Dienstag, 10. März 2026

Hallstatt im Wynental

Ein Zitat

Das Hallstattgrab auf dem Sonnenberg bei Reinach ist leicht auffindbar und doch für viele unbekannt.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

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Da, wo ich wohne, gehe ich selten in Museen. Warum eigentlich? Auf der ganzen Welt habe ich Sehenswürdigkeiten besucht, aber da, wo ich lebe, ist es, als gäbe es diese Möglichkeiten nicht.

Auch im aargauischen Reinach, wo ich vor 3 Jahrzehnten wohnte, habe ich die Museen nie besucht. Sonst hätte ich wohl früher von den Hallstattgräbern auf dem Sonnenberg erfahren. Den einen Grabhügel findet man leicht, ist er doch in den Karten verzeichnet und auch entsprechend ausgeschildert. Der zweite Tumulus ist jedoch vom Wald überwuchert und wohl nur für Insider:innen auffindbar.

Die Hallstattzeit markiert den Beginn der Eisenzeit. Sie dauerte von 800 bis 450 vor Christus, und wird von der Latènezeit abgelöst. Bei den Menschen, die in dieser Zeit von Ungarn bis Frankreich siedelten, geht man von Kelten aus. Denn anders als viele vermuten, finden sich die ersten keltischen Funde in Hallstatt, und nicht etwa im heutigen Gebiet Grossbritanniens. Mit 1200 v. Chr. datieren sie aber viel früher als die Hallstattzeit.

In der Hallstattzeit bildeten sich hierarchische Strukturen heraus. Es gibt prunkvolle Hügelgräber, in denen bedeutende Personen mit Wagen, Schwert, Dolch oder Streitaxt beigesetzt wurden. Kleinere Grabhügel wie die vom Sonnenberg oder auch vom grossen Hallstatt-Gräberfeld von Unterlunkhofen enthalten Urnen oder auch Gebeine von einem oder mehreren Verstorbenen, sowie Keramik und weitere Artefakte wie Fibeln, Schmuck und Waffen.

Von Hallstatt aus wurde in jener Zeit mit dem Salzabbau neue Handelswege erschlossen. Das belegen Fundgegenstände aus dem Mittelmeerraum und aus dem östlichen Europa.

Es waren also bewegte Zeiten, damals, als der Grabhügel etwas abseits von der nie gefundenen Siedlung der bestatteten Menschen zuoberst auf den Sonnenberg angelegt wurde. Wer damals am selben Ort lebte, wie ich Jahrhunderte später, weiss man nicht. Namen sind nicht überliefert. Aber wer sich so ein Grab leisten konnte, musste etwa Besseres gewesen sein. Vielleicht der damalige Stumpenkönig vom Hallstatt-Stumpenland im Oberen Wynental.

Jörg Niederer


Montag, 9. März 2026

Veränderung

Ein Zitat

Jörg Niederer einmal neben der ehemaligen Evangelisch-methodistischen Kirche. Oben: Stirnseite des Gebäudes. Unten: Südseite des Gebäudes.
Foto © Jörg Niederer
"Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt." Mahatma Gandhi (1869-1948)

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Vom Ende der Evangelisch-methodistischen Kirche im Wynental habe ich an anderem Ort schon geschrieben (Siehe Beitrag vom 28. Februar 2026). Zwischenzeitlich ist dir Reise weitergegangen. Auf der Kapellentour bin ich auch bei der ehemaligen Kapelle in Reinach vorbeigekommen. Ein hübsches dreistöckiges Gebäude mit einem Türmchen an der Seite. An diesem Ort haben wir sieben Jahre lang gewohnt. Das war eine gute Zeit. Die Kinder waren klein. Die Gemeinde lebendig. Der Freundschaften gab es viele. In den 26 Jahren seit unserem Wegzug hat sich viel verändert. Manches zum Guten. So etwas das Trottoir entlang der Alten Strasse, oder die Migros in Sichtdistanz. Anderes ist verschwunden. Gerade wird da, wo einst ein Nachbar sein Anwesen sorgfältig pflegte und der Schäferhund seine Zeit im Garten in einem Zwinger verbrachte, in einer grossen Baugrube gearbeitet. Entlang der Strasse sind viele alte Liegenschaften neuen Mehrfamilienhäusern gewichen. Kleine Länden sind verschwunden. In den meisten wird heute frisierst und Haare geschnitten. Auch der Dorfmetzger neben der Kirche ist nicht mehr. Eines der alten Häuser, die noch stehen, ist sein Wohnhaus.

Überraschend, dass es die einstige Kapelle noch gibt. Sie ist schon viele Jahr eine Kita. Im Haus wohnen immer noch Menschen. Der grosse Balkon über dem ehemaligen Gemeinderaum wurde aufgestockt, so dass nun auch die Mieter im 2. Stockwerk etwas davon haben. Auch noch da ist der Bauernhof, der zu unserer Zeit noch in Betrieb war, auch wenn er mitten im Dorf stand. Dort besuchten unsere Söhne gerne die Kühe, was sich dann auch geruchsweise in unserer Wohnung bemerkbar machte. Hier neben der Kapelle schoss ein Nachbar eines Nachts mit der Kalaschnikow, bestückt mit Nachtsicht-Zielgerät, in die Luft. Und direkt daneben in unserem Gemüsegarten labten sich eines Tages die Schafe des Nachbarn an unserem Salat. Da gab es Wasserschlachten mit der ganzen Familie und ich schaufelte im Schweisse meines Angesichts den Kompost um. Bei mehreren Überschwemmungen der Wyna, sie fliesst bei der Kapelle direkt entlang der Alten Strasse, drang auch Wasser in die unteren Kirchenräume. Im Gemeindesaal gab es spezielle Gottesdienste. So hatten wir einmal lebende Echsen und Schlangen im Gottesdienst, und regelmässig gab es Klassik-Konzerte und Kinderwochen.

Wie wir nun am Samstag also dort vorbeiwanderten, wurde uns bewusst, dass nichts bleibt, wie es ist. Alles verändert sich.

Wie ertrage ich den Wandel der Zeit? Darüber denke ich heute nach. Wie geht es dir, wenn du nach vielen Jahren wieder einmal einen früheren Wohnort besuchst?

Jörg Niederer 

Sonntag, 8. März 2026

Ausgangsort der Hoffnung

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Passionszeit in der Kirche Schwarzenbach LU bei Beromünster
Foto © Jörg Niederer
"Durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen gerieten alle in die Gewalt der Sünde. Ebenso werden auch durch den Gehorsam eines Einzigen alle vor Gott gerecht sein." Bibel: Römer 5,19

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Niemand ist für sich allein schuldig. Das Unrecht ist immer kollektiv. Im besten Fall betrifft unser Versagen die nächste Umgebung, im schlimmsten Fall die ganze Welt. Vielleicht kennst du den Kinderreim "Joggeli söll ga Birli schüttle". Weil Joggeli die Birnen nicht schütteln will, werden der Reihe nach Hund Stock, Feuer Wasser Kalb und Metzger ausgesandt. Doch alle lassen sich vom Ungehorsam Joggelis anstecken. erst als der Meister eingreift, kommt die Sache ins Rollen, so dass schlussendlich sogar die Birnen fallen wollen.

Noch eindrücklicher illustriert Mani Matter die Kettenreaktion des Versagens mit dem Lied: "I han es Zündhölzli azündt". Ein brennendes Streichholz, das auf den Boden fällt, lässt Mani Matter darüber nachdenken, was hätte geschehen können. Über den Wohnungsbrand zum Stadtbrand, über den daraus folgenden Bürgerkrieg zum Weltkrieg wäre alles denkbar. Immer mehr Menschen würden in das Versehen oder die Schuld dessen verwickelt, der ein Streichholz hat fallen lassen. Immer mehr – am Schluss alle – währen mitbetroffen.

Niemand kann für sich allein gut sein und werden. Es gilt auch dabei das Prinzip der Kettenreaktion oder Solidarität. Stell dir vor, der Meister hätte bei der Joggeli-Geschichte nicht mit Fusstritten losgelegt, sondern indem er selbst mit gutem Beispiel vorangegangen wäre und mit Joggeli zusammen die Birnen geerntet hätte. Paulus nun ist überzeugt, dass irgendeinmal das Vorbild und die Aufopferung von Jesus das Wesen aller Menschen erfassen wir, so dass sie sich dem Guten zuwenden.

Nun, aktuell ist es wohl noch nicht so weit.

Jörg Niederer

Samstag, 7. März 2026

Eseliert

Ein Zitat

Zwei Esel eines Wanderhirten begleiten die Schafe auf ihrer Reise.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Esel, der Haber frisst, tanzet auf dem Eise." Redensart in der Bedeutung: "Narren können gute Tage nicht vertragen."

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Es sei eine von Johann Nestroys vielen Wortschöpfungen. Sie ist zu finden in seinem Werk "Der Talisman". Darin verbindet er in einem Wort das Tier Esel mit dem Zustand der Isolation. "... eine Einöde nehme mich auf, ganz eseliert will ich sein", sagt darin ein gewisser Titus.

Esel gelten als störrisch und dumm, was sie keineswegs sind. Im Gegenteil: als Gebirgstiere sind sie besonders vorsichtig. So rennen sie nicht einfach los wie die Pferde bei der kleinsten Irritation, sondern denken erst einmal nach.

Die Paarung "dumm und einsam" trifft auf den grauen Vierbeiner auch nicht zu. So kommen mehrere Esel sofort recht gut miteinander aus und müssen nicht erst die Hackordnung bestimmen, wie bei den Pferde. Wozu soll man sich durch Gefechte untereinander im schwierigen Gelände in Gefahr bringen. Also wird sogleich Frieden geschlossen; es muss ja nicht die beste Freundschaft werden.

Mit Einsamkeit kommen Esel auch recht gut zurecht. Das Alleinsein fürchten sie nicht. Wie sie fast gar nichts fürchten, und sich durchaus zu wehren wissen.

So gesehen könnte es sogar erstrebenswert sein, zum Esel gemacht zu werden. Das wusste schon Apuleius in seinem Werk "Metamorphosen". Dort wird Lucius von einer Hexe in einen Esel verwandelt, durchaus zu seinem Vorteil, wenn auch aus anderem Grund, als dem der Klugheit. Nur soviel sei verraten: Es hat etwas mit dem Potenzial im Bereich der hinteren Extremitäten zu tun.

Genug der Eseleien: Wie eseliert (sprich: einsam und klug) fühlst du dich heute?

Jörg Niederer

Freitag, 6. März 2026

Die Aussicht der Galater

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Der Weiler Galattere liegt auf halber Höhe zwischen Golfplatz und Schlachtkapelle Sempach.
Foto © Jörg Niederer
"Dies Epistel an die Galater ist mein Epistel, der ich mich vertraut habe, meine [Ehefrau] Käthe von Bora." Martin Luther (1483-1546)

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Auf meinem Wanderweg entdecke ich einen neuen, bisher noch nie gelesenen Ortsnamen. Theologisch verbildet denke ich erst an die "Galater". Doch mit dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Galatien hat dieser Ort nichts zu tun. Der zweite Blick auf die Karte offenbart den Unterschied. Der Weiler heisst "Galattere". Er liegt bei Hildisrieden, auf halbem Weg hinunter zur Schlachtkapelle Sempach.

Zuhause entdecke ich einen weiteren ähnlich geschriebenen Flurnamen im Kanton Zürich: "Galatere".

Die Aussicht von diesem Ort bei Sempach ist an schönen Tagen atemberaubend. Die Innerschweizer Alpenkette zeigt sich zwischen der Rigi und dem Pilatus in Hunderten von Gipfeln. Weiter westlich entdecke ich die Berner Alpen, fern hinter dem Sempachersee. Das ist kein Ort um wegzurennen. Doch genau das soll das Dialektwort "galattere" bedeuten: "Schnell springen". (Nebenbei: Springen steht im Schweizer Dialekt für rennen und nicht für hochhüpfen.) So jedenfalls erklärt "The Journal of English and Germanic philology" das Wort Galattere. Andere online abrufbare Standardwerke wie das Schweizerische Idiotikon oder Ortsnamen.ch wissen nichts davon. Da zeigt sich also eine Wissenslücke, die es noch zu füllen gilt. Bis es soweit ist, bleibt der Weiler Galattere für mich der Aussichtspunkt der Galater. Ein Ort zum Verweilen oder zum Springen vor Glück.

Jörg Niederer

Donnerstag, 5. März 2026

In "Schlacht" bei Sempach ist es geschehen

Ein Zitat

Im Innern der Schlachtkapelle nahe bei Sempach finden sich Namen der Gefallenen des siegreichen Heers der Eidgenossen.
Foto © Jörg Niederer
"Zuwandern dürfen nur jene, die wir brauchen, aber nicht solche, die uns brauchen." Franz Nuscheler (*1938-2025)

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Das letzte Mal, als ich in dieser Kapelle war, sah es nicht so leer aus. Es war Ende September 2007 gewesen, anlässlich der Trauung einer Frau aus Asien mit einem Schweizer. Ich war der Pfarrer. Ort dieser Feier: Die Schlachtkapelle bei Sempach, also da, wo nach der Legende einst Winkelried den Eidgenossen eine Gasse in die feindlichen Reihen bahnte, indem er so viel Spiesse der Feinde wie möglich ergriff und sich in diese hineinstürzte. Die Eidgenossen konnten in der Folge bei der Schlacht von Sempach das feindliche habsburgische Heer vernichtend schlagen. Unter den Gefallenen war auch der feindliche Heerführer Herzog Leopold.

Nun mag man sich fragen, ob eine Schlachtkapelle der richtige Ort einer Trauung ist. Ein Ort des Streits für ein Leben in Liebe und Frieden? Abergläubische Menschen könnten sich fürchten davor, dass diese an ein blutiges Geschehen erinnernde Kapelle in direkter Folge auf den ehelichen Kriegsschauplatz führen könnte.

Nun, ich kann versichern, dass die von mir dort Vermählten nach wie vor zusammen sind, was man nicht von allen Paaren sagen kann, die sich in meiner Gegenwart getraut hatten. Einige haben sich an friedlicheren Orten das Ja-Wort gegeben, und doch hat ihre Ehe kriegerisch geendet.

Was jedenfalls gesagt werden kann: Für eine interkulturelle Ehe mag die Schlachtkapelle auch ein Statement gewesen sein, hat man doch zuvor dieser Braut, die als Flüchtende in die Schweiz gekommen war, zehn Jahre lang misstraut und ihr den Aufenthalt in der Schweiz schwer gemacht. So war es irgendwie auch ein Sieg der Liebe über alle Verletzungen und Hindernisse einer habsburgisch anmutenden Schweizerischen Flüchtlingspolitik. In dieser Sache bräuchte es längst einen Winkelried, der den Spiess umkehrt, so dass das bürokratische Morden an den Aussengrenzen der wohlhabenden Ländern endet. Mindestens 7000 Flüchtende sind allein in diesem Jahr auf ihrer verzweifelten Reise ins vermeintliche Glück ums Leben gekommen. So darf es einfach nicht weitergehen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 4. März 2026

Es riecht noch immer

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Mein erster selbstgebackener, goldbrauner Marmor-Gugelhopf.
Foto © Jörg Niederer
"Backen ist Liebe, die man riechen, sehen und vor allem schmecken kann." Herkunft unbekannt

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Es riecht in der Wohnung noch immer verbrannt. Dabei sind schon einige Vorkehrungen dagegen ergriffen worden. Die Räume haben wir mehrfach durchlüftet und die Brandstelle ist auch schon längst geputzt.

Am Anfang stand die Lust. Die Lust auf Marmor-Gugelhopf. Ich weiss, kein besonders schwierig zu backender Kuchen. Auch wenn ich einen solchen noch nie selbst hergestellt hatte, war es keine grosse Sache, die Bestandteile richtig anzumischen und weiter zu verarbeiten. Wie man auf dem Foto sieht, ist das Gebäck auch ganz ordentlich herausgekommen. Nur gab es da ein kleines Problem. Im Verlauf des Backvorgangs erwies sich die Silikonform als undicht. Aus einem klaffenden Riss tropfte Kuchenmasse auf die Heizspirale des Ofens herunter und verwandelte dessen Inneres in einen Räucherraum. Mit dem Öffnen des Backofens erweiterte der Rauch sein Tätigkeitfeld auf Küche und Stube, so dass für einen kurzen Moment sogar die Sichtweite deutlich eingeschränkt wurde und das Olfaktorische stark zu wünschen übrig liess.

Noch immer riecht es in der Wohnung. So kann es gehen, wenn die Lust einen übermannt, und sei es auch nur auf Marmor-Gugelhopf.

Übrigens: Meine Heimatstadt Olten wurde einst vor langer Zeit von Guglern, also englischen und französischen Söldner belagert. Genannt wurden diese Soldaten so wegen ihrer speziellen Kopfbedeckung, dem sogenannten Hundsgugel. Auch der Gugelhopf hat seine Namensherkunft wohl von einer Kopfbedeckung, dem Gugel. Beim Kuchenbacken hüpft nun der aufgehende Teig aus diesem Gugel raus. Das eben ist der Gugelhupf, oder wie wir heute sagen: "Gugelhopf".

Jörg Niederer

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