Mittwoch, 4. März 2026

Es riecht noch immer

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Mein erster selbstgebackener, goldbrauner Marmor-Gugelhopf.
Foto © Jörg Niederer
"Backen ist Liebe, die man riechen, sehen und vor allem schmecken kann." Herkunft unbekannt

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Es riecht in der Wohnung noch immer verbrannt. Dabei sind schon einige Vorkehrungen dagegen ergriffen worden. Die Räume haben wir mehrfach durchlüftet und die Brandstelle ist auch schon längst geputzt.

Am Anfang stand die Lust. Die Lust auf Marmor-Gugelhopf. Ich weiss, kein besonders schwierig zu backender Kuchen. Auch wenn ich einen solchen noch nie selbst hergestellt hatte, war es keine grosse Sache, die Bestandteile richtig anzumischen und weiter zu verarbeiten. Wie man auf dem Foto sieht, ist das Gebäck auch ganz ordentlich herausgekommen. Nur gab es da ein kleines Problem. Im Verlauf des Backvorgangs erwies sich die Silikonform als undicht. Aus einem klaffenden Riss tropfte Kuchenmasse auf die Heizspirale des Ofens herunter und verwandelte dessen Inneres in einen Räucherraum. Mit dem Öffnen des Backofens erweiterte der Rauch sein Tätigkeitfeld auf Küche und Stube, so dass für einen kurzen Moment sogar die Sichtweite deutlich eingeschränkt wurde und das Olfaktorische stark zu wünschen übrig liess.

Noch immer riecht es in der Wohnung. So kann es gehen, wenn die Lust einen übermannt, und sei es auch nur auf Marmor-Gugelhopf.

Übrigens: Meine Heimatstadt Olten wurde einst vor langer Zeit von Guglern, also englischen und französischen Söldner belagert. Genannt wurden diese Soldaten so wegen ihrer speziellen Kopfbedeckung, dem sogenannten Hundsgugel. Auch der Gugelhopf hat seine Namensherkunft wohl von einer Kopfbedeckung, dem Gugel. Beim Kuchenbacken hüpft nun der aufgehende Teig aus diesem Gugel raus. Das eben ist der Gugelhupf, oder wie wir heute sagen: "Gugelhopf".

Jörg Niederer

Dienstag, 3. März 2026

Lebendgemälde

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Grasfrösche haben bei Teufenthal ihren Laich in kleine Weiher abgelegt. Als hätte eine Malerin ihre Farbpalette angemischt.
Foto © Jörg Niederer
"Es läuft der Frühlingswind / durch kahle Alleen, / Seltsame Dinge sind / In seinem Wehen." Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

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Bei Teufenthal, direkt neben der Wyna, wurden drei kleine Tümpel angelegt. Ein Mini-Naturschutzgebiet. Wohl eher geschaffen für die seltenen Kreuz- und Geburtshelferkröten, haben die früh aktiven Grasfrösche die neuen Möglichkeiten für sich entdeckt. Davon zeugen Laichballen, die sich farblich verschiedenen Entwicklungsstadien zuordnen lassen. Im trüben Wasser wirken sie wie moderne Gemälde. Kunstwerke der Natur. Kreativität mit Mehrwert.

Jörg Niederer

Montag, 2. März 2026

Altlasten-Rassismus

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Die einstige Tabor-Kapelle der Methodistenkirche in Gontenschwil ist heute in privatem Besitz und wird als Wohnhaus genutzt.
Foto © Jörg Niederer
"Wir verurteilen Rassismus, Antisemitismus, Ethnozentrismus und Tribalismus sowie jegliche Ideologie oder gesellschaftliche Praxis, die von der falschen und irreführenden Annahme oder Idee ausgeht, dass eine Gruppe von Menschen allen anderen Gruppen von Menschen überlegen ist." Soziale Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche.

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In meiner Anfangszeit fanden sich in den Schränken von Kirchen allerlei Altlasten.
Foto © Jörg Niederer
Als ich als Methodistenpfarrer in Reinach AG begann, wurde die Tabor-Kapelle in Gontenschwil schon nicht mehr benutzt. Sie war, wie man sagt, ein Lost Place. So hatte ich die Muse, das alte Gemäuer in aller Ruhe zu erkunden. Dabei entstanden einige Polaroid-Aufnahmen, darunter auch die hier wiedergegebene. Auf den alten Kirchenbüchern in einem Schrank stand dieses Ding, das man heute mit Scham betrachtet. Ein Kässeli war es, bei dem ein knieendes Menschlein mit jedem Geldeinwurf ein dankbares Nicken zeigte. Eine Wackelkopffigur also, die man damals ohne viel zu überlegen mit dem N-Wort belegte. Ich kannte das Utensil schon aus meiner frühen Kindheit. In der Sonntagschule waren wir richtig scharf darauf, das Geldstück, in meinem Fall meist ein Fünfliber, einzuwerfen um zu sehen und zu hören, wie es "Bling" machte und der schwarze Kopf dir zunickte.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute kennt das schweizerische Stadtbild eine Vielfalt an Hauttönungen. Selbst auf dem Land starrt niemand mehr dunkelhäutigen Menschen nach.

Veränderungen: Die Taborkapelle sieht von Aussen noch immer fast gleich aus. Gut, es hat nun Solarpanel auf dem Dach und eine Fertiggarage steht im Garten. Im einstigen Gotteshaus lebt eine Familie, und es ist wohl nicht die Heilige. Der Name auf dem Briefkastenschild ist dafür viel zu schweizerisch. Verschwunden ist die Fäkaliengrube, denn früher war die Kapelle nicht an die Kanalisation angeschlossen. Noch immer führt die Autozufahrt über das Nachbargrundstück und ein Fussgängersteg von der Strasse über den parallel verlaufenden Dorfbach. Die Bäume im Garten sind noch höher gewachsen. Nach wie vor liegt Kapelle und Dorf etwas verschlafen hinter dem Wall der eiszeitlichen Gletscher-Endmoräne.

Veränderungen: Man könnte meinen, die Sache mit dem Sonntagschulkässeli sei für immer Vergangenheit. Doch da sass ich unlängst in einer Runde älterer Menschen, als das Gespräch auf die Spitex kam. Eine Frau erzählte: An einem Morgen habe ein dunkelhäutiger Mann an der Tür geläutet. "Was will der?", habe sie noch gedacht, als er sich als Spitexmitarbeiter zu erkennen gab. Eine andere Frau fuhr fort und erzählte, dass ein anderer Schwarzer bei der Spitex wieder habe aufhören müssen. Die alten Menschen hätten ihn nicht ins Haus gelassen. Das wäre auch bei XY so gewesen, meinte die erste Frau, und nickte hinüber zu einer weiteren Tischnachbarin, worauf diese bestätigte: "Nein, ein N... kommt mir nicht ins Haus. Das sind alles Gauner. Mein Sohn ist Polizist. Was der mir schon alles über die erzählt hat. Dabei nickte sie wie die Sonntagschulkässelifigur aus der Kapelle in Gontenschwil.

Ich meinerseits habe mir gedacht: An der kommenden Generalkonferenz der weltweiten Evangelisch-methodistische Kirche werden zum ersten Mal mehr Delegierte von ausserhalb der USA teilnehmen. Gut möglich, dass es dann auch mehr dunkelhäutige Menschen sein werden, von denen es unter den US-Delegierten ja auch einige gibt, die sich dort auch darüber beraten werden, wie man Vorurteile wenigsten in der Kirche abbauen kann.

Jörg Niederer

Sonntag, 1. März 2026

Rachegedanken

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Buchmalerei eines Schreibers. Kopie von Carl Stuckert (1867-1932), Pfarrer am Münster Schaffhausen. Original in der Bibliothek des Klosters Allerheiligen, Schaffhausen.
Foto © Jörg Niederer
"Mit allen Gliedern meines Körpers bekenne ich: 'Herr, wer ist wie du?' Du rettest den Armen vor dem, der stärker ist als er. Du schützt den Armen und Wehrlosen vor dem, der ihn berauben will." Bibel, Psalm 35,10

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"Die Bibelsprüche für die Sonntage … sollen möglichst positive Leitworte für die Woche sein." So stand es in einer Anleitung zum Schreiben von Kalenderzetteln. Für diesen Sonntagsgedanken habe ich mich daran gehalten. Aus den 22 Versen von Psalm 35 habe in einen von nur zwei positiven Sätzen genommen. Denn der Psalm ist geprägt von unverhohlenen Vergeltungswünschen und zerfleischendem Selbstmitleid.

Wohl deshalb wird dieser Psalm nur selten bei Feiern verwendet. "Verschämte Selbstzensur" nannte Kurt  Marti das, um dann sogleich das Ärgerliche des Psalms positiv aufzunehmen. Im Psalm 35, aus dem der Bibelvers entnommen ist, würden uns "… Ausbrüche unverstellter Ehrlichkeit …" begegnen.

Das ist die wichtigste und positivste Erkenntnis Vor Gott muss ich mich nicht verstellen. Ich muss nicht so tun, als hätte ich keine Rachegedanken, als litte ich nicht auch unter Selbstmitleid. Vor Gott macht Verstellen keinen Sinn. Gott kennt mich durch und durch. Bei ihm darf ich sein, wie ich bin.

Jörg Niederer

Samstag, 28. Februar 2026

Das peinliche Malheur

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Jörg Niederer vor dem ehemaligen Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche in Oberkulm.
Foto © Jörg Niederer
"Kirchenschlaf gilt als gesund. Denn wer friedlich schlummert, steht unter Gottes Schutz, das sagen auch die Psalmen. In Evessen bei Braunschweig stehen sogar zwei Betten in der Kirche für eine beschützte Bettruhe." Oliver Vorwald, Radiopastor

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Nach zwanzig Tagen bin ich wieder einmal auf der Kapellentour unterwegs. Oberkulm im Wynental. Hier befand sich in einem unauffälligen Doppelstockhaus, etwas zurückversetzt gelegen hinter einer direkt an der Hauptstrasse befindlichen Pizzeria, im Parterre der Gottesdienstsaal der Evangelisch-methodistischen Kirche. Die Toilette war in einem kleinen Kämmerchen des Eingangsbereichs bei der Haustür untergebracht. Es gab nur kaltes Wasser, und im Winter bestand die Gefahr, dass die Leitungen und der Allerwerteste einfroren.

Vor rund 30 Jahren besuchte nur noch eine Handvoll Frauen die Gottesdienste. Die Bibelstunde fand an einem Wochentag um 14 Uhr statt. Normaler Weise referierte die Pfarrperson so einige Minuten über den ausgesuchten Text und dann tauschte man sich darüber aus. Nun sind die ersten Stunden am Nachmittag ja durchaus fordernd, was den Aufmerksamkeitspegel der Teilnehmenden betrifft. Und so machte sich der ausgefallene Mittagsschlaf bei mir gerade dann besonders bemerkbar, wenn ich in dieser trauten Runde sass. Mit anderen Worten: Ich bin eingeschlafen. Das wäre nun nicht weiter schlimm gewesen, ist das doch auch andern immer wieder einmal passiert. Besonders Bauern hatten jeweils am Sonntagmorgen nach dem Stall in der warmen Kirche mit dem Wachbleiben zu kämpfen. Doch in besagten Fall war ich nicht einfach einer der Teilnehmenden an der Bibelstunde, sondern derjenige, der dieselbe hielt. Der Schlaf hatte mich mitten in meinen Ausführungen übermannt.

Natürlich bemerkten die Frauen das Malheur, doch taten sie so, als sei ihnen dieser Sekundenschlaf des Pfarrer nicht weiter aufgefallen. Jedoch brachte von diesem Tag an die eine Frau, die nahe dem Gemeindesaal wohnte, eine Thermosflasche voll starken Kaffees mit, um einer Wiederholung meines Missgeschicks durch eine vorgelagerte kulinarische Weckrunde vorzubeugen.

Heute gehört diese Liegenschaft nicht mehr der EMK. Der Bezirk Reinach, zu der die Kapellen in Oberkulm, Gontenschwil, Schmiedrued und Reinach gehörten, wurde auf Ende 2003 geschlossen. Damals zählte der ganze Bezirk noch 50 Mitglieder, war aber längst nicht mehr finanziell selbsttragend. Auch kam der Entschluss zur Liquidierung dieser Arbeit im Wynen- und Ruedertal nicht zuerst von den Gemeindegliedern, sondern vom damaligen gesamtkirchlichen Leitungsteam, dem sogenannten Kabinett. Es war meines Wissens die einzige so verfügte Schliessung eines ganzen Bezirks. Spätere Schliessungen von Kirchgemeinden und Bezirken erfolgten dann stärker mitbestimmt durch die Menschen vor Ort, und sie wurden auch nicht mehr in dieser Radikalität umgesetzt.

Jörg Niederer

Freitag, 27. Februar 2026

In der Arbeit gewälzt

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Die Honigbienen haben die Arbeit aufgenommen und sammeln schon wieder fleissig Blütennektar von Krokus und Schneeglöckchen.
Foto © Jörg Niederer
"Die fleissigsten Bienen bekommen die süssesten Zuckertüten." Herkunft unbekannt

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Ende Februar und die Bienen sind schon wieder fleissig. Die Temperaturen sind auch schon auf frühlingshafte 17 Grad angestiegen. Da können die Tierchen nicht mehr stillsitzen. sie müssen raus, arbeiten, Futter für den Nachwuchs herbeischaffen.

Diese Biene auf dem Foto hat schon einiges an Nektar und Blütenpollen gesammelt. Vom Eintauchen in den Blütenzentren ist das Tierchen überpudert mit Blütenstaub.

Ob sie das mögen? Oder denken sie: "Nun muss ich mich schon wieder von oben bis unten von diesem klebrigen Zeugs befreien."

Mir kommen sie wie Kohlearbeiter vor. Schwarz von der Arbeit holen Bergleute die Dunkelheit aus aus dem Berg. Und die Bienen: Goldig von der harten Arbeit holen sie das süsse Gold der Blüten zu sich nach Hause.

Jörg Niederer 

Donnerstag, 26. Februar 2026

Kleinstadtsicht

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Blick vom Turm der Friedenskirche über das Wilerwegquartier und zum Waldfriedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Einiges spricht tatsächlich dafür, dass der Liebe Gott Schweizer sein könnte - weit weg von allem und nur zuschauen, das ist doch ebenso göttlich wie schweizerisch. … Wenn der Liebe Gott Schweizer gewesen wäre, würde er heute noch auf den richtigen Moment warten, um die Welt zu erschaffen." Hugo Loetscher (Aus: "Der Waschküchenschlüssel und andere Helvetica")

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Zwar die grösste Solothurner Stadt, ist Olten doch nicht mehr als eine Kleinstadt. Zentral gelegen im Mittelland lebt es sich hier gut, einmal abgesehen von den regelmässig überlasteten Strassen. Einen seltenen Ausblick über Teile der Stadt genoss ich am vergangenen Montag vom Turm der Friedenskirche. Geht mein Blick ostwärts, so sehe ich hinein in den Lebensraum meiner Kindheit. Der Zufall will es, dass das farblich auffälligste Haus auf diesem Foto einst meinen Eltern gehörte und uns als Kinderstube diente. Damals war die Farbe unserer Haushälfte noch nicht so auffallend blau gestrichen, sondern in einem dezenten Ocker gehalten. Auf der grünen Wiese am unteren Bildrand haben wir Fussball gespielt und sind auf die Kastanienbäume geklettert. Der Wald links im Bild verbirgt den Friedhof Meisenhard mit dem Krematorium und der Abdankungshalle. Dort auf dem Gottesacker liegen zwei Tanten von mir, mein Vater und meine zwei Brüder. Zu meiner Zeit gab es das grünliche Schulgebäude in Wil noch nicht. Zu sehen ist es rechts vom Kran, direkt am Waldrand gelegen. Auch all die Mehrfamilienhäuser in Richtung Wil gab es damals vor 50 Jahren noch nicht. Dort konnten wir auf Wiesen noch Drachen steigen lassen. Was es aber schon gab, war die Mietskaserne unter dem Friedhof Meisenhard, damals Wohnort für die vielen Migranten aus Italien. Was auf diesem Foto auch fehlt: Die Dampffahne vom Atomkraftwerk Gösgen-Däniken. Zurzeit muss das Werk sicherheitstechnisch aufgerüstet werden. Man hat festgestellt, dass es Mängel gibt bei der Erdbebensicherheit, und das schon, seit das Kraftwerk in Betrieb ist.

Das sind so meine auch sentimentalen Einblicke in eine typische Schweizer Kleinstadt. Wie geht es dir, wenn du auf den Ort deiner Kindheit schaust?

Jörg Niederer


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Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Backen ist Liebe, die man riechen, sehen und vor allem schmecken kann." Herkunft unbekannt Hinges...