Samstag, 12. September 2026

Wer will schon betteln?

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Berufsreisende in der Stosszeit im Hauptbahnhof Bern.
Foto: © Jörg Niederer
"'Sie faule, verbummelte Schlampe', / Sagte der Spiegel zur Lampe. / 'Sie altes, schmieriges Scherbenstück', / Gab die Lampe dem Spiegel zurück. / Der Spiegel in seiner Erbitterung / bekam einen ganz gewaltigen Sprung." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Entdeckt

Ich warte an der Haltestelle auf den Anschluss für die Weiterreise, da fragt mich eine hektisch herumeilende Frau, ob ich ihr für die Notschlafstelle 10 Franken hätte. Während ich zum Portemonnaie greife, und der Bettlerin fünf Franken gebe, beobachtet eine ältere Dame dies mit Argusaugen. Die bettelnde Frau hackt nach, ob ich nicht noch weitere fünf Franken hätte. Dann eilt sie weitere zu einer andern Person und dann zu dieser älteren Dame, welche uns beobachtet hat. Dort kommt sie aber an die Falsche. Nicht nur gibt die Dame ihr nichts, sondern ruft der davoneilenden Frau nach, sie müsse halt arbeiten gehen.

Ich spreche die ältere Dame an: "Haben Sie noch nie gebettelt? Machen Sie es einmal, das ist gar nicht so einfach, das ist demütigend." Die Dame entgegnet, sie hätte ein Leben lang gearbeitet, damit sie nicht betteln müsse. "Betteln ist auch arbeiten", entgegne ich. "Wissen sie, dass Heinrich Bullinger, der Nachfolger von Reformator Zwingli, sich sein Studiengelt zusammenbettelt musste." Die ältere Dame beton noch einmal, dass sie das nicht nötig habe, und dass jeder und jede den Lebensunterhalt selbst erwirtschaften müsse. Sie sei nie jemandem etwas schuldig geblieben. "Sie mussten noch nie die Hilfe anderer in Anspruch nehmen?", frage ich. "Ich bin nicht zu dem geworden, ohne die Vielen, die mir in meinem Leben geholfen haben. Kein Mensch kommt aus ohne dass ihm andere helfen. Auch sie wären heute nicht da ohne die Pflege ihrer Eltern, ohne die Lehrerinnen und Lehrer, ohne das Spitalpersonal. Wir alle brauch einander und kommen nicht immer allein zurecht." Zwischenzeitlich hören die anderen Wartenden unserem Gespräch zu. Die Dame gibt widerwillig zu, dass wir ohne andere Menschen nicht leben könnten. Dann schweigt sie, und auch ich fahre nicht weiter fort mit meiner Strassenpredigt.

Was ich dort bei der Haltestelle nicht gesagt habe: Auch in meiner Familie gibt es Personen, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens betteln mussten. Sicher hatten sie sich zum Teil selbst in diese Situationen manövriert. Aber da war auch das Schicksal und viel Pech. Jedenfalls kenne ich keinen Frau und keinen Mann, die von sich sagen würden, dass sie gerne betteln. Daran denke ich jeweils, wenn mich jemand fragt, ob ich ihm etwas Kleingeld habe. Betteln ist keine angesehene Arbeit. Aber es ist gerade deshalb Arbeit.

Jörg Niederer

Freitag, 11. September 2026

Bahnfahrterlebnisse

Ein Zitat

Jugendliche auf dem Hauptbahnhof Zürich, einer trägt eine Krone auf dem Kopf.
Foto: © Jörg Niederer
"Denn woher [kommt] diese noch so allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Verfinsterung der Köpfe bei allem Licht, das Philosophie und Erfahrung aufsteckten?" Friedrich Schiller (1759-1805)

Entdeckt

Mitunter Seltsames ereignet sich, wenn man sich in der Zürcher Bahnhofshalle in ein Café setzt. Meist geht es keine 20 Minuten, bis etwas geschieht, das den normalen Bahnalltag durchbricht. So wie bei diesem Jugendlichen auf dem Foto, der in einer grossen Selbstverständlichkeit und nicht etwa am Dreikönigstag mit Krone auf dem Haupt vorüber schlenderte.

Gestern begab sich anderes Kurioses und zugleich Verstörendes, als ich am frühen Morgen in Frauenfeld in den bereits gut besetzten Zug nach Winterthur stieg. Schon beim Einstieg war das Gedränge von einer gewissen Ungeduld der Reisenden geprägt. Da drängten einige hinein, noch bevor die, welche den Zug verlassen wollten, ihm alle entstiegen waren. Irgendwie fand ich den Weg zu den Abteilen, suchte mir eines aus, in dem eine muslimische Frau mit Kopftuch alleine sass und auf ihrem Notebook arbeitete. Höflich fragte ich sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe, da drängte sich eine andere weiblich gekleidete Person durch den schmalen verbliebenen Raum zwischen Abteil und mir just auf den Platz, den ich anvisiert hatte. Schon draussen war sie mir unter anderen Reisenden als Transperson aufgefallen.

Nun, ich gab mich in mein Schicksal, und setzte mich halt ins gegenüberliegende Abteil zu zwei Frauen. Kaum hatte ich mich gesetzt, also gerade einmal zwei Sekunden später, geschah das Seltsame. Die Transperson schaute erstmals die Frau an, der sie nun schräg Vis-à-vis sass, erkannte diese als Muslima, sprang wie von der Tarantel gestochen auf und eilte in ein Abteil mit anderen, ihr wohl genehmeren Menschen.

Die Muslima und ich schauten uns verwundert und amüsiert an.

Was also war geschehen. Eine Person aus einer oft diskriminierten Minderheit wollte nicht am selben Ort sitzen, an dem eine andere Person aus einer anderen, oft diskriminierten Minderheit sass. Nicht nur kam die Transperson bei mir durch ihr Vordrängeln nicht gerade sympathisch herüber, sondern sie war auch noch von Vorurteilen geplagt, und sich nicht zu schade, diese durch ihr Verhalten deutlich sichtbar zu zeigen.

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Später erzählte ich von diesem Erlebnis in einer Tischrunde. Da meinte eine der Frauen, die lange in einem sozialen Brennpunkt in Zürich gearbeitet hatte: "Das kenne ich. Bei uns wollten die Alkoholiker auch nicht bei den Drögelern am selben Tisch sitzen."

Vorurteile plagen alle Menschen. Besonders traurig finde ich es, wenn diese zwischen sonst schon benachteiligten Randgruppen der Gesellschaft zelebriert werden. Statt dass man die Chance ergreift, gemeinsam sich besser zu positionieren, ebnet man anderen einflussreicheren Kreisen den Weg zu mehr Macht. So kann es geschehen, dass die Mehrheit in Kantonsparlamenten den Töchtern von Muslimas vorschreibt, wie sie in der Schule gekleidet sein müssen. Und wiederum andere Mehrheiten in Parlamenten streichen die Sozialhilfe zusammen, um für Landesverteidigung mehr finanzielle Mittel freizusetzten. Es soll ja sicher nicht denen gegeben werden, die schon nichts haben oder darauf angewiesen sind; die auch gar nicht damit vernünftig umgehen können und überhaupt nicht zu uns guten Bürger:innen passen.. So verwehrt man dringend benötigte Mittel für Frauenhäuser, für die "selbstverschuldeten" Randständigen, oft "Sozialschmarotzer" genannt, für diskriminierte und marginalisierte Menschen.

Da kommt mir eine andere, jüngst erlebte Geschichte in den Sinn von einer Frau, die einer anderen in aller Öffentlichkeit nachrief, sie solle halt arbeiten. Diese Geschichte werde ich dann im morgigen Blog erzählen.

Jörg Niederer 

Donnerstag, 10. September 2026

Wil mit Schloss

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Schlosswil. Rechts das Schloss Wyl, das dem Dorf den Namen gibt.
Foto: © Jörg Niederer
"Es rentiert nicht, aber es lohnt sich" Matthias Steinmann zum Erwerb und Unterhalt von Schloss Wyl

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Einst siedelten hier die Römer. Heute steht
das Dorf Schlosswil auf der Seitenmoräne des eiszeitlichen Aargletschers. Seit 1146 befand sich hier das Stammland der im 15. Jahrhundert ausgestorbenen Freiherren von Wiler. Von 1812 bis 2010 wirkte 
im später weiter ausgebauten Schloss die Behörde des Amtsbezirks Konolfingen. Seit 2011 kümmert sich die "Steinmann Stiftung Schloss Wyl" von Matthias Steinmann und seiner Firma Berakom um das Anwesen.

Der Stiftungszweck sieht allerlei Aufgaben bei der Verwaltung des Schlosses vor. Angeboten werden in den historischen Räumen Standesamtliche Trauungen, Hochzeitsfeiern, Anlässe von Behörden und Privaten, Vorträge und Lesungen, Seminarien, Workshops, Ausstellungen, besondere Aktivitäten für Schulen, Konzerte, Führungen, Theater und mehr.

Den rund 700 Bewohner:innen vom Ort Schlosswil scheinen die neuen Besitzverhältnisse zu passen. Die eigene Selbständigkeit als politische Gemeinde hat man vor einigen Jahren aufgegeben. Aufgrund einer Volksabstimmung fusionierten Grosshöchstetten und Schlosswil am 1. Januar 2018.

Wäre ich nicht auf meiner Kapellentour unterwegs, ich wäre wohl nie an diesen idyllischen Ort mit dem weitherum sichtbaren Schloss gekommen. Das Wandern abseits der breiten Massen hat halt auch seinen Reiz.

Jörg Niederer

Mittwoch, 9. September 2026

Standortwahl

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Oben: Die Markuskapelle in Worb wird seit 2025 nicht mehr von den Methodist:innen genutzt. Unten: Die ehemalige Kapelle der Methodist:innen in Münsingen steht nahe dem Bahnhof.
Fotos: © Jörg Niederer
"Wir haben traurige Leute. Wir haben enttäuschte Leute. Aber wir haben keine wütenden Leute mehr getroffen. Diejenigen, die mit auf den Weg gingen, können es verstehen und schweren Herzens akzeptieren. Das ist viel, dafür bin ich dankbar." Esther Bayer zur Beendigung der kirchlichen Arbeit in Worb.

Entdeckt

Fahren wir gleich fort mit der Vorstellung ehemaliger evangelisch-methodistischer Kapellen. Erwandert habe ich sie schon 29. August, und damit zeitlich der Etappe vorgezogen, die am vergangenen Montag von Bowil nach Schlosswil führte (siehe Beitrag vom 8. September 2026!).

Sowohl in Worb wie auch in Münsingen sind mir die ausgezeichneten Standorte der Kapellen und Liegenschaften wieder einmal aufgefallen. In Münsingen ist das Migros-Einkaufszentrum in direkter Nachbarschaft und zur Badi geht es nur unwesentlich weiter. In Münsingen, übrigens auch in Belp und Grosshöchstetten, befinden sich die Kapellen direkt beim Bahnhof. Die Kapelle Langnau ihrerseits befindet sich neben einem grossen Autoparkplatz. All das sind Standortvorteile. Man sollte meinen, dass dies einer Kirchgemeinde deutlich dabei hilft, Menschen auf die hilfreiche und motivierende Botschaft der Bibel aufmerksam zu machen und Gemeinschaft zu leben.

Doch Standortvorteil ist nicht alles. Das sieht man, wenn man Gemeinden anschaut wie die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) Breitenegg (Siehe Beitrag vom 27. Juli 2026). Man kann sich kaum einen remoteren Ort für eine lebendige Kirchgemeinde vorstellen.

Wie gut gelegen die beiden Kapellen in Worb und Münsingen sind, zeigt sich auch daran, dass wieder christliche Gemeinden dort wirken. In Worb ist es die Bewegungplus, in Münsingen die Freie Bibelgemeinde.

In Münsingen finden seit 2008 keine methodistischen Gottesdienste mehr statt. Das hat aber nichts daran geändert, dass gleich dreimal die methodistischen Tagungen der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika an diesem Ort durchgeführt wurden, nämlich in den Jahren 2010, 2012 und 2016.

In Worb wurde die Gemeindearbeit in der Markuskapelle erst gerade 2025 eingestellt. Einen einfühlsamen Bericht dazu findet man auf der Webseite der EMK Schweiz.

Jörg Niederer

 


Dienstag, 8. September 2026

Kapellenverwandlung

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Oben: Die vermutlich ehemalige Kapelle der Methodisten in der Längenei bei Bowil ist heute ein Einstellraum. Unten: Die einstige methodistische Kapelle in Grosshöchstetten ist immer noch mit einem beschrifteten Schaukasten versehen.
Fotos: © Jörg Niederer
"Werden also nicht zu Recht die glücklich genannt, die nichts brauchen?" Platon (428-348 v. Chr.)

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In den Konferenzverhandlungen 2003 der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) ist der Eintrag zur Kapelle in der Längenei verschwunden, was darauf schliessen lässt, dass im Übergang von 2002 auf 2003 dort die Gottesdienste eingestellt wurden.

Anders sieht es mit der einstigen Kapelle in Grosshöchstetten aus. Die Konferenzverhandlungen listen ab 2008 nicht mehr die Predigt- und Sonntagschulplätze auf, sondern nur noch die Liegenschaften im Eigentum der EMK. Damit kann ich mit meinen aktuell zur Verfügung stehenden Mitteln nicht sagen, wann nach 2008 die Aktivitäten der EMK in Grosshöchstetten endeten. Im Verlauf der Konferenzaufzeichnungen wechselten schon früher die Bezeichnungen dieses Versammlungsorts von "Kapelle" zu "Säli". Warum? Vielleicht empfand man das Versammlungshaus nicht mehr als Kapelle. Das unterhalb des Bahnhofs gelegene Gebäude ist ja auch eher ein Wohnhaus denn ein Sakralbau. Vielleich wechselte aber auch das Haus den Besitzer, wobei die Gottesdienste am Ort noch einige Jahre weitergingen. Dass es sich um den einstigen Versammlungsort handelt, steht ausser Zweifel. Noch immer steht der mit dem Kirchennamen versehene Anschlagkasten vor dem Haus.

Weniger sicher bin ich bei der Kapelle in der Längenei. In diesem Weiler am Dürrbach gelegen, südlich von Bowil, hat nur das auf dem Foto oben abgebildete Gebäude entfernt den Charakter einer einfachen Holzkapelle ohne Türmchen. Heute ist es ein Einstellraum oder eine Werkstätte. Das Schiebetor an der Seite scheint nachträglich angebracht worden zu sein. Beim überdachten Eingang weisst ein Schild auf die sich aussen angebaute Toilette hin.

Falls es wirklich die methodistische Kapelle war, was ich annehme, so zeigt sich ein weiteres Merkmal. Solche Kapellen waren oft einfach errichtete Holzgebäude im Stil eines länglichen Schopfs. Das Gebäude musste ja auch nur seinen Zweck erfüllen. Dafür reichte ein Dach über dem Kopf, eine Toilette und vielleicht noch eine einfache Heizmöglichkeit.

Sowohl die EMK-Standorte Grosshöchstetten wie auch Längenei wurden von Signau aus bedient. Von den neun Wirkorten des Arbeitsfeldes waren Grosshöchstetten und Längenei nebst Signau die beiden mit einem kircheneigenen Gebäude. An den sechs anderen Orten versammelte man sich in angemieteten öffentlichen Gebäuden, z.B. Schulhäusern, oder dann bei Privatpersonen zuhause, z.B. auf Bauernhöfen (siehe Beiträge vom 25. August und 26. August 2026!).

Jörg Niederer

Montag, 7. September 2026

Der Muni von Vielbringen

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Ein Muni der hornlosen Fleckvieh-Simmental-Zucht. Sie ist ideal geeignet für die Mutterkuhhaltung.
Foto: © Jörg Niederer
"Kracht die Kuh durchs Scheunendach, wollt' sie wohl den Schwalben nach." Bauernregel

Entdeckt

In Vielbringen, einem abgelegenen Ortsteil von Muri, hält ein Bauer nebst einer Muttertierherde auch den passenden Stier dazu. In diesem Fall ist es wohl eine hornlose Variante des Fleckviehs Simmental. Das ist schon ein beachtlicher Brocken, der da in seiner Herde für Ordnung und Nachwuchs sorgt.

Der Zuchtstier in Vielbringen wird seinen Kühen wohl "viel bringen". Gut, das Wortspiel ist nicht so der Brüller. Zudem hat die Ortsbezeichnung rein gar nichts mit "viel" und "bringen" zu tun, sondern seine Wurzeln im Alemannischen und bedeutet: "bei den Leuten des Vilmar".

Und wenn wir schon dabei sind. In der Schweiz werden die Zuchtbullen oder -stiere auch "Muni" genannt. Vermutlich handelt es sich dabei um ein lautmalerische Wort. So wie beim Vogel, dem wir Kuckuck sagen. Der ruft Kuckuck. Entsprechend wird das Tier, das "muht", Mu(h)ni genannt. Dass auch die Kühe muhen, führt aber nicht dazu, dass man bei ihnen wie beim Muni verfährt. Die Kuh nennt man so in Anlehnung an die indogermanischen Ursprungsbezeichnung für "Rind". Und doch ist auch da Lautmalerisches zu vermuten. "Muh" und "Kuh" klingen zu ähnlich.

Jörg Niederer

Sonntag, 6. September 2026

Hinter der Mauer

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Wieder einmal: Abendrot am Hauptbahnhof Zürich.
Foto: © Jörg Niederer
Gott spricht zu Ezechiel vom Tempel her: "Du Mensch, das ist der Ort, an dem mein Thron steht. Hier ruhen auch meine Füße. Hier will ich für immer unter den Israeliten gegenwärtig sein. Das Haus Israel wird meinen heiligen Namen nicht mehr unrein machen – weder durch Hurerei noch durch die Leichen von Königen, die sie an Kultplätzen ablegen. Das gilt für die Israeliten und ihre Könige. Sie bauten ihre Wohnungen direkt neben meine. Nur eine Wand trennte uns. Durch die Schandtaten, die sie begingen, machten sie meinen heiligen Namen unrein." (Bibel: Ezechiel 43,7b-8a)

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Verdichtetes Bauen nennt man das, wenn man den Raum möglichst optimal ausnutzt und Haus an Haus setzt, nur mit einer Mauer dazwischen. Was Gott durch Ezechiel daran beanstandete, war, dass auf der einen Seite der Mauer Menschen Elend bewirkten, während es auf der anderen Seite heilig zu und her gehen sollte. 

Tracy Chapman singt im Lied "Behind the Wall" davon, wie sie nachts durch ihre Wohnungsmauer hindurch aus der Nachbarswohnung Schreie hört, und wie sie nicht mehr die Polizei ruft, welche, wenn sie komme, erst spät komme. Und helfen wolle die Polizei nicht, weil sie nicht einschreiten dürfe bei einer privaten Streiterei zwischen einem Mann und seiner Frau. Eine weitere, schlaflose Nacht für die Sängerin.

Als Christ:innen möchten wir möglichst nahe bei Gott leben, Tür an Tür. Aber wenn durch die Tür hindurch Schreie der Menschen zu Gott dringen, die von uns vergessen, geschlagen, verlacht und verachtet werden, dann findet Gott keine Ruhe in der Nacht dieser Welt. Wen wundert es, dass Ezechiel davon spricht, wie Gott nicht mehr Mauer an Mauer mit den Jerusalemer leben wollte. Was Gott wolle sei, dass ganz Jerusalem ein Tempel Gottes sei. Die Menschen sollen sich nicht hinter einer Mauer vor Gott verstecken, sondern im Angesicht Gottes leben, heilig, wie Gott selbst heilig ist (Bibel: 1. Petrus 1,16), in seinem "hochheiligen" Tempelbezirk (Bibel: Ezechiel 43,12).

Einmal mehr frage ich mich: Verstecke ich mich vor Gottes Unmittelbarkeit, wie hinter einer Mauer? Bin ich ein Tempel des Heiligen Geistes (Bibel: 1. Korinther 6,19)? Lebe ich in Abgrenzung zu Gott oder in Übereinstimmung mit seinem Willen und seiner Liebe?

Jörg Niederer

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