Ein Zitat
"Wir verurteilen Rassismus, Antisemitismus, Ethnozentrismus und Tribalismus sowie jegliche Ideologie oder gesellschaftliche Praxis, die von der falschen und irreführenden Annahme oder Idee ausgeht, dass eine Gruppe von Menschen allen anderen Gruppen von Menschen überlegen ist." Soziale Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche.
Foto © Jörg Niederer
Hingesehen
Als ich als Methodistenpfarrer in Reinach AG begann, wurde die Tabor-Kapelle in Gontenschwil schon nicht mehr benutzt. Sie war, wie man sagt, ein Lost Place. So hatte ich die Muse, das alte Gemäuer in aller Ruhe zu erkunden. Dabei entstanden einige Polaroid-Aufnahmen, darunter auch die hier wiedergegebene. Auf den alten Kirchenbüchern in einem Schrank stand dieses Ding, das man heute mit Scham betrachtet. Ein Kässeli war es, bei dem ein knieendes Menschlein mit jedem Geldeinwurf ein dankbares Nicken zeigte. Eine Wackelkopffigur also, die man damals ohne viel zu überlegen mit dem N-Wort belegte. Ich kannte das Utensil schon aus meiner frühen Kindheit. In der Sonntagschule waren wir richtig scharf darauf, das Geldstück, in meinem Fall meist ein Fünfliber, einzuwerfen um zu sehen und zu hören, wie es "Bling" machte und der schwarze Kopf dir zunickte.
Foto © Jörg Niederer
Die Zeiten haben sich geändert. Heute kennt das schweizerische Stadtbild eine Vielfalt an Hauttönungen. Selbst auf dem Land starrt niemand mehr dunkelhäutigen Menschen nach.
Veränderungen: Die Taborkapelle sieht von Aussen noch immer fast gleich aus. Gut, es hat nun Solarpanel auf dem Dach und eine Fertiggarage steht im Garten. Im einstigen Gotteshaus lebt eine Familie, und es ist wohl nicht die Heilige. Der Name auf dem Briefkastenschild ist dafür viel zu schweizerisch. Verschwunden ist die Fäkaliengrube, denn früher war die Kapelle nicht an die Kanalisation angeschlossen. Noch immer führt die Autozufahrt über das Nachbargrundstück und ein Fussgängersteg von der Strasse über den parallel verlaufenden Dorfbach. Die Bäume im Garten sind noch höher gewachsen. Nach wie vor liegt Kapelle und Dorf etwas verschlafen hinter dem Wall der eiszeitlichen Gletscher-Endmoräne.
Veränderungen: Man könnte meinen, die Sache mit dem Sonntagschulkässeli sei für immer Vergangenheit. Doch da sass ich unlängst in einer Runde älterer Menschen, als das Gespräch auf die Spitex kam. Eine Frau erzählte: An einem Morgen habe ein dunkelhäutiger Mann an der Tür geläutet. "Was will der?", habe sie noch gedacht, als er sich als Spitexmitarbeiter zu erkennen gab. Eine andere Frau fuhr fort und erzählte, dass ein anderer Schwarzer bei der Spitex wieder habe aufhören müssen. Die alten Menschen hätten ihn nicht ins Haus gelassen. Das wäre auch bei XY so gewesen, meinte die erste Frau, und nickte hinüber zu einer weiteren Tischnachbarin, worauf diese bestätigte: "Nein, ein N... kommt mir nicht ins Haus. Das sind alles Gauner. Mein Sohn ist Polizist. Was der mir schon alles über die erzählt hat. Dabei nickte sie wie die Sonntagschulkässelifigur aus der Kapelle in Gontenschwil.
Ich meinerseits habe mir gedacht: An der kommenden Generalkonferenz der weltweiten Evangelisch-methodistische Kirche werden zum ersten Mal mehr Delegierte von ausserhalb der USA teilnehmen. Gut möglich, dass es dann auch mehr dunkelhäutige Menschen sein werden, von denen es unter den US-Delegierten ja auch einige gibt, die sich dort auch darüber beraten werden, wie man Vorurteile wenigsten in der Kirche abbauen kann.
Jörg Niederer
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