Ein Zitat
"Der Pfarrer, der aus städtischen Landen kommt und zuständig ist für seine freie Kirche im Bezirk Kulm, lacht viel. Die Gemeinde weniger." Zitat aus einer Reportage im Tagi-Magazin 40/1995 über die Evangelisch-methodistische Kirche Schmiedrued
Foto © Jörg Niederer
Hingesehen
Gestern ging es auf der Kapellentour weiter, von Schlierbach via Schmiedrued nach Moosleerau. In Schmiedrued steht in der Heggelen die ehemalige Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche. Das ist in jenem Tal, in dem der Schriftsteller Hermann Burger wirkte. Es ist eine sehr ländlich geprägte Region. Hier geschah es, dass ein Journalistenduo vom "Das Magazin", der Beilage des Tagesanzeigers, sich ein Bild machen wollte von der ländlich-konservativen Talschaft. Peer Teuwsen (Text) und Reto Klink (Fotos) erkundeten "Das Hinterland des Mittellands" – so der Titel der Reportage – eine gute Woche lang. Nebst vielen Ortsansässigen wollten die beiden auch einen Gottesdienst einer Freikirche miterleben. Wir Methodisten wurden ausgewählt. Es war im Sommer. Die Gemeinde war informiert über den Besuch. Ich hatte das Vergnügen, die Predigt zu halten, und natürlich wollte ich die Erwartungen und klischeehaften Vorstellungen der beiden Journalisten nicht erfüllen. Also predigte ich so, wie ich glaubte, dass sie es nicht erwarten würden. Später stand dann über diesen Gottesdienst folgendes in der Reportage (Das Magazin 40/1995): "Das gute Dutzend Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes zieht, die Drohungen des Alters im Rücken, mit scheuem Seitenblick an der Tafel [der Kranken und Betagten] vorbei. Pfarrer Niederer, gewandet in einem roten Veston, sagt, diese seine Gemeinde im Ruedertal sei am Aussterben. Aber schon füllt das Harmonium die Kapelle der evangelisch-methodistischen Kirche zu Schmiedrued mit Schwerem: 'Und in ew'gen Lichtgewanden der Verklärung wandelt er.' Der Chor ist schwach, aber der junge Pfarrer singt für zehn. so gestärkt hebt er an für die Predigt. Der Pfarrer erzählt die Geschichte vom Flugsaurier, der kürzlich in seinem Garten stand und sich das Grün des Rasens einverleibte. Wie vom Himmel geworfen, aus einer anderen Zeit. Ungläubige Gesichter. Und dann spricht er in die Mitte seiner Gemeinde: 'Aber wenn ihr mir diese Geschichte nicht glaubt, warum glaubt ihr denn an die Auferstehung Jesu Christi?'"
Im weiteren Verlauf habe ich dann meine Antwort auf diese Frage zu geben versucht.
Ich kann mich gut daran erinnern, wie nach dem Gottesdienst der Fotojournalist unglaublich nervös war, als er mit zitternden Händen die Grossformatkamera aufstellte, und dann das Schwarzweissfoto aufnahm, das im besagten Artikel abgedruckt ist. Die meisten Menschen, die darauf zu sehen sind, leben nicht mehr. In fast jedem ihrer Häuser im Ruedertal war ich. Eine dieser Frauen hat mir vor diesem Gottesdienst gesagt: "Die Journalisten wollen uns Frommen doch nur in die Pfanne hauen".
Die Gemeindearbeit wurde später wirklich beendet. Doch die Kapelle steht immer noch. Sie ist auch noch mit "Evangelisch-methodistische Kirche" angeschrieben. Gekauft hat sie ein Harmonium-Liebhaber. Er wollte zuerst nur die drei Harmonien erstehen, die dort herumstanden. Doch dann entschloss er sich, hier ein Harmonium-Museum einzurichten, und kaufte das Haus gleich mit. Ob es das Museum wirklich auch gegeben hat, weiss ich nicht. Viel mit dem Haus anfangen konnte er nicht. Es steht ausserhalb der Bauzone. Abreissen kommt nicht in Frage. Seit meinem letzten Besuch vor einigen Jahren wurde die Eingangspartie neu gestrichen. Sonst sieht es noch so aus wie damals, vor 30 Jahren. An manchen Orten bleibt die Zeit halt stehen. Fast könnte man hier auf den Flugsaurier warten. Oder auf die Auferstehung.
Jörg Niederer
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen