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Montag, 6. April 2026

Skulpturen und Mode in methodistischen Kapellen

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Oben: die ehemalige methodistische Kapelle in Staffelbach. Unten: die ehemalige methodistische Kapelle in Uerkheim.
Foto © Jörg Niederer
"Ich plane jeden Tag in die Kirche zu gehen!" Thomas Lüscher, der heutige Besitzer der früheren Evangelisch-methodistischen Kapelle in Staffelbach.

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Gestern an Ostern ging ich in die Kirche. Für einen pensionierten Pfarrer ist das nicht aussergewöhnlich. Allerdings war es ein spezieller Kirchenbesuch. Und das kam so.

Auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft entdecke ich auch einige für die Evangelisch-methodistische Kirche "verflossene" Kapellen. Heute gehören sie nichtkirchlich motivierten Besitzer:innen. So ist es auch bei den Kapellen von Staffelbach und Uerkheim. Mit dem Entscheid, nur noch in Bottenwil Gemeindearbeit zu tun, wurden die beiden Kapellen verkauft. Beim Verkauf von Kapellen ist es nicht gleichgültig, an wen die einstigen gottesdienstlich genutzten Häuser weitergegeben werden. Diese Gebäude, sie stehen oft unter Denkmalschutz, wurden viele Jahre liebevoll und mit hohem finanziellem Aufwand und freiwilliger Arbeit unterhalten. Sie wegzugeben, fällt den Christ:innen, die dort ihre Kinder getauft und geheiratet haben, nicht leicht. Auch  hat es durchaus schon Beispiele gegeben, bei denen sakrale Häuser als Bordell oder als esoterischer Brennpunkte genutzt wurden. 

Nun sind solche kirchlichen Liegenschaften nicht gerade gesucht. Die Käufer:innen-Auswahl ist klein. Gerade in nicht zentral gelegenen – um nicht zu sagen abgelegenen – Regionen auf dem Land sind es Glücksfälle, wenn sich geeignete Nachbesitzer:innen finden lassen. In Staffelbach und Uerkheim ist das aus meiner Sicht ausgezeichnet gelungen.

2014 zog in Staffelbach der Holz- und Bronzebildhauer Thomas Lüscher mit seiner Familie in die Kapelle ein. Nun ist der Gottesdienstraum sein Atelier. Dort werden allerlei Kurse angeboten, Werke erstellt und im Haus wird auch gewohnt. Die Kapelle hat einen Anbau bekommen, der ein wenig aussieht wie die Berg- oder Talstation einer Gondelbahn.

Schon früher, 2010, erstanden André und Martha Wieland die Kapelle in Uerkheim. Eigenhändig bauten sie die Liegenschaft so um, dass auf vier Etagen Räume genutzt werden können. Heute ist die Kapelle ein privates Mode-Museum. Kleider der letzten 150 Jahre sind dort ausgestellt. Die Mode-Sammlung kann jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats von 13-17 Uhr besichtigt werden. Gestern an Ostern war der 1. Sonntag im Monat. Und so wanderten wir von Muhen nach Bottenwil, und besuchten unterwegs die Kapelle Uerkheim und ihr neues Innenleben. Dieser Besuch war so aussergewöhnlich anregend, dass es dazu eines eigenen Blogbeitrags bedarf. Das kann ich schon einmal verraten: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und sich von Martha Wieland in die Modegeheimnisse einweihen zu lassen. Das Ambiente ist aussergewöhnlich, der Erkenntnisgewinn ebenso.

Das also war mein spezieller Oster-Kirchenbesuch.

Jörg Niederer

Freitag, 3. April 2026

KATAPAVSIS

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Installation von Werner Widmer mit Totenbeinli in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ursprünglich aus Graubünden stammend, haben Totenbeinli eine lange Tradition." Rezept auf GraubündenViva

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Die Installation KATAPAVSIS von Werner Widmer in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld ist zu Ende. Sie bestand aus den kultigen Haselnussstängeli von der Migros. Totenbeinli nennt sie der Volksmund. Es sei eine "Arbeit in Gedanken an die Verstorbenen, eine Hommage an den Tod, eine Ode an das Leben." In immer wieder anderen kirchlichen Zusammenhängen werden die Totenbeinli vom Künstler zu einem Klötzliparkett ausgelegt.

Als ich vergangene Woche einem Vogel nachstellte, der auf dem Kirchturm brüten soll, begann es zu regnen, und so floh ich in die Kirche und entdeckte diese schöne, meditative Installation.

"So überraschend wie bestechend ist Werner Widmers Materialwahl 'Totenbeinli': Die ursprünglich aus Graubünden stammenden Haselnussstängelchen mit der Engadiner Bezeichnung 'Oss da mort' wurden traditionell beim Totenmahl zum Kaffee gereicht. Ihre Trockenheit ist Garant für ihre lange Haltbarkeit..." So steht es in der Beschreibung.

Bei den verarbeiteten Totenbeinli handelt es sich um Ware, die längst das Verfalldatum überschritten hat. Die Stängelchen werden von Ausstellung zu Ausstellung wiederverwendet.

Diese Installation ist nicht nur eine Inspiration zur Verarbeitung des Sterbens, sondern passt auch gut zu Karfreitag. So wundert es nicht, dass das Totenbeinli-Parkett in der Stadtkirche bei den Kreuzwegdarstellungen zu finden ist. Dort wird das Gebäck zu einem meditativen Muster für die Besinnung auf den Tod von Jesus Christus am Kreuz. "Katapausis" übrigens ist Griechisch und meint Ruhe, Rast, auch Ruheplatz. Es ist ein Wort für den Ort, wo ewiger Friede herrscht, bei Gott. An diesen himmlischen Ort geht es paradoxer Weise durch Leiden hindurch. Es ist Karfreitag.

Jörg Niederer

Dienstag, 17. März 2026

Street Art

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Mit wenigen Kreidestrichen wurden aus den Kaugummispuren am Aufgang zum Bahnsteig 2 und 3 in Frauenfeld Karotten.
Foto © Jörg Niederer
"Zufriedenheit ist der Stein der Weisen, der alles in Gold verwandelt das er berührt." Benjamin Franklin (1706-1790)

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Die Kaugummispuren am Boden von Bahnhöfen sind eine Plage. Solange sie frisch sind, klebt man an ihnen fest. Alt geworden sehen sie scheusslich aus und sind nur mit hohem Reinigungsaufwand wieder loszuwerden.

So ist es auch am Bahnhof Frauenfeld, da wo man die Rampe hoch aufs Perron 2 und 3 geht. Einige der Kaugummiflecken sind tropfenförmig in die Länge gezogen, nachdem Personen auf sie draufgestanden sind, so dass die Masse in Gehrichtung gedehnt wurde.

Doch gestern entdeckte ich, dass da jemand kreativ geworden war. Mit wenigen Strichen und lediglich einer grünen Kreide hatte sie oder er aus den schwarzen Verschmutzungen Karotten gezaubert. So sieht Street Art und Verwandlung aus, im wahrsten Sinn des Wortes.

Jörg Niederer

Dienstag, 3. März 2026

Lebendgemälde

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Grasfrösche haben bei Teufenthal ihren Laich in kleine Weiher abgelegt. Als hätte eine Malerin ihre Farbpalette angemischt.
Foto © Jörg Niederer
"Es läuft der Frühlingswind / durch kahle Alleen, / Seltsame Dinge sind / In seinem Wehen." Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

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Bei Teufenthal, direkt neben der Wyna, wurden drei kleine Tümpel angelegt. Ein Mini-Naturschutzgebiet. Wohl eher geschaffen für die seltenen Kreuz- und Geburtshelferkröten, haben die früh aktiven Grasfrösche die neuen Möglichkeiten für sich entdeckt. Davon zeugen Laichballen, die sich farblich verschiedenen Entwicklungsstadien zuordnen lassen. Im trüben Wasser wirken sie wie moderne Gemälde. Kunstwerke der Natur. Kreativität mit Mehrwert.

Jörg Niederer

Samstag, 31. Januar 2026

Gerechtigkeit mit und ohne Augenbinde

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Die historische Justitia von Hans Dub steht seit 1994 wieder vor dem Rathaus in Zofingen. Frauen haben sie zurückgefordert.
Fotos © Jörg Niederer
"Die Gerechtigkeit ist nichts anderes als die Nächstenliebe des Weisen." Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1716)

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Ein wenig sieht sie aus wie aus einem Band von Asterix und Obelix entsprungen. Die Justitia von Hans (Johann) Dub (1575–1613) vor dem Rathaus Zofingen. Zwei der drei üblichen Attribute sind bei diesem Werk vorhanden. Das Richtschwert für die Entscheidungskraft und die Waage für Gerechtigkeit. Was fehlt, ist die Augenbinde für die Unparteilichkeit.

Die Justitia befand sich einst dort, wo seit 1893 der Stadtheld Niklaus Thut über Zofingen wacht. Am Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991 verlangten die protestierenden Frauen die weibliche Justitia wieder zurück. So steht seit 1994 ein Replikat dieser Figur mit den männlichen Gesichtszügen vor dem Rathaus auf einem Sockel und zugleich auf Augenhöhe mit Niklaus Thut.

Die originale Figur befindet sich im Museum Zofingen.

Eine Augenbinden trug die Justitia erst so ab dem 15. Jahrhundert. Zuvor wurde sie oft blind dargestellt, oder hatte nur ein Auge offen. Beides symbolisierte, wie die Augenbinde, Unparteilichkeit. Doch schon immer wurde sie auch sehend und ohne Augenbinde dargestellt. Damit wird stärker betont, dass die Justitia genau hinsehen und die konkreten Lebensumstände mit ins Urteilen einbeziehen müsse.

Justitia mit und ohne Augenbinde hat also etwas mit dem Verständnis von Schuld zu tun. Soll man ohne Ansehen der Person bei allen gleich hart urteilen, oder gibt es strafmildernde Gründe in der Geschichte und den Lebensumständen eines Menschen? Soll ein Menschen, der aus Hunger stiehlt, genauso gehenkt werden wie einer, der aus Habgier stiehlt?

Ich gebe es zu. Mir leuchtet eine Justitia ohne Augenbinde mehr ein. Aber unparteiisch muss sie trotzdem sein. Gelb-orange Haare passen bestimmt nicht zu ihr.

Jörg Niederer

Freitag, 30. Januar 2026

Auf einer Million Franken sitzen bleiben

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"the money bank – Ort der Begegnung" ist ein Kunstprojekt, das unter Anleitung von Heinz Aeschlimann 2013 durch sechs junge Künstler in Zofingen verwirklicht wurde.
Fotos © Jörg Niederer
"Meiner Bank ist richtiges Gendern echt wichtig. Sie unterstützt auch alle Trans-aktionen" Paul Linus Urban, Das Witzebuch, Band 2, S.97

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Auf dem Alten Postplatz, direkt neben der Raiffeisenbank in Zofingen, steht das Kunstprojekt "the money bank – Ort der Begegnung". Wer etwas über die international bekannten Werke von Heinz Aeschlimann weiss, erkennt sofort die Formsprache des Künstlers. Diese an Puzzleteile erinnernde Gestalt taucht in seinen Werken immer wieder auf. Auch die zwei Aussparrungen sind typisch. Beim vorliegenden Werk werden diese Aussparrungen durch einsehbare Behältnisse ausgefüllt. Beim Kunstwerk handelt es sich um ein Geschenk der besagten Bank an die Region Zofingen. Entstanden ist es 2013 für eine internationalen Ausschreibung im Rahnen des Förderprogramms "Artist in Residence" durch sechs junge Künstler unter der Schirmherrschaft von Heinz Aeschlimann.

Nun war es gestern bei Regen nicht sonderlich einladend, auf diesem Kunstwerk – es ist als Sitzgelegenheit gedacht, also als eine lustig gestaltete Bank – Platz zu nehmen. Sonst hätte man sich am einen Ende auf Kleingeld setzten können, und am anderen Ende auf eine Million Franken. Diese Million wurde zuvor zu feinen Schnipsel geschreddert. Vermutlich handelt es sich dabei sowieso um ausrangierte Banknoten, die nun hier im öffentlichen Raum für keinen Menschen mehr einen grossen Wert ausmachen. Würde ein "Bankräuber" diese Fitzelchen entwenden, er bliebe auf einer Million Franken sitzen, und hätte doch gar nichts davon.

Da hat eine Geldentwertung stattgefunden zugunsten einer Kunstaufwertung. Das sollte noch viel öfter geschehen.

Jörg Niederer

Montag, 19. Januar 2026

Gulasch und ein Knoten aus Stahl

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Der "Knoten gegen das Vergessen" vom Kunstschlosser Wilfried Kofler im Geländer der Hafenpromenade von Bregenz.
Foto © Jörg Niederer
"Wegen Gottes Gnade will ich noch gnädiger werden." Frank Moritz (*1967), Methodistenpfarrer

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Die aktuell bestehenden Bregenzer Bahnhofsgebäude mit ihren lichtgrünen Elementen wurden erst 1989 errichtet. Damals wurde auch ein neuer Übergang über die Geleise erstellt, und die bestehende Gulaschbrücke, ein Fussgängersteg, abgerissen. Zwischenzeitlich ist schon der nächste Bahnhofsneubau im Gange.

Um den Weiterbestand der Gulaschbrücke wurde einst heftig gestritten. Daran erinnert ein Knoten in einer der Geländerstangen an der Seepromenade von Bregenz. Eingeschmiedet wurde der Knoten vom Bregenzer Kunstschlosser Wilfried Kofler (1949-2017) in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Einem "Knopf im Nastuch" gleich soll er an ein gebrochenes Versprechen erinnern. Das Versprechen nämlich, die Gulaschbrücke nach Vollendung des Bahnhofneubaus wieder aufzurichten. Anfänglich lagerte man die zerlegte Brücke an der Stelle des heutigen Parkplatzes Seestadtareal ein. Doch der Stadtrat lehnte die 3,5 Millionen Schilling teure Wiedererrichtung am 15. Januar 1991 ab, und die Gulaschbrücke wurde verschrottet. Damit verschwand nach fast 100 Jahren das letzte Zeugnis des alten und ersten Bahnhofs.

An der Bezeichnung "Gulaschbrücke" war der aus Italien stammende Wirt des Gasthauses Helvetica schuld, und der Arlbergtunnel. Via Arlbergtunnel reisten ab 1884 unzählige Arbeitsmigrant:innen aus Italien und Südtirol in die Schweiz und nach Süddeutschland. Über die Gulaschbrücke gelangten diese Reisenden zu den Bodenseeschiffen, um ihre Weiterfahrt auf dem Wasserweg fortzusetzten. Zuvor aber verköstigte der Helvetica-Wirt sie unter der Brücke mit Brot und Gulasch.

Das alles erfuhr ich gestern nach dem Gottesdienst in der Methodistenkirche Bregenz auf einem kurzen Spaziergang dem Bodensee entlang von meine Berufskollegen Frank Moritz.

Übrigens: Die Gulaschbrücke ist auf einem Foto im Wikipedia-Artikel zum Bahnhof Bregenz abgebildet.

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Fortschritt der Trümmerhaufen

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Der "Engel der Geschichte" von Günther Blenke unweit vom Jüdischen Museum in Hohenems.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Flügel ist zum Schwung bereit / ich kehrte gern zurück / denn blieb ich auch lebendige Zeit / ich hätte wenig Glück" Gerhard Scholem (1897-1982), Gruss vom Angelus

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In Hohenems, unweit vom Jüdischen Museum, steht eine Brunnenfigur von Günther Blenke, erstellt aus Teilen einer vom Blitz getroffenen Eiche. Aufgestellt wurde der "Engel der Geschichte" erstmals im Jahr 2020.

Dazu steht auf einer Tafel:

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. der Engel der Geschichte muss so aussehen. er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Wenn ich diese Zeilen lese, denke ich an zwei Jahre und einen Tag unglaubliches Leid im Nahem Osten, denke ich an das durch die Hamas für Israel und die eigene Bevölkerung ausgelöste und durch Israels Regierung fortgeführte Grauen, und komme nicht darum herum, das in diesem Text auffindbare düstere Bild der Vergangenheit und der Geschichte zu teilen. Wie viel Leid geschieht sinnlos durch die Menschheit? Wann endlich werden alle Tränen abgewischt?

Mittwoch, 24. September 2025

Die Kunst der Würmer

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Wurmausscheidungen, aufgetürmt zu einem kleinen Kunstwerk.
Foto © Jörg Niederer
"Wer der Welt ein Heiland zu sein glaubt, thut gut, mit dreiunddreißig Jahren zu sterben." Ludwig Anzengruber (1839-1889)

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Wir Menschen geben ja viel auf unsere Kunstfertigkeit. Doch dann kommt so ein Wurm, und mit nichts als seinem Verdauungsapparat erschafft er aus dem Arsch heraus ein kleines, vergängliches Wunderwerk. Dies erst noch ohne hinzusehen. Ich könnte es nicht besser. Was schreibe ich da: Ich könnte es nur annähernd so gut, sicher nicht mit links und nur unter Einsatz von viel Zeit.

Dieser kleine wurmproduzierte Wolkenkratzer aus gefilterter Erde kommt locker an die Ingenieurskunst von Stararchitekten heran.

Wenn nun aber selbst Würmer so Bemerkenswertes schaffen, was ist dann schon der Mensch, der sehenden Auges ins Verderben zu rennen bereit ist? Türme bauen ist etwas für Würmer, bei den Menschen führt es stets zu Überheblichkeit.

Jörg Niederer

Sonntag, 21. September 2025

Wil SG ist bemerkenswert

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Einige Kunstwerke der StreetArt Swiss vom 5.-10 August 2025 sind in der Innenstadt von Wil noch zu sehen.
Foto © Jörg Niederer
"Freut euch immerzu! Betet unablässig! Dankt Gott für alles! Denn das ist Gottes Wille, und das hat er durch Christus Jesus für euch möglich gemacht."
1. Thessalonicher 5,16-18 (Bibel)

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Wil ist eine bemerkenswerte St. Galler Stadt. Kürzlich war die Streetart Swiss 2025 in der Innenstadt zu Gast. Das da entstandene, fotografierte und schon etwas verblasste 3D-Strassenbild finde ich immer noch erstaunlich. Als würden sich die beiden Kinder wirklich in einer Wasserlache mitten auf der Einkaufsmeile vergnügen.

In Wil wohnen aber auch die beiden Pfarrpersonen, welche mich als Pfarrer in der Stadt St. Gallen und in Weinfelden beerbt habe. Das ist auch der Grund - und nicht etwas das in Wil ausgetragene gestrige Fussballcup-Spiel - dass ich ein Foto aus dieser schönen Stadt hier präsentiere. Denn heute um 10.00 Uhr beginnt der Antrittsgottesdienst von Pfarrer Richard Böck in der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Hermannstrasse 10 in Weinfelden. Dabei werde ich auch einen Beitrag leisten dürfen. An diesem Tag werden Richard und seine Frau Esther ihr Taufbekenntnis ablegen und offiziell Mitglieder der Evangelisch-methodistischen Kirche werden. Meine Aufgabe wird es sein, sie auf diesem besonderen Weg zu begleiten.

Alle sind ganz herzlich zu diesem Gottesdienst eingeladen, der bei Kaffee und mehr ausklingen wird.

Jörg Niederer

Sonntag, 7. September 2025

Sieben Glasfenster

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Sieben Glasfenster in der Friedenskirche in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Ja, du selbst, Herr, bringst Licht in mein Leben. Der Herr macht alles Dunkle um mich hell." Bibel, 2. Samuel 22,29

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Die Glasfenster auf der Südwestseite der Friedenskirche in Olten sind mir früher nicht besonders aufgefallen. Doch unlängst war ich wieder einmal in der Kirche, welche ich jahrelang tags und nachts beim Schlagen der Viertelstunden hören konnte. Da habe ich gestaunt über dieses Farbenspiel in dieser grössten evangelischen-reformierten Kirche der Region. 760 Menschen finden darin Platz. Ob sie dann zu dieser "siebenarmigen", leuchtenden Fensterreihe hochgeschaut haben?

Die Friedenskirche hat schon viel erlebt, so auch die Trauung meiner Eltern und soweit ich weiss auch meine Taufe. Auch wurde schon auf die Zeiger der Uhr geschossen. Später dann waren die vergoldeten Teile der Uhr einige Zeit abmontiert. Gelegentlich, etwa am Vögeligartenfest, kann man den 60 Meter hohen Turm besteigen. Die Glocken darin wiegen 10,6 Tonnen. Heute schweigen sie während der Nacht.

Die Friedenskirche wurde 1903 von Fritz von Niederhäusern gebaut. Der Architekt hat auch den Walter-Verlag, die Usego, das Historische Museum und das Hotel Schweizerhof in Olten erstellt.

Mir ist die Kirche zu schnörkellos, zu geometrisch, zu erdrückend. Aber auf den Turm möchte ich einmal hoch. Denn da war ich noch nie. Ich müsste von dort oben mein Elternhaus sehen können.

Uns allen wünsche ich heute einen gesegneten Sonntag.

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Jörg Niederer 

Freitag, 5. September 2025

Vallotton und der Persönlichkeitsschutz

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Félix Vallottons Bild "La charrette / Der Wagen" von 1911, Kunst Museum Winterthur (Hahnloser/Jaeggli Stiftung).
Foto © Jörg Niederer
"Ich arbeite den ganzen Tag und manchmal auch abends. Ich gehe selten aus, gehe in die Bibliothek und sehe wenig Leute, was mir ganz recht ist", schrieb Félix Vallotton 1895 in seiner Pariser Zeit

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Gestern, kurz vor Torschluss am 7. September, habe ich in Winterthur die Ausstellung "Illusions perdues" mit Bildern und Holzschnitten des Malers Félix Vallotton (1865-1925) besucht. International einer der bekanntesten Schweizer Künstler seiner Zeit, führen seine Werke weg vom Konzept der Naturtreue, direkt in die Moderne. Vallotton malte ein messerscharfes, kritisches Bild seiner Zeit.

Die Landschaftsgemälde gehören zu den späteren Werken. Sie stellen keine real existierende Landschaften dar. Es sind aus verschiedenen Elementen zusammengesetzte, artifizielle Bilder, die so aber durchaus irgendwo vorkommen könnten. Damit hat er vorweggenommen, was mit der künstlichen Intelligenz heute vieltausendfach produziert wird. Allerdings ist der Maler den Maschinen noch deutlich überlegen. Da gibt es keinen Finger zu viel, kein Bein macht sich selbständig.

Das hier abgebildete Werk "La charrette" (Der Wagen) zeigt mehr Landschaft denn Wagen. Dieser scheint nur da zu sein, damit im Bild etwas geschieht. Zudem ist dieser Einachser von hinten und in einiger Entfernung zu sehen. Viel ist daran nicht erkennbar, ein weisses Pferd mit Augenklappe, eine beleibte oder dick eingehüllte Person.

Mir geschieht es gelegentlich, dass ich den Zeitpunkt für ein Foto verpasse. Dann ist das, was ich zeigen will, schon fast zur Nebensache geworden. So kommt mir die Position des Wagens auf diesem Gemälde vor. Der Maler hat den rechten Zeitpunkt verpasst. Das kann aber nicht sein, denn anders als ein Fotograf kann ein Maler sein Bild freier so gestalten, wie er will.

Tatsächlich definiert der Wagen das ganze Bild, verleiht im Spannung und Dynamik. Ohne dieses Element hätte das Gemälde wohl nicht in die Sonderausstellung gefunden.

Noch etwas fällt mir aus Sicht eines Fotografen auf. Ich habe Skrupel, ein Pferdewagen so mit der Kamera zu erfassen, dass die Gesichter der Menschen darauf erkennbar werden. Aus rechtlichen Gründen wäre dies auch heikel. Also fotografiere ich Reitende meist von hinten und so, dass keine Rückschlüsse auf die abgebildeten Personen gezogen werden können. Interessant, dass Vallotton uns auch keine Anhaltspunkte gibt auf die Person, dort auf dem hecken- und waldgesäumten Weg ins Nirgendwo. Als wollte er die Identität des Menschen schützen.

Dazu eine Frage: Lässt du dich gerne fotografieren oder abbilden?

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Jörg Niederer

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