Dienstag, 13. Oktober 2026

Friedliche Umnutzung

Ein Zitat

Oben: Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Lyss. Das Wohnhaus im Hintergrund gehört auch dazu. Unten: Bis 1986 fand im alten Pulverhaus von Lyss eine methodistische Sonntagschule statt.
Fotos: © Jörg Niederer
"Im Gegensatz zum ökologischen Fussabdruck, der den eigenen Schaden an der Natur misst, zeigt der Handabdruck, was wir positiv für eine nachhaltige Zukunft bewirken können." Aus einem Blog von Netzwerk-Pfarrer Stef Gerber

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Wer sagt denn, dass es so etwas nur in Deutschland gibt. Gestern hatten die Morgenzüge nach und von Bern deutliche Verspätung, so dass ich beinahe eine Stunden in Lyss auf den Anschlussbus Richtung Wiler bei Seedorf hätte warten müssen. So kehrte ich die Wanderrichtung um, fuhr nach ca. 20 Minuten mit dem Postauto nach Aarberg, um dann via Lyss nach Wiler zu wandern.

Im Seeland gibt es seit kurzem eine methodistische Netzwerkkirche, bestehend aus den Standorten Biel, Lyss, Studen und Aarberg. Verschiedene Angebote werden teils an mehreren Orten, teils nur an einem Ort durchgeführt. In Lyss bin ich an der Kapelle vorbeigewandert. Das markante Gebäude steht nicht weit vom Bahnhof an der Rosengasse 7. Auf der Südwestseite fällt ein moderner Liftschacht auf. Im Erdgeschoss befindet sich der Kirchenraum, in den Obergeschossen sind es Wohnungen. Das Wohnhaus, das sich entlang der Strasse nordöstlich anschliesst gehört auch der Evangelisch-methodistischen Kirche. Aus meiner Zeit Als Distriktsvorsteher kann ich mich an die Sanierung dieser Wohnhäuser erinnern, und dass die Gemeinde wollte, dass zur gleichen Zeit auch ein Lift an die Kapelle angebaut wird.

Die Gemeinde in Lyss war einst sehr dynamisch und methodistisch etwas untypisch. Heute scheint der Standort Aarberg deutlich mehr kirchliche Angebote und mehr Gemeindeleben zu bieten.

In Lyss gibt es noch einen weiteren Wirkort der Methodist:innen. Bis ins Jahr 1986 wurde im "Alten Pulverhaus", ein einfaches Gebäude am Dammweg 42, Sonntagschule abgehalten. Über dieses historische Gebäude in Lyss habe ich auf die Schnelle keine weiteren Hinweise gefunden. Pulverhäuser dienten in der Regel dem Militär als Lagerstätte für Munition und Sprengstoff. Da sich das Gebäude über die Jahre Bautätigkeit heute nicht mehr am Rand der Stadt befindet, sondern mitten in einem Wohnquartier, musste der ursprüngliche Zweck des Hauses friedlicheren Nutzungsmöglichkeiten weichen. Heute steht das trutzig wirkende Häuschen mit kleinem angrenzenden Park idyllisch zwischen Einfamilienhäusern unweit der Alten Aare.

Die friedliche Nutzung eines einstigen Militärobjekts als Sonntagschule ist ja fast schon eine "Schwerter-zu-Pflugscharen"-Geschichte.

Montag, 12. Oktober 2026

Stress-Autos

Ein Zitat

Ein Autofahrer hat den Pritschenwagen auf selten dumme Weise parkiert und damit den Gehweg zugeparkt.
Foto: © Jörg Niederer
"Wenn es plötzlich im Auto nach gebratenem Speck riecht Sitzheizung ausschalten!" Herkunft unbekannt

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Ich weiss, Fahrradfahrer haben keinen guten Ruf bei den Automobilist:innen. Doch was soll ich als Fussgänger von den Autofahrenden halten? Sie parkieren auf Fusswegen, halten sich nicht an Parkzeiten, blockieren private Hauszufahrten, röhren hochtourig durch die Strassen, und wenn sie nicht im Stau stehen, fahren sie zu schnell. Sie gewähren den Stadtbussen keinen Vortritt und manchmal muss ich ganz schnell wieder vom Fussgängerstreifen zurück aufs Trottoire springen, weil ein Autofahrer am Telefon hängt und darum weder Fuss noch Kopf frei hat für die Betätigung der Bremse.

Fahrradfahrende werden von Autos haarscharf überholt und dann geschnitten. Oder Autofahrende machen eine sauren Miene, weil sie am Fussgängerstreifen anhalten mussten. Wegen der Autos muss ich an lichtsignal-regulierten Strassenübergängen oft minutenlang am Fussgängerstreifen die Beine in den Asphalt treten. Zudem landen immer wieder diese plastifizierten Werbe-Visitenkarten der Autoschieber in meinem "autofreien" Briefkasten, natürlich auch dann, wenn am Briefschlitz "Werbung nein danke" steht. Ach ja, selbst die Stauzeiten gehen nicht ganz schmerzlos an mir als eingefleischtem ÖV-Benutzer vorbei. Immer wieder kommt es vor, dass der Trolleybus oder das Postauto selbst zum Opfer des Staus derjenigen wird, die allesamt allein oder maximal zu zweit in einem Van zur Arbeit oder zur Migros fahren.

Also hört mir auf mit den Radfahrer:innen. Dank ihrer sparsamen Strassenraumnutzung muss ich mich nicht noch mehr über die Unvernunft der Automobilist:innen ärgern.

Jörg Niederer

Sonntag, 11. Oktober 2026

Mischkultur

Ein Zitat

Der eindrückliche Mischkulturen-Garten eines Biobauern an einem der ersten Nebeltage in Wolfikon.
Foto: © Jörg Niederer
"Pfirsich an der Gartenmauer / Kranich auf der Winterflucht. / Herbstes Freuden, Herbstes Trauer, / Welke Rosen, reife Frucht." Detlev von Liliencron (1844-1909)

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Diese Foto vereint zwei Eigenschaften des Herbstes: Den Nebel und der Erntedank. Der Nebel konzentriert die Blicke auf das Nahe und öffnet die Sinne für das noch nicht Sichtbare. Der Mischkulturengarten weckt das Staunen über die Lebenskraft von Pflanzengemeinschaften und über diesen unwiderstehlichen Überlebenstrieb, der sich in Früchten, Kernen, Samen und Kräutern aller Art zeigt. Beim Betrachten und Berühren ist mir so nebenbei aufgefallen, dass den Blättern des Wirsings der Lotuseffekt eigen ist. Sie weisen Schmutz und Flüssigkeit ab. Komplexe Mikro- und Nanostrukturen lassen das Wasser abperlen. Nur eines der kleinen Wunder, die in diesem Mischkulturengarten entdeckt werden können. Ein weiteres Wunder: Das Zusammenspiel der verschiedenen Gewächse, die sich gegenseitig in ihrem Streben und Wachsen unterstützen. Davon könnten wir Menschen und mehr als eine Scheibe abschneiden.

Jörg Niederer

Samstag, 10. Oktober 2026

Es war doch keine Kapelle

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Neben dieser Liegenschaft befand sich einst die methodistische Markuskapelle in Bern-Liebefeld.
Foto: © Jörg Niederer
"Bei solchen Anlässen [wie der Landesausstellung von 1914] kamen sogenannte Evangelisationswagen (oft auch als Bibelwagen oder Kapellenwagen bezeichnet) zum Einsatz." Google KI

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In einem Blog-Beitrag habe ich gewerweisst, ob es sich bei der Liegenschaft an der Könizbergstrasse 5 in Bern-Liebefeld um die einstige methodistische Markuskapelle handelt. Zwischenzeitlich weiss ich, dass das nicht der Fall ist. Die Kapelle gibt es heute nicht mehr. Sie stand südlich angrenzend an das auf dem Foto abgebildeten Haus. Darüber informierte mich die einstige Sigristin Marianne T.

Historische Aufnahmen vom Evangeliumswagen, der vor Errichtung der Markuskapelle im Einsatze war.
Foto: © Marianne T.
Ein Foto der Kapelle konnte sie nicht auffinden. Jedoch erhielt ich von ihr historische Aufnahmen von einem Evangeliumswagen, der 1914 an der Landesausstellung als Kapelle für Gottesdienste eingesetzt wurde. Danach sollte er in Südwestfrankreich als fahrende Kirche genutzt werden. Kriegsbedingt begrub man diesen Plan. So kaufte die Evangelische Gemeinschaft, eine Vorgängerkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) den Wagen und verwendete ihn als stehende Kirche in Bern Liebefeld. Gerade auch für die Sonntagschule wurde, wie man auf den historischen Fotos sieht, der Wagen intensiv genutzt.

Später dann konnte ein Grundstück erworben werden am Dianaweg, einer Seitenstrasse zur Könizbergstrasse. 1936 wurde darauf eine Kapelle errichtet und 1938 eingeweiht. Etliche Jahr entwickelte sich die Arbeit in der Kapelle an der Könizbergstrasse 5a gut. Doch mit neuer kirchlicher Konkurrenz und veränderten Umständen stellte sich die Frage, ob diese Arbeit noch einmal wiederbelebt werden könne. Umbaupläne für eine Erweiterung des Hauses scheiterten am Besitzer der Liegenschaft mit den Garagen, selbst ein Mitglied der EMK. Er und noch eine weitere methodistische Familie wohnten damals in dem Haus an der Könizbergstrasse 5.

So entschied man sich, die Kapelle und das Grundstück zu verkaufen, was 1991 auch geschah. Marianne T. schrieb dazu: "Im Nachhinein sind wir alle froh, wurde nichts aus dem Umbau."

Die Kapelle beschrieb Marianne T. wie folgt: "… die Kapelle war an einen Hang gebaut, und hinter dem Haus lag ein ansteigender Garten mit Pflanzplätz, der von verschiedenen Parteien genutzt wurde. Im Parterre befand sich ein Jugendraum mit WC und winzig kleinem Küchenteil. Eine Aussentreppe führte zum oberen Stock, dem Predigtsaal, welcher vielseitig genutzt wurde. Da war ein Parkettboden, den Freiwillige später versiegelten, was eine grosse Erleichterung war. Und wie gesagt: dort wo die Kapelle stand, ist jetzt ein modernes Mehrfamilienhaus."

Der Verkaufserlös kam zwei anderen methodistischen Kapellen zugute: einmal der Methodistenkirche in Belp, und dann der Lukaskapelle im Weissenbühl-Quartier. Erstere gibt es nach wie vor, die Lukaskapelle ist mittlerweile verkauft und zu einem Wohnhaus umgebaut.

Jörg Niederer

Freitag, 9. Oktober 2026

Gewohnheitstiere

Ein Zitat

Eine Reiterin auf Pferd, unterwegs zwischen zwei Bäumen, ist schemenhaft durch den Nebel zu sehen.
Foto: © Jörg Niederer
"'Leben' heißt rückwärts gesprochen 'Nebel'." Redensart

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An vergangenen Sonntag versammelten sich bei Wolfikon einige Enthusiast:innen zur EuroBirdwatch 2026. Es galt, Zugvögel zu beobachten und zu zählen. Ausgerechnet an diesem Morgen nebelte es zum ersten Mal sehr in diesem Jahr. Dadurch verringerte sich die Zahl der Beobachtungen massiv. Denn viele Vögel mögen es nicht, bei Nebel zu reisen.

Doch Nebel hat auch seinen Reiz. Er verwirrt die Sinne, die Landschaft wirkt geheimnisvoll und überraschend. Eine Reiterin auf dem Pferd, erst hörte man nur den Klang der Hufen, dann zeigten sich die ersten verschleierten Umrisse. Minuten später dann scheute das Pferd vor den Werbetafeln zur EuroBirdwatch am Wegrand. Das Pferd, das den Weg wohl schon hunderte Male gegangen war, traute diesem seltsamen Gebilde am Strassenrand, das aus seiner Sicht hier nicht sein sollte, so gar nicht, tänzelte nervös herum, schnaubte und liess sich von der Reiterin nur widerwillig beruhigen.

Pferde sind eben auch Gewohnheitstiere. Sie mögen keine Überraschungen.

Das galt wohl auch für den Rotmilan, den es auf dem Foto ebenfalls zu entdecken gilt. Er liess sich nicht von den Menschen mit ihren Ferngläsern davon abhalten, auf seinem Baum zu verbleiben. Oft sind Gewohnheiten sowohl Menschen und Tieren heilig. Auf Nebulöses wird entsprechend reagiert.

Jörg Niederer

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Und es gab sie doch

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Oben: Einstige methodistische Kapelle in Wahlendorf. Unten. Standort der einstigen Kapelle (roter Pfeil) in Wahlendorf.
Foto oben: © Fritz Z. / Foto unten: © Jörg Niederer
"Dobe, gäge Houzegge, uf dr Schnäggehöchi, isch es Tätschhüttli gsi, d’Bhusig vo dr Familie Schnägg Fritz. Wie mängs Ching, dass dert gsi isch ha ni nie gwüsst, sicher so es haubs Dotze…" (Oben, gegen die Holzegg, auf der Schneckenhöhe, stand ein kleines Häuschen, die Behausung der Familie Fritz Schnägg. Wie viele Kindern es dort hatte, wusste ich nie genau, sicher ein halbes Dutzend mussten es gewesen sein...) Geschichten aus Wahlendorf, niedergeschrieben von Ernst Hegg

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Und es gab sie doch, die methodistische Kapelle in Wahlendorf (Siehe Blog vom 6. Oktober 2026). Eine Blog-Leserin gab mir den richtigen Tipp. Eine zu einer gemütlichen Kapelle umgestaltete Holzbaracke in einem privaten Garten (hinter dem Haus, auf das der Pfeil im unteren Bild zeigt) diente ab dem 7. September 1975 bis zum letzten Gottesdienst 2005 als Ort der Verkündigung und Sonntagschule. Von Fritz Z. erhielt ich umfangreiche Informationen. Die Familie Z. war denn auch gemeinsam mit dem damaligen Pfarrer Heinz Stirnemann Initiant der Kapelle. Im Beitrag anlässlich des letzten Gottesdienstes steht: "Dieser Standort ist in Wahlendorf vor allem bekannt, weil hier die Sonntagschule, mit zum Teil grosser Teilnehmerzahl stattfinden konnte. Das jährliche Erntedankfest sowie das Weihnachtfest zog jeweils eine grosse Anzahl von Gästen an, das Lokal konnte diese grosse Schar kaum aufnehmen." Die Sonntagschule musste dann aber 2003 geschlossen werden, weil die Anzahl Kinder stark zurückgegangen sei.

Fritz Z. zeigt sich in einem Kommentar denn auch etwas endtäuscht darüber, dass man sich nicht mehr an die Kapelle erinnere, welche 2008 wieder zurückgebaut wurde. Doch vielleicht habe ich einfach falsch gefragt. Es wäre wohl klüger gewesen, nach einem früheren Sonntagschul-Standort zu fragen, statt nach einer Kapelle. Diese, so Fritz Z., sei von Teilen der Wahlendorfer Bevölkerung auch etwas spöttisch als "Bätt-Schopf" bezeichnet worden. Ein Schopf ist halt in den Augen vieler keine Kapelle, auch wenn sie genau so genutzt wurde.

Mich freut, dass ich dank einer Leserin und Fritz Z. nun doch etwas erfahren konnte über die Präsenz der Methodist:innen in Wahlendorf. Diese geht aufs Jahr 1920 zurück. Bis 1940 traf man sich in einem Lokal der Evangelischen Gemeinschaft (eine Vorläuferkirche der Evangelisch-methodistischen Kirche) zu Gottesdienst und Sonntagschule. Danach diente der Vereinstreffpunkt des Blauen Kreuzes den kirchlichen Anliegen bis eben 1975 die nun wieder "aufgetauchte" Kapelle eingeweiht werden konnte.

Jörg Niederer

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Herbst

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Wolken ziehen über die abgeernteten und neu angesäten Felder bei Grissenberg.
Foto: © Jörg Niederer
"Es ist nun der Herbst gekommen, / Hat das schöne Sommerkleid / Von den Feldern weggenommen..." Joseph von Eichendorff (1788-1857)

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Der Herbst ist nicht nur die Zeit der Ernte und Überfülle. Der Herbst ist auch eine Zeit, in der sich alles konzentriert, seine Kompliziertheit verliert und einfach wird. Die Felder bestellt für den Winter grenzen sich kontrastreich voneinander ab. Gerade Linien dominieren, darüber Wolken unter einem endlosen Himmel. Die Landschaft beruhigt. Nichts muss mehr aufregen. Alles fügt sich. Alles ist.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Fotos: © Jörg Niederer "Im Gegensatz zum ökologischen Fussabdruck, der den eigenen Schaden an der Natur misst, zeigt der Hand...