Mittwoch, 28. Oktober 2026

743 Kilometer authentische Schweiz

Ein Zitat

Oben: Das Städtchen Erlach am Bielersee. Unten: Die zurückgelegt Strecke der Kapellentour eines ganzen Jahres.
Fotos: © Jörg Niederer
"Nichts bezeichnet den Menschen mehr als das, wofür er niemals Zeit findet." Isolde Kurz (1853-1944)

Entdeckt

Vor genau einem Jahr begann ich entlang der Kapellen und Liegenschaften der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) der Schweiz kreuz und quer durch das Mittelland zu wandern (Siehe Beitrag vom 29. Oktober 2025!). Dabei war ich bis heute 743 Kilometer weit zu Fuss unterwegs. Ich bin, ausgehend von der Regenbogenkirche in Wollishofen am Zürichsee an 97 Wirkorten der Methodisten vorbeigekommen. An 54 Orten ist die EMK und ihre Tochterorganisationen nach wie vor im Besitz der Örtlichkeiten. Nicht an all diesen Orten wird noch kirchlich oder diakonisch gehandelt. Mancherorts sind die Objekte vermietet oder Wohnraum geworden.

Mein Weg führte mich also vom Üetliberg an den Fuss des Chasseral, vom Zürichsee an die Gestaden des Bielersees, vom Grossraum Zürich via Glarus nach Aarau und mit einem Abstecher nach Luzern ins Bernbiet und ins Emmental. Weiter ging es nach Bern und nun ins Seeland bis ins lange Zeit savoyische und dann bernische Erlach. In manchen Wochen war ich an zwei Tagen unterwegs, in anderen nur an einem Tag. Unterwegs kam es immer wieder zu interessanten Begegnungen. Unter dem Stichwort "Kapellentour" können die vielen Beiträge zu einstigen und aktuellen Kapellen, Alterszentren, Kinderkrippen und Wohnliegenschaften nachgelesen werden. Natürlich gab es auf dem Weg auch Besonderes zu sehen, Steinkreise im Säuliamt, der Flachsee an der Reuss, die Stadtmauer und der einstige Richtplatz von Luzern, die Sandsteinfelsen und das Schloss von Burgdorf, der Rastplatz für die Fahrenden bei Jegenstorf, die Straffanstalten von Hindelbank und Thorberg, das Ladenimperium Jakob-Markt in Zollbrück, die Aareauen zwischen Belp und Bern, das Bundeshaus in Bern, der Chutzenturm bei Wahlendorf, das Grosse Moos, die Zuckerfabrik bei und das schöne Städtchen Aarberg, und nun der Bielersee.

In Erlach, oder wie es auf Französisch heisst, in Cerlier, wurde ich erstmals französisch gegrüsst. Ich steh an den Pforten zum Welschland. Die Anreisen zu den jeweiligen Etappen werden nun noch etwas länger. In Neuchâtel ist dann der Umkehrpunkt. Dann geht es via Jura langsam aber sicher wieder zurück. Wenn alles gut geht, werde ich in etwa einem Jahr erneut im Gottesdienst der Regenbogenkirche sitzen, diesmal nicht in Wollishofen sondern in der Methodistenkirche in Oerlikon. Denn am Standort Wollishofen wurde zwischenzeitlich die kirchliche Arbeit der EMK eingestellt. Veränderung liegt eben überall in der Luft.

Jörg Niederer

Dienstag, 27. Oktober 2026

Nochmals: Pilziges

Ein Zitat

Eine prächtige Pilzgruppe. Vielleicht handelt es sich um das essbare Stockschwämmchen.
Foto: © Jörg Niederer
"Erfahrungen sammelt man wie Pilze: einzeln und mit dem Gefühl, dass die Sache nicht ganz geheuer ist." Erskine Caldwell (1903-1987)

Entdeckt

Voilà. Wie gestern versprochen gibt es heute noch einmal Pilz. Ein Zufallsfund. Drei dieser glänzenden Gruppen hatten sich mitten auf dem Wanderweg zum Stelldichein eingefunden. Es könnten Stockschwämmchen sein. Die wären essbar. Jedoch besteht Verwechslungsgefahr mit einer Vielzahl anderer, weniger bekömmlicher Pilze. So etwa auch mit dem Gifthäubling, der, wie es der Name sagt, doch ziemlich tödlich giftig ist. Man könne die beiden Pilze nur anhand des Stiels eindeutig bestimmen. Stockschwämmchen haben weissliche bis bräunliche Schuppen am Stiel, was der Gifthäubling nicht habe.

Nun, es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, diese Pilzgruppen zu pflücken. Zu schön sehen sie aus mit ihren glänzenden, radial gemusterten kugeligen Hüten. Ein wahre Freude.

Jörg Niederer

Montag, 26. Oktober 2026

Pilzzeit

Ein Zitat

Lamellenpilz. Vielleicht eine Schleierlings- oder Fälblings-Art.
Foto: © Jörg Niederer
"Der du die Wälder färbst, / Sonniger, milder Herbst, / Schöner als Rosenblühn / Dünkt mir dein sanftes Glühn." Ferdinand von Saar (1833-1906)

Entdeckt

Die Oberfläche des Pilzes sieht ein bisschen aus wie Schokopulver auf Milchschnee. Essen werde ich ihn bestimmt nicht. Ich kenne mich bei Pilzen nicht aus. Auch vermute ich, dass die essbaren Pilze schon längst gepflückt worden sind, was dazu führt, dass ich nur ungeniessbare Pilze zu Gesicht bekomme. Mit dem Regen der letzten Tage besteht eine erhöhte Chance, weitere schöne Exemplare zu entdecken. Da ich heute in der Natur unterwegs sein werde, halte ich die Augen nach Pilzen und anderen kleinen Wundern offen.

Jörg Niederer

Sonntag, 25. Oktober 2026

Weisheit und Bildung

Ein Zitat

Terrakotta von Walter Loosli in der Kirche Maikirch mit dem Titel: Apokalypse.
Foto: © Jörg Niederer
"Denn Weisheit ist besser als Perlen, und alles, was man wünschen mag, kann ihr nicht gleichen." Bibel: Sprüche 8,11

Entdeckt

Der Schreiber des Textes stellt sich die Weisheit personifiziert vor, so wie wir uns zum Beispiel die Gerechtigkeit vorstellen als Person mit verbundenen Augen und einer Waage in der Hand. Diese Frau Weisheit lehrt die Menschen, nach weisen Entscheidungen zu streben. Daher klingt der oben wiedergegebene biblische Spruch wie eine Mahnung an die Menschheit, in jedem Fall eine gründliche Schulbildung anzustreben. Keine Frage, Bildung ist wichtig, darum wird sie auch in der PISA-Studie regelmässig gemessen.

Es geht um die Frage nach dem Wert guter Schulbildung. Bildung zur Zeit der Niederschrift dieses Satzes war nicht einfach nur Schule. Bildung war damals immer verbunden mit Gotteserkenntnis. Ein Mensch konnte alles wissen über Naturwissenschaft und Soziologie, über Industrie und Politik, über Landwirtschaft und Handwerk, wusste er nichts von Gott, dann galt er als unwissender Mensch. Erst wenn der Mensch alles im Licht göttlicher Führung und Leitung einordnen konnte, war er wirklich nach dem damaligen Verständnis gebildet. Bildung könnte man daher auch übersetzten mit "Gott kennen". Gotteserkenntnis oder Reichtum, was ist besser? Worauf soll ich den Sinn meines Lebens begründen: Auf Erfolg und Wohlstand, oder auf der Geborgenheit, die aus dem Wissen göttlicher Liebe erwächst?

Jörg Niederer

Samstag, 24. Oktober 2026

Ein besonderer Augenschein auf die Lukaskapelle

Ein Zitat

Oben: Die einstige Lukaskapelle am Balmweg 5 in Bern wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Unten: In der einstiegen Lukaskapelle kann man heute die eigenen Augen fotografieren lassen.
Fotos: © Jörg Niederer

"Kirchen strahlen ja eine grosse Ruhe aus, und wir geniessen diese Stimmung jetzt in unserem Wohnzimmer. Ich bin stolz, in einer Kirche zu wohnen – es ist schon etwas Besonderes."
Cornelius Morscher, Architekt

Entdeckt

Da ich mich zwischen Täuffelen (Siehe Beitrag vom 20. Oktober 2026!) und Neuchâtel in methodistischem Niemandsland bewege, und die Witterung und die Lebensumstände gerade wenig Wandertage möglich scheinen lassen, werde ich in den nächsten Tagen in unregelmässigen Abständen auf methodistische Standorte zurückschauen, von denen ich noch nicht geschrieben habe. Ich beginne heute mit der einstigen Lukaskapelle in Bern. Dort traf sich die Evangelisch-methodistische Gemeinde von 1925 bis 2006, wobei zuletzt noch ein Hauskreis auf diesem einstigen Bezirk zusammen kam. Das Gebäude steht nach wie vor am Balmweg 5 und hat seinen Charakter auch nach der Umnutzung in ein Wohnhaus weitgehend behalten.

Drei Dinge möchte ich im Zusammenhang mit dieser Liegenschaft erwähnen: Strategie, Umnutzung und eine spezielle heutige Mieterschaft.

Zur Strategie: Hauptsitz der Evangelischen Gemeinschaft, eine Vorgängerkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), war die Zionskapelle an der Nägeligasse (Siehe Beitrag vom 29. September 2026!). Der nächste Ableger dieser Kirche befand sich ab 1919 lediglich 1,9 Kilometer entfernt in einem eher kleinen Haus an der Tscharnerstrasse 22. In jener Zeit schon suchte man eine bessere Lösung, entschied sich aber gegen eine Liegenschaft an der Mattenhofstrasse. Die Distanz vom 1,6 Kilometern zur Zionskapelle wurde aber als zu gering erachtet, um eine dritte Gemeinde nebst einer weiteren im Liebefeld (Siehe Beitrag vom 10. Oktober 2026!) zu etablieren. Als man dann 1924 Grundstück und Chalet eines Lehrers am Balmweg 5 erstehen konnte, schien den Verantwortlichen der Standort perfekt. Das, obwohl auch hier die Distanz zur Zionskapelle lediglich 2 Kilometer betrug. Strategisch erstaunen die geringen Distanzunterschiede, die den Ausschlag gaben. Sie zeigen auch etwas davon, wie es um die Mobilität jener Zeit bestellt war.

Zur Umnutzung: Die Liegenschaft Balmweg 5 erlebte im Kontext der methodistischen Arbeit und danach zwei wesentliche Umnutzungen. Zuerst wurde durch den Anbau an das Chale, (ein Ersatzneubau kam nicht in Frage, weil man sonst das Näherbaurecht verloren hätte,) aus dem Haus eine äusserlich gut erkennbares kirchliches Gebäude erstellt mit Kreuz auf dem Turmanbau und Inschrift. Ebenfalls wurde eine Pfarrerwohnung integriert. Teile des Chalets wurden in den Gottesdienstraum integriert. Es waren wohl vor allem Familien aus der Nachbarschaft, welche in der Folge die Lukaskapelle besuchten. 1979 wurde die Kapelle erneut umgebaut, um für die Jugend mehr Raum zu schaffen.

Als dann die Gemeindearbeit an diesem Standort wohl um 2006 definitiv eingestellt wurde, stand die Liegenschaft lange zum Verkauf ausgeschrieben. Erworben hat sie dann der Berner Architekt Cornelius Morscher. Wieder kam eine Abriss der Liegenschaft nicht in Frage. Die aktuelle Bausubstanz überschritt die aktuelle Ausnützungziffer bei weitem. Morscher bezeichnete den Umbau von 1979 als "Verschandelung". Er wollte erst eine Loftwohnung aus dem Kirchenraum erstellen. Das wäre finanziell nicht aufgegangen. So erstellte er ein zusätzliches Zwischengeschoss, das als "Betonkiste" in den Kirchenraum gehängt wurde. Damit konnte der ursprüngliche Raum in seiner Höhe weiter erfahrbar bleiben. Der kirchliche Charakter ist heute immer noch von Aussen erkennbar. Da sind die hohen Kirchenfenster, das Kreuz auf dem Dach und die Inschrift "Jesus Christus gestern, heute und in Ewigkeit."

Die heutige Mieterschaft: Es ist immer wieder interessant, wie einstige Kapellen genutzt werden. in der Lukaskapelle findet sich aktuell auch ein Geschäft für Fotografie. Dies ist insofern aussergewöhnlich, weil es sich dabei um "Iris-Fotografie" handelt. Wer möchte kann sich seine Iris abfotografieren lassen und daraus ein digitales Kunstwerke erstellen lassen. Da werde ich schon auch an biblische Zitate erinnert. Etwa an das Wort Jesus: "Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören" (Matthäus 13,16). Oder das sehr bekannte "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (2. Mose 21,24). In diesem Fotogeschäft verliert man nicht das Augenlicht, sondern bekommt eine neue Sichtweise auf das Wunder des Augenblicks.

Jörg Niederer

Freitag, 23. Oktober 2026

Halloween-Vogel

Ein Zitat

Weibchen oder Jungvogel einer Rohrweihe einmal in luftiger Höhe, und nicht wie üblich in taumelndem Flug knapp über dem Schilf.
Foto: © Jörg Niederer

"Durch die Besenderung
[von Rohrweihen durch BirdLife Österreich] konnten Tageszugleistungen von bis zu 800 km sowie Flüge in Höhen von 6.000 m über dem Meeresspiegel (etwa 3.000 m über Grund) dokumentiert werden." BirdLife Österreich

Entdeckt

Der dunkle Greifvogel mit seinem an einen bleichen Totenschädel erinnernden Kopf passt gut in die Zeit von Halloween. Es ist eine Rohrweihe, ein Weibchen oder dann ein Jungvogel, genau kann ich das nicht sagen. Rohrweihen überwintern regelmässig bei uns in der Schweiz. Auch auf dem Durchzug ist er zu beobachten. Bei uns ist er nicht sehr häufig. Die Vogelwarte Sempach spricht für die Jahre 2021-2023 von drei Brutpaaren. Dieser Greifvogel, er macht Jagd auf Kleinsäuger, Vögel und Amphibien, die er geschickt unter Ausnutzung des Geländes erbeutet, ist leicht kleiner als der bei uns häufige Rotmilan. Am Klingnauer Stausee konnte ich ihn vor einer Woche beobachten und fotografieren. Da es ein trüber, nebliger Tag war, hebt er sich auf dem Bild gut von dem weisslichen Hintergrund ab.

Jörg Niederer

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Der lustige Vogel im Schilf

Ein Zitat

Rohrammer-Weibchen im Schlichtkleid beim Samenpicken.
Fotos: © Jörg Niederer
"Der Name Rohrspatz wird bald auf ihn, bald auf den Teichrohrsänger angewandt, da bei diesem die Stimme lärmend, beim Rohrammer aber das Gefieder sehr sperlingsähnlich ist." Die Singvögel der Heimat

Entdeckt

Über die Rohrammer habe ich schon einmal geschrieben. Im Beitrag vom 26. April 2022 konnte ich ein Männchen im Prachtkleid präsentieren. Nun sind es vor allem Weibchen im Schlichtkleid, die sich an den Schilfsamen gütlich tun. Mir gefallen die lustig gezeichneten Gesichter der Weibchen. Rohrammern sind sprichwörtlich geworden als schimpfende Rohrspatzen. Leider nehmen diese Vögel in der Schweiz zahlenmässig ab. Grund ist wohl, dass sie vor allem in Altschilfbeständen zahlreich vorkommen. Werden diese gemäht, fehlt den Rohrammern Deckung und Lebensraum.

Jörg Niederer

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