Ein Zitat
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| Fotos © Jörg Niederer |
"Man ist ewig das Opfer seiner eigenen Eitelkeiten." Theodor Fontane (1819-1898)
Hingesehen
Auch bei grossen Kirchenfusionen kommt es zu den aus der Wirtschaft bekannten Begleiterscheinungen. Verschiedene Kulturen und Traditionen müssen zusammenfinden und sich im Laufe der Zeit einander angleichen. Am 23. April 1968 kam es zur Vereinigung der weltweit wirkenden Bischöflichen Methodistenkirche (The Methodist Church, MK) mit der ebenfalls weltweit präsenten Evangelischen Gemeinschaft (Evangelical United Bretheren Church, EG). Es entstand die Evangelisch-methodistische Kirche (The United Methodist Church).
In der Schweiz erfolgte die Vereinigung leicht verzögert um 1971/1972. Besonders in Städten gab es nun die Situation, dass zwei oder mehr Standorte der neu vereinten Kirche vorhanden waren. Es stellte sich die Frage, welche Kapelle aufgebeben und in welcher nun gemeinsam gefeiert werden soll. In Aarau befand sich das Gotteshaus der Bischöflichen Methodistenkirche an der Fehrstrasse 10. Eine viergeschossige Kapelle, erbaut von den Gebrüder Brändli im Heimatstil. Die Evangelische Gemeinschaft hatte ihre Kapelle am heutigen Standort der Evangelisch-methodistischen Kirche hinter dem Bahnhof Aarau. Um dem durch die Vereinigung höheren Raumbedarf gerecht zu werden, wurde die alte EG-Kapelle durch einen Neubau nach Plänen von Hans Roser ersetzt. Das war bestimmt ein kluger Zug. So mussten beide Traditionen ihre Kapellen aufgeben zugunsten einer gemeinsamen neuen, der Paulus-Kapelle. Es gab keine "Gewinner" oder "Verlierer". Wenigstens theoretisch. Denn noch jahrelang sprach man von den Unterschieden zwischen den beiden Traditionen: "Das ist eher EG-Stil!" hiess es, oder: "Die MK war schon immer politischer als die EG". Auch wurde noch jahrelang darauf geachtet, welche Pfarrpersonen aus welcher Tradition kamen und wer leitende Rollen in der Pfarrerschaft einnehmen konnte. Wohl erst meine Generation, die zur Zeit der Vereinigung im Teenageralter war, empfand sich nicht mehr der einen oder anderen Seite zugehörig. Wir waren also die ersten Evangelisch-methodistischen Christ:innen, ohne die Ballast der vergangenen Traditionen. So musste ich auch bei Altbischof Heinrich Bolleter nachfragen, zu welcher Tradition die einstige Kapelle an der Fehrstrasse gehörte.
Ein weiter Hinweis, dass eine andere Zeit in der Evangelisch-methodistischen Kirche angebrochen ist: Seit einigen Jahren spricht und schreibt man wieder unbefangen von der "Methodistenkirche".
Vereinigungen haben noch einen anderen nachteiligen Effekt. Sie führen in der Regel in der Wirtschaft zu Stellenabbau, beziehungsweise in Kirchen zu einem Verlust an Mitgliedern. Letzterer darum, weil es immer Gläubige gibt, die sich mit dieser "Zwangsheirat" nicht abfinden können oder dadurch eine Verwässerung des Glaubens befürchten. Zwar wächst die fusionierte Kirche insgesamt, doch nicht in dem Mass, wie die Zahlen beider Mitgliedskirchen zusammengenommen erwarten lassen. Statistisch bewegt sich dieser "Verlust" im 10%-Bereich beider Traditionen, wie man bei Untersuchungen in den USA festgestellt hat.
Wie auch immer: Heute ist die EMK in Aarau eine lebendige, vielfältige und multikulturelle Gemeinschaft in ökumenischer Offenheit. Sie ist ihren Weg gegangen. Auch Jugendliche sind dort zuhause, selbst wenn man zwischen Altersheim auf der einen Seite und Freimaurerloge auf der anderen Seite "eingeklemmt" sei, wie einst ein Jugendarbeiter bedauerte.
Jörg Niederer






