Dienstag, 16. Juni 2026

Hoffentlich!

Ein Zitat

Tänzerinnen der Albanischen Tanzgruppe bei ihrem Auftritt an der "Stunde voller Hoffnung" vom Sonntagmorgen am Mitsommerfest in Frauenfeld. Im Hintergrund sieht man die Sänger:innen vom Union Gospel Choir.
Foto © Jörg Niederer
"Friede wünsch ich dir / und Friede wünsch ich mir / Friede mit ois allne und für die ganzi Wält." Lied, gesungen bei der "Stunde voller Hoffnung" vom vergangenen Sonntag in Frauenfeld

Entdeckt

Sie nannten es "Eine Stunde voller Hoffnung", doch eigentlich war es ein Gottesdienst. Nun ist es so, dass bei einem interreligiösen Anlass die Beteiligten keine falschen Erwartungen wecken wollen. Sie wollen sich zwar über die Konfessions- und Religionsgrenzen nahe sein, aber dann doch nicht zu nahe. Also darf es nicht Gottesdienst genannt werden, denn Muslime und Christen feiern keine gemeinsamen Gottesdienste. Auch das mit der Stunde voller Hoffnung stimmte nur bedingt, dauerte der Anlass doch beinahe 90 Minuten. Je mehr Prediger – es waren alles Männer – sie vertraten die katholische Pfarrei St. Anna Frauenfeld, die Albanisch islamischen Gemeinschaft Frauenfeld, die Neuapostolischen Kirche Frauenfeld und die Evangelische Kirchgemeinde Frauenfeld, desto mehr Worte, desto länger geht es halt. Doch da war ja auch noch der begeisternde Union Gospel Choir und die Albanische Tanzgruppe, die mit ihren Liedern und Tänzen Farbe und Vielstimmigkeit zelebrierten, an diesem Sonntagmorgen auf der Stadtbühne des Mitsommerfests 2026 in Frauenfeld. Multikulturell und multireligiöse – das passte wunderbar zum Abstimmungssonntag, an dem eine beachtliche Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten dem Vorhaben einer fremdenfeindlichen und isolationistischen Schweiz eine Absage erteilten. Zum Zeitpunkt der Feier stand dieses Ergebnis allerdings noch nicht fest. Noch herrschte das Prinzip Hoffnung.

Diese Hoffnung klang auch an bei einem Poetry Slam-Beitrag. Dies Hoffnung wurde zelebriert, indem ein Hoffnungsbaum mit Hoffnungsworten geschmückt wurde (er wird so auf dem Friedhof Frauenfeld eingepflanzt), indem kleine Anker mit Glitzerfarben verschönert wurden und indem ein Speed-Dating der Hoffnung zu neuen Begegnungen führten.

Also mir hat diese Vielfalt der Hoffnung gefallen und Mut gemacht, weiter für eine offene Gesellschaft in unserem Land einzustehen.

Jörg Niederer

Montag, 15. Juni 2026

Der Gehäuseschneckenschreck

Ein Zitat

Die Larve eines Gelben Schneckenhauskäfers sitz auf dem leeren Gehäuse ihres Opfers, einer Hain-Bänderschnecken.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch von heute: das dümmste Lebewesen, das die Erde hervorgebracht hat: Er kriecht mit seinem Auto in der Großstadt wie eine Schnecke, nimmt die Umweltgifte in sich auf wie ein Staubsauger und ist obendrein noch stolz auf das, was er zustande gebracht hat." John B. Priestley (1894-1984)

Entdeckt

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, Gehäuseschnecken von exponierten Stellen auf Trottoirs und Strassen vorsichtig aufzuheben und in Sicherheit zu bringen. Dabei ist es wichtig, die Tiere anzuklopfen, damit sie sich vom Boden lösen, denn anders können sie schwer verletzt werden. Beim fotografierten Schneckenhaus sah ich jedoch sogleich, dass es wohl leer war, lag es doch auf dem Rücken. Indem ich es umdrehte, entdeckte ich zu meiner Überraschung ein raupenartiges Wesen, das sich später als Larve des Gelben Schneckenhauskäfers herausstellte. Nebst diesem Gelben gibt es bei uns nur noch eine weitere Variante des Schneckenhauskäfers. Alle ernähren sich im Larvenstadium von Gehäuseschnecken, die sie mittels Giftbiss töten. Dabei bohren sie ein Loch in das Kalkgehäuse der Schnecke, fressen die Schnecke auf und bleiben bis nach der Häutung geschützt im nun leeren Schneckenhaus. Danach verlassen sie es wieder durch ein weiteres, von ihnen gebohrtes Loch im Gehäuse. Warum sie nicht durch die natürliche Öffnung des Schneckenhauses ein- und ausgehen? Wohl, weil die Schecke diese Öffnung immer einmal wieder fest mit dem Untergrund verankert und verschliesst. Es ist unsicher, wie oft sich die Larve des Schneckenhauskäfers häutet. Beobachten wurden 3-8 Zyklen, wobei jedes Mal eine Schnecke dran glauben muss.

Interessant ist bei dieser Käferart auch der Geschlechterdimorphismus. Während das ausgewachsene Männchen wie ein hübscher kleiner Käfer mit Flügeln ausschaut, gleicht das Weibchen einer unförmigen Made ohne Flügel (Siehe Foto bei Wikipedia!). Da kann man wohl schon sagen: (In diesem Fall äusserliche) Gegensätze ziehen sich an.

Jörg Niederer

Sonntag, 14. Juni 2026

In Booten ausgesetzt

Ein Zitat

Sehnsuchtsort Europa: Der Kräutergarten zu Allerheiligen in Schaffhausen gehört zu den schönsten Klostergärten der Schweiz. Er könnte für das von vielen gesuchte Paradies stehen.
Foto © Jörg Niederer
"Länger konnte sie ihn (Baby Mose) nicht verborgen halten. Deshalb nahm sie ein Kästchen aus Papyrus und dichtete es mit Asphalt und Pech ab. Dann legte sie das Kind hinein und versteckte es im Schilf am Ufer des Nil." Bibel: 2. Mose 2,3 

Entdeckt

Im Film "Prinz von Ägypten" oder einem anderen Streifen über Mose wird die Geschichte des kleinen Knaben auf dem Nil dramatisch dargestellt. Die wilde Strömung, die das Bastkörbchen umher wirft, Wellen die es zu verschlingen drohen... Ist da nicht auch noch ein Krokodil irgendwo auf der Lauer. Ein Wunder, dass dieses Kind überlebt und dann geradewegs via Pharaonentochter in höchste Kreise aufsteigt. Mutterinstinkt und Weiblichkeit retteten Mose vor dem sicheren Tod. In die falschen Arme getrieben, etwa in die eines ägyptischen Hofberaters, wäre Mose eines der weiteren ermordeten Kinder auf dieser Welt geworden.

Es sind die stärksten jungen Menschen, die von ihren Familien auf die Reise gesandt werden. Junge Afrikaner, sie reisen aus dem Sudan, aus Eritrea, Nigeria und Kamerun via Niger nach Algerien oder Marokko, um dort in hochseeuntauglichen Booten die Strasse von Gibraltar zu überqueren. Andere nehmen die Route über Mauretanien und Westsahara an die Küste, um dort auf die Kanarischen Inseln überzusetzen. Jedes Jahr ertrinken in der Strasse von Gibraltar 1000 und mehr Emigrant:innen. Weitere hunderte Hoffnungslose verschwinden spurlos vor den Kanaren. Die Frontex beobachtet die Flüchtenden mit Infrarotsichtgeräten und schickt sie in der Regel wieder zurück. Und dann kommen einige der Flüchtenden an, und da ist keine ägyptische Pharaonentochter, und niemand kommt auf die Idee, dass diese Menschen gerade dem Tod entronnen sind. Bis auf wenige, z.B. die Mütter mit kleinen Kindern, werden sie einfach wieder zurückverfrachtet, und manchmal werden sie auch irgendwo in der algerischen Wüste ausgesetzt. In Italien beschlagnahmt die Behörde widerrechtlich die Boote der private Rettungskräfte auf Monate hinaus und strengt Gerichtsverfahren gegen die an, welche lediglich das tun, wozu wir alle moralisch verpflichtet sind: Leben zu retten, ohne Ansehen der Person.

Wird Gott uns einmal fragen, was wir für diese aus dem Wasser Geretteten gewesen sind?

Samstag, 13. Juni 2026

Auf Mission

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Ein männlicher Turmfalke sonnt sich auf einem Baum beim Naturzentrum Thurauen.
Foto © Jörg Niederer
"Wer sucht, findet nicht, wer nicht sucht, wird gefunden." Franz Kafka (1883-1924) 

Entdeckt

Auch in diesem Jahr wirke ich mit bei der Zählung der Gebäudebrüter. Im Vergleich zum Vorjahr hatte ich schon ein kleines Erfolgserlebnis. Zwei Mehlschwalbennester sind in diesem Jahr in meinem Gebiet besetzt. Im vergangenen Jahr gab es im selben Bereich nur ein Alpensegler- und ein Mauerseglerstandort.

Heute Morgen kontrollierte ich die Seglerstandorte. Der eine mit etwa zehn Nestern befindet sich an den Gebäuden und Silos der Zuckerfabrik. Während ich zu den möglichen Neststandorten der Alpensegler hochschaute, landete dort ein Turmfalke. Sogleich versuchten die Alpensegler ihn mit nahen Vorbeiflügen zu vertreiben. Doch der Turmfalke liess sich nicht aus der Ruhe bringen, ja im Gegenteil. Ein zweiter gesellte sich zu ihm, und später entdeckte ich noch zwei weitere, die um die Zuckersilos herumflogen und offensichtlich auf Beute aus wahren.

Auch beim Mauerseglerstandort fand sich bald einmal ein Turmfalke ein, setzte sich unweit der Kunstnester auf einen Sims und wartete. Anders als die grossen Alpensegler getrauten sich die Mauersegler keine Angriffsflüge. Doch für einen Moment gab es ein Einflug eines Mauersegler in ein dort angebrachtes Kunstnest. Der Turmfalke war sofort zur Stelle und versuchte den kleinen Vogel vom Kasten weg zu pflücken, was nicht gelang. Später folg er alle Kunstnester ab, um zu schauen, ob ein unvorsichtiger Jungvogel sich vielleicht erhaschen lässt.

Ja, die Segler tun gut daran, vorsichtig zu sein und ihre natürlichen Feinde im Auge zu behalten. Das Leben ist auch für sie kein Ponyhof.

Jörg Niederer

Freitag, 12. Juni 2026

Mitsommerfest, nicht Mittsommerfest!

Ein Zitat

Ab heute bis Sonntag findet das Mitsommerfest in Frauenfeld statt. Es setzt sich in diesem Jahr speziell für Chancengerechtigkeit ein.
Foto © Jörg Niederer
"Singen ist die schönste Kunst und Übung. Wer singt, hat nicht zu tun mit der Welt." Martin Luther (1483-1546) 

Entdeckt

Seit einigen Tagen steht der Oktopus aus Dachlatten an der Promenadenstrasse in Frauenfeld und wirft die Schatten voraus auf ein besonderes Fest. Mittsommerfest schreibt man mit dreimal T. Die Bezeichnung nimmt Bezug auf die Mitte des Sommers. In Frauenfeld ist es aber anders. Das heute um 17 Uhr startenden Fest wird nur mit zweimal T geschrieben, also: "Mitsommerfest". Das macht Sinn, sind doch möglichst alle eingeladen, mitzufeiern. Nachdem beim letzten Mitsommerfest vor vier Jahren die ökologische Verantwortung im Zentrum stand, ist es in diesem Jahr die Chancengleichheit. So wirken verschiedenste Sozialinstitutionen und Vereine mit. Entsprechende Anpassungen wurden vorgenommen: Da gibt es einen barrierearmen Weg durch das Festgelände, die Signalisation wurde angepasst, Ruhezonen und Rückzugsorte sind ausgeschieden, es gibt eine Familienzone und eine Tribüne für Menschen mit Mobilitätseinschränkung. Ich finde, das ist eine gute Sache.

Der Anlass für alle dauert bis Sonntag. Es gibt Programmpunkte, da will man einfach dabei sein. Wie wäre es mit dem Frauenfelder Stuhlkarussell, oder dem Auftritt des COMEDYexpress?

Seit einiger Zeit bin ich Mitglied des NVV (Natur und Vogelschutzverein Frauenfeld). Auch dieser ist am Mitsommerfest dabei und mit seinem Angebot im Botanischen Garten stationiert.

Über das gesamte Programm kann man sich auf der Webseite zum Mitsommerfest (mit zwei T) informieren. Ich werde bestimmt vorbeischauen!

Jörg Niederer

Donnerstag, 11. Juni 2026

Getarntes Misstrauen

Ein Zitat

Ein gut getarnter grüner Grashüpfer ist mir nur deshalb aufgefallen, weil er sich bewegte.
Foto © Jörg Niederer
"Das Gras hat so Geringes zu tun – / Ein Reich von schlichtem Grün – / Nur Bienen sind zu unterhalten – / Schmetterlinge aufzuziehn –" Emily Dickinson (1830-1886) 

Entdeckt

Einen Moment halte ich inne auf meinem Weg, da fliegt ein Vogel auf, den ich bisher gar nicht beachtet hatte. Beim Austreten im Wald fällt mir eine Maus auf, die durch das Unterholz wuselt. Hätte ich nicht "gemusst", ich hätte sie nicht gesehen. In der Wiese spickt etwas davon. Erst jetzt sehe ich den Grünen Grashüpfer, der sich gut getarnt zwischen den Stängeln verbirgt.

So oft entdecke ich Tiere erst dadurch, dass sie sich selbst verraten. Man sollte ihnen sagen, dass sie bei Menschen durchaus mehr auf ihre Tarnung vertrauen könnten. Vermutlich aber ist es wirklich klüger, wenn Tiere sich schnell vor Menschen in Sicherheit bringen. Uns ist da wirklich nicht ganz zu trauen. Oder?

Jörg Niederer

Mittwoch, 10. Juni 2026

Schilderwald

Ein Zitat

Fahrverbotstafel beim Durchgang Altes Rathaus zum Hafen von Steckborn.
Foto © Jörg Niederer
"Man kann wirklich nicht wissen, ob man nicht jetzt im Tollhaus sitzt."
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Entdeckt

Genau in dem Moment, in dem ich dieses Foto von der Fahrverbotstafel im Durchgang des Alten Rathauses von Steckborn aufgenommen habe, kam mir ein Biker fahrender Weise entgegen.

Der besagte Durchgang führt von der Altstadt zum Hafen, dorthin, wo die Linienschiffe anlegen. Es ist ein vielbegangener, etwas unübersichtlicher Durchgang, eine Art Nadelöhr in der Stadtmauer. Daher ist das allgemeine Fahrverbot durchaus berechtigt.

Das sehen allerdings nicht alle so. Darum wohl der Hinweis auf den Schilderwald, der leider keinen Sauerstoff produziere. Erst zuhause ist mir auch der skurrile Hinweis über der Verbotstafel aufgefallen: Entsprechend der eigentlich unnötigen Zusatzinformation "Gilt auch für Fahrräder" steht da auf einem kleinen Aufkleber: "Gilt auch für Giraffen". Dieser Hinweis ist jedoch zweifellos berechtig, ist doch die lichte Höhe des Durchgangs zu gering, als dass eine Giraffe so einfach hindurchpassen würde. Wieweit schon einmal eine Giraffe eine Dampferfahrt vom Untersee nach Schaffhausen erleben wollte, kann ich allerdings nicht sagen. Spätestens bei der Brücke in Diessenhofen wäre ihre Höhe wohl ein noch grösseres Problem geworden als beim Durchgang in Steckborn.

Noch eines zeigt dieser Schilderwald: Die Verantwortlichen in Steckborn sind mit Humor gesegnet und können mit diesen Zusatzinformationen offensichtlich gut leben.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Friede wünsch ich dir / und Friede wünsch ich mir / Friede mit ois allne und für die ganzi Wält." ...