Freitag, 2. Oktober 2026

Platz mit Chirurgiegeschichte

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Ansicht eines Teils des Kocherparks in Bern.
Foto: © Jörg Niederer
"Es ist eine Pflicht der Menschlichkeit, Waffen zu schaffen, die den Gegner kampfunfähig machen, ohne ihm irreparable, grausame Zerstörungen zuzufügen." Emil Theodor Kocher, Chirurg und Nobelpreisträger (1841-1917)

Entdeckt

Westlich neben der Überbauung, von der ich gestern schrieb, und in der sich einst das methodistische Alfa-Zentrum befand, versteckt sich der Kocherpark hinter Mauern und Hausfassaden. Ich finde ihn etwas steril mit seinen weiten Rasenflächen. Und doch ist er mitten in der Stadt ein erholsamer Ort. Das war nicht immer so. In den Jahren 1991-1992 war hier die offene Drogenszene von Bern zu finden. Ähnlich dem Platzspitz von Zürich erhielt der Kocherpark dadurch schweizweit eine wenig schmeichelhafte Berühmtheit. Paradox, ist der Park doch nach dem Arzt, Chirurgie-Professor und Nobelpreisträger Emil Theodor Kocher benannt. Eine Büste von ihm, geschaffen von Max Fueter, findet sich denn auch im Park und nennt die Lebensdaten des berühmten Mediziners: 1841-1917.

Den Nobelpreis erhielt Kocher 1909 für seine experimentellen Forschungen zur Schilddrüsenchirurgie und ‑physiologie. Er war der erste Chirurg, der den Nobelpreis erhielt.

Im Kocherpark gibt es keine Drogenszene mehr. Was auch besser zu dieser grünen Oase zwischen den Blocks passt. Auch gut passt der Blick zu den Hochbauten des Insel-Universitätsspitals.

Jörg Niederer

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Kirchenliquidation

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Da, wo sich heute das Hotel Ador in Bern befindet, wirkte viele Jahre die methodistische Gemeinde Bern-Villette in den selben Räumen wie das Hotel Alfa.
Foto: © Jörg Niederer
"'Wirf weg, damit du nicht verlierst!' ist die beste Lebensregel." Christian Friedrich Hebbel (1813-1863)

Entdeckt

Es waren schwierige und düstere Jahre für die Evangelisch-methodistische Kirche in der Schweiz. Innert weniger Jahre mussten aufeinander der Betrieb der kircheneigenen Druckerei CVB Buch und Druck eingestellt werden; das Hotel Viktoria Hasliberg, ein anderes Werk der Kirche, musste wegen des drohendem Konkurses verkauft werden, und auch die EMK Bern-Villette und das Hotel- und Konferenzzentrum "alfa" musste aufgegeben und liquidiert werden.

Der Gebäudekomplex an bester Lage in Nähe zum Hauptbahnhof Bern sieht heute nicht viel anders aus als im Jahr 2004, als hier die kirchliche Arbeit beendet werden musste. Nur ist da eben nicht mehr das alfa-Zentrum, sondern das "Ador" von der Hotelgruppe Sorell zu finden ist. 

Dabei begann alles 1973 mit einem innovativen Konzept: Hotel und Kirchgemeinde in den selben Räumen. Die Säle und Sitzungszimmer wurden so gestaltet, dass sie sowohl als kirchliche Räume wie auch für Konferenzen genutzt werden konnten. Übersetzungskabinen waren in den unterirdischen Kirchensaal integriert. Auch eine Orgel wurde eingebaut. Übrigens waren alle kirchlichen Räume ohne natürliches Licht im 1.bis 4. Untergeschoss zu finden, während Restaurant und Hotelzimmer darüber angelegt waren.

Meine ersten Erinnerungen an das alfa-Zentrum gehen auf das Jahr 1978 zurück, als ich an einer grossen Jugendveranstaltung dort teilgenommen habe. Während des Theologiestudiums absolvierte ich das sechswöchige Gemeindepraktikum in der Villetten-Gemeinde und lernte dabei so einiges vom damaligen Pfarrer Ernst Gisler. Er wohnte mit der Familie im obersten Stock in einer Wohnung, die heute wohl Teil des Hotels ist. Später dann besuchte ich als Pfarrer mit Jugendlichen im alfa-Zentrum eine Lesung der Theologin Dorothee Sölle. Auch Kurt Marti, Dichterpfarrer von Bern, war unter den Zuhörenden. Sehr oft fanden später kirchliche Sitzungen in diesem Haus statt, an denen ich aus beruflichen Gründen teilgenommen habe. Gegessen wurde dann jeweils gleich im Hotelrestaurant.

Als 1999 die Methodistenkirche das alfa-Zentrum aus finanziellen Gründen in eine Genossenschaft überführte, zeichnete sich ab, dass die damals 212 Methodist:innen ihre geistliche Heimat verlieren würden. Bis 2003 blieb der Gemeindebetrieb als Mietverhältnis gewährleistet. Ab 2004 ist der Bezirk Bern-Villette nicht mehr separat in der Statistik der Kirche aufgeführt. Das bedeutet wohl, dass ab dann die Gemeindeglieder sich entweder auf die anderen Gemeinden verteilten oder die Kirche verliessen. 2009 jedenfalls befand sich die Genossenschaft Alfa-Zentrum Bern in Liquidation. Die Evangelisch-methodistische Kirche musste dabei 6 Millionen Franken abschreiben. Auch die Berner Kantonalbank verlor bei dieser ordentlichen Liquidation einen Teil der geschuldeten 7,5 Millionen Franken. 

Bleibt noch zu sagen: Im Alter von 4 bis 6 Jahren lebte ich in Bern. Damals besuchten wir die Villette-Gemeinde, beziehungsweise die Kapelle der Methodist:innen, die damals an dieser Stelle stand. Irgendwo gibt es ein Foto, wie unsere Familie vor dem Eingang jener alten Kapelle steht. Vielleicht finde ich das Foto ja wieder einmal. Wer weiss.

Jörg Niederer

Mittwoch, 30. September 2026

Kapellen werden und vergehen

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Oben: Die einstige Wesley-Kapelle im Breitenrainquartier von Bern ist heute ein Kulturzentrum. Unten. Ob das wirklich die einstige Markuskapelle in Bern-Liebefeld ist? die Wahrscheinlichkeit ist gross.
Fotos: © Jörg Niederer

"Von der Methodistenkapelle zu Berns erster Adresse für Chanson & Kabarett"
Quelle: La Capella, Bern

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Gestern schrieb ich von einstigen 8 Methodistenkirchen in der Stadt Bern. Nun, es waren nur 7. Bei einer Liegenschaft handelte es sich lediglich um ein Wohnhaus.

Schauen wir heute auf zwei sehr verschiedene Kapellen. Beginnen wir mit der Kapelle, die nach den Gründern der methodistischen Bewegung in England benannt und noch heute so angeschrieben ist, der Wesley-Kapelle. Sie steht im Quartier Breitenrain, war einst ein eigenständiger Kirchenbezirk und zählte 1981 noch 102 Mitglieder. 1993 wurde dort die methodistische Arbeit dann eingestellt. Interessanter Weise findet sich auf der aktuellen Webseite zur Liegenschaft (ich komme noch dazu!) der Hinweis, dass in der 1907 erbauten Kapelle der letzte Gottesdient 1998 stattfand. Vermutlich wurde die Kapelle also von einer anderen Gemeinschaft einige Jahre kirchlich weitergenutzt, bis im Jahr 1998 dann dort ein Kulturzentrum eröffnet wurde, das "La Cappella". So wird die Wesely-Kapelle heute genannt. Auf der Webseite spricht man von einem Vierteljahrhundert mit "grossartiger Kleinkunst", von Sternstunden in der "Wohlfühlkapelle", davon, dass in den letzten 27 Jahren über einen halbe Million Besucher:innen gezählt wurden.

Ganz anders die Markuskapelle in Bern-Liebefeld. Sie war Teil des Kirchenbezirks Bern-Lukaskapelle, also eine sogenannte Aussenstation. Als Standort wird Könizbergstrasse 5a angegeben. Dort steht heute die auf dem unteren Bild abgebildete Liegenschaft. Wie man sieht, ist es ein schon älteres Gebäude. Der Zusatz "a" zur Hausnummer gibt es heute nicht mehr. Eine Bewohnerin, welche seit 2006 im Haus wohnt, weiss zwar von einer Kapelle, die etwa 150 Meter entfernt stand, da wo sich heute ein blaugestrichenes grosses Mehrfamilienhaus befindet. Dass es sich bei einem Teil des Hauses an der Könizbergstrasse einst um eine Kapelle handelte, davon weiss sie nichts. 

Die zwei Türen - sie sehen beinahe ein wenig wie die Eingänge der Judenhäuser in Endingen und Lengnau aus (Siehe Beitrag vom 22. November 2023!), könnten ein Indiz sein, dass im einen Hausteil (Haushälften 5a und 5b mit je eigenen Eingängen?) sich tatsächlich einst die Methodist:innen versammelten. Jedenfalls findet sich ab 1991 in den kirchlichen Dokumenten kein Hinweis mehr auf methodistische Versammlungen an diesem Ort. Die Bewohnerin des Hauses, mit der ich sprach, wusste davon, dass hier einmal ein Schuhmacher wirkte und auch ein Blumenladen untergebracht war. Heute ist dort ein Fahrradverlag "VeloKultur" untergebracht und es finden Ausstellungen statt, aktuell gerade passend zum Thema Schuhe. Im verwilderten Garten entdecke ich eine hübsche schwarze Katze. Das Haus wirkt lebendig, Menschen gehen ein und aus. Ebenfalls im Haus zu finden ist eine Gemeinschaftspraxis für Atemtherapie, Psychosoziale Beratung und Craniosacral-Therapie. Auch eine Abschieds- und Ritualbegleiterin gehört zum Praxisteam. Die 3-Zimmer-Wohnung im 2. Obergeschoss ist aktuell ausgeschrieben für CHF 1740.- exkl. Nebenkosten. Gesucht werden nette Nachbarn.

So also kann Leben in der einstigen Kirche auch aussehen.

Jörg Niederer

Dienstag, 29. September 2026

Ein Tag in der Bundeshauptstadt

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Oben: Rolf Wyder und Jörg Niederer in den Strassen von Bern-Bümpliz. Unten. Die methodistische Zionskapelle an der Nägeligasse 4 in der Innenstadt von Bern.
Fotos: © Jörg Niederer
"Menschen ohne ein Dach über dem Kopf finden bei uns eine Herberge für eine Nacht. Die Gemeinschaft beim Znacht und Zmorge ist ein wichtiger Teil dieses Angebotes." Information der Berner Methodistenkirche zum Projekt "Eine Nacht schenken".

Entdeckt

Auf meiner Kapellentour bin ich schon länger auch im Raum Bern unterwegs. Zwar fehlt noch ein kleines Teilstück über den Belpberg. Das werde ich, wenn das Wetter mitspielt, noch diese Woche begehen.

Kommen wir aber zur Stadt Bern. Hier gibt es zwei aktive methodistische Gemeinden. Da wäre einmal die durch jüngere Menschen assistierte Altersheimgemeinde im Altersheims Weyergut in Wabern (Siehe dazu der Beitrag vom 24. August 2026!). Interessanter Weise ist hier auch die methodistische Jungschar Terra Nova von Bern beheimatet.

In der Innenstadt findet man die Zionskapelle an der Nägeligasse 4. Aktuell ist Rolf Wyder leitender Pfarrer. Ihn habe ich, nachdem ich auch die letzten bisher noch nicht besuchten vier einstigen methodistischen Standorte in der Stadt erwandert habe, zum Mittagessen im Sternen Bümpliz getroffen. Dabei erzählte er mir auch von der bemerkenswerten sozialdiakonischen Arbeit, welche diese Gemeinde stemmt. Zu nennen wären das "Caffè Berna", das "Gasse-Kafi" und "Eine Nacht schenken". Auch eine Wandergruppe der Gemeinde gibt es.

Auch anderes erfuhr ich von Rolf. Aufgewachsen in Bern-Bethlehem in einem dieser markanten Hochhäusern im zweitobersten Stock zeigte er mir so en passant die Orte seiner Jugend. Mit Plätzen der Kindheit verbinden sich jeweils viele Erinnerungen und bekommen dadurch einen höheren biografischen Wert als so manche anderen Episoden aus dem weiteren Leben. Mir geht es jedenfalls so, dass es mir jeweils besonders Freude bereitet, diese Kindheitsplätze anderen Menschen zu zeigen. Auf diesem Weg zurück in die Zeit der Jugend von Rolf kamen wir auch unweit des Hauses von Kuno Lauener, Leadsänger von Züriwest vorbei.

Zurück zur Methodistenkirche in Bern. Von einst sieben aktiven Gemeinden gibt es also heute noch zwei, wobei sich ein Grossteil der Arbeit auf die Gemeinde der Zionskapelle konzentriert. Was aus den anderen sechs Standorten geworden ist, davon werde ich dann in einem weiteren Beitrag hier berichten.

Jörg Niederer

Montag, 28. September 2026

Der Schlagerpfarrer geht, der Schlagerpfarrer kommt

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Pfarrer Philipp Kohli (links) spielt in der Rosenbergkappelle der Evangelisch-methodistischen Kirche Wädenswil dem scheidenden Schlagerpfarrer Bälle zu.
Foto: © Jörg Niederer
"Was die Leute überhaupt nicht brauchen können, ist, dass jemand kommt und sagt: Das hättest du besser machen sollen! … Die Leute müssen hören: Gott ist da – auch wenn das Leben nicht perfekt ist." Stefan Moll, Schlagerpfarrer im Ruhestand

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Fernsehaufzeichnung in der zum Erntedankfest festlich geschmückten Rosenbergkapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Wädenswil. Anlässlich seiner Pensionierung wurde der Schlagerpfarrer Stefan Moll verabschiedet.

Bereits seit gut 12 Jahren gibt es die geistlichen Angebote auf dem Schlagermusik-Fernsehkanal musig24.tv. Von Anfang an dabei war Stefan Moll, EMK-Pfarrer und kreativer Kopf verschiedenster Projekte. Verabschiedet wurde er am gestrigen Sonntag von der Schlagerfamilie, eine Community von treuen Schlagerfans, meist in fortgeschrittenem Alter. Für sie haben die Formate "Stammtisch", "Grüss Gott" und "der Gottesdienst" dem Hunger nach geistlicher Nahrung und Lebenssinn eine Antwort gegeben. Regelmässig traf sich dieses Stammpublikum auch im realen Leben.

Stefan Moll gelang es in all den Jahren gut, zwischen den verschiedenen Rollen und Aufgaben zu jonglieren. So wurden ihm denn auch nach der Gottesdienstaufzeichnung in der Laudation von Philipp Kohli, seines Zeichens EMK-Pfarrer und verantwortlich für die "Kirche-anders"-Projekte (zu denen auch die Schlagerfamilie gehört) einige befreiende Bälle zugeworfen und herzlich gedankt für die intensive Zeit als Schlagerpfarrer.

Auf den Schlagerpfarrer Stefan Moll folgt Schlagerpfarrer Simon Zürcher. Im vergangenen Jahr konnte er Stefan Moll begleiten und sich so in diese neue Aufgabe einarbeiten. Das Fest wurde durch den Jodelklub Hirzel und die Buure-Band musikalisch passend bereichert und klang beim von Jugendlichen servierten Kirchenkaffee aus.

Jörg Niederer

Sonntag, 27. September 2026

Mit und ohne Fleiss, kein Preis

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Rote Waldameisen bei der Arbeit.
Foto: © Jörg Niederer
"Geh und beobachte die Ameise, du Faulenzer! Nimm dir ein Beispiel an ihr, damit du klug wirst!" (Bibel: Sprüche 6,6)

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Auf die Gefahr hin, dass du dich durch den Bibelvers gar nicht betroffen fühlst (du gehörst ja sicher nicht zu den Faulenzer:innen), möchte ich trotzdem zwei Geschichten über den Fleiss der Ameisen erzählen.

Als ein Vater seinem Sohn, der oft tagelang herumlungerte, den Fleiss der Ameisen als vorbildliches Verhalten vor Augen malte, führte dieser ihn auf den Spielplatz, und zeigte ihm Kinder, die kleine, fleissige Ameisen in einem wahren Jagdrausch einzeln zerquetschten. der Sohn fragte den Vater: "Was nützt den zerdrückten Ameisen nun all ihr Fleiss?"

Die andere Geschichte geht so. Sie ist wahr und geschieht jeden Tag auf der ganzen Welt. Ich selbst habe sie oft erlebt, wenn ich mit der Sense die Wiese mähte. Dabei schnitt ich nicht nur Gras entzwei, sondern so manchen Ameisenhaufen. Und wirklich, die Ameisen zeigten sich auch in dieser Katastrophe als vorbildliche, fleissige Tierchen. Aber was nützten ihnen ihre Rettungseinsätze? In zwei drei Monaten, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, wird der Sensenmann wieder kommen und den erwirtschafteten Reichtum mit einem Schnitt wegrasieren.

Bei aller Wertschätzung des Fleisses, wir dürfen nie vergessen, dass es noch Wichtigeres gibt als der sprichwörtlich schweizerische Arbeitseifer, als das "schaffe, schaffe, Häusle baue". In der Bibel findet sich dazu eine interessante Geschichte in Lukas 12,16-21.

Jörg Niederer

Samstag, 26. September 2026

Keine Angst vor Spinnen

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Eine Gartenkreuzspinne in ihrem Radnetz. Zu sehen ist ihre Unterseite.
Foto: © Jörg Niederer
"Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken." Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

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In letzter Zeit lese ich immer wieder in Kommentaren zu Spinnenfotos, man solle sie nicht töten, sie seien harmlos und ungefährlich. Das stimmt auch für die Spinnen, die es bei uns in der Schweiz gibt. Dass man bei so einem kleinen Tier hinschreiben muss, dass man es nicht töten soll, finde ich tragisch. Andererseits kenne ich natürlich die Arachnophobie, also die Angst vor Spinnen. Wie viele Phobien ist sie unbegründet, und doch gibt es sie. Gewisse Ängste lassen sich mit Logik und Vernunft halt nicht vertreiben. So hatte ich als Kind jahrelang Angst vor Schnaken, diesen langbeinigen geflügelten Insekten, die sich ab und zu von den Wiesen in die Zimmer verirren und dann knistern den Wänden entlangstreichen.

Dagegen haben mich Schlangen, Kröten, Echsen und Spinnen immer schon fasziniert. Was andere Menschen in die Flucht trieb, das hat mich angezogen. Diese Spinne habe ich einen Tag später noch einmal besucht, als sie gerade eine Wespenart in ihrem Netz gefangen hat. Es war interessant zu beobachten, wie sie das Insekt geschickt eingesponnen hat.

Gerade habe ich gelesen, dass alle Menschen der Erde pro Jahr zusammen 400 Millionen Tonnen Fleisch und Fisch vertilgen. Das ist viel, aber noch mehr vertilgen alle Spinnen der Erde zusammen: Bei ihnen kommt die gigantische Masse von 400-800 Millionen Tonnen Insekten und Kleingetieren zusammen. Gäbe es die Spinnen nicht, würden uns viele zusätzlich Plagegeister um die Ohren schwirren.

Aber auch das gibt es. Eine einzige Spinne ist bekannt, welche sich vegetarisch ernährt. Bagheera kiplingi lebt in Mittelamerika und ist eine Springspinne, welche einer Ameisenart protein- und fettreiche Knospen der Akazie vor der Nase wegschnappt.

Übrigens frisst die hier fotografierte Gartenkreuzspinne nebenbei auch pflanzliche Nahrung. Im Frühling verfangen sich in den Radnetzen der Spinne Blütenpollen und Pilzsporen. Um Energie zurückzugewinnen, frisst die Spinne alte eigene Netze wieder auf. Dabei vertilgt sie auch die Blütenpollen darin als zusätzlichen Energiesnack. Besonders junge Spinnen sind auf diese Nahrungsergänzung angewiesen.

Jörg Niederer

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