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Samstag, 1. August 2026

Das Kreuz mit der Schweiz

Ein Zitat

Schweizer Fahnen hängen am Nationalfeiertag an zwei Kränen in Burgdorf.
Foto © Jörg Niederer
"Solidarität und die Bereitschaft, die Intersektionalität [Interaktion verschiedener Formen von Benachteiligungen] von Sexismus, Rassismus und Klasse in den Blick zu nehmen, müssen die Arbeit einer Theologie prägen, die die biblische Botschaft der Befreiung ernst nimmt." Kommentar zum Buch von Jörg Rieger, Theologie im Kapitalozän

Entdeckt

Der 1. August. Nationalfeiertag. Die Schweiz, das Vaterland, mag diese Nacht ruhiger ruhen als in anderen Jahren. Mir gefällt das. Die Hitze, die Trockenheit, sie zeigt Grenzen auf. Auch Dringlichkeiten, die nicht nur in der Schweiz noch nicht überall wirklich ernst genommen werden. Der Klimawandel gibt uns keine Zeit mehr. Wovon hängt die Weiterexistenz der Schweiz ab? Wir müssen weiterbauen an unserer Demokratie, an der Mitmenschlichkeit, an der Überwindung des Kapitalozäns, an der Fähigkeit, das Leben eines Menschen mehr zu gewichten als den Wohlstand.

Dass die beiden Arme der zwei Kräne auf dem Foto sich scheinbar überkreuzen… vielleicht ein Zeichen. Das Kreuz mit der Schweiz es bleibt.

Jörg Niederer

Sonntag, 5. Juli 2026

Stacheln

Ein Zitat

Das Rotchrüz im Wald ob Siggenthal wurde 1873 erstellt und 2022 renoviert.
Foto © Jörg Niederer
"Gute Sitte, Religion, Takt, alles umsonst; der Mensch bleibt, wie er ist." Theodor Fontane (1819-1898)

Entdeckt

Wenn man von Judenächer Steinenbühl im Mansital dem Wanderweg in Richtung Ifluh und Siggenthal folgt, kommt man mitten im Wald zum Rotchrüz. Es wurde bereits 1873 errichtet. In jenem Jahr crashte von Wien ausgehend die Börse, und der Stacheldraht wurde erfunden. Mir scheint, der Stacheldraht korrespondiert mit der Dornenkrone des Gekreuzigten. Stacheldraht steht für unzählige Grausamkeiten, und für verendete Tiere, die sich nicht mehr aus den schmerzhaften Stahlnadeln befreien konnten. Daher gilt in der Schweiz seit 30. September 2025 ein Stacheldrahtverbot ausserhalb von Sömmerungsgebieten. Vor und nach der Sömmerung muss er auch in diesen Gebieten temporär abgebaut werden. So steht es im neu im Jagdgesetz.

Gut, das der Stacheldraht wegkommt. Nun muss nur noch die menschliche Grausamkeit abgebaut werden, und wir gehen sonntäglich-paradiesischen Zeiten entgegen. Versuche dazu sind schon mehrfach unternommen worden. Bisher haben sie wenig gefruchtet. Leider. Aber Aufgeben ist keine Option.

Jörg Niederer

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Von der Wiege...

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Altarbild von Alois Schenk (1888-1949), Kirchenmaler aus Schwäbisch Gmünd in der 1935 geweihten Dreikönigskirche von Netstal. Die Geburt Jesu und seine Kreuzigung in einem Bild.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt für einen Starken, für einen Grossen dieser Welt nur zwei Orte, an denen ihn sein Mut verlässt, vor denen er sich in tiefster Seele fürchtet, denen er scheu ausweicht. Das ist die Krippe und das Kreuz Jesu Christi." Dietrich Bonhoeffer (London 1933-1935, DBW Band 13, Seite 342f) 

Hingesehen

Da gibt es diese Redensart, die ein ganzes Leben in sechs Worten zusammenfasst: "Von der Wiege bis zur Bahre". Genau das ist auch dargestellt auf dem Altarbild von Alois Schenk in der 1935 eingeweihten römisch-katholischen Dreikönigskirche von Netstal. Auf den ersten Blick ist da diese idyllische Darstellung der Heiligen Familie, versammelt um das Jesuskind in der Krippe. Doch darüber steht das übergrosse Kreuz, an dem der Gekreuzigte hängt. Auf dem Bildausschnitt sind die angenagelten Füsse zu sehen.

Ein Leben lässt sich nicht denken ohne Geburt und Tod. Die Weihnachts- und die Passionsgeschichte gehören zusammen. Der Geburtsschmerz der Maria und der Schmerzensmann am Kreuz. Die Erlösung, angekündigt von den Engeln, der Tod als gnädige Erlösung von der Folter.

Wer nur Weihnachten feiert, wird der ganzen Tragweite dieses Geschehens nicht gerecht.

Dreht man sich dort beim Altar in der Dreikönigskirche um 180 Grad und schaut zum Glasfenster über der Orgel hoch, ist der König David zu sehen in friedlicher Pose mit der Harfe in der Hand. Eine Anspielung auf den Christus, den König über Himmel und Erde? Die Geschichte ist nicht in Bethlehem zu Ende erzählt, auch nicht auf Golgatha. Die Geschichte geht weiter.

Jörg Niederer

Dienstag, 11. November 2025

Esel mit Kreuz

Ein Zitat

Zwergesel tragen ein dunkles Kreuz auf dem Rücken bzw. auf ihrem Kreuz.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Studie hat rausgefunden, dass Frauen, DIE EIN BISSCHEN ÜBERGEWICHTIG SIND, länger leben als Männer, die das erwähnen."
Spruch auf einer Tafel am Wanderwegrand

Hingesehen

In Oberwil leben zwei Zwergesel. Bei meinem letzten Spaziergang am der Koppel vorbei ist mir einmal mehr die kreuzförmige Fellzeichnung auf dem Rücken der hübschen Tiere aufgefallen. Diese Esel also tragen ihr Kreuz auf sich. Mir kommt dabei - déformation professionelle - natürlich auch das Jesuswort (Bibel: Lukas 9,23-26) in den Sinn, mit dem er die Menschen aufforderte, sich selbst zu überwinden, ihr Kreuz zu nehmen und ihm nachzufolgen. Damit gemeint ist die Bereitschaft, für seine Überzeugung und für das Gute in der Welt zu leben und wenn nötig auch zu sterben.

Selbst die Esel erinnern mich an diese biblische Aussage. Vielleicht sollten wir Menschen uns in unserer Lebenspraxis mehr an den Eseln orientieren. Die Werweisen nicht, ob sie das Kreuz tragen sollen oder nicht. Ihr Kreuz gehört zu ihnen, es macht sie aus.

Jörg Niederer

Sonntag, 5. Oktober 2025

Vom Schlamm und von Ruinen

Ein Zitat

Die 'Alte Kirche' in Widnau wurde bis auf wenige Mauerabschnitte 1990 abgerissen.
Foto © Jörg Niederer
"Er [Gott] zog mich aus der todbringenden Zisterne, aus dem ganzen Schlamm und Dreck. Er stellte meine Füße auf einen Felsen und gab meinen Tritten festen Halt." Bibel, Psalm 40,3

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Schon vor dem Sturm Lothar war der Weg hinunter ins Tal weitgehend zugewachsen. Nach dem Unwetter waren auch noch die letzten existenten Abschnitte unter umgestürzten Bäumen begraben. Ich versuchte trotzdem den Abstieg und landete prompt in einer wirklich morastigen Grube. Erst 30 Minuten später stand ich erschöpft wieder oben auf sicherem Grund. 30 Minuten, die mich ausser Atem gebracht und meine Kleidung braunmatschig gefärbt haben. Als hätte sich der Himmel gegen mich gewandt, klatschte nur kurze Zeit später eine tote Taube nur wenige Zentimeter neben mir auf den Boden. Fast wäre ich dem Schlammtod entronnen von Federn erschlagen worden.

Wie sieht dein "Schlamm und Dreck" aus? Ist es eine seit Jahren vertrackte Beziehung? Ist es die Arbeit, oder das Fehlen von Arbeit? Sind es Altlasten aus der Kindheit? Wie oft hattest du dich fast freigestrampelt, um dann doch wieder hinunter zu rutschen in die "todbringende Zisterne"?

Gib nicht auf! Nimm dir den obenstehenden Bibelvers als bare Münze: Gott zieht dich herauf! Also auf zum nächsten Versuch!

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Zur Fotografie: Ein Jahr lang fuhr ich auf meinem Weg nach Diepoldsau in Widnau immer wieder an einer Ruine vorbei. Niemand konnte mir sagen, was es mit diesen mit Kreuz versehenen Mauern auf sich hat. Vor zwei Tagen besuchte ich den Ort, und so weiss ich nun, dass es sich um die "Alte Kirche" handelt. Die Römisch-katholische Jakobuskirche wurde 1990 abgerissen, nachdem die 1904 eingeweihte Josefskirche ab dann als Hauptkirche genutzt wurde. Heute sind nur noch Teile des Turms und des Altarraums übrig geblieben. 

Der Abbruch soll zu diskutieren gegeben haben. Der Abschied von diesem Gotteshaus fiel wohl nicht leicht. Wer sehen möchte, wie die Jakobuskirche einst ausgesehen hat, kann ein Modell von Antonio Ciardullo anschauen, das er davon im Massstab 1:40 erstellt hat.

Jörg Niederer

Sonntag, 14. September 2025

Zeichen

Ein Zitat

Eines der Kreuzweg-Kreuze in der Sankt Magdalena-Kapelle Steinegg bei Appenzell.
Foto © Jörg Niederer
"Es wird in diesem Sinne künftig auch darum gehen, als Kirche sozusagen viel weniger Gastgeber und dafür häufiger Gast zu sein." Burkhard Hose

Hingesehen

Im Interview-Buch "Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen" erzählen Schwester Philippa Rath und Burkhard Hose aus ihrem Leben. So erfährt man, wie Schwester Philippa ihre früh an Demenz erkrankte leibliche Schwester 15 Jahre lang bis zu ihrem Tod begleitet hat. Dabei erlebte sie auch Ohnmachtsgefühle, die sie dennoch aushalten musste. Sie erzählt: 

"Eine konkrete Erfahrung hat mir in dieser Zeit einmal sehr geholfen. Ich war wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt und dachte, ich schaffe es nicht mehr. Ich hatte ein Keramik-Kreuz in meiner Zelle an der Wand hängen. Daran habe ich mich in dieser Zeit im übertragenen Sinn oft festgehalten. Das war mein Kreuz, vor dem ich beten konnte. dann eines Nachts ist es mit voller Wucht auf den Boden gefallen und in tausend Stücke zerbrochen. Als es hell wurde, sah ich, dass an der Wand, wo das Kreuz gehangen hatte, ein weisses Lichtkreuz erschienen war. Das Keramik-Kreuz hat dort jahrelang gehangen, und Wände dunkeln ja nach. auf einmal war da also ein hellleuchtendes weisses Kreuz an der Wand. das war für mich eine zutiefst spirituelle Erfahrung. Das Dunkel des Kreuzes war zerbrochen und dann strahlte aus dem Dunkel ein neues Licht auf. Es fühlte sich an wie eine Auferstehung mitten im Leben." (Philippa Rath / Burkhard Hose: Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen, Freiburg im Breisgau 2024, Seite 62-63)

Eindrücklich, finde ich, und eine passendes Erfahrung für den Sonntag du das Leben.

Jörg Niederer


 

 

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