Freitag, 3. April 2026

KATAPAVUSIS

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Installation von Werner Widmer mit Totenbeinli in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ursprünglich aus Graubünden stammend, haben Totenbeinli eine lange Tradition." Rezept auf GraubündenViva

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Die Installation KATAPAVSIS von Werner Widmer in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld ist zu Ende. Sie bestand aus den kultigen Haselnussstängeli von der Migros. Totenbeinli nennt sie der Volksmund. Es sei eine "Arbeit in Gedanken an die Verstorbenen, eine Hommage an den Tod, eine Ode an das Leben." In immer wieder anderen kirchlichen Zusammenhängen werden die Totenbeinli vom Künstler zu einem Klötzliparkett ausgelegt.

Als ich vergangene Woche einem Vogel nachstellte, der auf dem Kirchturm brüten soll, begann es zu regnen, und so floh ich in die Kirche und entdeckte diese schöne, meditative Installation.

"So überraschend wie bestechend ist Werner Widmers Materialwahl 'Totenbeinli': Die ursprünglich aus Graubünden stammenden Haselnussstängelchen mit der Engadiner Bezeichnung 'Oss da mort' wurden traditionell beim Totenmahl zum Kaffee gereicht. Ihre Trockenheit ist Garant für ihre lange Haltbarkeit..." So steht es in der Beschreibung.

Bei den verarbeiteten Totenbeinli handelt es sich um Ware, die längst das Verfalldatum überschritten hat. Die Stängelchen werden von Ausstellung zu Ausstellung wiederverwendet.

Diese Installation ist nicht nur eine Inspiration zur Verarbeitung des Sterbens, sondern passt auch gut zu Karfreitag. So wundert es nicht, dass das Totenbeinli-Parkett in der Stadtkirche bei den Kreuzwegdarstellungen zu finden ist. Dort wird das Gebäck zu einem meditativen Muster für die Besinnung auf den Tod von Jesus Christus am Kreuz. "Katapausis" übrigens ist Griechisch und meint Ruhe, Rast, auch Ruheplatz. Es ist ein Wort für den Ort, wo ewiger Friede herrscht, bei Gott. An diesen himmlischen Ort geht es paradoxer Weise durch Leiden hindurch. Es ist Karfreitag.

Jörg Niederer

Donnerstag, 2. April 2026

Saatkrähen in der Stadt

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Eine Saatkrähe nisten mit zwei Duzend weiteren Artgenossen in dem Bäumen beim Rathausplatz Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Wie der Schnabel, so die Lieder, Wie der Flug, so das Gefieder." Johannes Daniel Falk (1768-1826)

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Gerade jetzt fallen sie in den Städten auf. Sie sammeln sich auf Bäumen an hell beleuchteten Kreuzungen. Dort bauen sie ihre Nester aus Astwerk in die Kronen, in der Regel gleich zehn, zwanzig Stück. Es ist ein Kommen und Gehen. Ständig ist ihr Krächzen zu hören. Kleinere Streitereien sind an der Tagesordnung. Wer unter ihren Nistbäumen durchgeht, ist vor biologischem Beschuss nie ganz sicher. Davon zeugen die vielen weisen Einschläge auf dem Asphalt.

Ich spreche von den Saatkrähen. Sie ziehen es vor, in Kolonien zu brüten. Das gibt einen grösseren Schutz vor Greifvögeln. In der Nacht kann sich der Uhu, des Lichts der Strassenlampen wegen, weniger unbemerkt einen der grossen schwarzen Vögel holen.

Faszinierend finde ich den fast nackten, grauen, leicht nach unten gebogenen und kräftigen Schnabel, mit dem sie in den Feldern nach allerlei Getier und Samen suchen. 

Saatkrähen sind intelligent. Das macht es schwierig, sie von einem Ort zu vertreiben. Es macht es aber auch sehr interessant, ihrem Treiben zuzuschauen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 1. April 2026

Morchelglück

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Eine Speise-Morchel wächst im Unterholz bei den Sandsteinhöhlen von Staffelbach.
Foto © Jörg Niederer
"Es fiel einmal ein Kuckucksei / Vom Baum herab und ging entzwei. / Im Ei da war ein Krokodil: / Am ersten Tag war's im April." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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Ich bin kein Pilzsammler und daher auch nicht besonders versiert, die essbaren aufzuspüren. Aber gelegentlich laufe ich ihnen unerwartet über den Weg. So auch bei diesem Speise-Morchel, den meine Frau als erste entdeckte, direkt am Waldweg zu den Sandsteinhöhlen von Staffelbach. Zwischenzeitlich weiss ich, dass ich ihn hätte pflücken dürfen. Er gefällt mir aber besser da, wo er aus dem Boden lugt.

Morcheln sollten immer gut durchgekocht werden, da sie sonst vorübergehende gesundheitliche Probleme verursachen. Das habe ich beim recherchieren neu gelernt und werde es in Zukunft beherzigen. Der Nutzen von Morcheln im Wald: Sie zersetzen organisches Material.

Entdeckt habe ich den Pilz übrigens am vergangenen Samstag. Er ist also kein Aprilscherz.

Jörg Niederer

Dienstag, 31. März 2026

Feuer und Flamme

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Auf einem abgefallenen Ast wächst der Goldgelbe Zitterling, ein Pilz aus der Gattung der Zystenrindenpilze.
Foto © Jörg Niederer
"Im Frühjahr kehrt Wärme in die Glieder zurück." Vergil (70-19 v.Chr.)

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Im noch relativ monochromen Frühjahrswald fallen die knalligen Farben besonders auf. Seien es nun Blumen wie der Huflattich, das Schlüsselblümchen, das Wald-Veilchen, das Buschwindröschen, oder seien es leuchtend farbige Pilze, wie dieser Goldgelbe Zitterling.

Er gleicht einer kleinen Flamme, die sich vom abgefallenen, dürren Ast nährt. Gerade mal einen Zentimeter hoch ist er mir mit seiner Leuchtkraft sofort ins Auge gestochen.

Als ich ihn freuend über den Fund einem zufällig an diesem wenig begangenen Ort stehenden älteren Ehepaar zeigte, waren die nicht sonderlich beeindruckt. Die Frau schaute ihn nicht einmal an, der Mann brabbelte etwas von Champignon. Kauend an einem Brötchen dachte er wohl gerade vor allem ans Essen.

Dieser Zitterling wird als ungiftig, ungeniessbar bis essbar beschrieben. Geschmack habe er keinen. Suppen verleihe er Textur. Immerhin. In China, wo er auch vorkommt, wird er als immunstimulierend angewendet.

Der Pilz kann bei Trockenheit in sich zusammenfallen. Bei Feuchtigkeit findet er wieder zur alten Frische. Bis siebeneinhalb Zentimeter breit und bis fünf Zentimeter hoch kann er werden. So gesehen war mein Fund eher klein. Ein winziges Flämmchen, von dem keine Waldbrandgefahr ausgeht. Im Gegenteil. Bei mir aktivierte der Goldgelbe Zitterling die Glückshormone, was mich dort am Waldrand auch ganz ohne zu Essen lebendiger werden lies.

Jörg Niederer

Montag, 30. März 2026

Zuhause verirrt

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Jörg Niederer vor den Gebäuden der Vorstatt Chele Bottenwil, die sich zwischen Friedhof und Uerke finden.
Foto © Jörg Niederer
"Die EMK Vorstatt Chele Bottenwil ist eine aufgestellte, lebensnahe, christliche Gemeinde mit einem Altersspektrum von jungen Familien bis zu aktiven Senioren." Selbstbeschreibung der Evangelisch-methodistischen Kirche Bottenwil

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Bottenwil. Eines nachts war ich auf dem Hügelzug zwischen Wiggertal und Uerkental mit dem Mountainbike unterwegs. Damals wohnte ich in Strengelbach und meinte, die Gegend zu kennen wie meine Hosentasche. Es war die Zeit, als noch keine Federung die geländegängigen Zweiräder praxistauglicher erscheinen liessen. Auch war es stockdunkel und der Wald sah so ganz anders aus als bei Tag. Nun ist es aus wildbiologischer Sicht und auch sonst nicht besonders klug, in der Nacht herumzubiken, aber damals wusste ich das noch nicht besser. Irgendeinmal entschied ich mich, wieder heimzufahren. Ich fuhr den Berg hinunter, so rasant, wie das möglich war – und landete in Bottenwil. Das war nun definitiv die total falsche Richtung. In solchen Momenten ist man jeweils müder als wenn alles richtig gelaufen wäre, und so kämpfte ich mich frustriert die steile Strasse 150 zusätzliche Höhenmeter hinauf, um dann auf der richtigen Seite wieder hinunter zu fahren.

Bottenwil. Das war das Ziel der Etappe auf dem Kapellenweg, welche meine Frau und ich am vergangenen Samstag von Moosleerau her unter die Füsse genommen hatten. In Bottenwil gibt es zur Abwechslung mal wieder eine aktive Gemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Noch vor 20 Jahren gehörten zu diesem Kirchenbezirk auch die Kapellen in Staffelbach und Uerkheim. Diese sind zwischenzeitlich verkauft und werden anders genutzt. Dazu dann in späteren Beiträgen mehr. Denn die Umnutzung der beiden kirchlichen Gebäude ist originell. Soviel sei verraten: Es geht dabei um Holz und Stoff.

Zurück zur EMK in Bottenwil. Im Jahr 2018 wurde die Kapelle umgebaut und mit einem freistehenden Wohnhaus erweitert als "Vorstatt Chele Bottenwil" eingeweiht. Der neue Kapellenanbau ist originell mit Holzlatten verkleidet. Das Wohnhaus steht unmittelbar an der Uerke. Erstmals wohnte an diesem Ort auch der Gemeindepfarrer. In der Planungsphase, die sehr lange dauerte,  ich weiss davon, weil ich damals im Bau- und Verwaltungsausschuss der Kirche mitdiskutierte  wurden verschiedene Ausbaumöglichkeiten ins Auge gefasst und teilweise oder auch ganz wieder verworfen. Naheliegend, dass dieser Prozess nicht ganz ohne Spannungen abgelaufen ist. Entstanden sind grosszügige Räumlichkeiten für den Gemeindealltag.

Einige Zeit lang fanden sogar die Beisetzungsfeiern der politischen Gemeinde offiziell in dieser Kapelle statt, liegt doch der Friedhof direkt gegenüber auf der andern Strassenseite.

Heute treffen sich an diesem Ort so 35 Erwachsene und 15 Kinder im sonntäglichen Gottesdienst. Also durchaus eine lebendige Gemeindearbeit. Aktuell ist auch eine 20%-Stelle in der EMK Vorstatt Chele Bottenwil offen für eine Mitarbeiter:in Administration.

Jörg Niederer

Sonntag, 29. März 2026

Liebevoll den Weg bereiten

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28 Millionen Jahre alte Versteinerung eines Fächers der Sabal-Palme, gefunden in Ebnat-Kappel.
Foto © Jörg Niederer
"Aus vielen Gefahren hat Gott sie gerettet. Sie aber widersetzten sich hartnäckig seinem Plan und verstrickten sich immer tiefer in ihre Schuld." (Bibel: Psalm 106,43)

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Zu Palmsonntag passt die Palme. Im Botanischen Garten von St. Gallen habe ich diese Versteinerung einer Fächerpalme entdeckt. Sie ist 28 Millionen Jahre alt. Mich erinnert sie an den Versuch von Menschen, den Weg Gottes vorzuzeichnen und ihn in die Rolle eines politischen Befreiers zu pressen. Doch letztlich ist es Gott, der unsern Weg bestimmt, und das schon länger, als es Palmen gibt.

Eine Geschichte: Die kleine Spinne sass im Waschbecken. Jemand anderes hätte sie einfach runtergespült. Ich aber liebe Spinnen. So versuchte ich sie vorsichtig aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Doch die Spinne floh meine Hand und sprang in die Dusche. Wieder versuchte ich sie mit den Händen zu fassen. Es gelang, doch Augenblicke später seilte sie sich an seidenem Faden ab  mitten in die WC-Schüssel. Irgendwie wollte sich das kleine Tier einfach nicht retten lassen. Ich versuchte es ein drittes Mal mit einem Papierfetzen, und nun blieb die Spinne endlich ruhig, sodass ich sie in einer Blumenvitrine wieder ihrer eigenen Gefahreneinschätzung überlassen konnte.

Auch ich bin wie die kleine Spinne. da rettet mich eine liebevolle Hand aus der einen Patsche, und ich weiss nichts besseres zu tun, als im nächsten Fettnapf zu landen. Sonntag bedeutet, einfach einmal der Fürsorge des liebenden Gottes zu vertrauen. Selbst kann ich mir nicht helfen. Es ist dieser Gott, der wirklich befreit. Wo er einen Menschen hinstellt, da ist man am sicheren Ort.

Jörg Niederer

Samstag, 28. März 2026

So sieht es aus

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Primeln im Schnee beim Plättli-Zoo Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer

"Die liebe Erde hat ihr Winterkleid abgelegt..."
Ludwig Tieck (1773-1853) - oder doch eher wieder "angelegt"!

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Als hätte der Gärtner Styropor über die Primeln gestreut. Der Schnee, der in Frauenfeld gefallen ist, weist eine Konsistenz auf zwischen Flocke und Hagel. Die Primeln halten dem kalten Granulat still, warten ab, bis wieder der Frühling die Oberhand gewinnt. Lange dauert es nicht, doch heute ist es noch einmal so richtig kalt.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Ursprünglich aus Graubünden stammend, haben Totenbeinli eine lange Tradition." Rezept auf Graubün...