Montag, 3. August 2026

Glockengeschichten

Ein Zitat

Oben: Die einstige, methodistische Kapelle ist heute ein Wohnhaus. Unten: Methodist:innen feierten einst auch im Kirchlein von Rüti bei Lyssach.
Fotos © Jörg Niederer

"Im taussd sib hundert eilfften Jahr / ich ganz von new gegossen war, / weil d'Kilchen-Gmeind ersetzen wollte / das von den Dieben Weggeholte. / Das[s] zu dem Wort ich ruffte fein, / wolt ich größer gegossen sein."
Inschrift aufgrund der durch Diebstahl ersetzten Glocke im Kirchlein Rüti.

Entdeckt

Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Jegenstorf wurde bis 1993 gottesdienstlich genutzt. Sie gehörte zum EMK-Bezirk Burgdorf. Heute wohnen im Haus, dem man nicht auf den ersten Blick die Kapelle ansieht, drei Mietparteien. Nach wie vor gehört das Gebäude mit Umschwung der EMK.

Ganz anders sieht es mit dem Kirchlein in Rüti bei Wyssachen aus, das auf halbem Weg zwischen Burgdorf und Jegenstorf liegt. Auch dort versammelten sich die Methodist:innen bis zum Jahr 1994. Das reformierte Gotteshaus sieht auf eine lange Geschichte zurück, die Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts begann. In der Reformation ging das Gotteshaus in die Hände der Neugläubigen über und wurde von Pfarrhelfern aus Burgdorf bis ins Jahr 1938 betreut. Heute gehört das Kirchlein zur Seelsorgeeinheit Kirchberg.

Auch das gibt es also, dass Methodist:innen sich in Gotteshäusern anderer Konfessionen versammelten.

Beim Kirchlein gibt es Geschichten zu den beiden Glocken, die bis heute von Hand geläutet werden. So stürzten 1666 die beiden Glocken in Folge eines Blitzeinschlags ab, nahmen dabei aber keinen Schaden. Dann, im Jahr 1711, wurde gar eine Glocke aus dem Kirchturm gestohlen. Vielleicht hat sich jemand am lauten Glockenschlag gestört. Das soll es ja auch heute geben. Genutzt hätte es ihm oder ihr wenig, wurde doch das entwendete Geläut durch eine grösseres Glocke ersetzt.

Im Jahr 1711 war dann auch noch eine in heutiger heissen Zeit hilfreiche Erfindung zu verzeichnen. Johann Justus Partels, ein in Deutschland lebender Ingenieursoffizier baute den ersten Wetterkasten, auch Luftpumpe genannt. Wir nennen diese heute nicht wegzudenkende Erfindung Ventilator.

Jörg Niederer

Sonntag, 2. August 2026

Das Üben ist entscheidend

Ein Zitat

Glasfenster in der Kirche Wasen i. E. aus dem Jahr 1881: Jesus segnet die Kinder.
Foto © Jörg Niederer
"Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt." (Bibel: Lukas 6,31)

Entdeckt

Zwei Journalistinnen haben nach 5 bzw. 10 Jahren Schulabstinenz an einer Prüfung der 3. Sekundarschule über geometrische Dreiecksformen teilgenommen. Das Fazit der Lehrkraft: Eine Ahnung vom Lösungsweg sei ersichtlich, aber nicht mehr aktiv präsent. So bekam die Journalistin mit 5 Jahren Schulabwesenheit die Note 4,0 (Note 6,0 ist das Beste), die andere die Note 3,3. Mit anderen Worten: Weil Dreiecksberechnungen im Alltag der beiden Journalistinnen kaum eine Rolle spielten, haben sie vieles darüber wieder vergessen. Ohne ständiges Anwenden und Üben verlernt man einfachste Dinge.

Nun habe ich mich gefragt, wie das mit den Lebensregeln von Jesus ist. Wende ich sie täglich an, oder habe ich vieles wieder vergessen? Ist mein Christsein praktiziert, oder ist es nur graue Theorie, die im Alltag nicht mehr vorkommt?

Wie ist das mit der goldenen Regel? Behandelst du Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest? Wer diesen Grundsatz nicht ständig übt, wird im Ergebnis immer einmal wieder falsch liegen. Dann wird Gleiches mit Gleichem vergolten. Wie ist es mit der Feindesliebe (Lukas 6,27)? Gutes den Menschen tun, die mich hassen, ist eine echte Herausforderung. Aber wenn ich diesen christlichen Lebensgrundsatz nicht anwende, werde ich auch nicht die Kraft entdecken, die dabei frei werden kann in meinem Leben und im Leben anderer.

Wer nicht einfach im christlichen Mittelmass versinken will, ist herausgefordert, zu tun, zu üben, zu praktizieren, was Jesus Christus uns zu tun empfiehlt. Dann, beim ständigen Üben und Anwenden wird Christsein alltäglich – ansteckend alltäglich. Darum segne gerade heute die Menschen, die dich verfluchen und bete für die, die dich beschimpfen...! (Lukas 6,28)

Jörg Niederer

Samstag, 1. August 2026

Das Kreuz mit der Schweiz

Ein Zitat

Schweizer Fahnen hängen am Nationalfeiertag an zwei Kränen in Burgdorf.
Foto © Jörg Niederer
"Solidarität und die Bereitschaft, die Intersektionalität [Interaktion verschiedener Formen von Benachteiligungen] von Sexismus, Rassismus und Klasse in den Blick zu nehmen, müssen die Arbeit einer Theologie prägen, die die biblische Botschaft der Befreiung ernst nimmt." Kommentar zum Buch von Jörg Rieger, Theologie im Kapitalozän

Entdeckt

Der 1. August. Nationalfeiertag. Die Schweiz, das Vaterland, mag diese Nacht ruhiger ruhen als in anderen Jahren. Mir gefällt das. Die Hitze, die Trockenheit, sie zeigt Grenzen auf. Auch Dringlichkeiten, die nicht nur in der Schweiz noch nicht überall wirklich ernst genommen werden. Der Klimawandel gibt uns keine Zeit mehr. Wovon hängt die Weiterexistenz der Schweiz ab? Wir müssen weiterbauen an unserer Demokratie, an der Mitmenschlichkeit, an der Überwindung des Kapitalozäns, an der Fähigkeit, das Leben eines Menschen mehr zu gewichten als den Wohlstand.

Dass die beiden Arme der zwei Kräne auf dem Foto sich scheinbar überkreuzen… vielleicht ein Zeichen. Das Kreuz mit der Schweiz es bleibt.

Jörg Niederer

Freitag, 31. Juli 2026

Schönheit

Ein Zitat

Raupe des Schwalbenschwanzes an einer Fenchelstaude.
Foto © Jörg Niederer
"Die Mittagssonne brütet auf der Heide, / Im Süden droht ein schwarzer Ring. / Verdurstet hängt das magere Getreide, / Behaglich treibt ein Schmetterling." Detlev von Liliencron (1844-1909)

Entdeckt

Der Schwalbenschwanz (Siehe auch Beitrag vom 1. September 2025!) stielt vielen anderen Schmetterlingen sowohl als Raupe wie auch als Tagfalter die Show. Das führt dazu, dass die grossen Schmetterling gern zuhause gezüchtet werden. Aktuell fliegt bereits die zweite Generation des Jahres. Das Raupenstadium dauert 2-3 Wochen, dann folgt die Verwandlung in eine Gürtelpuppe und nach wiederum 2-3 Wochen schlüpft der fertige Schmetterling.

Es gibt eine Phase als Raupe, in der die Schönheit unwichtig ist. Junge Schwalbenschwanzraupen gleichen Vogelkot. So tarnen sie sich vor Fressfeinden. Auch haben sie eine chemische Waffe, mit der sie Schlupfwespen und andere Insekten vertreiben können.

Gesehen haben wir diese Raupe an einer Fenchelpflanze vor einem schönen Berner Bauernhaus. Mal schauen, was der heutige Tag an Schönheit und Überraschung bereit hält.

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Weg geht nie aus

Ein Zitat

Das Schloss Burgdorf
Foto © Jörg Niederer
"Man muss nur hübsch alt werden: dann gibt sich alles." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Entdeckt

In den letzten viereinhalb Monaten ist meine Weg auf der Kapellentour bis Burgdorf weitergegangen. Seit Projektstart am 28. Oktober sind 541 Kilometer und 13'000 Höhenmeter zusammengekommen. Ich bin dabei an 39 von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) aktiv genutzten Liegenschaften vorbeigekommen. Weitere 27 aufgegebene Standort habe ich so nebenher auch noch besucht.

Die weitere Planung führt mich nun auf 238 Kilometern via Jegenstorf, Hindelbank, Langnau i. E., Signau, Worb, Belp, Wabern, Bern, Lyss, Aarberg, Täuffelen, Neuchâtel und Saint-Imier nach Biel.

Mit Neuchâtel werde ich mein westlichstes Tourenziel erreichen. Danach geht es wieder mehrheitlich ostwärts, und irgendeinmal werde ich dann erneut in Zürich landen.

Solche Reisen über lange Distanzen und mit gesteckten Zielen führen immer zu einem Problem: Irgendeinmal sind sie abgeschlossen. Was wird dann kommen? Nun, da wären noch einige Kapellen und Standorte der EMK im Berner Oberland. Und danach könnte der süddeutsche Raum folgen, oder auch Österreich, Ungarn, usw.

Der Weg wird mir nie ausgehen. Solange die Beine tragen, geht es in meinem Leben immer auch wieder zu Fuss weiter.

Jörg Niederer

Mittwoch, 29. Juli 2026

Fertig "Frauen auf der Kanzel"

Ein Zitat

Die Kapelle der ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf in ihrem Milieu hinter dem Kino und nahe am Bahnhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Wer es auf sich nimmt, Menschen zu führen, soll sich vorbereiten, dafür Rechenschaft abzulegen." Benediktsregel

Entdeckt

Ist das jetzt ein Fortschritt oder ein Rückschritt. Da wo in Burgdorf die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) steht, trifft sich neuerdings die "Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz". Wer im Internet nach der EMK Burgdorf sucht, landet auf der Webseite der EMK Breitenegg (siehe Beitrag vom 27. Juli 2026). Zwar findet man noch auf Allianzseiten die folgende Beschreibung: "Die Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf ist eine lebendige Gemeinde, die sich seit über 150 Jahren im Bahnhofquartier entwickelt hat. Basierend auf methodistischen Grundlagen bietet sie eine offene Kirche und Gastfreundschaft für Menschen jeden Alters. Die Gemeinde ist Teil der weltweiten United Methodist Church und verfolgt das Motto 'Gottes offenes Wohnzimmer'." Doch das ist Vergangenheit. Am 10. Mai 2026 (Siehe Bericht in D'Region Burgdorf!) feierte die Gemeinde nach 138 Jahren Präsenz in Burgdorf ihren letzten Gottesdienst. Nun, ganz fertig ist es nicht. Das "SamschtigZmorge", ein soziales Angebot, bei dem Deutsch gelernt und gemeinsam gefrühstückt wird, findet weiterhin statt. Initiiert wurde dieser Treffpunkt, der gerne von Migrant:innen besucht wird, von der pensionierten Pfarrerin Annemarie Studer. Auch dafür erhielt sie 2021 den Sozialpreis der Stadt Burgdorf verliehen (Siehe Beitrag vom 6. November 2021). Auch nach der Beendigung der EMK-Gemeindearbeit in Burgdorf ist sie weiter Ansprechperson für dieses Angebot.

Zurück zur Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz. Relinfo schreibt: "Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz LBKS wurde im Jahr 2012 in Burgdorf BE begründet von Personen südamerikanischer, spanischer und schweizerischer Herkunft … Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz vertritt einen altlutherischen Glauben mit betont liturgischer Ausrichtung und Ablehnung von theologischem Rationalismus und Frauenordination."

Auch wenn sich verschiedene Konfessionen im gemeinsamen Glauben an Christus verbunden wissen, so ist das schon eine andere Welt, die sich nun in der Johanneskapelle der einstigen EMK trifft. Besonders auffällig ist der Hinweis zur Frauenordination. Dass Frauen als Pfarrerinnen arbeiten, ist in der EMK gang und gäbe und seit vielen Jahren keine Frage mehr. Das sieht man ja auch an der immer noch in Burgdorf wirkenden EMK-Pfarrerin Annemarie Studer. 

Zu meiner Eingangsfrage nach Fortschritt oder Rückschritt: Ich empfinde es als Rückschritt, wenn an einem Ort, an dem viele Jahrzehnte auch ordinierte Frauen predigten, dies nun nicht mehr der Fall sein wird.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. Juli 2026

Der wilde, wilde Mann

Ein Zitat

"Die Form von Unterdrückung, von der wir [Männer] befreit werden müssen ist folgende: Wir müssen uns von all den falschen Bildern und Erwartungen befreien, die uns die Gesellschaft aufgezwungen hat und die wir internalisiert haben." Richard Rohr, Der wilde Mann - Geistliche Reden zur Männerbefreiung, München 1986, S. 104

Entdeckt

Wirtschaftsschild vom Restaurant Wilder Mann in Ferrenberg bei Wynigen.
Foto © Jörg Niederer
Es ist ja nicht so, dass das Restaurant zum Wilden Mann in Ferrenberg ob Wynigen die einzige Gaststätte dieses Namens ist. Auch in Wynigen selbst gibt es einen ehemaligen Gasthof zum Wilden Mann. 1790 wurde das spätbarocke Haus errichtet. Hier aber auf dem Foto ist das Wirtshausschild eines anderen "Wilden Mannes" abgebildet. Das dazugehörige Speiselokal ist in einem alten Bauernhaus aus dem Jahr 1830 untergebracht. Was man sich in Ferrenberg einst unter einem "Wilden Mann" vorstellte, kann man am Wirtshausschild gut erkennen. Ein naiv gemalter Afrikaner im Baströckchen, Pfeil und Bogen, das war damals die heute peinliche wirkende Vorstellung eines Wilden Mannes. Zwischenzeitlich ist eine solche Darstellung glücklicherweise ein No-Go geworden. So darf man Afrikaner nicht mehr darstellen. Damals war es wohl für die Einheimischen kein Problem, ein derart abwertendes, klischeehaftes Bild von Menschen zu zeichnen und zu haben, die noch lange als Sklaven in den USA und andernorts ausgebeutet wurden.

Was wäre mein Bild von einem wilden Mann? 

Ist es der Wilde Mann aus dem Buch des Franziskaners Richard Rohr, ein emanzipierter, von "sexistischen, biographischen und gesellschaftlichen Klischees, Fixierungen und Zwängen" (Richard Riess) befreiter Mann?

Ist es der edle Wilde der Romantik, dieser unverdorbene, gute Mensch, den auch der Philosoph Jean-Jacques Rousseau einst beschworen hatte?

Wäre meine Vorstellung eines wilden Mannes die einer der westlichen Welt unterlegenen, in der Steinzeit verlorenen Mannhaftigkeit?

Oder ist es der wilde Mann im Sinne toxischer Männlichkeit, beschworen im Dunstkreis antifeministischer, Frauen verachtender Mannosphäre?

Was ist mein Bild eines wilden Mannes? Ein zahmer Mann zu werden scheint wenigen erstrebenswert zu sein.

Also: Was ist mein Bild eines wilden Mannes? So klar sehe ich noch nicht. Da braucht es noch ein weiteres Nachdenken.

Jörg Niederer

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Ein Zitat Fotos © Jörg Niederer "Im taussd sib hundert eilfften Jahr / ich ganz von new gegossen war, / weil d'Kilchen-Gmeind erset...