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Donnerstag, 24. September 2026

Verlobung

Abendrot über Frauenfeld.
Foto: © Jörg Niederer


Ein Zitat

"'Ruhe ist viel wert', / Sagte das Nilpferd / Und setzte sich in was Weiches. / Der Elefant tat ein Gleiches." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Entdeckt

Verlobt man sich heutzutage noch? Mit dem Bedeutungsverlust der Ehe verlor auch das öffentliche Versprechen, in Zukunft die Ehe einzugehen, an Bedeutung. Vielleicht müsste man auch sagen, die Verlobung wurde in vielen Paarbeziehungen ein Dauerzustand. Das Versprechen, in nächster Zeit einen verbindlichen Schritt weiterzugehen, wurde selbst zum verbindlichen Zusammenbleiben, auch ohne Trauschein. So gesehen ist die Ehe ohne Trauschein eine Art Dauerverlobung. Das würde wohl niemand so benennen, wird doch das Konzept "Verlobung" als ein konservatives Konstrukt angesehen, während die Ehe ohne Trauschein als modern beziehungswiese postmodern empfunden wird.

Wie auch immer: Die Frau, zu der ich gehöre, und ich feiern jedes Jahr nebst den Jahrestagen der zivilen und kirchlichen Trauung auch den Verlobungstag. Nicht grossartig. Meist gehen wir fein essen an einem schönen Ort. Der diesjährige Jahrestag feierten wir im Restaurant des Plättli-Zoos in Frauenfeld. Während des Essens grasten draussen Benettwallabys und Lamas, als wäre man, je nach Kopfdrehung und Blickrichtung, in Südamerika oder Australien.

Dann wurde es auch noch dramatisch. Nicht in unserer Beziehung, sondern am Himmel über Frauenfeld. Das Abendrot war für sich allein schon ein kleines Fest, und ein Signal für die Schneeeule, ihr Nachtwerk zu beginnen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 16. Oktober 2025

Hitchcocks Abendrot

Ein Zitat

Raben- und Saatkrähen versammeln sich zum Abendrot auf den Silotürmen der Zuckerfabrik Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Die wahre Ernte meines täglichen Lebens ist etwas so Unfassliches wie das Morgen- und Abendrot."
Henry David Thoreau (1817-1862)

Hingesehen

Das schauerliche Krächzen der schwarzen Vögel auf den Silos der Zuckerfabrik erinnert mich an frühe Filmerfahrungen. Hitchcock lässt grüssen. Doch dort oben, unweit von unserer Wohnung, geht es recht anständig und gesittet zu. Die Rabenkrähen und auch einige Saatkrähen treffen in kleinen Verbänden oder einzeln ein und setzen sich in gebührendem Abstand zum oder zur Gefiederten daneben auf die Stangen. Die Gespräche der Rabenvögeln kann ich hören, aber folgen kann ich ihnen nicht. Kein Kraa und kein Kroo verstehe ich. Es muss interessant sein, was sie sich da oben erzählen. Vielleicht sagen sie sich: "Schau dir diese Aussicht an!" Oder: "Heute habe ich wieder einige Baumnüsse geknackt", worauf eine andere antwortet: "Ich kenne einen Ort, das sind sie immer schon essbereit aufgebrochen." Wieder eine andere meint dann: "So langsam ist das hier kein Geheimtipp mehr, aber für das Abendrot von diesem Hotspot aus nehme ich schon etwas Dichtestress in Kauf."

Wie gesagt, ich habe keine Ahnung vom Kraa und Kroo der schwarzen Vögel. Ich weiss auch nicht, ob sie sich wirklich am Abendrot erfreuen. Ich jedenfalls finde es ganz bezaubernd, wie die Krähen auf dem Silo sich vor dem blutroten Himmel abheben und ihre Gespräch schauerlich zu mir herüberklingen.

Jörg Niederer

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