Samstag, 23. Mai 2026

Die zwielichtige Halblichtblume

Ein Zitat

Der Wiesen-Bocksbart ist eine ganz und gar essbare Wildpflanze mit speziellen Blütezeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Ist der Bocksbart erst verblüht, so ragen die trockenen Blüten wie ein Ziegenbart aus den grünen Hüllblättern – und daher stammt auch der deutsche Name." Botanischer Garten Bern

Entdeckt

Man muss nicht in die Metadaten der Fotografie schauen, um sicher zu sagen, dass das Bild an einem sonnigen Tag vor 14.00 Uhr aufgenommen worden ist. Denn dann begibt sich (wenn man das so sagen will bei einer Pflanze, die sich nicht vom Fleck bewegt,) denn dann begibt sich der Wiesen-Bocksbart bereits in den Feierabend und schliesst seine wunderschöne Blütenpracht. Die Pusteblume, sie entwickelt eine Samenkugel wie der Löwenzahn, ist in allen Teilen essbar. Also daran denken, sollte es einmal zu einem Mangel an Spargeln oder auch Schwarzwurzeln kommen. Dann grabe man die Wurzel des Wiesenbocksbarts aus, oder pflücke die jungen Triebe des Stängels und bereite sie entsprechend zu. Als Dip kann man Letztere auch verwenden, oder die Blätter als Salat oder gekocht als Spinatersatz. Zudem ist der Wiesen-Bocksbart nicht selten.

Er sei, so heisst es, eine Halblichtpflanze, was wiederum irgendwie zwielichtig klingt. Da frage ich mich, wie lange es wohl dauert, bis diese schöne Blume nicht nur auf dem Teller landet, sondern auch Eingang in einen Kriminalroman findet.

Jörg Niederer

Freitag, 22. Mai 2026

Der Wanderwagen

Ein Zitat

René Moor unterwegs in schwierigerem Gelände mit dem Wanderwagen.
Foto © Jörg Niederer
"Gestern bin ich von meiner 6-wöchigen Wanderung von Sigmaringen/Donau nach London zurückgekehrt und bin voller Begeisterung von meinem cart4go 4all. Mit Rucksack hätte ich (70-Jähriger Rentner) die 1200 km niemals geschafft, ging es doch u.a. über 3 Mittelgebirge: Schwäbische Alb, Schwarzwald und Vogesen." Kommentar von Dr.M.S. auf der Webseite von cart4go

Entdeckt

Nun bin ich also 72 Kilometer mehr oder weniger hinter meinem Wanderkollegen René Moor und seinem Wanderwagen hergetrottet. Auf meinem Rücken lasteten wohl so 15 Kilogramm Rucksackgewicht mit Inhalt. Die Folge: Verspannte Schulter am 3. und 4. Tag. Mein Vorauswanderer hatte diesbezüglich keine Schwierigkeiten. Seine Wanderausrüstung rollte auf dem von ihm meist wie ein Karette gestossenen Wanderwagen. Ging es steil bergauf, dann wurde er auch schon einmal gezogen. Hinunter, etwa über eine Treppe, liess sich der Wagen leichter steuern, wenn er dem Wanderer vorausrollte.

Der Wanderwagen ist schon seit 2017 in Besitz von René Moor. Seither ist viel gegangen beim Produzenten. Der Wanderwagen cart4go wurde weiterentwickelt. Es gibt schon vier Modelle. Auch kann man ihn sich nun auch in die Schweiz liefern lassen. Zugriemen gab es schon beim Modell von 2017, doch René Moor verzichtet darauf. Mit einer Breite von 52 Zentimeter kommt es auch mit Singletrails zurecht. Den Bianco- oder auch Lägerngrat sollten es dann aber doch nicht sein. So will der Schrittler, wie sich Moor auch nennt, mit dem Wanderwagen vor allem die flacheren Passagen begehen. Begonnen am Bodensee durfte ich ihn also bei seiner zweiten Serie von Weinfelden entlang von Thur und Rhein bis nach Kaiserstuhl begleiten. Weiter soll es bis an den Genfersee gehen. Die vier zurückgelegten Etappen boten viele flache Wegabschnitte, aber auch den einen oder andern steilen Auf- und Abstieg auf typischem Wanderterrain. Der Wagen erfüllte klaglos seinen Dienst. Was man von mir nicht sagen konnte. Gelegentlich habe ich schon geklagt, meist leise und heimlich. Denn zweifellos bietet so ein Wanderwagen neue Möglichkeiten, sich auf zwei Beinen unbelasteter fortzubewegen.

Noch einige Details zum Gefährt. Es wird ohne Packtasche geliefert. Alle Teile sind mit einem einzigen Inbusschlüssel montier- und zerlegbar. Die Reifen sind PU-pannengesichert. Je nach Grösse kann zwischen 17 und 25 Kilogramm zugeladen werden bei einem Eigengewicht von unter 3 bis 6 Kilogramm. Die Kosten sind überschaubar, spart man sich doch so früher oder später teure Rückenoperationen. Von 270 Euro geht es je nach Modell hoch bis 400 Euro.

Also mich hat der Wanderwagen überzeugt. Vielleicht werde ich bald auch so unterwegs sein. Das selbst dann, wenn ich gelegentlich etwas dumm angeglotzt werden sollte. Gerade auch mit Blick auf die teure Kameraausrüstung, die schnell einmal ins Gewicht gehen kann, ist ein Wanderwagen Balsam für den lastengeplagten fotografierenden Fernwanderer.

Jörg Niederer


Donnerstag, 21. Mai 2026

Zu Fuss unterwegs

Ein Zitat

Ein Feuersalamander zeigt sich auf dem Wanderweg kurz nach der Ortschaft Buchberg.
Foto © Jörg Niederer
"Der Pflug im Acker die Saat und Frucht und des Weinbergs Reben mögen dem Bauernstand den Frieden geben". Hausanschrift in Rüdlingen am Buchberg, Schaffhausen

Entdeckt

Die letzten vier Tage war ich mit meinem Wanderfreund René Moor zu Fuss unterwegs. Nach einem Unfall wollte er sein Gehvermögen auf einer Wanderwagen-Tour austesten. Wanderwagen sind so eine Art Einkaufswagen für Wandernde. Also Transporthilfen, welche den Rucksack ersetzen und die Last in einen von Hand gezogenen oder gestossenen Anhänger verschiebt. Das hat auf der Tour von Weinfelden bis Kaiserstuhl im Aargau bestens funktioniert. Ich selbst trug meine Last am Rücken, inklusive Zelt und mehr. In einem unbedachten Moment auf dem ersten Abschnitt stürzte ich und quetschte mir wohl eine Rippe, was sich auf meine Nachtruhe im Zelt schmerzhaft negativ auswirkte und auch dem Gehen etwas von seiner Leichtigkeit nahm. Doch auch ich habe die 72 Kilometer lange Strecke auf meinen eigenen Füssen bewältigt. Dabei bewegten wir uns durch vier Kantone: Thurgau, Zürich, Schaffhausen und Aargau. Unterwegs waren wir in zwei Ländern: Der Schweiz und Deutschland.

Den kleinen Fussgänger in Warnanzug (Foto) trafen wir unweit der Ortschaft Buchberg auf dem Weg hinunter nach Eglisau. Der Feuersalamander machte sich bei unserem Anblick erstaunlich schnell aus dem Staub, wodurch er gar nicht so leicht zu fotografieren war. Sympathisch, dieser gelbschwarze, ungefährliche Lurch. Noch ausschliesslicher als wir Wanderer ist er zu Fuss unterwegs. Ein Beispiel für die Artenvielfalt in der schaffhauserischen Exklave am Rhein.

Jörg Niederer

Mittwoch, 20. Mai 2026

Flügge

Ein Zitat

Eine gerade flügge gewordene Blaumeise sitzt auf meinem Finger, nachdem ich sie im Zimmer einfangen konnte, wohin sie sich verirrt hatte.
Foto © Jörg Niederer
"Der Adler frisst nicht aus dem eigenen Nest." Sprichwort

Entdeckt

Es geschah am vergangenen Freitagmorgen. Wie immer lüfteten wir die Wohnung, indem wir die Fenster etwa fünf Minuten lang offen stehen liessen. Das Fenster mit dem Blaueisennest darüber blieb natürlich zu. Wir hörten die Jungvögel bereits wie richtige Blaumeisen "schwätzen". Das hatten sie also schon gut gelernt. Bald würden sie ausfliegen.

Seltsamerweise rief einer der Jungvögel vom Bürofenster her, also von einem Ort, an dem wir die Blaumeise nicht erwarteten. Der Piepmatz war auch noch laut zu hören, als wir die Fenster schon längst wieder verschlossen hatten. Ich setzte mich im Büro an den Schreibtisch, da hörte ich Flattergeräusche. Ein Jungvogel hatte sich in die Wohnung verirrt. Erst setzte er sich auf den Drucker, dann verschwand er in einem Spalt hinter dem Kasten, auf dem der Drucker stand. Ich öffnete alle Fenster des Büro und schloss die Zimmertür. Irgendwann setzte sich das kleine Tier auf den Fensterrahmen, von oben bis unten mit Staub bedeckt, der an ihm hängen geblieben war von seinem Ausflug hinter den Kasten. Vorsichtig trat ich hinzu, und befreite ihn von dem lästigen Staubknäuel. Die junge Blaumeise dankte es mir, indem sie auf meinem Finger sitzen blieb. Keck schaute sie mich an und war offenbar ganz zufrieden mit der neuen Situation. Zwischenzeitlich hatten wir mit dem Tierchen das Fenster gewechselt, so dass es wieder nahe beim Nest war. Dort flog es dann auf, und landete in einem Baum, von wo es nach seinen Eltern rief, die sich auch sofort kümmerten.

Später am Abend beobachteten wir eine andere flügge gewordene Blaumeise, wie sie kopfunter am Rollladen beim Nest herumturnte.

Nun zwitschert es nicht mehr aus dem Nest heraus. Die Vögel sind ausgeflogen in eine Welt voller Gefahren für unerfahrene Jungvögel.

Dienstag, 19. Mai 2026

Entdeckt

Ein Zitat

Eine Blaumeise hat mich entdeckt. Nun beobachten wir uns gegenseitig.
Foto © Jörg Niederer
"Mohnköpfen bohrt sie mit Verstand / ein Löchlein in den Unterrand, / weil dann die Sämerei gelind / von selbst in ihren Schnabel rinnt." Wilhelm Busch (1832-1908), Gedicht "Die Meise"

Entdeckt

Eines Morgens bin ich mit der Kamera etwas näher zum Fenster gerückt, über und hinter dem die Blaumeisen ihre Jungen grossziehen. Der Sonnenstand war auch anders, und so kam es, dass mich die Altvögel entdeckten. Sie reagierten mit Warnrufen und flogen immer wieder weg, ohne zum Nest über dem Rollladenkasten hochzusteigen.

Natürlich zog ich mich sofort zurück, und die Situation beruhigte sich wieder.

Blaumeisen darf man nicht unterschätzen. So erzählt Wilhelm Busch in einem seiner Gedichte davon, dass sie die Mohnkapseln von unten anpickten, so dass die winzigen Samen ihnen direkt in den Schnabel rieselten. Und in Grossbritannien wurde beobachtet, wie sie die Folie über der Öffnung der Milchflaschen, welche der Milchmann vor die Haustür stellte, geschickt öffneten und so vom Rahm auf der Milch naschen konnten. Über wenige Generationen hinweg wurde die neue Technik an die ganze Population der Blaumeisen weitergegeben.

Jörg Niederer

Montag, 18. Mai 2026

Müllabfuhr

Ein Zitat

Eine Blaumeise mit Fäkalsack im Schnabel fliegt vom Nest über dem Storenkasten weg.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Fäkalsack ist quasi die Windel der Vögel. Fäkalsack, auch Kotsack oder Kotballen, manchmal auch Kotbeutel genannt, ist genau das, wonach es klingt: Es ist die mit einer Membran überzogene Ausscheidung eines Jungvogels, der noch im Nest sitzt." Silke Hartmann 

Hingesehen

Durchschnittlich sechs bis acht Jungtiere ziehen Blaumeisen  pro Brut gross. Im Nest über dem Rollladenkasten eines unserer Stubenfenster (Siehe Beitrag von Gestern!) kann ich von mindestens zwei Jungtieren sprechen. Denn zu sehen sind sie nicht, und ihre Rufe sind nicht leicht auseinanderzuhalten. In dem Mass die Altvögel Futter anschaffen, müssen sie auch wieder Kotrückstände wegbringen. Es gibt nun Vögel, die kacken einfach aus dem Nest. Am Boden darunter sind die weissen und grauen Spuren deutlich zu erkennen und verraten den Standort des Nests. Bei den Blaumeisen funktioniert dies anders. Der Kot wird als kleines Paket, genannt Fäkalsack, im Schnabel davon getragen, und irgendwo dann fallen gelassen. So bleibt das Nest sauber und dessen Standort verborgen.

Auf dem Foto sieht man wie sich ein Altvogel mit Fäkalsack im Schnabel im Sturzflug aus dem Nest fallen lässt.

Jörg Niederer

Sonntag, 17. Mai 2026

Brutpflege

Ein Zitat

Eine Blaumeise bringt Futter zu den Jungen, deren Nest sich im Storenkasten eines unserer Stubenfenster befindet.
Foto © Jörg Niederer
"Die Kohlmeise ist von der Blaumeise dadurch zu unterscheiden, dass sie blau ist." Johann Georg August Galletti (1750–1828)

Hingesehen

Ein Blaumeisenpaar hat sich bei einem unserer Stubenfenstern den Hohlraum über der Store als Brutplatz ausgesucht. In den letzten Wochen konnten wir hautnah mitverfolgen, wie die Altvögel erst Nistmaterial herbeischufen, dann mit dem Bebrüten der Eier begannen und in den letzten gut 20 Tagen intensiv damit beschäftigt waren, Futter für die geschlüpften Jungen aufzutreiben. Von morgens um 6.00 Uhr bis Abends um 20.00 Uhr flogen sie im Minutentakt ein und aus. Dabei liessen sie sich von uns nicht stören, auch nicht, als ich in der Wohnung nahe dem Fenster meine Kamera aufstellte, um das Treiben zu fotografieren. Durch den Schlitz zwischen Store und Hauswand flogen sie senkrecht nach oben zum Nachwuchs. Kopfüber stürzten sie sich dann wieder hinaus ins Freie, um mit eleganter Kurve Kurs Richtung Tannenbäume auf der anderen Strassenseite zu nehmen. Jeder Einflug wurde mit Zwitschern vorbereitet, wobei die Blaumeisen-Eltern sehr genau beobachteten, ob die Luft rein war und kein Fressfeind lauerte.

Angeschleppt wurden vor allem Insekten, Käfer und kleine Raupen. Gelegentlich trafen beide Elternvögel gleichzeitig ein, dann wartete der eine, bis die andere wieder weg war.

Was die Blaumeisen beim Brutgeschäft leisten, ist ausserordentlich. Bei 14 Stunden mit Einflügen alle 2 Minuten und einem Weg zwischen Futterplatz und Nest von 50 Metern ergibt das eine Flugleistung von 42 Kilometern und 420 Flugbewegungen pro Tag; dies bei jeder Witterung. Kein Wunder, sahen die Vogeleltern gelegentlich so richtig zerzaust und müde aus.

Auch an den folgenden Tagen werde ich über die Blaumeisen erzählen. Mit einem Höhepunkt am kommenden Mittwoch.

Jörg Niederer

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