Ein Zitat
"'Sie faule, verbummelte Schlampe', / Sagte der Spiegel zur Lampe. / 'Sie altes, schmieriges Scherbenstück', / Gab die Lampe dem Spiegel zurück. / Der Spiegel in seiner Erbitterung / bekam einen ganz gewaltigen Sprung." Joachim Ringelnatz (1883-1934)
Foto: © Jörg Niederer
Entdeckt
Ich warte an der Haltestelle auf den Anschluss für die Weiterreise, da fragt mich eine hektisch herumeilende Frau, ob ich ihr für die Notschlafstelle 10 Franken hätte. Während ich zum Portemonnaie greife, und der Bettlerin fünf Franken gebe, beobachtet eine ältere Dame dies mit Argusaugen. Die bettelnde Frau hackt nach, ob ich nicht noch weitere fünf Franken hätte. Dann eilt sie weitere zu einer andern Person und dann zu dieser älteren Dame, welche uns beobachtet hat. Dort kommt sie aber an die Falsche. Nicht nur gibt die Dame ihr nichts, sondern ruft der davoneilenden Frau nach, sie müsse halt arbeiten gehen.
Ich spreche die ältere Dame an: "Haben Sie noch nie gebettelt? Machen Sie es einmal, das ist gar nicht so einfach, das ist demütigend." Die Dame entgegnet, sie hätte ein Leben lang gearbeitet, damit sie nicht betteln müsse. "Betteln ist auch arbeiten", entgegne ich. "Wissen sie, dass Heinrich Bullinger, der Nachfolger von Reformator Zwingli, sich sein Studiengelt zusammenbettelt musste." Die ältere Dame beton noch einmal, dass sie das nicht nötig habe, und dass jeder und jede den Lebensunterhalt selbst erwirtschaften müsse. Sie sei nie jemandem etwas schuldig geblieben. "Sie mussten noch nie die Hilfe anderer in Anspruch nehmen?", frage ich. "Ich bin nicht zu dem geworden, ohne die Vielen, die mir in meinem Leben geholfen haben. Kein Mensch kommt aus ohne dass ihm andere helfen. Auch sie wären heute nicht da ohne die Pflege ihrer Eltern, ohne die Lehrerinnen und Lehrer, ohne das Spitalpersonal. Wir alle brauch einander und kommen nicht immer allein zurecht." Zwischenzeitlich hören die anderen Wartenden unserem Gespräch zu. Die Dame gibt widerwillig zu, dass wir ohne andere Menschen nicht leben könnten. Dann schweigt sie, und auch ich fahre nicht weiter fort mit meiner Strassenpredigt.
Was ich dort bei der Haltestelle nicht gesagt habe: Auch in meiner Familie gibt es Personen, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens betteln mussten. Sicher hatten sie sich zum Teil selbst in diese Situationen manövriert. Aber da war auch das Schicksal und viel Pech. Jedenfalls kenne ich keinen Frau und keinen Mann, die von sich sagen würden, dass sie gerne betteln. Daran denke ich jeweils, wenn mich jemand fragt, ob ich ihm etwas Kleingeld habe. Betteln ist keine angesehene Arbeit. Aber es ist gerade deshalb Arbeit.
Jörg Niederer




