Mittwoch, 15. April 2026

Fangbaum

Ein Zitat

Ein blühender Baum, überwachsen von Efeu, steht am Osthang des Born bei Olten.
Foto © Jörg Niederer

"Ein Zeisig, der sein Nest nur eben angelegt, / Versang an einem heitern Morgen / Den Schlaf, die Bau- und Nahrungssorgen. / Ihm wuchs sein kleines Herz, / durch West und Lust erregt."
Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

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Ich hätte gesagt, es ist ein Kirschbaum. Google meint, es sei ein wilder Birnbaum. Es kann aber auch ein Apfelbaum sein. Auf dem Foto ist es nicht mehr sicher zu erkennen. Gut zu sehen ist der Efeu, der den Ästen entlang dreiviertel des Baums überwuchert hat. Nun gleicht er einem dieser riesigen Fanghandschuhe des Eishockey-Torwarts, oder auch eines Baseballspielers. Ein Biodiversitäts-Fanghandschuh. Auch als Palmwedel erscheint mir der weiss blühende Baum am Osthang des Born zwischen Olten und Aarburg. Ich stelle mir vor, dass er mir zuwinkt, während ich dem Wanderweg zum Höfli folge. In Gedanken winke ich zurück.

Jörg Niederer

Dienstag, 14. April 2026

Verewigt

Ein Zitat

Foto oben: Kritzeleien in den Kirchenbänken der Christkatholischen Stadtkirche Olten. Foto unten: Im Amtshaus Olten trafen sich einst die Methodisten zum Gottesdienst.
Fotos © Jörg Niederer
"Glaube ist kein Leistungssport." Zitat von Hans Gerni (Christkatholischer Bischof von 1986-2001) in der Stadtkirche Olten

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Vorne rechts, die ersten vier Bankreihen: Da sassen wohl die Kinder und Jugendlichen, wenn in der Kirche der Gottesdienst über die Bühne ging. Vorne rechts, die ersten vier Bankreihen: Schnitzwerk der Langeweile. Diese Form von Kreativität findet sich nicht selten in Kirchen und zeugt von einem gewissen Desinteresse an dem, was da so zelebriert wurde. Das vorliegende Beispiel-Foto (oben) wurde in der christkatholischen Stadtkirche von Olten aufgenommen, nahe dem Martin-Disteli-Altarbild zum Jüngsten Gericht. Vielleicht finden sich irgendwo eingeschnitzt auf den Bankrücken auch die Initialen F.H., sass doch hier in jugendlichen Jahren einst ein gewisser Franz Hohler. Was, wenn man erwischt wurde beim Beschädigen der Kirchenmöbel? Gab es zur Strafe Nachsitzen? Nachsitzen in einem Gottesdienst?

Standortwechsel: Amtshaus Olten (Foto unten), irgendwo in der 1. oder 2. Etage ganz hinten links. Ein relativ kleiner Raum. Hier trafen sich längere Zeit die Gemeindeglieder der Evangelisch-methodistischen Kirche zum Gottesdienst. Dort besuchte ich als Kind nach dem Gottesdienst die Sonntagschule, zusammen mit Geschwistern, Cousins und Cousinen und noch weiterem Kirchennachwuchs. Dort sassen wir also in den vorderen vier (!) Bankreihen und hörten den Geschichten von Tante Gerda und Co. zu. Auch wir kritzelten. Mangels Taschenmesser mit den Fingernägeln, mit denen wir die weichen Schichten der Jahrringe weiter einkerbten. Auch wir versuchten uns an Initialen (verräterisch) und wurden ab und zu dabei erwischt. Gab es Strafen? Ich kann mich nicht daran erinnern. Standpauken ja, aber mehr passierte nicht.

Der Kirchengutsverwalter, mein Onkel, war zwar alles andere als erfreut, man beklagte die Schäden an den Holzbänken, überlegte, was man dagegen tun könnte, und liess es dann doch auf sich bewenden. Nach dem Umzug der Kirche in eigene Räume an die Jurastrasse verschwanden die Bänke und wurden durch Stühle ersetzt. Damit waren unsere jugendlichen Meisterwerke kirchlicher Kunst verloren. Aber die Erinnerung daran wird noch einige Zeit wach bleiben bei denen, die damals dabei waren.

Jörg Niederer

Montag, 13. April 2026

Heiratskapellen-Erinnerung

Ein Zitat

In Rothrist findet sich das methodistische Gemeindezentrum Zehntenhaus (Foto oben!) unten im Dorf, dieweil die ehemalige Hölzlikapelle der methodistischen Gemeinde (Foto unten!) heute als Einfamilienhaus genutzt wird.
Fotos © Jörg Niederer
"Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und den Leben wird heiter dahinströmen." Epiktet (gest. 135 n.Chr.)

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Es war im August 1984, als sich meine Frau und ich in der Hölzlikapelle (Foto unten!) das Eheversprechen gaben und wir von Pfarrer Markus Schöni kirchlich getraut wurden. damals war ich noch Student am Theologischen Seminar in Reutlingen. Die Hölzlikapelle gehörte zu meinem kirchlichen Heimatbezirk, der aus den Gemeinden in Olten, Aarburg und Rothrist bestand. In den dazwischenliegenden 42 Jahren ist viel geschehen. Als wir 1999 nach Rothrist ins Zehntenhaus (Foto oben!) zogen, war noch das Heimatmuseum der Gemeinde Rothrist im Stockwerk über unserer Wohnung untergebracht. Die Evangelisch-methodistische Kirche hatte wenige Jahre zuvor das denkmalgeschützte Zehntenhaus erstanden und an Stelle des nicht geschützten Scheunenteils den kirchlichen Anbau neu errichtet. Nötig wurde der Gemeindeumzug, weil ein starkes Gemeindewachstum das Fassungsvermögen der Hölzlikapelle an seine Grenze brachte. Die Hölzlikapelle wurde von einem Architekten erstanden, der darin anfänglich ein Forum für allerlei esoterische Anlässe unterhielt, nicht zur Freude vieler Gemeindeglieder. Speziell war auch, dass dieser Architekt Teil der Zehntenhausgemeinde war.

Nach einigen Jahren baute der Architekt die Hölzlikapelle in ein loftähnlich gestaltetes Wohnhaus um. In den zentralen Kirchenraum wurden in einem rechteckigen, freistehenden Einbau die Nassbereiche untergebracht und die Empore wurde zum Schlafzimmer. Auch heute wohnen Menschen in diesem markanten Gebäude. Es steht nicht mehr allein auf weiter Flur. Rundherum ist eifrig gebaut worden, wobei das benachbarte Bauernhaus, in dem zeitwiese der Gemeindepfarrer wohnte, immer noch wie ein Relikt aus alten Zeiten dasteht.

Wie ist es, wenn man nach 42 Jahren wieder an dem Ort steht, an dem man sich das Jawort gegeben hat? Wie ist es, wenn dieser Ort nicht mehr Kirche ist, auch nicht mehr öffentlich zugänglich? Was mich betrifft betrübt es mich nicht. Klar, gerne würde man alte Zeiten wieder aufleben lassen. Aber im Leben verändert sich so vieles. Ich finde es schön, wenn ein sakraler Bau in anderer wohnlicher Weise weiterlebt. An der Liebe zu und der Vertrautheit mit meiner Frau hat diese Veränderung nichts geändert.

Jörg Niederer

Sonntag, 12. April 2026

Das Glockenspiel von Zofingen

Ein Zitat

Vom Stiftsturm in Zofingen erklingt immer wieder das Glockenspiel.
Foto © Jörg Niederer
"Du kannst alles auf der Welt besitzen und trotzdem der einsamste Mensch sein. Und das ist die bitterste Art von Einsamkeit. Der Erfolg hat mir weltweite Verehrung und Millionen Pfund gebracht. Aber er verunmöglichte es mir, das zu haben, was wir alle brauchen: eine liebevolle, anhaltende Beziehung." Freddie Mercury (1946-1991)

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Heute sind wir von Olten via Aarburg und Rothrist nach Zofingen gewandert. Wie wir von Osten her durch ein Tor unter dem Reformierten Kirchgemeindehaus in die Altstadt von Zofingen hineinschlenderten, hörten wir mit einem Mal das Glockenspiel vom Stiftsturm herunter. Zofingen besitzt ein Carillon, auf dem immer wieder Organist:innen live spielen. Meist aber wenn es erklingt, ist es der Abspielautomat, der die Glocken zum Schwingen bringt.

Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, und fasziniert zugehört. Speziell war, dass ich bald schon das Stück erkannte: Da wurde der Welthit "Bohemian Rhapsody" von den Queen gespielt. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich habe das Glockenspiel per Video aufgenommen. Leider verpasste ich den Anfang. Und wer die ersten Sekunden überlegt, ob ich mich mit dem Titel nicht geirrt habe, dem sei empfohlen, die Stelle bei 1:40 Minuten anzuhören.

Zum heutigen Sonntag möge euch nicht nur das Glockenspiel in freudige Stimmung versetzen, sondern auch die Ruhe erfüllen, die euch seit Anbeginn der Welt durch Gottes Liebe alle Sonntage geschenkt ist.

Jörg Niederer

Samstag, 11. April 2026

Von bunten Spechten

Ein Zitat

Buntspecht am Stamm und beim Abflug.
Foto © Jörg Niederer
"Der Specht ist bunt im Walde, das Menschenleben noch bunter."
Finnische Redensart

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Gleich noch einmal etwas über Vögel. Diesmal geht es um Spechte. Wann immer ich bis vor einigen Jahren einen bunten, schwarz-weiss-roten Specht sah, bin ich davon ausgegangen, dass es sich um einen Buntspecht handeln müsse. Bunter Specht, also Buntspecht. Irgendwie logisch, oder? Bis ich mich etwas näher mit den Spechten beschäftigte, und feststellen musste, dass es noch andere fast gleich gefärbte Spechte gibt. Ich meine den Kleinspecht und den Mittelspecht.

Beim Kleinspecht fällt es nicht schwer, zu erkennen, dass es kein Buntspecht ist. Er ist knapp etwas mehr als halb so gross wie der Buntspecht. Zu sehen bekommt man ihn eher selten.

Mittelspecht auf einem morschen Baumstamm.
Foto © Jörg Niederer
Das gilt auch für den Mittelspecht, der – und das ist nun wirklich logisch – in seiner Grösse zwischen Buntspecht und Kleinspecht angesiedelt ist. So auf Distanz ist es knifflig, Mittelspecht und Buntspecht auseinanderzuhalten. Am auffälligsten ist der schwarze Wangenstreifen, der beim Buntspecht bis zum Schnabel reicht, nicht aber beim Mittelspecht. 
Der Mittelspecht hat auch einen filigraneren Schnabel und ist daher auf morsches Holz angewiesen, anders als der Buntspecht. Letzterer ist weit verbreitet und anspruchsloser als der Mittelspecht, der wärmeliebend ist und sich gern in Wäldern mit Altholz und alten Baumbeständen aufhält. Er ist auch deshalb weniger leicht zu entdecken, weil er nur sehr selten klopft.

Bei den Fotos zu diesem Blog ist der Buntspecht gleich zweimal abgebildet. Erst sitzt er in arttypischer Haltung am Stamm, dann fliegt er davon. Der Mittelspecht hingegen sonnt sich auf dem dritten Foto zuoberst auf dem abgestorbenen Baumstumpf.

Jörg Niederer

Freitag, 10. April 2026

Das Kirchendrama von Frauenfeld

Ein Zitat

Der Wanderfalke hat Position bezogen vor dem Brutplatz der Turmfalken auf dem Turm der Stadtkirche Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Dass einer lächeln kann und immer lächeln / Und doch ein Schurke sein." William Shakespeare (1564-1616)

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Jahrelang wohnte in mehr oder weniger trauter Nachbarschaft zu Dohlen, Alpenseglern und Tauben ein Turmfalkenpaar im hoch aufragenden, neubarocken Turm der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch in diesem Jahr bezogen die geschickten Rütteljäger wieder ihre Vogel-Einzimmerwohnung. Doch dann kam vor einem Monat der Vogel auf dem Foto, und seither vollzieht sich ein kleines Drama in luftiger Höhe über der Thurgauer Kantonshauptstadt.

Wenn in der Politik von Falken gesprochen wird, so ist gerade auch der Wanderfalke dafür Vorbild. Er hält mit 320 km/h den Geschwindigkeitsrekord unter den Gefiederten und ist der natürliche Feind kleinerer Vögel ab etwa der Grösse von Tauben und Krähen. Er jagt im Sturzflug oder aus dem Hinterhalt und mit hoher Geschwindigkeit seine Beute in der Luft. Und ja, auch Turmfalken gehören in sein Beutespektrum.

Immer wenn ich nun in die Nähe der Stadtkirche komme, schaue ich hoch zur Luke, hinter der die Turmfalken wohl brüten. Gestern aber sass dort der Wanderfalke. Die beiden kleineren Turmfalken waren auch da. Sie duckten sich nicht weit entfernt in Nischen der Kirchenfassade. Ihnen war der Weg zu Nest versperrt. Da in den letzten Tagen bei der Kirche auch schon zwei Wanderfalken bei der Paarung beobachtet worden waren, kann es sein, dass diese dem Turmfalkenpaar den Nistplatz streitig machen. Es könnte aber auch sein, dass sie es auf den Turmfalken-Nachwuchs abgesehen haben. Bisher habe ich den Wanderfalken nicht dabei beobachtet können, wie er in den Nistkasten hineingeschlüpft wäre. Für die Turmfalken jedenfalls ist es gerade sehr ungemütlich. Wenn sie die Gefahr richtig einschätzen können, dann, so hoffen ich, werden sie sich einen andern Ort für ihr Brutgeschäft suchen.

Eine Chance gibt es aber auch an diesem Standort in der Stadtkirche für die schwächeren Turmfalken. Da der Wanderfalke ausschliesslich im ultraschnellen Flug jagt und nie seine Beute am Boden schlägt, sind sie auf den Mauersimsen und im bezogenen Nest relativ sicher.

Mal schauen, wie dieser Konflikt über unseren Köpfen weitergeht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 9. April 2026

Jagdglück

Ein Zitat

In den Murgauen von Frauenfeld hat der dort lebende Graureiher eine Mauereidechse erbeutet.
Foto © Jörg Niederer
"Reden wir etwa sonderbares Zeug, wenn wir behaupten, dass der Schaden eines jeden Wesens in dem besteht, was wider seine Natur geht?" Epiktet (um 50-138 n. Chr.)

Hingesehen

Nach so viel Kultur der letzten Tage hier mal wieder Natur. In den Murgauen von Frauenfeld konnte ich den dort residierenden Graureiher beobachten, wie er eine Eidechse erbeutete. So ist die Natur. Das Überleben des einen hängt vom Tod des andern ab.

Nebst diesem Graureiher konnte ich heute weitere Tiere beobachten. So ein Wanderfalke und zwei Turmfalken bei der Kirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch Dohlen flogen ein und aus. Wenig weiter dann Storch und Saatkrähen, verschiedentlich auch Tagpfauenaugen und Mauereidechsen. Weiter entdeckte ich Bunt- und Mittelspechte, hörte den Grünspecht und den Schwarzmilan. Hinzu kamen all die anderen häufigen kleinen Sänger: Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Buchfink, Rotkelchen, etc. Doch, das war ein sehr belebter Fauna-Tag in Frauenfeld.

Jörg Niederer

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