Sonntag, 23. August 2026

Religionsfrieden

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Zentrales Wandgemälde aus dem Kapellenanbau des Alters- und Pflegeheims Bethanien in Wabern bei Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Und zwischen Israel und den Amoritern herrschte Frieden." Bibel, 1. Samuel 7,14c

Entdeckt

Es gibt da eine überraschende Notiz in der Bibel: Es wird berichtet, dass Israel mit den Amoritern in Frieden zusammen lebte. Damit sind Kanaanäer gemeint. Diese Aussage weicht von anderen Bibelstellen ab, nach denen Gott von Israel verlangte, die Bevölkerung Kanaans auszurotten (zum Beispiel Bibel: 5. Mose 7,1-4). Wie ist dieser Wiederspruch zu verstehen? Im Zusammenhang mit dem Bussgottesdienst in Mizpa, wie er in der Bibel in 1. Samuel 7 beschrieben wird, entledigte sich Israel zwar der kanaanäischen Götterbilder in den eigenen Reihen, aber vertrieb nicht die Kanaanäer und deren Glaubensausübung aus ihrem Gebiet. Vermutlich waren sie dazu gar nicht in der Lage gewesen. Es gab wohl so etwas wie eine Pattsituation. Oder beide Stammesverbände hatten in den Philistern einen gemeinsamen Feind. 

Ich verstehe diese Situation so: Es geht nicht darum, Menschen anderer Religionen zu vertreiben, sondern darum, am eigenen Glauben in einem multireligiösen Umfeld festzuhalten. Auf heute übertragen würde das heissen, in Frieden mit den Muslimen bei uns zusammenzuleben und zugleich allein an Christus als Begründer unseres Glaubens festzuhalten. Wenn wir sicher in unserem Glauben an Christus sind, müssen die Mitmenschen mit anderer Religionszugehörigkeit von uns Christinnen und Christen nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen werden. In Israel gab es jedenfalls eine Zeit, in der zwei unterschiedliche Religionen miteinander in Frieden zusammenleben konnten, und es scheint, dass der Gott Israels nichts dagegen gehabt hatte.

Zum Foto: Heute Sonntag feiert das Alters- und Pflegeheim Weyergut Bethanien in Wabern mit einem Fest sein 50-jähriges Bestehen. Das Weyergut wurde anfänglich von den methodistischen Bethanien-Diakonissen geführt. Bei der Einweihung war mit Bundesrat Gnägi einer der höchsten Schweizer Magistraten zugegen. Heute ist das Weyergut ein Werk der Diakonie Bethanien, nachdem es viele Jahre als selbständiges Werk geführt wurde. Auf Grund dieses besonderen Tages gibt es hier ein Foto vom zentralen Wandgemälde im Kapellenanbau des Alters- und Pflegeheims Weyergut Bethanien.

Jörg Niederer

Samstag, 22. August 2026

Endstation?

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Bei der Reformierten Kirche Jegenstorf findet sich bei einem Grabkreuz ein zugemauertes Tor.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich …" Franz Kafka (1883-1924)

Entdeckt

Es könnte ein Symbolbild sein. Beim Grab ist Endstation. Das Portal ist zugemauert. Da geht es gleich zweimal nicht mehr weiter. Aber ist der Tod wirklich das Ende? Könnte es nicht auch Übergang sein in eine andere Wirklichkeit?

Nichts Genaues weiss man nicht. Die Religionen geben zwar allesamt Antworten. Doch sie sind sich nicht einig, ja widersprechen sich. Heute fällt es mir schwerer, bestimmt zu sagen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn Menschen mit Überzeugung von einem Wiedersehen im Himmel sprechen. Ich wünschte es mir. Ich glaube auch daran. Doch sicher kann kein Mensch sein. Nun, wir werden es erfahren. Bis dahin gebe ich mich der Hoffnung hin. Denn ich wünsche mir Gerechtigkeit für die Opfer und Zukurzgekommenen. Dazu brauchen wir den Himmel als Ort der Wiedergutmachung. Auch den Ungerechten wünsche ich ein Augen und Verstand öffnendes Erwachen. Mögen dieses Erwachen den Umständen entsprechend böse oder gut sein.

Jörg Niederer

Freitag, 21. August 2026

Zürich HB

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Hauptbahnhof Zürich. Durchgang von der Bahnhofshalle zur Bahnhofstrasse.
Foto © Jörg Niederer
"Der richtige Spaziergänger ist wie ein Leser, der ein Buch wirklich nur zu seinem Zeitvertreib und vergnügen liest." Franz Hessel (1880-1941)

Entdeckt

Ein Transitort, ein Ort des Übergangs. Der Hauptbahnhof Zürich. Hier sind die Menschen auf dem Weg. Sie kommen an. Sie reisen ab. Sie verweilen kurz auf einem Perron oder in einem Café. Sie sortieren die Koffer. Sie schauen dem Treiben zu, den orange gekleideten Angestellten, wie sie den Müll verladen oder auf Wägelchen Dinge durch die Gegend fahren. Sie schauen den tätowierten Fremden nach, den Jungen im Ausgang, den Geschäftsleuten. Meist weiss der Mensch am Bahnhof, wohin er will. Wohin wollen die andern? 

Der Durchgang zwischen der grossen Bahnhofshalle zu den Trams und hinüber zur Einkaufsmeile, zur Bahnhofstrasse, ist auch ein Übergang vom Schatten an Licht. Silhouetten, Gestalten bewegen sich. An der Decke das Schweizerkreuz, wenig beachtet. Dann werden die Gehenden licht und hell und Teil der Flanierhungrigen.

Durch den Durchgang hindurchgehend verändert sich viel und nichts. Ein idealer Ort, um ein Lebensjahr zu beenden und ein neues zu beginnen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 20. August 2026

Nasse Insel in der Trockenheit

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Das Feuchtgebiet Gampen in der Gemeinde Berg TG wurde mit tierischem Beistand ökologisch aufgewertet.
Foto © Jörg Niederer
"Alle Projekte sind unweigerlich mit dem Wasser verbunden." Bodo Middelhoff

Entdeckt

Für einmal ist das kein Foto zur Trockenheit in der Schweiz. Obwohl, die Trockenheit ist auch im Feuchtgebiet Gampen, an der Gemeindegrenze von Berg im Kanton Thurgau deutlich zu erkennen.

Es geht bei diesem bewaldeten Landstück um ein Pilotprojekt des Kanton Thurgaus. Dieser will mehrere einstige Feuchtgebiete wieder vernässen, um so der Trockenheit entgegenzuwirken. Diese Feuchtgebiete wirken auch als natürliche Rückhaltebecken bei heftigen Niederschlägen. Zudem sind sie ökologisch sehr wertvoll. Moore speichern etwa zwanzigmal so viel CO2 wie Wälder.

Das Feuchtgebiet Gampen gehört zu den ersten dieser neu vernässten Feuchtgebieten. Dabei wurde der Wasserstand durch eine Regulierung der Abflüsse deutlich angehoben, so dass das einstige Waldgebiet überschwemmt wurde. Zugleich kam der Biber, und hob den Wasserstand um weitere 30 Zentimeter an. Man habe mit dem Biber sozusagen Hand in Hand zusammengearbeitet, meinte ein Verantwortlicher. Herausgekommen ist das, was man auf dem Foto sieht. Bäume sterben ab, das Gebiet ist deutlich feuchter und lichter geworden als die weitere Umgebung. Seltene Tiere kommen zurück, zum Beispiel der Mittelspecht.

Da wo der Biber die Landschaft gestaltet, steigt die Artenvielfalt massiv an. Das konnten die Fachleute des Kantons auch im Feuchtgebiet Gampen feststellen.

Grund genug, den Ort nicht sehr weit entfernt von meinen Wohnort aufzusuchen. Es hat sich gelohnt. Erstmals fotografierte ich die Blutrote Heidelibelle, ein Reh huschte über die Waldstrasse, Vögel konzertierten in den Zweigen und dann trafen wir noch eine Frau im Tarnanzug, die genau hier ihre bevorzugte Fotostrecke findet.

Eine Frage aber bewegt uns nach dem Besuch dieses bemerkenswerten Orts. Wie haben die Biber die Trockenheit überstanden? Ist noch genug Wasser da, um den Unterwasserzugang zum Bau zu gewährleisten? Denn sichtbares Oberflächenwasser war vom Weg aus nur an wenigen Stellen zu erkennen.

Übrigens: Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Gebiet durch einen Beitrag im "Echo der Zeit" vom 9. August 2026.

Jörg Niederer

Mittwoch, 19. August 2026

Fake Hupverbot

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Das Hupverbots-Strassenverkehrsschild ist fake. In der Schweiz ist das Hupen so restriktiv geregelt, dass ein Verkehrsschild dazu keinen Sinn macht.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn du eine Diät machen willst, ersetze das Licht in deinem Kühlschrank durch eine Hupe." nach wordgag.de

Entdeckt

In der Schweiz wird nur ganz selten gehupt. Das hat Gründe. Denn die Verkehrsregelnverordnung (VRV) erlaubt Hupen (und auch Lichthupen) nur bei Gefahr und in sehr unübersichtlichen Kurven ausserorts. Hupen aus Freude über ein gewonnenes Fussballspiel kann teuer werden. Erst recht nachts. Ein Kollege von mir verlor wegen Hupens in der Nacht seinen Führerschein für einige Monate.

Im Artikel 29 der VRV steht: 

"1 Der Fahrzeugführer hat sich so zu verhalten, dass akustische Warnsignale oder Lichtsignale möglichst nicht notwendig sind. Er darf solche Signale nur geben, wo die Sicherheit des Verkehrs es erfordert; dies gilt auch für Gefahrenlichter (...).

2 Der Fahrzeugführer hat akustische Warnsignale zu geben, wenn Kinder im Bereich der Strasse nicht auf den Verkehr achten und vor unübersichtlichen, engen Kurven ausserorts.

3 Nach Eintritt der Dunkelheit dürfen nur Lichtsignale gegeben werden. Akustische Warnsignale sind nur in Notfällen zulässig."

Diese Verordnung bedeutet, dass ein Verkehrsschild für ein Hupverbot unnötig ist. Doch in Bern habe ich es entdeckt, aufgeklebt auf der Rückseite einer weiteren Verkehrstafel. Allein schon diese inoffizielle Anbringungsweise entlarvt das Hupverbotsschild als Fake.

Könnte das Schild etwas anderes bedeuten? Z.B. "Platzkonzerte von Bläsergruppen verboten", oder "Postautos verboten", oder "Kein Jagdrevier"? Andere Vorschläge bitte in die Kommentare.

Jörg Niederer

Dienstag, 18. August 2026

Doppelsichtig

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Ein Vieraugenfisch im Tierpark Dählhölzli in Bern will wissen, wer ihn da fotografiert.
Foto © Jörg Niederer
"Das Wasser war ganz warm. Es hatte dieses wunderbare, durchsichtige, mit Silber gesprenkelte Blau, aber der Sand am Grund war wie Gold …" Katherine Mansfield (1888-1923)

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Noch einmal Tierpark Dählhölzli in Bern. Der Vieraugenfisch ist nebst einem Frosch das einzige Tier, das gleichzeitig sowohl über- wie unter Wasser scharf sehen kann. Dazu sind seine beiden Augen zweigeteilt und weisen je unterschiedliche Krümmungen und Pupillen auf. Bei diesem Brackwasserfisch handelt es sich um den grössten Zahnkärpfling, den wir kennen. Er lebt in Küstengewässern Südamerikas in Brack- und Süsswasser und bleibt stets an der Wasseroberfläche. Weil er so aussergewöhnlich ist, wird er gerne in Zoos den Besuchenden präsentiert.

Der Fisch sieht also im wahrsten Sinn des Wortes doppelt, und das ganz ohne Alkoholkonsum.

Jörg Niederer

Montag, 17. August 2026

Farbenfroh

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Ein Rothaubenturako im Tierpark Dählhölzli in Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Bescheidenheit ist mein vorzüglichster Fehler, den ich mir mit der Zeit noch ganz abgewöhnen muss." Ludwig Tieck (1773-1853)

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Im Tierpark Dählhölzli in Bern werden viele europäische Tiere gehalten, zum Teil in sehr grossen Aussengehegen. Das hat mir schon gefallen, als ich noch als kleiner Junge mit meinen Eltern in Bern wohnte und immer einmal wieder einen Besuch im Zoo machen durfte. Aber auch exotische Tiere finden sich hier, so etwa dieser Rothaubenturako, ein Vogel aus Angola. Der Tierpark hält mehrere dieser farbenfrohen Vögel im Rahmen eines europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Auch ein Jungvogel turnt aktuell in den Volieren des Tierparks herum. Er weisst noch nicht die Farbenpracht seiner Eltern auf. Die rote und grüne Färbung entsteht übrigens bei diesem Vogel nicht durch die Oberflächenstruktur der Federn, sondern durch kupferhaltige Pigmente.

Rothaubenturakos ernähren sich fast ausschliesslich von Früchten. Früher zählte man sie zur Ordnung der Kuckucksvögel. Heute sind sie eine eigene Ordnung. Als Turakos zählen sie zu den Lärmvögeln! Das sagt einiges aus über ihre Stimmgewalt, mit der sie rufend, kreischend und schreiend ihr Revier abgrenzen. Wie das klingt, kann man sich hier anhören.

Jörg Niederer

Sonntag, 16. August 2026

Heilige Kühe

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Kuh beim Wiederkäuen auf einer Alpweide.
Foto © Jörg Niederer
"Genauso machten es die Philister: Sie schafften zwei Kühe mit ihren Kälbern herbei. Die Muttertiere spannten sie vor den Wagen, während sie die Kälber in den Stall sperrten. Dann stellten sie die Lade des Herrn auf den Wagen, ..." Bibel: 1. Samuel 6,10-11a

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Die Bundeslade war lange Zeit das Allerheiligste in Israel. So war es besonders schlimm, als die Philister diese in einem Feldzug den Israeliten rauben konnten. Gott selbst sorgte in der Folge dafür, dass die Bundeslade den Philister kein Glück brachte und sie diese wieder los werden wollten (siehe dazu Bibel, 1. Samuel 5+6). 

Seit die Muttertierhaltung Einzug gehalten hat in der Viehwirtschaft, wissen wir wieder, wovon dieser Bibeltext redet. Versuche einmal, eine Mutterkuh auf der Weide von ihrem Kalb zu trennen! Das kann ins Auge gehen. Mütter neigen dazu, ihren Nachwuchs mit absoluter Konsequenz zu verteidigen. Untrainierte Kühe kann man auch nicht für das Ziehen eines Ochsenwagens gebrauchen. Das heisst: Die Philister haben es Gott besonders schwer gemacht, die Bundeslade wieder nach Israel zurück zu bringen. Sie wollten ihre Kriegsbeute gar nicht hergeben. 

Irgendwie ist das eine Jonageschichte. Eine Geschichte, die zeigt, dass Gott sein Ziel gegen jeden Widerstand erreichen kann. Bei Jona war es der Prophet selbst, der versuchte, Gott von seinem Ziel abzubringen. In der Bundesladengeschichte sind es die Philister, die es Gott so schwer wie möglich machten, seinen äusserst machtvollen Zauberkasten wieder ihrem Machtbereich zu entziehen. Doch die Kühe liessen lieber ihre Kälber stehen, statt sich Gott zu widersetzen. Es sind die Kühe, welche die Nachfolge höher gewichteten als die eigenen familiären Bande (siehe Matthäus 10,37!) und den eigenen Tod (siehe Matthäus 10,38-39!). Sie gaben Ihr Leben als Opfer für Gott. (Schade, dass die Kühe, obwohl sie alles richtig gemacht hatten, nicht weiter leben durften.)

Jörg Niederer

Samstag, 15. August 2026

Wasserfreude

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Oben: Seehund im Tierpark Dählhölzli in Bern. Unten: Gewitterregen am Bahnhof Spiez.
Fotos © Jörg Niederer

"Es war einmal ein Mann der gung / In eines Flusser Niederung / Der Tanz der grünlich krausen Wellen / Tat seines Geistes Licht erhellen."
Kurt Schwitters (1887-1948)

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Eben noch war ich ein wenig neidisch auf die Seehunde im Tierpark Dählhölzli in Bern, die sich auf dem Grund des Beckens vor der Hitze und Sonne in Sicherheit bringen konnten, und nur gelegentlich mal kurz auftauchten und aus dem Wasser nach uns schweissgebadeten Zoobesuchenden schauten. Natürlich galt der Neid auch all den Menschen, die die Aare hinunter durch die Stadt Bern schwammen. Mangels Badehosen und bedingt durch ein anderes Ziel konnten wir uns nicht in gleicher Weise erfrischend treiben lassen.

Ein Tag später dann nach einer Beisetzungsfeier überraschte uns ein Gewitter am Bahnhof Spiez. Zum ersten Mal seit einigen Wochen spürte ich wieder Regentropfen. War das schön und erquickend. Laut den Meteorologen soll es in den kommenden Wochen wieder kühler werden und vermehrt Gewitter geben. Doch das helfe nicht, die Wasserspeicher aufzufüllen. So erzählte einer der Bergler an der Beisetzungsfeier, dass sie ein Schreiben von der Wassergenossenschaft erhalten hätten, in dem sie zum Wassersparen aufgefordert worden seien. Wassersparen wird wohl noch bis zum nächsten tagelangen Dauerregen ein bleibende Aufgabe sein. Bis es soweit ist, wird wenigstens der Schweiss weiter fliessen.

Jörg Niederer

Freitag, 14. August 2026

Das Vertriebsnetz

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Einstige Predigtorte der Methodist:innen: Oben: Gehöft Ober Altenei. Unten: Bauernbetrieb Aspi.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir vergehen wie Rauch von starken Winden." Andreas Gryphius (1616-1664)

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Der bequeme Weg von Langnau nach Signau folgt den Flussläufen von Ilfis und Emme. Der unbequeme Weg dagegen führt auf direkterem Weg über die Emmentaler Hügel. Dabei kommt man an vielen Gehöften und Heimetli vorbei. Noch in Sichtweite von Langnau, 150 bis 200 Höhenmeter über der Talsohle, trafen sich einst Methodist:innen zu ihren Gottesdiensten in Bauernhöfen. Luftlinie sind diese Orte nur zwei, drei Kilometer von der "Mutterkirche" in Langnau entfernt. Von Langnau aus betreute die Pfarrperson auch die "Aussenstationen".

Man kann sich fragen, ob ein so dichtes Netzt an Predigtplätzen Sinn macht. Es scheint zumindest ein Bedürfnis gewesen zu sein, sonst hätte es diese abgelegenen Predigtplätze nicht gegeben. Vermutlich hätte man ohne sie viele Bauernfamilien an ihren schwer zugänglichen Orten nicht erreicht. Auch ist zu vermuten, dass solche Predigtplätze in Privathäusern auch von anderen Freikirchen im Emmental unterhalten wurden. Zumindest die Täufer trafen sich oft in abgelegenen Weilern.

1987 wurden die beiden methodistischen Predigtstandorte Altenei und Aspi aufgegeben. Das hat wohl vielfältige Ursachen gehabt. Zu vermuten ist, dass es auch im Emmental zu einer verstärkten Entfremdung der Bevölkerung von freikirchlicher Zugehörigkeit gekommen ist. Weiter wurden an vielen Orten die Wege wintersicher ausgebaut und damit die Mobilität erhöht. Auch die Grossfamilien auf den Bauernhöfen verschwanden, was das Transportproblem deutlich verringerte. Vielleicht wollte man die Pfarrpersonen entlasten. Weiter vermutet werden kann, dass das Gemeinschaftserlebnis vermehrt in Gottesdiensten mit höherer Beteiligung gesucht wurde.

Die negativen Folgen dieser Strukturbereinigung: Nähe zu und Einfluss auf die Menschen schwanden dahin. An manchen Orten sosehr, dass innerhalb von 30, 40 Jahren von der einst blühenden und vielfältigen Arbeit nur noch wenige Baudenkmäler übriggeblieben ist. So etwa auf dem kirchlichen Arbeitsfeld um Signau herum. Dazu später mehr in diesem Blog.

Der Niedergang erfolgte schleichend und unaufhaltsam. Das Alte ist vergangen, das Neue zeigt sich aktuell noch nicht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 13. August 2026

Sonnenfinsternis

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Der Höhepunkt der Sonnenfinstern vom 12. August 2026. Bis auf eine Sichel ist die Sonne vom Mond abgedeckt.
Foto © Jörg Niederer
"... bei einem Streit mit jemandem noch vor Sonnenuntergang wieder Frieden schliessen." Benediktsregel

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Grosses Theater am Abendhimmel. Kurz vor Sonnenuntergang schiebt sich der Mond zwischen Erde und Sonne. Nach einigen Minuten ist die Sonne nur noch als schmale Sichel zu sehen. Dann taucht sie abgedunkelt am Horizont weg und geht, wie man so sagt, unter.

Für einmal ist nicht der Mond "nur halb zu sehen", wie Matthias Claudius im Jahr 1779 dichtete, sondern die Sonne. Ein besonderer Tag für die Wissenschaft und für viele astronomisch Interessierte. Manche sind sogar nach Spanien gereist, um die dort vollständige Sonnenfinsternis zu beobachten.

Die Wissenschaft hat die Sonnenfinsternis entzaubert. Sie eignet sich nicht mehr für Weltuntergangs-Verheissungen. Faszinierend ist so ein seltenes Ereignis dennoch. Um es zu betrachten musste ich nicht einmal aus der Wohnung. Mir wurde die Show frei Haus geliefert. Wunderbar.

Jörg Niederer

Mittwoch, 12. August 2026

Lebendig verspeist

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Die Schlupfwespe Coleocentrus excitator auf einem Brombeerblatt.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts ist umsonst erschaffen, aber die Fliege ist nicht weit davon entfernt." Mark Twain (1835-1910)

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Darf ich vorstellen: Schlupfwespe. Weibchen von Coleocentrus excitator. Einen deutschen Namen hat das gut 23 mm lange Insekt nicht. Der Legestachel wurde bei der Grössenangabe noch nicht mitgemessen. Er ist noch einmal gut 17 mm lang. Die Schlupfwespe ist ein koinobionter Endoparasitoid. Das bedeutet, dass die Larven der Schlupfwespe lange Zeit in einem andern Tier leben, und dieses langsam von innen auffressen, aber so, dass das Wirtstier erst kurz vor Ablauf des Larvenstadiums der parasitierenden Tieres stirbt. Genau das bezeichnet das "Endo" vor dem Begriff "Parasitoid". Der Parasit bringt den Wirt langsam und schlussendlich um. Es gibt auch parasitoide Insekten, die den Wirt weiterleben lassen.

Im Fall von Coleocentrus excitator parasitiert dieser verschiedene Bockkäfer, etwa den Mulmbock, den Gelbbindigen Zangenbock, den Rothalsbock und den Braunrötlichen Spitzdeckenbock. damit reguliert Coleocentrus excitator mit seinem parasitierenden Verhalten einige Baumschädlinge. Das ist für die Bockkäfer natürlich nicht sehr schön, für die Kiefern, Fichten und Erlen jedoch schon.

Jörg Niederer

Dienstag, 11. August 2026

Tempi Passati

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"Wie traurig. Eine Hälfte der Welt glaubt nicht an Gott, die andere nicht an mich." Oscar Wilde (1854-1900)

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Oben: Das Lindenzytli in Hettiswil. Unten: Das Primarschulhaus von Hettiswil
Fotos © Jörg Niederer

Hettiswil ist ein kleines Dorf, südöstlich von Hindelbank. Wer hindurch wandert, steht irgendeinmal vor dem Lindenzytli. Der kleine Turm mit Uhr fällt auf. Seine Glocke erinnert an eine Zeit, die vor 900 Jahren begann, und in der Reformation endete, als hier ein kleines Cluniazenserpriorat stand. Nie lebten mehr als drei Mönche an diesem Ort. Heute ist nichts mehr von diesem "Gotzhus Hettiswil" zu sehen. Zwar fand die Glocke des Klosters, die vorübergehend in Solothurn ruhte, wieder als Feuerglocke ins Dorf zurück. Damit sie gut hörbar war, wurde das Lindenzytli im Dorfkern errichtet. Doch da die Glocke zersprang, ersetzte man sie durch eine neue. Auch das Lindenzytli steht nicht mehr da, wo es ursprünglich hingebaut worden war. Aufgrund des Verkehrs verschob man es zwischen 1950-1954 um zwei Meter. Heute ist das Lindenzytli Wahrzeichen von Hettiswil, und erinnert noch ein wenig an das verflossene Kloster.

All das ist Tempi Passati. Genauso, wie die Sonntagschule der Evangelisch-methodistischen Kirche im Primarschulhaus Hettiswil. Sie bestand bis 1981 als Teil der Arbeit des Kirchenbezirks Burgdorf. Sonntagschulen wurden an vielen Standorten in Schulhäusern abgehalten. Methodistische Kirchen brachten diese Form der sonntäglichen Kinderunterweisung überhaupt erst in die Schweiz. Schulen als Standorte waren ideal geeignet, kannten die Kinder doch schon den Ort und fühlten sich dort wohl. Offensichtlich entsprach dieses Angebot auch dem Bedürfnis jener Zeit. Sonntagschulen mit 100 Kindern und mehr gab es zum Beispiel in Strengelbach und an vielen anderen Orten. In meiner Anfangszeit erlebte ich noch Sonntagschulweihnachtsfeiern in einem dieser Landschulhäusern.

Heute ist es kaum möglich, als Freikirche ein solches Angebot im Schulhaus anzubieten. Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen sind religiös diverser unterwegs, wollen nicht, dass ihre Kinder in irgend einer ihnen nicht vertrauten Weise indoktriniert werden. Ein berechtigtes Anliegen. Also werden Schulräume kaum noch an Kirchen und Gemeinschaften vermietet. Selbst die Werbung an Schulen für die beliebten Kinderwochen, auch wenn die Landeskirchen beteiligt sind, wird nicht mehr gern gesehen.

So kann man nicht nur in Hettiswil sagen: Sonntagschulen in Schulhäusern sind wie das Kloster Hettiswil: Vergangenheit. Tempi Passati.

Jörg Niederer

Montag, 10. August 2026

Street Parade

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Die Scheibe im Abteil eines Zugs von Bern nach Zürich war wohl von Besuchenden der Street Parade in arge Mitleidenschaft gezogen worden.
Foto © Jörg Niederer
"Together We Move" Motto der diesjährigen Street Parade

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Wer seine Ruhe haben möchte, fährt besser nicht während der Street Parade von Bern nach Zürich. Nicht nur, dass manche Fahrgäste allen andern im Zug ihre Songs vorführen wollten, dabei lauthals mitsangen und alkoholbedingt ihre sprachlichen Lautäusserungen nicht mehr ganz auf Zimmerlautstäre einpegeln konnten. Nein, auch der Abfall häufte sich an den unmöglichsten Orten. Von unserem Abteil aus war auch die Aussicht, wohl aufgrund von Zusammenstössen irgendwelcher harter Körperteile mit der Scheibe, doch sehr fragmentiert. Vielleicht hatte aber auch jemand nun endlich diese Hämmerchen ausprobiert, das in den Zügen die Möglichkeit des Notausstiegs sicher soll. Falls ja, so hat alles wunderbar funktioniert. 

Die zerbrochene Scheibe ergab eine ganz neue Sicht der Dinge. Oder müsste man sagen: Zum ersten Mal sah man, wie zersplittert die Welt wirklich ist. Zusammengehalten wurde die Bruchscheibe von einer dünne aufgeklebten Plastikfolie. Diese sorgte dafür, dass auch bei Druckaufbau durch entgegenkommende Züge die Scheibe nicht kollabierte. Wie ist das mit unserer Gesellschaft? Was hält diese noch zusammen?

Jörg Niederer

Sonntag, 9. August 2026

Nachtragend

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Taufstein in der Reformierten Kirche Wynigen.
Foto © Jörg Niederer
Jesus spricht: "Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. Ihr sollt andere nicht verurteilen, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemanden zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben." (Bibel: Lukas 6,36+37)

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Im Buch "Der Friedhof in Prag" erzählt Umberto Eco die Geschichte eines Anwalts, der mit Urkundenfälschung und Falschaussagen Menschen begünstigt und andere ins Gefängnis gebracht hatte. Dann stellte er einen jungen Advokaten ein. Dieser hatte den Anwalt in Verdacht, ihn um sein Erbe gebracht zu haben. Der junge Advokat lernte die üblen Machenschaften seines Chefs, bis er ihn mit eben diesen Mitteln hinter Gitter und die Anwaltskanzlei in seinen Besitz gebracht hatte.

Was der Mensch sät, das wird er ernten. Jesus sagt es so: "Denn der Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten." (Bibel: Lukas 6,38)

Als Menschen hinterlassen wir unablässig unsere Spuren. Wir produzieren Altlasten. Sie erzählen von uns. Vielleicht, wie wir rücksichtslos den eigenen Vorteil gesucht haben auf Kosten anderer. Oder sie erzählen von der Grosszügigkeit und Hilfsbereitschaft unseres Lebens.

Lasten, die ich anderen Aufbürde, lasten schwer auf meinem Leben. Erleichterung, die ich anderen Menschen verschaffe, erfüllt mein Leben mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit.

Das Prinzip, das Jesus benennt, ist hinlänglich bekannt. Wie wir austeilen, so werden wir einstecken.

Manchmal bin ich jemandem gegenüber "nachtragend". Stelle dir das bildlich vor. Voraus derjenige, dem du etwas nachträgst, und dahinter keuchst du, beladen wie ein Page mit dem Übergepäck einer Diva. Du bist es, der von dieser Last schwer zusammengestaucht wird, nicht derjenige, dem du nicht vergeben kannst. Darum_ Lade deine Last ab, setze dich und den anderen frei!

Jörg Niederer

Samstag, 8. August 2026

Abschottung und Neutralität

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Ein mit einem Graffiti zur Flüchtlingsthematik versehener Güterwagon steht ausgerechnet am 1. August 2026, dem Schweizer Nationalfeiertag, auf dem Bahnhof Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Hab Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Immanuel Kant (1724-1804)

Entdeckt

1. August 2026. Morgens auf dem Bahnhof Frauenfeld steht ein Wagon. Jemand hatte ihn besprayt mit einer Botschaft zur Flüchtlingspolitik der Schweiz. Da gibt es Bührle-Waffen und Öl das durch Pipelines in die Schweiz fliesst, dahin, wohin Afrikaner auf dem Rücken eines Delfins auf dem Weg sind. Wirtschaftliche Interessen und eine Abschottungspolitik gegenüber Menschen aus ärmeren Ländern. Was für ein unwürdiges Theater. Vielleicht deshalb auch Ines Torelli und Jörg Schneider, die Darsteller:innen von Kasperli und Kompagnie.

Ob an diesem schweizerischen Nationalfeiertag auch wieder aufgerufen wurde, die Grenzen dichter zu machen für Migrant:innen? Es sind die Rechtsparteien, die sich so immer wieder der internationalen Solidarität entziehen wollen, sobald es die Schweiz etwas kostet.

Gerade ist wieder eine SVP-Initative am Start. Auf Bahnhöfen kann man die plakative Werbung zur sogenannten Neutralitätsinitiative kaum übersehen. Sie passt in diese Politik der Selbstgenügsamkeit und der Entsolidarisierung. Gefordert wird eine schweizerische Neutralität, die z.B. nicht mehr die Boykotte gegenüber dem kriegsführenden Russland mittragen könnte. Auch eine Koordinerung bei Rüstungsfragen mit den umliegenden Ländern wäre bei Annahme dieser Initiative nicht mehr möglich.

Der Slogan dazu spielt einmal mehr mit Ängsten: "Kein Krieg. Ja zur Schweizer Neutralität".

Die Schweiz gehört schon zu den neutralen Staaten. Eine Zustimmung zu dieser Initiative vermindert in keiner Weise, dass die Schweiz in kriegerische Händel hineingezogen oder angegriffen werden könnte. Ich habe nachgeschaut, wie viele neutrale Staaten schon von feindlichen Mächten angegriffen und/oder erobert wurden in den letzten rund hundert Jahren. Dazu gehören Belgien, Luxemburg, Holland, Estland, Lettland und Litauen, Norwegen und Dänemark, Monaco und San Marino und auch Island. Dies geschah im 1. und 2. Weltkrieg. Das neutrale Tibet wurde 1950 gar von China annektiert.

Selbst wenn nicht alle diese Staaten die gleich Art der Neutralität besitzen oder besassen wie die Schweiz, so zeigt die Aufzählung deutlich: Neutralität kann nicht davor schützen, in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelt zu werden.

War die Schweiz neutral im 2. Weltkrieg? War der Umgang mit der jüdischen Bevölkerung und jüdischen Flüchtlingen in jener Zeit neutral? Ich denke nicht. Waren die Waffentransporte und die finanziellen Verflechtungen mit Nati-Deutschland neutral? Auch das kann so nicht behauptet werden. Dabei konnte das kriegsführenden Deutschland das Territorium der Schweiz für ihre Kriegszwecke (die Waffentransporte durch die Schweiz) nutzen. Das war nach den geltenden Neutralitätsverträgen eine Verletzung der Schweizer Neutralität.

Dieses opportunistische Vorgehen der Schweiz zeigt deutlich auf, dass es gerade nicht die Neutralität war, welche uns vor einem kriegerischen Angriff schützte.

Darum stimmt es einfach nicht, was die Initianten behaupten. Die Neutralitätsinitiative schützt nicht vor Krieg. Vielmehr geht es einmal mehr um Opportunismus und eine Entsolidarisierung mit unsern friedlichen Nachbarn oder den in Kriege verwickelten Ländern wie der Ukraine.

Es lohnt sich, das Argumentarium zu dieser Initiative gut durchzulesen. Denn wir brauchen die Forderungen dieser unsolidarische Neutralitätsinitiative nicht.

Jörg Niederer


Freitag, 7. August 2026

Die Dürre und das liebe Vieh

Ein Zitat

Dreimal Dürre. Einmal bei Burgdorf, dann bei Wynigen und ganz unten bei Hasle-Rüegsau.
Fotos © Jörg Niederer
"Überhaupt: Das Leben ist kurz; man muss die Gegenwart mit Vernunft und Gerechtigkeit nutzen. Sei nüchtern und entspannt." Marc Aurel (121-180 n. Chr.)

Entdeckt

Dreimal Dürre in der weiteren Region um Burgdorf herum. Ich erinnere mich an ein Gespräch. Es war im Frühjahr. Im Zug sass ich einem Flüchtling aus Afghanistan gegenüber. Der Bauernsohn lobte die grünen Wiesen und Matten in der Schweiz. Hier hätte es das Vieh noch besser als manche Menschen in seinem kriegsversehrten Land. Gerne würde er hier Bauer sein.

Das war, als die Dürre sich noch nicht abgezeichnet hatte. Gestern bei der Weiterwanderung auf der Kapellentour von Krauchthal zum Bahnhof Hasle-Rüegsau trafen wir in der Schwändi den Altbauern an, wie er auf einem alten Elektrovelo neben uns hoch flitzte und vor einem Wasserreservoir anhielt, um dort nach dem Wasserstand zu schauen. Ich fragte ihn, ob er noch genug Wasser habe. Er verneinte: "Eben ist es zu wenig. Die Quelle gibt noch einen Liter pro Minute." Jetzt füllte er das Reservoir mit dem teuren Wasser der Gemeinde etwas auf. Ich verstand nun, warum der Wasserschlauch von weiter oben zum Wasserspeicher des Bauern führte. Er erzählte. Sein Sohn, der nun den Hof führe, habe auch nicht mehr ausreichend Futter. Die Händler seien ausverkauft, sie könnten nicht mehr liefern, auch nicht aus Frankreich oder Deutschland, von wo sie in anderen Jahren Futter einführen konnten. Die Bauern der Nachbarsländer hätten selbst zu wenig Futter für ihre Tiere. Es habe zwar auch 2003 schon eine grosse Trockenheit gegeben, die sei aber nicht schon so früh gekommen. "So etwas habe ich noch nie erlebt", meint er. "Wir müssen wohl Kühe verkaufen."

An einer anderen Stelle sahen wir von Weitem eine Prozession von Kühen und Kälbern, wie sie über eine grosse, trockene Weide hinweg zum weit entfernten Zaun zogen. Dort hatte es angrenzend noch grüne Wiesen. Dort frassen sie dann unter dem Zaun hindurch. Andere Rinder hatten es besser, an denen wir vorbeiwanderten. Sie liessen sich nicht ablenken von dem relativ kleinen, von grünem Klee deutlich anders gefärbten Weideland. Es müsste wohl gerade gereichen haben für diesen einen Tag. Was aber dann?

Ich überlegte mir: Sieht es jetzt bei uns so aus, wie auf den Weiden des Bauernsohns in Afghanistan?

Jörg Niederer

Donnerstag, 6. August 2026

Der Kunstschatz in der kantonalbernischen Provinz

Ein Zitat

Das Langhans-Grab in der Reformierten Kirche Hindelbank wurde von Johann August Nahl dem Älteren geschaffen.
Foto © Jörg Niederer
"Kein Werk der Kunst hat jemals einen so mächtigen Eindruck auf mich gemacht als dieser Grabstein, den ich für das erhabenste Denkmal halten muss, das in der Welt irgend der Art besteht. Es ist das Grab, das seine Toten wiedergibt." James Fenimore Cooper (1789-1851)

Entdeckt

Da stand also der Autor des "Lederstrumpfs" vor dem Grabmal der Maria Magdalena Langhans in der Reformierten Kirche von Hindelbank, und war tief bewegt. Geschaffen wurde es von einer damaligen Berühmtheit, vom Bildhauer Johann August Nahl dem Älteren (1710-1781). Es war im Jahr 1751, als er dabei war, die Grabplatte für den berühmtesten Mann des Orts zu erstellen, für Hieronymus von Erlach. Dieser erbaute das Schloss Hindelbank, wirkte als bernischer Gesandter in Paris, war Schultheis von Bern und auch sonst ein Wohltäter bis zu seinem Tod 1748. In jener Zeit wohnte Nahl beim Pfarrer von Hindelbank in dessen Wohnung, um täglich schnell am Ort seiner Auftragsarbeit zu sein. Dabei lernte er auch die mit dem ersten Kind schwangere Frau des Pfarrers kennen. Maria Magdalena Langhans war eine einnehmende Persönlichkeit. Doch am Vorabend des Osterfests verstarb sie im Alter von erst 28 Jahren bei der Geburt eines Knaben, der seine Geburt ebenfalls nicht lange überlebte.

Nahl, der selbst den Tod von 12 seiner 15 Kindern miterleben musste, war tief betroffen und aufgewühlt. So schuf er auch das Grabmal für Maria Magdalena Langhans und ihren kleinen Sohn. "Eine Grabplatte, von Todessymbolen und den Wappen der Pfarrfamilie eingefasst, trägt die Inschrift: 'Herr, hier bin ich und das Kind, so du mir gegeben hast'!, sowie die Worte aus einem Gedicht des Berner Arztes und Naturforschers Albrecht von Haller: 'Horch! Die Trompete ruft, sie schallet durch das Grab / Wach' auf, mein Schmerzenskind, leg deine Hülle ab / Eil deinem Heiland zu, vor ihm flieht Tod und Zeit / Und in ein ewig Heil verschwindet alles Leid'. Der Stein, aus einem einzigen Block gehauen, scheint von unten herauf geborsten und in drei Stücke zerbrochen. Im entstandenen Riss wird die Pfarrfrau mit dem Kind sichtbar, die, zu ewigem Leben erweckt, ins Licht empor drängt." So wird das Grab auf der Webseite der Reformierten Kirche Hindelbank beschrieben.

Das Grab wurde bald von verschiedensten Menschen besucht und bewundert, darunter auch Johann Wolfgang von Goethe, Arthur Schopenhauer und Albert Anker. Bei "vermögenden Leuten und Kunstkennern des 18. Jahrhunderts" war das Langhans-Grab besonders angesehen. Manche erstanden Kopien aus Gips, Ton oder Porzellan. Kupferstiche davon wurden als Souvenir von Kutschenreisenden mit nach Hause genommen.

Ich muss zugeben, auch mir macht diese Grabplatte Eindruck. Und noch mehr diese tragische Geschichte, die damit verbunden ist.

Jörg Niederer

Mittwoch, 5. August 2026

Eine Gülle namens Bodensee

Ein Zitat

Ein Teichfrosch sitzt auf einem Seerosenblatt im Naturschutzgebiet Hurst bei Hindelbank.
Foto © Jörg Niederer
"Die Badewanne prahlte sehr. / Sie hielt sich für das Mittelmeer / Und ihre eine Seitenwand / Für Helgoländer Küstenland." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Entdeckt

Am vergangenen Samstag besuchte ich, wie so viele, das Schweizertreffen 2026 der Jungscharen der Evangelisch-methodistischen Kirche. Gestern um 17 Uhr zog ein Gewitter über das Camp-Gelände bei Brittnau hinweg. Glücklicherweise konnte bald schon Entwarnung gegeben werden. Alle Personen sind wohlauf. Einige kleinere Sachschäden sind aber an Zelten entstanden.

Doch eigentlich will ich von etwas anderem schreiben. Auf dem Nachhauseweg bin ich über die Fröschegüllenallmend zum Bahnhof Zofingen gewandert und habe mich gewundert über diese wunderliche Ortsbezeichnung: "Fröschegülle". Als würden sich Frösche in Jauche wohlfühlen.

An diesem Wort lässt sich wieder einmal schön der Bedeutungswandel feststellen. Denn früher wurde mit Gülle auch die Wasserlache oder der Tümpel bezeichnet, auch ein Loch, in dem nach Regenfällen das Wasser einige Zeit stehen bleibt. Zugleich konnte mit "Gülle" auch Kotlache, Sumpf und die Jauche bezeichnet werden. Vielleich hängt dies auch damit zusammen, dass stehende Gewässer einst alles andere als sauberes Trinkwasser enthielten.

Spasseshalber konnte dann auch schon einmal der Bodensee als Gülle bezeichnet werden. Belegt ist der Satz: "… d'Gülle, wo d'Schwiz vo Tütschland scheidt". Wenn jemand damals davon sprach, er werde "über die Gülle fahren", war damit das Auswandern nach Amerika gemeint.

Mit diesem Wissen ist nun auch klar, wie die heute seltsam klingende Bezeichnung "Fröschegülle" zustande kam. Wir würden einfach von einem Froschtümpel sprechen. Mit der stinkenden Gülle oder auch nur schon der Jauche hat das nur ganz entfernt zu tun.

Jörg Niederer

Dienstag, 4. August 2026

Alterssitz unweit der Frauenstrafanstalt

Ein Zitat

In und vor dem Alters- und Pflegeheim Jurablick in der Berner Gemeinde Hindelbank.
Fotos © Jörg Niederer
"In der Jugend sollte man Weisheit lernen; im Alter sollte man weise handeln." Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)

Entdeckt

Auf meiner Kapellentour zu methodistischen Liegenschaften kommen wir nicht nur an Kapellen vorbei, sondern auch an diversen sozialen Einrichtungen. Das letzte Mal, als wir vor einem der Alters- und Pflegeheimen der Bethesda Alterszentren AG standen, war es Winter und wir waren in der Stadt Zürich unterwegs (Siehe Beitrag von 10. Januar 2026!). Nun, fast sieben Monate später besuchten wir auch das Alters- und Pflegeheim Jurablick in Hindelbank. Bekannt ist der Ort schon eher wegen der Frauen-Justizvollzugsanstalt. Sie findet sich direkt neben dem Schloss Hindelbank auf einer Anhöhe etwas ausserhalb des Dorfes. Auch daran sind wir vorbeigekommen. Doch nach Hindelbank führte mich genau dieses Alters- und Pflegeheim. Aufgewachsen in Wanderdistanz zu Jurahöhen gefällt mir natürlich dessen Namen "Jurablick". Im Beschrieb auf der Webseite heisst es: "Das Alters- und Pflegeheim Jurablick liegt mitten im Dorfzentrum von Hindelbank. Es verfügt über 60 moderne Alterswohnungen und 31 Pflegeplätze, die als individuell möblierte Einzelzimmer bewohnt werden. In einer geschützten Wohngruppe bieten wir zehn Menschen mit Demenzerkrankung ein Zuhause." Weiter gibt es ein Restaurant, einen kleinen Tierpark und noch vieles mehr. Da zur Philosophie der Bethesda Alterszentren AG eine gute seelsorgliche Begleitung gehört, suchte ich auch nach der hier angestellten Pfarrperson, wurde aber auf der Webseite nicht fündig. Dagegen gibt es natürlich auch in dieser Einrichtung regelmässige Andachten.

Meine Begleiterin meinte nach unserer kurzen Besichtigung, sie könnte sich vorstellen, im Alter hier zu wohnen. Was mir aufgefallen ist: Das dazugehörige Restaurant Vista war an diesem Morgen um 10.00 Uhr gut besucht. Das ist in solchen Häusern keine Selbstverständlichkeit und durchaus ein Qualitätsmerkmal.

Jörg Niederer

Montag, 3. August 2026

Glockengeschichten

Ein Zitat

Oben: Die einstige, methodistische Kapelle ist heute ein Wohnhaus. Unten: Methodist:innen feierten einst auch im Kirchlein von Rüti bei Lyssach.
Fotos © Jörg Niederer

"Im taussd sib hundert eilfften Jahr / ich ganz von new gegossen war, / weil d'Kilchen-Gmeind ersetzen wollte / das von den Dieben Weggeholte. / Das[s] zu dem Wort ich ruffte fein, / wolt ich größer gegossen sein."
Inschrift aufgrund der durch Diebstahl ersetzten Glocke im Kirchlein Rüti.

Entdeckt

Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Jegenstorf wurde bis 1993 gottesdienstlich genutzt. Sie gehörte zum EMK-Bezirk Burgdorf. Heute wohnen im Haus, dem man nicht auf den ersten Blick die Kapelle ansieht, drei Mietparteien. Nach wie vor gehört das Gebäude mit Umschwung der EMK.

Ganz anders sieht es mit dem Kirchlein in Rüti bei Wyssachen aus, das auf halbem Weg zwischen Burgdorf und Jegenstorf liegt. Auch dort versammelten sich die Methodist:innen bis zum Jahr 1994. Das reformierte Gotteshaus sieht auf eine lange Geschichte zurück, die Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts begann. In der Reformation ging das Gotteshaus in die Hände der Neugläubigen über und wurde von Pfarrhelfern aus Burgdorf bis ins Jahr 1938 betreut. Heute gehört das Kirchlein zur Seelsorgeeinheit Kirchberg.

Auch das gibt es also, dass Methodist:innen sich in Gotteshäusern anderer Konfessionen versammelten.

Beim Kirchlein gibt es Geschichten zu den beiden Glocken, die bis heute von Hand geläutet werden. So stürzten 1666 die beiden Glocken in Folge eines Blitzeinschlags ab, nahmen dabei aber keinen Schaden. Dann, im Jahr 1711, wurde gar eine Glocke aus dem Kirchturm gestohlen. Vielleicht hat sich jemand am lauten Glockenschlag gestört. Das soll es ja auch heute geben. Genutzt hätte es ihm oder ihr wenig, wurde doch das entwendete Geläut durch eine grösseres Glocke ersetzt.

Im Jahr 1711 war dann auch noch eine in heutiger heissen Zeit hilfreiche Erfindung zu verzeichnen. Johann Justus Partels, ein in Deutschland lebender Ingenieursoffizier baute den ersten Wetterkasten, auch Luftpumpe genannt. Wir nennen diese heute nicht wegzudenkende Erfindung Ventilator.

Jörg Niederer

Sonntag, 2. August 2026

Das Üben ist entscheidend

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Glasfenster in der Kirche Wasen i. E. aus dem Jahr 1881: Jesus segnet die Kinder.
Foto © Jörg Niederer
"Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt." (Bibel: Lukas 6,31)

Entdeckt

Zwei Journalistinnen haben nach 5 bzw. 10 Jahren Schulabstinenz an einer Prüfung der 3. Sekundarschule über geometrische Dreiecksformen teilgenommen. Das Fazit der Lehrkraft: Eine Ahnung vom Lösungsweg sei ersichtlich, aber nicht mehr aktiv präsent. So bekam die Journalistin mit 5 Jahren Schulabwesenheit die Note 4,0 (Note 6,0 ist das Beste), die andere die Note 3,3. Mit anderen Worten: Weil Dreiecksberechnungen im Alltag der beiden Journalistinnen kaum eine Rolle spielten, haben sie vieles darüber wieder vergessen. Ohne ständiges Anwenden und Üben verlernt man einfachste Dinge.

Nun habe ich mich gefragt, wie das mit den Lebensregeln von Jesus ist. Wende ich sie täglich an, oder habe ich vieles wieder vergessen? Ist mein Christsein praktiziert, oder ist es nur graue Theorie, die im Alltag nicht mehr vorkommt?

Wie ist das mit der goldenen Regel? Behandelst du Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest? Wer diesen Grundsatz nicht ständig übt, wird im Ergebnis immer einmal wieder falsch liegen. Dann wird Gleiches mit Gleichem vergolten. Wie ist es mit der Feindesliebe (Lukas 6,27)? Gutes den Menschen tun, die mich hassen, ist eine echte Herausforderung. Aber wenn ich diesen christlichen Lebensgrundsatz nicht anwende, werde ich auch nicht die Kraft entdecken, die dabei frei werden kann in meinem Leben und im Leben anderer.

Wer nicht einfach im christlichen Mittelmass versinken will, ist herausgefordert, zu tun, zu üben, zu praktizieren, was Jesus Christus uns zu tun empfiehlt. Dann, beim ständigen Üben und Anwenden wird Christsein alltäglich – ansteckend alltäglich. Darum segne gerade heute die Menschen, die dich verfluchen und bete für die, die dich beschimpfen...! (Lukas 6,28)

Jörg Niederer

Samstag, 1. August 2026

Das Kreuz mit der Schweiz

Ein Zitat

Schweizer Fahnen hängen am Nationalfeiertag an zwei Kränen in Burgdorf.
Foto © Jörg Niederer
"Solidarität und die Bereitschaft, die Intersektionalität [Interaktion verschiedener Formen von Benachteiligungen] von Sexismus, Rassismus und Klasse in den Blick zu nehmen, müssen die Arbeit einer Theologie prägen, die die biblische Botschaft der Befreiung ernst nimmt." Kommentar zum Buch von Jörg Rieger, Theologie im Kapitalozän

Entdeckt

Der 1. August. Nationalfeiertag. Die Schweiz, das Vaterland, mag diese Nacht ruhiger ruhen als in anderen Jahren. Mir gefällt das. Die Hitze, die Trockenheit, sie zeigt Grenzen auf. Auch Dringlichkeiten, die nicht nur in der Schweiz noch nicht überall wirklich ernst genommen werden. Der Klimawandel gibt uns keine Zeit mehr. Wovon hängt die Weiterexistenz der Schweiz ab? Wir müssen weiterbauen an unserer Demokratie, an der Mitmenschlichkeit, an der Überwindung des Kapitalozäns, an der Fähigkeit, das Leben eines Menschen mehr zu gewichten als den Wohlstand.

Dass die beiden Arme der zwei Kräne auf dem Foto sich scheinbar überkreuzen… vielleicht ein Zeichen. Das Kreuz mit der Schweiz es bleibt.

Jörg Niederer

Freitag, 31. Juli 2026

Schönheit

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Raupe des Schwalbenschwanzes an einer Fenchelstaude.
Foto © Jörg Niederer
"Die Mittagssonne brütet auf der Heide, / Im Süden droht ein schwarzer Ring. / Verdurstet hängt das magere Getreide, / Behaglich treibt ein Schmetterling." Detlev von Liliencron (1844-1909)

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Der Schwalbenschwanz (Siehe auch Beitrag vom 1. September 2025!) stielt vielen anderen Schmetterlingen sowohl als Raupe wie auch als Tagfalter die Show. Das führt dazu, dass die grossen Schmetterling gern zuhause gezüchtet werden. Aktuell fliegt bereits die zweite Generation des Jahres. Das Raupenstadium dauert 2-3 Wochen, dann folgt die Verwandlung in eine Gürtelpuppe und nach wiederum 2-3 Wochen schlüpft der fertige Schmetterling.

Es gibt eine Phase als Raupe, in der die Schönheit unwichtig ist. Junge Schwalbenschwanzraupen gleichen Vogelkot. So tarnen sie sich vor Fressfeinden. Auch haben sie eine chemische Waffe, mit der sie Schlupfwespen und andere Insekten vertreiben können.

Gesehen haben wir diese Raupe an einer Fenchelpflanze vor einem schönen Berner Bauernhaus. Mal schauen, was der heutige Tag an Schönheit und Überraschung bereit hält.

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Weg geht nie aus

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Das Schloss Burgdorf
Foto © Jörg Niederer
"Man muss nur hübsch alt werden: dann gibt sich alles." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

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In den letzten viereinhalb Monaten ist meine Weg auf der Kapellentour bis Burgdorf weitergegangen. Seit Projektstart am 28. Oktober sind 541 Kilometer und 13'000 Höhenmeter zusammengekommen. Ich bin dabei an 39 von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) aktiv genutzten Liegenschaften vorbeigekommen. Weitere 27 aufgegebene Standort habe ich so nebenher auch noch besucht.

Die weitere Planung führt mich nun auf 238 Kilometern via Jegenstorf, Hindelbank, Langnau i. E., Signau, Worb, Belp, Wabern, Bern, Lyss, Aarberg, Täuffelen, Neuchâtel und Saint-Imier nach Biel.

Mit Neuchâtel werde ich mein westlichstes Tourenziel erreichen. Danach geht es wieder mehrheitlich ostwärts, und irgendeinmal werde ich dann erneut in Zürich landen.

Solche Reisen über lange Distanzen und mit gesteckten Zielen führen immer zu einem Problem: Irgendeinmal sind sie abgeschlossen. Was wird dann kommen? Nun, da wären noch einige Kapellen und Standorte der EMK im Berner Oberland. Und danach könnte der süddeutsche Raum folgen, oder auch Österreich, Ungarn, usw.

Der Weg wird mir nie ausgehen. Solange die Beine tragen, geht es in meinem Leben immer auch wieder zu Fuss weiter.

Jörg Niederer

Mittwoch, 29. Juli 2026

Fertig "Frauen auf der Kanzel"

Ein Zitat

Die Kapelle der ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf in ihrem Milieu hinter dem Kino und nahe am Bahnhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Wer es auf sich nimmt, Menschen zu führen, soll sich vorbereiten, dafür Rechenschaft abzulegen." Benediktsregel

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Ist das jetzt ein Fortschritt oder ein Rückschritt. Da wo in Burgdorf die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) steht, trifft sich neuerdings die "Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz". Wer im Internet nach der EMK Burgdorf sucht, landet auf der Webseite der EMK Breitenegg (siehe Beitrag vom 27. Juli 2026). Zwar findet man noch auf Allianzseiten die folgende Beschreibung: "Die Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf ist eine lebendige Gemeinde, die sich seit über 150 Jahren im Bahnhofquartier entwickelt hat. Basierend auf methodistischen Grundlagen bietet sie eine offene Kirche und Gastfreundschaft für Menschen jeden Alters. Die Gemeinde ist Teil der weltweiten United Methodist Church und verfolgt das Motto 'Gottes offenes Wohnzimmer'." Doch das ist Vergangenheit. Am 10. Mai 2026 (Siehe Bericht in D'Region Burgdorf!) feierte die Gemeinde nach 138 Jahren Präsenz in Burgdorf ihren letzten Gottesdienst. Nun, ganz fertig ist es nicht. Das "SamschtigZmorge", ein soziales Angebot, bei dem Deutsch gelernt und gemeinsam gefrühstückt wird, findet weiterhin statt. Initiiert wurde dieser Treffpunkt, der gerne von Migrant:innen besucht wird, von der pensionierten Pfarrerin Annemarie Studer. Auch dafür erhielt sie 2021 den Sozialpreis der Stadt Burgdorf verliehen (Siehe Beitrag vom 6. November 2021). Auch nach der Beendigung der EMK-Gemeindearbeit in Burgdorf ist sie weiter Ansprechperson für dieses Angebot.

Zurück zur Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz. Relinfo schreibt: "Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz LBKS wurde im Jahr 2012 in Burgdorf BE begründet von Personen südamerikanischer, spanischer und schweizerischer Herkunft … Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz vertritt einen altlutherischen Glauben mit betont liturgischer Ausrichtung und Ablehnung von theologischem Rationalismus und Frauenordination."

Auch wenn sich verschiedene Konfessionen im gemeinsamen Glauben an Christus verbunden wissen, so ist das schon eine andere Welt, die sich nun in der Johanneskapelle der einstigen EMK trifft. Besonders auffällig ist der Hinweis zur Frauenordination. Dass Frauen als Pfarrerinnen arbeiten, ist in der EMK gang und gäbe und seit vielen Jahren keine Frage mehr. Das sieht man ja auch an der immer noch in Burgdorf wirkenden EMK-Pfarrerin Annemarie Studer. 

Zu meiner Eingangsfrage nach Fortschritt oder Rückschritt: Ich empfinde es als Rückschritt, wenn an einem Ort, an dem viele Jahrzehnte auch ordinierte Frauen predigten, dies nun nicht mehr der Fall sein wird.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. Juli 2026

Der wilde, wilde Mann

Ein Zitat

"Die Form von Unterdrückung, von der wir [Männer] befreit werden müssen ist folgende: Wir müssen uns von all den falschen Bildern und Erwartungen befreien, die uns die Gesellschaft aufgezwungen hat und die wir internalisiert haben." Richard Rohr, Der wilde Mann - Geistliche Reden zur Männerbefreiung, München 1986, S. 104

Entdeckt

Wirtschaftsschild vom Restaurant Wilder Mann in Ferrenberg bei Wynigen.
Foto © Jörg Niederer
Es ist ja nicht so, dass das Restaurant zum Wilden Mann in Ferrenberg ob Wynigen die einzige Gaststätte dieses Namens ist. Auch in Wynigen selbst gibt es einen ehemaligen Gasthof zum Wilden Mann. 1790 wurde das spätbarocke Haus errichtet. Hier aber auf dem Foto ist das Wirtshausschild eines anderen "Wilden Mannes" abgebildet. Das dazugehörige Speiselokal ist in einem alten Bauernhaus aus dem Jahr 1830 untergebracht. Was man sich in Ferrenberg einst unter einem "Wilden Mann" vorstellte, kann man am Wirtshausschild gut erkennen. Ein naiv gemalter Afrikaner im Baströckchen, Pfeil und Bogen, das war damals die heute peinliche wirkende Vorstellung eines Wilden Mannes. Zwischenzeitlich ist eine solche Darstellung glücklicherweise ein No-Go geworden. So darf man Afrikaner nicht mehr darstellen. Damals war es wohl für die Einheimischen kein Problem, ein derart abwertendes, klischeehaftes Bild von Menschen zu zeichnen und zu haben, die noch lange als Sklaven in den USA und andernorts ausgebeutet wurden.

Was wäre mein Bild von einem wilden Mann? 

Ist es der Wilde Mann aus dem Buch des Franziskaners Richard Rohr, ein emanzipierter, von "sexistischen, biographischen und gesellschaftlichen Klischees, Fixierungen und Zwängen" (Richard Riess) befreiter Mann?

Ist es der edle Wilde der Romantik, dieser unverdorbene, gute Mensch, den auch der Philosoph Jean-Jacques Rousseau einst beschworen hatte?

Wäre meine Vorstellung eines wilden Mannes die einer der westlichen Welt unterlegenen, in der Steinzeit verlorenen Mannhaftigkeit?

Oder ist es der wilde Mann im Sinne toxischer Männlichkeit, beschworen im Dunstkreis antifeministischer, Frauen verachtender Mannosphäre?

Was ist mein Bild eines wilden Mannes? Ein zahmer Mann zu werden scheint wenigen erstrebenswert zu sein.

Also: Was ist mein Bild eines wilden Mannes? So klar sehe ich noch nicht. Da braucht es noch ein weiteres Nachdenken.

Jörg Niederer

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