Dienstag, 7. April 2026

Auf der Kapellentour – eine Zwischenbilanz

Ein Zitat

Hin und her führten mich die 35 Etappen auf der Kapellentour durch das Schweizer Mittelland.
"Ich glaube, die Welt ist wunderbar, und des Menschen Herz noch wunderbarer." Bettine von Arnim (1785-1859)

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Seit dem 28. Oktober bin ich immer einmal wieder tageweise unterwegs von Kapelle zu Kinderkrippe zu Altersheim zu Spital der Evangelisch-methodistischen Kirche. In 35 Etappen sind bisher 420 Kilometer schweizerisches Mittelland mit zwei Abstechern in die Alpen zusammengekommen. Im Grossraum Zürich gestartet ging es erst mal nach Glarus, dann wieder zurück in die Stadt Zürich und weiter mit einem Abstecher über Affoltern am Albis nach Aarau. Von dort führte mich der Weg nach Luzern und zurück an den Jurarand in die Stadt meiner Kindheit nach Olten. Durchschnittlich 12 Kilometer war ich dabei unterwegs. Es waren also durchaus Genusstouren. Ich bin selbst da, wo ich mich gut auskenne, mir unbekannte Wege gegangen und habe viel Neues und Faszinierendes entdeckt. Jahreszeitlich stapfte ich durch den Herbst, Winter und Frühling. Gebäude sah ich viele, die nach wie vor der Kirche und ihren "Tochtergesellschaften" gehören. Aber ich kam ebenfalls an vielen einstigen methodistischen Wirkorten vorbei, die heute nicht mehr kirchlich genutzt werden. Wenn ich mich nur schon an die Orte zurückerinnere, auf denen ich als Pfarrer die letzten 40 Jahre wirkte, dann gibt es von 19 Predigtstationen 12 nicht mehr. Umso erfreulicher waren die Begegnungen an den Orten, an denen ich auf Gemeindeglieder und Berufskolleg:innen traf. Sei es in Gottesdiensten oder zum Kaffee in einer Pfarramtsstube.

Es geht weiter. Die nächsten 100 Kilometer führen mich durch den Oberaargau und das Unteremmental nach Burgdorf. Dann geht es ins Seeland nach Biel und anschliessend über den Jura nach Basel und wieder zurück nach Zürich. Ich bin gespannt, was mich auf diesen Wegen erwartet.

Jörg Niederer

Montag, 6. April 2026

Skulpturen und Mode in methodistischen Kapellen

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Oben: die ehemalige methodistische Kapelle in Staffelbach. Unten: die ehemalige methodistische Kapelle in Uerkheim.
Foto © Jörg Niederer
"Ich plane jeden Tag in die Kirche zu gehen!" Thomas Lüscher, der heutige Besitzer der früheren Evangelisch-methodistischen Kapelle in Staffelbach.

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Gestern an Ostern ging ich in die Kirche. Für einen pensionierten Pfarrer ist das nicht aussergewöhnlich. Allerdings war es ein spezieller Kirchenbesuch. Und das kam so.

Auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft entdecke ich auch einige für die Evangelisch-methodistische Kirche "verflossene" Kapellen. Heute gehören sie nichtkirchlich motivierten Besitzer:innen. So ist es auch bei den Kapellen von Staffelbach und Uerkheim. Mit dem Entscheid, nur noch in Bottenwil Gemeindearbeit zu tun, wurden die beiden Kapellen verkauft. Beim Verkauf von Kapellen ist es nicht gleichgültig, an wen die einstigen gottesdienstlich genutzten Häuser weitergegeben werden. Diese Gebäude, sie stehen oft unter Denkmalschutz, wurden viele Jahre liebevoll und mit hohem finanziellem Aufwand und freiwilliger Arbeit unterhalten. Sie wegzugeben, fällt den Christ:innen, die dort ihre Kinder getauft und geheiratet haben, nicht leicht. Auch  hat es durchaus schon Beispiele gegeben, bei denen sakrale Häuser als Bordell oder als esoterischer Brennpunkte genutzt wurden. 

Nun sind solche kirchlichen Liegenschaften nicht gerade gesucht. Die Käufer:innen-Auswahl ist klein. Gerade in nicht zentral gelegenen – um nicht zu sagen abgelegenen – Regionen auf dem Land sind es Glücksfälle, wenn sich geeignete Nachbesitzer:innen finden lassen. In Staffelbach und Uerkheim ist das aus meiner Sicht ausgezeichnet gelungen.

2014 zog in Staffelbach der Holz- und Bronzebildhauer Thomas Lüscher mit seiner Familie in die Kapelle ein. Nun ist der Gottesdienstraum sein Atelier. Dort werden allerlei Kurse angeboten, Werke erstellt und im Haus wird auch gewohnt. Die Kapelle hat einen Anbau bekommen, der ein wenig aussieht wie die Berg- oder Talstation einer Gondelbahn.

Schon früher, 2010, erstanden André und Martha Wieland die Kapelle in Uerkheim. Eigenhändig bauten sie die Liegenschaft so um, dass auf vier Etagen Räume genutzt werden können. Heute ist die Kapelle ein privates Mode-Museum. Kleider der letzten 150 Jahre sind dort ausgestellt. Die Mode-Sammlung kann jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats von 13-17 Uhr besichtigt werden. Gestern an Ostern war der 1. Sonntag im Monat. Und so wanderten wir von Muhen nach Bottenwil, und besuchten unterwegs die Kapelle Uerkheim und ihr neues Innenleben. Dieser Besuch war so aussergewöhnlich anregend, dass es dazu eines eigenen Blogbeitrags bedarf. Das kann ich schon einmal verraten: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und sich von Martha Wieland in die Modegeheimnisse einweihen zu lassen. Das Ambiente ist aussergewöhnlich, der Erkenntnisgewinn ebenso.

Das also war mein spezieller Oster-Kirchenbesuch.

Jörg Niederer

Sonntag, 5. April 2026

Osterlachen

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Ausschnitt aus dem Deckengemälde der Katholischen Kirche St. Stephan in Beromünster. "Steinigung des Stephanus. Stephanus bezeugt den auferstandenen Christus.
Foto © Jörg Niederer
"Herzrasen ist auch nur ein anderes Wort für Brustbehaarung." Paul Linus Urban, Das Witzebuch II, Wien

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Hat Jesus gelacht. Darüber steht in den Evangelien nichts. Einige christliche Vertreter meinten deshalb, Lachen sei verwerflich.

Es gibt aber auch die alte Tradition des Osterlachens. Dabei wird der Tod ausgelacht, der angesichts der Auferstehung Christi seine Macht eingebüsst hat. Folglich werden in den Osterpredigten Witze erzählt, um das Lachen der Ostergemeinde zu provozieren.

Unlängst habe ich die Wortspiele und den Sprachwitz von Paul Linus Urban entdeckt. Die folgenden Beispiele zitiere aus seinem Büchlein "Das Witzebuch, Band II".

"Henker findet von der Arbeit nie nach Hause. - Er kennt nur die Hinrichtung."

"Ich weiss nicht, wie sich Maler über Wasser halten. - Die müssen jeden Auftrag streichen."

"Warum sind glatzköpfige Menschen so friedlich? - Weil sie sich nicht in die Haare kriegen können."

"Wusstest du, dass man Obst nicht ungewaschen essen soll? - Schon nervig, vor jedem Apfel duschen zu gehen."

Ich wünsche euch allen frohe Ostern.

Jörg Niederer

Samstag, 4. April 2026

Karfreitagswanderung

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Im Zoar, der Evangelisch-methodistischen Kirche in Muhen feierten Menschen aus den reformierten und methodistischen Kirchen gemeinsam den Karfreitagsgottesdienst.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin ein rechtes Rabenaas, / Ein wahrer Sündenkrüppel, / Der seine Sünden in sich frass, / Als wie der Russ' den Zwippel [gemeint ist der Rost]. / Herr Jesu, nimm mich Hund beim Ohr, / Wirf mir den Gnadenknochen vor, / Und schmeiss mich Sündenlümmel, / In deinen Gnadenhimmel." Kernlied aus einem alten schlesischen Kirchengesangbuch

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Nein, das Kernlied aus dem alten schlesischen Kirchengesangbuch haben wir nicht gesungen. Doch andere Lieder wurden angestimmt, im Zoar, dem Jugend- und Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Muhen. Dort startete ich gestern mit dem Besuch des Gottesdienstes meine karfreitägliche Etappe der Kapellentour.

Wie auch in der Methodistenkirche in Niederzuwil sitzt man im Zoar an kleinen Vierertischchen. Der gemeinsam mit der Reformierten Kirche gestaltete Gottesdienst war gut besucht; keine der Sitzgruppen blieb leer. Geleitet wurde die Feier gleich von zwei Pfarrpersonen mit methodistischen Wurzeln. Einmal von der methodistischen Pfarrerin Christine Moll, dann vom der EMK "abtrünnig" gewordenen reformierte Pfarrer Stephan Gassler. Der Gottesdienst war bewusst einfach gehalten. Eine Predigt gab es nicht. Stattdessen wurde von verschiedenen Beteiligten die ganze Passionsgeschichte aus der Bibel gelesen. Dazwischen sang die Gemeinde elektronisch begleitet passende Lieder. Das Abendmahl folgte unmittelbar auf den Leseteil, in dem das letzte Passamahl von Jesus mit den Jüngern beschrieben wird. Mit der Schilderung des Todes Jesu am Kreuz wurde die Altarkerze ausgelöscht. Der Gottesdienst endete im Schweigen.

Draussen vor der Tür konnte ich mich mit drei meiner früheren Gemeindegliedern unterhalten. Mit dem Aus der Gemeindearbeit in Schmiedrued (siehe Beitrag vom 25. März 2026!) wechselten sie in die nahe gelegene EMK Muhen. Es war schön, in die bekannten Gesichter zu blicken und einige Worte zu wechseln.

Dann ging es für mich los, direkt auf der als Wanderweg ausgeschilderten und am Zoar vorbeiführenden Strasse. Mein nächstes Ziel galt der ehemaligen Kapelle in Kölliken. Wie so viele sakrale Gebäude in der Region wird sie heute alternativ genutzt, in diesem Fall als Wohnraum. Dann warf ich einen Blick auf das Gelände der unglaublich aufwendig sanierten ehemalige Sondermülldeponie. Hier soll nun eine landwirtschaftliche Nutzfläche entstehen, die beispielhaft biodivers bewirtschaftet wird. Ich bin sehr gespannt. Der weitere Weg führte mich dann hinauf auf den Engelberg und wieder hinunter in meine Geburts- und Heimatstadt Olten. Ein kurzer Besuch bei meiner Mutter im Altersheim rundete die mit 400 Höhenmetern und 16 Kilometern Länge etwas anspruchsvollere Wanderung ab. Doch, so kann man den Karfreitag durchaus verbringen.

Jörg Niederer

Freitag, 3. April 2026

KATAPAVUSIS

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Installation von Werner Widmer mit Totenbeinli in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ursprünglich aus Graubünden stammend, haben Totenbeinli eine lange Tradition." Rezept auf GraubündenViva

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Die Installation KATAPAVSIS von Werner Widmer in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld ist zu Ende. Sie bestand aus den kultigen Haselnussstängeli von der Migros. Totenbeinli nennt sie der Volksmund. Es sei eine "Arbeit in Gedanken an die Verstorbenen, eine Hommage an den Tod, eine Ode an das Leben." In immer wieder anderen kirchlichen Zusammenhängen werden die Totenbeinli vom Künstler zu einem Klötzliparkett ausgelegt.

Als ich vergangene Woche einem Vogel nachstellte, der auf dem Kirchturm brüten soll, begann es zu regnen, und so floh ich in die Kirche und entdeckte diese schöne, meditative Installation.

"So überraschend wie bestechend ist Werner Widmers Materialwahl 'Totenbeinli': Die ursprünglich aus Graubünden stammenden Haselnussstängelchen mit der Engadiner Bezeichnung 'Oss da mort' wurden traditionell beim Totenmahl zum Kaffee gereicht. Ihre Trockenheit ist Garant für ihre lange Haltbarkeit..." So steht es in der Beschreibung.

Bei den verarbeiteten Totenbeinli handelt es sich um Ware, die längst das Verfalldatum überschritten hat. Die Stängelchen werden von Ausstellung zu Ausstellung wiederverwendet.

Diese Installation ist nicht nur eine Inspiration zur Verarbeitung des Sterbens, sondern passt auch gut zu Karfreitag. So wundert es nicht, dass das Totenbeinli-Parkett in der Stadtkirche bei den Kreuzwegdarstellungen zu finden ist. Dort wird das Gebäck zu einem meditativen Muster für die Besinnung auf den Tod von Jesus Christus am Kreuz. "Katapausis" übrigens ist Griechisch und meint Ruhe, Rast, auch Ruheplatz. Es ist ein Wort für den Ort, wo ewiger Friede herrscht, bei Gott. An diesen himmlischen Ort geht es paradoxer Weise durch Leiden hindurch. Es ist Karfreitag.

Jörg Niederer

Donnerstag, 2. April 2026

Saatkrähen in der Stadt

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Eine Saatkrähe nisten mit zwei Duzend weiteren Artgenossen in dem Bäumen beim Rathausplatz Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Wie der Schnabel, so die Lieder, Wie der Flug, so das Gefieder." Johannes Daniel Falk (1768-1826)

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Gerade jetzt fallen sie in den Städten auf. Sie sammeln sich auf Bäumen an hell beleuchteten Kreuzungen. Dort bauen sie ihre Nester aus Astwerk in die Kronen, in der Regel gleich zehn, zwanzig Stück. Es ist ein Kommen und Gehen. Ständig ist ihr Krächzen zu hören. Kleinere Streitereien sind an der Tagesordnung. Wer unter ihren Nistbäumen durchgeht, ist vor biologischem Beschuss nie ganz sicher. Davon zeugen die vielen weisen Einschläge auf dem Asphalt.

Ich spreche von den Saatkrähen. Sie ziehen es vor, in Kolonien zu brüten. Das gibt einen grösseren Schutz vor Greifvögeln. In der Nacht kann sich der Uhu, des Lichts der Strassenlampen wegen, weniger unbemerkt einen der grossen schwarzen Vögel holen.

Faszinierend finde ich den fast nackten, grauen, leicht nach unten gebogenen und kräftigen Schnabel, mit dem sie in den Feldern nach allerlei Getier und Samen suchen. 

Saatkrähen sind intelligent. Das macht es schwierig, sie von einem Ort zu vertreiben. Es macht es aber auch sehr interessant, ihrem Treiben zuzuschauen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 1. April 2026

Morchelglück

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Eine Speise-Morchel wächst im Unterholz bei den Sandsteinhöhlen von Staffelbach.
Foto © Jörg Niederer
"Es fiel einmal ein Kuckucksei / Vom Baum herab und ging entzwei. / Im Ei da war ein Krokodil: / Am ersten Tag war's im April." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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Ich bin kein Pilzsammler und daher auch nicht besonders versiert, die essbaren aufzuspüren. Aber gelegentlich laufe ich ihnen unerwartet über den Weg. So auch bei diesem Speise-Morchel, den meine Frau als erste entdeckte, direkt am Waldweg zu den Sandsteinhöhlen von Staffelbach. Zwischenzeitlich weiss ich, dass ich ihn hätte pflücken dürfen. Er gefällt mir aber besser da, wo er aus dem Boden lugt.

Morcheln sollten immer gut durchgekocht werden, da sie sonst vorübergehende gesundheitliche Probleme verursachen. Das habe ich beim recherchieren neu gelernt und werde es in Zukunft beherzigen. Der Nutzen von Morcheln im Wald: Sie zersetzen organisches Material.

Entdeckt habe ich den Pilz übrigens am vergangenen Samstag. Er ist also kein Aprilscherz.

Jörg Niederer

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