Freitag, 27. März 2026

Linde(n)-Gedanken

Ein Zitat

Blick hoch zu den Ästchen der Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
"Er hält sich selbst nicht für einen mutigen Menschen. Er wagt es nicht, vielleicht aus Scham, über sich selbst nachzudenken." Jörg Steiner, in: "Olduvai". Geschichten. Berlin 1985

Hingesehen

Die Linde von Moosleerau steht am Dorfeingang, mächtig und ausladend. Ich setze mich auf die Bank darunter, schaue hoch in die Äste, in den Himmel. Die äussersten Zweige bilden ein filigranes Netz, das sich besonders gut vor dem hellblauen Oben abzeichnet. Ich staune. Denke ich an etwas, während ich hochblicke? Denke ich über mich nach? Ich weiss nicht mehr, was mir dort unter der Linde durch den Kopf gegangen ist.

Die Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
In meinem Rücken der meterdicke Stamm. Da komme ich nicht so schnell ins Wanken. Da könnte ich auch mutig über mich selbst nachdenken. Immer wieder schaue ich hoch in die Baumkrone. Die Zweiglein gleichen sich verästelnden Nervenzellen eines Gehirns. Denkt die Linde mit ihrer Baumkrone? Meine Nervenzellen zeichnen auf, speichern Eindrücke, Gesichter, Geräusche, Gerüche, Gefühle. Alles ist hellwach unter der Linde.

Dann stehe ich auf, gehe weiter, lasse die Linde in ihrem Nachsinnen stehen, entschwinde ihrer Wahrnehmung.

Jörg Niederer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Empfohlen

Linde(n)-Gedanken

Ein Zitat Foto © Jörg Niederer "Er hält sich selbst nicht für einen mutigen Menschen. Er wagt es nicht, vielleicht aus Scham, über sich...