Mittwoch, 23. September 2026

Ein Stuhl als Mahnzeichen

Ein Zitat

Der Broken Chair auf der Place des Nations in Genf ist ein Mahnmal gegen den Einsatz von Antipersonenminen, Streubomben und gegen Zivilist:innen gerichtete Explosivwaffen.
Foto: © Jörg Niederer
"Unsere Idee war es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit anhand dieser machtvollen und hochwertigen Botschaft zu erreichen, die von den Genfer Behörden nicht ignoriert werden konnte." Paul Vermeulen, Mitbegründer von Handicap International Schweiz und Initiator des "Broken Chairs".

Entdeckt

Auf der Place des Nations steht der Broken Chair auf drei Beinen. Das 12 Meter hohe Kunstwerk des Künstlers Daniel Berset erinnert seit 1997 als Mahnmal an die Opfer von Explosivwaffen, insbesondere von Antipersonenminen, Streubomben und gegen Zivilisten gerichtete Explosivwaffen.

Ich erinnere mich gut, wie wir uns im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der Evangelisch-methodistischen Kirche für dieses Verbot eingesetzt haben, und wie ich zuvor im Militärdienst noch gelernt habe, wie man solche Minen einsetzt und Minenpläne zeichnet.

Im Jahr 1997 wurde die Ottawa-Konvention eingeführt. Dieser Vertrag verbietet den Handel, die Produktion, die Lagerung und den Einsatz von Antipersonenminen. Weiter schreibt sie die Vernichtung von Lagerbeständen innerhalb von vier Jahren, die Räumung minenverseuchter Gebiete innerhalb von zehn Jahren sowie die Bereitstellung finanzieller Mittel für die Minenopferhilfe vor. Nach der Unterzeichnung am 3. Dezember 1997 hat die Schweiz dieses Abkommen am 11. Juli 2000 ratifiziert. Bis heute sind 166 Staaten dem Abkommen beigetreten.

Die Zivilbevölkerung ist mit 85% Hauptleidtragende von Personenminen. Die Sprengkraft solcher Minen ist so dosiert, dass die Opfern oft mit abgerissenen Gliedmassen überleben. Das wird beim Kunstwerk "Broken Chair" mit dem einen abgerissenen Stuhlbein symbolisiert.

Das Verbot der Antipersonenminen zeigt einen beachtlichen Erfolg: Seit deren Umsetzung vor über 25 Jahren konnte die Zahl der Minenopfer von rund 25’000 im Jahr 1999 auf weniger als 5000 im Jahr 2023 gesenkt werden. Doch nun gibt es wieder einen Trend in die andere Richtung. So haben im vergangenen Jahr Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen ihren Ausstieg aus dem Vertrag über das Verbot von Antipersonenminen angekündigt. Russland setzt im Angriffskrieg gegen die Ukraine Antipersonenminen ein und bombardiert die Zivilbevölkerung. Auch die Ukraine hat in kleinerem Rahmen Antipersonenminen eingesetzt. Im Jahr 2023 zählte man in Myanmar 1003 Minenopfer, in Syrien 933, in Afghanistan 651, in der Ukraine 580 und im Jemen 499. Noch immer sind in 55 Ländern Landstriche mit Minen verseucht. Es gibt diesbezüglich also noch viel zu tun.

Jörg Niederer


Dienstag, 22. September 2026

Die Verrohung der Menschheit

Ein Zitat

Oben: Hauptsitz des IKRKs in Genf. Unten: Memorial für die im Dienst getöteten Mitarbeitenden vor dem Hauptsitz des UNHCR in Genf.
Fotos: © Jörg Niederer
"Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste…" Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Entdeckt

Wer sich vom Eingang zum UN-Besucherzentrum in Genf um 180 Grad umdreht, sieht hinauf zum Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Wer dann die Avenue de la Paix vorbei am Ghandi-Denkmal hinunterspaziert, über den Place des Nations mit seinem versehrten Stuhl hinüberwechselt zur Avenue de France, sieht schon von weitem den Hauptsitz des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR). Davor auf dem spitzen Dreiecksgrund, dort, wo die Rue de Montbrillant von der Avenue de France abzweigt, steht das Memorial für die im Dienst an Flüchtenden gefallenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des UNHCR. Gestiftet wurde es von Mitarbeitenden des UNHCR, von verschiedenen Hochkommissaren, von Freunden des UNHCR und dem Cafeteria-Kommitee.

Allein 2025 kamen 186 namentlich bekannte UNHCR-Helfer:innen im Gazastreifen und Westjordanland ums Leben. 71 Hilfskräfte verloren ihr Leben im Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo. In diesen Regionen starben viele Helfende durch gezielte Angriffe.

Etwas weniger im Dienst verstorbene Mitarbeitende verzeichnet das IKRK und der Rote Halbmond, welcher Teil des IKRKs ist. 27 Todesfälle waren dort 2025 zu beklagen. Weitere wurden ausserhalb des Dienstes bei Angriffen auf ihre Häuser und Familien getötet, verletzt oder entführt.

Die Zahl der Opfer der Hilfsorganisationen wird auch 2026 nicht zurückgehen. Im Gegenteil. Während in früheren Jahren die Mitarbeitenden des IKRKs weitgehend durch die Kriegsparteien geschützt wurden, finden heute vermehrt bewusste Angriffe auf diese statt. Dazu zählen auch unzählige Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen.   

Die beglaubigten Zahlen der getöteten UNHCR- und IKRK-Mitarbeitenden werfen auch ein Licht auf die zivilen Opfer in den Kriegsregionen. Zwar sind die Zahlen der getöteten Zivilisten im Gazastreifen nicht beglaubigt. Doch wenn allein an diesem Orten so viele namentlich bekannte Mitarbeitende der Hilfsorganisationen ums Leben gekommen sind, muss auf jeden Fall von Tausenden von Toten unter den Zivilisten ausgegangen werden.

Es ist höchste Zeit, dass sich die Staaten und Länder wieder am Humanitären Völkerrecht orientieren, und zwar unabhängig von den jeweiligen Sympathien. Jede Verteidigung der Missachtung dieses Völkerrechts muss verurteilt werden. Gerade linke Kreise müssen das bei der Unterstützung Palästinas beachten und christliche Kreise bei der Unterstützung Israels. Wohlwollen für die eine oder andere Seite dürfen uns nicht blind machen für das Leid, dass durch die jeweiligen Kriegstreiber mittels Menschenrechtsverletzungen in Kauf genommen oder bewusst angerichtet werden.

Jörg Niederer

Montag, 21. September 2026

Begegnungen der besonderen Art

Ein Zitat

Wichtige Persönlichkeiten: Vordere Reihe von links nach rechts: Levi Bautista, Pfarrerin Allison Mark, Bischof Julius C. Trimble und Dr. Humberto Martín Shikiya.
Foto: © Jörg Niederer
"Frieden ist kein Ziel, sondern eine Verantwortung." Dr. Humberto Martín Shikiya, Methodistischer Friedenspreisträger 2026

Entdeckt

Internationale Konferenzen sind ideale Orte, um interessanten Menschen begegnen zu können. Aktuell tagt das "General Boards of Church and Society" (GBCS) der Evangelisch-methodistischen Kirche (United Methodist Church) in Genf. Auf dem Foto von der gestrigen Sitzung sind gleich vier herausragende Persönlichkeiten methodistischer Prägung zu sehen. Von links nach rechts in der vordersten Reihe sind dies:   

Levi Bautista, Stellvertretender Generalsekretär des GBCS für den Bereich "United Nations" und Internationale Angelegenheiten.

Pfarrerin Allison Mark, Präsidentin des "Boards of Directors", dem Aufsichtsorgan des GBCS.

Bishop Julius C. Trimble, Generalsekretär des GBCS

Dr. Humberto Martín Shikiya Von der autonomen Evangelisch Methodistischen Kirche in Argentinien. Er ist der Preisträger des Methodistischen Friedenspreises 2026. Ausgezeichnet wurde er für seine Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit in Kolumbien.

Heute steht eine Führung durch die Gebäude der UNO auf dem Programm. Ich bin gespannt, was ich da Neues erfahre.

Jörg Niederer

Sonntag, 20. September 2026

Genf, der Jet d'Eau und der Mont Blanc

Ein Zitat

Die Wasserfontäne des Jet d'Eau schiesst 140 Meter hoch. Dahinter sieht man von Genf aus den Mont Blanc, mit 4807,3 Metern der höchste Berg der Alpen.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Mann brachte mich zum Eingang des Tempels. Unter der Türschwelle sprudelte Wasser hervor … Der Mann sagte zu mir: 'Das Wasser fließt in ein Gebiet im Osten und dann in den Jordangraben. Der Fluss mündet schließlich ins Tote Meer und macht das Wasser darin lebendig.'"  (Bibel: Ezechiel 47,1+8)

Entdeckt

Zur Auflösung des gestrigen Blogs: Genf ist die Stadt, in der ich mich gerade befinde. Heute gibt es nun das Gespräch nach dem Gottesdienst in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Und darum geht es: "Das öffentliche Zeugnis, die regionale Kontextualisierung und die Sozialen Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche im europäischen Kontext". Es wirken unter der Leitung von Pfarrer Dr. Liberato Bautista mit: Bischöfin Rosemarie Wenner, Dr. Thorsten Göbel, Pfarrerin Sarah Tiainen und dann noch meine Wenigkeit.

Seit der Generalkonferenz 2020/24 ist es den EMKs in den verschiedenen Regionen der Welt stärker möglich, auf die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort angepasst zu reagieren. Zudem gibt es seit besagter Generalkonferenz neu formulierte Soziale Grundsätze. Es geht also im Wesentlichen um die sozialethische und diakonische Praxis der Kirche. Da passt doch die folgende Besinnung zum Bibelzitat oben ganz gut, ist doch das Wasser kostbares Geschenk aus Gottes Hand.


Ezechiel sieht in einer Vision, wie am Tempel eine Wasserquelle entspringt. Anfänglich klein, wird aus dem Bach nach etwa 2 Kilometern ein Strom, durch den man nicht mehr gehen kann und schwimmen muss. Dieses Wasser fliesst ins Jordantal und dann ins Tote Meer. Die Ortsbezeichnung En Gedi in Ezechiel 47,10 weist deutlich darauf hin. Das Tote Meer, ein Salzsee ohne Abfluss – es ist sein Wasser, das nach Vers 8 lebendig gemacht und damit geheilt wird durch den Strom, der vom Tempel in Jerusalem ausgeht. Ein tiefsinnig symbolisches Hoffnungsbild.

Heute streitet man sich im Nahen Osten um das Wasser des Jordans. Immer weniger davon gelangt ins Tote Meer. Es droht auszutrocknen. Techniker beraten, wie man den Salzsee retten könnte; etwa durch eine Meerwasserpipeline vom Mittelmeer zum 400 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen Toten Meer. Doch so etwas würde den Charakter des Salzsee-Wassers massiv verändern. Wer von diesen Schwierigkeiten weiss, wünscht sich, dass Ezechiels Vision vom Wasserstrom Wirklichkeit wird. Gegenwärtig sieht es anders aus. Die Situation ist in den letzten kriegerischen Monaten nicht einfacher geworden. Realität und Wunsch klaffen weit auseinander.

Dann wäre da noch diese Frage: Wie viel trauen wir Gott zu? Wie viel Lebenswasser erwarten wir von Gott her? Wo sind die Ströme lebendigen Wassers (Bibel: Johannes 7,38) die von einem Menschen ausgehen, der Jesus Christus vertraut? Manchmal habe ich den Eindruck, als würde es mit all meinem Glauben nur gerade tröpfeln. Doch was sah Hesekiel? Auch beim Tempel Gottes war der Strom nur ein kleines Bächlein. Da kann noch viel geschehen mit unsern Lebenswasser-Tröpfchen.

Jörg Niederer

Samstag, 19. September 2026

Die Stadt am See

Ein Zitat

Die Stadt am See gemalt von Frauen mit Kopftüchern.
Foto: © Jörg Niederer
"Die beste Art sich zu wehren ist, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten."
Marc Aurel (121-180 n.Chr.)

Entdeckt

Heute reise ich für drei Tage in die Stadt, die auf dem Foto zu sehen ist. Dort werde ich an einem Podiumsgespräch mitwirken. Denn für einmal trifft sich das General Board of Church and Society (GBCS) der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche nicht in den USA, sondern an diesem geschichtsträchtigen Ort in Europa. Ich freue mich schon auf die Begegnungen mit Menschen, die ich lange nicht mehr gesehen habe.

Nun frage ich mich, ob jemand herausfindet, in welcher Stadt ich die nächste Zeit verbringen werde.

Jörg Niederer

Freitag, 18. September 2026

Traktor- und andere Relikte

Ein Zitat

Ein dahinrostender Traktor der Marke Fordson Mayor E27N, geschmückt mit einem Kuhschädel.
Foto: © Jörg Niederer
"Die Waage gleicht der grossen Welt: Das Leichte steigt, das Schwere fällt." Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Entdeckt

Auf dem Wanderweg vom Chuderhüsi nach Bowil hinunter steht bei einem Hof bei Buchen dieser alte Fordson-Traktor, vermutlich Model Mayor E27N. Diese Traktoren wurde von 1940-1952 gebaut. Fordson ist die Marke von Autopionier Henri Ford, der mittels Fliessbandfertigung Autos und später auch Traktoren besonders günstig auf den Markt bringen konnte. Das Leergewicht des Fordson Mayor E27N betrug 2367 Kilogramm. Heute wiegen grosse Reihenkulturtraktoren bis 12 Tonnen. Mit voluminöseren, breiteren Reifen wird der Druck auf den Boden pro Quadratzentimeter zwar deutlich reduziert. Aber es liegt auf der Hand, dass die Bodenverdichtung durch die Traktoren heute höher ist als damals, als mit dem Fordson-Traktor gewirtschaftet wurde.

Nun, die Fordson-Traktoren sind Geschichte und einer von ihnen rostet bei Buchen dahin. Um den morbiden Charakter des ausrangierten Fahrzeugs noch zu verstärken wurde er mit einem Kuhschädel geschmückt. Vielleicht soll das auch daran erinnern, dass einst Kühe und Ochsen als Zugtiere auf den Äckern ihre Dienste versehen mussten. Damals, als Tiere die Pflüge zogen, war die Bodenverdichtung noch gar kein Thema und damit auch nicht deren Folgen: Bis 20% weniger Ertrag und deutlich weniger Bodenlebewesen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 17. September 2026

Charakterkopf

Ein Zitat

Ein neugieriger Esel sucht den Kontakt zu uns.
Foto: © Jörg Niederer
"Einen Esel zu Grabe läuten." Redensart dafür, wenn sitzende Kinder mit dem Beinen baumeln wie ein tonloses und damit unnützes Geläut.

Entdeckt

Esel haben Charakter. Esel sind – entgegen landläufiger Meinung – nicht dumm. Esel sind sanft und meist zutraulich. Esel gehören zu den absoluten Lieblingstieren meiner Frau, und ich mag sie auch (meine Frau und die Esel!). Ohne Esel wäre die Welt ärmer. So gesehen ist es ein Kompliment, als Esel bezeichnet zu werden. Gerade werde ich nicht als Esel bezeichnet. Eigentlich irgendwie schade.

Jörg Niederer

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