Posts mit dem Label Vielfalt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Vielfalt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 11. Mai 2026

Schwarzkehlchen

Ein Zitat

Oben: Männchen des Schwarzkehlchens. Unten: Weibchen des Schwarzkehlchen.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Wein entsteht im Einklang mit der Natur. In den Reben sollen sich Schmetterlinge, Insekten, Vögel, Mäusewiesel, Fledermäuse und vieles mehr tummeln." aus der Broschüre des Weinguts Lenz

Hingesehen

Es kommt knapp viermal häufiger bei uns vor als der Eisvogel: das Schwarzkehlchen. Und doch habe ich den Eisvogel in der Schweiz schon viel öfter gesehen als diesen kleinen hübschen Vogel. Das liegt wohl am unauffälligen Äusseren, an seiner von weitem betrachtet grossen Ähnlichkeit mit vielen anderen kleinen Vögeln. Das Schwarzkehlchen liebt die Buntbrachflächen und auch Ödland. Gesehen habe ich das Vogelpaar im biologisch bewirtschafteten Weinberg des Weinguts Lenz in Iselisberg. Hier haben Vögel und Fledermäuse ausgezeichnete Lebensbedingungen. So kann man bei den beiden gesichteten und vom mir zum ersten Mal fotografierten Insektenfänger:innen von einem Brutpaar ausgehen. Denn ich konnte das Männchen auch mit Futter im Schnabel beobachten, welches es dann später zum versteckt in einem Busch befindlichen Nest transportierte.

Auch gesehen auf diesen ökologisch wertvollen Flächen am Iselisberg habe ich Goldammern und Neuntöter. Selbst ein Fuchs lief mir in den Weinbergen am helllichten Tag über den Weg. Vielleicht gibt es dazu bald noch mehr hier zu sehen.

Jörg Niederer

Samstag, 2. Mai 2026

Doppelte Vielfalt

Ein Zitat

Oben: Christliches Jugendtreffen in Nordmazedonien zum 1. Mai in einer Freizeitanlage nahe der griechischen Grenze. Unten: Eine winzige Wollbiene sitzt auf dem Fusspfad vor mir auf den Boden.
Fotos © Jörg Niederer
"Lasst uns ein Europa schaffen, das sowohl sokratisch wie christlich ist, gleichzeitig voller Zweifel und Glauben, voll Freiheit und Ordnung, voll Vielfalt und Einheit." Salvador de Madariaga (1886-1978)

Hingesehen

Während ich in Mazedonien im Hotel direkt an der Autobahn von Griechenland her am frühen Morgen diese Zeilen schreibe, jagen die Mehlschwalben, die über meinem Fenster nisten, wild hin und her. Ich höre auch Rauch- und Uferschwalben, den Pirol, und den Kuckuck. Weiden- und Haussperlinge melden sich, ein Pärchen der letzteren hat eines der Nester der Mehlschwalben für sich annektiert. Auch nicht weit sind Dohle und Star. Nachtigallen singen an jeder Hausecke und hinter jedem zweiten Busch.

Gestern besuchten wir über den Mittag ein christliches Jugendlager, das den freien 1. Mai für ein verlängertes Wochenende in einer grosszügigen Anlage direkt an den ersten Ausläufern des Gebirges nutzt. Die Jugendlichen kommen aus verschiedenen evangelischen Kirchen. Vielfalt und Lebensfreude war zu spüren. Wir vom Laienpredigerkurs waren eingeladen zu den Tischen und vollen Fleischtöpfen, die hier zum Essen nicht fehlen dürfen.

Einige Minuten lang erkundige ich den nahen Bachlauf bei der Freizeitanlage, der den Jugendlichen als Badeplatz dient. Auf einem Trampelpfad folge ich ihm aufwärts. Zwischen den Bäumen und Büschen hat es wunderschöne Trockenwiesen. Eine Riesensmaragdeidechse flüchtet vor mir mit Getöse ins Unterholz. Eine winzige, dunkelgefärbte Johannisechse schlängelt sich durchs Gras, der Wegerich-Scheckenfalter setzt sich auf eine Blume, fast schwarze Krabbenspinnen lauern auf dem hellbraunen Boden. Da gibt es unzählige Löcher der Falltürspinnen, eine winzige Wollbiene lässt sich anstandslos fotografieren, genauso wie die Gemeine Bodenwanze, der Schwarzer Schmalbock und die Punktiere Zartschrecke. Ich kann mich nicht erinnern, je eine Rundblättrige Osterluzei gesehen zu haben. Hier wächst sie. es gibt Weissfleckdisteln, und die gewöhnliche Mariendistel mit ihrer wunderschön symmetrischen Blüte. Auch den Echten Venusnabel entdecke ich, angelehnt an einen sich zersetzenden Baumstumpf.

All diese Eindrücke sind überwältigend. Was gäbe es hier noch zu entdecken, wenn ich mehr Zeit hätte?

So könnte es auch in der Schweiz aussehen, würde nicht jeder Wegrand regelmässig von Unkraut befreit, hätte es mehr Hecken und weiniger aufgeräumte Agrarlandschaft. Hinter dem Hotel ist der Übergang vom Wald zum strauchbestandenen Feld wunderschön abgestuft, auch etwas, das man in der makellosen Schweiz kaum noch sieht. Gestern beim Frühstück konnte ich dort einen Merlin beobachten, wie er auf einer Telefonstange seine Beute vertilgte.

Auch die Eindrücke von und mit den Menschen sind beglückend, die Gespräche bereichern. Sie werden geführt in Englisch und Deutsch und Mazedonisch und irgendwie, lächelnd, händeschüttelnd und manchmal händeringend.

Ich erlebe gerade doppelte Vielfalt. Das tut so richtig gut.

Jörg Niederer

Montag, 17. November 2025

Wilhelm Busch und die Halbseitenzwitter

Ein Zitat

Ein Hahn der Sorte Appenzeller Spitzhauben wacht über seine Hühnerschar.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt." William Shakespeare, Hamlet - The Tragedy of Hamlet, 1. Akt, 5. Szene

Hingesehen

In Wilhelm Buschs Geschichte von Max und Moritz wird im ersten Streich dem Hahn und den drei Hennen von Witwe Bolte den Garaus gemacht. Den Abschluss ihres traurigen Endes beschreibt Wilhelm Busch so: 

"Ach, sie bleiben an dem langen, / Dürren Ast des Baumes hangen. / Und ihr Hals wird lang und länger, / Ihr Gesang wird bang und bänger.
Jedes legt noch schnell ein Ei, / Und dann kommt der Tod herbei."

Wobei, der Hahn legt auf der Karikatur natürlich kein Ei, sondern er verrichtet ein letztes Mal sein Geschäft.

Nun habe ich aber im Buch "Bitch" der Zoologin, Dokumentarfilmerin und Moderatorin Lucy Cooke gelesen, dass es gar nicht so abwegig sei, das ein Hahn ein Ei legt. So kennt die Forschung seit den 1920er Jahren sogenannte Halbseitenzwitter. Einerseits kommen sie in der Wildnis vor, etwa beim Rotkardinal, auch bei Schmetterlingen und Krustentieren, aber eben auch bei Haushühner. Bei den beobachteten Geflügel-Chimären ist die eine Seite des Tiers männlich, mit allem drum und dran, inklusive einem Hoden und stärkerem Knochenbau, die andere Seite ist weiblich und folglich von schwächerem Körperbau und natürlich ausgestattet mit Eierstock. Mit anderen Worten: Ein solcher Halbseitenzwitter ist in der Lage, Eier zu legen, aber stellt als Hahn im Korb auch den Hühnern nach.

Lucy Cooke schreibt dazu: "...sie entstehen, wenn Zwillingsembryonen zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihrer Entwicklung (zwischen dem 2-Zell- und dem 64-Zell-Stadium) verschmelzen..." (Lucy Cooke, Bitch, München 2023, S. 58)

Ein derartiges Huhn-Hahn-Tier kann man auf dieser Webseite bestaunen. Ich bin fasziniert, was es an Variabilität in der Natur gibt. Im selben Buch schon im ersten Kapitel habe ich gelernt, dass es im Tierreich alles gibt. Weibchen, die XX oder XY-Chromosomen haben genauso wie Männchen. Es gibt Tiere, die ihr Geschlecht je nach Situation und Umständen wechseln. Selbst das Maulwurfsweibchen ist ein Beispiel dafür. Er hat innere Fortpflanzungsorgane, die an einem Ende Ovarien (Eierstöcke) und am anderen Ende Hoden aufweisen. So ist die Unterscheidung, ob ein Maulwurf männlich oder weiblich ist, alles andere, als eine simple Sache.

Wie sagte doch einst ein erfundener Kerl in einem weltbekannten Werk: "There are more things in Heaven and Earth […] / Than are dream't of in your Philosophy."

Jörg Niederer

Empfohlen

Herbst

Ein Zitat Foto: © Jörg Niederer "Es ist nun der Herbst gekommen, / Hat das schöne Sommerkleid / Von den Feldern weggenommen..." J...