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Sonntag, 27. September 2026

Mit und ohne Fleiss, kein Preis

Ein Zitat

Rote Waldameisen bei der Arbeit.
Foto: © Jörg Niederer
"Geh und beobachte die Ameise, du Faulenzer! Nimm dir ein Beispiel an ihr, damit du klug wirst!" (Bibel: Sprüche 6,6)

Entdeckt

Auf die Gefahr hin, dass du dich durch den Bibelvers gar nicht betroffen fühlst (du gehörst ja sicher nicht zu den Faulenzer:innen), möchte ich trotzdem zwei Geschichten über den Fleiss der Ameisen erzählen.

Als ein Vater seinem Sohn, der oft tagelang herumlungerte, den Fleiss der Ameisen als vorbildliches Verhalten vor Augen malte, führte dieser ihn auf den Spielplatz, und zeigte ihm Kinder, die kleine, fleissige Ameisen in einem wahren Jagdrausch einzeln zerquetschten. der Sohn fragte den Vater: "Was nützt den zerdrückten Ameisen nun all ihr Fleiss?"

Die andere Geschichte geht so. Sie ist wahr und geschieht jeden Tag auf der ganzen Welt. Ich selbst habe sie oft erlebt, wenn ich mit der Sense die Wiese mähte. Dabei schnitt ich nicht nur Gras entzwei, sondern so manchen Ameisenhaufen. Und wirklich, die Ameisen zeigten sich auch in dieser Katastrophe als vorbildliche, fleissige Tierchen. Aber was nützten ihnen ihre Rettungseinsätze? In zwei drei Monaten, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, wird der Sensenmann wieder kommen und den erwirtschafteten Reichtum mit einem Schnitt wegrasieren.

Bei aller Wertschätzung des Fleisses, wir dürfen nie vergessen, dass es noch Wichtigeres gibt als der sprichwörtlich schweizerische Arbeitseifer, als das "schaffe, schaffe, Häusle baue". In der Bibel findet sich dazu eine interessante Geschichte in Lukas 12,16-21.

Jörg Niederer

Samstag, 12. September 2026

Wer will schon betteln?

Ein Zitat

Berufsreisende in der Stosszeit im Hauptbahnhof Bern.
Foto: © Jörg Niederer
"'Sie faule, verbummelte Schlampe', / Sagte der Spiegel zur Lampe. / 'Sie altes, schmieriges Scherbenstück', / Gab die Lampe dem Spiegel zurück. / Der Spiegel in seiner Erbitterung / bekam einen ganz gewaltigen Sprung." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Entdeckt

Ich warte an der Haltestelle auf den Anschluss für die Weiterreise, da fragt mich eine hektisch herumeilende Frau, ob ich ihr für die Notschlafstelle 10 Franken hätte. Während ich zum Portemonnaie greife, und der Bettlerin fünf Franken gebe, beobachtet eine ältere Dame dies mit Argusaugen. Die bettelnde Frau hackt nach, ob ich nicht noch weitere fünf Franken hätte. Dann eilt sie weitere zu einer andern Person und dann zu dieser älteren Dame, welche uns beobachtet hat. Dort kommt sie aber an die Falsche. Nicht nur gibt die Dame ihr nichts, sondern ruft der davoneilenden Frau nach, sie müsse halt arbeiten gehen.

Ich spreche die ältere Dame an: "Haben Sie noch nie gebettelt? Machen Sie es einmal, das ist gar nicht so einfach, das ist demütigend." Die Dame entgegnet, sie hätte ein Leben lang gearbeitet, damit sie nicht betteln müsse. "Betteln ist auch arbeiten", entgegne ich. "Wissen sie, dass Heinrich Bullinger, der Nachfolger von Reformator Zwingli, sich sein Studiengelt zusammenbettelt musste." Die ältere Dame beton noch einmal, dass sie das nicht nötig habe, und dass jeder und jede den Lebensunterhalt selbst erwirtschaften müsse. Sie sei nie jemandem etwas schuldig geblieben. "Sie mussten noch nie die Hilfe anderer in Anspruch nehmen?", frage ich. "Ich bin nicht zu dem geworden, ohne die Vielen, die mir in meinem Leben geholfen haben. Kein Mensch kommt aus ohne dass ihm andere helfen. Auch sie wären heute nicht da ohne die Pflege ihrer Eltern, ohne die Lehrerinnen und Lehrer, ohne das Spitalpersonal. Wir alle brauch einander und kommen nicht immer allein zurecht." Zwischenzeitlich hören die anderen Wartenden unserem Gespräch zu. Die Dame gibt widerwillig zu, dass wir ohne andere Menschen nicht leben könnten. Dann schweigt sie, und auch ich fahre nicht weiter fort mit meiner Strassenpredigt.

Was ich dort bei der Haltestelle nicht gesagt habe: Auch in meiner Familie gibt es Personen, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens betteln mussten. Sicher hatten sie sich zum Teil selbst in diese Situationen manövriert. Aber da war auch das Schicksal und viel Pech. Jedenfalls kenne ich keinen Frau und keinen Mann, die von sich sagen würden, dass sie gerne betteln. Daran denke ich jeweils, wenn mich jemand fragt, ob ich ihm etwas Kleingeld habe. Betteln ist keine angesehene Arbeit. Aber es ist gerade deshalb Arbeit.

Jörg Niederer

Freitag, 27. Februar 2026

In der Arbeit gewälzt

Ein Zitat

Die Honigbienen haben die Arbeit aufgenommen und sammeln schon wieder fleissig Blütennektar von Krokus und Schneeglöckchen.
Foto © Jörg Niederer
"Die fleissigsten Bienen bekommen die süssesten Zuckertüten." Herkunft unbekannt

Hingesehen

Ende Februar und die Bienen sind schon wieder fleissig. Die Temperaturen sind auch schon auf frühlingshafte 17 Grad angestiegen. Da können die Tierchen nicht mehr stillsitzen. sie müssen raus, arbeiten, Futter für den Nachwuchs herbeischaffen.

Diese Biene auf dem Foto hat schon einiges an Nektar und Blütenpollen gesammelt. Vom Eintauchen in den Blütenzentren ist das Tierchen überpudert mit Blütenstaub.

Ob sie das mögen? Oder denken sie: "Nun muss ich mich schon wieder von oben bis unten von diesem klebrigen Zeugs befreien."

Mir kommen sie wie Kohlearbeiter vor. Schwarz von der Arbeit holen Bergleute die Dunkelheit aus aus dem Berg. Und die Bienen: Goldig von der harten Arbeit holen sie das süsse Gold der Blüten zu sich nach Hause.

Jörg Niederer 

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