Mittwoch, 29. April 2026

Bluescht im Hoschtet

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Einblick in einen blühenden Obstgarten bei Zihlschlacht.
Foto © Jörg Niederer
"Über dem mit kleinen Wölkchen gesprenkelten Horizont im Osten ging eben die Sonne auf. Ihr Licht verlieh den taufrischen Blüten und Blätter der Obstbäume festlichen Glanz..." Charlotte Brontë (1816-1855)

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Es ist die Zeit der Bluescht-Fahrten durch den Kanton Thurgau. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Helles Weiss und lichtes Grün überwiegen. Welch eine Lust, durch die Landschaft zu wandern. Bienchen summen, Hummeln torkeln im Tiefflug über den Boden. Frösche quaken aus Tümpeln am Rand der Wälder. In der Ferne grüsst der Säntis, die Vögel singen einer schöner als der andere. Die Sonne wärmt, die Jacken bleiben im Rucksack. Da und dort grüssen sich Menschen, die sich noch nie begegnet sind. Man könnte meinen, die Welt sei aber auch so etwas von in Ordnung. Da stösst ein Rotmilan mit lautem Ruf hinab ins Wiesengrün. Nicht weit von uns blühen Bäume über Bombentrichtern und Blumen auf Massengräbern.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. April 2026

Am Rand oder mittendrin

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Oben: Die Evangelisch-methodistische Kirche Langenthal steht direkt neben einer katholischen und einer neuapostolischen Kirche. Unten: Die heute als Wohnung genutzte methodistische Kapelle von Rohrbach steht am Rand des Dorfs auf dem Weg zum Friedhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Sonderbar, dass man sich erinnert, man habe sich einer Sache erinnern wollen, aber diese doch nicht mehr sicher erinnert." Jean Paul (1763-1825)

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Auf meiner Kapellentour befinde ich mich nun im Oberaargau, einem Teil des weitgehend protestantischen Kantons Bern. Behäbige Bauernhäuser säumen den Weg. Die bestimmenden Kirchen in den Dörfern sind reformiert.

In Langenthal hat wohl die Bevölkerungsentwicklung dafür gesorgt, dass die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) heute relativ nahe am Stadtzentrum steht. Sie ist an diesem Ort nicht das einzige Gotteshaus. Direkt daneben befindet sich das moderne Kirchengebäude der Neuapostolische Kirche, die seit einigen Jahren Teil der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz (AGCK) ist, genauso wie schon länger die EMK und die Römisch-katholische Kirche. Deren Kirche Maria König befindet etwa 60 Meter von der EMK entfernt quer über eine Kreuzung hinweg. So ist die recht agile Gemeinde der EMK an einem Standort, den man als religiöses Bermudadreieck beschreiben könnte.

Ganz anders, wenn man der Langete etwa 11 Kilometer flussaufwärts folgt, in Rohrbach. Dort steht die Kapelle am äussersten Rand des Dorfs an einer Nebenstrasse, die zum Friedhof führt. Wobei, eine Kapelle ist es nicht mehr. Auch hier wurde das Gebäude verkauft und wird heute als Wohnhaus genutzt. Als ich meine Laufbahn als Methodistenpfarrer begann, war das einer der ersten Orte, an denen ich predigte. Das war vor über 40 Jahren. Wir wohnten jung verheiratet in Huttwil in der dortigen EMK-Kapelle. In Rohrbach predigte ich regelmässig, wenn ich mich recht entsinne so alle zwei Wochen. Und doch war ich mir beim Anblick der einstigen EMK-Kapelle unsicher, ob das wirklich der Ort war, an dem ich erste Predigterfahrungen sammelte. So fragte ich eine Frau, die gerade den nahen Bauernhof verliess, ob das Gebäude einst eine Kapelle gewesen sei, und sie bestätigte.

Die Kapelle, einmal recht zentral, das andere Mal am Rand. Wo eine Kapelle oder Kirche zu stehen kommt, hat oft auch damit zu tun, dass jemand ein Grundstück spendet für diesen Zweck. So war es im 8. Jahrhundert mit der ersten Kirche in Rohrbach. Diese wurde von einem gewissen Adelgoz gestiftet, einem Alemannen aus der Ostschweiz. Und so wird es wohl auch mit der EMK in Rohrbach gewesen sein. Auch sie könnte auf gestiftetem Grund zu stehen gekommen sein. Heute befindet sich das einstige kirchlich genutzte Gebäude immer noch am Rand der bebaubaren Fläche. Eine unverstellte Aussicht über die weiten Felder südwestlich von Rohrbach ist den Bewohner:innen sicher.

Jörg Niederer

Montag, 27. April 2026

Methodistische Hotels und die Barrierefreiheit

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Oben: Das Zentrum Artos in Interlaken gehört zu den Top 3 der besten barrierefreien Hotels der Schweiz. Unten: Unter den Top 10 ist auch das Placid Hotel Design & Lifestyle in Zürich-Altstetten.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir bejahen die volle Humanität von Menschen mit Behinderungen und erkennen ihre Gaben an. Wir rufen dazu auf, Barrieren abzubauen, die Menschen mit Behinderungen davon abhalten, ganz am Leben von Gemeinden und der Gesellschaft im Allgemeinen teilzuhaben." Soziale Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche, Die politische Gemeinschaft, H. Menschen mit Behinderungen

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Ein bisschen stolz bin ich ja schon. Da findet sich in der gestrigen Beilage "Reisen" der Sonntagszeitung wieder die Auflistung der 101 besten Hotels der Schweiz. Darin hagelt es Häuser mit 5 oder 4 Sternen, luxuriös und teuer. Aber in diesem Jahr gibt es auch einen Artikel über die besten barrierefreien Hotels der Schweiz. Procap, Mitgliederverband für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz traf die Vorauswahl. Sonja Häsler, erfahrene Reisende und Hoteltesterin mit Rollstuhl klapperte die Hotels dann auf die Anforderungen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ab. Und siehe da: Gleich zwei Gasthäuser mit kirchlich-methodistischem Hintergrund landeten in den Top 10. Da wäre das Zentrum Artos***S in Interlaken BE, das nach dem Centro Magliaso in Magliaso und dem Seebüel*** in Davos auf dem 3. Rang landete. Zum Artos schreiben die Autor:innen: "Im grossen Komplex mit Pflegeheim erfüllen die Häuser Oase und Siesta, wo 155 Hotelbetten untergebracht sind, alle Anforderungen der Barrierefreiheit, vermitteln aber gleichwohl Ferienfeeling."

Unter den 10 besten barrierefreien Häusern befindet sich auch das Placid Hotel Design & Lifestyle**** in Zürich Altstetten. Untergebracht ist es im modernen Hauptsitz der Diakonie Bethanien (Siehe dazu Beitrag vom 10. Januar 2026) und Teil des Engagements des Werks, das aus dem Wirken der methodistischen Diakonissen in Zürich und der Schweiz entstanden ist.

Als Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche hat es mich auch gefreut, im Bericht zu lesen: "Und die Top Three haben einen mal mehr, mal weniger sichtbaren christlichen Hintergrund." Ergänzen könnte man, dass dies auf mindestens 5 der 10 Besten zutrifft. Christlicher Glaube zeigt sich eben ganz konkret in praktischer Umsetzung der Überzeugung, dass alle Menschen wertvoll sind und teil der Gesellschaft, wie sehr oder auch nicht sie eingeschränkt sind in ihrem Leben.

Jörg Niederer

Sonntag, 26. April 2026

Fantasievolles Sehen

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Das Chorgestühl in der Klosterkirche St. Urban (Luzern) ist besonders prächtig; eine Augenweide.
Foto © Jörg Niederer
"[Gott] ... sagte zu mir: 'Du Mensch, sieh hin und hör gut zu! Pass genau auf, was ich dir zeigen will! Denn du bist an diesen Ort gebracht worden, damit ich dir etwas zeigen kann. Berichte den Israeliten alles, was du siehst!'" Bibel: Ezechiel 40,4

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Der Prophet Ezechiel sah in einer Vision den neuen Tempel, der ein untrügliches Zeichen einer neuen Gnadenzeit für Israel war. Indem er seinen Landsleuten im Exil von diesen Bildern erzählte, machte er ihnen Hoffnung und Mut.

Wie kann man ein klassisches Musikstück mit Worten beschreiben, dass jemand, der es absolut nicht kennt, wirklich auch hört? Wie kann man ein Bild so beschreiben, dass ein Leser es nicht nur in seiner Fantasie zu sehen glaubt, sondern es wirklich auch sieht?

Wie kann jemand ein Bauwerk so beschreiben, dass ein anderer, der seinen Worten lauscht, dieses Bauwerk auch wirklich sieht? 

Es müssen grosse Künstler sein, die so beschreiben können. Und es müssen sehr aufmerksame Leserinnen und Hörer sein, welche das Beschriebene in ihrer Vorstellung richtig rekonstruieren können. Meine Vorstellungskraft reicht dafür nicht aus. Mir sagt ein Bild mehr als tausend Worte.

Ezechiel beschreibt nicht nur den Tempel. Er zeichnet ihn wie ein Architekt. Der Tempel wird vermasst. Das macht es relativ einfach, dieses Gebäude in seiner Form zu rekonstruieren. Und doch sehen verschiedene Menschen Unterschiedliches. Da gibt es Ufo-Gläubige, die den Tempel als Weltraumhafen sehen für das "Raumschiff", das in Ezechiel 1 beschrieben werde.

Und wir: Interpretieren wir die Verheissungen und Zukunftsbilder der Bibel richtig? Spielt unsere Fantasie mit uns, oder sehen wir in den Visionen der Bibel wirklich Gottes zukünftige Welt?

Jörg Niederer

Samstag, 25. April 2026

An der Bisse de Langenthal

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Wässermatte an der Langete, kurz von Lotzwil.
Foto © Jörg Niederer
"Das Beste aber ist das Wasser." Pindar (um 517–437 v.Chr.)

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Wer sagt denn, dass nur die Walliser etwas verstehen von Bewässerung. Suonen gibt es auch im Mittelland, nur heissen sie da anders. Man nennt sie hier "Gräben". Der Bisse bzw. Suone entspricht der Hauptgraben, der das Wasser sammelt. Mittels Holzschieber, den Brütschen, wird das Wasser je nach Bedarf durch das weitverzweigte Gräbensystem auf die Wiesen geleitet.

Zwischen Langenthal und Lotzwil durchstreiften wir entlang solcher Gräben die Wässermatten. Dabei handelt es sich um Wiesen, die jährlich dreimal gewässert werden. Jede Wässerung dauert je nach Wassermenge zwei bis drei Tage. Indem die Wiese so buchstäblich unter Wasser gesetzt wird, wird sie durch die im Wasser befindlichen Schwebeteile natürlich gedüngt. Es entsteht eine feuchte Wiese, die besonders Artenreich und fruchtbar ist. Dieses Verfahren wurde im Oberaargau durch die Zisterziensermönche vom Kloster St. Urban im 9. Jahrhundert eingeführt. Auch heute noch ist Langenthal ein Hotspot der Wässermatten. Um die 110 Hektaren umfasst das so bewässerte Grasland entlang der Fliessgewässer Langete, Önz und Rot. Eine Wässermattenstiftung kümmert sich um die Bewirtschaftung und den Erhalt dieses Naturdenkmals von nationaler Bedeutung. Zugleich wurde diese traditionelle Bewässerung in Europa 2023 von der UNESCO auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gesetzt. Wen wundert es, dass auch die Suonen im Wallis dazugehören.

Aktuell blüht es in den Wässermatten. Es lohnt sich also, die "Bisser de Langenthal" zu besuchen.

Jörg Niederer

Freitag, 24. April 2026

Freikirche mit Glocke

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Die methodistische Johanneskirche in Strengelbach. Das kleine handgeläutete Glöckchen ist gut zu erkennen.
Foto © Jörg Niederer
"Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, / folg ich der Vögel wundervollen Flügen." Georg Trakl (1887–1914)

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Sie ist eine der ganz wenigen methodistischen Kirchen in der Schweiz mit einer funktionsfähigen Glocke im kleinen Türmchen auf dem Dach. Die Johanneskapelle in Strengelbach steht etwas versteckt in zweiter Reihe an der Hauptstrasse nach Brittnau. Als Pfarrer durfte ich an diesem Ort vier Jahre lang wirken. Dass eine Freikirche eine Glocke hat, ist deshalb aussergewöhnlich, weil dies in der Regel den Landeskirchen vorbehalten war, und man bei Freikirchen dafür keine Baubewilligung erteilte. Vielleicht war es das Misstrauen einer "ausländischen" Kirche gegenüber, die dazu führte, dass solche Glockentürmchen in Methodistenkirchen nur symbolischen Charakter hatten. Ganz ähnlich wie heute den Muslimen der Bau eines Minaretts verboten ist und jeweils viel Wiederstand entsteht, wenn sie eine Moschee bauen wollen, erging es wohl in der Anfangszeit auch vielen Freikirchen. Sie stiessen auf viel Widerstand und Vorurteile.

Warum war es in Strengelbach anders? Das Narrativ dazu, das ich hörte, ging so: Die Johanneskirche war die überhaupt erste Kirche in Strengelbach, die gebaut wurde. Das reformierte Gotteshaus wurde erst später erreichtet, genauso wie die Katholische Kirche. Das änderte die Rahmenbedingungen. Man wollte in Strengelbach wohl eine richtige Kirche, die aussah wie eine Kirche und auch klang wie eine Kirche, und nicht nur eine unbedeutende Kapelle.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ein über 80-jähriger Mann mir zeigte, worauf man achten müsse, wenn man die Glocke via Seilzug erklingen lassen wollte. Man durfte nicht zu heftig ziehen, und es brauchte an der richtigen Stelle eine kurze Pause, bevor der nächste Glockenschlag durch erneutes Ziehen am Seil eingeleitet wurde.

Geläutet wurde zu meinen Zeiten in Strengelbach jeweils am Samstagabend, um den Sonntag einzuläuten, und vor den Gottesdiensten an den Sonntagen. Wie es heute ist, weiss ich nicht.

Seit 2011 lädt der Kulturplatz regelmässig zu Konzerten in die Johanneskirche ein. Nach wie vor finden Sonntagsgottesdienste statt. Schön, dass die Johanneskapelle in Strengelbach auch in diesen Tagen erklingt.

Jörg Niederer

Donnerstag, 23. April 2026

Die gleiche Lebensstrategie

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Links: Die Vogel Nestwurz, eine parasitisch lebende Orchidee. Rechts: Die parasitisch lebende Gewöhnliche Schuppenwurz. Sieht ähnlich aus, ist aber keine Orchidee.
Fotos © Jörg Niederer
"Auf, auf, ihr kleinen Bienen / Der Winter ist fürbei: / Schon gaffen jetzt und gienen / Die Blümlein allerlei." Friedrich Spee (1591-1635)

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Zwei verschiedene Pflanzen, eine Lebensstrategie. Links die Vogel-Nestwurz, eine Orchidee. Über diesen Holoparasiten im Pflanzenreich habe ich an anderer Stelle (Siehe Beitrag vom 19.05.2025) schon geschrieben. Rechts die Gewöhnliche Schuppenwurz. Bei genauem Hinsehen besteht keine Verwechslungsgefahr. Schon allein die rosa Farbe der Schuppenwurz-Blüten ist ein deutliches Merkmal. Sie ist keine Orchidee, sondern gehört zu den Schuppenwurzen (Lathraea). Auch die Gewöhnliche Schuppenwurz ist ein Holoparasit, also ein Vollschmarotzer. Sie bezieht ihre gesamte Nahrung von benachbarten Bäumen; vornehmlich von Haseln, Erlen, Pappeln, Weiden und Buchen. Durch eine Spezialisierung kann sie im Frühjahr direkt nach der Schneeschmelze blühen, indem sie die verholzten Baumteile anzapft, die in dieser Jahreszeit durch organische Verbindungen und Pflanzensäfte durchtränkt sind. Wie die Vogel-Nestwurz kann die Gewöhnliche Schuppenwurz sich durch unterirdische Blüten fortpflanzen. Diese werden dort ohne sich zu öffnen bestäubt (Kleistogamie).

Damit der Samen einer Gewöhnlichen Schuppenwurz auskeimen kann, muss er näher als 1 Zentimeter bei der Wirtswurzel liegen. Ihren deutschen Namen hat die Gewöhnliche Schuppenwurz von der schuppigen Struktur ihres bis 2 Meter langen, verzweigten Wurzelwerks. Dieses kann ein Gewicht von 5 Kilogramm erreichen.

Die Pflanze ist nicht essbar, ja sogar leicht giftig. Also Hände weg von dem wundersamen Gewächs!

Jörg Niederer

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