Sonntag, 22. Februar 2026

Handlungsfähig

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Die Propsteikirche Santo Stefano in Tesserete.
Foto © Jörg Niederer
"Als die Leute aus Aschdod am andern Morgen hinkamen, sahen sie: Der Gott Dagon war zu Boden gestürzt! Er lag auf seinem Gesicht vor der Lade des Herrn. Da richteten sie das Standbild des Dagon wieder auf und stellten es an seinen Platz zurück." Bibel, 1. Samuel 5,3

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Glaubst du an den Gott der Auferstehung, oder an den Gott des dauernden Zusammenbruchs? Musst du deinen Gott immer wieder aufrichten, oder ist es dein Gott, der dich aufstellt? Verliert dein Gott immer wieder Kopf und Hände (1. Samuel 5,4), also seine Handlungsfähigkeit, oder gibt dir dein Gott Handlungsmöglichkeiten für ein gutes Leben? Gefragt ist nach deinem Gottesbild. 

Wenn wir meinen, wir müssten Gott beschützen, bewachen und kontrollieren, dann schleichen sich seltsame, unsinnige Glaubenshandlungen ein in unserem Leben. So wie es bei den Menschen von Aschdod war, die nicht mehr auf die Türschwelle zu treten wagten, auf der Dagons Kopf und Hände hingefallen waren (1. Samuel 5,5).

"Min Gott isch so gross, so stark und so mächtig, gar nüüt isch unmöglich mim Gott" heisst es in einem Kinderlied. Mein Gott braucht nicht meine Schutzmassnahmen für ihn, er beschützt mich. Darum traue ich Gott zu, ohne menschliche Hilfe Gott zu bleiben.

Zum Foto: Zu sehen ist die Propsteikirche Santo Stefano in Tesserete, deren Anfänge in das Jahr 1078 zurückreichen.

Jörg Niederer

Samstag, 21. Februar 2026

Viva l'Espresso di Tesserete!

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Der versteckte und etwas düstere Eingang ins Ristorante-Bar Storni in Tesserete.
Foto © Jörg Niederer
"Mit gerade einmal der Hälfte des Budgets liesse sich noch eine rudimentäre, aber einigermassen vernünftige Information für alle vier Landesteile aufrechterhalten. Mehr nicht." Jacqueline Badran zur Halbierungsinitiative in der Sonntagszeitung vom 15. Februar 2026

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Ist das wirklich der Eingang ins Ristorante Storni in Tesserete. Während ich noch zweifle, kommt eine Lieferantin mit Kisten und blinzelt mir aufmunternd zu, die Tür für sie und mich zu öffnen. Weiter geht es durch einen dunklen, lichtlosen Flur dahin, wo die Geräusche herkommen. Die Gaststube ist schmal und gut besucht. An diesem Morgen, noch vor 9.00 Uhr, sind nicht viele Lokale geöffnet. Im Storni sitzen jüngere Menschen neben Pensionären. Ein Lebenskünstler mit lockigem Haar lächelt versonnen in die Welt. 

Ich bestelle bei der flinken Bedienung einen Espresso, und gehe dann auf die sauberen, etwas in die Jahre gekommenen Toiletten. Zurück am Tisch setzt sich ein älterer Herr mir gegenüber hin und beginnt sofort die Todesanzeigen in der lokalen Zeitung zu studieren. Seinen Kecks zum Kaffee überlässt er mir, fragt, ob ich in den Ferien sei.

Lange bleibe ich nicht. "Due franchi" sagt die Bedienung, als ich zahlen will. Nur zwei Franken, denke ich, wo gibt es denn sowas sonst noch. Sogar bei den Selbstbedienungsautomaten an den Bahnhöfen kommt man nicht unter CHF 3,80 weg, und in Restaurants kosten der Espresso schnell einmal fünf bis sechs Franken.

Ich gebe reichlich Trinkgeld. Als die Bedienung es merkt, vermutet sie einen Irrtum, will mir den geschenkten Franken zurückgeben. Ehrlich sind sie hier auch noch.

Auch wenn es nicht so aussieht, dieses Ristorante. Ich gebe ihm fünf Sterne.

Später lese ich, dass wir bei Annahme der Halbierungsintitative gerade einmal 35 Rappen sparen würden pro Tag. 6000 Arbeitsplätze stehen dabei auf dem Spiel und die SRG würde zu einem unbedeutenden Medium verkommen. Vernünftiger wäre es, wenn die Initianten für einen Maximalpreis von CHF 2.- pro Espresso Unterschriften gesammelt hätten. Da liegt mehr Sparpotential drin und es stehen offensichtlich weniger Arbeitsplätze auf dem Spiel, wie das Ristorante Storni in Tesserete mir vordemonstriert hat.

Jörg Niederer

Freitag, 20. Februar 2026

Auf den Mensch gekommen

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Ein mittelgrosser Mischlingshund begleitete mich zwischen Lelgio und Ranscea auf dem Fernwanderweg ViaGottardo.
Foto © Jörg Niederer
"Gleich wenn der Winter-Schnee auftauet und man den blossen Leib der Erde zum ersten mal wieder sieht, fängt diese Viel-Schönheit an..." Matthias Claudius (1740-1815)

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Plötzlich war er da. Auf der Höhe von Lelgio, da wo sich das Gehöft mit den neugierigen Ziegen befindet, stand er an meiner Seite. Der schwarze, mittelgrosse Hund mit dem einen hellen Bein sah ein bisschen so aus wie diese agilen Hirtenhunde, die geschickt ganze Schafherden dirigieren und treiben können. Ging ich voran, folgte er mir oder eilte neugierig herumschnuppernd voran. Ab und zu hob er das Bein. Blieb ich stehen, schaute er, was ich tat, kam zurück zu mir, wie als wollte er mich abholen. Er war sichtlich besorgt und ein vielfaches flinker als ich auf diesem ansteigenden Pfad. Bald machte ich mir Sorgen. Das Halsband war ein untrügliches Zeichen, dass er irgendwo da hinter mir ein Zuhause haben musste. Oder war er entlaufen und auf der Suche nach einem neuen Rudel. Was, wenn er mir bis Isone folgt, und dann ins Postauto springt? Würde man mir glauben, dass es nicht mein Hund ist, oder von mir verlangen, dass ich für ihn bezahle.

Die Aufmerksamkeit des Tieres tat gut, die stille Verständigung, seine wachsame freundliche Art. Dann war Zeit für einen kleinen Imbiss, da wo in Luera ein:e Anwohner:in in einem Kästchen am Wanderweg, direkt neben einer Gartenbank, den Fussreisenden kostenlosen Grappa offeriert. An diesem Ort überkam den Vierbeiner eine sichtliche Unruhe. Mehrfach setzte er sich hin und schaute hinunter ins Tal, an dessen Ende der Lago di Lugano blau zwischen den Bergen leuchtete. Fast etwas ärgerlich bellte der Hund ein einziges Mal, als wolle er die Seinen herbeirufen. Dann war er wieder weg. So sorgfältig er mich hinaufbegleitet hatte, so zielstrebig eilte er nun den Weg zurück, und verschwand bald schon meinen Blicken. Schade, dachte ich. Doch sogleich überkam mich auch eine gewisse Erleichterung. Der Hund hatte die Verantwortung für sein Leben wieder aus meiner Hand genommen. 

Jörg Niederer

Donnerstag, 19. Februar 2026

So kann's gehen!

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Der Monte Tamaro von Monte di Lago aus gesehen.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Wolke kann die ganze Sonne verdunkeln." Sprichwort

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Am Dienstag floh ich vor dem garstigen Wetter ins Tessin. Dort legte ich ein mir noch fehlender Abschnitt auf der ViaGottardo zurück, und zwar von Tesserete hinauf zum Übergang bei Monte di Lago und via Mürécc hinunter nach Isone. Am Ausgangsort setzte ich mich bei der Bushaltestelle neben einem Paar in sauberen Winterschuhen auf die Bank. Gesprochen haben wir nicht viel. Irgendeinmal zogen sie von dannen, um kurze Zeit später mit dem Auto vor der Bushaltestelle anzuhalten. Wo ich hinwolle, haben sie mich gefragt und sogleich mitgenommen. Während der Fahrt erzählten sie mir, dass sie vorgehabt hätten etwas Sonne zu tanken, und sich als Ziel das Bergrestaurant des Monte Tamaro ausgesucht hatten. Doch oben angekommen fanden sie sich mitten in einem Sturm. Von Sonne und Fernsicht keine Spur, dafür umso mehr Fasnächtler:innen, die einen "Höllenlärm" veranstalteten. So schwebten sie mit der Gondelbahn wieder runter ins Tal. Als sie von unten dann hinaufblickten, leuchtete der Berg weiss und erhaben unter einem blauen Himmel. So kann es gehen mit dem Wetterglück.

Jörg Niederer

Mittwoch, 18. Februar 2026

Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?

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Konfettischlacht an einem Fasnachtssamstag im Bahnhof Aarau.
Foto © Jörg Niederer
"In der Nächstenliebe gibt es kein Übermass." Francis Bacon (1561–1626)

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Mit dem Aschermittwoch endet die Fasnacht. Die letzten Konfettischlachten sind geschlagen, die Masken werden wieder an die Wand gehängt und Aschenkreuze auf Stirn und Hände gezeichnet.

Das ist ein untrügliches Zeichen dass ein Traditionsanlass in St. Gallen für den Tag nach Aschermittwoch vor der Tür steht. Der "Ethik-Talk in der Stadt"; in diesem Jahr zum Thema: "Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?".

Gut, ich gebe zu, das ist noch eher ein Geheimtipp, doch in den vergangenen Jahren setzte sich das Publikum doch jeweils aus 70-100 Personen zusammen.

Als Referenten eingeladen wurden Kevin Loosli, Präsident der Jungen SVP Kanton St.Gallen und Dr. Rolf Bossart (SP), Präsident des katholischen Kirchgemeindeparlaments der Stadt St. Gallen. Moderatorin Verena Birchler musste aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen, so dass nun Maria Bienentreu und Jörg Niederer ihre Aufgabe übernehmen.

Flyer zum Ethik-Talk in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
In einem Land, das sich traditionell als christlich versteht, muss sich auch Politik und Gesellschaft die Frage gefallen lassen, wie sehr man sich den christlichen Werten und der Nächstenliebe noch verpflichtet fühlt. Darüber werden sich die beiden Referenten in je einem 10-minütigen Vortrag positionieren. Danach gibt es eine Diskussionsrunde, bei der auch das Publikum mit einbezogen wird.

Organisiert wird der Anlass von der Christliche Sozialbewegung KAB SG und der Ökumenische Kommission GFS der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen SG/AR/AI.

Der Anlass findet am Donnerstag, dem 19. Februar 2026 um 19.30 Uhr im Festsaal St. Katharinen statt an der Katharinengasse 11 in St.Gallen. Abgerundet wird der Abend mit einem kleinen Apéro.

Hier kann man sich den Flyer dazu herunterladen.

Jörg Niederer

Dienstag, 17. Februar 2026

Wer hat denn da gekackt?

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Der Warzige Drüsling sieht wie Miniatur-Wurmkot ganz in Schwarz aus, ist aber ein häufiger Baumpilz.
Foto © Jörg Niederer
"Ross und Spatz. Ein Gleichnis für viele: Des einen Kot ist des andern Brot." Waltraud Puzicha (1925-2013)

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Als hätten Holzwürmer es den erdgebundenen Regenwürmern gleichgetan, und ihre Darminhalte auf dem Baumstumpf aufgehäuft, so sieht es aus. Ich hatte keine Lust, diese Dinger genauer zu untersuchen. Auch berührt habe ich diese Häufchen nicht.

Zuhause dann der Abgleich der maximal 8 Zentimeter grossen Gebilde. Es handelt sich nicht um Hinterlassenschaften von Tieren, sondern um einen Pilz. Lateinisch heisst der Warzige Drüsling "Exidia nigricans". Seine Aufgabe: Weissfäule erzeugen in totem Holz, meist dem von Buchen und Birken, aber auch von anderen Laubbaumarten.

Ungeniessbar sei er, aber nicht giftig. Wie die Rose von Jericho übersteht der Warzige Drüsling Trockenzeiten. Dann sieht er aus, als wäre an der Stelle das Holz schwarz eingefärbt. Steht wieder Feuchtigkeit zur Verfügung, erwacht er zu neuem Leben.

Im Volksmund wird er auch als Hexenbutter bezeichnet. Man glaubte, Hexen würden heimlich die Kühe melken und aus der Milch diese unappetitlich aussehende, schwarze, an Hirnwindungen erinnernde "Butter" herstellen.

Jörg Niederer

Montag, 16. Februar 2026

Farbenpracht

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In Arbon am Bodensee. Blau und Brauntöne verzaubern den Blick auf das Schwäbische Meer.
Foto © Jörg Niederer
"Was mein Herz wach hält, ist die bunte Stille." Claude Monet (1840–1926)

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Früher, wenn der See so ruhig dalag und zum Meditieren und Flanieren einlud, machte mich diese Szenerie nicht gerade unglücklich, aber sie interessierte mich auch nicht. Ich liebte den Wind, das Surfen und die Wellen. Da versprach ein flacher, ruhiger See schlichtweg Langweile, zu wenig Action.

Heute sehe ich die Farbenpracht, hervorgezaubert vom einer winterlich tiefstehenden Sonne. Ich bewundere die Braun- und Blautöne, sehe das feine Kräuseln auf der Wasseroberfläche, die gerade Linie des Horizonts, die fernen Schneeberge, rieche den leicht modrigen Duft des Wassers, lasse mich blenden von den hellen Steinen der Kiesbänke.

Mein heutiger Zugang zur Natur ist ein anderer als der von früher. Das muss am fortgeschrittenen Alter liegen, am Lebensrhythmus. Die Stille, die Inaktivität erschrecken mich nicht mehr.

Jörg Niederer

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