Mittwoch, 5. August 2026

Eine Gülle namens Bodensee

Ein Zitat

Ein Teichfrosch sitzt auf einem Seerosenblatt im Naturschutzgebiet Hurst bei Hindelbank.
Foto © Jörg Niederer
"Die Badewanne prahlte sehr. / Sie hielt sich für das Mittelmeer / Und ihre eine Seitenwand / Für Helgoländer Küstenland." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Entdeckt

Am vergangenen Samstag besuchte ich, wie so viele, das Schweizertreffen 2026 der Jungscharen der Evangelisch-methodistischen Kirche. Gestern um 17 Uhr zog ein Gewitter über das Camp-Gelände bei Brittnau hinweg. Glücklicherweise konnte bald schon Entwarnung gegeben werden. Alle Personen sind wohlauf. Einige kleinere Sachschäden sind aber an Zelten entstanden.

Doch eigentlich will ich von etwas anderem schreiben. Auf dem Nachhauseweg bin ich über die Fröschegüllenallmend zum Bahnhof Zofingen gewandert und habe mich gewundert über diese wunderliche Ortsbezeichnung: "Fröschegülle". Als würden sich Frösche in Jauche wohlfühlen.

An diesem Wort lässt sich wieder einmal schön der Bedeutungswandel feststellen. Denn früher wurde mit Gülle auch die Wasserlache oder der Tümpel bezeichnet, auch ein Loch, in dem nach Regenfällen das Wasser einige Zeit stehen bleibt. Zugleich konnte mit "Gülle" auch Kotlache, Sumpf und die Jauche bezeichnet werden. Vielleich hängt dies auch damit zusammen, dass stehende Gewässer einst alles andere als sauberes Trinkwasser enthielten.

Spasseshalber konnte dann auch schon einmal der Bodensee als Gülle bezeichnet werden. Belegt ist der Satz: "… d'Gülle, wo d'Schwiz vo Tütschland scheidt". Wenn jemand damals davon sprach, er werde "über die Gülle fahren", war damit das Auswandern nach Amerika gemeint.

Mit diesem Wissen ist nun auch klar, wie die heute seltsam klingende Bezeichnung "Fröschegülle" zustande kam. Wir würden einfach von einem Froschtümpel sprechen. Mit Jauche hat das nur ganz entfernt zu tun.

Jörg Niederer

Dienstag, 4. August 2026

Alterssitz unweit der Frauenstrafanstalt

Ein Zitat

In und vor dem Alters- und Pflegeheim Jurablick in der Berner Gemeinde Hindelbank.
Fotos © Jörg Niederer
"In der Jugend sollte man Weisheit lernen; im Alter sollte man weise handeln." Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)

Entdeckt

Auf meiner Kapellentour zu methodistischen Liegenschaften kommen wir nicht nur an Kapellen vorbei, sondern auch an diversen sozialen Einrichtungen. Das letzte Mal, als wir vor einem der Alters- und Pflegeheimen der Bethesda Alterszentren AG standen, war es Winter und wir waren in der Stadt Zürich unterwegs (Siehe Beitrag von 10. Januar 2026!). Nun, fast sieben Monate später besuchten wir auch das Alters- und Pflegeheim Jurablick in Hindelbank. Bekannt ist der Ort schon eher wegen der Frauen-Justizvollzugsanstalt. Sie findet sich direkt neben dem Schloss Hindelbank auf einer Anhöhe etwas ausserhalb des Dorfes. Auch daran sind wir vorbeigekommen. Doch nach Hindelbank führte mich genau dieses Alters- und Pflegeheim. Aufgewachsen in Wanderdistanz zu Jurahöhen gefällt mir natürlich dessen Namen "Jurablick". Im Beschrieb auf der Webseite heisst es: "Das Alters- und Pflegeheim Jurablick liegt mitten im Dorfzentrum von Hindelbank. Es verfügt über 60 moderne Alterswohnungen und 31 Pflegeplätze, die als individuell möblierte Einzelzimmer bewohnt werden. In einer geschützten Wohngruppe bieten wir zehn Menschen mit Demenzerkrankung ein Zuhause." Weiter gibt es ein Restaurant, einen kleinen Tierpark und noch vieles mehr. Da zur Philosophie der Bethesda Alterszentren AG eine gute seelsorgliche Begleitung gehört, suchte ich auch nach der hier angestellten Pfarrperson, wurde aber auf der Webseite nicht fündig. Dagegen gibt es natürlich auch in dieser Einrichtung regelmässige Andachten.

Meine Begleiterin meinte nach unserer kurzen Besichtigung, sie könnte sich vorstellen, im Alter hier zu wohnen. Was mir aufgefallen ist: Das dazugehörige Restaurant Vista war an diesem Morgen um 10.00 Uhr gut besucht. Das ist in solchen Häusern keine Selbstverständlichkeit und durchaus ein Qualitätsmerkmal.

Jörg Niederer

Montag, 3. August 2026

Glockengeschichten

Ein Zitat

Oben: Die einstige, methodistische Kapelle ist heute ein Wohnhaus. Unten: Methodist:innen feierten einst auch im Kirchlein von Rüti bei Lyssach.
Fotos © Jörg Niederer

"Im taussd sib hundert eilfften Jahr / ich ganz von new gegossen war, / weil d'Kilchen-Gmeind ersetzen wollte / das von den Dieben Weggeholte. / Das[s] zu dem Wort ich ruffte fein, / wolt ich größer gegossen sein."
Inschrift aufgrund der durch Diebstahl ersetzten Glocke im Kirchlein Rüti.

Entdeckt

Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Jegenstorf wurde bis 1993 gottesdienstlich genutzt. Sie gehörte zum EMK-Bezirk Burgdorf. Heute wohnen im Haus, dem man nicht auf den ersten Blick die Kapelle ansieht, drei Mietparteien. Nach wie vor gehört das Gebäude mit Umschwung der EMK.

Ganz anders sieht es mit dem Kirchlein in Rüti bei Wyssachen aus, das auf halbem Weg zwischen Burgdorf und Jegenstorf liegt. Auch dort versammelten sich die Methodist:innen bis zum Jahr 1994. Das reformierte Gotteshaus sieht auf eine lange Geschichte zurück, die Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts begann. In der Reformation ging das Gotteshaus in die Hände der Neugläubigen über und wurde von Pfarrhelfern aus Burgdorf bis ins Jahr 1938 betreut. Heute gehört das Kirchlein zur Seelsorgeeinheit Kirchberg.

Auch das gibt es also, dass Methodist:innen sich in Gotteshäusern anderer Konfessionen versammelten.

Beim Kirchlein gibt es Geschichten zu den beiden Glocken, die bis heute von Hand geläutet werden. So stürzten 1666 die beiden Glocken in Folge eines Blitzeinschlags ab, nahmen dabei aber keinen Schaden. Dann, im Jahr 1711, wurde gar eine Glocke aus dem Kirchturm gestohlen. Vielleicht hat sich jemand am lauten Glockenschlag gestört. Das soll es ja auch heute geben. Genutzt hätte es ihm oder ihr wenig, wurde doch das entwendete Geläut durch eine grösseres Glocke ersetzt.

Im Jahr 1711 war dann auch noch eine in heutiger heissen Zeit hilfreiche Erfindung zu verzeichnen. Johann Justus Partels, ein in Deutschland lebender Ingenieursoffizier baute den ersten Wetterkasten, auch Luftpumpe genannt. Wir nennen diese heute nicht wegzudenkende Erfindung Ventilator.

Jörg Niederer

Sonntag, 2. August 2026

Das Üben ist entscheidend

Ein Zitat

Glasfenster in der Kirche Wasen i. E. aus dem Jahr 1881: Jesus segnet die Kinder.
Foto © Jörg Niederer
"Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt." (Bibel: Lukas 6,31)

Entdeckt

Zwei Journalistinnen haben nach 5 bzw. 10 Jahren Schulabstinenz an einer Prüfung der 3. Sekundarschule über geometrische Dreiecksformen teilgenommen. Das Fazit der Lehrkraft: Eine Ahnung vom Lösungsweg sei ersichtlich, aber nicht mehr aktiv präsent. So bekam die Journalistin mit 5 Jahren Schulabwesenheit die Note 4,0 (Note 6,0 ist das Beste), die andere die Note 3,3. Mit anderen Worten: Weil Dreiecksberechnungen im Alltag der beiden Journalistinnen kaum eine Rolle spielten, haben sie vieles darüber wieder vergessen. Ohne ständiges Anwenden und Üben verlernt man einfachste Dinge.

Nun habe ich mich gefragt, wie das mit den Lebensregeln von Jesus ist. Wende ich sie täglich an, oder habe ich vieles wieder vergessen? Ist mein Christsein praktiziert, oder ist es nur graue Theorie, die im Alltag nicht mehr vorkommt?

Wie ist das mit der goldenen Regel? Behandelst du Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest? Wer diesen Grundsatz nicht ständig übt, wird im Ergebnis immer einmal wieder falsch liegen. Dann wird Gleiches mit Gleichem vergolten. Wie ist es mit der Feindesliebe (Lukas 6,27)? Gutes den Menschen tun, die mich hassen, ist eine echte Herausforderung. Aber wenn ich diesen christlichen Lebensgrundsatz nicht anwende, werde ich auch nicht die Kraft entdecken, die dabei frei werden kann in meinem Leben und im Leben anderer.

Wer nicht einfach im christlichen Mittelmass versinken will, ist herausgefordert, zu tun, zu üben, zu praktizieren, was Jesus Christus uns zu tun empfiehlt. Dann, beim ständigen Üben und Anwenden wird Christsein alltäglich – ansteckend alltäglich. Darum segne gerade heute die Menschen, die dich verfluchen und bete für die, die dich beschimpfen...! (Lukas 6,28)

Jörg Niederer

Samstag, 1. August 2026

Das Kreuz mit der Schweiz

Ein Zitat

Schweizer Fahnen hängen am Nationalfeiertag an zwei Kränen in Burgdorf.
Foto © Jörg Niederer
"Solidarität und die Bereitschaft, die Intersektionalität [Interaktion verschiedener Formen von Benachteiligungen] von Sexismus, Rassismus und Klasse in den Blick zu nehmen, müssen die Arbeit einer Theologie prägen, die die biblische Botschaft der Befreiung ernst nimmt." Kommentar zum Buch von Jörg Rieger, Theologie im Kapitalozän

Entdeckt

Der 1. August. Nationalfeiertag. Die Schweiz, das Vaterland, mag diese Nacht ruhiger ruhen als in anderen Jahren. Mir gefällt das. Die Hitze, die Trockenheit, sie zeigt Grenzen auf. Auch Dringlichkeiten, die nicht nur in der Schweiz noch nicht überall wirklich ernst genommen werden. Der Klimawandel gibt uns keine Zeit mehr. Wovon hängt die Weiterexistenz der Schweiz ab? Wir müssen weiterbauen an unserer Demokratie, an der Mitmenschlichkeit, an der Überwindung des Kapitalozäns, an der Fähigkeit, das Leben eines Menschen mehr zu gewichten als den Wohlstand.

Dass die beiden Arme der zwei Kräne auf dem Foto sich scheinbar überkreuzen… vielleicht ein Zeichen. Das Kreuz mit der Schweiz es bleibt.

Jörg Niederer

Freitag, 31. Juli 2026

Schönheit

Ein Zitat

Raupe des Schwalbenschwanzes an einer Fenchelstaude.
Foto © Jörg Niederer
"Die Mittagssonne brütet auf der Heide, / Im Süden droht ein schwarzer Ring. / Verdurstet hängt das magere Getreide, / Behaglich treibt ein Schmetterling." Detlev von Liliencron (1844-1909)

Entdeckt

Der Schwalbenschwanz (Siehe auch Beitrag vom 1. September 2025!) stielt vielen anderen Schmetterlingen sowohl als Raupe wie auch als Tagfalter die Show. Das führt dazu, dass die grossen Schmetterling gern zuhause gezüchtet werden. Aktuell fliegt bereits die zweite Generation des Jahres. Das Raupenstadium dauert 2-3 Wochen, dann folgt die Verwandlung in eine Gürtelpuppe und nach wiederum 2-3 Wochen schlüpft der fertige Schmetterling.

Es gibt eine Phase als Raupe, in der die Schönheit unwichtig ist. Junge Schwalbenschwanzraupen gleichen Vogelkot. So tarnen sie sich vor Fressfeinden. Auch haben sie eine chemische Waffe, mit der sie Schlupfwespen und andere Insekten vertreiben können.

Gesehen haben wir diese Raupe an einer Fenchelpflanze vor einem schönen Berner Bauernhaus. Mal schauen, was der heutige Tag an Schönheit und Überraschung bereit hält.

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Weg geht nie aus

Ein Zitat

Das Schloss Burgdorf
Foto © Jörg Niederer
"Man muss nur hübsch alt werden: dann gibt sich alles." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Entdeckt

In den letzten viereinhalb Monaten ist meine Weg auf der Kapellentour bis Burgdorf weitergegangen. Seit Projektstart am 28. Oktober sind 541 Kilometer und 13'000 Höhenmeter zusammengekommen. Ich bin dabei an 39 von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) aktiv genutzten Liegenschaften vorbeigekommen. Weitere 27 aufgegebene Standort habe ich so nebenher auch noch besucht.

Die weitere Planung führt mich nun auf 238 Kilometern via Jegenstorf, Hindelbank, Langnau i. E., Signau, Worb, Belp, Wabern, Bern, Lyss, Aarberg, Täuffelen, Neuchâtel und Saint-Imier nach Biel.

Mit Neuchâtel werde ich mein westlichstes Tourenziel erreichen. Danach geht es wieder mehrheitlich ostwärts, und irgendeinmal werde ich dann erneut in Zürich landen.

Solche Reisen über lange Distanzen und mit gesteckten Zielen führen immer zu einem Problem: Irgendeinmal sind sie abgeschlossen. Was wird dann kommen? Nun, da wären noch einige Kapellen und Standorte der EMK im Berner Oberland. Und danach könnte der süddeutsche Raum folgen, oder auch Österreich, Ungarn, usw.

Der Weg wird mir nie ausgehen. Solange die Beine tragen, geht es in meinem Leben immer auch wieder zu Fuss weiter.

Jörg Niederer

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