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Dienstag, 28. Oktober 2025

Letztes Sonnenlicht

Ein Zitat

Von der Abendsonne erleuchtet Blüten der Färber-Hundskamille in einer Buntbrache
Foto © Jörg Niederer
"Die Kraft, das Weh im Leib zu stillen, / verlieh der Schöpfer den Kamillen.
Sie blühn und warten unverzagt / auf jemand, den das Bauchweh plagt.
Der Mensch jedoch in seiner Pein / glaubt nicht an das, was allgemein
zu haben ist. Er schreit nach Pillen. / Verschont mich, sagt er, mit Kamillen,
um Gotteswillen!" Karl-Heinrich Waggerl (1897-1973)

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Danach sehnt man sich im Mittelland in diesen Tagen: nach Sonnenschein. Auch die letzten Färber-Hundskamille in der Buntbrache bei der Zuckerfabrik Frauenfeld strecken ihre Blüten dem Licht entgegen. Nach dem gestrigen düsteren Regentag erhoffe auch ich mir heute deutlich mehr Sonnensichtung. Ich will wieder einmal der Geschichte "meiner" Kirche folgen. Los geht es im Raum Zürich. Mehr dann in einem späteren Blogbeitrag.

Jörg Niederer

Montag, 27. Oktober 2025

Die einsame Birke

Ein Zitat

Eine Birke auf offenem Feld wird vom böigen Westwind kräftig durchgeschüttelt.
Foto © Jörg Niederer
"Man zapfet aus der Birke / sehr angenehmen Wein, / man reibt sich, / dass es wirke, / die Glatze damit ein." 4. Strophe aus dem Gedicht "Die Birke" von Wilhelm Busch (1832-1908) 

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Jeweils im Herbst, wenn die Blätter fielen und im Frühjahr, wenn es von den Birken klebrig tropfte, ärgerte sich mein Vater über die Birke, die bei seiner Werkstätte stand. Eines Tages dann lag der Ärger in transportfähige Stücke zersägt vor dem Gebäude. Der Baum war weg, und die in die Jahre gekommene Werkstätte sah von aussen noch trostloser aus.

An meinem Wohnort komme ich an einer Birke vorbei. Sie steht einsam mitten auf dem Feld. Ein Feldweg, als Wanderweg ausgeschildert, führt leicht bergan an ihr vorbei. Jetzt im Herbst wird sie arg durchgeschüttelt. Der Sturmwind fährt heftig in ihr Astwerk. Abgebrochene Zweige liegen auf dem Weg. Doch sie steht da und bleibt mir ein Wegzeichen. Ja, sie scheint dem Westwind leicht entgegenzuwachsen, wie wenn sie sagen wollte: "Du kannst mich nicht von einem aufrechten, ehrlichen Stand abbringen. Wer mich rüttelt, den schüttle ich ab." Solcherlei Widerstand gefällt mir.

Jörg Niederer

Freitag, 24. Oktober 2025

Döbel im Herbst

Ein Zitat

Ein Döbel lauert in der sanften Strömung der Murg zwischen Herbstlaub auf einen Happen.
Foto © Jörg Niederer
"Bei Flut fressen Fische Ameisen; bei Ebbe fressen Ameisen Fische." Thailändisches Sprichwort.

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Beim Bahnhof Frauenfeld auf dem Fussgängersteg über die Murg bleiben immer wieder Kinder und Erwachsene stehen und schauen über das Geländer hinunter ins Wasser. Dort kann man bei klarer Sicht einige grössere Fische entdecken. Es sind Döbel, die sich diesen Platz als ihren Lebensraum erobert haben. Der Weissfisch hat viele Gräten und kommt daher selten auf den Tisch.

Wenn nicht gerade nach einem Sturm die Murg braun und trüb daherkommt, ist im Herbst der Blick ins Wasser geradezu surreal. Am Boden liegt ein Teppich von Herbstlaub. Auf der Wasseroberfläche treibt weiters Laub kleinen Schiffchen gleich vorbei, und dazwischen, beinahe wie ein Astronaut in der Schwerelosigkeit, schwimmt der Fisch an Ort und Stelle. Ob er sich der besonderen Ästhetik dieses Anblicks bewusst ist? Oder hat der anspruchslose Allesfresser nur Sinne für sein leibliches Wohl?

Im Frühling habe ich die Döbel bei der Kurzdorf-Brücke auch schon beim Ablaichen beobachtet. Es gibt für sie folglich Jahreszeiten. Wie wir Menschen wird er nach einigen Jahren wissen, dass sich die Landschaft bald kahl und kalt zeigen wird. Doch jetzt ist es noch einmal so richtig licht- und lustvoll, dem Treiben zuzuschauen.

Jörg Niederer

Freitag, 17. Oktober 2025

Fingerzeige

Ein Zitat

Leuchtend gelbe Blätter an einem herbstlich eingefärbten Ahornbaum.
Foto © Jörg Niederer
"Leb ich Gott, bist du bei mir, / sterb ich, bleib ich auch bei dir, / und im Leben und im Tod bin ich dein, / lieber Gott." Arno Pötzsch (1900-1956)

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Die Liedstrophe von Arno Pötzsch steht als Leitwort über der Todesanzeige eines Pfarrkollegen, an dessen Beisetzung ich heute teilnehmen werde. Dazu scheint mir dieses Foto eines Ahorns mit seinen leuchtenden und doch absterbenden Blättern gut zu passen. Die Äste ragen wie Finger in die Höhe, zeigen die Richtung an. Nicht hinab in die Grube, hinauf zum Licht geht die Reise. Die Blätter fallen einige Sekunden, der Baum aber streckt sich mitunter Jahrhunderte, weist mir die allgemeine Richtung.

Jörg Niederer

Dienstag, 14. Oktober 2025

Farbe ins Leben bringen

Ein Zitat

Die Blüte der Färber-Hundskamille wurde für die Gelbfärbung von Stoffen verwendet.
Foto © Jörg Niederer
"Bunt sind schon die Wälder, Gelb die Stoppelfelder, Und der Herbst beginnt." Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834), "Herbstlied"

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Bald schon wird uns die Zeitumstellung in eine gefühlte Dunkelheit zurückwerfen. Spätestens dann wünscht man sich, man könnte das Licht der Sonne einfangen und konservieren. In gewisser Weise gelingt das auch indirekt über die Energiegewinnung aus der Sonne und dann durch den Einsatz elektrisch erzeugten Lichts. Aber auch ein Cheminéefeuer ist nur möglich, weil der Baum sein Holz mittels Sonnenlicht erzeugt hat. Genauso gilt das auch für die Blume, die teilweise ihre Färbung der Fotosynthese aus Sonnenlicht verdankt.

In den Buntbrachen, die aktuell neben abgeernteten Feldern mehr auffallen als in der Vegetationszeit der Nutzpflanzen, findet man immer noch gelb blühende Pflanzen, etwa die Königskerze oder dann eben eine alte Färberpflanze, die Färber-Hundskamille. Anders als die Kamille, mit deren Blüten wir gesunden Tee aufbrühen, hat die Hundskamille weniger Heilwirkung. Der Bezug auf die Hunde ist durchaus abwertend gemeint. Der Zusatz "Hunds-" wird in der Volksmedizin oft für "minderwertige" Pflanzen verwendet.

Die Färber-Hundskamille hat andere herausragende Eigenschaften. Mit ihren leuchtend gelben Blüten kann man Baumwolle und Hanf lichtecht gelb färben. Mit anderen Worten bringt die Färber-Hundskamille Farbe ins Leben hinein. Grund ist der Hauptfarbstoff Luteolin. Luteolin wirkt schlaffördernd und hat noch andere "Nebenwirkungen". So kann Luteolin in flüssiger Form die Haut und die Augen reizen, was ihn zu einem zu kennzeichnenden Gefahrenstoff macht.

Alles hat eben seine zwei Seiten. Statt Mitmenschen zu reizen ist es wohl besser (und reizvoller), Licht und Farbe ins Leben zu bringen. Dazu regt mich an diesem Tag die Färber-Hundskamille an.

Jörg Niederer

Freitag, 10. Oktober 2025

Versprechen

Ein Zitat

Bei dieser Raupe handelt es sich um die der Gemüseeule auf dem Weg ins Winterschlafquartier.
Foto © Jörg Niederer
"Niemand verachtet die Raupe mehr als der Schmetterling." Klaus D. Koch (*1948)

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Ist sie nicht schön, diese Raupe. Es soll sich um die Raupe einer Gemüseeule handeln, was gut zum Zeitpunkt und zur Lokalität passt. Rund herum waren Felder im Oktober. Diese Gemüseeule-Raupe war nicht allein unerwegs. Gleich noch drei weiteren halfen wir über die Strasse in die sichere Wiese. Beim Aufnehmen zappelte sie ein bisschen, doch dann krochen sie über die Hand und entlang der Fingern in Sicherheit.

Vermutlich hätte es der Bauer lieber gesehen, wenn sie das Grün nicht erreicht hätten. In der Landwirtschaft gelten sie als Schädlinge.

Für mich sind Raupen Versprechen. Aus ihnen werden einmal fliegende Wesen. Eine Verwandlung später wird das sein. Auch wir Menschen warten auf Erfüllungen von Verheissungen. Auch dazu braucht es Zeit. Wie weit ist meine Verwandlung schon fortgeschritten? Oder krieche ich noch an den Ort, an dem das geschehen soll?

Jörg Niederer

Donnerstag, 9. Oktober 2025

Kussmund im Rübenfeld

Ein Zitat

Klatschmohn leuchtet in der Sonne rot auf in einem Rübenfeld bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Mohn ist keine Pflanze für die Vase. Mohn, das ist Farbe für das Feld."

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Die hohe Zeit des Klatschmohns ist im Oktober vorbei. Doch einige leuchtendrote Blüten haben sich in den Herbst verirrt. Wie Magnete das Eisen ziehen sie meine nach Farben hungernden Blicke an. Kussmünder im Antlitz der Erde. Flatterhaft verwischen im Wind die Töne, gehauchte Kleckse auf die Palette der Bauern. Was braucht es da noch viel Worte. Tausend Augen bräuchte es.

Jörg Niederer

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