Sonntag, 17. Mai 2026

Brutpflege

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Eine Blaumeise bringt Futter zu den Jungen, deren Nest sich im Storenkasten eines unserer Stubenfenster befindet.
Foto © Jörg Niederer
"Die Kohlmeise ist von der Blaumeise dadurch zu unterscheiden, dass sie blau ist." Johann Georg August Galletti (1750–1828)

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Ein Blaumeisenpaar hat sich bei einem unserer Stubenfenstern den Hohlraum über der Store als Brutplatz ausgesucht. In den letzten Wochen konnten wir hautnah mitverfolgen, wie die Altvögel erst Nistmaterial herbeischufen, dann mit dem Bebrüten der Eier begannen und in den letzten gut 20 Tagen intensiv damit beschäftigt waren, Futter für die geschlüpften Jungen aufzutreiben. Von morgens um 6.00 Uhr bis Abends um 20.00 Uhr flogen sie im Minutentakt ein und aus. Dabei liessen sie sich von uns nicht stören, auch nicht, als ich in der Wohnung nahe dem Fenster meine Kamera aufstellte, um das Treiben zu fotografieren. Durch den Schlitz zwischen Store und Hauswand flogen sie senkrecht nach oben zum Nachwuchs. Kopfüber stürzten sie sich dann wieder hinaus ins Freie, um mit eleganter Kurve Kurs Richtung Tannenbäume auf der anderen Strassenseite zu nehmen. Jeder Einflug wurde mit Zwitschern vorbereitet, wobei die Blaumeisen-Eltern sehr genau beobachteten, ob die Luft rein war und kein Fressfeind lauerte.

Angeschleppt wurden vor allem Insekten, Käfer und kleine Raupen. Gelegentlich trafen beide Elternvögel gleichzeitig ein, dann wartete der eine, bis die andere wieder weg war.

Was die Blaumeisen beim Brutgeschäft leisten, ist ausserordentlich. Bei 14 Stunden mit Einflügen alle 2 Minuten und einem Weg zwischen Futterplatz und Nest von 50 Metern ergibt das eine Flugleistung von 42 Kilometern und 420 Flugbewegungen pro Tag; dies bei jeder Witterung. Kein Wunder, sahen die Vogeleltern gelegentlich so richtig zerzaust und müde aus.

Auch an den folgenden Tagen werde ich über die Blaumeisen erzählen. Mit einem Höhepunkt am kommenden Mittwoch.

Jörg Niederer

Samstag, 16. Mai 2026

Bio und alkoholfrei

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Die beiden getesteten alkoholfreien Bioweine vom Weingut Lenz: NULLKOMMALENZ rot und AMESCO Cuvée Rosé.
Foto © Jörg Niederer
"Die Hälfte der Konsumentinnen und Konsumenten gab an, den Alkoholkonsum aktiv zu reduzieren." Erhebungen des Datenforschungsunternehmens International Wine and Spirits Record (IWSR) aus dem Jahr 2024

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Ich bin unter die Weintester gegangen. Nicht dass ich viel davon verstehe, aber zumindest kann ich sagen, ob mir ein Wein schmeckt oder nicht.

Getestet habe ich zwei alkoholfreie Bioweine der Kellerei Lenz in Uesslingen. Zudem konnte ich bei einer Führung durch den besagten Weinberg auch noch den alkoholfreien Nullkommalenz Secco kosten, ein prickelndes Traubengetränk, von dem ich mir jederzeit wieder ein Glas einschenken würde.

Gehen wir zum Wein, den ich mir wohl nicht mehr kaufen würde: der alkoholfreie Nullkommalenz Rot. Natürlich kann man ihn trinken, aber ich mochte ihn nicht. Da fehlte irgendetwas, das typische Rotweine haben sollten.

Anders wiederum der AMESCO Cuvée Rosé 2024 aus den Trauben Cabernet Jura und Muscat Bleu. Sowohl meiner Frau wie auch mir hat er sehr gut geschmeckt. Der Wein kann mit alkoholhaltigen Roséweinen gut mithalten.

Die AMESCO AG ist übrigens das Unternehmen, welches den Alkohol aus dem Wein filtriert. Das gelingt recht gut, finde ich. Doch wie bei alkoholfreiem Bier ist auch der alkoholfreie Wein nicht ganz ohne Alkohol: bis 0,5% Vol. verbleiben im Getränk.

Nun frage ich mich, ob es wohl schwieriger ist, gute alkoholfreie Rotweine zu produzieren als andere Weine. Bei AMESCO jedenfalls werden keine alkoholfreien Rotweine verkauft. Das ist ein klares Indiz für diese Vermutung.

Jörg Niederer

Freitag, 15. Mai 2026

Glotzen

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Rinder bei Nyffenegg beobachten uns neugierig, wie wir den Berg hinaufkeuchen.
Foto © Jörg Niederer
"Das ständige Glotzen / Das ständige Motzen / Das ständige Protzen / einfach zum Kotzen" Hans-Christoph Neuert (1958-2011)

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Unlängst las ich darüber, wie Schweizer:innen fremde Personen unverhohlen anglotzen, was natürlich von diesen als Problem erfahren wird. Nun hat mich auch schon einmal jemand daraufhin angesprochen, warum ich sie ständig fixiere. Tatsächlich suche ich immer irgend einen Orientierungspunkt in der Landschaft, und wie ich festgestellt habe, sind das nicht selten Personen. Natürlich arbeite ich zwischenzeitlich an dieser Marotte und versuche, bewusst auch wegzuschauen.

Dazu eine Beobachtung. Selten sind mir so viele neugierige Rinder und Kühe begegnet wie auf der letzten Wanderung. Schon von weitem fixierten sie uns, beobachteten anhaltend, wie wir langsam näher kamen, ja sie glotzten uns richtiggehend in den Boden. Was sie wohl dachten bei unserem Anblick? Vermutlich wunderten sie sich, wie langsam wir den Berg hochkraxelten, und warum wir uns überhaupt so unnötiger Weise abplagen. Vielleich mokierten sie sich auch über unser Outfit, verglichen es mit anderen Wandernden, die besser gekleidet waren. Vielleicht fragten sie sich auch, ob uns zu trauen sei. Thurgauer im Emmental, das könnte zu Eigentumsdelikten führen.

Zurückglotzen brachte auch nicht viel. Das war den Rindern und Kühen so was von egal. Die schauten uns einfach weiter an, irgendwie aufmerksam und auch gelangweilt. Man muss ja irgendetwas betrachten beim Wiederkäuen. Möglicherweise dachten sie auch darüber nach, warum sie noch nie einen Menschen gesehen haben, der wie sie ins Gras beisst, selbst wenn diese noch so erschöpft ausgesehen haben und reif für eine Stärkung gewesen wären. Das wäre mir aber gar nicht recht: Ins Gras beissen. Da glotze ich viel lieber weiter in der Gegend rum.

Jörg Niederer

Donnerstag, 14. Mai 2026

Oberaargauer Erinnerungen

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Oben: Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Huttwil ist heute ein Wohnhaus. Unten: Ein methodistischer Predigtplatz war im Schulhaus Neuligen (Weisses Gebäude mit Solarelementen auf dem Dach).
Fotos © Jörg Niederer
"Ich nehme die Oberaargauerinnen und Oberaargauer als freundlich, hilfsbereit und sehr pflichtbewusst und engagiert wahr." Silvia Jäger, Geschäftsführerin des Vereins Region Oberaargau

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Vor 41 Jahren trat ich meine erste eigene Stelle als Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in der Oberaargauer Gemeinde Huttwil an. Es sollte meine einzige Anstellung im Kanton Bern sein. Damals gehörten zum Gemeindebezirk vier Stationen. Über die EMK in Rohrbach habe ich schon im Blogbeitrag vom 28. April 2026 geschrieben. Als weitere Aussenstationen gehörten Zimmerhus und Neuligen zu meinem Arbeitsfeld. Zuhause waren wir in der angebauten Wohnung der Kapelle Huttwil (siehe Foto oben!). Nach wie vor gehört diese Liegenschaft der EMK. Das Arbeitsfeld jedoch wurde vor einigen Jahren aufgelöst. Die kleine Gemeinde in Huttwil überlebte diese Strukturbereinigung noch einige Jahre als Aussenstation von Langenthal und wurde dann ebenfalls geschlossen. Dies ist somit der zweite EMK-Bezirk nebst Reinach auf dem ich Pfarrer war, (Siehe dazu Beiträge vom 9. März 2026; 28. Februar 2026; 25. März 2026: 2. März 2026) der heute nicht mehr existiert.

In Huttwil war ich nur drei Jahre stationiert. Doch diese drei Jahre sind voller Geschichten. So liess ich etwa den Rasen ums Haus herum wachsen und schnitt ihn mit der Sense. Das verstand die Bauerngemeinde nicht, genauso wenig, dass ich auf ein Auto verzichtete (Gemeindeglieder entschuldigten sich damals immer wieder bei mir, weil sie ohne Auto nicht auskommen konnten). Ökologie war noch kein Thema. Auch dass ich mich einer anderen politischen Partei anschloss, und nicht der Evangelischen Volkspartei (EVP), um als Kantonsrat zu kandidieren, wurde als Problem empfunden. Weiter setzte ich mich für Flüchtlinge ein, damals vorwiegend Menschen aus Sri Lanka. Zu all dem kam hinzu, dass meine Frau zusammen mit einer Freundin, die nach einer nationalen Abstimmung möglich gewordene Namensänderung auf dem Standesamt verlangte. Statt die Kombination von meinem und ihrem Nachnamen trägt sie seither ihren Nachnamen. Kommentar auf dem Standesamt: Das hätte ich meiner Frau nie erlaubt. Ja, der Oberaargau war konservativ und bodenständig geprägt.

Vor der Methodistenkirche in Huttwil fand jeweils ein monatlicher Viehmarkt statt. Nicht selten wurden die Tiere stundenlang ohne Wasser festgebunden stehen gelassen. Beim Verlad kam es mehrfach zu brutalsten Szenen. Einmal brach sich ein Rind das Bein. Seit dieser Zeit isst meine Frau kein Fleisch mehr.

Damals kaufte ich mir mein erstes Mountain Bike, ein Import aus Japan. Im Winter wechselte ich die Fahrradreifen und zog solche mit Spikes auf. Der damals noch kostenlose Bahnverlad von Fahrrädern erleichterte die Reise per Rad ein wenig. In der Hügellandschaft gab es wenige gerade Strecken ohne Steigung und viele steile Anstiege. Zum Predigtplatz in Neuligen (Foto unten) ging es etwas rund 100 Höhenmeter hinauf. Der Gottesdienst fand im damaligen Schulhaus statt. Sowas ging im ländlichen Kanton Bern noch: Christlich-religiöse Anlässe in öffentlichen Einrichtungen. Heute ist das Schulhaus wohl zum Wohnhaus umgenutzt. Die Gemeinde in Neuligen bestand im Wesentlichen aus einer grossen Bauernfamilie mit einem typisch bäuerlichen Hobby. Alle männlichen Vertreter der Familie waren im Schwingklub. Schwingen ist die populäre Schweizer Version des Ringkampfs. 

Immer einmal hörte sich nebst dieser Bauernfamilie auch eine Katze am offenen Fenster meine Predigten an.

Gestern bin ich auf meiner Kapellentour von Rohrbach nach Eriswil an den beschriebenen zwei Predigtplätzen vorbeigekommen. Auch der vierte Predigtplatz in Zimmerhus werde ich besuchen, aber dazu sind noch zwei weitere Wandertage nötig.

Jörg Niederer

Mittwoch, 13. Mai 2026

Ausdauernder Lein

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Der Ausdauernde Lein ist in der Schweiz nicht heimisch. Seiner Blüten wegen wird er aber auf Ruderalflächen angepflanzt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Erde lacht in Blumen." E. E. Cummings (1894-1962)

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Nicht weit von unserer Wohnung entfernt wurde eine kleine Fussgängerinsel zu einem Trockenstandort umgestaltet. Dort wachsen allerlei typische Blumen und Gräser. Dieser Tage ist mir zwischen Bekanntem eine kleine Blume aufgefallen. Es ist der Ausdauernde Lein. In Mitteleuropa ist dieses Leinenkraut in freier Natur sehr selten geworden, in der Schweiz ist es nicht heimisch, in Österreich und Deutschland vom Aussterben bedroht.

Dass der Ausdauernde Lein an der Strasse, an der ich wohne, auf der kleinen Ruderalfläche zwischen Fahrbahn und Trottoir wächst, hat damit zu tun, dass er auch gerne in Gärten und öffentlichen Anlagen angepflanzt wird. Die kleinen blauen Blüten mit den fünf Kronblättern, deren Struktur entfernt an die von Faltenröcken erinnern, sind auch wirklich hübsch. Früher wurden die Stängelfasern dieser Art auch zur Herstellung eines groben Tuchs verwendet. Grobe Tücher sind nicht mehr in Mode und damit auch diese Pflanze. So schnell kann es gehen, dass Grundlagen einer kulturellen Errungenschaft überholt und vergessen sind.

Jörg Niederer

Dienstag, 12. Mai 2026

Fuchs an der Sonne

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Ein Rotfuchs streift entlang einer Kiesstrasse durch den einsamen Weinberg.
Foto © Jörg Niederer
"Was wir aufgeben, müssen wir mit freier Wahl aufgeben, nicht wie der Fuchs die Trauben." Gottfried Keller (1819-1890)

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Der Rotfuchs trottete entlang einer gekiesten Naturstrasse. Die Sonne hatte den Weinberg für diese Jahreszeit maximal erwärmt. Aus der Distanz beobachtete ich ihn, wie er plötzlich stillstand, etwas am Wegrand beobachtete, um dann in diesem typischen Bogensprung Schnauze voran zuzustossen. Erfolglos, wie sich sogleich herausstellte. Doch nun hatte mich Meister Reinecke entdeckt, drehte um und machte sich aus dem Staub, nicht panisch, schon eher bedacht, so schien es mir.

Auf den Fotos dann fielen mir die dunkel, ja schwarz gefärbten Pfoten und Beine auf. Noch nie hatte ich bisher darauf geachtet. Und noch etwas haben "unsere" Füchse: Schöne braune Augen.

Jörg Niederer

Montag, 11. Mai 2026

Schwarzkehlchen

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Oben: Männchen des Schwarzkehlchens. Unten: Weibchen des Schwarzkehlchen.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Wein entsteht im Einklang mit der Natur. In den Reben sollen sich Schmetterlinge, Insekten, Vögel, Mäusewiesel, Fledermäuse und vieles mehr tummeln." aus der Broschüre des Weinguts Lenz

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Es kommt knapp viermal häufiger bei uns vor als der Eisvogel: das Schwarzkehlchen. Und doch habe ich den Eisvogel in der Schweiz schon viel öfter gesehen als diesen kleinen hübschen Vogel. Das liegt wohl am unauffälligen Äusseren, an seiner von weitem betrachtet grossen Ähnlichkeit mit vielen anderen kleinen Vögeln. Das Schwarzkehlchen liebt die Buntbrachflächen und auch Ödland. Gesehen habe ich das Vogelpaar im biologisch bewirtschafteten Weinberg des Weinguts Lenz in Iselisberg. Hier haben Vögel und Fledermäuse ausgezeichnete Lebensbedingungen. So kann man bei den beiden gesichteten und vom mir zum ersten Mal fotografierten Insektenfänger:innen von einem Brutpaar ausgehen. Denn ich konnte das Männchen auch mit Futter im Schnabel beobachten, welches es dann später zum versteckt in einem Busch befindlichen Nest transportierte.

Auch gesehen auf diesen ökologisch wertvollen Flächen am Iselisberg habe ich Goldammern und Neuntöter. Selbst ein Fuchs lief mir in den Weinbergen am helllichten Tag über den Weg. Vielleicht gibt es dazu bald noch mehr hier zu sehen.

Jörg Niederer

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