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Sonntag, 14. Juni 2026

In Booten ausgesetzt

Ein Zitat

Sehnsuchtsort Europa: Der Kräutergarten zu Allerheiligen in Schaffhausen gehört zu den schönsten Klostergärten der Schweiz. Er könnte für das von vielen gesuchte Paradies stehen.
Foto © Jörg Niederer
"Länger konnte sie ihn (Baby Mose) nicht verborgen halten. Deshalb nahm sie ein Kästchen aus Papyrus und dichtete es mit Asphalt und Pech ab. Dann legte sie das Kind hinein und versteckte es im Schilf am Ufer des Nil." Bibel: 2. Mose 2,3 

Entdeckt

Im Film "Prinz von Ägypten" oder einem anderen Streifen über Mose wird die Geschichte des kleinen Knaben auf dem Nil dramatisch dargestellt. Die wilde Strömung, die das Bastkörbchen umher wirft, Wellen die es zu verschlingen drohen... Ist da nicht auch noch ein Krokodil irgendwo auf der Lauer. Ein Wunder, dass dieses Kind überlebt und dann geradewegs via Pharaonentochter in höchste Kreise aufsteigt. Mutterinstinkt und Weiblichkeit retteten Mose vor dem sicheren Tod. In die falschen Arme getrieben, etwa in die eines ägyptischen Hofberaters, wäre Mose eines der weiteren ermordeten Kinder auf dieser Welt geworden.

Es sind die stärksten jungen Menschen, die von ihren Familien auf die Reise gesandt werden. Junge Afrikaner, sie reisen aus dem Sudan, aus Eritrea, Nigeria und Kamerun via Niger nach Algerien oder Marokko, um dort in hochseeuntauglichen Booten die Strasse von Gibraltar zu überqueren. Andere nehmen die Route über Mauretanien und Westsahara an die Küste, um dort auf die Kanarischen Inseln überzusetzen. Jedes Jahr ertrinken in der Strasse von Gibraltar 1000 und mehr Emigrant:innen. Weitere hunderte Hoffnungslose verschwinden spurlos vor den Kanaren. Die Frontex beobachtet die Flüchtenden mit Infrarotsichtgeräten und schickt sie in der Regel wieder zurück. Und dann kommen einige der Flüchtenden an, und da ist keine ägyptische Pharaonentochter, und niemand kommt auf die Idee, dass diese Menschen gerade dem Tod entronnen sind. Bis auf wenige, z.B. die Mütter mit kleinen Kindern, werden sie einfach wieder zurückverfrachtet, und manchmal werden sie auch irgendwo in der algerischen Wüste ausgesetzt. In Italien beschlagnahmt die Behörde widerrechtlich die Boote der private Rettungskräfte auf Monate hinaus und strengt Gerichtsverfahren gegen die an, welche lediglich das tun, wozu wir alle moralisch verpflichtet sind: Leben zu retten, ohne Ansehen der Person.

Wird Gott uns einmal fragen, was wir für diese aus dem Wasser Geretteten gewesen sind?

Mittwoch, 18. Februar 2026

Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?

Ein Zitat

Konfettischlacht an einem Fasnachtssamstag im Bahnhof Aarau.
Foto © Jörg Niederer
"In der Nächstenliebe gibt es kein Übermass." Francis Bacon (1561–1626)

Hingesehen

Mit dem Aschermittwoch endet die Fasnacht. Die letzten Konfettischlachten sind geschlagen, die Masken werden wieder an die Wand gehängt und Aschenkreuze auf Stirn und Hände gezeichnet.

Das ist ein untrügliches Zeichen dass ein Traditionsanlass in St. Gallen für den Tag nach Aschermittwoch vor der Tür steht. Der "Ethik-Talk in der Stadt"; in diesem Jahr zum Thema: "Wieviel Nächstenliebe wollen wir uns leisten?".

Gut, ich gebe zu, das ist noch eher ein Geheimtipp, doch in den vergangenen Jahren setzte sich das Publikum doch jeweils aus 70-100 Personen zusammen.

Als Referenten eingeladen wurden Kevin Loosli, Präsident der Jungen SVP Kanton St.Gallen und Dr. Rolf Bossart (SP), Präsident des katholischen Kirchgemeindeparlaments der Stadt St. Gallen. Moderatorin Verena Birchler musste aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen, so dass nun Maria Bienentreu und Jörg Niederer ihre Aufgabe übernehmen.

Flyer zum Ethik-Talk in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
In einem Land, das sich traditionell als christlich versteht, muss sich auch Politik und Gesellschaft die Frage gefallen lassen, wie sehr man sich den christlichen Werten und der Nächstenliebe noch verpflichtet fühlt. Darüber werden sich die beiden Referenten in je einem 10-minütigen Vortrag positionieren. Danach gibt es eine Diskussionsrunde, bei der auch das Publikum mit einbezogen wird.

Organisiert wird der Anlass von der Christliche Sozialbewegung KAB SG und der Ökumenische Kommission GFS der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen SG/AR/AI.

Der Anlass findet am Donnerstag, dem 19. Februar 2026 um 19.30 Uhr im Festsaal St. Katharinen statt an der Katharinengasse 11 in St.Gallen. Abgerundet wird der Abend mit einem kleinen Apéro.

Hier kann man sich den Flyer dazu herunterladen.

Jörg Niederer

Samstag, 4. Oktober 2025

(Un-)Begründete Angst

Ein Zitat

Europäische Hornissen trinken an einer günstigen Stelle den Saft der Birke.
Foto © Jörg Niederer
"Die Menschen werden jenes Ding verfolgen, vor dem sie am meisten Angst haben." Leonardo Da Vinci (1452–1519)

Hingesehen

Angst sei ein schlechter Ratgeber, heisst es. Unvermittelt stand ich einen Schritt weit weg von drei Europäischen Hornissen. Mit nur wenige Zentimeter Spielraum wollte ich mich zwischen Birke und Gartenbank durchzwängen.

Hornissen. Früher hätte ich mich vor unseren grössten Fächerflüglern gefürchtet. Diesmal ging ich bis wenige Zentimeter mit dem Fotoapparat an sie heran. Sie liessen sich von mir beim Saugen des Birkensafts nicht stören. Eine vierte Hornisse flog sogar noch heran und setzte sich unter die Kamera.

Früher erzählten wir uns, dass es nur sieben Hornissenstiche brauche, um ein Pferd zu töten, und nur drei bei einem Menschen. Doch erstens stimmt das nicht. Selbst bei gefährlicheren Hornissen in den Tropen braucht es bei auf das Gift nicht allergischen Menschen mindestens dreihundert Stiche. Und zweitens sind die Europäischen Hornissen wenig aggressiv, was ich dort bei der Birke gut beobachten konnte.

Angst ist also bei diesen Insekten unbegründet.

Könnte es sein, dass wir uns oft täuschen in der Einschätzung von dem, was uns Angst machen sollte, und dem, wovor wir uns fürchten? Nur ein Beispiel: Warum ängstigen sich viele Menschen hier in der Schweiz mehr vor Schlangen als vor einer Autofahrt? Seit 1961 ist kein Mensch mehr durch einen Schlangenbiss ums Leben gekommen. Dagegen sind in der Schweiz allein im Jahr 2024 250 Personen im Strassenverkehr ums Leben gekommen. Würde Bundesrat Rösti ebenso konsequent wie er gegen Wölfe vorgeht (Es gab im Zeitraum von 1950 bis heute in Europa 8 durch Wölfe getötete Menschen, allesamt durch angefütterte Tiere oder durch Tollwut) gegen Todesfälle im Strassenverkehr handeln, müsste generell 30 km/h innerorts auf allen Strassen schon längst eingeführt sein. Selbst vor Schulen, vor denen Kinder schon durch den Strassenverkehr ums Leben gekommen sind, darf mitunter nicht das Tempo von 50 auf 30 km/h reduziert werden.

Bei diesem Vergleich spielt aber wohl noch eine andere Angst eine noch grössere Rolle. Die Angst vor einem Verlust an Popularität bei der eigenen Wählerschicht, bei den Autofahrer:innen und den Landwirt:innen.

So kommt es, dass wir uns lieber vor Hornissen fürchten, als vor einer Wanderung in den Bergen oder den Motorfahrzeugen auf dem Schulweg unserer Kinder. Vielleich sollten wir uns am ehesten vor unserer unkalibrierten Angst ängstigen, die uns immer wieder blind werden lässt für das, was uns am meisten das Fürchten lernen sollte: der wachsenden Lieblosigkeit gegen unsere Mitmenschen.

Jörg Niederer

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