Samstag, 28. Februar 2026

Das peinliche Malheur

Ein Zitat

Jörg Niederer vor dem ehemaligen Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche in Oberkulm.
Foto © Jörg Niederer
"Kirchenschlaf gilt als gesund. Denn wer friedlich schlummert, steht unter Gottes Schutz, das sagen auch die Psalmen. In Evessen bei Braunschweig stehen sogar zwei Betten in der Kirche für eine beschützte Bettruhe." Oliver Vorwald, Radiopastor

Hingesehen

Nach zwanzig Tagen bin ich wieder einmal auf der Kapellentour unterwegs. Oberkulm im Wynental. Hier befand sich in einem unauffälligen Doppelstockhaus, etwas zurückversetzt gelegen hinter einer direkt an der Hauptstrasse befindlichen Pizzeria, im Parterre der Gottesdienstsaal der Evangelisch-methodistischen Kirche. Die Toilette war in einem kleinen Kämmerchen des Eingangsbereichs bei der Haustür untergebracht. Es gab nur kaltes Wasser, und im Winter bestand die Gefahr, dass die Leitungen und der Allerwerteste einfroren.

Vor rund 30 Jahren besuchte nur noch eine Handvoll Frauen die Gottesdienste. Die Bibelstunde fand an einem Wochentag um 14 Uhr statt. Normaler Weise referierte die Pfarrperson so einige Minuten über den ausgesuchten Text und dann tauschte man sich darüber aus. Nun sind die ersten Stunden am Nachmittag ja durchaus fordernd, was den Aufmerksamkeitspegel der Teilnehmenden betrifft. Und so machte sich der ausgefallene Mittagsschlaf bei mir gerade dann besonders bemerkbar, wenn ich in dieser trauten Runde sass. Mit anderen Worten: Ich bin eingeschlafen. Das wäre nun nicht weiter schlimm gewesen, ist das doch auch andern immer wieder einmal passiert. Besonders Bauern hatten jeweils am Sonntagmorgen nach dem Stall in der warmen Kirche mit dem Wachbleiben zu kämpfen. Doch in besagten Fall war ich nicht einfach einer der Teilnehmenden an der Bibelstunde, sondern derjenige, der dieselbe hielt. Der Schlaf hatte mich mitten in meinen Ausführungen übermannt.

Natürlich bemerkten die Frauen das Malheur, doch taten sie so, als sei ihnen dieser Sekundenschlaf des Pfarrer nicht weiter aufgefallen. Jedoch brachte von diesem Tag an die eine Frau, die nahe dem Gemeindesaal wohnte, eine Thermosflasche voll starken Kaffees mit, um einer Wiederholung meines Missgeschicks durch eine vorgelagerte kulinarische Weckrunde vorzubeugen.

Heute gehört diese Liegenschaft nicht mehr der EMK. Der Bezirk Reinach, zu der die Kapellen in Oberkulm, Gontenschwil, Schmiedrued und Reinach gehörten, wurde auf Ende 2003 geschlossen. Damals zählte der ganze Bezirk noch 50 Mitglieder, war aber längst nicht mehr finanziell selbsttragend. Auch kam der Entschluss zur Liquidierung dieser Arbeit im Wynen- und Ruedertal nicht zuerst von den Gemeindegliedern, sondern vom damaligen gesamtkirchlichen Leitungsteam, dem sogenannten Kabinett. Es war meines Wissens die einzige so verfügte Schliessung eines ganzen Bezirks. Spätere Schliessungen von Kirchgemeinden und Bezirken erfolgten dann stärker mitbestimmt durch die Menschen vor Ort, und sie wurden auch nicht mehr in dieser Radikalität umgesetzt.

Jörg Niederer

Freitag, 27. Februar 2026

In der Arbeit gewälzt

Ein Zitat

Die Honigbienen haben die Arbeit aufgenommen und sammeln schon wieder fleissig Blütennektar von Krokus und Schneeglöckchen.
Foto © Jörg Niederer
"Die fleissigsten Bienen bekommen die süssesten Zuckertüten." Herkunft unbekannt

Hingesehen

Ende Februar und die Bienen sind schon wieder fleissig. Die Temperaturen sind auch schon auf frühlingshafte 17 Grad angestiegen. Da können die Tierchen nicht mehr stillsitzen. sie müssen raus, arbeiten, Futter für den Nachwuchs herbeischaffen.

Diese Biene auf dem Foto hat schon einiges an Nektar und Blütenpollen gesammelt. Vom Eintauchen in den Blütenzentren ist das Tierchen überpudert mit Blütenstaub.

Ob sie das mögen? Oder denken sie: "Nun muss ich mich schon wieder von oben bis unten von diesem klebrigen Zeugs befreien."

Mir kommen sie wie Kohlearbeiter vor. Schwarz von der Arbeit holen Bergleute die Dunkelheit aus aus dem Berg. Und die Bienen: Goldig von der harten Arbeit holen sie das süsse Gold der Blüten zu sich nach Hause.

Jörg Niederer 

Donnerstag, 26. Februar 2026

Kleinstadtsicht

Ein Zitat

Blick vom Turm der Friedenskirche über das Wilerwegquartier und zum Waldfriedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Einiges spricht tatsächlich dafür, dass der Liebe Gott Schweizer sein könnte - weit weg von allem und nur zuschauen, das ist doch ebenso göttlich wie schweizerisch. … Wenn der Liebe Gott Schweizer gewesen wäre, würde er heute noch auf den richtigen Moment warten, um die Welt zu erschaffen." Hugo Loetscher (Aus: "Der Waschküchenschlüssel und andere Helvetica")

Hingesehen

Zwar die grösste Solothurner Stadt, ist Olten doch nicht mehr als eine Kleinstadt. Zentral gelegen im Mittelland lebt es sich hier gut, einmal abgesehen von den regelmässig überlasteten Strassen. Einen seltenen Ausblick über Teile der Stadt genoss ich am vergangenen Montag vom Turm der Friedenskirche. Geht mein Blick ostwärts, so sehe ich hinein in den Lebensraum meiner Kindheit. Der Zufall will es, dass das farblich auffälligste Haus auf diesem Foto einst meinen Eltern gehörte und uns als Kinderstube diente. Damals war die Farbe unserer Haushälfte noch nicht so auffallend blau gestrichen, sondern in einem dezenten Ocker gehalten. Auf der grünen Wiese am unteren Bildrand haben wir Fussball gespielt und sind auf die Kastanienbäume geklettert. Der Wald links im Bild verbirgt den Friedhof Meisenhard mit dem Krematorium und der Abdankungshalle. Dort auf dem Gottesacker liegen zwei Tanten von mir, mein Vater und meine zwei Brüder. Zu meiner Zeit gab es das grünliche Schulgebäude in Wil noch nicht. Zu sehen ist es rechts vom Kran, direkt am Waldrand gelegen. Auch all die Mehrfamilienhäuser in Richtung Wil gab es damals vor 50 Jahren noch nicht. Dort konnten wir auf Wiesen noch Drachen steigen lassen. Was es aber schon gab, war die Mietskaserne unter dem Friedhof Meisenhard, damals Wohnort für die vielen Migranten aus Italien. Was auf diesem Foto auch fehlt: Die Dampffahne vom Atomkraftwerk Gösgen-Däniken. Zurzeit muss das Werk sicherheitstechnisch aufgerüstet werden. Man hat festgestellt, dass es Mängel gibt bei der Erdbebensicherheit, und das schon, seit das Kraftwerk in Betrieb ist.

Das sind so meine auch sentimentalen Einblicke in eine typische Schweizer Kleinstadt. Wie geht es dir, wenn du auf den Ort deiner Kindheit schaust?

Jörg Niederer


Mittwoch, 25. Februar 2026

Tragkraft

Ein Zitat

Detail an einem Rustico auf der Alp Mürécc.
Fotos © Jörg Niederer
"Wenn dieses Haus solange steht bis aller Hass und Neid vergeht, dann bleibts fürwar solange stehn bis einst die Welt wird untergehn." Giebelspruch

Hingesehen

Das Wetter hat die Jahrringe herausmodelliert. Der Baumstamm selbst scheint nicht das schwere Steindach der Hütte zu tragen, da oben auf der Alp Mürécc. Doch irgend eine stabilisierende Funktion am Bau hat das Rundholz. Mir gefällt, wie der Stammquerschnitt zum Bestandteil der stirnseitigen Wand geworden ist. Er muss sich auch nicht verstecken hinter Steinen und Verputz. Er passt da hin und hinein. Er gehört zu diesem Rustico. Ohne den Baumstamm würde etwas fehlen.

Jörg Niederer

Dienstag, 24. Februar 2026

Über den Dächern

Ein Zitat

Fotos © Jörg Niederer
"Auch ein hunderttausend Fuss hoher Turm ruht auf der Erde." Sprichwort


Hingesehen

Der Turm der Friedenskirche dominiert die rechte Stadtseite von Olten. Er ist nicht gerade die Sagrada Familia Gaudi in Barcelona, weder vom Ästhetischen noch von der Turmhöhe. Doch da die Friedenskirche im Verhältnis zur Altstadt leicht erhöht steht, und der Turm doch 60 Meter in den Himmel ragt, ist es eine der höchsten Aussichtskanzeln der Stadt Olten. Das Stadthaus, immerhin 52 Meter hoch, überragt der Kirchturm locker. Vermutlich sind die zwei Türme der Römisch-katholischen Kirche St. Martin noch etwas höher. Doch ob man dort als gewöhnlicher Sterblicher auf etwa 55 Meter hinaufklettern kann wie beim Turm der Friedenskirche, entzieht sich meinen Kenntnissen.

Gestern traf ich zufällig einen alten Bekannten. Beat Bachmann arbeitete lange bei der Evangelisch-methodistischen Kirche auf dem Jugendsekretariat in Olten. Dann wechselte er als Diakonischer Mitarbeiter in die Evangelisch-Reformierte Kirchgemeinde Region Olten. Sein Arbeitsplatz befindet sich in den Räumen der Friedenskirche. So hat er auch Zugang zum Turm, und gewährte mir eine Spezialführung hinauf in windige Höhen. Von dort hat man eine atemberaubende Rundumsicht. Da ich in Olten aufgewachsen bin, etwa 300 Meter von den tief klingenden fünf Glocken der Friedenskirche entfernt, wollte ich schon immer einmal hinauf an diesen luftigen Ort. Dank Beat hat es nun geklappt und ich konnte hinunter sehen, auf die Schauplätze meines früheren Lebens. Ich hatte, so könnte man sagen, für eine kurze Viertelstunde den totalen Überblick.

Jörg Niederer

Montag, 23. Februar 2026

Der Hund in der Kirche

Ein Zitat

Statue des Heiligen Rochus mit Hund und Pestwunde in der Chiesa San Lorenzo in Isone.
Foto © Jörg Niederer
"Er sucht das Brot in der Hundehütte." Alte Redensart mit der Bedeutung, etwas Törichtes zu tun.

Hingesehen

Vor einigen Tagen schrieb ich über den Hund, der sich mir auf meiner Wanderung von Tesserete nach Isone für einige Zeit angeschlossen hatte (Siehe Beitrag vom 20. Februar 2026!). Der Zufall wollte es, dass ich zwei Stunden später in der Chiesa San Lorenzo in Isone einem weiteren Hund begegnete, was aussergewöhnlich ist, halten sich Hunde doch meist nicht in Kirchen auf.

Da war nahe beim Eingang diese Statue eines Heiligen. Es musste ein Pilger gewesen sein, war er doch mit Jakobsmuscheln geschmückt. Zu seinen Füssen entdeckte ich diesen kleinen, knuffigen Hund mit einem Brötchen im Mund. Erst dachte ich an den Apostel Jakobus, doch dann brachte mich eine Suche im Internet auf den Heiligen Rochus von Montpellier. Der Überlieferung nach lebte er in den Jahren 1295-1379. Er schloss sich den Franziskanern an. Auf einer Pilgerreise nach Rom pflegte und heilte er unterwegs Menschen, die an Pest erkrankt waren. Auch er selbst steckte sich in Piacenza mit der tödlichen Krankheit an, zog sich darauf in die Einsamkeit zurück, bis er auf wunderbare Weise wieder geheilt wurde. Danach kümmerte er sich weiter um pestkranke Menschen.

Was aber hat es mit dem Hund zu seinen Füssen auf sich? Dieser Hund eines Junkers soll ihm täglich solange Brot vorbeigebracht haben, wie seine selbstgewählte und pestbedingte Isolation gedauert habe.

Besonders in den Zeiten der Pestzüge in Europa war der Heilige Rochus ein beliebter Heiliger. Ein Revival erlebte er erst kürzlich wieder während der Corona-Pandemie.

Abwegig ist es nicht, dass Hunde Kranken dienen. Gut bekannt sind die Blindenführhunde oder Assistenzhunde von körperlich Beeinträchtigen. Seit einiger Zeit werden die Vierbeiner auch als Begleitung von an Epilepsie leidenden Menschen eingesetzt, da sie am Geruch erkennen können, wann ein weiterer Anfall kurz bevorsteht und so den oder die Erkrankte:n rechtzeitig warnen können.

Jörg Niederer

Sonntag, 22. Februar 2026

Handlungsfähig

Ein Zitat

Die Propsteikirche Santo Stefano in Tesserete.
Foto © Jörg Niederer
"Als die Leute aus Aschdod am andern Morgen hinkamen, sahen sie: Der Gott Dagon war zu Boden gestürzt! Er lag auf seinem Gesicht vor der Lade des Herrn. Da richteten sie das Standbild des Dagon wieder auf und stellten es an seinen Platz zurück." Bibel, 1. Samuel 5,3

Hingesehen

Glaubst du an den Gott der Auferstehung, oder an den Gott des dauernden Zusammenbruchs? Musst du deinen Gott immer wieder aufrichten, oder ist es dein Gott, der dich aufstellt? Verliert dein Gott immer wieder Kopf und Hände (1. Samuel 5,4), also seine Handlungsfähigkeit, oder gibt dir dein Gott Handlungsmöglichkeiten für ein gutes Leben? Gefragt ist nach deinem Gottesbild. 

Wenn wir meinen, wir müssten Gott beschützen, bewachen und kontrollieren, dann schleichen sich seltsame, unsinnige Glaubenshandlungen ein in unserem Leben. So wie es bei den Menschen von Aschdod war, die nicht mehr auf die Türschwelle zu treten wagten, auf der Dagons Kopf und Hände hingefallen waren (1. Samuel 5,5).

"Min Gott isch so gross, so stark und so mächtig, gar nüüt isch unmöglich mim Gott" heisst es in einem Kinderlied. Mein Gott braucht nicht meine Schutzmassnahmen für ihn, er beschützt mich. Darum traue ich Gott zu, ohne menschliche Hilfe Gott zu bleiben.

Zum Foto: Zu sehen ist die Propsteikirche Santo Stefano in Tesserete, deren Anfänge in das Jahr 1078 zurückreichen.

Jörg Niederer

Empfohlen

Das peinliche Malheur

Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Kirchenschlaf gilt als gesund. Denn wer friedlich schlummert, steht unter Gottes Schutz, das sagen auch...