Dienstag, 5. Mai 2026

Liebe zum Wesentlichen

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Die Toiletten in der methodistischen Gemeinde von Murtino (Nord-Mazedonien) sind in spezieller Weise kindsgerecht eingerichtet.
Foto © Jörg Niederer
"Halt mich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht, und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt." Khalil Gibran (1883–1931)

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Am Sonntag predigte ich in Murtino, einem Dorf etwas ausserhalb der Stadt Strumica. Es ist die grösste Kirchgemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche in Mazedonien. Während bei den meisten Methodistenkirchen aus wirtschaftlichen Gründen bis zur Hälfte der Gemeindeglieder ins Ausland emigriert sind, trifft dies auf Murtino nicht zu. Das fällt schon auf, wenn man durchs Dorf fährt. Deutlich weniger Häuser als andernorts sind hier in marodem Zustand. Die Kirche selbst, schon etwa 30 Jahre alt, ist in und auswendig in ausgezeichnetem Zustand. Da fehlt es auch nicht an der sprichwörtlichen Liebe zum Detail. Wobei, es ist wohl eher die Liebe zu den Kindern. Das fällt gerade auch bei den beiden Toiletten auf. Da gibt es für die Kinder einen ihrer Grösse angepassten Extrathron und auch ein extra Lavabo. Selbst lustige Aufkleber auf der Keramik fehlen nicht. Da ich aus einer Sanitärinstallateuren-Dynastie entstamme, fällt mir so etwas natürlich auf. Wie viel Liebe steckt in der Nachwuchsbetreuung einer Kirchgemeinde, wenn sogar am verborgenen und stillen Örtchen an die Jüngsten gedacht wird, und das in einem Land, in dem viele Menschen gerade so ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können?

Jörg Niederer

Montag, 4. Mai 2026

Gastbeitrag in Mazedonien

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Gruppenfoto zum Abschluss des Laienprediger:innen-Seminars der Evangelisch-methodistischen Kirche Nord-Mazedonien.
Foto © Jörg Niederer
"Ich habe keine Angst vor einem Heer von Löwen, das von einem Schaf angeführt wird. Ich habe aber Angst vor einem Heer von Schafen, das von einem Löwen angeführt wird." Alexander der Grosse (356–323 v. Chr.), Mazedonischer König und Welteroberer

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Das Laienprediger:innen-Seminar in Mazedonien ist Geschichte. Ich durfte als Referent gastweise daran teilnehmen und so viele interessante Persönlichkeiten kennenlernen. Geleitet wurde das Treffen von Superintendenten Marjan Dimov und einem Team von weiteren Helfer:innen. Am Seminar nahmen nicht nur die 4 Personen teil, welche dieses Laienprediger-Seminar absolvieren, sondern auch Jugendmitarbeitende und andere Interessierte. 

In diesem abschliessenden Kurs ging es um Liturgie und Gottesdienst (unterrichtet von Erika Stalcup) sowie um die Kirchenordnung (Jörg Niederer). Auch wenn die Materie nicht besonders spannend klingt, entstanden angeregte Gespräche und teils intensive Diskussionen. Besonders hilfreich war, dass die frisch ins Mazedonisch übersetzte Kirchenordnung hinzugezogen werden konnte.

Zum Abschluss ihrer Ausbildung wurde den Studierenden eine Urkunde überreicht, die bestätigt, dass sie nun Laienprediger:innen der Evangelisch-methodistischen Kirche sind. Als solche dürfen sie in allen methodistischen Gemeinden zu Predigtdiensten hinzugezogen werden. Weiter kann der Bischof sie bei Bedarf als Pfarrpersonen anstellen, was mindestens in einem Fall nun auch geschieht.

Die Laienmitarbeit ist in allen Kirchen wichtiger den je. Die Methodistenkirche ihrerseits ist ohne sie nicht vorstellbar. In Mazedonien etwa gibt es aktuell nur gerade zwei ordinierte Pfarrpersonen in 11 Gemeinden. Die weiteren pastoralen Mitglieder kommen aus der Laienschaft oder sind mit ihrer Ausbildung noch nicht fertig.

Ich habe mich in diesen Tagen vor allem wieder an den Begegnungen mit den Menschen dieses reizvollen aber vor grossen Herausforderungen stehenden Landes gefreut. Mal schauen, ob ich wieder einmal diese Herzlichkeit der mazedonischen Menschen erleben darf.

Jörg Niederer

Sonntag, 3. Mai 2026

Gastprediger mit Denkmal

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Das Mazedonien-Denkmal in Strumica ist dem bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Staatspräsidenten Boris Trajkovski gewidmet. Der Evangelisch-methodistische Christ predigt einst auch auf "meiner" Kanzel.
Foto © Jörg Niederer
"Wir alle teilen ein einziges Schicksal namens Mazedonien." Boris Trajkovski (1956-2004)

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Nicht vielen Menschen, die als Gast einmal an einem Ort gepredigt haben, an dem ich als Pfarrer wirkte, wurde ein richtiges Denkmal erreichtet. Genauer gesagt: Es ist wohl lediglich einer. Es war in Reinach, als ein mazedonischer Delegierter an die Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche im Gottesdienst predigte. Vorgängig übersetzte ich mit einer Frau zusammen seinen englischsprachigen Predigttext auf Deutsch. Das musst so in den Jahren 1996/97 herum gewesen sein.

Boris Trajkovski war mir damals unbekannt. Er wurde 1956 in Strumica geboren, wo er auch in der Methodistenkirche wirkte und Kindern in der Sonntagschule biblische Geschichten erzählte.

1999 dann war er der Präsident des Landes, das im Kosovokrieg viele Flüchtlinge aufgenommen hatte. Unterstützt wurde er auch von der muslimischen Minderheit im Land, während viele Orthodoxe ihn wegen seiner evangelischen Konfession nicht wählten.

Auch in der Zeit als Präsident besuchter er die Methodistenkirche und hielt auch weiter Sonntagschule.

Der aufgestellte, fröhliche Mann engagierte sich für einen Religionsfrieden im Land, zu einer Zeit, als die Spannungen auf einen Bürgerkrieg hinsteuerten, und holte die verschiedenen Religionsvertreter an einen Tisch.

Am 26. Februar 2004 auf dem Flug nach Mostar stürzte die mazedonische Präsidentenmaschine aus bis heute nicht geklärten Umständen kurz vor der Landung ab. Boris Trajkovski und weitere acht Menschen kamen dabei ums Leben.

Gestern bin ich in Strumica an seinem Denkmal vorbeigekommen. Das hat mich sehr berührt.

Jörg Niederer

Samstag, 2. Mai 2026

Doppelte Vielfalt

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Oben: Christliches Jugendtreffen in Nordmazedonien zum 1. Mai in einer Freizeitanlage nahe der griechischen Grenze. Unten: Eine winzige Wollbiene sitzt auf dem Fusspfad vor mir auf den Boden.
Fotos © Jörg Niederer
"Lasst uns ein Europa schaffen, das sowohl sokratisch wie christlich ist, gleichzeitig voller Zweifel und Glauben, voll Freiheit und Ordnung, voll Vielfalt und Einheit." Salvador de Madariaga (1886-1978)

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Während ich in Mazedonien im Hotel direkt an der Autobahn von Griechenland her am frühen Morgen diese Zeilen schreibe, jagen die Mehlschwalben, die über meinem Fenster nisten, wild hin und her. Ich höre auch Rauch- und Uferschwalben, den Pirol, und den Kuckuck. Weiden- und Haussperlinge melden sich, ein Pärchen der letzteren hat eines der Nester der Mehlschwalben für sich annektiert. Auch nicht weit sind Dohle und Star. Nachtigallen singen an jeder Hausecke und hinter jedem zweiten Busch.

Gestern besuchten wir über den Mittag ein christliches Jugendlager, das den freien 1. Mai für ein verlängertes Wochenende in einer grosszügigen Anlage direkt an den ersten Ausläufern des Gebirges nutzt. Die Jugendlichen kommen aus verschiedenen evangelischen Kirchen. Vielfalt und Lebensfreude war zu spüren. Wir vom Laienpredigerkurs waren eingeladen zu den Tischen und vollen Fleischtöpfen, die hier zum Essen nicht fehlen dürfen.

Einige Minuten lang erkundige ich den nahen Bachlauf bei der Freizeitanlage, der den Jugendlichen als Badeplatz dient. Auf einem Trampelpfad folge ich ihm aufwärts. Zwischen den Bäumen und Büschen hat es wunderschöne Trockenwiesen. Eine Riesensmaragdeidechse flüchtet vor mir mit Getöse ins Unterholz. Eine winzige, dunkelgefärbte Johannisechse schlängelt sich durchs Gras, der Wegerich-Scheckenfalter setzt sich auf eine Blume, fast schwarze Krabbenspinnen lauern auf dem hellbraunen Boden. Da gibt es unzählige Löcher der Falltürspinnen, eine winzige Wollbiene lässt sich anstandslos fotografieren, genauso wie die Gemeine Bodenwanze, der Schwarzer Schmalbock und die Punktiere Zartschrecke. Ich kann mich nicht erinnern, je eine Rundblättrige Osterluzei gesehen zu haben. Hier wächst sie. es gibt Weissfleckdisteln, und die gewöhnliche Mariendistel mit ihrer wunderschön symmetrischen Blüte. Auch den Echten Venusnabel entdecke ich, angelehnt an einen sich zersetzenden Baumstumpf.

All diese Eindrücke sind überwältigend. Was gäbe es hier noch zu entdecken, wenn ich mehr Zeit hätte?

So könnte es auch in der Schweiz aussehen, würde nicht jeder Wegrand regelmässig von Unkraut befreit, hätte es mehr Hecken und weiniger aufgeräumte Agrarlandschaft. Hinter dem Hotel ist der Übergang vom Wald zum strauchbestandenen Feld wunderschön abgestuft, auch etwas, das man in der makellosen Schweiz kaum noch sieht. Gestern beim Frühstück konnte ich dort einen Merlin beobachten, wie er auf einer Telefonstange seine Beute vertilgte.

Auch die Eindrücke von und mit den Menschen sind beglückend, die Gespräche bereichern. Sie werden geführt in Englisch und Deutsch und Mazedonisch und irgendwie, lächelnd, händeschüttelnd und manchmal händeringend.

Ich erlebe gerade doppelte Vielfalt. Das tut so richtig gut.

Jörg Niederer

Freitag, 1. Mai 2026

Moderne Reisestrapazen

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Von der Hauptstrasse aus in Thessaloniki sieht man einen kurzen Moment lang das Meer.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Leben ohne Freuden ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus." Demokrit (um 460-370 v. Chr.)

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Seit gestern bin ich in Mazedonien. Das heisst zwar schon seit einiger Zeit Nordmazedonien, aber daran hält sich hier niemand. Ausser vielleicht die Menschen im angrenzenden Griechenland. Dorthin bin ich hingeflogen. Keine zwei Stunden hat es gedauert, und ich war in Thessaloniki. Angereist bin ich als Referent für eine Schulungsveranstaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche. Sonst ziehe ich es vor, nicht zu fliegen. Und wenn ich kann, vermeide ich auch das Autofahren. Letzteres habe ich an diesem Tag so richtig ausgiebig getan. Nicht dass ich wollte. Aber der mir gut vertraute Fahrer wollte unbedingt A5-Ordner einkaufen, was er dann mangels genügender Zahl auch ausgiebig in verschiedenen Geschäften getan hat. Mit der Folge, dass ich dreimal länger im Auto verbrachte wie im Flugzeug. Nun weiss ich wieder einmal, warum mir Autofahren so sinnlos vorkommt. Wenigstens ein Gutes hatte es: ich sah wieder einmal das Meer. Denn daran vorbei sind wir gefahren, beziehungsweise im Stau gestanden.

Nun freue ich mich auf die Gespräche der kommenden Tage.

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. April 2026

Schöne Augen zum Verlieben

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Teichfrosch mit Stechmücke im Hudelmoos bei Amriswil.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Frosch mit genug Kröten wird verdammt schnell zum Prinzen." Claudio Michele Mancini (*1945)

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In so schöne Augen kann man sich schon einmal verlieben. Da wundert es mich nicht, dass Prinzessinnen dazu gebracht werden können, einen Frosch zu küssen.

Doch welcher Art ist denn nun dieser Frosch? Sicher gehört er nicht zu den verwunschen Prinzen. Es könnte ein Kleiner Wasserfrosch, ein Teichfrosch oder ein Seefrosch sein. So einfach kann ich das gar nicht mehr sagen, seit die italienischen Seefrösche sich mit den Kleinen Wasserfröschen paaren und daraus die Teichfrösche entstehen, die nun ihrerseits selbst als Hybriden Nachwuchs unter ihresgleichen zeugen können.

Der Einfachheit halber sage ich einfach einmal: Das ist ein Teichfrosch. Davon hatte es hunderte, als wir gestern im Hudelmoos bei Amriswil eine kleine Runde drehten. Bei dieser Froschdame oder diesem Froschherrn – auch das ist nicht leicht zu erkennen so auf den ersten Blick – ist noch etwas anderes auffällig. Die Stechmücke auf dem Rücken, die offensichtlich auch Froschblut mag. Das ist wohl die Rache für die vielen im Schlund des Froschmunds verschwundenen Mücken und Fliegen.

Mir tun die Frösche leid. Sie müssen ausgerechnet da ausharren, wo es nur so wimmelt von diesen Plagegeistern. Ich kann mich am Abend in meine Wohnung zurückziehen, und werde nur ab und zu durch das Surren einer einzigen Mücke am Schlaf gehindert.

Ja, die Frösche haben es nicht einfach. Ständig feuchte Füsse, aber auch wunderschöne Augen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 29. April 2026

Bluescht im Hoschtet

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Einblick in einen blühenden Obstgarten bei Zihlschlacht.
Foto © Jörg Niederer
"Über dem mit kleinen Wölkchen gesprenkelten Horizont im Osten ging eben die Sonne auf. Ihr Licht verlieh den taufrischen Blüten und Blätter der Obstbäume festlichen Glanz..." Charlotte Brontë (1816-1855)

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Es ist die Zeit der Bluescht-Fahrten durch den Kanton Thurgau. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Helles Weiss und lichtes Grün überwiegen. Welch eine Lust, durch die Landschaft zu wandern. Bienchen summen, Hummeln torkeln im Tiefflug über den Boden. Frösche quaken aus Tümpeln am Rand der Wälder. In der Ferne grüsst der Säntis, die Vögel singen einer schöner als der andere. Die Sonne wärmt, die Jacken bleiben im Rucksack. Da und dort grüssen sich Menschen, die sich noch nie begegnet sind. Man könnte meinen, die Welt sei aber auch so etwas von in Ordnung. Da stösst ein Rotmilan mit lautem Ruf hinab ins Wiesengrün. Nicht weit von uns blühen Bäume über Bombentrichtern und Blumen auf Massengräbern.

Jörg Niederer

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