Jahr, mal schauen. Vorerst geht es weiter auf meiner methodistischen Kapellentour.

Jörg Niederer

Freitag, 26. September 2025

Lost Church

Ein Zitat

Laserkopie eines Polaroid-Dias, mit zwei toten Schmetterlingen in der unbenutzten Kapelle von Gontenschwil.
Foto © Jörg Niederer
"Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte." Gustav Heinemann (1899-1976)

Hingesehen

Es war im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends, als ich im aargauischen Reinach auf eine Pfarrstelle kam. Damals gab es vier Kapellen der Evangelisch-methodistischen Kirche, die zu dieser Anstellung gehörten. In drei wurde noch gepredigt, eine Kapelle, die in Gontenschwil, wurde nicht mehr verwendet. Als ich sie besuchte, war es ein Lost Place, oder besser, eine Lost Church.

Dann versuchten wir, dort einen offenen Jugendtreff zu etablieren. Schulklassen bemalten die Innenwände, ein- bis zweimal pro Woche war die Kapelle am Abend geöffnet, drinnen konnte man Badminton spielen es gab kleine Feste und sogar noch einmal einen Gottesdienst.

Bevor aber all das geschah, habe ich Polaroidfotos aufgenommen, die eindrücklich eine vergangene Zeit in dieser Kapelle festgehalten haben. Aus dieser Serie ist der hier wiedergegebene Abzug. Er zeigt die Überreste zweier Tagpfauenaugen, wohl erbeutet von einer Spinne, die auch schon längst nicht mehr da ist. Mit den gemachten Bildern fand dann auch eine kleine Ausstellung statt. Das hier abgebildete Foto war betitelt mit den Worten. "In guten wie schlechten Zeiten".

Der Jugendtreff hatte nicht lange Bestand. Grund waren die sanitären Bedingungen. Die Kirche war nicht an die Kanalisation angeschlossen, und die Klärgrube war undicht. Aber entscheidend für das Ende des kurzeitigen neuen Lebens an diesem Ort waren die Einsprachen der Nachbarschaft.

Wie so viele ausgediente Kapellen wurde auch diese verkauft und umgenutzt. Heute ist sie ein Wohnhaus. Auf Satellitenaufnahmen ist zu erkennen, dass sogar eine Solaranlage das Dach ziert. Wer hätte das vor 30 Jahren wohl erahnt?

Jörg Niederer

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