Sonntag, 19. April 2026

Eigenruhm stinkt

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Die Klosterkirche und Teile des Klosters St. Urban. Heute befindet sich hier eine Psychiatrische Klinik.
Foto © Jörg Niederer
"Der Gerechte darf sich freuen über den Herrn – bei ihm wird er seine Zuflucht suchen. Jeder darf sich rühmen, der ein ehrliches Herz hat." Bibel, Psalm 64,11

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Ich musste diesen Vers zweimal lesen. So unglaublich ist das, was hier geschrieben steht. Da heisst es nicht: "Jeder darf Gott rühmen, der ein ehrliches Herz hat." Da heisst es, "Jeder darf sich rühmen...""Eigenruhm stinkt" haben wir als Kinder gesagt. Irgendwie ist der ganze Psalm in einer verqueren Logik geschrieben.

David, dem dieser Psalm zugeschrieben wird, war ja nicht gerade ein Engel. Dass er seinen Feinden die göttliche Rache an den Hals wünschte, mag aus menschlicher Sicht verständlich sein. Aber müsste er sich da nicht auch ein bisschen an der eigenen Nase nehmen? Dass es ihm letztlich – es sind ja die letzten Worte des Psalms – um seinen eigenen Ruhm geht, ist nun aber wirklich der Gipfel der Unverschämtheit. Der Psalm offenbart überdeutlich die Abgründe im Herzen des Beters. So wird Gott nicht geehrt. Er wird darin aufgefordert, Handlanger der eigenen Wünsche zu werden.

Das Beste, was dieses Gebet zeigt, ist: So total eigensüchtig und falsch dürfen wir mit Gott reden. Er hört uns ab, wie eine Mutter ihre frustrierten Kinder.

Jörg Niederer

Samstag, 18. April 2026

Die Trauer-Rosenkäfer und die Pollen

Ein Zitat

Drei Trauer-Rosenkäfer auf einer Löwenzahnblüte sind ganz vertieft ins Fressen von Blütenpollen.
Foto © Jörg Niederer
"Möge die ganze Welt glücklich sein." Aus einem Hindugebet

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Sie sind vom Blütenstaub gelb überzuckert und in einem wahren Fressrausch, die drei Trauer-Rosenkäfer auf der Löwenzahnblüte. Es ist das zweite Mal, dass ich diesen potentiell gefährdeten Käfer fotografieren konnte. Das erste Mal fand ich ihn Mitte Mai 2024 auf einer Wildblumenwiese der Propstei Wislikofen (AG) (siehe Foto unter dem Beitrag vom 14.05.2024).

Fast einen Monat früher nun entdeckte ich etwa 20 Oxythyrea funesta auf einer lichten und stark sonnenbeschienenen Waldrandstelle direkt am Wanderweg bei Burgstelle nahe Pfaffnau (LU). Diese Käfer werden in den letzten 15 Jahren vermehrt bei uns und in Süddeutschland aufgefunden. Ihre eigentliche Heimat ist der Mittelmeerraum. Der Klimawandel begünstig offensichtlich ihre Ausbreitung auf die Alpennordseite. Die hübschen Trauer-Rosenkäfer sind ausgewachsen unverwechselbar. Mit ihren weissen Punkten auf schwarzem Grund sehen sie recht hübsch aus. In der Form gleichen sie dem häufigeren Goldglänzenden Rosenkäfer. Das Larvenstadium verbringen sie als bis zu 3 cm lange Engerlinge im Boden. In diesem Stadium kann man sie mit anderen Engerlingen verwechseln. Dann fressen sie Wurzelwerk. Als Käfer lieben sie Blütenpollen. Auf dem Foto sieht man beim Trauer-Rosenkäfer ganz rechts im Bild auch die starke Behaarung. Diese wird im Verlauf der weiteren Nahrungssuche und beim Kriechen durch enge Spalten abgeschabt und geht verloren. Bei den anderen beiden Käfer hat die "Rasur" bereits lichte Stellen hinterlassen.

Trauer-Rosenkäfer fliegen von Mai bis Juli und können folglich noch einige Zeit beobachtet werden. Dass sie bereits Mitte April anzutreffen sind, deutet darauf hin, dass sie sich den wärmeren Umständen im Schweizer Mittelland angepasst haben. Nahrung ist mit der Löwenzahn- und Rapsblüte jedenfalls im Überfluss vorhanden.

Leider ist der Käfer in der Schweiz nicht geschützt und gilt des Pollenfrasses wegen als Schädling in Obstbau. Besonders aber die Larven gelten als sehr schädlich für die Landwirtschaft. Für viele Vögel sind sie aber lebenswichtige Grundlage bei der Aufzucht der Jungen.

Jörg Niederer

Freitag, 17. April 2026

Die Waldgrille

Ein Zitat

Die etwa 4 mm lange Larve einer Waldgrille in ihrem Biotop im abgestorbenen Laub bei Langnau bei Reiden (LU) auf etwa 500 m.ü.M. am Nordabhang des Heuberibergs.
Foto © Jörg Niederer
"er hat vil hummeln, mucken, tauben, meusz oder grillen im kopff" Zitat aus Sebastian Frank (1654-1731), "Sprichwörter"

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Da bin ich nun schon beinahe 67 Jahre auf dieser Welt, doch dieses bei uns in der Schweiz häufige Insekt habe ich gestern zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Und das kam so: Beim Austreten im Wald, in den dabei vergehenden Sekunden hat man die Zeit und Musse, dem Detail mehr Beachtung zu schenken. Und so fielen mir am Boden im Laub nebst Ameisen auch Tierchen auf, die kurz still dasassen, um dann blitzschnell zu verschwinden. Erst dachte ich an Mücken – ich sehe je nach Distanz auch mit Gleitschichtbrille nicht immer klar, – doch dann, hinuntergebeugt, merkte ich, dass es sich um winzig kleine Grillen handeln musste. Immer, wenn ich versuchte, mit der Kamera und dem Makroobjektiv sie abzulichten, geschah das Gleiche. Ich fotografierte wunderbar zerfallendes Laub aus dem Vorjahr, aber von den Grillen war darauf nichts zu sehen. So hüpften sie mir bestimmt zwanzigmal aus dem Foto, und ich kann von Glück sagen, dass ich wenigstens eine dieser 4 mm kleinen Larven hier zeigen kann. In welchem Larvenstadium sich die Waldgrillen befinden, weiss ich nicht. Da es an dieser Stelle unzählige dieser Tierchen hatte, könnten es erst kürzlich geschlüpfte Nemobius Sylvestris, so der wissenschaftliche Namen, sein. Sie kommen im Laubwäldern an warmen Stellen vor und verstecken sich im abgestorbenen Laub. Dort überwintern auch die Eier, genauso wie im darauffolgenden Winter die Larven im 6. Entwicklungsstadium. Sie brauchen konstante Temperaturen nicht unter -1 °C und nicht über 25 °C. Feucht sollte es sein, und gute Versteckmöglichkeiten aufweisen.

Ausgewachsene Waldgrille werden max. 1,3 cm lang und sind daran zu erkennen, dass sie ein Längslinie über den Hinterleib aufweisen und am Kopf eine w-förmige weisse Zeichnung, die durch zwei weitere Linien ergänzt nach einem Fünfeck aussieht. Die Flügel bleiben unvollständig. Die Waldgrille kann nicht fliegen aber nutzt die Flügel um zu zirpen.

Wer noch mehr wissen möchte über dieses heimliche Insekt kann hier weiterlesen.

Ich jedenfalls hatte gestern, schon allein dieser Entdeckung wegen einen ausgesprochen interessanten, guten Tag.

Jörg Niederer

Donnerstag, 16. April 2026

Der Türtisch

Ein Zitat

Verwitterte Haustür an einem alten Schindelhaus.
Foto © Jörg Niederer
"Gebet eines Skeptikers / Gott, – wenn du bist, – errette aus dem Grabe / Meine Seele, – wenn ich eine habe." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

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Hier wieder einmal eine Leseprobe aus dem Buch: 20/21 Synchron - Ein Lesebuch zur Literatur der mehrsprachigen Schweiz von 1920 bis 2020, Zürich 2022. Diesmal ein Auszug aus den Möbelgeschichten von Tim Krohn (*1965).

"Im Schlafzimmer meiner Nona stand ein Tisch, der aus einer Tür gemacht war. Sie sagte immer: 'Das ist mein liebstes Stück, alles dürft ihr weggeben, aber nicht diesen Tisch.' Schliesslich fragte ich: 'Nona, was findest du daran? Es ist doch nur ein oller Tisch.' Sie lächelte verschmitzt. 'Leg dich drunter.' Ich kroch unter den Tisch und legte mich hin. 'Sieh hoch, jetzt führt die Tür direkt in den Himmel. Wenn ich tot bin, bahrt ihr mich darunter auf, und ich komme direkt ins Jenseits. So können wir uns den Pfarrer sparen.' Sie war wirklich so klein, dass sie unter den Tisch gepasst hätte. Aber wir bahrten sie dann doch auf dem Tisch auf, und der Pfarrer kam auch. Daran, dass sie in den Himmel kam, gab es sowieso keinen Zweifel."

Jörg Niederer

Mittwoch, 15. April 2026

Fangbaum

Ein Zitat

Ein blühender Baum, überwachsen von Efeu, steht am Osthang des Born bei Olten.
Foto © Jörg Niederer

"Ein Zeisig, der sein Nest nur eben angelegt, / Versang an einem heitern Morgen / Den Schlaf, die Bau- und Nahrungssorgen. / Ihm wuchs sein kleines Herz, / durch West und Lust erregt."
Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

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Ich hätte gesagt, es ist ein Kirschbaum. Google meint, es sei ein wilder Birnbaum. Es kann aber auch ein Apfelbaum sein. Auf dem Foto ist es nicht mehr sicher zu erkennen. Gut zu sehen ist der Efeu, der den Ästen entlang dreiviertel des Baums überwuchert hat. Nun gleicht er einem dieser riesigen Fanghandschuhe des Eishockey-Torwarts, oder auch eines Baseballspielers. Ein Biodiversitäts-Fanghandschuh. Auch als Palmwedel erscheint mir der weiss blühende Baum am Osthang des Born zwischen Olten und Aarburg. Ich stelle mir vor, dass er mir zuwinkt, während ich dem Wanderweg zum Höfli folge. In Gedanken winke ich zurück.

Jörg Niederer

Dienstag, 14. April 2026

Verewigt

Ein Zitat

Foto oben: Kritzeleien in den Kirchenbänken der Christkatholischen Stadtkirche Olten. Foto unten: Im Amtshaus Olten trafen sich einst die Methodisten zum Gottesdienst.
Fotos © Jörg Niederer
"Glaube ist kein Leistungssport." Zitat von Hans Gerni (Christkatholischer Bischof von 1986-2001) in der Stadtkirche Olten

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Vorne rechts, die ersten vier Bankreihen: Da sassen wohl die Kinder und Jugendlichen, wenn in der Kirche der Gottesdienst über die Bühne ging. Vorne rechts, die ersten vier Bankreihen: Schnitzwerk der Langeweile. Diese Form von Kreativität findet sich nicht selten in Kirchen und zeugt von einem gewissen Desinteresse an dem, was da so zelebriert wurde. Das vorliegende Beispiel-Foto (oben) wurde in der christkatholischen Stadtkirche von Olten aufgenommen, nahe dem Martin-Disteli-Altarbild zum Jüngsten Gericht. Vielleicht finden sich irgendwo eingeschnitzt auf den Bankrücken auch die Initialen F.H., sass doch hier in jugendlichen Jahren einst ein gewisser Franz Hohler. Was, wenn man erwischt wurde beim Beschädigen der Kirchenmöbel? Gab es zur Strafe Nachsitzen? Nachsitzen in einem Gottesdienst?

Standortwechsel: Amtshaus Olten (Foto unten), irgendwo in der 1. oder 2. Etage ganz hinten links. Ein relativ kleiner Raum. Hier trafen sich längere Zeit die Gemeindeglieder der Evangelisch-methodistischen Kirche zum Gottesdienst. Dort besuchte ich als Kind nach dem Gottesdienst die Sonntagschule, zusammen mit Geschwistern, Cousins und Cousinen und noch weiterem Kirchennachwuchs. Dort sassen wir also in den vorderen vier (!) Bankreihen und hörten den Geschichten von Tante Gerda und Co. zu. Auch wir kritzelten. Mangels Taschenmesser mit den Fingernägeln, mit denen wir die weichen Schichten der Jahrringe weiter einkerbten. Auch wir versuchten uns an Initialen (verräterisch) und wurden ab und zu dabei erwischt. Gab es Strafen? Ich kann mich nicht daran erinnern. Standpauken ja, aber mehr passierte nicht.

Der Kirchengutsverwalter, mein Onkel, war zwar alles andere als erfreut, man beklagte die Schäden an den Holzbänken, überlegte, was man dagegen tun könnte, und liess es dann doch auf sich bewenden. Nach dem Umzug der Kirche in eigene Räume an die Jurastrasse verschwanden die Bänke und wurden durch Stühle ersetzt. Damit waren unsere jugendlichen Meisterwerke kirchlicher Kunst verloren. Aber die Erinnerung daran wird noch einige Zeit wach bleiben bei denen, die damals dabei waren.

Jörg Niederer

Montag, 13. April 2026

Heiratskapellen-Erinnerung

Ein Zitat

In Rothrist findet sich das methodistische Gemeindezentrum Zehntenhaus (Foto oben!) unten im Dorf, dieweil die ehemalige Hölzlikapelle der methodistischen Gemeinde (Foto unten!) heute als Einfamilienhaus genutzt wird.
Fotos © Jörg Niederer
"Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und den Leben wird heiter dahinströmen." Epiktet (gest. 135 n.Chr.)

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Es war im August 1984, als sich meine Frau und ich in der Hölzlikapelle (Foto unten!) das Eheversprechen gaben und wir von Pfarrer Markus Schöni kirchlich getraut wurden. damals war ich noch Student am Theologischen Seminar in Reutlingen. Die Hölzlikapelle gehörte zu meinem kirchlichen Heimatbezirk, der aus den Gemeinden in Olten, Aarburg und Rothrist bestand. In den dazwischenliegenden 42 Jahren ist viel geschehen. Als wir 1999 nach Rothrist ins Zehntenhaus (Foto oben!) zogen, war noch das Heimatmuseum der Gemeinde Rothrist im Stockwerk über unserer Wohnung untergebracht. Die Evangelisch-methodistische Kirche hatte wenige Jahre zuvor das denkmalgeschützte Zehntenhaus erstanden und an Stelle des nicht geschützten Scheunenteils den kirchlichen Anbau neu errichtet. Nötig wurde der Gemeindeumzug, weil ein starkes Gemeindewachstum das Fassungsvermögen der Hölzlikapelle an seine Grenze brachte. Die Hölzlikapelle wurde von einem Architekten erstanden, der darin anfänglich ein Forum für allerlei esoterische Anlässe unterhielt, nicht zur Freude vieler Gemeindeglieder. Speziell war auch, dass dieser Architekt Teil der Zehntenhausgemeinde war.

Nach einigen Jahren baute der Architekt die Hölzlikapelle in ein loftähnlich gestaltetes Wohnhaus um. In den zentralen Kirchenraum wurden in einem rechteckigen, freistehenden Einbau die Nassbereiche untergebracht und die Empore wurde zum Schlafzimmer. Auch heute wohnen Menschen in diesem markanten Gebäude. Es steht nicht mehr allein auf weiter Flur. Rundherum ist eifrig gebaut worden, wobei das benachbarte Bauernhaus, in dem zeitwiese der Gemeindepfarrer wohnte, immer noch wie ein Relikt aus alten Zeiten dasteht.

Wie ist es, wenn man nach 42 Jahren wieder an dem Ort steht, an dem man sich das Jawort gegeben hat? Wie ist es, wenn dieser Ort nicht mehr Kirche ist, auch nicht mehr öffentlich zugänglich? Was mich betrifft betrübt es mich nicht. Klar, gerne würde man alte Zeiten wieder aufleben lassen. Aber im Leben verändert sich so vieles. Ich finde es schön, wenn ein sakraler Bau in anderer wohnlicher Weise weiterlebt. An der Liebe zu und der Vertrautheit mit meiner Frau hat diese Veränderung nichts geändert.

Jörg Niederer

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