Samstag, 18. Juli 2026

Willkommenskultur

Ein Zitat

Ein denkmalgeschützter Schriftzug im FläckeKafi Beromünster heisst Heiden, Christen und Juden allesamt willkommen.
Foto © Jörg Niederer
"Ob Heide, Jud' oder Christ, herein was durstig ist" Schriftzug im FläckeKafi Rosengarten in Beromünster

Entdeckt

Ich bin wieder auf meinem methodistischen Kapellenweg unterwegs. Vorgestern ging es über die Fritzenfluh von Eriswil nach Wasen. Hier möchte ich aber auf eine frühere Etappe zurückblicken. Auf die von Beromünster nach Süsstannen. Beromünster wird als "Flecken" bezeichnet. So nennt man Orte, die als historische Markt- und Verwaltungszentren fungierten. Vor Ort berühmt ist der Auffahrtsumritt, eine jährlich zelebrierte Wallfahrt, die um den Flecken Beromünster herumführt,  mit Priestern, Kreuz- und Fahnenträgern, Kirchenräten, Sängern und Musikanten, alle hoch zu Ross. Im Flecken Beromünster gibt es natürlich auch eine Fleckenzunft und ein FläckeKafi. Das FläckeKafi ist eine moderne Erweiterung des denkmalgeschützten Restaurant Rosengarten. Im Innern wird das schnell deutlich. Da finden sich alte Inschriften an den Deckenbalken. Eine hat es mir besonders angetan: "Ob Heide, Jud' oder Christ, herein was durstig ist", steht da geschrieben.

Der Flecken ist historisch streng katholisch. Noch 2014 gehörten 80% zur römisch-katholischen Konfession. In einem so von einer Konfession bestimmten Ort gab es wohl auch immer wieder Reibereien mit Andersgläubigen. So wie in der Kirche nur die Katholiken zur Eucharistie geladen waren, so hielt man sich die Protestanten und Juden möglichst auf Distanz. Umso erstaunlicher ist dieser Spruch am Deckenbalken des FläckeKafis Rosengarten. Wer Durst habe, egal mit welchem religiösen Hintergrund, hier an diesem Ort war und ist er (und sie) willkommen. Was da an der Decke steht, ist eine weltliche Vorwegnahme des Abendmahls. Alle sind eingeladen, niemand wird weggewiesen. Vielleicht waren Juden und Heiden in der katholischen Kirche nicht willkommen. Hier im Gasthaus durften sie selbstverständlich ihren Durst löschen.

Gut, man könnte nun spekulieren, dass der Wirt, der diese Worte auf den Balken schreiben liess, auch einfach geschäftstüchtig war. So sicherte er sich auch den Umsatz all der verschiedenen Durchreisenden. Doch auch dann ist dieser Balkenspruch Zeugnis einer echt eidgenössischen Willkommenskultur und sollte so manchem Patrioten heute zu denken geben.

Jörg Niederer

Freitag, 17. Juli 2026

Der Coiffeur ist weiblich

Ein Zitat

Alte inklusive Anschrift an einem früheren Friseurgeschäft in Gammenthal bei Summiswald.
Foto © Jörg Niederer
"Interviewer: 'Also Frank, du hast lange Haare. Macht dich das zu einer Frau?' Frank Zappa: 'Du hast ein Holzbein. Macht dich das zu einem Tisch?'" Frank Zappa (1940–1993)

Entdeckt

Wer sagt denn, dass die inklusive Sprache etwas Neues ist. Diese Anschrift an einem Haus habe ich aus dem Linienbus heraus in Gammenthal (siehe Google Street View!) bei Sumiswald fotografiert. Das Geschäft gibt es nicht mehr. Die Anschrift ist geblieben. Im als behäbig und traditionell geltenden Emmental erwartet man nicht sprachlich geschlechtergerechte Feinheiten. Und doch steht da nicht nur die männliche Bezeichnung "Coiffeur" sondern explizit auch die weibliche "Coiffeuse". Heute nennt die Berufsberatung beide Formen. Doch damals, als es dieses Friseurgeschäft (auch diese Bezeichnung wird bis heute meist nur in männlicher Schreibweise verwendet) noch gab, war die Ergänzung mit der weiblichen Schreibweise wohl aussergewöhnlich. Das ist sie bist heute. Eine kurze Suche mit dem Stichwort "Coiffeur" bei Google bringt es beispielhaft für Frauenfeld an den Tag. Bei den ersten beiden so bezeichneten Dienstleistern sind es ausschliesslich Frauen, welche dort Haare schneiden und frisieren.

Anders ist es bei den Barber-Shops, die sich überall in leerstehenden Gewerberäumen breitmachen. "Barber" ist englisch. Deutsch würde man vom "Barbier" sprechen, ein explizit von Männern ausgeübtes Gewerbe, bei dem Bärte geschnitten werden. Früher zogen die Barbiere auch Zähne. Aber das ist lange her.

Zurück zu den Hairstylisten, wie sich einige Friseure heute auch nennen. Da gibt es durchaus einige Frauen, die sich selbstbewusst als Hairstylistin bezeichnen. Klever, wer mit diesem Anspruch sein Geschäft mit "Hairdesign" bewirbt und so das Geschlechterdilemma bei der Geschäftsbezeichnung geschickt vermeidet. Beim Begriff "Coiffeur" funktioniert das nicht, wohl aber bei Friseur. Da könnte man auch von "Frisurengestaltung" (das gibt es wirklich!) schreiben, was aber wohl niemand bei der Geschäftsanschrift tut, wenn man dieses doch englisch viel stylischer umsetzen kann, und es mit "Haarsalon" noch eine weitere Option gibt.

Es bleibt. Wollen Coiffeur:innen betonen, dass sich bei ihnen im Salon Frauen und Männer von Frauen und Männern die Kopfhaare machen lassen können, ist die Geschäftsanschrift "Coiffeur und Coiffeuse" durchaus passend und auch avantgardistisch. Ob das im konservativen Emmental dazu geführt hat, dass es dieses so beschriftete lokale Geschäft heute nicht mehr gibt? Oder war es doch eher der etwas abseitige Standort an einer Ausfallstrasse von Sumiswald?

Jörg Niederer 

Donnerstag, 16. Juli 2026

Getarnt und meist stumm

Ein Zitat

Auf dem Foto versteckt sich ein heimliches Lebewesen im Unterholz. Kein Kobold, aber ein … gibt sich die Ehre.
Foto © Jörg Niederer
"Süsse Ruh', süsser Taumel im Gras, / Von des Krautes Arom umhaucht …" Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Entdeckt

Hast du mich gleich gesehen, oder suchst du mich noch? Vielleicht ist dir mein goldiges Augenlied aufgefallen. Vielleicht auch die leichte Farbnuance zum letztjährigen Herbstlaub. Es ist ja auch mein Ziel, dass du mich nicht entdeckst, wenn du auf dem Waldweg an mir vorübergehst. Los geht das Jahr für mich schon sehr früh, noch ehe der letzte Schnee geschmolzen ist. Man könnte sagen, ich bin einer der ersten meiner Tierzunft. Dann besuche ich die Teiche, dann kann man mich auch hören. Sonst bin ich nicht sehr gesprächig und verbringe auch nicht mehr viel Zeit am Wasser. Im Wald dagegen bin ich immer einmal wieder zu entdecken. Da liebe ich die feuchteren Stellen. Weisst du nun, wer ich bin? Oder soll ich noch sagen, dass man mich auch immer wieder mit Königshäusern in Verbindung bringt. Wenigstens in den Märchen. Meine Angst ist übrigens sprichwörtlich. "Sei kein Frosch", heisst es dann. Darf ich mich vorstellen: Ich bin der Grasfrosch.

Jörg Niederer

Mittwoch, 15. Juli 2026

Rast und Reise

Ein Zitat

Das Wanderwegzeichen steht für Bewegung, die Hauswurz für Verharren.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause." Elisabeth Barrett-Browning (1806-1861)

Entdeckt

Die Schweiz ist gepflastert mit Wanderwegzeichen. Dieser Rhombus gehört zum Wegnetz im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Angebracht an einem Gartenzaunpfahl ob der Sitter beim Gehöft Würzen erzählt er von Bewegung, von Fussreisen, von vorübergehenden Momenten. Auf dem selben Holzpfahl wächst die Hauswurz. Eine Dickblattpflanze, welche ein beachtliches Verharrungsvermögen aufweist. Zugleich ist sie weit verbreitet, von Marokko bis Iran, von der Meereshöhe bis in die alpinen Lagen. Bewegung und Verharren. Dazu passt auch das Zitat von Elisabeth Barrett-Browning: "Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause". Gelesen haben wir diesen Spruch einige hundert Meter weiter auf unserer Wanderung, auf einer Gartenbank.

Vorankommen hat wenig zu tun mit Geschwindigkeit, mit Rastlosigkeit. Voran kommt man, wenn man sich Zeit nimmt, einen Schritt vor den andern setzt, aber auch die Zeit an Ort und Stelle erträgt. Wie um das zu lernen, warten wir dann 90 Minuten lang auf das Postauto, das zu dieser Zeit in Haslen nur gerade alle zwei Stunden die Aufwartung macht. Das einzige Restaurant ist zu. Zerstreuung ist Mangelware. War es verlorene Zeit? Nein, das war es nicht.

Jörg Niederer 

Dienstag, 14. Juli 2026

Kunstflug und Affenhitze

Ein Zitat

Oben: Alpensegler im Formationsflug. Unten: Alpensegler beim Ein- und Ausflug am Neststandort.
Fotos © Jörg Niederer

"Je mehr der Alpensegler fliegt, desto hungriger ist er. Und je hungriger er ist, desto mehr fliegt er."
Beitrag zum Alpensegler

Entdeckt

Gerade ist ihr Drillern unüberhörbar bei der Zuckerfabrik Frauenfeld. Die Alpensegler nisten dort jeden Sommer. In diesem Jahr sind so 60-70 der eleganten Flugkünstler vor Ort. Rund um eines der grossen Zuckersilos haben sie unter dem über die Seitenwand heruntergebogenen Attikablech ihre Nester angelegt. Ich habe mindestens 14 verschiedene Einflugbereiche gezählt. Gleich sieht es an einem dort befindlichen, länglichen Industriegebäude aus. Auch unter dessen Blechdach nisten sie. In regelmässigen Formations-Vorbeiflügen kommunizieren die Elterntiere und die ein- oder zweijährigen Vögel laut hörbar mit den Jungtieren. Immer wieder fliegt ein Vogel mit Futter geschickt und in atemberaubender Geschwindigkeit zwischen Blechwand und Tropfkante hinauf in den Hohlraum hinein, in dem die Jungen schon laut bettelnd warten.

In diesen heissen Tagen muss es unter dem Blechdach so richtig unangenehm gewesen sein. Eine Tortour für die Jungvögel. Offensichtlich haben viele von ihnen die brütenden Hitzetage überstanden, und dies, ohne dass sie speziell Wasser trinken konnten. Alle Feuchtigkeit erhalten die Jungtiere vom Insektenfutter, das ihnen die Eltern bringen. Zwischen 54-66 Tage dauert es, bis ein Jungvogel sein enges Nest verlassen kann. Dann aber beginnt ein Leben, das sich 200 Tage pro Jahr ausschliesslich in der Luft abspielt. Auch schläft ein Alpensegler in der Luft, wobei ein Auge immer wach bleibt. In den 20 Lebensjahren legt so ein Vogel eine Distanz zurück, die zehn Hin- und Rückflügen zum Mond entspricht.

Alpensegler können nur schwer vom Boden auffliegen. Ihre Beine sind dafür zu kurz. Jungvögel, denen der erste Flug missglückt ist, werden daher oft Opfer der Falken. Baum- und Turmfalken suchen regelmässig die Brutstandorte der Alpensegler ab, und manchmal ziehen sie an Ort und Stelle ihre eigenen Jungen gross. So hat es im künstlichen Nistkasten zuoberst auf einem Zuckersilo Turmfalken, die dort erfolgreich ihr Nest eingerichtet haben. Die aufmerksamen Alpensegler warnen sich gegenseitig vor diesen Beutegreifern. Gemeinsam sind sie gut geschützt. Zusammenbleiben macht eben durchaus Sinn, und das nicht nur im Tierreich.

Jörg Niederer

Montag, 13. Juli 2026

Irritationen

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Entflogener Nymphensittich in Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Ich habe nie geheiratet, weil ich drei Haustiere zu Hause habe, die den gleichen Zweck erfüllen wie ein Ehemann. Ich habe einen Hund, der jeden Morgen knurrt, einen Papagei, der den ganzen Nachmittag flucht und eine Katze, die spät in der Nacht nach Hause kommt." Marie Corelli (1855-1924)

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Erst flogen die Mauersegler nicht wie erwartet um die Nester am Backsteinhochhaus. Dann sang ein Buchfink, als wäre er ein Gartenrotschwanz. Während ich den Irritator fotografierte, strich mir eine schwarze Katze von links um die Beine. Auch hörte ich eine Hohltaube, konnte sie aber nirgends entdecken. Später dann tauchten die Mauersegler doch noch auf, und ich konnte die Einflüge in die Kunstnester beobachten. Damit war mein Beitrag bei der diesjährigen Zählung der Mauerbrüter abgeschlossen.

Doch die grösste Überraschung und Irritation gab es auf dem Heimweg, als ein laut rufender Vogel seine Runden drehte. Im Halbdunkel sah es aus, als würde der Turmfalke wieder den Mauerseglern nachstellen. Doch irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Als er sich gut sichtbar in eine Birke setzte, war das Elsternpaar wenig amused über den seltsamen Vogel, der sich als entflogener Nymphensittich herausstellte. Der vertriebene Kakadu seinerseits flog jeweils eine Runde und landete dann wieder bei den Elstern im Baum, was zu erneuten Annäherungen und Vertreibungen führte. Fremde haben es in der Schweiz nicht leicht.

Dem Aussehen nach handelt es sich um einen weissköpfigen Nymphensittich. Einfangen wird wohl schwierig. Wer gibt schon gern gewonnene Freiheiten wieder auf.

Jörg Niederer

Sonntag, 12. Juli 2026

Erschöpft

Ein Zitat

Drei Tauben an der Aare beim Bahnhof Olten liegen erschöpft von der Hitze am Boden.
Foto © Jörg Niederer
"Nach dem zweiten Frühstück soll man sich, ohne viel Zeit verstreichen zu lassen, an einem schattigen oder kühlen, windgeschützten Platz zur Ruhe niederlegen." Diokles von Karistos (4. bis evtl. 3. Jahrhundert v. Chr.)

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Die Tauben liegen einfach so da, zwischen den Stühlen und Tischchen. Die Hitze setzt ihnen zu. Ihr Schnabel ist leicht geöffnet. Nun hecheln sie sich Kühlung zu. Erschöpft ist ihre Energie. Nur widerwillig entfernt sich eine, als ich ihr zu nahe komme. Kaum einen Meter weiter legt sie sich wieder hin.

Vielleicht bist du auch erschöpft von der vergangenen Woche, von den heissen Temperaturen, vom Stress bei der Arbeit, von den Herausforderungen in der Familie. Da kommt der heutige Sonntag wie gerufen. Es ist der Ruhetag, der Tag, an dem man erschöpft sein darf. Es ist der Tag, an dem die Pflicht hinten anstehen soll. Gut, immer funktioniert das nicht. Aber versuche doch, wenigsten eine Stunde für dich selbst zu reservieren, in der dich nichts stören soll. Kein Smartphone-Ton, keine Kinder, kein Ehepartner, kein Chef, kein Staub oder Schmutz, keine Nachrichten, kein Fussballfrust. Eine Stunde, nur für dich allein. Eine Stunde, an dem der Friede Gottes Raum bekommen darf.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Ob Heide, Jud' oder Christ, herein was durstig ist" Schriftzug im FläckeKafi Rosengarten in ...