Freitag, 15. Mai 2026

Glotzen

Ein Zitat

Rinder bei Nyffenegg beobachten uns neugierig, wie wir den Berg hinaufkeuchen.
Foto © Jörg Niederer
"Das ständige Glotzen / Das ständige Motzen / Das ständige Protzen / einfach zum Kotzen" Hans-Christoph Neuert (1958-2011)

Hingesehen

Unlängst las ich darüber, wie Schweizer:innen fremde Personen unverhohlen anglotzen, was natürlich von diesen als Problem erfahren wird. Nun hat mich auch schon einmal jemand daraufhin angesprochen, warum ich sie ständig fixiere. Tatsächlich suche ich immer irgend einen Orientierungspunkt in der Landschaft, und wie ich festgestellt habe, sind das nicht selten Personen. Natürlich arbeite ich zwischenzeitlich an dieser Marotte und versuche, bewusst auch wegzuschauen.

Dazu eine Beobachtung. Selten sind mir so viele neugierige Rinder und Kühe begegnet wie auf der letzten Wanderung. Schon von weitem fixierten sie uns, beobachteten anhaltend, wie wir langsam näher kamen, ja sie glotzten uns richtiggehend in den Boden. Was sie wohl dachten bei unserem Anblick? Vermutlich wunderten sie sich, wie langsam wir den Berg hochkraxelten, und warum wir uns überhaupt so unnötiger Weise abplagen. Vielleich mokierten sie sich auch über unser Outfit, verglichen es mit anderen Wandernden, die besser gekleidet waren. Vielleicht fragten sie sich auch, ob uns zu trauen sei. Thurgauer im Emmental, das könnte zu Eigentumsdelikten führen.

Zurückglotzen brachte auch nicht viel. Das war den Rindern und Kühen so was von egal. Die schauten uns einfach weiter an, irgendwie aufmerksam und auch gelangweilt. Man muss ja irgendetwas betrachten beim Wiederkäuen. Möglicherweise dachten sie auch darüber nach, warum sie noch nie einen Menschen gesehen haben, der wie sie ins Gras beisst, selbst wenn diese noch so erschöpft ausgesehen haben und reif für eine Stärkung gewesen wären. Das wäre mir aber gar nicht recht: Ins Gras beissen. Da glotze ich viel lieber weiter in der Gegend rum.

Jörg Niederer

Donnerstag, 14. Mai 2026

Oberaargauer Erinnerungen

Ein Zitat

Oben: Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Huttwil ist heute ein Wohnhaus. Unten: Ein methodistischer Predigtplatz war im Schulhaus Neuligen (Weisses Gebäude mit Solarelementen auf dem Dach).
Fotos © Jörg Niederer
"Ich nehme die Oberaargauerinnen und Oberaargauer als freundlich, hilfsbereit und sehr pflichtbewusst und engagiert wahr." Silvia Jäger, Geschäftsführerin des Vereins Region Oberaargau

Hingesehen

Vor 41 Jahren trat ich meine erste eigene Stelle als Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in der Oberaargauer Gemeinde Huttwil an. Es sollte meine einzige Anstellung im Kanton Bern sein. Damals gehörten zum Gemeindebezirk vier Stationen. Über die EMK in Rohrbach habe ich schon im Blogbeitrag vom 28. April 2026 geschrieben. Als weitere Aussenstationen gehörten Zimmerhus und Neuligen zu meinem Arbeitsfeld. Zuhause waren wir in der angebauten Wohnung der Kapelle Huttwil (siehe Foto oben!). Nach wie vor gehört diese Liegenschaft der EMK. Das Arbeitsfeld jedoch wurde vor einigen Jahren aufgelöst. Die kleine Gemeinde in Huttwil überlebte diese Strukturbereinigung noch einige Jahre als Aussenstation von Langenthal und wurde dann ebenfalls geschlossen. Dies ist somit der zweite EMK-Bezirk nebst Reinach auf dem ich Pfarrer war, (Siehe dazu Beiträge vom 9. März 2026; 28. Februar 2026; 25. März 2026: 2. März 2026) der heute nicht mehr existiert.

In Huttwil war ich nur drei Jahre stationiert. Doch diese drei Jahre sind voller Geschichten. So liess ich etwa den Rasen ums Haus herum wachsen und schnitt ihn mit der Sense. Das verstand die Bauerngemeinde nicht, genauso wenig, dass ich auf ein Auto verzichtete (Gemeindeglieder entschuldigten sich damals immer wieder bei mir, weil sie ohne Auto nicht auskommen konnten). Ökologie war noch kein Thema. Auch dass ich mich einer anderen politischen Partei anschloss, und nicht der Evangelischen Volkspartei (EVP), um als Kantonsrat zu kandidieren, wurde als Problem empfunden. Weiter setzte ich mich für Flüchtlinge ein, damals vorwiegend Menschen aus Sri Lanka. Zu all dem kam hinzu, dass meine Frau zusammen mit einer Freundin, die nach einer nationalen Abstimmung möglich gewordene Namensänderung auf dem Standesamt verlangte. Statt die Kombination von meinem und ihrem Nachnamen trägt sie seither ihren Nachnamen. Kommentar auf dem Standesamt: Das hätte ich meiner Frau nie erlaubt. Ja, der Oberaargau war konservativ und bodenständig geprägt.

Vor der Methodistenkirche in Huttwil fand jeweils ein monatlicher Viehmarkt statt. Nicht selten wurden die Tiere stundenlang ohne Wasser festgebunden stehen gelassen. Beim Verlad kam es mehrfach zu brutalsten Szenen. Einmal brach sich ein Rind das Bein. Seit dieser Zeit isst meine Frau kein Fleisch mehr.

Damals kaufte ich mir mein erstes Mountain Bike, ein Import aus Japan. Im Winter wechselte ich die Fahrradreifen und zog solche mit Spikes auf. Der damals noch kostenlose Bahnverlad von Fahrrädern erleichterte die Reise per Rad ein wenig. In der Hügellandschaft gab es wenige gerade Strecken ohne Steigung und viele steile Anstiege. Zum Predigtplatz in Neuligen (Foto unten) ging es etwas rund 100 Höhenmeter hinauf. Der Gottesdienst fand im damaligen Schulhaus statt. Sowas ging im ländlichen Kanton Bern noch: Christlich-religiöse Anlässe in öffentlichen Einrichtungen. Heute ist das Schulhaus wohl zum Wohnhaus umgenutzt. Die Gemeinde in Neuligen bestand im Wesentlichen aus einer grossen Bauernfamilie mit einem typisch bäuerlichen Hobby. Alle männlichen Vertreter der Familie waren im Schwingklub. Schwingen ist die populäre Schweizer Version des Ringkampfs. 

Immer einmal hörte sich nebst dieser Bauernfamilie auch eine Katze am offenen Fenster meine Predigten an.

Gestern bin ich auf meiner Kapellentour von Rohrbach nach Eriswil an den beschriebenen zwei Predigtplätzen vorbeigekommen. Auch der vierte Predigtplatz in Zimmerhus werde ich besuchen, aber dazu sind noch zwei weitere Wandertage nötig.

Jörg Niederer

Mittwoch, 13. Mai 2026

Ausdauernder Lein

Ein Zitat

Der Ausdauernde Lein ist in der Schweiz nicht heimisch. Seiner Blüten wegen wird er aber auf Ruderalflächen angepflanzt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Erde lacht in Blumen." E. E. Cummings (1894-1962)

Hingesehen

Nicht weit von unserer Wohnung entfernt wurde eine kleine Fussgängerinsel zu einem Trockenstandort umgestaltet. Dort wachsen allerlei typische Blumen und Gräser. Dieser Tage ist mir zwischen Bekanntem eine kleine Blume aufgefallen. Es ist der Ausdauernde Lein. In Mitteleuropa ist dieses Leinenkraut in freier Natur sehr selten geworden, in der Schweiz ist es nicht heimisch, in Österreich und Deutschland vom Aussterben bedroht.

Dass der Ausdauernde Lein an der Strasse, an der ich wohne, auf der kleinen Ruderalfläche zwischen Fahrbahn und Trottoir wächst, hat damit zu tun, dass er auch gerne in Gärten und öffentlichen Anlagen angepflanzt wird. Die kleinen blauen Blüten mit den fünf Kronblättern, deren Struktur entfernt an die von Faltenröcken erinnern, sind auch wirklich hübsch. Früher wurden die Stängelfasern dieser Art auch zur Herstellung eines groben Tuchs verwendet. Grobe Tücher sind nicht mehr in Mode und damit auch diese Pflanze. So schnell kann es gehen, dass Grundlagen einer kulturellen Errungenschaft überholt und vergessen sind.

Jörg Niederer

Dienstag, 12. Mai 2026

Fuchs an der Sonne

Ein Zitat

Ein Rotfuchs streift entlang einer Kiesstrasse durch den einsamen Weinberg.
Foto © Jörg Niederer
"Was wir aufgeben, müssen wir mit freier Wahl aufgeben, nicht wie der Fuchs die Trauben." Gottfried Keller (1819-1890)

Hingesehen

Der Rotfuchs trottete entlang einer gekiesten Naturstrasse. Die Sonne hatte den Weinberg für diese Jahreszeit maximal erwärmt. Aus der Distanz beobachtete ich ihn, wie er plötzlich stillstand, etwas am Wegrand beobachtete, um dann in diesem typischen Bogensprung Schnauze voran zuzustossen. Erfolglos, wie sich sogleich herausstellte. Doch nun hatte mich Meister Reinecke entdeckt, drehte um und machte sich aus dem Staub, nicht panisch, schon eher bedacht, so schien es mir.

Auf den Fotos dann fielen mir die dunkel, ja schwarz gefärbten Pfoten und Beine auf. Noch nie hatte ich bisher darauf geachtet. Und noch etwas haben "unsere" Füchse: Schöne braune Augen.

Jörg Niederer

Montag, 11. Mai 2026

Schwarzkehlchen

Ein Zitat

Oben: Männchen des Schwarzkehlchens. Unten: Weibchen des Schwarzkehlchen.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Wein entsteht im Einklang mit der Natur. In den Reben sollen sich Schmetterlinge, Insekten, Vögel, Mäusewiesel, Fledermäuse und vieles mehr tummeln." aus der Broschüre des Weinguts Lenz

Hingesehen

Es kommt knapp viermal häufiger bei uns vor als der Eisvogel: das Schwarzkehlchen. Und doch habe ich den Eisvogel in der Schweiz schon viel öfter gesehen als diesen kleinen hübschen Vogel. Das liegt wohl am unauffälligen Äusseren, an seiner von weitem betrachtet grossen Ähnlichkeit mit vielen anderen kleinen Vögeln. Das Schwarzkehlchen liebt die Buntbrachflächen und auch Ödland. Gesehen habe ich das Vogelpaar im biologisch bewirtschafteten Weinberg des Weinguts Lenz in Iselisberg. Hier haben Vögel und Fledermäuse ausgezeichnete Lebensbedingungen. So kann man bei den beiden gesichteten und vom mir zum ersten Mal fotografierten Insektenfänger:innen von einem Brutpaar ausgehen. Denn ich konnte das Männchen auch mit Futter im Schnabel beobachten, welches es dann später zum versteckt in einem Busch befindlichen Nest transportierte.

Auch gesehen auf diesen ökologisch wertvollen Flächen am Iselisberg habe ich Goldammern und Neuntöter. Selbst ein Fuchs lief mir in den Weinbergen am helllichten Tag über den Weg. Vielleicht gibt es dazu bald noch mehr hier zu sehen.

Jörg Niederer

Sonntag, 10. Mai 2026

Lieben heisst...

Ein Zitat

Ein Herz aus Brennholz steht auf einem Feld im Zürcher Weinland.
Foto © Jörg Niederer
"Was – was ist? / Ach so. Heute ist Sonntag. / Da kann ich noch liegen. / Mit den Schultern kuscheln. /Mich ans Kopfkissen schmiegen –" Kurt Tucholsky (1890-1935)

Hingesehen

Zum heutigen Sonntag gibt es das gleichnamige Gedicht von Ludwig Rott,(1931-2023), aus dem vergriffenen Büchlein "Lieben heisst, dem andern leben helfen", das 2006 erschienen ist und Gedichte der Nachkriegszeit von 1947-1957 enthält. Der Methodist Dr. Ludwig Ott unterrichtete an verschiedenen Theologischen Einrichtungen. So von 1969 bis 1974 am Theologischen Seminar in Bukuru/Nordnigeria, von 1988 bis 1993 am Theologischen Seminar der Methodistischen Kirche in Fidschi, und einige Jahre in Deutschland an der Bibelschule Wiedenest. Lange Jahr war er im Auftrag der Weltmission der Evangelisch-methodistischen Kirche Deutschland unterwegs.


"Lieben heisst, dem andern leben helfen!


Lieben heisst, dem andern leben helfen,

Dass er deine Kraft in seiner Seele spürt.

Allerwege treulich ihn begleiten; 

Wenn der Pfad auch durch manch Dunkel führt.


Lieben heisst, dem andern Heimat geben,

Wann und wo er immer Zuflucht braucht.

Warm und treu für ihn ein Plätzchen hüten,

Wo des Herdes Esse nie verlöschend raucht.


Liebe heisst, des andern Herz erschliessen,

Bis zur letzten Tiefe mit dem eignen Sein;

Alles opfern, ihm ein Reich zu bauen,

Dankbar für des Glückes kleinsten Widerschein.


Lieben heisst, des andern Herzschlag fühlen

In der Freude oder sorgenvollem Harm;

Frieden bringen seine Wunden kühlen;

Ihn zum Himmel tragen mit ganz starkem Arm!"


5. Juni 1957

Jörg Niederer 


Samstag, 9. Mai 2026

Business-Folklore

Ein Zitat

Rolf Dörig, Präsident des Verwaltungsrats der Swiss Life Holding AG begrüsst die rund 1250 Aktionär:innen zur ordentlichen Generalversammlung.
Foto © Jörg Niederer
"Bei allem, was Ihr denkt, sagt und macht – seid Euch immer bewusst, dass Ihr privilegiert seid und auf der Sonnenseite des Lebens steht. Bleibt darum dankbar und bescheiden, behaltet Anstand und Respekt." Vater von Rolf Dörig anlässlich der Vermählung seines Sohns mit Frau Cornelia. 

Hingesehen

Wo wird dir selbst auf dem Gang aufs Klo die Tür von einer netten Dame aufgehalten?

Ich war an diesem 7. Mai sowieso gerade in Zürich. So besuchte ich das erste Mal in meinem Leben eine Aktionärsversammlung. Viele Jahre zuvor hatten meine Frau und ich als Kunden der Rentenanstalt, heute Swiss Life, 4 Aktien erhalten. Im Verlauf der Jahre waren sie da, brachten jeweils mehr oder weniger Dividende, variierten in ihrem Marktwert, ohne dass ich davon gross Kenntnis nahm. An den ordentlichen Generalversammlungen der Aktionär:innen konnte ich nicht teilnehmen, war ich doch berufstätig und an diesen Tagen jeweils anderweitig gefragt. Doch nun, im Ruhestand, machte ich mich auf in die Swiss Life Arena in Zürich-Altstetten.

Was soll ich sagen? Es war interessant aber letztlich ziemlich bedeutungslos, was da abging. Grund waren die durch den Stimmrechtsvertreter gehaltenen Stimmen. Diese machten wohl so um die 97% aller Aktionärsstimmen aus. Schon vor dem Anlass stand fest, was entschieden werden wird. Business-Folklore also? Viel spricht dafür. So gibt es an Aktionärsversammlungen drei Kategorien von Anwesenden. Einmal die Aktionär:innen. Die meisten von ihnen in fortgeschrittenem Alter. Dann die Fachleute und die anwesende Chefetage inklusive der Kontrollorgane. Und drittens viele Helferinnen und Helfer von Swiss Life. Sie waren überall, sorgten dafür dass sich die in die Jahre gekommenen Gäste auch entsprechend benahmen und ihren Platz im Eisstadion fanden.

Zur Folklore passen auch die Wortmeldungen aus dem Plenum. Es gibt da immer ein, zwei Personen, die sich Jahr für Jahr an allen von ihnen besuchten Aktionärsversammlungen mit mehr oder weniger originellen Wortmeldungen Aufmerksamkeit verschaffen. Sie nutzen den Moment, an dem ihnen mehr als 1000 Anwesende zuhören müssen, und selbst der Präsident des Verwaltungsrats dem kleinen Mann von der Aktionärsstrasse antwortet.

Nachdem man zweieinhalb Stunden zugehört und elektronisch abgestimmt hat, ohne am bereits vorliegenden Ergebnis irgend etwas zu ändern, kommt der Höhepunkt: Der Apéro und die Giveaways. Davon sprachen die Leute schon vor der Versammlung auf dem Weg vom Bahnhof zur Swiss Life Arena. Fast ohne Stocken wurden da all die alten Leute – zu denen ich nun eben auch zähle, – zu den Tischen geleitet und dann mit Köstlichkeiten überhäuft. Dort konnte man sich buchstäblich den Bauch vollschlagen.

In diesem Jahr gab es noch ein Buch geschenkt, ganz in Rot gehalten. Sozusagen das kapitalistische Manifest der Swiss Life für die Jahre 1997 bis 2025.

Mein Fazit: Das nächste Mal werde ich dann wieder einen solchen Anlass besuchen, wenn der Hunger mich plagt und ich sonst gerade nichts zu tun habe. Vielleicht werde ich dann meinen Senf auch laut vom Rednerpult kundtun. Damit habe ich ja gewisse Erfahrungen, wenn auch meist vor weniger Leuten.

Jörg Niederer

Empfohlen

Glotzen

Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Das ständige Glotzen / Das ständige Motzen / Das ständige Protzen / einfach zum Kotzen" Hans-Chri...