Sonntag, 16. August 2026

Heilige Kühe

Ein Zitat

Kuh beim Wiederkäuen auf einer Alpweide.
Foto © Jörg Niederer
"Genauso machten es die Philister: Sie schafften zwei Kühe mit ihren Kälbern herbei. Die Muttertiere spannten sie vor den Wagen, während sie die Kälber in den Stall sperrten. Dann stellten sie die Lade des Herrn auf den Wagen, ..." Bibel: 1. Samuel 6,10-11a

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Die Bundeslade war lange Zeit das Allerheiligste in Israel. So war es besonders schlimm, als die Philister diese in einem Feldzug den Israeliten rauben konnten. Gott selbst sorgte in der Folge dafür, dass die Bundeslade den Philister kein Glück brachte und sie diese wieder los werden wollten (siehe dazu Bibel, 1. Samuel 5+6). 

Seit die Muttertierhaltung Einzug gehalten hat in der Viehwirtschaft, wissen wir wieder, wovon dieser Bibeltext redet. Versuche einmal, eine Mutterkuh auf der Weide von ihrem Kalb zu trennen! Das kann ins Auge gehen. Mütter neigen dazu, ihren Nachwuchs mit absoluter Konsequenz zu verteidigen. Untrainierte Kühe kann man auch nicht für das Ziehen eines Ochsenwagens gebrauchen. Das heisst: Die Philister haben es Gott besonders schwer gemacht, die Bundeslade wieder nach Israel zurück zu bringen. Sie wollten ihre Kriegsbeute gar nicht hergeben. 

Irgendwie ist das eine Jonageschichte. Eine Geschichte, die zeigt, dass Gott sein Ziel gegen jeden Widerstand erreichen kann. Bei Jona war es der Prophet selbst, der versuchte, Gott von seinem Ziel abzubringen. In der Bundesladengeschichte sind es die Philister, die es Gott so schwer wie möglich machten, seinen äusserst machtvollen Zauberkasten wieder ihrem Machtbereich zu entziehen. Doch die Kühe liessen lieber ihre Kälber stehen, statt sich Gott zu widersetzen. Es sind die Kühe, welche die Nachfolge höher gewichteten als die eigenen familiären Bande (siehe Matthäus 10,37!) und den eigenen Tod (siehe Matthäus 10,38-39!). Sie gaben Ihr Leben als Opfer für Gott. (Schade, dass die Kühe, obwohl sie alles richtig gemacht hatten, nicht weiter leben durften.)

Jörg Niederer

Samstag, 15. August 2026

Wasserfreude

Ein Zitat

Oben: Seehund im Tierpark Dählhölzli in Bern. Unten: Gewitterregen am Bahnhof Spiez.
Fotos © Jörg Niederer

"Es war einmal ein Mann der gung / In eines Flusser Niederung / Der Tanz der grünlich krausen Wellen / Tat seines Geistes Licht erhellen."
Kurt Schwitters (1887-1948)

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Eben noch war ich ein wenig neidisch auf die Seehunde im Tierpark Dählhölzli in Bern, die sich auf dem Grund des Beckens vor der Hitze und Sonne in Sicherheit bringen konnten, und nur gelegentlich mal kurz auftauchten und aus dem Wasser nach uns schweissgebadeten Zoobesuchenden schauten. Natürlich galt der Neid auch all den Menschen, die die Aare hinunter durch die Stadt Bern schwammen. Mangels Badehosen und bedingt durch ein anderes Ziel konnten wir uns nicht in gleicher Weise erfrischend treiben lassen.

Ein Tag später dann nach einer Beisetzungsfeier überraschte uns ein Gewitter am Bahnhof Spiez. Zum ersten Mal seit einigen Wochen spürte ich wieder Regentropfen. War das schön und erquickend. Laut den Meteorologen soll es in den kommenden Wochen wieder kühler werden und vermehrt Gewitter geben. Doch das helfe nicht, die Wasserspeicher aufzufüllen. So erzählte einer der Bergler an der Beisetzungsfeier, dass sie ein Schreiben von der Wassergenossenschaft erhalten hätten, in dem sie zum Wassersparen aufgefordert worden seien. Wassersparen wird wohl noch bis zum nächsten tagelangen Dauerregen ein bleibende Aufgabe sein. Bis es soweit ist, wird wenigstens der Schweiss weiter fliessen.

Jörg Niederer

Freitag, 14. August 2026

Das Vertriebsnetz

Ein Zitat

Einstige Predigtorte der Methodist:innen: Oben: Gehöft Ober Altenei. Unten: Bauernbetrieb Aspi.
Foto © Jörg Niederer
"Wir vergehen wie Rauch von starken Winden." Andreas Gryphius (1616-1664)

Entdeckt

Der bequeme Weg von Langnau nach Signau folgt den Flussläufen von Ilfis und Emme. Der unbequeme Weg dagegen führt auf direkterem Weg über die Emmentaler Hügel. Dabei kommt man an vielen Gehöften und Heimetli vorbei. Noch in Sichtweite von Langnau, 150 bis 200 Höhenmeter über der Talsohle, trafen sich einst Methodist:innen zu ihren Gottesdiensten in Bauernhöfen. Luftlinie sind diese Orte nur zwei, drei Kilometer von der "Mutterkirche" in Langnau entfernt. Von Langnau aus betreute die Pfarrperson auch die "Aussenstationen".

Man kann sich fragen, ob ein so dichtes Netzt an Predigtplätzen Sinn macht. Es scheint zumindest ein Bedürfnis gewesen zu sein, sonst hätte es diese abgelegenen Predigtplätze nicht gegeben. Vermutlich hätte man ohne sie viele Bauernfamilien an ihren schwer zugänglichen Orten nicht erreicht. Auch ist zu vermuten, dass solche Predigtplätze in Privathäusern auch von anderen Freikirchen im Emmental unterhalten wurden. Zumindest die Täufer trafen sich oft in abgelegenen Weilern.

1987 wurden die beiden methodistischen Predigtstandorte Altenei und Aspi aufgegeben. Das hat wohl vielfältige Ursachen gehabt. Zu vermuten ist, dass es auch im Emmental zu einer verstärkten Entfremdung der Bevölkerung von freikirchlicher Zugehörigkeit gekommen ist. Weiter wurden an vielen Orten die Wege wintersicher ausgebaut und damit die Mobilität erhöht. Auch die Grossfamilien auf den Bauernhöfen verschwanden, was das Transportproblem deutlich verringerte. Vielleicht wollte man die Pfarrpersonen entlasten. Weiter vermutet werden kann, dass das Gemeinschaftserlebnis vermehrt in Gottesdiensten mit höherer Beteiligung gesucht wurde.

Die negativen Folgen dieser Strukturbereinigung: Nähe zu und Einfluss auf die Menschen schwanden dahin. An manchen Orten sosehr, dass innerhalb von 30, 40 Jahren von der einst blühenden und vielfältigen Arbeit nur noch wenige Baudenkmäler übriggeblieben ist. So etwa auf dem kirchlichen Arbeitsfeld um Signau herum. Dazu später mehr in diesem Blog.

Der Niedergang erfolgte schleichend und unaufhaltsam. Das Alte ist vergangen, das Neue zeigt sich aktuell noch nicht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 13. August 2026

Sonnenfinsternis

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Der Höhepunkt der Sonnenfinstern vom 12. August 2026. Bis auf eine Sichel ist die Sonne vom Mond abgedeckt.
Foto © Jörg Niederer
"... bei einem Streit mit jemandem noch vor Sonnenuntergang wieder Frieden schliessen." Benediktsregel

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Grosses Theater am Abendhimmel. Kurz vor Sonnenuntergang schiebt sich der Mond zwischen Erde und Sonne. Nach einigen Minuten ist die Sonne nur noch als schmale Sichel zu sehen. Dann taucht sie abgedunkelt am Horizont weg und geht, wie man so sagt, unter.

Für einmal ist nicht der Mond "nur halb zu sehen", wie Matthias Claudius im Jahr 1779 dichtete, sondern die Sonne. Ein besonderer Tag für die Wissenschaft und für viele astronomisch Interessierte. Manche sind sogar nach Spanien gereist, um die dort vollständige Sonnenfinsternis zu beobachten.

Die Wissenschaft hat die Sonnenfinsternis entzaubert. Sie eignet sich nicht mehr für Weltuntergangs-Verheissungen. Faszinierend ist so ein seltenes Ereignis dennoch. Um es zu betrachten musste ich nicht einmal aus der Wohnung. Mir wurde die Show frei Haus geliefert. Wunderbar.

Jörg Niederer

Mittwoch, 12. August 2026

Lebendig verspeist

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Die Schlupfwespe Coleocentrus excitator auf einem Brombeerblatt.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts ist umsonst erschaffen, aber die Fliege ist nicht weit davon entfernt." Mark Twain (1835-1910)

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Darf ich vorstellen: Schlupfwespe. Weibchen von Coleocentrus excitator. Einen deutschen Namen hat das gut 23 mm lange Insekt nicht. Der Legestachel wurde bei der Grössenangabe noch nicht mitgemessen. Er ist noch einmal gut 17 mm lang. Die Schlupfwespe ist ein koinobionter Endoparasitoid. Das bedeutet, dass die Larven der Schlupfwespe lange Zeit in einem andern Tier leben, und dieses langsam von innen auffressen, aber so, dass das Wirtstier erst kurz vor Ablauf des Larvenstadiums der parasitierenden Tieres stirbt. Genau das bezeichnet das "Endo" vor dem Begriff "Parasitoid". Der Parasit bringt den Wirt langsam und schlussendlich um. Es gibt auch parasitoide Insekten, die den Wirt weiterleben lassen.

Im Fall von Coleocentrus excitator parasitiert dieser verschiedene Bockkäfer, etwa den Mulmbock, den Gelbbindigen Zangenbock, den Rothalsbock und den Braunrötlichen Spitzdeckenbock. damit reguliert Coleocentrus excitator mit seinem parasitierenden Verhalten einige Baumschädlinge. Das ist für die Bockkäfer natürlich nicht sehr schön, für die Kiefern, Fichten und Erlen jedoch schon.

Jörg Niederer

Dienstag, 11. August 2026

Tempi Passati

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"Wie traurig. Eine Hälfte der Welt glaubt nicht an Gott, die andere nicht an mich." Oscar Wilde (1854-1900)

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Oben: Das Lindenzytli in Hettiswil. Unten: Das Primarschulhaus von Hettiswil
Fotos © Jörg Niederer

Hettiswil ist ein kleines Dorf, südöstlich von Hindelbank. Wer hindurch wandert, steht irgendeinmal vor dem Lindenzytli. Der kleine Turm mit Uhr fällt auf. Seine Glocke erinnert an eine Zeit, die vor 900 Jahren begann, und in der Reformation endete, als hier ein kleines Cluniazenserpriorat stand. Nie lebten mehr als drei Mönche an diesem Ort. Heute ist nichts mehr von diesem "Gotzhus Hettiswil" zu sehen. Zwar fand die Glocke des Klosters, die vorübergehend in Solothurn ruhte, wieder als Feuerglocke ins Dorf zurück. Damit sie gut hörbar war, wurde das Lindenzytli im Dorfkern errichtet. Doch da die Glocke zersprang, ersetzte man sie durch eine neue. Auch das Lindenzytli steht nicht mehr da, wo es ursprünglich hingebaut worden war. Aufgrund des Verkehrs verschob man es zwischen 1950-1954 um zwei Meter. Heute ist das Lindenzytli Wahrzeichen von Hettiswil, und erinnert noch ein wenig an das verflossene Kloster.

All das ist Tempi Passati. Genauso, wie die Sonntagschule der Evangelisch-methodistischen Kirche im Primarschulhaus Hettiswil. Sie bestand bis 1981 als Teil der Arbeit des Kirchenbezirks Burgdorf. Sonntagschulen wurden an vielen Standorten in Schulhäusern abgehalten. Methodistische Kirchen brachten diese Form der sonntäglichen Kinderunterweisung überhaupt erst in die Schweiz. Schulen als Standorte waren ideal geeignet, kannten die Kinder doch schon den Ort und fühlten sich dort wohl. Offensichtlich entsprach dieses Angebot auch dem Bedürfnis jener Zeit. Sonntagschulen mit 100 Kindern und mehr gab es zum Beispiel in Strengelbach und an vielen anderen Orten. In meiner Anfangszeit erlebte ich noch Sonntagschulweihnachtsfeiern in einem dieser Landschulhäusern.

Heute ist es kaum möglich, als Freikirche ein solches Angebot im Schulhaus anzubieten. Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen sind religiös diverser unterwegs, wollen nicht, dass ihre Kinder in irgend einer ihnen nicht vertrauten Weise indoktriniert werden. Ein berechtigtes Anliegen. Also werden Schulräume kaum noch an Kirchen und Gemeinschaften vermietet. Selbst die Werbung an Schulen für die beliebten Kinderwochen, auch wenn die Landeskirchen beteiligt sind, wird nicht mehr gern gesehen.

So kann man nicht nur in Hettiswil sagen: Sonntagschulen in Schulhäusern sind wie das Kloster Hettiswil: Vergangenheit. Tempi Passati.

Jörg Niederer

Montag, 10. August 2026

Street Parade

Ein Zitat

Die Scheibe im Abteil eines Zugs von Bern nach Zürich war wohl von Besuchenden der Street Parade in arge Mitleidenschaft gezogen worden.
Foto © Jörg Niederer
"Together We Move" Motto der diesjährigen Street Parade

Entdeckt

Wer seine Ruhe haben möchte, fährt besser nicht während der Street Parade von Bern nach Zürich. Nicht nur, dass manche Fahrgäste allen andern im Zug ihre Songs vorführen wollten, dabei lauthals mitsangen und alkoholbedingt ihre sprachlichen Lautäusserungen nicht mehr ganz auf Zimmerlautstäre einpegeln konnten. Nein, auch der Abfall häufte sich an den unmöglichsten Orten. Von unserem Abteil aus war auch die Aussicht, wohl aufgrund von Zusammenstössen irgendwelcher harter Körperteile mit der Scheibe, doch sehr fragmentiert. Vielleicht hatte aber auch jemand nun endlich diese Hämmerchen ausprobiert, das in den Zügen die Möglichkeit des Notausstiegs sicher soll. Falls ja, so hat alles wunderbar funktioniert. 

Die zerbrochene Scheibe ergab eine ganz neue Sicht der Dinge. Oder müsste man sagen: Zum ersten Mal sah man, wie zersplittert die Welt wirklich ist. Zusammengehalten wurde die Bruchscheibe von einer dünne aufgeklebten Plastikfolie. Diese sorgte dafür, dass auch bei Druckaufbau durch entgegenkommende Züge die Scheibe nicht kollabierte. Wie ist das mit unserer Gesellschaft? Was hält diese noch zusammen?

Jörg Niederer

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