Freitag, 6. Februar 2026

Schmerzensweg - Erinnerungsweg

Ein Zitat

Eine der Kapellen der Evangelisch-methodistischen Kirche liegt in einem ruhigen Ortsteil der politischen Gemeinde Rupperswil.
Fotos © Jörg Niederer
"Es kann der Tag kommen, da all unser Gold nicht reicht, uns ein Bild von der entschwundenen Zeit zu formen." Inschrift von Unbekannt beim Dorfmuseum Rupperswil

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Rupperswil. Hier besitzt die Evangelisch-methodistische Kirche eine Kapelle. Aktuell wird sie als Wohnhaus und auch noch als Kirche benutzt. Jedoch besuchen die Methodist:innen, die hier einst in den Gottesdienst gingen, wie schon jene aus Bremgarten (Siehe Beitrag vom  1. Februar 2026!) und Lenzburg (Siehe Beitrag vom 4. Februar 2026!) die Anlässe der "3x3 EMK Region Lenzburg". Das ist naheliegend, im buchstäblichen Sinn. Eine Pfingstgemeinde ist heute in den Räumen in Rupperswil eingemietet.

Ich bin wieder in einer Region, in der sich die Präsenz der Methodistenkirche in verschiedenen Liegenschaften niederschlägt. Alleine auf der gestrigen Etappe der Kapellentour von Lenzburg via Rupperswil, Hunzenschwil und Rohr nach Aarau bin ich an drei methodistischen Gotteshäusern und an einer ehemaligen Kapelle vorbeigekommen.

Aber es ist auch eine Wanderung, an der mich trübe Gedanken begleiten. So steht doch Rupperswil für einen der brutalsten Morde in der Geschichte der Schweiz. Gerade lief auf SRF eine Dokumentation über dieses schreckliche Geschehen. Unter den Opfern war auch eine junge Frau, die in der 3x3-EMK-Gemeinde ein- und ausgegangen ist. Und dann bin ich auch wieder vor dem Haus in Rohr gestanden, in dem mein jüngster Bruder nicht mehr weiter leben konnte und wollte. Das war vor noch nicht einmal zwei Jahren.

Aber Rupperswil war auch ein Ort, an dem ich als etwas erfahrenerer Nachbarspfarrer einen Kollegen begleiten durfte, der eben seine ersten Schritte in dieser Aufgabe zu gehen versuchte. Heute wirken zwei seiner Brüder an massgeblichen Stellen in der Kirche mit. Er jedoch hat sich im Verlauf dieser Zeit als Pfarrervikar in Rupperswil für einen anderen Weg entschieden.

Rupperswil. Das ist auch der Standort der Zuckermühle. Da fühlt man sich als Bewohner von Frauenfeld und dessen Zuckerfabrik doch gleich irgendwie mit dem aargauischen Ort verbunden.

Ganz nebenbei konnte ich auf dieser Wanderung auch einige Dinge erledigen, die mit meinem weiteren Engagement in der Methodistenkirche zu tun haben. So besichtigte ich Lokalitäten für die kommende Tagung der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika in Hunzenschwil. Dazu aber etwas mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Jörg Niederer

Donnerstag, 5. Februar 2026

Vor-Vor-Vor-Vor-Vorfahren

Ein Zitat

Vier grosse Steinblöcke bilden eine Reihe im Lütisbuech-Wald, unweit der Gemeindegrenze zwischen Ammerswil und Lenzburg.
Fotos © Jörg Niederer
"Praxis ist Kunst, Spekulation ist Wissenschaft, Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche." Friedrich Schleiermacher (1768-1834)

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Ich finde, man darf spekulieren. Die vier Steinblöcke liegen in auffällig gerader Linie an einem flachen Ort im Wald an der Gemeindegrenze von Ammerswil und Lenzburg. Es könnte eine Steinreihe sein, vielleicht keltischen Ursprungs. Die Steine könnten aber auch einfach die Gemeindegrenze nachzeichnen. Nur wenig daneben ist denn auch ein kleiner, quadratischer, neuzeitlicher Grenzstein zu finden. Oder diese Anordnung ist Zufall, eine Laune der Natur.

Beim Recherchieren gefunden habe ich nur einen Hinweis auf einen Chindlistein in Ammerswil. Das sind die Steine, von denen jüngere Frauen herunterrutschten, wenn sie sich ein Kind wünschten.

Nicht weit von diesem Ort entfernt, bei Seon, befindet sich ein Hallstadt-Grabhügel (ca. 500 v. Chr.). Dort entdeckte man auch auch bronzezeitliche Gräber (1500 v. Chr.). Ausgegraben wurden sie 1932 unter der Leitung des nationalsozialistisch gesinnten Professors Hans Reinerth.

Wie auch immer. An dem Ort, an dem ich in den ersten Monaten dieses Jahres wandernd unterwegs bin, lebten und siedelten schon Jahrtausende vor uns Menschen. Ob noch etwas von ihnen in unserem Erbgut zu finden ist? Ich meine, man darf spekulieren.

Jörg Niederer

Mittwoch, 4. Februar 2026

Es war einmal...

Ein Zitat
Heute ist die einstige Kapelle der Methodist:innen in Lenzburg ein Wohn- und Bürohaus. Viel hat sich äusserlich am Gebäude nicht verändert.
Fotos © Jörg Niederer
"Was ist Bürokratie? Eine Regelung der einzelnen Inkompetenzen im Sinne der allgemeinen Verantwortung."
Anton Kuh (1890-1941)

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Bei diesem Gebäude, einer ehemaligen Methodistenkapelle, kann ich das gleiche leicht angepasst schreiben wie schon im Blog vom 1. Februar 2026. Das werde ich nun auch so tun.
Einige langjährige Methodist:innen werden wissen, was auf diesem Foto zu sehen ist. Heute ist es ein Wohnhaus mit einer Wohngemeinschaft, einer weiteren Wohnung und einem Advokaturbüro. Doch zuvor war es der Versammlungsort der Methodist:innen in Lenzburg. Das Gebäude ist schon etwas betagt. Verkauft wurde es, nachdem sich mehrere Kirchgemeinden, darunter auch die Methodist:innen von Lenzburg, gemeinsam in Hunzenschwil eine Gewerbehaus kauften und seither dort gemeinsam feiern. So entstand die 3x3-Gemeinde, heute "3x3 EMK Region Lenzburg" genannt.
Gestern fand die Etappe meiner Kapellentour von Niederwil nach Lenzburg an diesem Ort sein Ende. Während ich so an der Strafanstalt, dem Schlossberg, dem Staufberg und dem Gofi vorbeizog, fielen mir Episoden und Gegebenheiten ein aus der Zeit, als wir uns in diesem Gebäude an der Ammerswilerstrasse trafen. Da sind die Alleebäume entlang der Strasse und auch die alte historische Dampfwalze direkt gegenüber besagter Liegenschaft. Auch die Diskussion kam mir in den Sinn, von der ich von meinem dort wohnhaft gewesenen Kollegen hörte. Es ging darum, ob eine Pfarrfamilie eine Geschirrspülmaschine brauche oder nicht. Nun, das ist Schnee von gestern.
Heute wird wohl weniger über Kücheneinrichtungen diskutiert als über die Frage, wie eine Kirche mit einer 300-jährigen Geschichte aktuell und relevant für die Menschen der heutigen Zeit bleiben kann. Das wird dann auch wieder Thema sein in etwa 5 Monaten am Gemeindestandort der "3x3 EKM Region Lenzburg", an der Tagung der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika (Synode der Methodist:innen). Darauf bin ich gespannt.
Jörg Niederer

Dienstag, 3. Februar 2026

Der Schicksalsort von Rothrist

Ein Zitat

Im aargauischen Niederwil wummert die Fasnacht unüberhörbar weit herum.
Fotos © Jörg Niederer
"Ich weiss nicht was ich bin / Jch bin nicht, was ich weiss: / Ein ding und nit ein ding: / ein stüpffchin und ein kreiss." Angelus Silesius (1624-1677)

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Schon im Dickhölzli beim Eidgenössischen Waffenplatz Hinterweid waren die dumpfen Rhythmen deutlich zu hören. Doch erst als der Fasnachtswagen wummernd durch den Dorfkern von Niederwil fuhr, also etwa 4 Kilometer Distanz davon entfernt, wurde mir klar, woher diese Partyklänge gekommen waren.

Es ist Fasnacht, die närrische Zeit.

Auf meiner Kapellentour befand ich mich am vergangenen Samstag auf einer Überführungsetappe. Die nächste Liegenschaft in methodistischen Besitz erwartet mich erst etwa nach 29 Kilometern in Rupperswil. Vorerst ging es von Rottenschwil via Bremgarten (Siehe Beitrag vom 1. Februar 2026!) nach Niederwil. Auch dort, so las ich in alten Konferenzverhandlungen, gab es einst methodistische Stubenversammlungen. Wo genau, das konnte ich nicht herausfinden.

Diesem Niederwil im Bezirk Bremgarten verdank Rothrist seinen heutigen Namen. Denn bis 1890 wurde Rothrist ebenfalls nach einem dortigen Ortsteil "Niederwil" genannt. Zwei Niederwil im selben Kanton, das erschien den Verantwortlichen zu verwirrlich. Also wurde aus Niederwil bei Zofingen die Gemeinde Rothrist.

Niederwil ist in der Schweiz eine sehr geläufige Ortsbezeichnung. SchweizMobil führt gleich 22 Flur- und Ortsbezeichnungen auf mit diesem Namen. Man könnte also eine weitere Tour de Suisse kreieren, vom einen Niederwil zum nächsten.

Wer weiss, vielleicht ist das mein nächste Projekt.

Jörg Niederer

Montag, 2. Februar 2026

Der Vogel des Jahres 2026

Ein Zitat

Ein männlicher Eisvogel auf seinem Ansitz bei der Hide am Flachsee. Schön zu sehen ist der deformierte Schnabel.
Fotos © Jörg Niederer
"Wer kleinlich ist, erspäht auch im Grossen den Makel." Esther Klepgen (*1965) 

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In diesem Jahr darf natürlich der Eisvogel nicht fehlen. Er wurde nach Aufruf durch BirdLife Schweiz von der Bevölkerung zum "Vogel des Jahres 2026" gewählt, knapp vor der Wasseramsel, die lediglich 53 Stimmen weniger erhielt.

Der Eisvogel profitiert von renaturierten, fischreichen Wasserflächen und wohl auch vom Klimawandel. Wer mehr zu diesem farbenprächtigen Fischjäger erfahren möchte, kann auf die Webseite von BirdLife Schweiz gehen, oder dann meine früheren Beiträge dazu lesen.

Was mir aufgefallen ist. Der Eisvogel, ein Männchen, fotografiert am Flachsee entlang der Reuss, hat einen leicht deformierten Schnabel. Selbst geschlossen weisst er eine Lücke auf. Genauso, wie ein Eisvogel bei den Murgauen in Frauenfeld. Erst spekulierte ich, dass es der selbe Eisvogel sein könnte, der seinen Standort gewechselt hat. Im harten Wintern suchen die auf offenes Wasser angewiesenen Sturztaucher oft weiter entfernt bessere Reviere auf. Doch in Frauenfeld ist es ein Weibchen, das diese Schnabeldeformation aufweist.

Für die Vögel scheint diese Fehlstellung des Schnabels bei der Jagd nach Fischen kein Nachteil zu sein. Man muss halt nicht perfekt sein. Lebenstauglich ist man auch, wenn man keinen Schönheitspreis gewinnen könnte.

Jörg Niederer

Sonntag, 1. Februar 2026

Ein neuer Tag beginnt

Ein Zitat

Heute eine Zahnarztpraxis, war das abgebildete Haus einst der Versammlungsort der Methodist:innen im aargauischen Bremgarten.
Fotos © Jörg Niederer
"Ich hoffe auf den Herrn. Voller Sehnsucht hoffe ich auf ihn und warte auf sein befreiendes Wort." Bibel, Psalm 130,5 

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Einige langjährige Methodist:innen werden wissen, was auf diesem Foto zu sehen ist. Nein, ich meine jetzt nicht mich, sondern das Gebäude im Hintergrund. Heute ist es eine Zahnarztpraxis, doch zuvor war es der Versammlungsort der Methodist:innen in Bremgarten AG. Das Gebäude ist noch nicht alt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es eingeweiht worden ist. Doch wenige Jahre später entschieden sich mehrere Kirchgemeinden, gemeinsam in Hunzenschwil eine Gewerbehaus zu kaufen und in Zukunft dort gemeinsam zu feiern. Dazu gehörten auch die Methodist:innen in Bremgarten. So entstand die 3x3-Gemeinde, heute "3x3 EMK Region Lenzburg" genannt.

Nun aber zu meinem Wort zum Sonntag:

Irgendetwas ist total schief gelaufen im Leben des Menschen, der den Psalm 130 als Gebet geschrieben hat. Nun will er reinen Tisch machen. Er sucht Gott. Er weiss: Wenn dieser hart bleibt, dann hat er schlechte Karten. Und doch setzt er seine ganze Hoffnung auf Gott. Wie wenn man alles auf eine Karte setzt. Dann heisst es warten, dass diese Karte sticht. "Voller Sehnsucht warte ich auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen – ja, mehr als die Wächter auf den Morgen." (Psalm 130,6).

Ich erinnere mich an diese kalte Dunkelheit. Die Füsse in den Militärschuhen fühlten sich taub an. Die Nacht wollte und wollte nicht enden. Und dann, ganz langsam, wurde es heller. Mehr und mehr Konturen zeichneten sich ab. Der Himmel überzog sich mit leuchtenden Farben. Im Osten ging die Sonne auf. Ein neuer Tag. Ein neuer Sonntag. Ein neuer Auferstehungstag. Aufatmen.

So etwas hat wohl auch die Psalmbeterin oder der Psalmbeter erlebt. Ein Leben aus der Vergebung kann beginnen. Zum Schluss sagt sie, sagt er: "Denn beim Herrn ist Gnade zu finden, und er befreit von aller Schuld." (Psalm 130,7).

Jörg Niederer

Samstag, 31. Januar 2026

Gerechtigkeit mit und ohne Augenbinde

Ein Zitat

Die historische Justitia von Hans Dub steht seit 1994 wieder vor dem Rathaus in Zofingen. Frauen haben sie zurückgefordert.
Fotos © Jörg Niederer
"Die Gerechtigkeit ist nichts anderes als die Nächstenliebe des Weisen." Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1716)

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Ein wenig sieht sie aus wie aus einem Band von Asterix und Obelix entsprungen. Die Justitia von Hans (Johann) Dub (1575–1613) vor dem Rathaus Zofingen. Zwei der drei üblichen Attribute sind bei diesem Werk vorhanden. Das Richtschwert für die Entscheidungskraft und die Waage für Gerechtigkeit. Was fehlt, ist die Augenbinde für die Unparteilichkeit.

Die Justitia befand sich einst dort, wo seit 1893 der Stadtheld Niklaus Thut über Zofingen wacht. Am Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991 verlangten die protestierenden Frauen die weibliche Justitia wieder zurück. So steht seit 1994 ein Replikat dieser Figur mit den männlichen Gesichtszügen vor dem Rathaus auf einem Sockel und zugleich auf Augenhöhe mit Niklaus Thut.

Die originale Figur befindet sich im Museum Zofingen.

Eine Augenbinden trug die Justitia erst so ab dem 15. Jahrhundert. Zuvor wurde sie oft blind dargestellt, oder hatte nur ein Auge offen. Beides symbolisierte, wie die Augenbinde, Unparteilichkeit. Doch schon immer wurde sie auch sehend und ohne Augenbinde dargestellt. Damit wird stärker betont, dass die Justitia genau hinsehen und die konkreten Lebensumstände mit ins Urteilen einbeziehen müsse.

Justitia mit und ohne Augenbinde hat also etwas mit dem Verständnis von Schuld zu tun. Soll man ohne Ansehen der Person bei allen gleich hart urteilen, oder gibt es strafmildernde Gründe in der Geschichte und den Lebensumständen eines Menschen? Soll ein Menschen, der aus Hunger stiehlt, genauso gehenkt werden wie einer, der aus Habgier stiehlt?

Ich gebe es zu. Mir leuchtet eine Justitia ohne Augenbinde mehr ein. Aber unparteiisch muss sie trotzdem sein. Gelb-orange Haare passen bestimmt nicht zu ihr.

Jörg Niederer

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