Dienstag, 18. August 2026

Doppelsichtig

Ein Zitat

Ein Vieraugenfisch im Tierpark Dählhölzli in Bern will wissen, wer ihn da fotografiert.
Foto © Jörg Niederer
"Das Wasser war ganz warm. Es hatte dieses wunderbare, durchsichtige, mit Silber gesprenkelte Blau, aber der Sand am Grund war wie Gold …" Katherine Mansfield (1888-1923)

Entdeckt

Noch einmal Tierpark Dählhölzli in Bern. Der Vieraugenfisch ist nebst einem Frosch das einzige Tier, das gleichzeitig sowohl über- wie unter Wasser scharf sehen kann. Dazu sind seine beiden Augen zweigeteilt und weisen je unterschiedliche Krümmungen und Pupillen auf. Bei diesem Brackwasserfisch handelt es sich um den grössten Zahnkärpfling, den wir kennen. Er lebt in Küstengewässern Südamerikas in Brack- und Süsswasser und bleibt stets an der Wasseroberfläche. Weil er so aussergewöhnlich ist, wird er gerne in Zoos den Besuchenden präsentiert.

Der Fisch sieht also im wahrsten Sinn des Wortes doppelt, und das ganz ohne Alkoholkonsum.

Jörg Niederer

Montag, 17. August 2026

Farbenfroh

Ein Zitat

Ein Rothaubenturako im Tierpark Dählhölzli in Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Bescheidenheit ist mein vorzüglichster Fehler, den ich mir mit der Zeit noch ganz abgewöhnen muss." Ludwig Tieck (1773-1853)

Entdeckt

Im Tierpark Dählhölzli in Bern werden viele europäische Tiere gehalten, zum Teil in sehr grossen Aussengehegen. Das hat mir schon gefallen, als ich noch als kleiner Junge mit meinen Eltern in Bern wohnte und immer einmal wieder einen Besuch im Zoo machen durfte. Aber auch exotische Tiere finden sich hier, so etwa dieser Rothaubenturako, ein Vogel aus Angola. Der Tierpark hält mehrere dieser farbenfrohen Vögel im Rahmen eines europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Auch ein Jungvogel turnt aktuell in den Volieren des Tierparks herum. Er weisst noch nicht die Farbenpracht seiner Eltern auf. Die rote und grüne Färbung entsteht übrigens bei diesem Vogel nicht durch die Oberflächenstruktur der Federn, sondern durch kupferhaltige Pigmente.

Rothaubenturakos ernähren sich fast ausschliesslich von Früchten. Früher zählte man sie zur Ordnung der Kuckucksvögel. Heute sind sie eine eigene Ordnung. Als Turakos zählen sie zu den Lärmvögeln! Das sagt einiges aus über ihre Stimmgewalt, mit der sie rufend, kreischend und schreiend ihr Revier abgrenzen. Wie das klingt, kann man sich hier anhören.

Jörg Niederer

Sonntag, 16. August 2026

Heilige Kühe

Ein Zitat

Kuh beim Wiederkäuen auf einer Alpweide.
Foto © Jörg Niederer
"Genauso machten es die Philister: Sie schafften zwei Kühe mit ihren Kälbern herbei. Die Muttertiere spannten sie vor den Wagen, während sie die Kälber in den Stall sperrten. Dann stellten sie die Lade des Herrn auf den Wagen, ..." Bibel: 1. Samuel 6,10-11a

Entdeckt

Die Bundeslade war lange Zeit das Allerheiligste in Israel. So war es besonders schlimm, als die Philister diese in einem Feldzug den Israeliten rauben konnten. Gott selbst sorgte in der Folge dafür, dass die Bundeslade den Philister kein Glück brachte und sie diese wieder los werden wollten (siehe dazu Bibel, 1. Samuel 5+6). 

Seit die Muttertierhaltung Einzug gehalten hat in der Viehwirtschaft, wissen wir wieder, wovon dieser Bibeltext redet. Versuche einmal, eine Mutterkuh auf der Weide von ihrem Kalb zu trennen! Das kann ins Auge gehen. Mütter neigen dazu, ihren Nachwuchs mit absoluter Konsequenz zu verteidigen. Untrainierte Kühe kann man auch nicht für das Ziehen eines Ochsenwagens gebrauchen. Das heisst: Die Philister haben es Gott besonders schwer gemacht, die Bundeslade wieder nach Israel zurück zu bringen. Sie wollten ihre Kriegsbeute gar nicht hergeben. 

Irgendwie ist das eine Jonageschichte. Eine Geschichte, die zeigt, dass Gott sein Ziel gegen jeden Widerstand erreichen kann. Bei Jona war es der Prophet selbst, der versuchte, Gott von seinem Ziel abzubringen. In der Bundesladengeschichte sind es die Philister, die es Gott so schwer wie möglich machten, seinen äusserst machtvollen Zauberkasten wieder ihrem Machtbereich zu entziehen. Doch die Kühe liessen lieber ihre Kälber stehen, statt sich Gott zu widersetzen. Es sind die Kühe, welche die Nachfolge höher gewichteten als die eigenen familiären Bande (siehe Matthäus 10,37!) und den eigenen Tod (siehe Matthäus 10,38-39!). Sie gaben Ihr Leben als Opfer für Gott. (Schade, dass die Kühe, obwohl sie alles richtig gemacht hatten, nicht weiter leben durften.)

Jörg Niederer

Samstag, 15. August 2026

Wasserfreude

Ein Zitat

Oben: Seehund im Tierpark Dählhölzli in Bern. Unten: Gewitterregen am Bahnhof Spiez.
Fotos © Jörg Niederer

"Es war einmal ein Mann der gung / In eines Flusser Niederung / Der Tanz der grünlich krausen Wellen / Tat seines Geistes Licht erhellen."
Kurt Schwitters (1887-1948)

Entdeckt

Eben noch war ich ein wenig neidisch auf die Seehunde im Tierpark Dählhölzli in Bern, die sich auf dem Grund des Beckens vor der Hitze und Sonne in Sicherheit bringen konnten, und nur gelegentlich mal kurz auftauchten und aus dem Wasser nach uns schweissgebadeten Zoobesuchenden schauten. Natürlich galt der Neid auch all den Menschen, die die Aare hinunter durch die Stadt Bern schwammen. Mangels Badehosen und bedingt durch ein anderes Ziel konnten wir uns nicht in gleicher Weise erfrischend treiben lassen.

Ein Tag später dann nach einer Beisetzungsfeier überraschte uns ein Gewitter am Bahnhof Spiez. Zum ersten Mal seit einigen Wochen spürte ich wieder Regentropfen. War das schön und erquickend. Laut den Meteorologen soll es in den kommenden Wochen wieder kühler werden und vermehrt Gewitter geben. Doch das helfe nicht, die Wasserspeicher aufzufüllen. So erzählte einer der Bergler an der Beisetzungsfeier, dass sie ein Schreiben von der Wassergenossenschaft erhalten hätten, in dem sie zum Wassersparen aufgefordert worden seien. Wassersparen wird wohl noch bis zum nächsten tagelangen Dauerregen ein bleibende Aufgabe sein. Bis es soweit ist, wird wenigstens der Schweiss weiter fliessen.

Jörg Niederer

Freitag, 14. August 2026

Das Vertriebsnetz

Ein Zitat

Einstige Predigtorte der Methodist:innen: Oben: Gehöft Ober Altenei. Unten: Bauernbetrieb Aspi.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir vergehen wie Rauch von starken Winden." Andreas Gryphius (1616-1664)

Entdeckt

Der bequeme Weg von Langnau nach Signau folgt den Flussläufen von Ilfis und Emme. Der unbequeme Weg dagegen führt auf direkterem Weg über die Emmentaler Hügel. Dabei kommt man an vielen Gehöften und Heimetli vorbei. Noch in Sichtweite von Langnau, 150 bis 200 Höhenmeter über der Talsohle, trafen sich einst Methodist:innen zu ihren Gottesdiensten in Bauernhöfen. Luftlinie sind diese Orte nur zwei, drei Kilometer von der "Mutterkirche" in Langnau entfernt. Von Langnau aus betreute die Pfarrperson auch die "Aussenstationen".

Man kann sich fragen, ob ein so dichtes Netzt an Predigtplätzen Sinn macht. Es scheint zumindest ein Bedürfnis gewesen zu sein, sonst hätte es diese abgelegenen Predigtplätze nicht gegeben. Vermutlich hätte man ohne sie viele Bauernfamilien an ihren schwer zugänglichen Orten nicht erreicht. Auch ist zu vermuten, dass solche Predigtplätze in Privathäusern auch von anderen Freikirchen im Emmental unterhalten wurden. Zumindest die Täufer trafen sich oft in abgelegenen Weilern.

1987 wurden die beiden methodistischen Predigtstandorte Altenei und Aspi aufgegeben. Das hat wohl vielfältige Ursachen gehabt. Zu vermuten ist, dass es auch im Emmental zu einer verstärkten Entfremdung der Bevölkerung von freikirchlicher Zugehörigkeit gekommen ist. Weiter wurden an vielen Orten die Wege wintersicher ausgebaut und damit die Mobilität erhöht. Auch die Grossfamilien auf den Bauernhöfen verschwanden, was das Transportproblem deutlich verringerte. Vielleicht wollte man die Pfarrpersonen entlasten. Weiter vermutet werden kann, dass das Gemeinschaftserlebnis vermehrt in Gottesdiensten mit höherer Beteiligung gesucht wurde.

Die negativen Folgen dieser Strukturbereinigung: Nähe zu und Einfluss auf die Menschen schwanden dahin. An manchen Orten sosehr, dass innerhalb von 30, 40 Jahren von der einst blühenden und vielfältigen Arbeit nur noch wenige Baudenkmäler übriggeblieben ist. So etwa auf dem kirchlichen Arbeitsfeld um Signau herum. Dazu später mehr in diesem Blog.

Der Niedergang erfolgte schleichend und unaufhaltsam. Das Alte ist vergangen, das Neue zeigt sich aktuell noch nicht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 13. August 2026

Sonnenfinsternis

Ein Zitat

Der Höhepunkt der Sonnenfinstern vom 12. August 2026. Bis auf eine Sichel ist die Sonne vom Mond abgedeckt.
Foto © Jörg Niederer
"... bei einem Streit mit jemandem noch vor Sonnenuntergang wieder Frieden schliessen." Benediktsregel

Entdeckt

Grosses Theater am Abendhimmel. Kurz vor Sonnenuntergang schiebt sich der Mond zwischen Erde und Sonne. Nach einigen Minuten ist die Sonne nur noch als schmale Sichel zu sehen. Dann taucht sie abgedunkelt am Horizont weg und geht, wie man so sagt, unter.

Für einmal ist nicht der Mond "nur halb zu sehen", wie Matthias Claudius im Jahr 1779 dichtete, sondern die Sonne. Ein besonderer Tag für die Wissenschaft und für viele astronomisch Interessierte. Manche sind sogar nach Spanien gereist, um die dort vollständige Sonnenfinsternis zu beobachten.

Die Wissenschaft hat die Sonnenfinsternis entzaubert. Sie eignet sich nicht mehr für Weltuntergangs-Verheissungen. Faszinierend ist so ein seltenes Ereignis dennoch. Um es zu betrachten musste ich nicht einmal aus der Wohnung. Mir wurde die Show frei Haus geliefert. Wunderbar.

Jörg Niederer

Mittwoch, 12. August 2026

Lebendig verspeist

Ein Zitat

Die Schlupfwespe Coleocentrus excitator auf einem Brombeerblatt.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts ist umsonst erschaffen, aber die Fliege ist nicht weit davon entfernt." Mark Twain (1835-1910)

Entdeckt

Darf ich vorstellen: Schlupfwespe. Weibchen von Coleocentrus excitator. Einen deutschen Namen hat das gut 23 mm lange Insekt nicht. Der Legestachel wurde bei der Grössenangabe noch nicht mitgemessen. Er ist noch einmal gut 17 mm lang. Die Schlupfwespe ist ein koinobionter Endoparasitoid. Das bedeutet, dass die Larven der Schlupfwespe lange Zeit in einem andern Tier leben, und dieses langsam von innen auffressen, aber so, dass das Wirtstier erst kurz vor Ablauf des Larvenstadiums der parasitierenden Tieres stirbt. Genau das bezeichnet das "Endo" vor dem Begriff "Parasitoid". Der Parasit bringt den Wirt langsam und schlussendlich um. Es gibt auch parasitoide Insekten, die den Wirt weiterleben lassen.

Im Fall von Coleocentrus excitator parasitiert dieser verschiedene Bockkäfer, etwa den Mulmbock, den Gelbbindigen Zangenbock, den Rothalsbock und den Braunrötlichen Spitzdeckenbock. damit reguliert Coleocentrus excitator mit seinem parasitierenden Verhalten einige Baumschädlinge. Das ist für die Bockkäfer natürlich nicht sehr schön, für die Kiefern, Fichten und Erlen jedoch schon.

Jörg Niederer

Empfohlen

Doppelsichtig

Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Das Wasser war ganz warm. Es hatte dieses wunderbare, durchsichtige, mit Silber gesprenkelte Blau, aber...