Samstag, 6. Juni 2026

Tiergedanken

Ein Zitat

Der in einen Lichtschacht gefallene und von mir dort gefangene Grasfrosch wartet auf seine Freilassung. Was er wohl denkt?
Foto © Jörg Niederer
"Giraffen können statistische Überlegungen anstellen, Kühe trauern, und Elefanten, Mantarochen und Elstern erkennen sich im Spiegel." Theresa Bäuerlein (*1980) auf Krautreporter 

Entdeckt

Zwischenzeitlich konnte ich nach der Erdkröte (siehe Blogbeitrag vom 2. Juni 2026!) auch den Grasfrosch einfangen. Beide waren in einen Lichtschacht gefallen und dort wohl schon längere Zeit gefangen gewesen. Anders als die Erdkröte brauchte es beim Grasfrosch etwas mehr, um ihn seinem Glück, der Befreiung aus dem Verlies, zuzuführen. Mehrfach entzog er sich dem Versuch, ihn in den Transportbehälter zu befördern durch schnelle Flucht an unzugängliche Orte. Wie auf dem Foto zu sehen ist, hat es irgendeinmal dann doch funktioniert, und der Grasfrosch war eingefangen.

Eines der Probleme ist, dass man Tieren nicht ohne weiteres die gute Absicht hinter einer Aktion verständlich machen kann. Gerne würde ich wissen, was der Grasfrosch sich wohl gedacht hat, als ich ihm nachstellte. Wie ein Storch sehe ich nicht gerade aus. Aber ob ich ein Franzose bin, der es auf seine cuisses de grenouilles abgesehen hat, kann er nun auch nicht so ohne weiteres erkennen. Wahrscheinlich hat er sich im Verlauf der etwa 10 Minuten, in der er gefangen durch die Plexiglasscheibe auf das menschliche Treiben schauen musste, in sein Schicksal ergeben. Wie konnte er auch wissen, dass sich seine Lage schon bald dramatisch zum Besseren ändern würde.

Nach einer kurzen Fotosession transportierte ich ihn unweit des Hauses zu einer wild überwachsenen Stelle entlang des Bahndamms, nicht zu nahe an den Geleisen. Dort ging es ganz schnell. Kaum hatte ich den Deckel des Transportgefässes geöffnet, hüpfte er mit eine weiten Satz weg von mir, schaute mich noch einmal an (Ich bildete mir ein, voller Dankbarkeit, aber vermutlich war es auch nur ein kontrollierendes Beobachten, vielleicht auch ein "Ätschibätsch-Blick" im Sinne von: "Du kannst mich mal, wenn du so dumm bist, mich wieder frei zu lassen, dann auf Nie-mehr-Wiedersehen".) und mit einem zweiten Satz war er im Brombeerdickicht verschwunden.

Nun hoffe ich natürlich, dass der Grasfrosch sich in der freien Wildbahn noch geschickter seinen natürlichen Feinden entziehen kann, als das bei mir der Fall gewesen ist. Möge er noch viele gute Jahre erleben.

Jörg Niederer

Freitag, 5. Juni 2026

Zierpflanze

Ein Zitat

Blüten des Japanischen Spierstrauchs
Foto © Jörg Niederer
"Vom Taue glänzt der Rasen; / beweglicher / Eilt schon die wache Quelle: / Die Buche neigt / Ihr schwankes Haupt und im Geblätter / Rauscht es und schimmert …" Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Entdeckt

Das sind die Blumen eines Rosengewächses. Man sieht dies den halbgeschlossenen Blüten gut an, auch wenn der Strauch sonst so gar nicht nach Rosen aussieht mit seinen Dolden. Der Japanische Spierstrauch kommt ursprünglich aus Japan, Korea und China. Die Wildform hat es nie in die Gärten geschafft, wohl aber Züchtungen, die daraus entstanden sind. In Nordamerika gilt der Japanische Spierstrauch als invasiv. Durch Selbstaussaat konkurrenzieren er die in der Natur einheimisch vorkommenden Pflanzen. Bei uns scheinen er da wenig Probleme zu verursachen. Gut so.

Jörg Niederer

Donnerstag, 4. Juni 2026

Seit 500 Jahren Neuling

Ein Zitat

Kleiner Ausschnitt aus der Dolde der Fremden Pimpinelle.
Foto © Jörg Niederer
"… nur, idem man sich über das Bekannte völlig verständigt hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten." Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Entdeckt

Wie lange ist ein Mensch Fremder am Ort seiner Immigration? Ab der 2. Generation sprechen wir von Secondos. Die 3. Generation wird oft immer noch nicht als Einheimisch angesehen, selbst wenn sie durch ihre eingebürgerten Eltern als Schweizer:innen zu Welt gekommen sind.

Bei Pflanzen kann der Zeitraum, in der sie als Neulinge gelten, noch viel länger dauern. So ist die ursprünglich aus Nordamerika stammende Fremde Pimpinelle vor 500 Jahren in Europa eingeschleppt worden, und gilt immer noch als Neophyt. Lateinisch wird sie Pimpinella peregrina genannt. Wurzeln und Blätter haben einen würzigen, leicht brennenden Geschmack. Daher wohl auch der Name Pimpinella, denn Piper ist das lateinische Wort für Pfeffer. Peregrina meint den/die Fremde:n, den/die Pilger:in.

So gesehen bleibt dieses Doldengewächs eine fremde Pflanze, eine ewige Pilgerin in Europa.

Jörg Niederer

Mittwoch, 3. Juni 2026

Einmaliger Sex und Fesselspiele

Ein Zitat

Das Weibchen der Veränderlichen Krabbenspinne bewacht den gut getarnten Eikokon, den es im Blütenbereich einer Rainfarn-Phazelie versteckt hat.
Foto © Jörg Niederer
"Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / dann will ich gern zugrunde gehn!" Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Entdeckt

Noch einmal Spinne (siehe Beitrag vom 30. Mai 2026!). Diesmal eine Veränderliche Krabbenspinne. Veränderlich deshalb, weil sie ihre Körperfärbung den Blütenfarben von Wiesenblumen anpassen kann. Es dauert zwar zwei Tage, aber dann ist die kleine Spinne, die ihre vier Vorderbeine wie die Scheren einer Krabbe platziert, farblich nicht mehr von der Blüte zu unterscheiden. Diese etwas 13 mm lange Spinnenart lauert ihren Opfern in den weissen oder auch gelben Wiesenblumen auf. Auf dem Foto hat sie eine unauffällige, gelblich-braune Färbung angenommen. Hell weiss leuchtet jedoch der Kokon, auf dem sie sitzt. Es ist ein Weibchen, das den werdenden Nachwuchs bewacht. Dabei lässt sie sich durch nichts vertreiben. Das wird auch verständlich, wenn man sich bewusst macht, dass dies eine der letzten Aufgaben des hübschen Tierchens ist.

Schon die Paarung ist eine einmalige Sache. In deren Verlauf fesselt ein erfolgreiches Männchen das Weibchen. Das Weibchen könnte sich leicht aus dieser Fesselung befreien, tut es aber nicht. So fixiert wird dieses Weibchen dann vom Männchen begattet. Fesselspiele beim Sex! Wer hat's erfunden?

In der Folge wird die eigene Zukunft auf eine Karte gesetzt. Alles für den eigenen Nachwuchs. Das Spinnenweibchen legt die Eier, um die es einen Kokon webt. Dieser wird so lange bewacht, bis die Jungspinnen die Eier verlassen. Um die neue Generation freizusetzen, beisst die Mutterspinne noch den Kokon auf. Dann stirbt sie. Sie hat alles gegeben für ihren Nachwuchs.

Jörg Niederer

Dienstag, 2. Juni 2026

Erdkröte im Lichtschacht

Ein Zitat

Eine Erdkröte ist wohl schon vor Monaten in den Lichtschacht gestürzt und nicht mehr hinausgekommen. Gestern habe ich sie in die Freiheit entlassen.
Foto © Jörg Niederer
"Gegen den Abend-Fuji reihen sie ihre Hintern und quaken – die Frösche." Kobayashi Issa (1763-1828)

Entdeckt

Eine heftige Erkältung plagt mich seit einigen Tagen. Gestern wollte ich trotzdem wieder einmal ins Freie, nicht weit, nur so ums Haus. Dabei hatte ich lediglich die Smartphone-Kamera. Auf dem Heimweg schaute ich auch neugierig in die Lichtschächte direkt unter den Fenstern unserer Wohnung, in deren Rollladenkästen Blaumeisen ihre Jungen grossgezogen hatten. Da nahm ich eine Bewegung wahr.

Als ich dem genauer auf den Grund ging, entdeckte ich eine Erdkröte, die am Fuss des Lichtschachts auf dem groben Kies sass, offensichtlich dort gefangen. Während sie auf Wanderung entlang von Hausmauern sind, stürzen oft junge Kröten und Frösche durch die groben Gitter in die Schächte. Von allein kommen sie nicht mehr raus.

Auch die anderen Lichtschächte, die mir zugänglich sind, haben ich in der Folge kontrolliert und noch einen dürren, olivgelblichen Grasfrosch entdeckt. Während ich die Erdkröte relativ einfach einfangen konnte, entzog sich der Grasfrosch meinen Rettungsversuchen in einem Mauerspalt.

Die Erdkröte liess ich nahe dem Bahndamm in einer wilden Hecke frei. Möge er sich einen besseren Lebensraum aussuchen, alt und weise werden und ab und zu einer anderen Kröte erzählen, was ihm Unglaubliches Widerfahren sei.

Mal schauen, ob ich heute auch noch den Grasfrosch aus seinem Gefängnis befreien kann.

Jörg Niederer

Montag, 1. Juni 2026

Sehnsuchtsland Schweiz - Gedanken zur Nachhaltigkeitsinitiative

Ein Zitat

Die Berner Alpen zeichnen sich hinter bewaldeten Hügeln des Oberaargaus und Emmentals ab.
Foto © Jörg Niederer
"Die Schweiz orientiert sich … an der Definition der UNO. Laut dieser ist eine Entwicklung dann nachhaltig, wenn sie gewährleistet, dass die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt werden, ohne dabei die Möglichkeiten künftiger Generationen zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu beeinträchtigen." Nachhaltigkeitsstrategie der Schweiz

Entdeckt

Ein Sehnsuchtsbild. Unter dem weiten Himmel zeichnen sich am Horizont die Berner Alpen ab. Eiger, Mönch und Jungfrau und andere. Nach sommerlichen Tagen wünscht man sich etwas Bergfrische. Im Frühtau zu Berge...

Ein Sehnsuchtsbild. Weit und breit keine Zivilisation. Natur pur, soweit das Auge reicht.

Das Foto verschweigt das Gebrumme der Autos im Tal, die sich zwischen den Hügeln ausbreitenden Dörfer und Städte. Was es nicht verbergen kann: In der Schweiz ist nichts mehr Natur. Alles ist beeinflusst von uns Menschen. Gepflegte Bergwiesen nebst den Wäldern, die der Forstwirtschaft dienen. 80% der Schweizerischen Landwirtschaft sei Grasland, las ich gestern auf einer Werbeseite der Fleischwirtschaft. Das liegt nicht zuerst an der zunehmenden Bevölkerung, sondern daran, wie wir unsere Umwelt behandeln. Wir haben uns entschieden, massiv in die Natur einzugreifen. Luxemburg ist dichter bevölkert als die Schweiz, und doch weisst sie eine sorgfältigere, nachhaltigere Umweltgestaltung auf. Das könnte man auch in der Schweiz, wenn man denn wollte.

Dem Dichtestress in Zügen konnte ich schon in den 90er-Jahren nicht entkommen. Ich erinnere mich an die bis auf den letzten Platz gefüllten Bahnwagons auf der Strecke von Zürich nach Bern. Damals gab es gerade einmal 6 Millionen Menschen, die hier wohnten.

Autostaus gabe es in Olten schon während meiner Schulzeit vor 55 Jahren jeden Tag. So brauchte man Vater mit dem Geschäftsauto auf den zwei Kilometern von der einen Stadtseite zur andern eine halbe Stunde. Schlimmer ist es nicht geworden, auch wenn wir heute schon 9 Millionen Menschen sind, die hier leben.

Was nicht besser geworden ist: Der Wille zu einem nachhaltigeren Lebensstil. Dabei geht es um uns, um uns "Urschweizer". Wir haben entschieden, dass wir eine industrielle Landwirtschaft wollen, dass wir dem Strassenbau Priorität geben, dass wir zwei Autos pro Familie brauchen. Wir haben in den vergangenen Abstimmungen den Kurs der schweizerischen Nachhaltigkeit bestimmt. Die gehört zu den Schlusslichtern unter den europäischen Ländern. Wir schützen lediglich einmal 3,5 % unseres Boden so, wie es für mindestens 30% des Bodens sein sollte. Das haben nicht die Fremden entschieden, das haben wir entschieden.

So gesehen ist die Nachhaltigkeitsinitiative eine Mogelpackung. In Wirklichkeit geht es darum, unseren übermässigen Lebensstil nicht zu teilen. Wir wollen nicht, dass es anderen auch gut geht. Wir schieben den Fremden den Schwarzen Peter zu.

Aktuell verbraucht die Schweiz 3 mal soviel Ressourcen, wie uns zustehen würde. Daran ändert sich nichts mit einem Einwanderungsstopp bei 10 Millionen Menschen. Daran ändert nur die Bereitschaft, unseren Lebensstil so nachhaltig zu gestalten, wie nur möglich. Je besser wir das tun, je klüger wir die Nachhaltigkeitspolitik gestalten, desto besser tun das auch die Menschen, die in unser Land einwandern. Wir haben es in den Händen. Aber nicht mit einer Nachhaltigkeitsinitiative, die die Schuld den andern gibt, sondern mit der Bereitschaft, endlich die lebenswichtigen ökologischen Weichenstellungen zu tätigen.

Jörg Niederer

Sonntag, 31. Mai 2026

Nachhaltigkeit und Gastfreundschaft.

Ein Zitat

Fenster mit Glasmalerei von Max Brunner in der Reformierten Kirche Madiswil. Dargestellt ist der Bundschluss mit Noah. Regenbogen, Rabe, Taube.
Foto © Jörg Niederer
"Lot zu Gott: "Aber siehst du die kleine Stadt hier in der Nähe? Dort kann ich mich in Sicherheit bringen. Lass mich doch dorthin fliehen! Es ist nur ein kleiner Ort. Aber da bleibe ich am Leben." Bibel: 1. Mose 19,20

Entdeckt

Eingebettet im biblischen Bericht von der dramatischen Flucht Lots aus Sodom und Gomorra und dem infernalischen Untergang der beiden Städte findet man eine kleine Geschichte von einer kleinen Stadt mit Namen Zoar. Wohl in der näheren Umgebung Sodoms gelegen gehörte sie zum Bereich der Vernichtung. Und doch blieb sie verschont.

Das verdankt Zoar dem Flüchtling Lot. Teils aus Eigeninteresse (Lot konnte nicht mehr rechtzeitig ins sichere Bergland fliehen), teils aus einer unglaublichen Cleverness ("Es ist nur ein kleiner Ort.") gelingt es Lot, Gott einige Menschenleben über seine Familie hinaus abzuringen und vor dem sicheren Tod zu retten.

New Orleans im Jahr 2005. Die Stadt steht zu einem grossen Teil unter Wasser. Menschen sind umgekommen, die meisten wurden evakuiert. Überlebende berichten, wie marodierende Banden bewaffnet und plündernd durch die Strassen ziehen. Man ist sich seines Lebens nicht mehr sicher.

Im Katastrophenfall denkt normalerweise jeder zuerst an sich. Auch Lot dachte an sich. Er wollte mit seiner Familie überleben. Aber er kombinierte seine Rettung mit der Rettung anderer Menschen. Er, der Fremde, der Flüchtling, bewahrte das kleine Zoar vor dem Untergang, indem er es Gott abhandelte. Abraham hatte versucht, durch zehn Gerechte eine ganze Region zu retten. Erst Lot ist es gelungen, wenigstens eine Stadt zu bewahren. Doch die Stadt Zoar überlebte auch, weil sie den Flüchtlingen Unterschlupf gewährte. Und auch später blieb sie ein Zufluchtsort für Menschen (Jesaja 15,5). Sodom und Gomorra sind sprichwörtlich für ihre Bosheit. Zoar sollte sprichwörtlich sein für seine Gastfreundschaft. Seine offenen Stadttore haben es gerettet.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Giraffen können statistische Überlegungen anstellen, Kühe trauern, und Elefanten, Mantarochen und Elste...