Dienstag, 1. September 2026

Der kleine Blaue

Ein Zitat

Zweimal den gleichen Hauhechel-Bläuling. Einmal die Flügeloberseite, einmal die Flügelunterseite.
Fotos: © Jörg Niederer
"Die freie Natur.– Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat." Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Entdeckt

Schmetterlinge und Falter brauchen eine Vielzahl von Lebensräumen. Einige von ihnen sind spezialisiert und an eine einzige Pflanzenart gebunden. Stirbt diese Pflanzenart aus, stirbt auch der Schmetterling aus. Vier von zehn solcherlei hochgradig spezialisierte Schmetterlinge sind bei uns in der Schweiz verschwunden. Der Hauhechel-Bläuling ist da weniger anspruchsvoll. Auf der Seite der NABU steht: "Man findet die Tiere sowohl in trockenen als auch in feuchten Habitaten, wobei sie offene Landschaftsteile bevorzugen. Man kann die Art unter anderem auf ungedüngten, blütenreichen Wiesen, an Böschungen, Dämmen und in der offenen Feldflur beobachten. Auf Ruderalflächen, in Parkanlagen und manchen Gärten treten sie ebenfalls in Erscheinung und auch Kohldistel- und Flachmoorwiesen dienen ihnen als Heimat." Auch bei den Futterpflanzen ist diese Art der Bläulinge relativ anspruchslos. Noch einmal NABU: "Wichtige Futterpflanzen für die Raupen dieser Schmetterlingsart sind verschiedene Hülsenfrüchtler (Fabaceae), darunter zum Beispiel Sichel-Schneckenklee (Medicago falcata), Weiß-Klee (Trifolium repens), Hasen-Klee (Trifolium arvense), Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus) und Dornige Hauhechel (Ononis spinosa)."

So sind die kleinen, maximal 30 mm grossen Schmetterlinge oft sehr zahlreich zu finden. Insgesamt geht es aber den grösseren Schmetterlingen besser als den kleinen. Denn die grossen Schmetterlinge sind mobiler und können sich neue Lebensräume leichter als die kleinen erschliessen.

Was Schmetterlinge und Insekten generell alle brauchen: Eine grossen Vielfalt an Pflanzen, Kräuter und Lebensräume. Pflanzen-Biodiversität eben. Darum noch einmal dieser Werbespot für einen anregenden Anlass:    

Heute Dienstag, 1. September 2026 um 18.00 Uhr gibt es im Botanischen Garten St. Gallen den Schöpfungszeitauftakt zum Thema "Kraut oder Unkraut". Mehr dazu im Flyer!

Jörg Niederer

Montag, 31. August 2026

Kraut oder Unkraut

Ein Zitat

Eine Raue Gänsedistel wächst am Rand eines Feldes. Im Hintergrund sieht man ein Gewerbegebäude.
Foto: © Jörg Niederer
"Unkraut nennt man die Pflanzen, deren Vorzüge noch nicht erkannt worden sind." Ralph Waldo Emerson (1803-1882)

Entdeckt

Ist das auf dem Foto nun Kraut oder Unkraut? Die Raue Gänsedistel wird kaum je angebaut. Also ist sie wohl Unkraut. Andererseits kann man ihre Blätter essen, man muss nur vorher die stacheligen Ränder abschneiden.

Gibt es überhaut Unkräuter? Haben nicht alle Pflanzen einen Sinn im Netzwerk der Natur?

Darüber und über weitere Fragen gibt es morgen Dienstag, den 1. September 2026 um 18.00 Uhr einen Vortrag im Botanischen Garten St. Gallen von Tobias Brülisauer, Biodiversitätsexperte und ausgewiesener Pflanzenkenner.

Der Anlass zum Auftakt der Schöpfungszeit wird ergänzt durch eine ca. 45 Minuten dauernde Führung mit Fachleuten vom Botanischen Garten. Auf Personen mit eingeschränkter Mobilität wird dabei Rücksicht genommen.

Es folgt ein Abendsegen im Grünen Pavillon und ein anschliessendes Apéro.

Der Anlass ist kostenlos. Es wird eine Kollekte erhoben.

Der Botanische Garten ist erreichbar mit dem Bus der Linien 1,2,7 und 8 in Richtung Stephanshorn.

Die Schöpfungszeit wird jeweils weltweit vom 1. September bis zum Franziskustag am 4. Oktober begangen. Hinter dem Anlass im Botanischen Garten steht die Ökumenischen Kommission Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sowie die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) der beiden Kantone Appenzell und des Kantons St. Gallen. Der Flyer dazu kann auf de Webseite der ACK heruntergeladen werden.

Jörg Niederer

Sonntag, 30. August 2026

Königslust

Ein Zitat

Die 1912 erstellten Chorfenster von Alois Balmer in der Reformierten Kirche Münsingen zeigen die Bergpredigt.
Foto: © Jörg Niederer
"Da taten sich alle Ältesten Israels zusammen und gingen zu Samuel nach Rama. Sie sagten zu ihm: 'Du bist nun alt! Doch deine Söhne verhalten sich nicht wie du. Deshalb setze einen König bei uns ein, wie es bei allen Völkern üblich ist. Der soll unsere Angelegenheiten entscheiden.'" (Bibel: 1. Samuel 8,4-5)

Entdeckt

Samuel hatte schlechte Karten, um den Stammesältesten den Wunsch nach einem König auszureden. Schliesslich waren er und seine Familie Teil des Problems. Es kommt ja nicht darauf an, ob es Priester sind, die wie Könige regieren und ihre Macht an die manchmal unfähigen oder korrupten Nachkommen vererben, oder ob das Könige sind. In den Ohren der Stammesführer mussten die Argumente von Samuel (Siehe Bibel: 1. Samuel 8,1-22!) gegen eine Monarchie wenig überzeugend geklungen haben. Ihre Antwort auf Samuels Einwand war: Das gegenwärtige System hat versagt. Versuchen wir es mit dem, was an anderen Orten zu Wohlstand und Prosperität geführt hat.

Das entscheidende Argument in Samuels Überlegungen waren nicht die aufgezählten negativen Begleitumstände der Monarchie, sondern dass Israel damit seine Geschicke selbst regeln wollte, indem es den himmlischen König mit einem menschlichen König ersetzte. Menschen traten an die Stelle Gottes und wurden als Könige wie Götter verehrt. Man könnte meinen, diese Form der Verehrung gehöre in einer aufgeklärten Welt der Vergangenheit an. Doch dann denke ich an verklärende Messiasdarstellungen des aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wohlgemerkt: So etwas geschieht nicht in einem feudalistischen oder diktatorischen Staatswesen, sondern in einer bedeutenden Demokratie westlicher Prägung. Ich vermute, Samuel würde auch heute darüber nur den Kopf schütteln können.

Jörg Niederer

Samstag, 29. August 2026

Silbrig-bleicher Wald

Ein Zitat

Junger Trieb einer Silberpappel.
Foto: © Jörg Niederer
"Das Unwetter ist vorüber. Ich höre die Vögel jubilieren, das Huhn ist auf der Strasse und gackert wie zuvor." Giacomo Leopardi (1798-1837)

Entdeckt

Silberpappeln schimmern silbrig, und wirken dabei etwas ausgebleicht. Das gehört zu diesem Weidenbaum. Doch immer wieder einmal gehe ich Waldwege entlang, auf denen der Boden und die Pflanzen aussehen, als wären sie mit einer weissen Staubschicht überzogen. So habe ich mich gefragt, ob auch Wälder gedüngt werden. Tatsächlich kommt es selten vor, dass man Wälder kalkt. Das, um den Säuregehalt des Waldbodens zu senken. Meist führt das zu einer starken Vermehrung von Brombeeren, Himbeeren und Reitergräsern. Dagegen leiden Moose und Flechten unter dem Kalkeintrag.

In den meisten Wäldern sollte es nicht nötig sein, zu kalken oder zu düngen. Denn auch durch die Entnahme von Holz aus Wäldern gehen nur wenige Nährstoffe verloren, deutlich weniger als beim Gemüse- und Getreideanbau. Da betrachte ich lieber die bleichen Silberpappeln am Wegrand, als dass ich über den gekalkten Waldboden gehen muss.

Jörg Niederer

Freitag, 28. August 2026

Der Morgensonne zugewandt

Ein Zitat

Sonnenblumen gehören zu den beliebten Gartenpflanzen und werden vermehrt auch in der Schweiz als Nutzpflanzen angebaut.
Foto: © Jörg Niederer
"Wenn der Mensch mit regsamem Sinne die Natur durchforscht …, so wirkt unter den vielfachen Eindrücken, die er empfängt, keiner so tief und mächtig als der, welcher die allverbreitete Fülle des Lebens erzeugt." Alexander von Humboldt (1769-1859) 

Entdeckt

Die landläufige Meinung besagt, dass die Sonnenblume mit ihrer Blüte dem Stand der Sonne folge. Das stimmt so nicht. Tatsächlich sind nur die Knospen und Blätter heliotrop. So folgt die Knospe in ungeöffnetem Zustand der Sonne von Ost nach West, um sich nachts und in der Morgendämmerung nach Osten auszurichten. Geöffnete Blüten und Fruchtstände tun dies nicht mehr. In der Regel orientieren sich diese nach Osten und verharren aufgrund einer Verhärtung der Stängel in dieser Position. Darum schauen auch alle Blüten und Fruchtstände eines Sonnenblumenfelds in dieselbe Richtung. Sie können also die Himmelsrichtung anzeigen, genauso wie es der Moosbewuchs an Baumstämmen tun kann.

Gestern beobachtete ich aus dem Zug heraus, wie ein Schwarm Ringeltauben sich auf den reifen und braungebrannten Fruchtständen in einem Sonnenblumenfeld niedergelassen hatte. Taube neben Taube auf Sonnenblume neben Sonnenblume. Die Sonnenblumenkerne sind beliebte Futterquellen für die Vögel, die sich für den Zug in den Süden sammeln. Die Ringeltauben gehören zu diesen Zugvögeln. Natürlich naschten auch die Sperlinge von den vielen Kernen.

Sonnenblumen wurden schon 2500 v. Chr. in der Regionen Mississippi und Mexiko-Stadt angebaut. Durch spanische Seefahrer gelangte so um 1590 die Pflanze aus ihrer Ursprungsheimat nach Europa.

Die bedeutendsten Anbauländer für Sonnenblumenkerne sind Russland mit (im Jahr 2024) 17,2 Mio. Tonnen und die Ukraine mit 11 Mio. Tonnen. Dagegen wurden in der Schweiz lediglich 16'000 Tonnen auf ungefähr 4800 Hektaren angebaut. Öl aus Sonnenblumenkernen wird erst etwa seit dem 19. Jahrhundert gewonnen.

Und noch dies: Wenn in Städten an bestimmten Stellen viele Schalen der Sonnenblumenkerne auf dem Boden liegen, hat das etwas mit Migration zu tun. Denn es sind meist Menschen aus der Türkei und dem Balkan, welche gekaufte und geröstete Sonnenblumenkerne einen nach dem andern knacken und verspeisen. Das kann eine sehr meditative Form der Nahrungszunahme sein und dabei helfen, wieder zur Ruhe zu kommen.

Donnerstag, 27. August 2026

Aztekenvogel

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Portrait von drei weissen Puten.
Foto: © Jörg Niederer
"Kraft der mir als Präsident der Vereinigten Staaten verliehenen Vollmachten begnadige ich hiermit diese beiden Truthähne." Wortlaut der traditionellen Begnadigung zweier Truthähne anlässlich des Erntedankfestes in den USA.

Entdeckt

Die Azteken waren es, welche die wilden Truthühner einst domestizierten. Ihnen verdanken wir also diese grössten Hühnervögel. Es sind zutrauliche und neugierige Tiere. Da wo ich ihnen am vergangenen Montag begegnete, kamen sie sogleich neugierig bis an den Zaun. In beiden Fällen waren es Tiere der Züchtung "Weisse Pute". Bis 20 Kilogramm schwer können sie werden. Interessant auch, dass sie die Färbung der Haut im Kopfbereich während der Brutzeit intensivieren können. Im Verlauf eines Jahres legen Puten zwischen 20 und 40 Eier. Diese müssen nicht einmal befruchtet sein, um daraus Nachwuchs zu erhalten. Das nennt man Parthenogenese, oder auf deutsch: Jungfrauengeburt. Allerdings führt die Fortpflanzung durch unbefruchtete Eier immer zu männlichen Truthähnen. Die Überlebensrate so entstandener Puter ist mit 0,16% jedoch ausgesprochen gering.

Auf dem Foto ist ein Puter und zwei Puten zu sehen. Der Hautlappen, der über den Schnabel fällt, verrät es. Er ist so etwas wie ein äusseres Merkmal von Potenz und Stärke. Dieser Hautlappen kann fast vollständig vom Vogel eingezogen werden.

Aggressive Truthähne gebe es auch. Das sei fütterungsabhängig. Wenn es bei den Menschen nur auch so einfach wäre. Das richtige Essen servieren, und unsereiner wird sanft und fein. Leider ist das nur ein frommer kulinarischer Wunsch. Aber bei den Truthähnen und Truthühnern soll es funktionieren.

Jörg Niederer

Mittwoch, 26. August 2026

Von Frauen auf der Kanzel und der Glaubensdekonstruktion

Ein Zitat

Oben: Die einstige Kapelle in Signau ist heute ein Wohnhaus. Unten: Der Bauernhof Schlossmatt. Hier fanden sich einst eine methodistische Sonntagschule.
Fotos: © Jörg Niederer
"Heute ist es ganz normal, dass eine Frau Pfarrerin werden kann. […] Und das finde ich sehr schön, und gut." Elsi Altorfer, methodistische Pfarrerin im Ruhestand

Entdeckt

Den methodistischen Kirchenbezirk Signau gibt es nicht mehr. Verschwunden ist die einst blühende Arbeit es gab 9 Standorte, davon drei Kapellen. 2012 wurden die Bezirke Langnau i. E. und Signau zu einem neuen Bezirk Oberemmental zusammengefasst. Das war auch das Jahr, als in der Kapelle Signau die kirchliche Arbeit beendet wurde.

Auf meiner Kapellentour werde ich nicht alle einstigen Standort besuchen. Doch am vergangenen Montag waren es wenigstens drei des ehemaligen Bezirks Signau. Zum Schulhaus Höchi schrieb ich im gestrigen Beitrag. Danach kam ich auch noch auf Mutten bei Signau am damaligen Sonntagschulstandort im Heimet Schossmatt vorbei. Das richtige Haus gefunden hätte ich nicht, wenn es mir nicht von einer älteren Frau gezeigt worden wäre. Die Predigten fanden wohl in einem Nachbarshaus bei einer Familie Lehmann statt, vermutlich parallel zur Sonntagschule.

Drei Kilometer zu Fuss weiter, am Rand von Signau und direkt am Schüpbachkanal, steht nach wie vor die Kapelle von Signau. Noch erzählen die hohen Bogenfenster im Erdgeschoss vom einstigen Versammlungsort. Meine früheste Erinnerung an die Kapelle Signau geht in eine Zeit zurück, als ich mich gerade erst als Christ zu verstehen begann. Damals gab es für Jugendliche Einsätze bei sogenannten Evangelisationen. Meist eine Woche lang versuchte man mit speziellen Verkündiger:innen und einer einladenden Botschaft Menschen für Christus zu gewinnen. An einer dieser Wochen nahm ich also in Signau teil. Gertrud Wehner war damals die Pfarrerin auf dem Bezirk. Eine Frau mit einem Dutt. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die in der Evangelisch-methodistischen Kirche Gemeinden leiteten und auf den Kanzel predigten. Vor 70 Jahren öffneten die Methodisten den Frauen den Zugang zum Predigtamt. In der Schweiz begann die erste ordinierte Frau vor 57 Jahren als Pfarrerin zu wirken. Dazu gibt es aktuell auch einige hörenswerte Interviews

Zurück zu Signau. Mit dabei an diesem Missionseinsatz war auch ein Student des Theologischen Seminars, heute die Theologische Hochschule Reutlingen. Er ermutigte mich damals, selbst das Studium der Theologie aufzunehmen.

Viel ist mir von diesem Einsatz in Signau nicht mehr geblieben an Erinnerungen. Zwischen damals und heute liegen  wie man so sagt  eine oder auch mehrere Phasen von Glaubensdekonstruktionen, gefolgt von jeweiligen Glaubensrekonstruktionen. Mit anderen Worten: Der Inhalt und die Umsetzung des persönlichen Glaubens ist in einem Wandel begriffen. Manches, was mir früher einleuchtete, ist mit meinem heutigen christlichen Verständnis nur noch schräg. Im Rückblick frage ich mich jeweils: Wie konntest du nur?

Es gibt in jeder christlichen Biografie Brüche und Aufbrüche. So wie auch in jeder kirchlichen Entwicklung. Diese Veränderungen, so glaube ich, haben bei mir zu einer reiferen Art des Glaubens geführt. Vielleicht sind die massiven Veränderungen in der Kirchenlandschaft ja auch so etwas wie eine Glaubensdekonstruktion, bei der Altes vergehen muss, damit Neues entstehen kann. Auf die "Rekonstruktion" des christlichen Glaubens heute bin ich sehr gespannt.

Jörg Niederer

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