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Sonntag, 13. September 2026

Eine Stadt für alle

Ein Zitat

Bild: Terrakotta von Walter Loosli (Köniz) in der Kirche von Bowil: "Der Stamm Jakobs". Aufgrund der Schlangen in den Ecken und dem Engel zwischen Baum und Mensch könnte es aber auch die Vertreibung aus dem Paradies darstellen.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Umfang der Stadt beträgt neun Kilometer. Der Name der Stadt lautet von jetzt an: 'Hier-ist-Gott.'" (Bibel: Ezechiel 48,35)

Entdeckt

Die endzeitliche Gottesstadt ist klein, die Ezechiel hier in einer Vision beschreibt. Die Seiten des quadratischen Grundrisses messen 4500 Ellen, das sind etwa 2.25 km. Zum Vergleich: Ninive hatte damals eine Länge von 5 km und eine Breite von 2,3 km. Babylons Stadtmauer war 18 km lang.

Nur ein kleine Stadt, schon damals. Heute gibt es Städte mit 42 Millionen Einwohnern (Jakarta, Indonesien), und selbst Zürich ist etwa dreimal so gross wie die Stadt, die von Ezechiel beschrieben wurde. Ganz anders das neue Jerusalem, welches als Vision davon, was nach dieser Welt kommt, in Offenbarung 21,16 gezeigt wird. Wir müssen es uns als Würfel vorstellen mit einer Kantenlänge von 12'000 Stadien, das entspricht 2160 km. Warum war dagegen Ezechiels Stadt so klein?

Weil es nicht um Grösse geht. Das vorherrschende Element ist die Gleichförmigkeit. Vier gleichlange Seiten mit je drei gleich angeordneten Toren auf jeder Seite. Die Tore sind benannt nach den zwölf Stämmen Israels.

Alle werden gleich behandelt. Keiner hat das bessere Teil bekommen.

Gleichheit: Manche denken jetzt an Gleichmacherei. Doch was spricht gegen Gleichbehandlung in einer Welt des Ungleichgewichts. Das war doch immer wieder die Botschaft der Propheten, dass es Gott nicht gefällt, wenn die einen durch Unrecht und Gier Reichtum anhäufen auf Kosten der andern. Das ist auch heute eines, wenn nicht das grösste Problem, dass die 12 Superreichen soviel Vermögen (und damit Einfluss) besitzen wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Gottes neue Stadt soll dagegen ein Ort sein, wo jeder Mensch den gleichen Zugang zu Gott und Leben hat. Für jeden steht die Tür offen. Jeder Mensch soll seinen Anteil haben am Segen Gottes. Das ist nicht Gleichmacherei, sondern Gottes Gerechtigkeit. Denn diese Stadt heisst nicht "Hier-ist-der-Mensch", sondern "Hier-ist-Gott". Und das ist etwas ganz anderes.

Jörg Niederer

Freitag, 12. Dezember 2025

Die reichste Gemeinde der Schweiz

Ein Zitat

Die Reihenarbeiterhäuser am Kirchweg in Ennenda sind teilweise mit geschweiften Quergiebeln versehen.
Foto © Jörg Niederer
"Eine wissenschaftliche Volkskunde hat nicht die Aufgabe, die Vergangenheit zu verklären, sondern sie zu verstehen..." Hans Trümpy (1917–1989) Volkskundler aus Ennenda

Hingesehen

Ennenda definiert sich von Ausserhalb. Denn der Ortsnamen bezeichnete ursprünglich ein Gebiet auf der anderen Seite des Flusses. Das meinte die ursprüngliche Bezeichnung "Ennet-A", also im Dialekt "ennet em Fluss".

Dort in Ennenda mussten die Bewohnerinnen einst keine Einkommenssteuern zahlen. Ende des 19. Jahrhunderts war der Ort vielleicht die reichste Gemeinde der Schweiz, was sich anhand des prunkvollen Gemeindehauses und der Villen gut erkennen lässt. Eine blühende und erfahrene Industrie war die Grundlage dazu. So heisst es im Wikipedia-Artikel: "Die Rechnungen wurden von den Fabriken und deren Herren übernommen – selbst für das Armenwesen."

Es begann im Jahr 1616. Da waren Schiefertische das grosse Geschäft. Später wurde der Stoffdruck und die Glarner Tücher zum Exportschlager. Fast alle Industrieunternehmen im Kanton waren irgendeinmal in den Händen von Investoren aus Ennenda. Auch besassen die Industriellen grosse Teile des Klöntals.

Das war einmal. Heute hat der Schweizer Chocolatier Läderach hier seinen Sitz. Wollen die Touristen jedoch mehr Schokoladiges erleben, gehen sie ins "House of Läderach" nach Bilten.

Was es in Ennenda auch gibt: Gut erhaltene Reihen-Arbeiterhäuser am Kirchweg. Im Wikipedia-Artikel gibt es davon ein sehenswertes Luftbild von 1925, aufgenommen vom Luftfahrtspionier Walter Mittelholzer.

Auch faszinierend: Vom tiefsten Punkt der Gemeinde auf 462 m ü. M. bis zum höchsten Punkt am Schwarzstöckli auf 2348 m ü. M. geht es 1886 Meter aufwärts. Wandernd errechnet SchweizMobil zwischen den beiden Punkten eine Wanderzeit von etwas mehr als 7 Stunden bei einer Distanz von nur gerade 10,2 Kilometern. Das wäre doch einmal eine Bergtour für ambitionierte Wandernde, die dann ja auch noch den Rückweg antreten müssten.

Jörg Niederer

Sonntag, 12. Oktober 2025

Was können die Reichen schon dafür?

Ein Zitat:

Luxus-Autos beim Primetower in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Und Jesus richtete die Augen auf seine Jünger und sprach: Selig ihr Armen - euch gehört das Reich Gottes... Doch wehe euch, ihr Reichen - ihr habt euren Trost schon empfangen." Bibel, Lukas 6,20+24

Hingesehen

Kann man mit Armut und Reichtum rechnen? Kann man die Armut einsetzen, um einen Platz im Himmel zu gewinnen? Und muss man den Reichtum einsetzen, um den Platz im Himmel nicht zu verlieren? Was, wenn es den Platz im Himmel gar nicht gibt? Ist man dann als Armer hier und dort zu kurz gekommen, hat doppelt am Leben vorbei gelebt? Hätte folglich ein reicher Mensch alles richtig gemacht? Er hätte auf Kosten manch anderer gelebt, und würde das in alle Ewigkeit nie bereuen.

Glauben deshalb arme Menschen auf der ganzen Welt an den Himmel und Gott, weil das ihre einzige hoffnungsvolle Perspektive ist?

In dieser Welt kommt man entweder arm oder reich zur Welt. Ich zum Beispiel bin in eine reiche Gesellschaft hineingeboren worden. In dieser Gesellschaft bin ich zwar nicht sonderlich wohlhabend. Ganz bestimmt gehöre ich nicht zu den 42 Reichsten, die so viel besitzen wie die 3,7 Milliarden ärmsten Menschen. Aber ich lebe gut; im Überfluss. 

Da ist es schon wichtig, zu wissen, ob es nun einen Himmel und ob es Gott gibt, und ob ich mir als Wohlhabender ernsthaft Sorgen um meine himmlische Zukunft machen müsste.

Kann man mit Armut und Reichtum rechnen? Lässt sich Gott mit Armut kaufen? Kann man ihn durch Verarmen gnädig stimmen? Oder kommt es letztlich nur auf den Glauben an, und gar nicht so sehr darauf, sein Leben und den Besitz mit anderen Menschen zu teilen?

Jörg Niederer


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