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Mittwoch, 15. April 2026

Fangbaum

Ein Zitat

Ein blühender Baum, überwachsen von Efeu, steht am Osthang des Born bei Olten.
Foto © Jörg Niederer

"Ein Zeisig, der sein Nest nur eben angelegt, / Versang an einem heitern Morgen / Den Schlaf, die Bau- und Nahrungssorgen. / Ihm wuchs sein kleines Herz, / durch West und Lust erregt."
Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

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Ich hätte gesagt, es ist ein Kirschbaum. Google meint, es sei ein wilder Birnbaum. Es kann aber auch ein Apfelbaum sein. Auf dem Foto ist es nicht mehr sicher zu erkennen. Gut zu sehen ist der Efeu, der den Ästen entlang dreiviertel des Baums überwuchert hat. Nun gleicht er einem dieser riesigen Fanghandschuhe des Eishockey-Torwarts, oder auch eines Baseballspielers. Ein Biodiversitäts-Fanghandschuh. Auch als Palmwedel erscheint mir der weiss blühende Baum am Osthang des Born zwischen Olten und Aarburg. Ich stelle mir vor, dass er mir zuwinkt, während ich dem Wanderweg zum Höfli folge. In Gedanken winke ich zurück.

Jörg Niederer

Freitag, 27. März 2026

Linde(n)-Gedanken

Ein Zitat

Blick hoch zu den Ästchen der Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
"Er hält sich selbst nicht für einen mutigen Menschen. Er wagt es nicht, vielleicht aus Scham, über sich selbst nachzudenken." Jörg Steiner, in: "Olduvai". Geschichten. Berlin 1985

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Die Linde von Moosleerau steht am Dorfeingang, mächtig und ausladend. Ich setze mich auf die Bank darunter, schaue hoch in die Äste, in den Himmel. Die äussersten Zweige bilden ein filigranes Netz, das sich besonders gut vor dem hellblauen Oben abzeichnet. Ich staune. Denke ich an etwas, während ich hochblicke? Denke ich über mich nach? Ich weiss nicht mehr, was mir dort unter der Linde durch den Kopf gegangen ist.

Die Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
In meinem Rücken der meterdicke Stamm. Da komme ich nicht so schnell ins Wanken. Da könnte ich auch mutig über mich selbst nachdenken. Immer wieder schaue ich hoch in die Baumkrone. Die Zweiglein gleichen sich verästelnden Nervenzellen eines Gehirns. Denkt die Linde mit ihrer Baumkrone? Meine Nervenzellen zeichnen auf, speichern Eindrücke, Gesichter, Geräusche, Gerüche, Gefühle. Alles ist hellwach unter der Linde.

Dann stehe ich auf, gehe weiter, lasse die Linde in ihrem Nachsinnen stehen, entschwinde ihrer Wahrnehmung.

Jörg Niederer

Mittwoch, 21. Januar 2026

Kleinstadtbaum

Ein Zitat

Die von Reifekristallen überzuckerte Linde auf dem Alten Postplatz in Zofingen ist auch in der kalten Jahreszeit eine Augenweide.
Fotos © Jörg Niederer
Die Kleinstadt ist ein Ort, an dem "... jeder von jedem alles weiss und trotzdem das Lokalblatt kauft, um zu sehen, wieviel davon der Redakteur zu veröffentlichen wagt." Danny Kaye (1913-1987)

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Ich kann mich nicht mehr an die genaue Zahl erinnern. Aber im Superblock in Winterthur habe ich gelesen, dass es 16-tausend-und-ungrad Bäume gibt in der Stadt Winterthur. Alles Grossstadtbäume, ob gross, ob klein, ob gesund, ob krank. In Winterthur ist jeder von ihnen statistische erfasst. Jeden Tag läuft ein baumzählender Beamter oder auch eine baumzählende Beamtin baumzählend durch die Strassen, um ja sicher zu gehen, dass da nicht plötzlich einer dieser Grossstadtbäume sich auf und davongemacht hat, um zu einem Feld-, Wald- und Wiesenbaum zu mutieren, oder noch schlimmer, um in Rauch aufzugehen oder als Gartenlaube zu enden.

Gestern war ich in Zofingen. Ich weiss nicht, ob die dort wissen, wie viele Bäume auf ihrem Stadtgebiet gedeihen oder gerade an Salzverkrustung leiden. Eines aber weiss ich: In Zofingen sind auch grosse Bäume klein. Denn es sind alles Kleinstadtbäume, wie die Linde auf dem Alten Postplatz. Eine richtig grosse, schöne Kleinstadtlinde ist das, besonders auch, wenn die Äste sich schneeweiss bepudert gen Himmel strecken. Nicht dass ich sie nun umarmt hätte. Auch darunter gesetzt habe ich mich nicht an diesem eiskalten Morgen. Und doch hat mich ihr Anblick innerlich erwärmt, hat mir gut getan und Freude bereitet.

Jörg Niederer

Montag, 5. Januar 2026

Idyll

Ein Zitat

Die riesigen, ausladenden Bäume am Platzspitz spiegeln sich in der Limmat.
Foto © Jörg Niederer
"Die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden." Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900)

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Ein ruhig fliessender Fluss. Darin spiegeln sich riesige Parkbäume. Menschen flanieren durch dieses Idyll. Wir befinden uns mitten in der Stadt Zürich. Der Platzspitz war einige Jahre lang bis 1992 international bekannt für die dort befindliche offene Drogenszene. Damals kam es auf der Platzpromenade nördlich vom Landesmuseum immer wieder zu dramatischen Szenen. Ein Hilfsprojekt musste in dieser Zeit rund 3600 mal Menschen wegen Heroinüberdosen wiederbeleben.

Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Seit 2021 wird der Park nachts auch nicht mehr abgeschlossen.

Noch früher, ab dem 15. Jahrhundert, befand sich auf diesem Landstück zwischen Sihl und Limmat ein Schützenhaus und ein Schiessplatz. Im 17. Jahrhundert wurden dort monatelange Schützenfeste gefeiert. Das traditionelle Knabenschiessen hat seinen Ursprung ebenfalls an diesem Ort.

Das für mich Eindrücklichste an diesem Park sind die gewaltigen Bäume. Allein dafür besuche ich diesen Platz beim Hauptbahnhof Zürich gerne.

Heute bin ich an einem anderen Ort. Man kann mich von 10-13 Uhr und 14-18 Uhr in der Wiborada-Zelle bei der Kirche St. Mangen an der Kirchgasse 17 [Wegbeschreibung] in der Stadt St. Gallen besuchen [mehr dazu im Blogbeitrag von 3. Januar 2026!]. Über Besuche freue ich mich sehr.

Jörg Niederer

Sonntag, 28. Dezember 2025

Poesiebaum

Ein Zitat

Ein raureifbehangener Baum wie ein Stillleben der Natur. Glitzer der Sonne verfängt sich in seinen Ästen.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist Zeit, dass man weiss! Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt, / dass der Unrast ein Herz schlägt. / Es ist Zeit, dass es Zeit wird, / Es ist Zeit." Paul Celan

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Seit einigen Tagen zum ersten Mal hat sich die Nebeldecke gelichtet. Die Sonne wirft Schatten in die schneefreien Strassenzüge. Da und dort ereignet sich Blendwerk.

Ich erinnere mich zurück an die Wanderung an die Sonne vor einigen Tagen. Dort, am Waldrand verwandelte die fahle Sonnenscheibe einen raureifbehangen Baum in Poesie. Was wird mir das Erschaffene heute werden?

Jörg Niederer

Montag, 27. Oktober 2025

Die einsame Birke

Ein Zitat

Eine Birke auf offenem Feld wird vom böigen Westwind kräftig durchgeschüttelt.
Foto © Jörg Niederer
"Man zapfet aus der Birke / sehr angenehmen Wein, / man reibt sich, / dass es wirke, / die Glatze damit ein." 4. Strophe aus dem Gedicht "Die Birke" von Wilhelm Busch (1832-1908) 

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Jeweils im Herbst, wenn die Blätter fielen und im Frühjahr, wenn es von den Birken klebrig tropfte, ärgerte sich mein Vater über die Birke, die bei seiner Werkstätte stand. Eines Tages dann lag der Ärger in transportfähige Stücke zersägt vor dem Gebäude. Der Baum war weg, und die in die Jahre gekommene Werkstätte sah von aussen noch trostloser aus.

An meinem Wohnort komme ich an einer Birke vorbei. Sie steht einsam mitten auf dem Feld. Ein Feldweg, als Wanderweg ausgeschildert, führt leicht bergan an ihr vorbei. Jetzt im Herbst wird sie arg durchgeschüttelt. Der Sturmwind fährt heftig in ihr Astwerk. Abgebrochene Zweige liegen auf dem Weg. Doch sie steht da und bleibt mir ein Wegzeichen. Ja, sie scheint dem Westwind leicht entgegenzuwachsen, wie wenn sie sagen wollte: "Du kannst mich nicht von einem aufrechten, ehrlichen Stand abbringen. Wer mich rüttelt, den schüttle ich ab." Solcherlei Widerstand gefällt mir.

Jörg Niederer

Freitag, 17. Oktober 2025

Fingerzeige

Ein Zitat

Leuchtend gelbe Blätter an einem herbstlich eingefärbten Ahornbaum.
Foto © Jörg Niederer
"Leb ich Gott, bist du bei mir, / sterb ich, bleib ich auch bei dir, / und im Leben und im Tod bin ich dein, / lieber Gott." Arno Pötzsch (1900-1956)

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Die Liedstrophe von Arno Pötzsch steht als Leitwort über der Todesanzeige eines Pfarrkollegen, an dessen Beisetzung ich heute teilnehmen werde. Dazu scheint mir dieses Foto eines Ahorns mit seinen leuchtenden und doch absterbenden Blättern gut zu passen. Die Äste ragen wie Finger in die Höhe, zeigen die Richtung an. Nicht hinab in die Grube, hinauf zum Licht geht die Reise. Die Blätter fallen einige Sekunden, der Baum aber streckt sich mitunter Jahrhunderte, weist mir die allgemeine Richtung.

Jörg Niederer

Dienstag, 7. Oktober 2025

400'000'000 neue Bäume

Ein Zitat

Ausgeräumte Landschaft bei Andelfingen.
Foto © Jörg Niederer
Unlauter handelt, "...wer Angaben über sich, seine Waren, Werke oder Leistungen in Bezug auf die verursachte Klimabelastung macht, die nicht durch objektive und überprüfbare Grundlagen belegt werden können." Art. 3 Abs. 1 lit. x des Schweizerischen Bundesgesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) 

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Viseca Card Services SA will Gutes tun für unser Klima. So habe das weltweit tätige Unternehmen in diesem Jahr 25'000 neue Bäume gepflanzt. Das sei geschehen im Rahmen der von Mastercard ins Leben gerufenen "Priceless Planet Coalition". Diese hat zum Ziel, 100 Millionen Bäume weltweit neu zu pflanzen. Allein ist dieses Ziel von Mastercard bzw. Viseca nicht zu erreichen. Würde man immer nur 25'000 Bäume pro Jahr pflanzen, ginge es 4000 Jahre, bis das Ziel erreicht wäre. Aber im Boot sind ja noch Partnerunternehmen vor allem aus dem Bankensektor. Zusammen habe man im Jahr 2024 bereits 24 Millionen Bäume von Wiederaufforstungsprojekten finanziert. Da es auf der Erde geschätzt 3 Billionen Bäume geben soll, entsprechen 100 Millionen Bäume einem Promille des Wald- und Baumbestands.

Nicht schlecht, oder? Nur ist es sehr entscheidend, wie diese Bäume gepflanzt werden. Einfach nur schnellwachsende Bäume finanzieren, um möglichst viel C02 kompensieren zu können, ist nicht gleichwertig mit einem natürlich gewachsenen, ökologisch vielfältigen Urwald. Weiter sollten nicht einfach schon sowieso geplante Aufforstungen durch die Initiativen der Priceless Planet Coalition finanziert werden. Da verbessert sich nicht die Ökobilanz, sondern nur der Geldgeber. Weiter haben solche Aufforstungen das selbe Problem wie die Atomkraftwerke. Wer garantiert auf 100-200 Jahre oder noch länger hinaus, dass diese Wälder auch stehen bleiben. Denn sobald sie abgeholzt oder durch Feuer zerstört werden, ist der Effekt bei den Treibhausgasen weg. Hinzu kommt, dass der Abholzungsprozess vieler Orts immer noch schnell voranschreitet. Dass dies geschieht, daran sind die Banken nicht unschuldig, finanzieren sie diese Entwicklung doch nach wie vor mit.

Ökologisch gesehen sollte man wohl eher in mehr Moore und Feuchtgebiete investieren, binden diese doch 100 mal mehr C02 als Wälder.

Nun will ich der Priceless Planet Coalition nicht unterstellen, dass sie dies alles nicht auch berücksichtigt bei ihrer Baumpflanzinitiative. Denn Greenwashing, das wissen die Finanzdienstleister, führt zu Reputationsschaden und kann vor Gericht enden.

Ganz generell für die Natur gilt: Intakte Umwelt bewahren ist besser, als nachträglich deren Zerstörung wieder reparieren zu wollen.

Jörg Niederer

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