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Donnerstag, 17. September 2026

Charakterkopf

Ein Zitat

Ein neugieriger Esel sucht den Kontakt zu uns.
Foto: © Jörg Niederer
"Einen Esel zu Grabe läuten." Redensart dafür, wenn sitzende Kinder mit dem Beinen baumeln wie ein tonloses und damit unnützes Geläut.

Entdeckt

Esel haben Charakter. Esel sind – entgegen landläufiger Meinung – nicht dumm. Esel sind sanft und meist zutraulich. Esel gehören zu den absoluten Lieblingstieren meiner Frau, und ich mag sie auch (meine Frau und die Esel!). Ohne Esel wäre die Welt ärmer. So gesehen ist es ein Kompliment, als Esel bezeichnet zu werden. Gerade werde ich nicht als Esel bezeichnet. Eigentlich irgendwie schade.

Jörg Niederer

Dienstag, 19. Mai 2026

Entdeckt

Ein Zitat

Eine Blaumeise hat mich entdeckt. Nun beobachten wir uns gegenseitig.
Foto © Jörg Niederer
"Mohnköpfen bohrt sie mit Verstand / ein Löchlein in den Unterrand, / weil dann die Sämerei gelind / von selbst in ihren Schnabel rinnt." Wilhelm Busch (1832-1908), Gedicht "Die Meise"

Entdeckt

Eines Morgens bin ich mit der Kamera etwas näher zum Fenster gerückt, über und hinter dem die Blaumeisen ihre Jungen grossziehen. Der Sonnenstand war auch anders, und so kam es, dass mich die Altvögel entdeckten. Sie reagierten mit Warnrufen und flogen immer wieder weg, ohne zum Nest über dem Rollladenkasten hochzusteigen.

Natürlich zog ich mich sofort zurück, und die Situation beruhigte sich wieder.

Blaumeisen darf man nicht unterschätzen. So erzählt Wilhelm Busch in einem seiner Gedichte davon, dass sie die Mohnkapseln von unten anpickten, so dass die winzigen Samen ihnen direkt in den Schnabel rieselten. Und in Grossbritannien wurde beobachtet, wie sie die Folie über der Öffnung der Milchflaschen, welche der Milchmann vor die Haustür stellte, geschickt öffneten und so vom Rahm auf der Milch naschen konnten. Über wenige Generationen hinweg wurde die neue Technik an die ganze Population der Blaumeisen weitergegeben.

Jörg Niederer

Mittwoch, 28. Januar 2026

Auf einem Bein

Ein Zitat

"Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus." Alexander von Humboldt (1769-1859)

Hingesehen

Zwei Graureiher stehen nebeneinander, jeder nur auf seinem rechten Bein. Ihr Federkleid sieht einem langen Lodenmantel gleich.
Fotos © Jörg Niederer
Man kann offensichtlich auch synchron stehen (Siehe dazu auch Beitrag von gestern!). Die beiden Graureiher bei der Insel in der Steinacher Bucht tun dies reglos nebeneinander, blicken scheinbar teilnahmslos in die selbe Richtung, haben in gleicher Weise ihr Federkleid etwas aufgeplustert und den Nacken eingezogen und balancieren je nur auf dem rechten Bein. Als hätten sie sich abgesprochen. Doch wer sagt denn, dass sie sich nicht wirklich abgesprochen haben? Wir denken oft, Tiere seien mehr als wir instinktgleitet. Doch manches was sie tun und lassen, verlangt Urteilsfähigkeit. Nicht nur der Gebrauch von Werkzeug ist ein Zeichen für Intelligenz. Nur weil wir bei vielen Tieren die Sprache, die sie miteinander sprechen, nicht verstehen, heisst dies doch nicht, dass sie nicht denken können. Eher ist es ein Zeichen dafür, dass unsere Intelligenz beschränkter ist, als wir uns einbilden.

Zumindest eines haben uns die Graureiher voraus. Sie können deutlich länger auf einem Bein stehen als wohl die meisten Menschen. Ach ja, Fliegen können sie auch, und Fische mit dem Schnabel fangen, oder Mäuse unter dem Boden hören. Vielleicht haben sie noch nie ein Buch geschrieben. Na und? Brauchen sie Bücher, um ihr Leben zu meistern, dort, wo die meisten Menschen im Winter bestimmt nicht im Freien übernachten möchten.

Noch vor 250 Jahren dachte man, Tiere funktionierten wie Maschinen, und Pflanzen seien keine Lebewesen. Es musste ein Alexander von Humboldt (1769-1859) kommen, um zu erkennen, wie alles auf dieser Erde miteinander vernetzt und in dauerhaftem Dialog verbunden ist, und folglich auf Gedeih und Verderben voneinander abhängig bleibt. Und es musste ein Charles Darwin (1809-1882) kommen, um uns zu zeigen, dass wir auch in dieses Tierreich gehören und gemeinsame Vorfahren mit anderen Spezies haben. Wobei: Auch heute gibt es Menschen, die davon nichts halten. In den USA seien es über 30% der Bevölkerung, die diesen Erkenntnissen grundsätzlich misstrauen.

Dieweil stehen die beiden Graureiher nach ihren Bräuchen auf einem Bein im See. Auf mich wirken sie irgendwie weise und klug. Ob sich so Intelligenz zeigt (dass die Graureiher so wirken / dass ich das erkenne)?

Jörg Niederer

Mittwoch, 26. November 2025

Gwunder

Ein Zitat

Portraits zweier Toggenburger Ziegen auf einer Weide bei Reichenburg.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn eine Ziege zur Stelle ist, soll kein anderer für sie meckern." Redensart aus Afrika

Hingesehen

Sie sind neugierig, aufmerksam, gwundrig. Die Toggenburger Ziegen, nach denen ein Mann in Arbeitskleider schaut. Auf Schritt und Tritt traben sie hinter ihm her, wissen aber auch genau, dass sie trotz offenem Zauntor auf der Weide zu bleiben haben. Dann entdecken sie mich und kommen näher, um diesen seltsamen Zweibeiner zu begutachten. Kess stehen sie da. Ich muss Lachen ob ihrer Mimik. Keine Frage, sie haben Freude an mir, und ich Freude an ihnen.

Dass es Toggenburger Ziegen sind, erfahre ich vom Besitzer. Es sei ein Hobby, die Tiere zu halten. Bei Wikipedia erfahre ich später, dass es die zweithäufigste Ziegenart der Schweiz ist, und dass sie im Schnitt 3 Liter Milch geben.

Zeit, einen Ziegenkäse zu geniessen und dabei in tierischen Erinnerungen zu schwelgen.

Jörg Niederer


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