Samstag, 19. September 2026

Die Stadt am See

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Die Stadt am See gemalt von Frauen mit Kopftüchern.

"Die beste Art sich zu wehren ist, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten."
Marc Aurel (121-180 n.Chr.)

Entdeckt

Heute reise ich für drei Tage in die Stadt, die auf dem Foto zu sehen ist. Dort werde ich an einem Podiumsgespräch mitwirken. Denn für einmal trifft sich das General Board of Church and Society (GBCS) der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche nicht in den USA, sondern an diesem geschichtsträchtigen Ort in Europa. Ich freue mich schon auf die Begegnungen mit Menschen, die ich lange nicht mehr gesehen habe.

Nun frage ich mich, ob jemand herausfindet, in welcher Stadt ich die nächste Zeit verbringen werde.

Jörg Niederer

Freitag, 18. September 2026

Traktor- und andere Relikte

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Ein dahinrostender Traktor der Marke Fordson Mayor E27N, geschmückt mit einem Kuhschädel.
Foto: © Jörg Niederer
"Die Waage gleicht der grossen Welt: Das Leichte steigt, das Schwere fällt." Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Entdeckt

Auf dem Wanderweg vom Chuderhüsi nach Bowil hinunter steht bei einem Hof bei Buchen dieser alte Fordson-Traktor, vermutlich Model Mayor E27N. Diese Traktoren wurde von 1940-1952 gebaut. Fordson ist die Marke von Autopionier Henri Ford, der mittels Fliessbandfertigung Autos und später auch Traktoren besonders günstig auf den Markt bringen konnte. Das Leergewicht des Fordson Mayor E27N betrug 2367 Kilogramm. Heute wiegen grosse Reihenkulturtraktoren bis 12 Tonnen. Mit voluminöseren, breiteren Reifen wird der Druck auf den Boden pro Quadratzentimeter zwar deutlich reduziert. Aber es liegt auf der Hand, dass die Bodenverdichtung durch die Traktoren heute höher ist als damals, als mit dem Fordson-Traktor gewirtschaftet wurde.

Nun, die Fordson-Traktoren sind Geschichte und einer von ihnen rostet bei Buchen dahin. Um den morbiden Charakter des ausrangierten Fahrzeugs noch zu verstärken wurde er mit einem Kuhschädel geschmückt. Vielleicht soll das auch daran erinnern, dass einst Kühe und Ochsen als Zugtiere auf den Äckern ihre Dienste versehen mussten. Damals, als Tiere die Pflüge zogen, war die Bodenverdichtung noch gar kein Thema und damit auch nicht deren Folgen: Bis 20% weniger Ertrag und deutlich weniger Bodenlebewesen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 17. September 2026

Charakterkopf

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Ein neugieriger Esel sucht den Kontakt zu uns.
Foto: © Jörg Niederer
"Einen Esel zu Grabe läuten." Redensart dafür, wenn sitzende Kinder mit dem Beinen baumeln wie ein tonloses und damit unnützes Geläut.

Entdeckt

Esel haben Charakter. Esel sind – entgegen landläufiger Meinung – nicht dumm. Esel sind sanft und meist zutraulich. Esel gehören zu den absoluten Lieblingstieren meiner Frau, und ich mag sie auch (meine Frau und die Esel!). Ohne Esel wäre die Welt ärmer. So gesehen ist es ein Kompliment, als Esel bezeichnet zu werden. Gerade werde ich nicht als Esel bezeichnet. Eigentlich irgendwie schade.

Jörg Niederer

Mittwoch, 16. September 2026

Pinkelnde Pilze

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Rotrandige Baumschwämme. Beim linken Pilz kann man anhand der Tropfen die als Guttation bezeichnete Absonderung von überschüssigem Wasser gut erkennen.
Foto: © Jörg Niederer
"Mit Menschen ist es wie mit Pilzen. Zuerst sieht man die Auffälligen. Aber die sind meistens giftig. Die Guten muss man länger suchen." Autor:in unbekannt

Entdeckt

Google sagt, bei den Pilzen auf dem Foto handle es sich um Rotrandige Baumschwämme. Ob es stimmt, kann ich nicht beurteilen. Dagegen bin ich sicher, dass der eine Pilz Wasser absondert. Man nennt diesen Vorgang, der nebst den Pilzen auch bei Pflanzen vorkommt, "Guttation".

"Gutta" ist ein lateinisches Wort und bedeutet "Tropfen" oder "Tröpfchen", auch "kleiner Fleck".

Bei bestimmten klimatischen Bedingungen, etwa wenn hohe Luftfeuchtigkeit vorliegt, es zugleich heiss ist oder dann um Null Grad Celsius, sondern einige Pilzarten überschüssiges Wasser ab. Das geschieht besonders auch zu Zeiten, in denen der Pilz stark wächst und daher mit dem Wasser auch viele Nährstoffe über das Myzel aus dem Holz gewinnen muss. Bei der Guttation handelt es sich also nicht um ein Schwitzen. Mit Schwitzen wird ja die Körpertemperatur reguliert. Eher könnte man sagen: der Pilz pinkelt. Denn die abgesonderten Tröpfchen bestehen nicht nur aus Wasser, sondern auch aus organischen Stoffen, etwa Aminosäuren. Pflanzen bei der Guttation geben so unter anderem auch zuvor aufgenommene Pflanzenschutzmittel ab (was für Insekten, die davon trinken, tödlich enden kann). Nebst der Regulierung des Wasserhaushalts entsorgen Pilze auf diese Weise Abfallprodukte. Es empfiehlt sich also nicht, diese Wassertropfen an den Pilzen zu trinken. Sie können für den Menschen schädliche Substanzen enthalten. Bei Giftpilzen kann deren Gift auch in den Guttationstropfen enthalten sein. Zudem sind diese Tropfen, auch wenn sie von ungiftigen Pilzen stammen, geschmacklich weit entfernt von reinem Wasser.

Jörg Niederer

Dienstag, 15. September 2026

Atemberaubend

Links: Aussicht vom Chuderhüsi-Turm: V.l.n.r. Wetterhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn Gross Fiescherhorn, Eiger, Mönch, Jungfrau. Davor sieben Hengste und Guggisgrat. Recht: der Chuderhüsi-Turm.
Foto: © Jörg Niederer

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"Da liegt a junger Schrofndottl, / Er hat a Bergtour gmacht im Mai: / Gar langsam ist er aufikommen, / Aber untn g'wosn glei." Tiroler Marterl für einen abgestürzten Bergsteiger

Entdeckt

186 besteigbare Türme gibt es in der Schweiz. Erstaunlich, bedenkt man, dass viele von ihnen für nichts anderes gut sind, als um die Aussicht zu betrachten. Einer davon ist der Chuderhüsiturm. 195 Treppenstufen führen auf eine Höhe von 37 Metern. Diese Höhe braucht es auch, um über die mächtigen Tannen hinweg die Aussicht zu geniessen. Die ist dann auch bemerkenswert. Besonders der Blick zu den Berner Alpen ist atemberaubend. So sagt man zumindest, denn der Aussicht wegen hat noch niemand aufgehört zu atmen.

Auf dem Foto sind von links nach rechst die folgenden Alpengipfel zu sehen: Wetterhorn (3692 m ü. M.), Schreckhorn (4078 m ü. M.), Finsteraarhorn (4274 m ü. M.), Gross Fiescherhorn (4049 m ü. M. Der etwas niedrigere, schneebedeckte Gipfel rechts hinter dem Finsteraarhorn.), Eiger (3.967 m ü. M.), Mönch (4.110 m ü. M.) und Jungfrau (4.158 m ü. M.). Auf keinem bin ich je gestanden und werde es wohl auch nie. Dafür sieht man bei der Bergkette direkt vor den Alpenriesen die Sieben Hengste und den Guggisgrat. Die Sieben Hengste bestieg ich eins in jugendlichen Jahren von Beatenberg aus. Damals verbrachte ich Zeit in einem Sonntagschullager und durfte einige der Leitenden begleiten in diese atemberaubende (schon wieder!) Karstlandschaft. Es war meine erste grosse Bergtour. Da möchte ich unbedingt noch einmal hin. Vorerst aber bleibt das Schauen aus Distanz.

Jörg Niederer

Montag, 14. September 2026

Suchbewegung

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Oben: Auf der Martinsegg versammelten sich die Methodist:innen einst in diesem Bauernhaus. Unten: Coupe Prune, gegessen auf der Aussichtsterrasse vom Chuderhüsi.
Foto: © Jörg Niederer
"Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande." Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Entdeckt

Kennst du den Blog von Thomas Widmer, auch Wanderpapst genannt? Er verbindet Wanderungen mit dem Kulinarischen. Dabei fotografiert er gerne auch das, was er oder auch seine Begleitung sich einverleiben. Eigentlich ein No-Go, Fotos von Essen zu posten. Bei Widmer hat es aber eine wanderergänzende Bedeutung. So weiss man, wo man unterwegs gut (oder auch nicht) speisen kann. Heute mache ich es auch einmal so. Den Coupe Prune und das alkoholfreie Bier genoss ich im Chuderhüsi. Das ist ein Gasthaus auf 1100 Metern Höhe nördlich von Röthenbach im Emmental. Ein Wanderbus bedient den Ort an Wochenenden jeweils einmal am früheren Morgen und einmal am späteren Nachmittag. Geführt wird das Haus von der christlichen Organisation El Rafa, im Speziellen von Menschen mit Suchtproblemen. Von der Terrasse des Hauses aus hat man einen fantastischen Ausblick auf Schrattenfluh, Hohgant, Brienzer Rothorn, Sieben Hengste und natürlich die Giganten der Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau im Zentrum. Am vergangenen Samstag wurden wir zusätzlich mit Technoklängen des dreitägigen KuMuKu Festivals auf der Chapfwacht beschallt. Das Bum-Bum war weitherum zu hören.

Nun aber zum eigentlichen Thema. Wie findet man den Ort, an dem Methodist:innen einst in Privathäusern zusammengekommen sind. Auf dieser Wanderung von Bowil hinauf zum Chuderhüsi liegt etwa auf 1000 Höhenmetern der Weiler Martinsegg. In den Konferenzverhandlungen von 1981 steht, dass dort bei Familie Moser Predigten stattgefunden haben. Nun hat es auf der Martinsegg mehr als ein Bauernheimet. Welches es ist, versuche ich jeweils herauszufinden, indem ich im Telefonbuch nachschaue, ob dort immer noch (in diesem Fall) die Familie Moser lebt. Dumm, wenn es dann die falschen Mosers sind, die unweit davon wohnen.

Also frage ich in relativer Nähe zum gesuchten Haus auch ortsansässige Personen. Ein junger Mann, der mit einer Motorsense das Strassenbord schnitt, und zufällig selbst im Nachbarhaus des gesuchten Objekts wohnte, zeigte mir den Platz, an dem sich früher abends Menschen einfanden zur Predigt. Er wusste aber noch von weiteren Orten in näherer Umgebung. Es war halt bei den zahlreichen Freikirchen im Emmental üblich, sich bei Privaten zu versammeln. Unglücklicher Weise entschied ich mich, auf einem etwas anderen Weg hinauf zur Martinsegg zu wandern. Angekommen fragte ich wieder eine ältere Frau, die aber erst zwölf Jahre hier wohnte und keine Ahnung von lokalen christlichen Aktivitäten hatte. Mutig läutete ich im grössten der Bauernhäuser. Dort wusste man auch nichts von Gottesdiensten, aber im Haus weiter unten, man sehe es von hier oben, da habe eine Frau Moser Sonntagschule gegeben. Das sei aber schon 30 oder 40 Jahre her.

Hätte ich den zuhause geplanten Weg genommen, wäre ich an besagten Haus vorbeigekommen. Noch einmal hinuntersteigen um mein obligatorisches Selfie vor dem Anwesen zu machen (Solche Selfies sind ja fast so verpönt wie Bildern von Essen!) wollte ich nicht mehr. Also fotografierte ich das Bauernhaus so gut wie es eben ging von meinem erhöhten Standort aus.

Was folgte war der restliche Aufstieg zum Chuderhüsi, das Besteigen des nahen  Aussichtsturms und den Abstieg zum Wanderausgangspunkt beim Bahnhof Bowil. 540 Höhenmeter bei 13 Wanderkilometern. Eine Etappe mehr auf meiner Kapellentour, vielleicht die Königsetappe im Emmental.

Jörg Niederer

Sonntag, 13. September 2026

Eine Stadt für alle

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Bild: Terrakotta von Walter Loosli (Köniz) in der Kirche von Bowil: "Der Stamm Jakobs". Aufgrund der Schlangen in den Ecken und dem Engel zwischen Baum und Mensch könnte es aber auch die Vertreibung aus dem Paradies darstellen.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Umfang der Stadt beträgt neun Kilometer. Der Name der Stadt lautet von jetzt an: 'Hier-ist-Gott.'" (Bibel: Ezechiel 48,35)

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Die endzeitliche Gottesstadt ist klein, die Ezechiel hier in einer Vision beschreibt. Die Seiten des quadratischen Grundrisses messen 4500 Ellen, das sind etwa 2.25 km. Zum Vergleich: Ninive hatte damals eine Länge von 5 km und eine Breite von 2,3 km. Babylons Stadtmauer war 18 km lang.

Nur ein kleine Stadt, schon damals. Heute gibt es Städte mit 42 Millionen Einwohnern (Jakarta, Indonesien), und selbst Zürich ist etwa dreimal so gross wie die Stadt, die von Ezechiel beschrieben wurde. Ganz anders das neue Jerusalem, welches als Vision davon, was nach dieser Welt kommt, in Offenbarung 21,16 gezeigt wird. Wir müssen es uns als Würfel vorstellen mit einer Kantenlänge von 12'000 Stadien, das entspricht 2160 km. Warum war dagegen Ezechiels Stadt so klein?

Weil es nicht um Grösse geht. Das vorherrschende Element ist die Gleichförmigkeit. Vier gleichlange Seiten mit je drei gleich angeordneten Toren auf jeder Seite. Die Tore sind benannt nach den zwölf Stämmen Israels.

Alle werden gleich behandelt. Keiner hat das bessere Teil bekommen.

Gleichheit: Manche denken jetzt an Gleichmacherei. Doch was spricht gegen Gleichbehandlung in einer Welt des Ungleichgewichts. Das war doch immer wieder die Botschaft der Propheten, dass es Gott nicht gefällt, wenn die einen durch Unrecht und Gier Reichtum anhäufen auf Kosten der andern. Das ist auch heute eines, wenn nicht das grösste Problem, dass die 12 Superreichen soviel Vermögen (und damit Einfluss) besitzen wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Gottes neue Stadt soll dagegen ein Ort sein, wo jeder Mensch den gleichen Zugang zu Gott und Leben hat. Für jeden steht die Tür offen. Jeder Mensch soll seinen Anteil haben am Segen Gottes. Das ist nicht Gleichmacherei, sondern Gottes Gerechtigkeit. Denn diese Stadt heisst nicht "Hier-ist-der-Mensch", sondern "Hier-ist-Gott". Und das ist etwas ganz anderes.

Jörg Niederer

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