Samstag, 11. April 2026

Von bunten Spechten

Ein Zitat

Buntspecht am Stamm und beim Abflug.
Foto © Jörg Niederer
"Der Specht ist bunt im Walde, das Menschenleben noch bunter."
Finnische Redensart

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Gleich noch einmal etwas über Vögel. Diesmal geht es um Spechte. Wann immer ich bis vor einigen Jahren einen bunten, schwarz-weiss-roten Specht sah, bin ich davon ausgegangen, dass es sich um einen Buntspecht handeln müsse. Bunter Specht, also Buntspecht. Irgendwie logisch, oder? Bis ich mich etwas näher mit den Spechten beschäftigte, und feststellen musste, dass es noch andere fast gleich gefärbte Spechte gibt. Ich meine den Kleinspecht und den Mittelspecht.

Beim Kleinspecht fällt es nicht schwer, zu erkennen, dass es kein Buntspecht ist. Er ist knapp etwas mehr als halb so gross wie der Buntspecht. Zu sehen bekommt man ihn eher selten.

Mittelspecht auf einem morschen Baumstamm.
Foto © Jörg Niederer
Das gilt auch für den Mittelspecht, der – und das ist nun wirklich logisch – in seiner Grösse zwischen Buntspecht und Kleinspecht angesiedelt ist. So auf Distanz ist es knifflig, Mittelspecht und Buntspecht auseinanderzuhalten. Am auffälligsten ist der schwarze Wangenstreifen, der beim Buntspecht bis zum Schnabel reicht, nicht aber beim Mittelspecht. 
Der Mittelspecht hat auch einen filigraneren Schnabel und ist daher auf morsches Holz angewiesen, anders als der Buntspecht. Letzterer ist weit verbreitet und anspruchsloser als der Mittelspecht, der wärmeliebend ist und sich gern in Wäldern mit Altholz und alten Baumbeständen aufhält. Er ist auch deshalb weniger leicht zu entdecken, weil er nur sehr selten klopft.

Bei den Fotos zu diesem Blog ist der Buntspecht gleich zweimal abgebildet. Erst sitzt er in arttypischer Haltung am Stamm, dann fliegt er davon. Der Mittelspecht hingegen sonnt sich auf dem dritten Foto zuoberst auf dem abgestorbenen Baumstumpf.

Jörg Niederer

Freitag, 10. April 2026

Das Kirchendrama von Frauenfeld

Ein Zitat

Der Wanderfalke hat Position bezogen vor dem Brutplatz der Turmfalken auf dem Turm der Stadtkirche Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Dass einer lächeln kann und immer lächeln / Und doch ein Schurke sein." William Shakespeare (1564-1616)

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Jahrelang wohnte in mehr oder weniger trauter Nachbarschaft zu Dohlen, Alpenseglern und Tauben ein Turmfalkenpaar im hoch aufragenden, neubarocken Turm der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch in diesem Jahr bezogen die geschickten Rütteljäger wieder ihre Vogel-Einzimmerwohnung. Doch dann kam vor einem Monat der Vogel auf dem Foto, und seither vollzieht sich ein kleines Drama in luftiger Höhe über der Thurgauer Kantonshauptstadt.

Wenn in der Politik von Falken gesprochen wird, so ist gerade auch der Wanderfalke dafür Vorbild. Er hält mit 320 km/h den Geschwindigkeitsrekord unter den Gefiederten und ist der natürliche Feind kleinerer Vögel ab etwa der Grösse von Tauben und Krähen. Er jagt im Sturzflug oder aus dem Hinterhalt und mit hoher Geschwindigkeit seine Beute in der Luft. Und ja, auch Turmfalken gehören in sein Beutespektrum.

Immer wenn ich nun in die Nähe der Stadtkirche komme, schaue ich hoch zur Luke, hinter der die Turmfalken wohl brüten. Gestern aber sass dort der Wanderfalke. Die beiden kleineren Turmfalken waren auch da. Sie duckten sich nicht weit entfernt in Nischen der Kirchenfassade. Ihnen war der Weg zu Nest versperrt. Da in den letzten Tagen bei der Kirche auch schon zwei Wanderfalken bei der Paarung beobachtet worden waren, kann es sein, dass diese dem Turmfalkenpaar den Nistplatz streitig machen. Es könnte aber auch sein, dass sie es auf den Turmfalken-Nachwuchs abgesehen haben. Bisher habe ich den Wanderfalken nicht dabei beobachtet können, wie er in den Nistkasten hineingeschlüpft wäre. Für die Turmfalken jedenfalls ist es gerade sehr ungemütlich. Wenn sie die Gefahr richtig einschätzen können, dann, so hoffen ich, werden sie sich einen andern Ort für ihr Brutgeschäft suchen.

Eine Chance gibt es aber auch an diesem Standort in der Stadtkirche für die schwächeren Turmfalken. Da der Wanderfalke ausschliesslich im ultraschnellen Flug jagt und nie seine Beute am Boden schlägt, sind sie auf den Mauersimsen und im bezogenen Nest relativ sicher.

Mal schauen, wie dieser Konflikt über unseren Köpfen weitergeht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 9. April 2026

Jagdglück

Ein Zitat

In den Murgauen von Frauenfeld hat der dort lebende Graureiher eine Mauereidechse erbeutet.
Foto © Jörg Niederer
"Reden wir etwa sonderbares Zeug, wenn wir behaupten, dass der Schaden eines jeden Wesens in dem besteht, was wider seine Natur geht?" Epiktet (um 50-138 n. Chr.)

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Nach so viel Kultur der letzten Tage hier mal wieder Natur. In den Murgauen von Frauenfeld konnte ich den dort residierenden Graureiher beobachten, wie er eine Eidechse erbeutete. So ist die Natur. Das Überleben des einen hängt vom Tod des andern ab.

Nebst diesem Graureiher konnte ich heute weitere Tiere beobachten. So ein Wanderfalke und zwei Turmfalken bei der Kirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch Dohlen flogen ein und aus. Wenig weiter dann Storch und Saatkrähen, verschiedentlich auch Tagpfauenaugen und Mauereidechsen. Weiter entdeckte ich Bunt- und Mittelspechte, hörte den Grünspecht und den Schwarzmilan. Hinzu kamen all die anderen häufigen kleinen Sänger: Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Buchfink, Rotkelchen, etc. Doch, das war ein sehr belebter Fauna-Tag in Frauenfeld.

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. April 2026

Pailletten, Bustiers und Posamenten auf der Kapellen-Empore

Ein Zitat

Die ModeAusstellung.ch mit Kostümen und Kleidern aus den letzten 150 Jahren ist in der ehemaligen methodistischen Kapelle von Uerkheim zu besichtigen.
Foto © Jörg Niederer
"Schau aufmerksam in den Spiegel und trage nur, was wirklich zu dir passt. Kümmere dich nicht darum, ob du modisch bist." Vivienne Westwood (1941-2022)

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Eine über hundertjährige Stündeler-Kapelle mit abgedunkelten Fenstern! Was da wohl von der Öffentlichkeit verborgen werden soll? Es ist gerade 13.00 geworden an diesem wunderschönen Ostertag, als wir eintreten. Wir werden von einem älteren Herrn, der sich sogleich mit Handschlag als André Wieland vorstellt, herzlich im privaten Mode-Museum in der ehemaligen Methodisten-Kapelle von Uerkheim begrüsst. Wir werden die einzigen Besuchenden sein in den zwei Stunden, in denen wir zwischen Kleidern und Kostümen aus 150 Jahren verbringen. Bei der Frage, woher wir von dieser Modeausstellung vernommen haben, gebe ich mich als Pfarrer der Kirche zu erkennen, zu der diese Kapelle einst gehörte. Seine Frau Martha, die eigentliche Modespezialistin, wird herbeigerufen. Es entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Dabei erfahre ich, dass kaum noch Kontakte zu den Kirchengliedern von früher bestehen. Einmal eine kleine Wanderausstellung bei den Methodist:innen in Hunzenschwil mit mässigem Erfolg, einmal eine Organistin, die wissen wollte, wohin das Altarbild verschwunden sei, einmal eine Nachbarin, die sich schwer tut mit der Umnutzung der Kapelle. Martha Wieland ist sichtlich endtäuscht über dieses Desinteresse. Bevor aber die Führung durch die Ausstellung beginnt, gehe ich aufs stille Örtchen. Auch dort Mode. Unterwäsche aus Wolle hängt an Bügeln an der Wand. Alles ist geschmack- und liebevoll gestaltet. Die beiden haben die Kapelle eigenhändig renoviert und umgebaut. Der Dachstock wurde ausgebaut, Treppenaufgänge umplatziert, der Saal im Untergeschoss erweitert. Kaum sei dieser fertig gewesen, habe die Uerke Hochwasser geführt. Das Wasser stand 40 cm im schönen Saal.

Auf der Führung erfahren wir viel über die Mode der letzten 150 Jahre. Da gibt es die Schuh- und Kostümsammlung von Caterina Valente. Im ehemaligen Pfarrerbüro befindet sich nun die Literatursammlung und die alten Modezeitschriften. Einige sehen aus wie Kirchenbücher von früher. Wir erfahren, weshalb in den Weltkriegszeiten die Mode leichter und die Röcke kürzer wurden – der Stoff war Mangelware – auch wurde im 2. Weltkrieg Viskose mangels anderer Stoffe salonfähig. Wir bewunderten St.Galler Stickereien, bestaunten kunstvolle Posamenten, entdeckten Hüte aus Rosshaar, wunderten uns über die Vorläufer der ersten Büstenhalter, realisierten das provozierende der Mode aus der Zeit, als der Charleston als Tanz und Modestil aufkam.

Die Zeit verging wie im Flug in diesem einzigartigen Ambiente aus Mode und Kapelle. Zwei Stunden später waren wir mehr als überzeugt: es hat sich gelohnt, nach Uerkheim zur einstigen Methodistenkapelle zu reisen. Die herzliche Art der Wielands und die faszinierenden Modekleider in der liebevoll ausgebauten Kapelle; da ist die Umnutzung eines Sakralbaums mehr als gelungen. Ganz besonders den einstigen Gottesdienstbesuchenden dieses Orts sei empfohlen, einen Augenschein zu nehmen. Wielands sind begierig, mehr von den Vorbesitzenden zu erfahren. Für Modeliebhabende ist es sowieso ein Muss, in die Museums-Kapelle an der Uerke zu reisen.

Jörg Niederer

Dienstag, 7. April 2026

Auf der Kapellentour – eine Zwischenbilanz

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Hin und her führten mich die 35 Etappen auf der Kapellentour durch das Schweizer Mittelland.
"Ich glaube, die Welt ist wunderbar, und des Menschen Herz noch wunderbarer." Bettine von Arnim (1785-1859)

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Seit dem 28. Oktober bin ich immer einmal wieder tageweise unterwegs von Kapelle zu Kinderkrippe zu Altersheim zu Spital der Evangelisch-methodistischen Kirche. In 35 Etappen sind bisher 420 Kilometer schweizerisches Mittelland mit zwei Abstechern in die Alpen zusammengekommen. Im Grossraum Zürich gestartet ging es erst mal nach Glarus, dann wieder zurück in die Stadt Zürich und weiter mit einem Abstecher über Affoltern am Albis nach Aarau. Von dort führte mich der Weg nach Luzern und zurück an den Jurarand in die Stadt meiner Kindheit nach Olten. Durchschnittlich 12 Kilometer war ich dabei unterwegs. Es waren also durchaus Genusstouren. Ich bin selbst da, wo ich mich gut auskenne, mir unbekannte Wege gegangen und habe viel Neues und Faszinierendes entdeckt. Jahreszeitlich stapfte ich durch den Herbst, Winter und Frühling. Gebäude sah ich viele, die nach wie vor der Kirche und ihren "Tochtergesellschaften" gehören. Aber ich kam ebenfalls an vielen einstigen methodistischen Wirkorten vorbei, die heute nicht mehr kirchlich genutzt werden. Wenn ich mich nur schon an die Orte zurückerinnere, auf denen ich als Pfarrer die letzten 40 Jahre wirkte, dann gibt es von 19 Predigtstationen 12 nicht mehr. Umso erfreulicher waren die Begegnungen an den Orten, an denen ich auf Gemeindeglieder und Berufskolleg:innen traf. Sei es in Gottesdiensten oder zum Kaffee in einer Pfarramtsstube.

Es geht weiter. Die nächsten 100 Kilometer führen mich durch den Oberaargau und das Unteremmental nach Burgdorf. Dann geht es ins Seeland nach Biel und anschliessend über den Jura nach Basel und wieder zurück nach Zürich. Ich bin gespannt, was mich auf diesen Wegen erwartet.

Jörg Niederer

Montag, 6. April 2026

Skulpturen und Mode in methodistischen Kapellen

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Oben: die ehemalige methodistische Kapelle in Staffelbach. Unten: die ehemalige methodistische Kapelle in Uerkheim.
Foto © Jörg Niederer
"Ich plane jeden Tag in die Kirche zu gehen!" Thomas Lüscher, der heutige Besitzer der früheren Evangelisch-methodistischen Kapelle in Staffelbach.

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Gestern an Ostern ging ich in die Kirche. Für einen pensionierten Pfarrer ist das nicht aussergewöhnlich. Allerdings war es ein spezieller Kirchenbesuch. Und das kam so.

Auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft entdecke ich auch einige für die Evangelisch-methodistische Kirche "verflossene" Kapellen. Heute gehören sie nichtkirchlich motivierten Besitzer:innen. So ist es auch bei den Kapellen von Staffelbach und Uerkheim. Mit dem Entscheid, nur noch in Bottenwil Gemeindearbeit zu tun, wurden die beiden Kapellen verkauft. Beim Verkauf von Kapellen ist es nicht gleichgültig, an wen die einstigen gottesdienstlich genutzten Häuser weitergegeben werden. Diese Gebäude, sie stehen oft unter Denkmalschutz, wurden viele Jahre liebevoll und mit hohem finanziellem Aufwand und freiwilliger Arbeit unterhalten. Sie wegzugeben, fällt den Christ:innen, die dort ihre Kinder getauft und geheiratet haben, nicht leicht. Auch  hat es durchaus schon Beispiele gegeben, bei denen sakrale Häuser als Bordell oder als esoterischer Brennpunkte genutzt wurden. 

Nun sind solche kirchlichen Liegenschaften nicht gerade gesucht. Die Käufer:innen-Auswahl ist klein. Gerade in nicht zentral gelegenen – um nicht zu sagen abgelegenen – Regionen auf dem Land sind es Glücksfälle, wenn sich geeignete Nachbesitzer:innen finden lassen. In Staffelbach und Uerkheim ist das aus meiner Sicht ausgezeichnet gelungen.

2014 zog in Staffelbach der Holz- und Bronzebildhauer Thomas Lüscher mit seiner Familie in die Kapelle ein. Nun ist der Gottesdienstraum sein Atelier. Dort werden allerlei Kurse angeboten, Werke erstellt und im Haus wird auch gewohnt. Die Kapelle hat einen Anbau bekommen, der ein wenig aussieht wie die Berg- oder Talstation einer Gondelbahn.

Schon früher, 2010, erstanden André und Martha Wieland die Kapelle in Uerkheim. Eigenhändig bauten sie die Liegenschaft so um, dass auf vier Etagen Räume genutzt werden können. Heute ist die Kapelle ein privates Mode-Museum. Kleider der letzten 150 Jahre sind dort ausgestellt. Die Mode-Sammlung kann jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats von 13-17 Uhr besichtigt werden. Gestern an Ostern war der 1. Sonntag im Monat. Und so wanderten wir von Muhen nach Bottenwil, und besuchten unterwegs die Kapelle Uerkheim und ihr neues Innenleben. Dieser Besuch war so aussergewöhnlich anregend, dass es dazu eines eigenen Blogbeitrags bedarf. Das kann ich schon einmal verraten: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und sich von Martha Wieland in die Modegeheimnisse einweihen zu lassen. Das Ambiente ist aussergewöhnlich, der Erkenntnisgewinn ebenso.

Das also war mein spezieller Oster-Kirchenbesuch.

Jörg Niederer

Sonntag, 5. April 2026

Osterlachen

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Ausschnitt aus dem Deckengemälde der Katholischen Kirche St. Stephan in Beromünster. "Steinigung des Stephanus. Stephanus bezeugt den auferstandenen Christus.
Foto © Jörg Niederer
"Herzrasen ist auch nur ein anderes Wort für Brustbehaarung." Paul Linus Urban, Das Witzebuch II, Wien

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Hat Jesus gelacht. Darüber steht in den Evangelien nichts. Einige christliche Vertreter meinten deshalb, Lachen sei verwerflich.

Es gibt aber auch die alte Tradition des Osterlachens. Dabei wird der Tod ausgelacht, der angesichts der Auferstehung Christi seine Macht eingebüsst hat. Folglich werden in den Osterpredigten Witze erzählt, um das Lachen der Ostergemeinde zu provozieren.

Unlängst habe ich die Wortspiele und den Sprachwitz von Paul Linus Urban entdeckt. Die folgenden Beispiele zitiere aus seinem Büchlein "Das Witzebuch, Band II".

"Henker findet von der Arbeit nie nach Hause. - Er kennt nur die Hinrichtung."

"Ich weiss nicht, wie sich Maler über Wasser halten. - Die müssen jeden Auftrag streichen."

"Warum sind glatzköpfige Menschen so friedlich? - Weil sie sich nicht in die Haare kriegen können."

"Wusstest du, dass man Obst nicht ungewaschen essen soll? - Schon nervig, vor jedem Apfel duschen zu gehen."

Ich wünsche euch allen frohe Ostern.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Der Specht ist bunt im Walde, das Menschenleben noch bunter." Finnische Redensart Hingesehen Glei...