Montag, 25. Mai 2026

Pfingstrosig

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Zweimal Pfingstrose, einmal verfremdet. Ein Strauss an rosafarbenen Tönen.
Foto © Jörg Niederer
"Die meisten Menschen bringen so das ganze Leben hin, dass sie sich von Pfingsten nach Weihnachten und von Weihnachten nach Pfingsten sehnen." Theodor Fontane (1819-1898)

Entdeckt

Zur Pfingstzeit blühen die Pfingstrosen. Logisch, dass dies nicht die Jahreszeit für Weihnachtssterne ist und auch nicht die für Osterglocken oder Herbstzeitlosen. Blumen sind benannt nach den Tagen, an denen sie blühen. Anders herum wäre es doch sehr eigenartig, hätte man die Tage nach den Namen der Blumen bezeichnet. "Schau mal, die Pfingstrose blüht. Von jetzt an soll diese Zeit Pfingsten heissen."

Nein, so ist es nicht. Das eingedeutschte Wort Pfingsten ist abgeleitet vom altgriechischen Zahlenwort "pentēkostē" und bedeutet "50 Tage". Damit ist die Zeitspanne zwischen dem Ostersonntag und dem Pfingstsonntag gemeint.

Wie beim Versteckenspielen haben die Menschen auf fünfzig gezählt, und dann die Augen geöffnet. Und siehe da, es war Pfingsten, die Zeit der Pfingstrosen.

Jörg Niederer

Sonntag, 24. Mai 2026

Fremdenfreundlich

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Aussichtsreiche Lage beim Rebbaugebiet am Iselisberg.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn dann der Beistand kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen." Bibel: Johannes 16,13

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Pfingsten und Wein gehören auf gewisse Weise zusammen. So erzählt der Evangelist Lukas selbst, wie manche Menschen das, was an Pfingsten mit den Jüngern geschehen war, als Trunkenheit interpretierten (Bibel: Apostelgeschichte 2,13).

Besoffen vom Heiligen Geist! Wäre es nicht so gewesen, diese Anspielung auf das Betrunkensein der Jünger hätte den Weg nicht in die kanonischen Schriften gefunden. So aber ist der Mut der Jünger, nach Jesu Hinrichtung sich zu ihm zu bekennen und verständlich in vielen Sprachen eine eigenartige, neue Botschaft weiterzuerzählen, für immer mit übermässigem Weingenuss assoziiert.

Der Volksmund sagt ja, Kinder und Betrunkene würden stets die Wahrheit sagen. Um Wahrheit geht es an Pfingsten durchaus. Diese Wahrheit aber ist nicht weinselig, sondern bedeutet Verständigung über alle Grenzen hinweg. Das Christentum ist noch mehr, als es das römische Reich je war, eine Vielvölkergemeinschaft, in der Herkunft, Sprache, Geschlecht, Alter, Gesundheit oder sexuelle Ausrichtung keine trennenden Rollen mehr spielen. Hier erfüllt sich das Gebet von Jesus: "Sie sollen alle untrennbar eins sein..." (Bibel: Johannes 17,21). Darum kann Kirche und Christentum nie nur national verstanden werden. Darum ist das Christentum eine Gefahr für autokratische Nationalstaaten und in jeder Weise fremdenfreundlich.

Jörg Niederer

Samstag, 23. Mai 2026

Die zwielichtige Halblichtblume

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Der Wiesen-Bocksbart ist eine ganz und gar essbare Wildpflanze mit speziellen Blütezeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Ist der Bocksbart erst verblüht, so ragen die trockenen Blüten wie ein Ziegenbart aus den grünen Hüllblättern – und daher stammt auch der deutsche Name." Botanischer Garten Bern

Entdeckt

Man muss nicht in die Metadaten der Fotografie schauen, um sicher zu sagen, dass das Bild an einem sonnigen Tag vor 14.00 Uhr aufgenommen worden ist. Denn dann begibt sich (wenn man das so sagen will bei einer Pflanze, die sich nicht vom Fleck bewegt,) denn dann begibt sich der Wiesen-Bocksbart bereits in den Feierabend und schliesst seine wunderschöne Blütenpracht. Die Pusteblume, sie entwickelt eine Samenkugel wie der Löwenzahn, ist in allen Teilen essbar. Also daran denken, sollte es einmal zu einem Mangel an Spargeln oder auch Schwarzwurzeln kommen. Dann grabe man die Wurzel des Wiesenbocksbarts aus, oder pflücke die jungen Triebe des Stängels und bereite sie entsprechend zu. Als Dip kann man Letztere auch verwenden, oder die Blätter als Salat oder gekocht als Spinatersatz. Zudem ist der Wiesen-Bocksbart nicht selten.

Er sei, so heisst es, eine Halblichtpflanze, was wiederum irgendwie zwielichtig klingt. Da frage ich mich, wie lange es wohl dauert, bis diese schöne Blume nicht nur auf dem Teller landet, sondern auch Eingang in einen Kriminalroman findet.

Jörg Niederer

Freitag, 22. Mai 2026

Der Wanderwagen

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René Moor unterwegs in schwierigerem Gelände mit dem Wanderwagen.
Foto © Jörg Niederer
"Gestern bin ich von meiner 6-wöchigen Wanderung von Sigmaringen/Donau nach London zurückgekehrt und bin voller Begeisterung von meinem cart4go 4all. Mit Rucksack hätte ich (70-Jähriger Rentner) die 1200 km niemals geschafft, ging es doch u.a. über 3 Mittelgebirge: Schwäbische Alb, Schwarzwald und Vogesen." Kommentar von Dr.M.S. auf der Webseite von cart4go

Entdeckt

Nun bin ich also 72 Kilometer mehr oder weniger hinter meinem Wanderkollegen René Moor und seinem Wanderwagen hergetrottet. Auf meinem Rücken lasteten wohl so 15 Kilogramm Rucksackgewicht mit Inhalt. Die Folge: Verspannte Schulter am 3. und 4. Tag. Mein Vorauswanderer hatte diesbezüglich keine Schwierigkeiten. Seine Wanderausrüstung rollte auf dem von ihm meist wie ein Karette gestossenen Wanderwagen. Ging es steil bergauf, dann wurde er auch schon einmal gezogen. Hinunter, etwa über eine Treppe, liess sich der Wagen leichter steuern, wenn er dem Wanderer vorausrollte.

Der Wanderwagen ist schon seit 2017 in Besitz von René Moor. Seither ist viel gegangen beim Produzenten. Der Wanderwagen cart4go wurde weiterentwickelt. Es gibt schon vier Modelle. Auch kann man ihn sich nun auch in die Schweiz liefern lassen. Zugriemen gab es schon beim Modell von 2017, doch René Moor verzichtet darauf. Mit einer Breite von 52 Zentimeter kommt es auch mit Singletrails zurecht. Den Bianco- oder auch Lägerngrat sollten es dann aber doch nicht sein. So will der Schrittler, wie sich Moor auch nennt, mit dem Wanderwagen vor allem die flacheren Passagen begehen. Begonnen am Bodensee durfte ich ihn also bei seiner zweiten Serie von Weinfelden entlang von Thur und Rhein bis nach Kaiserstuhl begleiten. Weiter soll es bis an den Genfersee gehen. Die vier zurückgelegten Etappen boten viele flache Wegabschnitte, aber auch den einen oder andern steilen Auf- und Abstieg auf typischem Wanderterrain. Der Wagen erfüllte klaglos seinen Dienst. Was man von mir nicht sagen konnte. Gelegentlich habe ich schon geklagt, meist leise und heimlich. Denn zweifellos bietet so ein Wanderwagen neue Möglichkeiten, sich auf zwei Beinen unbelasteter fortzubewegen.

Noch einige Details zum Gefährt. Es wird ohne Packtasche geliefert. Alle Teile sind mit einem einzigen Inbusschlüssel montier- und zerlegbar. Die Reifen sind PU-pannengesichert. Je nach Grösse kann zwischen 17 und 25 Kilogramm zugeladen werden bei einem Eigengewicht von unter 3 bis 6 Kilogramm. Die Kosten sind überschaubar, spart man sich doch so früher oder später teure Rückenoperationen. Von 270 Euro geht es je nach Modell hoch bis 400 Euro.

Also mich hat der Wanderwagen überzeugt. Vielleicht werde ich bald auch so unterwegs sein. Das selbst dann, wenn ich gelegentlich etwas dumm angeglotzt werden sollte. Gerade auch mit Blick auf die teure Kameraausrüstung, die schnell einmal ins Gewicht gehen kann, ist ein Wanderwagen Balsam für den lastengeplagten fotografierenden Fernwanderer.

Jörg Niederer


Donnerstag, 21. Mai 2026

Zu Fuss unterwegs

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Ein Feuersalamander zeigt sich auf dem Wanderweg kurz nach der Ortschaft Buchberg.
Foto © Jörg Niederer
"Der Pflug im Acker die Saat und Frucht und des Weinbergs Reben mögen dem Bauernstand den Frieden geben". Hausanschrift in Rüdlingen am Buchberg, Schaffhausen

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Die letzten vier Tage war ich mit meinem Wanderfreund René Moor zu Fuss unterwegs. Nach einem Unfall wollte er sein Gehvermögen auf einer Wanderwagen-Tour austesten. Wanderwagen sind so eine Art Einkaufswagen für Wandernde. Also Transporthilfen, welche den Rucksack ersetzen und die Last in einen von Hand gezogenen oder gestossenen Anhänger verschiebt. Das hat auf der Tour von Weinfelden bis Kaiserstuhl im Aargau bestens funktioniert. Ich selbst trug meine Last am Rücken, inklusive Zelt und mehr. In einem unbedachten Moment auf dem ersten Abschnitt stürzte ich und quetschte mir wohl eine Rippe, was sich auf meine Nachtruhe im Zelt schmerzhaft negativ auswirkte und auch dem Gehen etwas von seiner Leichtigkeit nahm. Doch auch ich habe die 72 Kilometer lange Strecke auf meinen eigenen Füssen bewältigt. Dabei bewegten wir uns durch vier Kantone: Thurgau, Zürich, Schaffhausen und Aargau. Unterwegs waren wir in zwei Ländern: Der Schweiz und Deutschland.

Den kleinen Fussgänger in Warnanzug (Foto) trafen wir unweit der Ortschaft Buchberg auf dem Weg hinunter nach Eglisau. Der Feuersalamander machte sich bei unserem Anblick erstaunlich schnell aus dem Staub, wodurch er gar nicht so leicht zu fotografieren war. Sympathisch, dieser gelbschwarze, ungefährliche Lurch. Noch ausschliesslicher als wir Wanderer ist er zu Fuss unterwegs. Ein Beispiel für die Artenvielfalt in der schaffhauserischen Exklave am Rhein.

Jörg Niederer

Mittwoch, 20. Mai 2026

Flügge

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Eine gerade flügge gewordene Blaumeise sitzt auf meinem Finger, nachdem ich sie im Zimmer einfangen konnte, wohin sie sich verirrt hatte.
Foto © Jörg Niederer
"Der Adler frisst nicht aus dem eigenen Nest." Sprichwort

Entdeckt

Es geschah am vergangenen Freitagmorgen. Wie immer lüfteten wir die Wohnung, indem wir die Fenster etwa fünf Minuten lang offen stehen liessen. Das Fenster mit dem Blaueisennest darüber blieb natürlich zu. Wir hörten die Jungvögel bereits wie richtige Blaumeisen "schwätzen". Das hatten sie also schon gut gelernt. Bald würden sie ausfliegen.

Seltsamerweise rief einer der Jungvögel vom Bürofenster her, also von einem Ort, an dem wir die Blaumeise nicht erwarteten. Der Piepmatz war auch noch laut zu hören, als wir die Fenster schon längst wieder verschlossen hatten. Ich setzte mich im Büro an den Schreibtisch, da hörte ich Flattergeräusche. Ein Jungvogel hatte sich in die Wohnung verirrt. Erst setzte er sich auf den Drucker, dann verschwand er in einem Spalt hinter dem Kasten, auf dem der Drucker stand. Ich öffnete alle Fenster des Büro und schloss die Zimmertür. Irgendwann setzte sich das kleine Tier auf den Fensterrahmen, von oben bis unten mit Staub bedeckt, der an ihm hängen geblieben war von seinem Ausflug hinter den Kasten. Vorsichtig trat ich hinzu, und befreite ihn von dem lästigen Staubknäuel. Die junge Blaumeise dankte es mir, indem sie auf meinem Finger sitzen blieb. Keck schaute sie mich an und war offenbar ganz zufrieden mit der neuen Situation. Zwischenzeitlich hatten wir mit dem Tierchen das Fenster gewechselt, so dass es wieder nahe beim Nest war. Dort flog es dann auf, und landete in einem Baum, von wo es nach seinen Eltern rief, die sich auch sofort kümmerten.

Später am Abend beobachteten wir eine andere flügge gewordene Blaumeise, wie sie kopfunter am Rollladen beim Nest herumturnte.

Nun zwitschert es nicht mehr aus dem Nest heraus. Die Vögel sind ausgeflogen in eine Welt voller Gefahren für unerfahrene Jungvögel.

Dienstag, 19. Mai 2026

Entdeckt

Ein Zitat

Eine Blaumeise hat mich entdeckt. Nun beobachten wir uns gegenseitig.
Foto © Jörg Niederer
"Mohnköpfen bohrt sie mit Verstand / ein Löchlein in den Unterrand, / weil dann die Sämerei gelind / von selbst in ihren Schnabel rinnt." Wilhelm Busch (1832-1908), Gedicht "Die Meise"

Entdeckt

Eines Morgens bin ich mit der Kamera etwas näher zum Fenster gerückt, über und hinter dem die Blaumeisen ihre Jungen grossziehen. Der Sonnenstand war auch anders, und so kam es, dass mich die Altvögel entdeckten. Sie reagierten mit Warnrufen und flogen immer wieder weg, ohne zum Nest über dem Rollladenkasten hochzusteigen.

Natürlich zog ich mich sofort zurück, und die Situation beruhigte sich wieder.

Blaumeisen darf man nicht unterschätzen. So erzählt Wilhelm Busch in einem seiner Gedichte davon, dass sie die Mohnkapseln von unten anpickten, so dass die winzigen Samen ihnen direkt in den Schnabel rieselten. Und in Grossbritannien wurde beobachtet, wie sie die Folie über der Öffnung der Milchflaschen, welche der Milchmann vor die Haustür stellte, geschickt öffneten und so vom Rahm auf der Milch naschen konnten. Über wenige Generationen hinweg wurde die neue Technik an die ganze Population der Blaumeisen weitergegeben.

Jörg Niederer

Montag, 18. Mai 2026

Müllabfuhr

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Eine Blaumeise mit Fäkalsack im Schnabel fliegt vom Nest über dem Storenkasten weg.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Fäkalsack ist quasi die Windel der Vögel. Fäkalsack, auch Kotsack oder Kotballen, manchmal auch Kotbeutel genannt, ist genau das, wonach es klingt: Es ist die mit einer Membran überzogene Ausscheidung eines Jungvogels, der noch im Nest sitzt." Silke Hartmann 

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Durchschnittlich sechs bis acht Jungtiere ziehen Blaumeisen  pro Brut gross. Im Nest über dem Rollladenkasten eines unserer Stubenfenster (Siehe Beitrag von Gestern!) kann ich von mindestens zwei Jungtieren sprechen. Denn zu sehen sind sie nicht, und ihre Rufe sind nicht leicht auseinanderzuhalten. In dem Mass die Altvögel Futter anschaffen, müssen sie auch wieder Kotrückstände wegbringen. Es gibt nun Vögel, die kacken einfach aus dem Nest. Am Boden darunter sind die weissen und grauen Spuren deutlich zu erkennen und verraten den Standort des Nests. Bei den Blaumeisen funktioniert dies anders. Der Kot wird als kleines Paket, genannt Fäkalsack, im Schnabel davon getragen, und irgendwo dann fallen gelassen. So bleibt das Nest sauber und dessen Standort verborgen.

Auf dem Foto sieht man wie sich ein Altvogel mit Fäkalsack im Schnabel im Sturzflug aus dem Nest fallen lässt.

Jörg Niederer

Sonntag, 17. Mai 2026

Brutpflege

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Eine Blaumeise bringt Futter zu den Jungen, deren Nest sich im Storenkasten eines unserer Stubenfenster befindet.
Foto © Jörg Niederer
"Die Kohlmeise ist von der Blaumeise dadurch zu unterscheiden, dass sie blau ist." Johann Georg August Galletti (1750–1828)

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Ein Blaumeisenpaar hat sich bei einem unserer Stubenfenstern den Hohlraum über der Store als Brutplatz ausgesucht. In den letzten Wochen konnten wir hautnah mitverfolgen, wie die Altvögel erst Nistmaterial herbeischufen, dann mit dem Bebrüten der Eier begannen und in den letzten gut 20 Tagen intensiv damit beschäftigt waren, Futter für die geschlüpften Jungen aufzutreiben. Von morgens um 6.00 Uhr bis Abends um 20.00 Uhr flogen sie im Minutentakt ein und aus. Dabei liessen sie sich von uns nicht stören, auch nicht, als ich in der Wohnung nahe dem Fenster meine Kamera aufstellte, um das Treiben zu fotografieren. Durch den Schlitz zwischen Store und Hauswand flogen sie senkrecht nach oben zum Nachwuchs. Kopfüber stürzten sie sich dann wieder hinaus ins Freie, um mit eleganter Kurve Kurs Richtung Tannenbäume auf der anderen Strassenseite zu nehmen. Jeder Einflug wurde mit Zwitschern vorbereitet, wobei die Blaumeisen-Eltern sehr genau beobachteten, ob die Luft rein war und kein Fressfeind lauerte.

Angeschleppt wurden vor allem Insekten, Käfer und kleine Raupen. Gelegentlich trafen beide Elternvögel gleichzeitig ein, dann wartete der eine, bis die andere wieder weg war.

Was die Blaumeisen beim Brutgeschäft leisten, ist ausserordentlich. Bei 14 Stunden mit Einflügen alle 2 Minuten und einem Weg zwischen Futterplatz und Nest von 50 Metern ergibt das eine Flugleistung von 42 Kilometern und 420 Flugbewegungen pro Tag; dies bei jeder Witterung. Kein Wunder, sahen die Vogeleltern gelegentlich so richtig zerzaust und müde aus.

Auch an den folgenden Tagen werde ich über die Blaumeisen erzählen. Mit einem Höhepunkt am kommenden Mittwoch.

Jörg Niederer

Samstag, 16. Mai 2026

Bio und alkoholfrei

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Die beiden getesteten alkoholfreien Bioweine vom Weingut Lenz: NULLKOMMALENZ rot und AMESCO Cuvée Rosé.
Foto © Jörg Niederer
"Die Hälfte der Konsumentinnen und Konsumenten gab an, den Alkoholkonsum aktiv zu reduzieren." Erhebungen des Datenforschungsunternehmens International Wine and Spirits Record (IWSR) aus dem Jahr 2024

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Ich bin unter die Weintester gegangen. Nicht dass ich viel davon verstehe, aber zumindest kann ich sagen, ob mir ein Wein schmeckt oder nicht.

Getestet habe ich zwei alkoholfreie Bioweine der Kellerei Lenz in Uesslingen. Zudem konnte ich bei einer Führung durch den besagten Weinberg auch noch den alkoholfreien Nullkommalenz Secco kosten, ein prickelndes Traubengetränk, von dem ich mir jederzeit wieder ein Glas einschenken würde.

Gehen wir zum Wein, den ich mir wohl nicht mehr kaufen würde: der alkoholfreie Nullkommalenz Rot. Natürlich kann man ihn trinken, aber ich mochte ihn nicht. Da fehlte irgendetwas, das typische Rotweine haben sollten.

Anders wiederum der AMESCO Cuvée Rosé 2024 aus den Trauben Cabernet Jura und Muscat Bleu. Sowohl meiner Frau wie auch mir hat er sehr gut geschmeckt. Der Wein kann mit alkoholhaltigen Roséweinen gut mithalten.

Die AMESCO AG ist übrigens das Unternehmen, welches den Alkohol aus dem Wein filtriert. Das gelingt recht gut, finde ich. Doch wie bei alkoholfreiem Bier ist auch der alkoholfreie Wein nicht ganz ohne Alkohol: bis 0,5% Vol. verbleiben im Getränk.

Nun frage ich mich, ob es wohl schwieriger ist, gute alkoholfreie Rotweine zu produzieren als andere Weine. Bei AMESCO jedenfalls werden keine alkoholfreien Rotweine verkauft. Das ist ein klares Indiz für diese Vermutung.

Jörg Niederer

Freitag, 15. Mai 2026

Glotzen

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Rinder bei Nyffenegg beobachten uns neugierig, wie wir den Berg hinaufkeuchen.
Foto © Jörg Niederer
"Das ständige Glotzen / Das ständige Motzen / Das ständige Protzen / einfach zum Kotzen" Hans-Christoph Neuert (1958-2011)

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Unlängst las ich darüber, wie Schweizer:innen fremde Personen unverhohlen anglotzen, was natürlich von diesen als Problem erfahren wird. Nun hat mich auch schon einmal jemand daraufhin angesprochen, warum ich sie ständig fixiere. Tatsächlich suche ich immer irgend einen Orientierungspunkt in der Landschaft, und wie ich festgestellt habe, sind das nicht selten Personen. Natürlich arbeite ich zwischenzeitlich an dieser Marotte und versuche, bewusst auch wegzuschauen.

Dazu eine Beobachtung. Selten sind mir so viele neugierige Rinder und Kühe begegnet wie auf der letzten Wanderung. Schon von weitem fixierten sie uns, beobachteten anhaltend, wie wir langsam näher kamen, ja sie glotzten uns richtiggehend in den Boden. Was sie wohl dachten bei unserem Anblick? Vermutlich wunderten sie sich, wie langsam wir den Berg hochkraxelten, und warum wir uns überhaupt so unnötiger Weise abplagen. Vielleich mokierten sie sich auch über unser Outfit, verglichen es mit anderen Wandernden, die besser gekleidet waren. Vielleicht fragten sie sich auch, ob uns zu trauen sei. Thurgauer im Emmental, das könnte zu Eigentumsdelikten führen.

Zurückglotzen brachte auch nicht viel. Das war den Rindern und Kühen so was von egal. Die schauten uns einfach weiter an, irgendwie aufmerksam und auch gelangweilt. Man muss ja irgendetwas betrachten beim Wiederkäuen. Möglicherweise dachten sie auch darüber nach, warum sie noch nie einen Menschen gesehen haben, der wie sie ins Gras beisst, selbst wenn diese noch so erschöpft ausgesehen haben und reif für eine Stärkung gewesen wären. Das wäre mir aber gar nicht recht: Ins Gras beissen. Da glotze ich viel lieber weiter in der Gegend rum.

Jörg Niederer

Donnerstag, 14. Mai 2026

Oberaargauer Erinnerungen

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Oben: Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Huttwil ist heute ein Wohnhaus. Unten: Ein methodistischer Predigtplatz war im Schulhaus Neuligen (Weisses Gebäude mit Solarelementen auf dem Dach).
Fotos © Jörg Niederer
"Ich nehme die Oberaargauerinnen und Oberaargauer als freundlich, hilfsbereit und sehr pflichtbewusst und engagiert wahr." Silvia Jäger, Geschäftsführerin des Vereins Region Oberaargau

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Vor 41 Jahren trat ich meine erste eigene Stelle als Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in der Oberaargauer Gemeinde Huttwil an. Es sollte meine einzige Anstellung im Kanton Bern sein. Damals gehörten zum Gemeindebezirk vier Stationen. Über die EMK in Rohrbach habe ich schon im Blogbeitrag vom 28. April 2026 geschrieben. Als weitere Aussenstationen gehörten Zimmerhus und Neuligen zu meinem Arbeitsfeld. Zuhause waren wir in der angebauten Wohnung der Kapelle Huttwil (siehe Foto oben!). Nach wie vor gehört diese Liegenschaft der EMK. Das Arbeitsfeld jedoch wurde vor einigen Jahren aufgelöst. Die kleine Gemeinde in Huttwil überlebte diese Strukturbereinigung noch einige Jahre als Aussenstation von Langenthal und wurde dann ebenfalls geschlossen. Dies ist somit der zweite EMK-Bezirk nebst Reinach auf dem ich Pfarrer war, (Siehe dazu Beiträge vom 9. März 2026; 28. Februar 2026; 25. März 2026: 2. März 2026) der heute nicht mehr existiert.

In Huttwil war ich nur drei Jahre stationiert. Doch diese drei Jahre sind voller Geschichten. So liess ich etwa den Rasen ums Haus herum wachsen und schnitt ihn mit der Sense. Das verstand die Bauerngemeinde nicht, genauso wenig, dass ich auf ein Auto verzichtete (Gemeindeglieder entschuldigten sich damals immer wieder bei mir, weil sie ohne Auto nicht auskommen konnten). Ökologie war noch kein Thema. Auch dass ich mich einer anderen politischen Partei anschloss, und nicht der Evangelischen Volkspartei (EVP), um als Kantonsrat zu kandidieren, wurde als Problem empfunden. Weiter setzte ich mich für Flüchtlinge ein, damals vorwiegend Menschen aus Sri Lanka. Zu all dem kam hinzu, dass meine Frau zusammen mit einer Freundin, die nach einer nationalen Abstimmung möglich gewordene Namensänderung auf dem Standesamt verlangte. Statt die Kombination von meinem und ihrem Nachnamen trägt sie seither ihren Nachnamen. Kommentar auf dem Standesamt: Das hätte ich meiner Frau nie erlaubt. Ja, der Oberaargau war konservativ und bodenständig geprägt.

Vor der Methodistenkirche in Huttwil fand jeweils ein monatlicher Viehmarkt statt. Nicht selten wurden die Tiere stundenlang ohne Wasser festgebunden stehen gelassen. Beim Verlad kam es mehrfach zu brutalsten Szenen. Einmal brach sich ein Rind das Bein. Seit dieser Zeit isst meine Frau kein Fleisch mehr.

Damals kaufte ich mir mein erstes Mountain Bike, ein Import aus Japan. Im Winter wechselte ich die Fahrradreifen und zog solche mit Spikes auf. Der damals noch kostenlose Bahnverlad von Fahrrädern erleichterte die Reise per Rad ein wenig. In der Hügellandschaft gab es wenige gerade Strecken ohne Steigung und viele steile Anstiege. Zum Predigtplatz in Neuligen (Foto unten) ging es etwas rund 100 Höhenmeter hinauf. Der Gottesdienst fand im damaligen Schulhaus statt. Sowas ging im ländlichen Kanton Bern noch: Christlich-religiöse Anlässe in öffentlichen Einrichtungen. Heute ist das Schulhaus wohl zum Wohnhaus umgenutzt. Die Gemeinde in Neuligen bestand im Wesentlichen aus einer grossen Bauernfamilie mit einem typisch bäuerlichen Hobby. Alle männlichen Vertreter der Familie waren im Schwingklub. Schwingen ist die populäre Schweizer Version des Ringkampfs. 

Immer einmal hörte sich nebst dieser Bauernfamilie auch eine Katze am offenen Fenster meine Predigten an.

Gestern bin ich auf meiner Kapellentour von Rohrbach nach Eriswil an den beschriebenen zwei Predigtplätzen vorbeigekommen. Auch der vierte Predigtplatz in Zimmerhus werde ich besuchen, aber dazu sind noch zwei weitere Wandertage nötig.

Jörg Niederer

Mittwoch, 13. Mai 2026

Ausdauernder Lein

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Der Ausdauernde Lein ist in der Schweiz nicht heimisch. Seiner Blüten wegen wird er aber auf Ruderalflächen angepflanzt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Erde lacht in Blumen." E. E. Cummings (1894-1962)

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Nicht weit von unserer Wohnung entfernt wurde eine kleine Fussgängerinsel zu einem Trockenstandort umgestaltet. Dort wachsen allerlei typische Blumen und Gräser. Dieser Tage ist mir zwischen Bekanntem eine kleine Blume aufgefallen. Es ist der Ausdauernde Lein. In Mitteleuropa ist dieses Leinenkraut in freier Natur sehr selten geworden, in der Schweiz ist es nicht heimisch, in Österreich und Deutschland vom Aussterben bedroht.

Dass der Ausdauernde Lein an der Strasse, an der ich wohne, auf der kleinen Ruderalfläche zwischen Fahrbahn und Trottoir wächst, hat damit zu tun, dass er auch gerne in Gärten und öffentlichen Anlagen angepflanzt wird. Die kleinen blauen Blüten mit den fünf Kronblättern, deren Struktur entfernt an die von Faltenröcken erinnern, sind auch wirklich hübsch. Früher wurden die Stängelfasern dieser Art auch zur Herstellung eines groben Tuchs verwendet. Grobe Tücher sind nicht mehr in Mode und damit auch diese Pflanze. So schnell kann es gehen, dass Grundlagen einer kulturellen Errungenschaft überholt und vergessen sind.

Jörg Niederer

Dienstag, 12. Mai 2026

Fuchs an der Sonne

Ein Zitat

Ein Rotfuchs streift entlang einer Kiesstrasse durch den einsamen Weinberg.
Foto © Jörg Niederer
"Was wir aufgeben, müssen wir mit freier Wahl aufgeben, nicht wie der Fuchs die Trauben." Gottfried Keller (1819-1890)

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Der Rotfuchs trottete entlang einer gekiesten Naturstrasse. Die Sonne hatte den Weinberg für diese Jahreszeit maximal erwärmt. Aus der Distanz beobachtete ich ihn, wie er plötzlich stillstand, etwas am Wegrand beobachtete, um dann in diesem typischen Bogensprung Schnauze voran zuzustossen. Erfolglos, wie sich sogleich herausstellte. Doch nun hatte mich Meister Reinecke entdeckt, drehte um und machte sich aus dem Staub, nicht panisch, schon eher bedacht, so schien es mir.

Auf den Fotos dann fielen mir die dunkel, ja schwarz gefärbten Pfoten und Beine auf. Noch nie hatte ich bisher darauf geachtet. Und noch etwas haben "unsere" Füchse: Schöne braune Augen.

Jörg Niederer

Montag, 11. Mai 2026

Schwarzkehlchen

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Oben: Männchen des Schwarzkehlchens. Unten: Weibchen des Schwarzkehlchen.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Wein entsteht im Einklang mit der Natur. In den Reben sollen sich Schmetterlinge, Insekten, Vögel, Mäusewiesel, Fledermäuse und vieles mehr tummeln." aus der Broschüre des Weinguts Lenz

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Es kommt knapp viermal häufiger bei uns vor als der Eisvogel: das Schwarzkehlchen. Und doch habe ich den Eisvogel in der Schweiz schon viel öfter gesehen als diesen kleinen hübschen Vogel. Das liegt wohl am unauffälligen Äusseren, an seiner von weitem betrachtet grossen Ähnlichkeit mit vielen anderen kleinen Vögeln. Das Schwarzkehlchen liebt die Buntbrachflächen und auch Ödland. Gesehen habe ich das Vogelpaar im biologisch bewirtschafteten Weinberg des Weinguts Lenz in Iselisberg. Hier haben Vögel und Fledermäuse ausgezeichnete Lebensbedingungen. So kann man bei den beiden gesichteten und vom mir zum ersten Mal fotografierten Insektenfänger:innen von einem Brutpaar ausgehen. Denn ich konnte das Männchen auch mit Futter im Schnabel beobachten, welches es dann später zum versteckt in einem Busch befindlichen Nest transportierte.

Auch gesehen auf diesen ökologisch wertvollen Flächen am Iselisberg habe ich Goldammern und Neuntöter. Selbst ein Fuchs lief mir in den Weinbergen am helllichten Tag über den Weg. Vielleicht gibt es dazu bald noch mehr hier zu sehen.

Jörg Niederer

Sonntag, 10. Mai 2026

Lieben heisst...

Ein Zitat

Ein Herz aus Brennholz steht auf einem Feld im Zürcher Weinland.
Foto © Jörg Niederer
"Was – was ist? / Ach so. Heute ist Sonntag. / Da kann ich noch liegen. / Mit den Schultern kuscheln. /Mich ans Kopfkissen schmiegen –" Kurt Tucholsky (1890-1935)

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Zum heutigen Sonntag gibt es das gleichnamige Gedicht von Ludwig Rott,(1931-2023), aus dem vergriffenen Büchlein "Lieben heisst, dem andern leben helfen", das 2006 erschienen ist und Gedichte der Nachkriegszeit von 1947-1957 enthält. Der Methodist Dr. Ludwig Ott unterrichtete an verschiedenen Theologischen Einrichtungen. So von 1969 bis 1974 am Theologischen Seminar in Bukuru/Nordnigeria, von 1988 bis 1993 am Theologischen Seminar der Methodistischen Kirche in Fidschi, und einige Jahre in Deutschland an der Bibelschule Wiedenest. Lange Jahr war er im Auftrag der Weltmission der Evangelisch-methodistischen Kirche Deutschland unterwegs.


"Lieben heisst, dem andern leben helfen!


Lieben heisst, dem andern leben helfen,

Dass er deine Kraft in seiner Seele spürt.

Allerwege treulich ihn begleiten; 

Wenn der Pfad auch durch manch Dunkel führt.


Lieben heisst, dem andern Heimat geben,

Wann und wo er immer Zuflucht braucht.

Warm und treu für ihn ein Plätzchen hüten,

Wo des Herdes Esse nie verlöschend raucht.


Liebe heisst, des andern Herz erschliessen,

Bis zur letzten Tiefe mit dem eignen Sein;

Alles opfern, ihm ein Reich zu bauen,

Dankbar für des Glückes kleinsten Widerschein.


Lieben heisst, des andern Herzschlag fühlen

In der Freude oder sorgenvollem Harm;

Frieden bringen seine Wunden kühlen;

Ihn zum Himmel tragen mit ganz starkem Arm!"


5. Juni 1957

Jörg Niederer 


Samstag, 9. Mai 2026

Business-Folklore

Ein Zitat

Rolf Dörig, Präsident des Verwaltungsrats der Swiss Life Holding AG begrüsst die rund 1250 Aktionär:innen zur ordentlichen Generalversammlung.
Foto © Jörg Niederer
"Bei allem, was Ihr denkt, sagt und macht – seid Euch immer bewusst, dass Ihr privilegiert seid und auf der Sonnenseite des Lebens steht. Bleibt darum dankbar und bescheiden, behaltet Anstand und Respekt." Vater von Rolf Dörig anlässlich der Vermählung seines Sohns mit Frau Cornelia. 

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Wo wird dir selbst auf dem Gang aufs Klo die Tür von einer netten Dame aufgehalten?

Ich war an diesem 7. Mai sowieso gerade in Zürich. So besuchte ich das erste Mal in meinem Leben eine Aktionärsversammlung. Viele Jahre zuvor hatten meine Frau und ich als Kunden der Rentenanstalt, heute Swiss Life, 4 Aktien erhalten. Im Verlauf der Jahre waren sie da, brachten jeweils mehr oder weniger Dividende, variierten in ihrem Marktwert, ohne dass ich davon gross Kenntnis nahm. An den ordentlichen Generalversammlungen der Aktionär:innen konnte ich nicht teilnehmen, war ich doch berufstätig und an diesen Tagen jeweils anderweitig gefragt. Doch nun, im Ruhestand, machte ich mich auf in die Swiss Life Arena in Zürich-Altstetten.

Was soll ich sagen? Es war interessant aber letztlich ziemlich bedeutungslos, was da abging. Grund waren die durch den Stimmrechtsvertreter gehaltenen Stimmen. Diese machten wohl so um die 97% aller Aktionärsstimmen aus. Schon vor dem Anlass stand fest, was entschieden werden wird. Business-Folklore also? Viel spricht dafür. So gibt es an Aktionärsversammlungen drei Kategorien von Anwesenden. Einmal die Aktionär:innen. Die meisten von ihnen in fortgeschrittenem Alter. Dann die Fachleute und die anwesende Chefetage inklusive der Kontrollorgane. Und drittens viele Helferinnen und Helfer von Swiss Life. Sie waren überall, sorgten dafür dass sich die in die Jahre gekommenen Gäste auch entsprechend benahmen und ihren Platz im Eisstadion fanden.

Zur Folklore passen auch die Wortmeldungen aus dem Plenum. Es gibt da immer ein, zwei Personen, die sich Jahr für Jahr an allen von ihnen besuchten Aktionärsversammlungen mit mehr oder weniger originellen Wortmeldungen Aufmerksamkeit verschaffen. Sie nutzen den Moment, an dem ihnen mehr als 1000 Anwesende zuhören müssen, und selbst der Präsident des Verwaltungsrats dem kleinen Mann von der Aktionärsstrasse antwortet.

Nachdem man zweieinhalb Stunden zugehört und elektronisch abgestimmt hat, ohne am bereits vorliegenden Ergebnis irgend etwas zu ändern, kommt der Höhepunkt: Der Apéro und die Giveaways. Davon sprachen die Leute schon vor der Versammlung auf dem Weg vom Bahnhof zur Swiss Life Arena. Fast ohne Stocken wurden da all die alten Leute – zu denen ich nun eben auch zähle, – zu den Tischen geleitet und dann mit Köstlichkeiten überhäuft. Dort konnte man sich buchstäblich den Bauch vollschlagen.

In diesem Jahr gab es noch ein Buch geschenkt, ganz in Rot gehalten. Sozusagen das kapitalistische Manifest der Swiss Life für die Jahre 1997 bis 2025.

Mein Fazit: Das nächste Mal werde ich dann wieder einen solchen Anlass besuchen, wenn der Hunger mich plagt und ich sonst gerade nichts zu tun habe. Vielleicht werde ich dann meinen Senf auch laut vom Rednerpult kundtun. Damit habe ich ja gewisse Erfahrungen, wenn auch meist vor weniger Leuten.

Jörg Niederer

Freitag, 8. Mai 2026

Auf Hoffnung hoffen

Ein Zitat

Sarah Staub und Michael Nickel am Poesie- und Klavierabend im Hirschli in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Meine Texte sind eben nie ganz fertig, sondern immer fragmentarisch." Sarah Staub, Autorin

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Geschichten, mit einem Reptil. Geschichten, die von Gott handeln, mit dem man sich auseinandergelebt hat. Geschichten von speziellen Hoffnungsmenschen, und von solchen mit wenig Hoffnung aber viel Optimismus. Erzählt wurde vom Goldauer Bergsturz, davon, dass man sich einem Gefühlswelt-Konglomerat, einer existenziellen Trümmerlandschaft stellen müsse, ja könne. Von Autofahrten und Warteräumen handelten die Erzählungen. Es sind Sarah Staubs auch autobiografische Geschichten, gelesen von ihr, hartnäckig ehrlich, unverschämt hoffnungsvoll, leicht und schwer zugleich. Dazu die Klaviermusik vom Michael Nickel, voller Energie, voller Klangfarben, faszinierend, emotional. Fremde Melodien, die mir doch vertraut vorgekommen sind.

Im Café Hirschli in Zürich durfte die Gästeschar mit den Künstler:innen "Auf Hoffnung hoffen" – so der Titel dieses Poesie- und Klavierabends. Das gelang vorzüglich. Da war Zuversicht ohne Weltflucht, da war freudige Ruhe, inmitten einer dissonanzreichen Wirklichkeit.

Rund zwanzig Personen liessen sich auf diesen Abend ein. Viele kannten sich, lernten sich in der Pause kennen.

Hinter dem Anlass stand das Reflab, dieses digitale Lagerfeuer der Reformierten Zürichs.

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, sich von Sarah Staub und Michael Nickel auf ihre Gedankenreisen mitnehmen zu lassen.

Am Samstag, 9. Mai um 19.30 Uhr in der Methodistenkirche an der Rosenbergstrasse 4 in 8820 Wädenswil.

Und am Sonntag, 10. Mai um 16.00 Uhr in der Methodistenkirche an der Turnhallenstrasse 11 in 4460 Gelterkinden.

Jörg Niederer

Donnerstag, 7. Mai 2026

Heilige Pampers


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Windelauslage in einem Warenhaus.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin eigentlich kein Fan von Reliquien." Aber "Sie sind ein Symbol, etwa für die Geburt Jesu." Martik Torzewski, Künstler, über die Aachener Heiligtumsfahrt

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Manche alten Schriften sind, heute gelesen, unglaublich skurril und schräg. So wie etwas das Motiv der Windel Jesu im sogenannten "Arabischen Kindheitsevangelium", eine ausserbiblische Erzählung von der Geburt Jesu. Entstanden ist der Text wohl im 6. Jahrhundert nach Christus. In diesem Werk bekommt in einem Abschnitt die Windel von Jesus besonderes Gewicht. Ich zitiere:

"Und es geschah, als der Herr Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem geboren war, siehe, da kamen Magier aus dem Morgenland nach Jerusalem, wie es Zeraduscht [Zarathustra] vorausgesagt hatte. Sie brachten mit als Geschenk: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Sie beteten ihn an und brachten ihm ihre Geschenke dar. Da nahm die Herrin [lat. Domina!] Maria eine von jenen Windeln und gab sie ihnen als kleine Gegengabe. Sie nahmen sie von Maria entgegen und fühlten sich hoch geehrt. In der gleichen Stunde erschien ihnen ein Engel in Gestalt jenes Stern, der ihnen zuvor Wegführer gewesen war. Sie folgten seinem Licht und zogen von dannen, bis sie ihre Heimat erreichten.

Zu ihnen kamen aber Könige und ihre Fürsten mit der Frage, was sie gesehen und ausgerichtet hätten … und was sie mitgebracht hätten. sie aber zeigten ihnen jene Windel, die die Herrin Maria ihnen überreicht hatte. Aus diesem Anlass feierten sie ein Fest. Nach ihrem Brauch machten sie ein Feuer und beteten es an. Sie warfen jene Windel hinein: und das Feuer erfasste sie und nahm sie in sich auf. Als das Feuer erloschen war, zogen sie die Windel hervor, so, wie sie zuerst gewesen war, als habe das Feuer sie nicht angetastet. Daher begannen sie die Windel zu küssen, sie sich auf den Kopf und die Augen zu legen, und sagten: 'Das ist wirklich unbezweifelte Wahrheit. Es ist wirklich eine grosse Sache, dass das Feuer sie nicht verbrennen oder vernichten konnte!' Sie nahmen sie von dort mit und legten sie mit höchsten Ehren zu ihren Schätzen." (aus: Fontes Christiani, Band 18, Evangelia Infantiae Apocrypha - Apokryphe Kindheitsevangelien, Freiburg im Breisgau 1995, 176-179)

Da wird also eine vermutlich gebrauchte Windel als äusserst wertvolles Geschenk von der Domina Maria entgegengenommen. Diese legten sich Könige und Fürsten voller Seligkeit auf den Kopf und zeigte sie herum. Sogar ein Fest wurde ausgerichtet zu Ehren dieser Jesuswindel.

Noch delikater wird diese Geschichte, wenn man weiss, dass es im deutschen Aachen tatsächlich ein entsprechendes Fest gibt: die Aachener Heiligtumsfahrt. Dort wird nebst dem Kleid Mariens, dem Lendentuch Jesu und dem Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer auch die Windel Jesu durch die Stadt getragen. Dies nicht etwa vor tausend Jahren, nein, es geschieht hier und heute. Nach Aachen sei die Windel im Jahr 799 durch Karl dem Grossen gelangt, der sie in Jerusalem aufgetrieben habe. Echt ist sie wohl nicht, aber was soll's? Wie heisst es doch: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Selbst wenn der Anlass eine heilige Pampers ist.

Jörg Niederer

Mittwoch, 6. Mai 2026

Die Distel und Maria

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Die symmetrische Blüte einer Gewöhnlichen Mariendistel ähnelt in ihrem Aussehen der Artischocke.
Foto © Jörg Niederer
Marienmonat Mai: "Vielerorts wird im Mai ein Marienbildnis oder eine Marienstatue mit Blumen besonders geschmückt." Wikipedia

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Die Mariendistel wächst im ganzen Mittelmeerraum. Sie wird auch für die Pharmaindustrie angebaut, etwa im Waldviertel in Österreich.

Frauenfeld und die Mariendistel haben Gemeinsamkeiten. Deutlich wird dies anhand eines älteren Namens: "unser vrouwen distel". Beide Namen verweisen auf die Jungfrau Maria. Die Geschichte zum Namen der Distel geht so: Auf den Blättern der Mariendistel befinden sich weisse Streifen. Der Legende nach stammen diese von der Milch der Jungfrau Maria, welche beim Stillen des Kindes auf die Pflanze getropft sei.

Religiös geprägte Namen von Pflanzen sind recht häufig, und zeigen, wie stark die Volksfrömmigkeit früher das Leben der Menschen bestimmte. Früher auch ass man Teile der Blüten. Sie wurden wie die Artischocken zubereitet. Daher nennt man sie auch Wild-Artischocke. Auch die Stängel können gegessen werden.

Mit Wirkstoffen der Pflanze wird heutzutage die Leberzirrhose behandelt. Auch bei Vergiftungen mit dem Knollenblätterpilz kommen Substanzen der Mariendistel zum Einsatz. Der Wirkstoff Silymarin soll die Aufnahme vom tödlichen Pilzgift in den Leberzellen wirksam hemmen.

Mir gefällt an der Distel auch die schöne Symmetrie der Blüten-Rosette und dass sie besonders gerne an Ruderalstandorten wächst. Sie liebt die Gesellschaft des Mauer-Gänsefusses. 

Und noch dies: 2021 war die Mariendistel in Österreich Arzneipflanze des Jahres.

Jörg Niederer

Dienstag, 5. Mai 2026

Liebe zum Wesentlichen

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Die Toiletten in der methodistischen Gemeinde von Murtino (Nord-Mazedonien) sind in spezieller Weise kindsgerecht eingerichtet.
Foto © Jörg Niederer
"Halt mich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht, und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt." Khalil Gibran (1883–1931)

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Am Sonntag predigte ich in Murtino, einem Dorf etwas ausserhalb der Stadt Strumica. Es ist die grösste Kirchgemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche in Mazedonien. Während bei den meisten Methodistenkirchen aus wirtschaftlichen Gründen bis zur Hälfte der Gemeindeglieder ins Ausland emigriert sind, trifft dies auf Murtino nicht zu. Das fällt schon auf, wenn man durchs Dorf fährt. Deutlich weniger Häuser als andernorts sind hier in marodem Zustand. Die Kirche selbst, schon etwa 30 Jahre alt, ist in und auswendig in ausgezeichnetem Zustand. Da fehlt es auch nicht an der sprichwörtlichen Liebe zum Detail. Wobei, es ist wohl eher die Liebe zu den Kindern. Das fällt gerade auch bei den beiden Toiletten auf. Da gibt es für die Kinder einen ihrer Grösse angepassten Extrathron und auch ein extra Lavabo. Selbst lustige Aufkleber auf der Keramik fehlen nicht. Da ich aus einer Sanitärinstallateuren-Dynastie entstamme, fällt mir so etwas natürlich auf. Wie viel Liebe steckt in der Nachwuchsbetreuung einer Kirchgemeinde, wenn sogar am verborgenen und stillen Örtchen an die Jüngsten gedacht wird, und das in einem Land, in dem viele Menschen gerade so ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können?

Jörg Niederer

Montag, 4. Mai 2026

Gastbeitrag in Mazedonien

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Gruppenfoto zum Abschluss des Laienprediger:innen-Seminars der Evangelisch-methodistischen Kirche Nord-Mazedonien.
Foto © Jörg Niederer
"Ich habe keine Angst vor einem Heer von Löwen, das von einem Schaf angeführt wird. Ich habe aber Angst vor einem Heer von Schafen, das von einem Löwen angeführt wird." Alexander der Grosse (356–323 v. Chr.), Mazedonischer König und Welteroberer

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Das Laienprediger:innen-Seminar in Mazedonien ist Geschichte. Ich durfte als Referent gastweise daran teilnehmen und so viele interessante Persönlichkeiten kennenlernen. Geleitet wurde das Treffen von Superintendenten Marjan Dimov und einem Team von weiteren Helfer:innen. Am Seminar nahmen nicht nur die 4 Personen teil, welche dieses Laienprediger-Seminar absolvieren, sondern auch Jugendmitarbeitende und andere Interessierte. 

In diesem abschliessenden Kurs ging es um Liturgie und Gottesdienst (unterrichtet von Erika Stalcup) sowie um die Kirchenordnung (Jörg Niederer). Auch wenn die Materie nicht besonders spannend klingt, entstanden angeregte Gespräche und teils intensive Diskussionen. Besonders hilfreich war, dass die frisch ins Mazedonisch übersetzte Kirchenordnung hinzugezogen werden konnte.

Zum Abschluss ihrer Ausbildung wurde den Studierenden eine Urkunde überreicht, die bestätigt, dass sie nun Laienprediger:innen der Evangelisch-methodistischen Kirche sind. Als solche dürfen sie in allen methodistischen Gemeinden zu Predigtdiensten hinzugezogen werden. Weiter kann der Bischof sie bei Bedarf als Pfarrpersonen anstellen, was mindestens in einem Fall nun auch geschieht.

Die Laienmitarbeit ist in allen Kirchen wichtiger den je. Die Methodistenkirche ihrerseits ist ohne sie nicht vorstellbar. In Mazedonien etwa gibt es aktuell nur gerade zwei ordinierte Pfarrpersonen in 11 Gemeinden. Die weiteren pastoralen Mitglieder kommen aus der Laienschaft oder sind mit ihrer Ausbildung noch nicht fertig.

Ich habe mich in diesen Tagen vor allem wieder an den Begegnungen mit den Menschen dieses reizvollen aber vor grossen Herausforderungen stehenden Landes gefreut. Mal schauen, ob ich wieder einmal diese Herzlichkeit der mazedonischen Menschen erleben darf.

Jörg Niederer

Sonntag, 3. Mai 2026

Gastprediger mit Denkmal

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Das Mazedonien-Denkmal in Strumica ist dem bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Staatspräsidenten Boris Trajkovski gewidmet. Der Evangelisch-methodistische Christ predigt einst auch auf "meiner" Kanzel.
Foto © Jörg Niederer
"Wir alle teilen ein einziges Schicksal namens Mazedonien." Boris Trajkovski (1956-2004)

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Nicht vielen Menschen, die als Gast einmal an einem Ort gepredigt haben, an dem ich als Pfarrer wirkte, wurde ein richtiges Denkmal erreichtet. Genauer gesagt: Es ist wohl lediglich einer. Es war in Reinach, als ein mazedonischer Delegierter an die Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche im Gottesdienst predigte. Vorgängig übersetzte ich mit einer Frau zusammen seinen englischsprachigen Predigttext auf Deutsch. Das musst so in den Jahren 1996/97 herum gewesen sein.

Boris Trajkovski war mir damals unbekannt. Er wurde 1956 in Strumica geboren, wo er auch in der Methodistenkirche wirkte und Kindern in der Sonntagschule biblische Geschichten erzählte.

1999 dann war er der Präsident des Landes, das im Kosovokrieg viele Flüchtlinge aufgenommen hatte. Unterstützt wurde er auch von der muslimischen Minderheit im Land, während viele Orthodoxe ihn wegen seiner evangelischen Konfession nicht wählten.

Auch in der Zeit als Präsident besuchter er die Methodistenkirche und hielt auch weiter Sonntagschule.

Der aufgestellte, fröhliche Mann engagierte sich für einen Religionsfrieden im Land, zu einer Zeit, als die Spannungen auf einen Bürgerkrieg hinsteuerten, und holte die verschiedenen Religionsvertreter an einen Tisch.

Am 26. Februar 2004 auf dem Flug nach Mostar stürzte die mazedonische Präsidentenmaschine aus bis heute nicht geklärten Umständen kurz vor der Landung ab. Boris Trajkovski und weitere acht Menschen kamen dabei ums Leben.

Gestern bin ich in Strumica an seinem Denkmal vorbeigekommen. Das hat mich sehr berührt.

Jörg Niederer

Samstag, 2. Mai 2026

Doppelte Vielfalt

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Oben: Christliches Jugendtreffen in Nordmazedonien zum 1. Mai in einer Freizeitanlage nahe der griechischen Grenze. Unten: Eine winzige Wollbiene sitzt auf dem Fusspfad vor mir auf den Boden.
Fotos © Jörg Niederer
"Lasst uns ein Europa schaffen, das sowohl sokratisch wie christlich ist, gleichzeitig voller Zweifel und Glauben, voll Freiheit und Ordnung, voll Vielfalt und Einheit." Salvador de Madariaga (1886-1978)

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Während ich in Mazedonien im Hotel direkt an der Autobahn von Griechenland her am frühen Morgen diese Zeilen schreibe, jagen die Mehlschwalben, die über meinem Fenster nisten, wild hin und her. Ich höre auch Rauch- und Uferschwalben, den Pirol, und den Kuckuck. Weiden- und Haussperlinge melden sich, ein Pärchen der letzteren hat eines der Nester der Mehlschwalben für sich annektiert. Auch nicht weit sind Dohle und Star. Nachtigallen singen an jeder Hausecke und hinter jedem zweiten Busch.

Gestern besuchten wir über den Mittag ein christliches Jugendlager, das den freien 1. Mai für ein verlängertes Wochenende in einer grosszügigen Anlage direkt an den ersten Ausläufern des Gebirges nutzt. Die Jugendlichen kommen aus verschiedenen evangelischen Kirchen. Vielfalt und Lebensfreude war zu spüren. Wir vom Laienpredigerkurs waren eingeladen zu den Tischen und vollen Fleischtöpfen, die hier zum Essen nicht fehlen dürfen.

Einige Minuten lang erkundige ich den nahen Bachlauf bei der Freizeitanlage, der den Jugendlichen als Badeplatz dient. Auf einem Trampelpfad folge ich ihm aufwärts. Zwischen den Bäumen und Büschen hat es wunderschöne Trockenwiesen. Eine Riesensmaragdeidechse flüchtet vor mir mit Getöse ins Unterholz. Eine winzige, dunkelgefärbte Johannisechse schlängelt sich durchs Gras, der Wegerich-Scheckenfalter setzt sich auf eine Blume, fast schwarze Krabbenspinnen lauern auf dem hellbraunen Boden. Da gibt es unzählige Löcher der Falltürspinnen, eine winzige Wollbiene lässt sich anstandslos fotografieren, genauso wie die Gemeine Bodenwanze, der Schwarzer Schmalbock und die Punktiere Zartschrecke. Ich kann mich nicht erinnern, je eine Rundblättrige Osterluzei gesehen zu haben. Hier wächst sie. es gibt Weissfleckdisteln, und die gewöhnliche Mariendistel mit ihrer wunderschön symmetrischen Blüte. Auch den Echten Venusnabel entdecke ich, angelehnt an einen sich zersetzenden Baumstumpf.

All diese Eindrücke sind überwältigend. Was gäbe es hier noch zu entdecken, wenn ich mehr Zeit hätte?

So könnte es auch in der Schweiz aussehen, würde nicht jeder Wegrand regelmässig von Unkraut befreit, hätte es mehr Hecken und weiniger aufgeräumte Agrarlandschaft. Hinter dem Hotel ist der Übergang vom Wald zum strauchbestandenen Feld wunderschön abgestuft, auch etwas, das man in der makellosen Schweiz kaum noch sieht. Gestern beim Frühstück konnte ich dort einen Merlin beobachten, wie er auf einer Telefonstange seine Beute vertilgte.

Auch die Eindrücke von und mit den Menschen sind beglückend, die Gespräche bereichern. Sie werden geführt in Englisch und Deutsch und Mazedonisch und irgendwie, lächelnd, händeschüttelnd und manchmal händeringend.

Ich erlebe gerade doppelte Vielfalt. Das tut so richtig gut.

Jörg Niederer

Freitag, 1. Mai 2026

Moderne Reisestrapazen

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Von der Hauptstrasse aus in Thessaloniki sieht man einen kurzen Moment lang das Meer.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Leben ohne Freuden ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus." Demokrit (um 460-370 v. Chr.)

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Seit gestern bin ich in Mazedonien. Das heisst zwar schon seit einiger Zeit Nordmazedonien, aber daran hält sich hier niemand. Ausser vielleicht die Menschen im angrenzenden Griechenland. Dorthin bin ich hingeflogen. Keine zwei Stunden hat es gedauert, und ich war in Thessaloniki. Angereist bin ich als Referent für eine Schulungsveranstaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche. Sonst ziehe ich es vor, nicht zu fliegen. Und wenn ich kann, vermeide ich auch das Autofahren. Letzteres habe ich an diesem Tag so richtig ausgiebig getan. Nicht dass ich wollte. Aber der mir gut vertraute Fahrer wollte unbedingt A5-Ordner einkaufen, was er dann mangels genügender Zahl auch ausgiebig in verschiedenen Geschäften getan hat. Mit der Folge, dass ich dreimal länger im Auto verbrachte wie im Flugzeug. Nun weiss ich wieder einmal, warum mir Autofahren so sinnlos vorkommt. Wenigstens ein Gutes hatte es: ich sah wieder einmal das Meer. Denn daran vorbei sind wir gefahren, beziehungsweise im Stau gestanden.

Nun freue ich mich auf die Gespräche der kommenden Tage.

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. April 2026

Schöne Augen zum Verlieben

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Teichfrosch mit Stechmücke im Hudelmoos bei Amriswil.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Frosch mit genug Kröten wird verdammt schnell zum Prinzen." Claudio Michele Mancini (*1945)

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In so schöne Augen kann man sich schon einmal verlieben. Da wundert es mich nicht, dass Prinzessinnen dazu gebracht werden können, einen Frosch zu küssen.

Doch welcher Art ist denn nun dieser Frosch? Sicher gehört er nicht zu den verwunschen Prinzen. Es könnte ein Kleiner Wasserfrosch, ein Teichfrosch oder ein Seefrosch sein. So einfach kann ich das gar nicht mehr sagen, seit die italienischen Seefrösche sich mit den Kleinen Wasserfröschen paaren und daraus die Teichfrösche entstehen, die nun ihrerseits selbst als Hybriden Nachwuchs unter ihresgleichen zeugen können.

Der Einfachheit halber sage ich einfach einmal: Das ist ein Teichfrosch. Davon hatte es hunderte, als wir gestern im Hudelmoos bei Amriswil eine kleine Runde drehten. Bei dieser Froschdame oder diesem Froschherrn – auch das ist nicht leicht zu erkennen so auf den ersten Blick – ist noch etwas anderes auffällig. Die Stechmücke auf dem Rücken, die offensichtlich auch Froschblut mag. Das ist wohl die Rache für die vielen im Schlund des Froschmunds verschwundenen Mücken und Fliegen.

Mir tun die Frösche leid. Sie müssen ausgerechnet da ausharren, wo es nur so wimmelt von diesen Plagegeistern. Ich kann mich am Abend in meine Wohnung zurückziehen, und werde nur ab und zu durch das Surren einer einzigen Mücke am Schlaf gehindert.

Ja, die Frösche haben es nicht einfach. Ständig feuchte Füsse, aber auch wunderschöne Augen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 29. April 2026

Bluescht im Hoschtet

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Einblick in einen blühenden Obstgarten bei Zihlschlacht.
Foto © Jörg Niederer
"Über dem mit kleinen Wölkchen gesprenkelten Horizont im Osten ging eben die Sonne auf. Ihr Licht verlieh den taufrischen Blüten und Blätter der Obstbäume festlichen Glanz..." Charlotte Brontë (1816-1855)

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Es ist die Zeit der Bluescht-Fahrten durch den Kanton Thurgau. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Helles Weiss und lichtes Grün überwiegen. Welch eine Lust, durch die Landschaft zu wandern. Bienchen summen, Hummeln torkeln im Tiefflug über den Boden. Frösche quaken aus Tümpeln am Rand der Wälder. In der Ferne grüsst der Säntis, die Vögel singen einer schöner als der andere. Die Sonne wärmt, die Jacken bleiben im Rucksack. Da und dort grüssen sich Menschen, die sich noch nie begegnet sind. Man könnte meinen, die Welt sei aber auch so etwas von in Ordnung. Da stösst ein Rotmilan mit lautem Ruf hinab ins Wiesengrün. Nicht weit von uns blühen Bäume über Bombentrichtern und Blumen auf Massengräbern.

Jörg Niederer

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