Donnerstag, 15. Oktober 2026

Boatpeople

Ein Zitat

"Die Freiheit aller macht den Einzelnen frei." Bettine von Arnim (1785-1859)

Entdeckt

Oben: Die Alte Aare zwischen Aarberg und Lyss. Unten: Eindrücke vom 1985 auf Aare und Rhein durchgeführten methodistischen Kanulager.
Fotos: © Jörg Niederer
Ab 1891 wurde das Wasser der Aare via Hagneckkanal und Bielersee umgeleitet. Zwischen Aarberg und Büren blieb ein Restwasserfluss, die Alte Aare, übrig. Heute ist dieser Flusslauf ein ökologisch wertvolles, 15 Kilometer langes Altwassersystem.

1985 war das noch nicht der Fall. Damals beteiligte ich mich an der Leitung eines Kanulagers, das den Aarelauf vom Thunersee bis zur Mündung in den Rhein und dann weiter bis Basel befuhr. Anders als heute konnte man in jener Zeit noch die Alten Aare per Boot befahren. Das taten wir denn auch und wurden dabei massiv von Mücken gepiesackt. Beim Anblick der Fotos vom Kanulager wundere ich mich, dass niemand einen Helm trug. Passiert ist nichts. Zum Glück. Ganz anders im Jahr des Herrn 1687. Da war die Aare im Seeland noch ein wilder, unberechenbarer Fluss. Damals fuhren 137 hugenottische Flüchtlinge in zwei aneinandergebundene Schiffen von Aarberg Richtung Büren an der Aare. Der Zusammenstoss mit einem treibenden Baumstamm liess das eine der beiden Boot sinken. Nun drängten alle in das noch heile Schiff, so dass dieses dem Gewicht der Menschen nicht mehr standhielt und ebenfalls sank. 111 Hugenotten kamen bei diesem Unglück ums Leben. Bei ihnen handelte es sich um protestantische Flüchtlinge, die aus dem ihnen feindlichen, katholischen Frankreich auf dem Weg ins Asyl in ein ihnen wohlgesonnenes Land waren. Man könnte daher auch von Boatpeople sprechen. Menschen, die auf dem Weg in die Freiheit dieses Ansinnen oft mit dem Leben bezahlten. Wie heute auf Flüchtlingsbooten im Mittelmeer oder auch im Kanal zwischen Frankreich und England waren dort in der Aare die Weidlinge hoffnungslos überladen. Der Tod von Menschen wurde fahrlässig in Kauf genommen. Flüchtende zählten wenig, und die Schuld an den Toten wurde den Schiffsleuten gegeben, wovon der eine, der überlebte, nun selbst zum Flüchtling wurde.

Heute führt der Hugenottenweg durch das Gebiet, in dem damals das Schiffsunglück geschah. Der genaue Standort der Katastrophe ist nicht mehr bekannt, da die Aare damals immer einmal wieder in einem anderen Flussbett dahinfloss. Mit dem Schiff ist zwischen Aarberg und Büren heute niemand mehr unterwegs, es sei denn, es werde per Anhänger zu einem der drei Seen transportiert.

Jörg Niederer

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Der Wink mit dem – Wegweiser

Ein Zitat

Zwei Parkbänke an der Alten Aare bei Aarberg, auf die in unmittelbarer Nachbarschaft ein Wegweiser hinweist.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Hauptfehler des Menschen bleibt, dass er so viele kleine hat." Jean Paul (1763-1825)

Entdeckt

Zwischen Aarberg und Lyss, entlang der Alten Aare, habe ich einen bisher noch nie gesehenen Wegweiser entdeckt. Darauf ist stark vereinfacht ein Mensch abgebildet, der gemütlich lässig auf einer Parkbank sitzt. Mir ist völlig klar, was dieser Wegweiser bedeutet. In die Richtung, in die er zeigt, hat es Sitzgelegenheiten. Nur frage ich mich, ob das im vorliegenden Fall extra noch angezeigt werden muss, befinden sich die beiden Bänkchen doch direkt neben dem Gartenbank-Wegweiser. Sind die Leute im Seeland so hilfsbedürftig, dass sie extra noch ein Signal brauchen, um zu verstehen, dass es sich bei den beiden ["bei den beiden" --> lustig Wortkombination] Gebilden nicht um Kunstobjekte handelt, sondern um Parkbänke? Oder will der Wegweiser deutlich machen, wie man sich auf eine Gartenbank setzt, nämlich ohne die Beine zu überschlagen, aber mit einem Arm auf der Rückenlehne? Oder fordert er die Rechenleistung der Wandernden heraus, die vielleicht bemerken, dass es eigentlich zwei solcher Wegweiser bedarf für zwei Parkbänkchen? Oder meint der Wegweiser gar nur den linken Parkbank und soll vermeiden, dass sich nicht alle auf die rechte Parkbank drängeln, weil sie nicht über ihre Nasenspitze hinaussehen können und folglich nur das allernächstliegende Bänkchen wahrnehmen. So im Sinn: "Macht nicht so ein Theater, da nebendran kann man sich auch hinsetzen!" Oder steht der Wegweiser auf der falschen Seite der beiden Bänkchen, und will auf weitere solche Sitzgelegenheiten ausserhalb des Blickfelds der Passant:innen hinweisen?

Wie auch immer: Entlang der Alten Aare hat es Sitzgelegenheiten. Das ist doch schon einmal eine gute Sache.

Jörg Niederer

Dienstag, 13. Oktober 2026

Friedliche Umnutzung

Ein Zitat

Oben: Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Lyss. Das Wohnhaus im Hintergrund gehört auch dazu. Unten: Bis 1986 fand im alten Pulverhaus von Lyss eine methodistische Sonntagschule statt.
Fotos: © Jörg Niederer
"Im Gegensatz zum ökologischen Fussabdruck, der den eigenen Schaden an der Natur misst, zeigt der Handabdruck, was wir positiv für eine nachhaltige Zukunft bewirken können." Aus einem Blog von Netzwerk-Pfarrer Stef Gerber

Entdeckt

Wer sagt denn, dass es so etwas nur in Deutschland gibt. Gestern hatten die Morgenzüge nach und von Bern deutliche Verspätung, so dass ich beinahe eine Stunden in Lyss auf den Anschlussbus Richtung Wiler bei Seedorf hätte warten müssen. So kehrte ich die Wanderrichtung um, fuhr nach ca. 20 Minuten mit dem Postauto nach Aarberg, um dann via Lyss nach Wiler zu wandern.

Im Seeland gibt es seit kurzem eine methodistische Netzwerkkirche, bestehend aus den Standorten Biel, Lyss, Studen und Aarberg. Verschiedene Angebote werden teils an mehreren Orten, teils nur an einem Ort durchgeführt. In Lyss bin ich an der Kapelle vorbeigewandert. Das markante Gebäude steht nicht weit vom Bahnhof an der Rosengasse 7. Auf der Südwestseite fällt ein moderner Liftschacht auf. Im Erdgeschoss befindet sich der Kirchenraum, in den Obergeschossen sind es Wohnungen. Das Wohnhaus, das sich entlang der Strasse nordöstlich anschliesst gehört auch der Evangelisch-methodistischen Kirche. Aus meiner Zeit Als Distriktsvorsteher kann ich mich an die Sanierung dieser Wohnhäuser erinnern, und dass die Gemeinde wollte, dass zur gleichen Zeit auch ein Lift an die Kapelle angebaut wird.

Die Gemeinde in Lyss war einst sehr dynamisch und methodistisch etwas untypisch. Heute scheint der Standort Aarberg deutlich mehr kirchliche Angebote und mehr Gemeindeleben zu bieten.

In Lyss gibt es noch einen weiteren Wirkort der Methodist:innen. Bis ins Jahr 1986 wurde im "Alten Pulverhaus", ein einfaches Gebäude am Dammweg 42, Sonntagschule abgehalten. Über dieses historische Gebäude in Lyss habe ich auf die Schnelle keine weiteren Hinweise gefunden. Pulverhäuser dienten in der Regel dem Militär als Lagerstätte für Munition und Sprengstoff. Da sich das Gebäude über die Jahre Bautätigkeit heute nicht mehr am Rand der Stadt befindet, sondern mitten in einem Wohnquartier, musste der ursprüngliche Zweck des Hauses friedlicheren Nutzungsmöglichkeiten weichen. Heute steht das trutzig wirkende Häuschen mit kleinem angrenzenden Park idyllisch zwischen Einfamilienhäusern unweit der Alten Aare.

Die friedliche Nutzung eines einstigen Militärobjekts als Sonntagschule ist ja fast schon eine "Schwerter-zu-Pflugscharen"-Geschichte.

Montag, 12. Oktober 2026

Stress-Autos

Ein Zitat

Ein Autofahrer hat den Pritschenwagen auf selten dumme Weise parkiert und damit den Gehweg zugeparkt.
Foto: © Jörg Niederer
"Wenn es plötzlich im Auto nach gebratenem Speck riecht Sitzheizung ausschalten!" Herkunft unbekannt

Entdeckt

Ich weiss, Fahrradfahrer haben keinen guten Ruf bei den Automobilist:innen. Doch was soll ich als Fussgänger von den Autofahrenden halten? Sie parkieren auf Fusswegen, halten sich nicht an Parkzeiten, blockieren private Hauszufahrten, röhren hochtourig durch die Strassen, und wenn sie nicht im Stau stehen, fahren sie zu schnell. Sie gewähren den Stadtbussen keinen Vortritt und manchmal muss ich ganz schnell wieder vom Fussgängerstreifen zurück aufs Trottoire springen, weil ein Autofahrer am Telefon hängt und darum weder Fuss noch Kopf frei hat für die Betätigung der Bremse.

Fahrradfahrende werden von Autos haarscharf überholt und dann geschnitten. Oder Autofahrende machen eine sauren Miene, weil sie am Fussgängerstreifen anhalten mussten. Wegen der Autos muss ich an lichtsignal-regulierten Strassenübergängen oft minutenlang am Fussgängerstreifen die Beine in den Asphalt treten. Zudem landen immer wieder diese plastifizierten Werbe-Visitenkarten der Autoschieber in meinem "autofreien" Briefkasten, natürlich auch dann, wenn am Briefschlitz "Werbung nein danke" steht. Ach ja, selbst die Stauzeiten gehen nicht ganz schmerzlos an mir als eingefleischtem ÖV-Benutzer vorbei. Immer wieder kommt es vor, dass der Trolleybus oder das Postauto selbst zum Opfer des Staus derjenigen wird, die allesamt allein oder maximal zu zweit in einem Van zur Arbeit oder zur Migros fahren.

Also hört mir auf mit den Radfahrer:innen. Dank ihrer sparsamen Strassenraumnutzung muss ich mich nicht noch mehr über die Unvernunft der Automobilist:innen ärgern.

Jörg Niederer

Sonntag, 11. Oktober 2026

Mischkultur

Ein Zitat

Der eindrückliche Mischkulturen-Garten eines Biobauern an einem der ersten Nebeltage in Wolfikon.
Foto: © Jörg Niederer
"Pfirsich an der Gartenmauer / Kranich auf der Winterflucht. / Herbstes Freuden, Herbstes Trauer, / Welke Rosen, reife Frucht." Detlev von Liliencron (1844-1909)

Entdeckt

Diese Foto vereint zwei Eigenschaften des Herbstes: Den Nebel und der Erntedank. Der Nebel konzentriert die Blicke auf das Nahe und öffnet die Sinne für das noch nicht Sichtbare. Der Mischkulturengarten weckt das Staunen über die Lebenskraft von Pflanzengemeinschaften und über diesen unwiderstehlichen Überlebenstrieb, der sich in Früchten, Kernen, Samen und Kräutern aller Art zeigt. Beim Betrachten und Berühren ist mir so nebenbei aufgefallen, dass den Blättern des Wirsings der Lotuseffekt eigen ist. Sie weisen Schmutz und Flüssigkeit ab. Komplexe Mikro- und Nanostrukturen lassen das Wasser abperlen. Nur eines der kleinen Wunder, die in diesem Mischkulturengarten entdeckt werden können. Ein weiteres Wunder: Das Zusammenspiel der verschiedenen Gewächse, die sich gegenseitig in ihrem Streben und Wachsen unterstützen. Davon könnten wir Menschen und mehr als eine Scheibe abschneiden.

Jörg Niederer

Samstag, 10. Oktober 2026

Es war doch keine Kapelle

Ein Zitat

Neben dieser Liegenschaft befand sich einst die methodistische Markuskapelle in Bern-Liebefeld.
Foto: © Jörg Niederer
"Bei solchen Anlässen [wie der Landesausstellung von 1914] kamen sogenannte Evangelisationswagen (oft auch als Bibelwagen oder Kapellenwagen bezeichnet) zum Einsatz." Google KI

Entdeckt

In einem Blog-Beitrag habe ich gewerweisst, ob es sich bei der Liegenschaft an der Könizbergstrasse 5 in Bern-Liebefeld um die einstige methodistische Markuskapelle handelt. Zwischenzeitlich weiss ich, dass das nicht der Fall ist. Die Kapelle gibt es heute nicht mehr. Sie stand südlich angrenzend an das auf dem Foto abgebildeten Haus. Darüber informierte mich die einstige Sigristin Marianne T.

Historische Aufnahmen vom Evangeliumswagen, der vor Errichtung der Markuskapelle im Einsatze war.
Foto: © Marianne T.
Ein Foto der Kapelle konnte sie nicht auffinden. Jedoch erhielt ich von ihr historische Aufnahmen von einem Evangeliumswagen, der 1914 an der Landesausstellung als Kapelle für Gottesdienste eingesetzt wurde. Danach sollte er in Südwestfrankreich als fahrende Kirche genutzt werden. Kriegsbedingt begrub man diesen Plan. So kaufte die Evangelische Gemeinschaft, eine Vorgängerkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) den Wagen und verwendete ihn als stehende Kirche in Bern Liebefeld. Gerade auch für die Sonntagschule wurde, wie man auf den historischen Fotos sieht, der Wagen intensiv genutzt.

Später dann konnte ein Grundstück erworben werden am Dianaweg, einer Seitenstrasse zur Könizbergstrasse. 1936 wurde darauf eine Kapelle errichtet und 1938 eingeweiht. Etliche Jahr entwickelte sich die Arbeit in der Kapelle an der Könizbergstrasse 5a gut. Doch mit neuer kirchlicher Konkurrenz und veränderten Umständen stellte sich die Frage, ob diese Arbeit noch einmal wiederbelebt werden könne. Umbaupläne für eine Erweiterung des Hauses scheiterten am Besitzer der Liegenschaft mit den Garagen, selbst ein Mitglied der EMK. Er und noch eine weitere methodistische Familie wohnten damals in dem Haus an der Könizbergstrasse 5.

So entschied man sich, die Kapelle und das Grundstück zu verkaufen, was 1991 auch geschah. Marianne T. schrieb dazu: "Im Nachhinein sind wir alle froh, wurde nichts aus dem Umbau."

Die Kapelle beschrieb Marianne T. wie folgt: "… die Kapelle war an einen Hang gebaut, und hinter dem Haus lag ein ansteigender Garten mit Pflanzplätz, der von verschiedenen Parteien genutzt wurde. Im Parterre befand sich ein Jugendraum mit WC und winzig kleinem Küchenteil. Eine Aussentreppe führte zum oberen Stock, dem Predigtsaal, welcher vielseitig genutzt wurde. Da war ein Parkettboden, den Freiwillige später versiegelten, was eine grosse Erleichterung war. Und wie gesagt: dort wo die Kapelle stand, ist jetzt ein modernes Mehrfamilienhaus."

Der Verkaufserlös kam zwei anderen methodistischen Kapellen zugute: einmal der Methodistenkirche in Belp, und dann der Lukaskapelle im Weissenbühl-Quartier. Erstere gibt es nach wie vor, die Lukaskapelle ist mittlerweile verkauft und zu einem Wohnhaus umgebaut.

Jörg Niederer

Freitag, 9. Oktober 2026

Gewohnheitstiere

Ein Zitat

Eine Reiterin auf Pferd, unterwegs zwischen zwei Bäumen, ist schemenhaft durch den Nebel zu sehen.
Foto: © Jörg Niederer
"'Leben' heißt rückwärts gesprochen 'Nebel'." Redensart

Entdeckt

An vergangenen Sonntag versammelten sich bei Wolfikon einige Enthusiast:innen zur EuroBirdwatch 2026. Es galt, Zugvögel zu beobachten und zu zählen. Ausgerechnet an diesem Morgen nebelte es zum ersten Mal sehr in diesem Jahr. Dadurch verringerte sich die Zahl der Beobachtungen massiv. Denn viele Vögel mögen es nicht, bei Nebel zu reisen.

Doch Nebel hat auch seinen Reiz. Er verwirrt die Sinne, die Landschaft wirkt geheimnisvoll und überraschend. Eine Reiterin auf dem Pferd, erst hörte man nur den Klang der Hufen, dann zeigten sich die ersten verschleierten Umrisse. Minuten später dann scheute das Pferd vor den Werbetafeln zur EuroBirdwatch am Wegrand. Das Pferd, das den Weg wohl schon hunderte Male gegangen war, traute diesem seltsamen Gebilde am Strassenrand, das aus seiner Sicht hier nicht sein sollte, so gar nicht, tänzelte nervös herum, schnaubte und liess sich von der Reiterin nur widerwillig beruhigen.

Pferde sind eben auch Gewohnheitstiere. Sie mögen keine Überraschungen.

Das galt wohl auch für den Rotmilan, den es auf dem Foto ebenfalls zu entdecken gilt. Er liess sich nicht von den Menschen mit ihren Ferngläsern davon abhalten, auf seinem Baum zu verbleiben. Oft sind Gewohnheiten sowohl Menschen und Tieren heilig. Auf Nebulöses wird entsprechend reagiert.

Jörg Niederer

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