Ein Zitat
"Die Kirche im Haus, die Verkündigenden ohne ein Haus." Grundsatz der "Namenlosen", eine christliche Sondergruppe
Entdeckt
Wahlendorf liegt am Frienisberg zwischen Wohlen bei Bern und Lyss. Gemäss methodistischen Konferenzunterlagen von 1981 soll es hier eine Kapelle gegeben haben. Bedient wurde der Predigtplatz durch die Pfarrpersonen, die in Bern-Bümpliz stationiert waren.
Nur kann sich in Wahlendorf niemand von den älteren Menschen an eine Kapelle erinnern oder an methodistische Versammlungen: "Eine Kapelle habe es hier nie gegeben." Was es dagegen hat: Einen originellen Dorfladen in der einstigen Käserei. Das Restaurant Rössli, das genau an zwei Tagen im Monat geöffnet hat. Sonst habe es nichts, auch keine Kapelle, wie mir ein Alteingesessener versichert. Vielleicht weiss ja jemand von den Leser:innen mehr über die methodistische Kapelle in Wahlendorf. Dann wäre ich froh um entsprechende Nachricht.
Dafür habe ich von einer anderen christlich-frommen Gruppe erfahren, die sich genau einmal im Jahr aus der ganzen Schweiz in Wahlendorf (und übrigens auch in Stilli bei Brugg) zusammenkommt: Sie werden die "Namenlosen" genannt, oder auch "Two-by-Twos". Eine offizielle Eigenbezeichnung haben sie nicht. Gegründent wurde diese Gemeinschaft 1897 vom Schotten William Irvine in Irland. Ihm ging es darum, das ganze kirchliche Leben an den Aussendungsreden in Matthäus 10 auszurichten. Prediger, Boten genannt, hatten keinen Besitz, und lebten bei Angehörigen der Gemeinschaft. Gemeindeglieder waren stets zu Zweit unterwegs. Man versammelte sich in Privathäusern. Fernsehen und Radio hören war verboten. Äusserlich musste man konservativ und sittlich gekleidet sein. Nur Erwachsene werden (wieder-)getauft. Auch versteht man sich als einzige Gemeinschaft, die zum Heil führt. Missioniert wird auch in anderen Kirchen, aber wenn jemand Teil der Namenlosen wird, muss er aus seiner angestammten Kirche austreten. Konsequent nur, dass man nicht mit anderen christlichen Gemeinschaften und Kirchen zusammenarbeitet. Lange war man bei den Namenlosen überzeugt, dass man direkt in der Tradition der von Jesus ausgesandten Jüngern steht. Viele wussten nichts von einer Gründerperson.
Bei den Treffen in Wahlendorf und Stilli handelt es sich wohl um die Hauptversammlungen dieser sonst recht losen Glaubensgemeinschaft.
Aktuell laufen in den USA gegen Prediger der Two-by-Twos Untersuchungen des FBI wegen sexuellen Missbrauchs an mehreren Personen. Da die Taten weiter zurückliegen, geht man aktuell nicht davon aus, dass sie zu einer Verurteilung führen werden.
Relinfo zählt die Namenlosen zu den fundamentalistischen Sondergruppen, zu denen auch die Amischen oder der Evangelische Brüderverein gezählt werden. In der Schweiz gebe es wohl etwa 500-750 Mitglieder, weltweit sind es gegen eine Million.
So bin ich, auf der Suche nach einer methodistischen Kapelle zwar nicht fündig geworden, jedoch zum ersten Mal in meinem Leben, und ausgerechnet in diesem kleinen Dorf, auf die Namenlosen gestossen.
Jörg Niederer







