Freitag, 13. März 2026

Der Storch und die Kinder

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Ein Storch sitzt während der grossen Pause beim Schulhaus Gerbematt in Rothenburg auf dem Kandelaber und schaut aus etwa 5 Metern auf die lärmenden und spielenden Kinder herunter.
Foto © Jörg Niederer
"Doch wer fasst in jungen Jahren / Die Gelegenheit bei Haaren? / Wann die Locken hingefahren, / Wird's der Kahlkopf erst gewahren." Friedrich Rückert (1788-1866)

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Bringt der Storch die Kinder? Natürlich nicht. Mag der Storch menschliche Kinder? Ich weiss es nicht. Jedenfalls setzte sich ein Storch just in der grossen Pause auf einen Scheinwerfermast direkt über dem Schulhausplatz Gerbematt in Rothenburg und beobachtete das quirlige, lärmende Treiben etwa fünf Metern weiter unten. Wohl gefühlt tausend Primarschüler:innen vergnügten sich bei diesem und dem benachbarten Schulhaus Lindau auf den für die Kinder vorgesehen Plätzen und auch da, wo sie nicht hätten sein sollen. Der Storch blieb davon unbeeindruckt. Interessiert schaute er auf diese Treiben hinunter. Was dachte er sich wohl dabei? Unten nahmen die meisten Kinder von Meister Adebar keine Notiz. Wer schaut auch schon zum Himmel, wenn es auf der Erde so viel zu entdecken und zu spielen gibt.

Auch meine neugierigen Blicke und die Kamera brachten den grossen Vogel nicht aus der Ruhe. Nett lächelte und posierte er einem Fashion Model gleich. Doch dann kam er (oder sie!): der zweiter Storch. Elegant flog er eine Runde über dem Pausenplatz. Als hätte er nur darauf gewartet erhob sich auch der andere in die Luft, und gemeinsam segelten sie von dannen. Zurück blieben die tobenden Kinder. Nur wenige von ihnen schauten wie ich den beiden Vögeln nach, bis sie hinter den nahen Wohnblocks verschwunden waren.

Bringt der Storch die Kinder? Ich würde sagen: Die eigenen schon.

Jörg Niederer

Donnerstag, 12. März 2026

Freikirche in der Innerschweiz

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Jörg Niederer steht vor der Kapelle der einstigen Evangelisch-methodistischen Kirche Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man lässt." Odo Marquard (1928-2015)

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Sie ist wohl eine der markantesten methodistischen Kapellen in der Schweiz mit ihrem Turm und den auffälligen Eingängen. In der Ecke eines im Quadrat um einen Innenhof angeordneten Gebäudekomplexes fällt das über 100-jährige Gebäude gegenüber dem neuen Glashochhaus der Luzerner Polizei auf. Im mit "Evangelisch-methodistische Kirche" (EMK) beschriften Gebäude befinden sich nebst den Kirchenräumen acht Wohnungen und das Büro der Pfarrperson. Doch die Gemeinde, die dort seit 2008 ihre Gottesdienste feiert, gehört nicht zur Methodistenkirche. Die "International Church of Luzern" hat ihre Ursprünge bei den Batisten. Die Methodistenkirche stellte die Arbeit in Luzern 2008 offiziell ein. Das Gebäude ist immer noch im Besitz der schweizerischen Methodistenkirche und steht in einer attraktiven, leicht zu vermietenden, ruhigen Wohnlage, in Gehdistanz zur prächtigen Altstadt.

Zur Zeit, als ich meine ersten Pfarrstelle in Huttwil angetreten hatte, traf man sich als Gemeinde so ein-, zweimal pro Jahr mit den Luzerner Methodist:innen. Der Pfarrer, der damals dort wirkte, war einst mein allererster Religionslehrer. Das war zu einer Zeit, als er so etwas wie Testpfarrer in Zofingen war. "Praktikum" wurde diese Zeit genannt. Ich war als Viertklässler fasziniert von dem, was er erzählte. Auch später wieder, als wir uns ab und zu in Luzern trafen, habe ich ihn in seiner direkten, freundlichen und bestimmten Art geschätzt. Vor wenigen Tagen ist er nun verstorben.

Luzern ist eine weitere Station auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft. Meine Kapellentour macht hier eine 180° Wende. Methodist:innen in der Innerschweiz sind nicht erst rar, seit es die Gemeinde in Luzern nicht mehr gibt. Auch zuvor konnte die EMK in diesem streng katholischen Kerngebiet nicht leicht Fuss fassen. Das hat wohl auch etwas damit zu tun, dass man, anders als andere Freikirchen, sich nicht scharf vom Katholizismus abgrenzte und distanzierte. Vielmehr versuchte man einen partnerschaftlichen Umgang mit anderen Konfessionen zu pflegen, und hat eine gewisse Hemmung, in scharfe Konkurrenz zu diesen zu treten.

In Luzern übrigens fällt man nicht auf, wenn man mit umgehängter Kamera durch die Innenstadt zieht. Hier knippst die ganze Welt all die Sehenswürdigkeiten in der quirligen innerschweizer Metropole am Vierwaldstättersee weg. Hier läuft man eher in Gefahr, den "Einheimischen" als Tourist auf den Geist zu gehen. Es droht Overtourismus.

Jörg Niederer

Mittwoch, 11. März 2026

Stern am Waldboden

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Der Zweiblättrige Blaustern blüht unweit vom Hallstattgrab auf dem Sonnenberg im lichten Wald.
Foto © Jörg Niederer
"Selbst der strengste Winter hat Angst vor dem Frühling." Sprichwort aus Finnland

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Der Zweiblättrige Blaustern blüht noch etwas früher als die Veilchen. In Auenwäldern kann er grosse blaue Teppiche bilden. Unweit vom Hallstattgrab (Siehe Beitrag von gestern!) bei Reinach blüht er nur in wenigen Exemplaren. Gepflückt werden sollte er auf keinen Fall, auch nicht für kleine Sträusse. Erstens ist er giftig und kann bei Hautkontakt allergische Reaktionen auslösen. Zweitens ist er geschützt, in manchen Kantonen sogar streng geschützt.

Wie andere Frühblüher ist er mit einer Zwiebel versehen. Für die eigene Verbreitung sorgt er mittels eines Tricks. Er produziert Ameisennahrung. Die Ameisen kommen und holen sich die Leckerbissen. Dabei transportieren sie gleich auch noch die Samen an andere Orte. Eine Win-Win-Situation. Ameisen haben so früh im Jahr etwas zu knabbern, und die Blausterne erschliessen sich neue Wirk- und Wachstumsstätten. Die Dritten, die etwas davon haben, sind all jede, welche sich an der Schönheit des Zweiblättrigen Blausterns erfreuen können.

Jörg Niederer

Dienstag, 10. März 2026

Hallstatt im Wynental

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Das Hallstattgrab auf dem Sonnenberg bei Reinach ist leicht auffindbar und doch für viele unbekannt.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

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Da, wo ich wohne, gehe ich selten in Museen. Warum eigentlich? Auf der ganzen Welt habe ich Sehenswürdigkeiten besucht, aber da, wo ich lebe, ist es, als gäbe es diese Möglichkeiten nicht.

Auch im aargauischen Reinach, wo ich vor 3 Jahrzehnten wohnte, habe ich die Museen nie besucht. Sonst hätte ich wohl früher von den Hallstattgräbern auf dem Sonnenberg erfahren. Den einen Grabhügel findet man leicht, ist er doch in den Karten verzeichnet und auch entsprechend ausgeschildert. Der zweite Tumulus ist jedoch vom Wald überwuchert und wohl nur für Insider:innen auffindbar.

Die Hallstattzeit markiert den Beginn der Eisenzeit. Sie dauerte von 800 bis 450 vor Christus, und wird von der Latènezeit abgelöst. Bei den Menschen, die in dieser Zeit von Ungarn bis Frankreich siedelten, geht man von Kelten aus. Denn anders als viele vermuten, finden sich die ersten keltischen Funde in Hallstatt, und nicht etwa im heutigen Gebiet Grossbritanniens. Mit 1200 v. Chr. datieren sie aber viel früher als die Hallstattzeit.

In der Hallstattzeit bildeten sich hierarchische Strukturen heraus. Es gibt prunkvolle Hügelgräber, in denen bedeutende Personen mit Wagen, Schwert, Dolch oder Streitaxt beigesetzt wurden. Kleinere Grabhügel wie die vom Sonnenberg oder auch vom grossen Hallstatt-Gräberfeld von Unterlunkhofen enthalten Urnen oder auch Gebeine von einem oder mehreren Verstorbenen, sowie Keramik und weitere Artefakte wie Fibeln, Schmuck und Waffen.

Von Hallstatt aus wurde in jener Zeit mit dem Salzabbau neue Handelswege erschlossen. Das belegen Fundgegenstände aus dem Mittelmeerraum und aus dem östlichen Europa.

Es waren also bewegte Zeiten, damals, als der Grabhügel etwas abseits von der nie gefundenen Siedlung der bestatteten Menschen zuoberst auf den Sonnenberg angelegt wurde. Wer damals am selben Ort lebte, wie ich Jahrhunderte später, weiss man nicht. Namen sind nicht überliefert. Aber wer sich so ein Grab leisten konnte, musste etwa Besseres gewesen sein. Vielleicht der damalige Stumpenkönig vom Hallstatt-Stumpenland im Oberen Wynental.

Jörg Niederer


Montag, 9. März 2026

Veränderung

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Jörg Niederer einmal neben der ehemaligen Evangelisch-methodistischen Kirche. Oben: Stirnseite des Gebäudes. Unten: Südseite des Gebäudes.
Foto © Jörg Niederer
"Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt." Mahatma Gandhi (1869-1948)

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Vom Ende der Evangelisch-methodistischen Kirche im Wynental habe ich an anderem Ort schon geschrieben (Siehe Beitrag vom 28. Februar 2026). Zwischenzeitlich ist dir Reise weitergegangen. Auf der Kapellentour bin ich auch bei der ehemaligen Kapelle in Reinach vorbeigekommen. Ein hübsches dreistöckiges Gebäude mit einem Türmchen an der Seite. An diesem Ort haben wir sieben Jahre lang gewohnt. Das war eine gute Zeit. Die Kinder waren klein. Die Gemeinde lebendig. Der Freundschaften gab es viele. In den 26 Jahren seit unserem Wegzug hat sich viel verändert. Manches zum Guten. So etwas das Trottoir entlang der Alten Strasse, oder die Migros in Sichtdistanz. Anderes ist verschwunden. Gerade wird da, wo einst ein Nachbar sein Anwesen sorgfältig pflegte und der Schäferhund seine Zeit im Garten in einem Zwinger verbrachte, in einer grossen Baugrube gearbeitet. Entlang der Strasse sind viele alte Liegenschaften neuen Mehrfamilienhäusern gewichen. Kleine Länden sind verschwunden. In den meisten wird heute frisierst und Haare geschnitten. Auch der Dorfmetzger neben der Kirche ist nicht mehr. Eines der alten Häuser, die noch stehen, ist sein Wohnhaus.

Überraschend, dass es die einstige Kapelle noch gibt. Sie ist schon viele Jahr eine Kita. Im Haus wohnen immer noch Menschen. Der grosse Balkon über dem ehemaligen Gemeinderaum wurde aufgestockt, so dass nun auch die Mieter im 2. Stockwerk etwas davon haben. Auch noch da ist der Bauernhof, der zu unserer Zeit noch in Betrieb war, auch wenn er mitten im Dorf stand. Dort besuchten unsere Söhne gerne die Kühe, was sich dann auch geruchsweise in unserer Wohnung bemerkbar machte. Hier neben der Kapelle schoss ein Nachbar eines Nachts mit der Kalaschnikow, bestückt mit Nachtsicht-Zielgerät, in die Luft. Und direkt daneben in unserem Gemüsegarten labten sich eines Tages die Schafe des Nachbarn an unserem Salat. Da gab es Wasserschlachten mit der ganzen Familie und ich schaufelte im Schweisse meines Angesichts den Kompost um. Bei mehreren Überschwemmungen der Wyna, sie fliesst bei der Kapelle direkt entlang der Alten Strasse, drang auch Wasser in die unteren Kirchenräume. Im Gemeindesaal gab es spezielle Gottesdienste. So hatten wir einmal lebende Echsen und Schlangen im Gottesdienst, und regelmässig gab es Klassik-Konzerte und Kinderwochen.

Wie wir nun am Samstag also dort vorbeiwanderten, wurde uns bewusst, dass nichts bleibt, wie es ist. Alles verändert sich.

Wie ertrage ich den Wandel der Zeit? Darüber denke ich heute nach. Wie geht es dir, wenn du nach vielen Jahren wieder einmal einen früheren Wohnort besuchst?

Jörg Niederer 

Sonntag, 8. März 2026

Ausgangsort der Hoffnung

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Passionszeit in der Kirche Schwarzenbach LU bei Beromünster
Foto © Jörg Niederer
"Durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen gerieten alle in die Gewalt der Sünde. Ebenso werden auch durch den Gehorsam eines Einzigen alle vor Gott gerecht sein." Bibel: Römer 5,19

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Niemand ist für sich allein schuldig. Das Unrecht ist immer kollektiv. Im besten Fall betrifft unser Versagen die nächste Umgebung, im schlimmsten Fall die ganze Welt. Vielleicht kennst du den Kinderreim "Joggeli söll ga Birli schüttle". Weil Joggeli die Birnen nicht schütteln will, werden der Reihe nach Hund Stock, Feuer Wasser Kalb und Metzger ausgesandt. Doch alle lassen sich vom Ungehorsam Joggelis anstecken. erst als der Meister eingreift, kommt die Sache ins Rollen, so dass schlussendlich sogar die Birnen fallen wollen.

Noch eindrücklicher illustriert Mani Matter die Kettenreaktion des Versagens mit dem Lied: "I han es Zündhölzli azündt". Ein brennendes Streichholz, das auf den Boden fällt, lässt Mani Matter darüber nachdenken, was hätte geschehen können. Über den Wohnungsbrand zum Stadtbrand, über den daraus folgenden Bürgerkrieg zum Weltkrieg wäre alles denkbar. Immer mehr Menschen würden in das Versehen oder die Schuld dessen verwickelt, der ein Streichholz hat fallen lassen. Immer mehr – am Schluss alle – währen mitbetroffen.

Niemand kann für sich allein gut sein und werden. Es gilt auch dabei das Prinzip der Kettenreaktion oder Solidarität. Stell dir vor, der Meister hätte bei der Joggeli-Geschichte nicht mit Fusstritten losgelegt, sondern indem er selbst mit gutem Beispiel vorangegangen wäre und mit Joggeli zusammen die Birnen geerntet hätte. Paulus nun ist überzeugt, dass irgendeinmal das Vorbild und die Aufopferung von Jesus das Wesen aller Menschen erfassen wir, so dass sie sich dem Guten zuwenden.

Nun, aktuell ist es wohl noch nicht so weit.

Jörg Niederer

Samstag, 7. März 2026

Eseliert

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Zwei Esel eines Wanderhirten begleiten die Schafe auf ihrer Reise.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Esel, der Haber frisst, tanzet auf dem Eise." Redensart in der Bedeutung: "Narren können gute Tage nicht vertragen."

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Es sei eine von Johann Nestroys vielen Wortschöpfungen. Sie ist zu finden in seinem Werk "Der Talisman". Darin verbindet er in einem Wort das Tier Esel mit dem Zustand der Isolation. "... eine Einöde nehme mich auf, ganz eseliert will ich sein", sagt darin ein gewisser Titus.

Esel gelten als störrisch und dumm, was sie keineswegs sind. Im Gegenteil: als Gebirgstiere sind sie besonders vorsichtig. So rennen sie nicht einfach los wie die Pferde bei der kleinsten Irritation, sondern denken erst einmal nach.

Die Paarung "dumm und einsam" trifft auf den grauen Vierbeiner auch nicht zu. So kommen mehrere Esel sofort recht gut miteinander aus und müssen nicht erst die Hackordnung bestimmen, wie bei den Pferde. Wozu soll man sich durch Gefechte untereinander im schwierigen Gelände in Gefahr bringen. Also wird sogleich Frieden geschlossen; es muss ja nicht die beste Freundschaft werden.

Mit Einsamkeit kommen Esel auch recht gut zurecht. Das Alleinsein fürchten sie nicht. Wie sie fast gar nichts fürchten, und sich durchaus zu wehren wissen.

So gesehen könnte es sogar erstrebenswert sein, zum Esel gemacht zu werden. Das wusste schon Apuleius in seinem Werk "Metamorphosen". Dort wird Lucius von einer Hexe in einen Esel verwandelt, durchaus zu seinem Vorteil, wenn auch aus anderem Grund, als dem der Klugheit. Nur soviel sei verraten: Es hat etwas mit dem Potenzial im Bereich der hinteren Extremitäten zu tun.

Genug der Eseleien: Wie eseliert (sprich: einsam und klug) fühlst du dich heute?

Jörg Niederer

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