Ein Zitat
"Es dreht sich alles um Lirum, Larum, / um Lirum, Larum Löffelstiel, / Alles in allem, es war nicht viel." Theodor Fontane (1819-1898)
Foto © Jörg Niederer
Hingesehen
Der März ist mein Predigtmonat. An jedem Sonntag bin ich in einer anderen Gemeinde, um dort die Verkündigung mitzugestalten. Da komme ich also auf so manche Kanzel und erblicke, was den meisten Gottesdienstbesuchenden verborgen bleibt. Das, was sich so auf Kanzeln sammelt. Was abgesehen von den Rednerpulten, die keinen Stauraum aufweisen, fast überall zu finden ist: Ein Gesangbuch, eine Bibel, oder auch mal zwei. Ebenfalls ausgesprochen häufig liegen da Streichhölzer. Weiter finden sich Zettel mit Gottesdienstabläufen oder Mitteilungen früherer Sonntage. Je nach Kinderschaar im Gottesdienst kann es auch schon einmal zerknülltes und bemaltes Papiere oder angelutschte Bonbons haben, sind doch Kanzeln ausserhalb der Gottesdienstzeit willkommene Verstecke für die Kleinen. Das heisst aber nicht, dass ich dort je einmal ein beim Versteckspiel vergessenes Kind gefunden hätte. Gelegentlich steht da auch ein Glas mit abgestandenem Wasser, oder es finden sich gebrauchte und ungebrauchte Masken aus der Coronazeit. Auch Technisches ist hier verborgen. Die Schalter für die Lichtorgel oder fürs antiquierte Mikrofon, beziehungsweise die Schalthebel für die Hörschlaufe. Eher ungewohnt in evangelischen Kirchen sind die Räucherutensilien, der Weihrauch, die entsprechenden Gefässe, die Ikone. Doch auch das kann es geben, wenn im Raum eine orthodoxe Migrationsgemeinde eingemietet ist. Auch schon finden kann man Couverts mit Geld. Dabei handelt es sich meist nicht um Bestechungsgelder für kürzere Predigten, sondern um die versprochene Gage der Sonntagsrednerin oder des Sonntagsredners. Mögliche Kollektendiebe tun daher gut daran, auch auf den Kanzeln nach Devisen zu suchen. Sie müssen ja die dazugehörige Quittung nicht unterschreiben.
Faszinierend sind auch die Sitzmöglichkeiten und die je nach dem gestaltete Barrierefreiheit. Ich bin in meinen 40 Jahren Verkündigungsdienst in Kirchen mehr als einmal, statt würdevoll die Kanzel zu besteigen, dort hinaufgestolpert. Gelegentlich steht dann der Thron des Predigers mit den hinteren beiden Stuhlbeinen haarscharf am Rand des mehr oder weniger hohen Podest, was das unerwartet hohe Unfallrisiko von Pfarrpersonen erklärt. Der Heilige Gral, wie er auf dem Foto dieser Kanzelrückseite zu entdecken ist, gehört schon eher zu den Ausnahmen bei den Kanzelausstattungen. Auch Wein habe ich in den meist abstinenten Methodistenkirchen noch nie gefunden. Anders bei angebrochener Schokolade oder Pralinen. Die nehme ich dann jeweils mit. Ich will ja nicht, dass sie dort zu schmelzen beginnt, wie die Gefühle der Kanzelschwalbe bei der Ansprache.
Kanzellandschaften haben also, wie man so sieht, einiges zu bieten. Schaut doch mal bei euch im Gottesdienstraum nach, was ihr dort an Verschollenem und Brauchbarem entdecken könnt!
Jörg Niederer






