Dienstag, 31. März 2026

Feuer und Flamme

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Auf einem abgefallenen Ast wächst der Goldgelbe Zitterling, ein Pilz aus der Gattung der Zystenrindenpilze.
Foto © Jörg Niederer
"Im Frühjahr kehrt Wärme in die Glieder zurück." Vergil (70-19 v.Chr.)

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Im noch relativ monochromen Frühjahrswald fallen die knalligen Farben besonders auf. Seien es nun Blumen wie der Huflattich, das Schlüsselblümchen, das Wald-Veilchen, das Buschwindröschen, oder seien es leuchtend farbige Pilze, wie dieser Goldgelbe Zitterling.

Er gleicht einer kleinen Flamme, die sich vom abgefallenen, dürren Ast nährt. Gerade mal einen Zentimeter hoch ist er mir mit seiner Leuchtkraft sofort ins Auge gestochen.

Als ich ihn freuend über den Fund einem zufällig an diesem wenig begangenen Ort stehenden älteren Ehepaar zeigte, waren die nicht sonderlich beeindruckt. Die Frau schaute ihn nicht einmal an, der Mann brabbelte etwas von Champignon. Kauend an einem Brötchen dachte er wohl gerade vor allem ans Essen.

Dieser Zitterling wird als ungiftig, ungeniessbar bis essbar beschrieben. Geschmack habe er keinen. Suppen verleihe er Textur. Immerhin. In China, wo er auch vorkommt, wird er als immunstimulierend angewendet.

Der Pilz kann bei Trockenheit in sich zusammenfallen. Bei Feuchtigkeit findet er wieder zur alten Frische. Bis siebeneinhalb Zentimeter breit und bis fünf Zentimeter hoch kann er werden. So gesehen war mein Fund eher klein. Ein winziges Flämmchen, von dem keine Waldbrandgefahr ausgeht. Im Gegenteil. Bei mir aktivierte der Goldgelbe Zitterling die Glückshormone, was mich dort am Waldrand auch ganz ohne zu Essen lebendiger werden lies.

Jörg Niederer

Montag, 30. März 2026

Zuhause verirrt

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Jörg Niederer vor den Gebäuden der Vorstatt Chele Bottenwil, die sich zwischen Friedhof und Uerke finden.
Foto © Jörg Niederer
"Die EMK Vorstatt Chele Bottenwil ist eine aufgestellte, lebensnahe, christliche Gemeinde mit einem Altersspektrum von jungen Familien bis zu aktiven Senioren." Selbstbeschreibung der Evangelisch-methodistischen Kirche Bottenwil

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Bottenwil. Eines nachts war ich auf dem Hügelzug zwischen Wiggertal und Uerkental mit dem Mountainbike unterwegs. Damals wohnte ich in Strengelbach und meinte, die Gegend zu kennen wie meine Hosentasche. Es war die Zeit, als noch keine Federung die geländegängigen Zweiräder praxistauglicher erscheinen liessen. Auch war es stockdunkel und der Wald sah so ganz anders aus als bei Tag. Nun ist es aus wildbiologischer Sicht und auch sonst nicht besonders klug, in der Nacht herumzubiken, aber damals wusste ich das noch nicht besser. Irgendeinmal entschied ich mich, wieder heimzufahren. Ich fuhr den Berg hinunter, so rasant, wie das möglich war – und landete in Bottenwil. Das war nun definitiv die total falsche Richtung. In solchen Momenten ist man jeweils müder als wenn alles richtig gelaufen wäre, und so kämpfte ich mich frustriert die steile Strasse 150 zusätzliche Höhenmeter hinauf, um dann auf der richtigen Seite wieder hinunter zu fahren.

Bottenwil. Das war das Ziel der Etappe auf dem Kapellenweg, welche meine Frau und ich am vergangenen Samstag von Moosleerau her unter die Füsse genommen hatten. In Bottenwil gibt es zur Abwechslung mal wieder eine aktive Gemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Noch vor 20 Jahren gehörten zu diesem Kirchenbezirk auch die Kapellen in Staffelbach und Uerkheim. Diese sind zwischenzeitlich verkauft und werden anders genutzt. Dazu dann in späteren Beiträgen mehr. Denn die Umnutzung der beiden kirchlichen Gebäude ist originell. Soviel sei verraten: Es geht dabei um Holz und Stoff.

Zurück zur EMK in Bottenwil. Im Jahr 2018 wurde die Kapelle umgebaut und mit einem freistehenden Wohnhaus erweitert als "Vorstatt Chele Bottenwil" eingeweiht. Der neue Kapellenanbau ist originell mit Holzlatten verkleidet. Das Wohnhaus steht unmittelbar an der Uerke. Erstmals wohnte an diesem Ort auch der Gemeindepfarrer. In der Planungsphase, die sehr lange dauerte,  ich weiss davon, weil ich damals im Bau- und Verwaltungsausschuss der Kirche mitdiskutierte  wurden verschiedene Ausbaumöglichkeiten ins Auge gefasst und teilweise oder auch ganz wieder verworfen. Naheliegend, dass dieser Prozess nicht ganz ohne Spannungen abgelaufen ist. Entstanden sind grosszügige Räumlichkeiten für den Gemeindealltag.

Einige Zeit lang fanden sogar die Beisetzungsfeiern der politischen Gemeinde offiziell in dieser Kapelle statt, liegt doch der Friedhof direkt gegenüber auf der andern Strassenseite.

Heute treffen sich an diesem Ort so 35 Erwachsene und 15 Kinder im sonntäglichen Gottesdienst. Also durchaus eine lebendige Gemeindearbeit. Aktuell ist auch eine 20%-Stelle in der EMK Vorstatt Chele Bottenwil offen für eine Mitarbeiter:in Administration.

Jörg Niederer

Sonntag, 29. März 2026

Liebevoll den Weg bereiten

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28 Millionen Jahre alte Versteinerung eines Fächers der Sabal-Palme, gefunden in Ebnat-Kappel.
Foto © Jörg Niederer
"Aus vielen Gefahren hat Gott sie gerettet. Sie aber widersetzten sich hartnäckig seinem Plan und verstrickten sich immer tiefer in ihre Schuld." (Bibel: Psalm 106,43)

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Zu Palmsonntag passt die Palme. Im Botanischen Garten von St. Gallen habe ich diese Versteinerung einer Fächerpalme entdeckt. Sie ist 28 Millionen Jahre alt. Mich erinnert sie an den Versuch von Menschen, den Weg Gottes vorzuzeichnen und ihn in die Rolle eines politischen Befreiers zu pressen. Doch letztlich ist es Gott, der unsern Weg bestimmt, und das schon länger, als es Palmen gibt.

Eine Geschichte: Die kleine Spinne sass im Waschbecken. Jemand anderes hätte sie einfach runtergespült. Ich aber liebe Spinnen. So versuchte ich sie vorsichtig aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Doch die Spinne floh meine Hand und sprang in die Dusche. Wieder versuchte ich sie mit den Händen zu fassen. Es gelang, doch Augenblicke später seilte sie sich an seidenem Faden ab  mitten in die WC-Schüssel. Irgendwie wollte sich das kleine Tier einfach nicht retten lassen. Ich versuchte es ein drittes Mal mit einem Papierfetzen, und nun blieb die Spinne endlich ruhig, sodass ich sie in einer Blumenvitrine wieder ihrer eigenen Gefahreneinschätzung überlassen konnte.

Auch ich bin wie die kleine Spinne. da rettet mich eine liebevolle Hand aus der einen Patsche, und ich weiss nichts besseres zu tun, als im nächsten Fettnapf zu landen. Sonntag bedeutet, einfach einmal der Fürsorge des liebenden Gottes zu vertrauen. Selbst kann ich mir nicht helfen. Es ist dieser Gott, der wirklich befreit. Wo er einen Menschen hinstellt, da ist man am sicheren Ort.

Jörg Niederer

Samstag, 28. März 2026

So sieht es aus

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Primeln im Schnee beim Plättli-Zoo Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer

"Die liebe Erde hat ihr Winterkleid abgelegt..."
Ludwig Tieck (1773-1853) - oder doch eher wieder "angelegt"!

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Als hätte der Gärtner Styropor über die Primeln gestreut. Der Schnee, der in Frauenfeld gefallen ist, weist eine Konsistenz auf zwischen Flocke und Hagel. Die Primeln halten dem kalten Granulat still, warten ab, bis wieder der Frühling die Oberhand gewinnt. Lange dauert es nicht, doch heute ist es noch einmal so richtig kalt.

Jörg Niederer

Freitag, 27. März 2026

Linde(n)-Gedanken

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Blick hoch zu den Ästchen der Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
"Er hält sich selbst nicht für einen mutigen Menschen. Er wagt es nicht, vielleicht aus Scham, über sich selbst nachzudenken." Jörg Steiner, in: "Olduvai". Geschichten. Berlin 1985

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Die Linde von Moosleerau steht am Dorfeingang, mächtig und ausladend. Ich setze mich auf die Bank darunter, schaue hoch in die Äste, in den Himmel. Die äussersten Zweige bilden ein filigranes Netz, das sich besonders gut vor dem hellblauen Oben abzeichnet. Ich staune. Denke ich an etwas, während ich hochblicke? Denke ich über mich nach? Ich weiss nicht mehr, was mir dort unter der Linde durch den Kopf gegangen ist.

Die Linde von Moosleerau.
Foto © Jörg Niederer
In meinem Rücken der meterdicke Stamm. Da komme ich nicht so schnell ins Wanken. Da könnte ich auch mutig über mich selbst nachdenken. Immer wieder schaue ich hoch in die Baumkrone. Die Zweiglein gleichen sich verästelnden Nervenzellen eines Gehirns. Denkt die Linde mit ihrer Baumkrone? Meine Nervenzellen zeichnen auf, speichern Eindrücke, Gesichter, Geräusche, Gerüche, Gefühle. Alles ist hellwach unter der Linde.

Dann stehe ich auf, gehe weiter, lasse die Linde in ihrem Nachsinnen stehen, entschwinde ihrer Wahrnehmung.

Jörg Niederer

Donnerstag, 26. März 2026

Was ist hier falsch?

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Bei der Kiesgrube Kulmerauer Allmend ist die Dampffahne des Atomkraftwerks Gösgen-Däniken gut zu sehen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Antwort für Energiesouveränität, Verlässlichkeit, Wertschöpfung vor Ort und günstige Strompreise ist längst erfunden und heißt erneuerbare Energien – das weiß jedes Kind." Julia Verlinden, deutsche Umweltwissenschaftlerin und Politikerin (*1979)

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Ich stehe unweit der Kiesgrube Kulmerauer Allmend. Hoch über Walde und Bohler, an einem Ort, an dem man erwartet, dass sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, fährt so alle drei Minuten ein Kipper die steile Betonstrasse hinauf oder hinunter. Kies aus der Grube wird ins Werkareal Bohler transportiert und dort zu Beton verarbeitet. Bei der Kiesgrube handelt es sich um eine wandernde Baustelle. Auf der einen Seite wird sie erweitert, auf der anderen Seite wird renaturiert. Es entsteht eine grossräumige Sekundärlandschaft. 

Von meinem Standort ist weder die Kiesgrube noch die Creabeton auf dem Bohler zu sehen. Zu sehen ist etwas anderes, das die letzten Monate weg war: Die Dampffahne aus dem Kühlturm des Atomkraftwerks Gösgen-Däniken. Zehn Monate stand das AKW still. Doch seit zwei Tagen ist es wieder in Betrieb. Es mag nun Menschen geben, die sagen: Daran ist nichts falsch, ausser dass der Betriebsstop so lange gedauert hat. Offensichtlich reichten Teile des Speisewassersystems nicht aus für einen sicheren Betrieb, und das schon viele Jahre. Es brauchte neue Ventile. Damit fielen 12% der schweizerischen Stromerzeugung ausgerechnet über die Wintermonate weg. Der Stromausfall kostet nun die Aktionäre insgesamt 500 Millionen Schweizerfranken.

Vor neun Jahren beschloss das Stimmvolk der Schweiz den Ausstieg aus der Kernenergie. Nun scheint der Wind zu drehen. Es wird wieder über neue Kernkraftwerke spekuliert. Scheinbar sei eine Mehrheit der Schweizer:innen dafür. Dahinter steht die Frage, ob es beim Ausbau der erneuerbaren Energien schnell genug vorangehe. In der Abstimmung von 2017 wurde nicht die Abschaltung der bestehenden Atomkraftwerke beschlossen, solange diese sicher betrieben werden können, sondern nur der Bau von neuen Werken verboten. Neue AKWs machen für die Erreichung der Klimaziele auch keinen Sinn, dauert die Bauzeit doch viel zu lange und die Wirkung auf die Verringerung des CO2-Ausstosses der Schweiz käme zu spät. Zudem zeigen Bauprojekte im Ausland, dass neuen AKWs kaum zu finanzieren sind. Das sind die wirtschaftlichen Gründe gegen einen Ausbau der Kernenergie. Nach wie vor ungeklärt ist die Entsorgung radioaktiver Abfälle und die zwar geringe, aber nicht ganz auszuschliessende Gefahr eines schweren Unglücks in der dichtbesiedelten Schweiz. An all dem ändert auch die Hoffnung auf neue Kleinreaktoren und weitere Technologiefortschritte nicht viel. Bei der Kernkraft wird, so könnte man sagen, der Teufel mit dem Beelzebul ausgetrieben. Das eine Übel ersetzt das andere.

Vielleicht ist es nicht falsch, dass die verbliebenen vier Kernkraftwerke noch länger in Betrieb bleiben. Das überbrückt die Zeit bis ins Jahr 2050. Bis dann sollte die Schweiz klimaneutral sein und ihren Energiebedarf ausschliesslich aus erneuerbarer, CO2-freier Energie decken. Ich werde das wohl nicht mehr erleben genauso wenig wie den Bau eines sicheren Atomendlagers. Versprochen hat man letzteres vor einem Menschenleben. Damit ist die Atomsicherheit so etwas wie eine Lebenslüge. Was also ist hier falsch?

Mittwoch, 25. März 2026

Der Flugsaurier im Ruedertal

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Die ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche in der Heggelen Schmiedrued. Einmal von oben, einmal mit Jörg Niederer von unten.
Foto © Jörg Niederer
"Der Pfarrer, der aus städtischen Landen kommt und zuständig ist für seine freie Kirche im Bezirk Kulm, lacht viel. Die Gemeinde weniger." Zitat aus einer Reportage im Tagi-Magazin 40/1995 über die Evangelisch-methodistische Kirche Schmiedrued

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Gestern ging es auf der Kapellentour weiter, von Schlierbach via Schmiedrued nach Moosleerau. In Schmiedrued steht in der Heggelen die ehemalige Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche. Das ist in jenem Tal, in dem der Schriftsteller Hermann Burger wirkte. Es ist eine sehr ländlich geprägte Region. Hier geschah es, dass ein Journalistenduo vom "Das Magazin", der Beilage des Tagesanzeigers, sich ein Bild machen wollte von der ländlich-konservativen Talschaft. Peer Teuwsen (Text) und Reto Klink (Fotos) erkundeten "Das Hinterland des Mittellands" – so der Titel der Reportage – eine gute Woche lang. Nebst vielen Ortsansässigen wollten die beiden auch einen Gottesdienst einer Freikirche miterleben. Wir Methodisten wurden ausgewählt. Es war im Sommer. Die Gemeinde war informiert über den Besuch. Ich hatte das Vergnügen, die Predigt zu halten, und natürlich wollte ich die Erwartungen und klischeehaften Vorstellungen der beiden Journalisten nicht erfüllen. Also predigte ich so, wie ich glaubte, dass sie es nicht erwarten würden. Später stand dann über diesen Gottesdienst folgendes in der Reportage (Das Magazin 40/1995): "Das gute Dutzend Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes zieht, die Drohungen des Alters im Rücken, mit scheuem Seitenblick an der Tafel [der Kranken und Betagten] vorbei. Pfarrer Niederer, gewandet in einem roten Veston, sagt, diese seine Gemeinde im Ruedertal sei am Aussterben. Aber schon füllt das Harmonium die Kapelle der evangelisch-methodistischen Kirche zu Schmiedrued mit Schwerem: 'Und in ew'gen Lichtgewanden der Verklärung wandelt er.' Der Chor ist schwach, aber der junge Pfarrer singt für zehn. So gestärkt hebt er an für die Predigt. Der Pfarrer erzählt die Geschichte vom Flugsaurier, der kürzlich in seinem Garten stand und sich das Grün des Rasens einverleibte. Wie vom Himmel geworfen, aus einer anderen Zeit. Ungläubige Gesichter. Und dann spricht er in die Mitte seiner Gemeinde: 'Aber wenn ihr mir diese Geschichte nicht glaubt, warum glaubt ihr denn an die Auferstehung Jesu Christi?'"

Im weiteren Verlauf habe ich dann meine Antwort auf diese Frage zu geben versucht.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie nach dem Gottesdienst der Fotojournalist unglaublich nervös war, als er mit zitternden Händen die Grossformatkamera aufstellte, und dann das Schwarzweissfoto aufnahm, das im besagten Artikel abgedruckt ist. Die meisten Menschen, die darauf zu sehen sind, leben nicht mehr. In fast jedem ihrer Häuser im Ruedertal war ich. Eine dieser Frauen hat mir vor diesem Gottesdienst gesagt: "Die Journalisten wollen uns Frommen doch nur in die Pfanne hauen".

Die Gemeindearbeit wurde später wirklich beendet. Doch die Kapelle steht immer noch. Sie ist auch noch mit "Evangelisch-methodistische Kirche" angeschrieben. Gekauft hat sie ein Harmonium-Liebhaber. Er wollte zuerst nur die drei Harmonien erstehen, die dort herumstanden. Doch dann entschloss er sich, hier ein Harmonium-Museum einzurichten, und kaufte das Haus gleich mit. Ob es das Museum wirklich auch gegeben hat, weiss ich nicht. Viel mit dem Haus anfangen konnte er nicht. Es steht ausserhalb der Bauzone. Abreissen kommt nicht in Frage. Seit meinem letzten Besuch vor einigen Jahren wurde die Eingangspartie neu gestrichen. Sonst sieht es noch so aus wie damals, vor 30 Jahren. An manchen Orten bleibt die Zeit halt stehen. Fast könnte man hier auf den Flugsaurier warten. Oder auf die Auferstehung.

Jörg Niederer

Dienstag, 24. März 2026

Schlammbach im Luzernischen

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Altes Gemäuer im Zentrum der Gemeinde Schlierbach, Kanton Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Cool, der nächste Bus kommt in 2 Stunden!"

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Schlierbach, Kanton Luzern grenzt an Schmiedrued, Kanton Aargau. In Schmiedrued war ich einst als Pfarrer tätig. Schlierbach war mir dennoch bis vor drei Tagen absolut unbekannt. Heute werde ich von hier aus auf meiner Kapellentour weiterwandern. Das geht, weil das Postauto den kleinen Ort auf dem Hügelzug östlich des Surentals (erst!) seit dem Jahr 1979 erschliesst. Sehenswürdigkeiten gibt es da nicht gerade viele. Da wäre die Sägerei und eine in römische Zeit datierende Fundstelle. Das wäre es dann auch schon gewesen. Was es mit dem alten Gemäuer auf dem Foto auf sich hat, es steht im Zentrum des Dorfs, habe ich nicht herausgefunden. Ein Schulhaus gibt es seit 1809. Die Gemeinde selbst besteht erst seit 1844. Damals wurden die Orte Schlierbach, Etzelwil und Wetzwil zur Gemeinde Schlierbach zusammengefasst. Telefonieren kann man in Schlierbach seit 1907, mit Elektrizität erschlossen ist der Ort seit 1912. Es gibt auch ein Restaurant mit prächtiger Aussicht.

Solche Orte wie Schlierbach finden sich einige in der Schweiz. Orte, die für die Menschen, die dort leben, von Bedeutung sind. Alle anderen fragen sich, wie man an so einem Ort überhaupt lange bleiben kann. Wenigstens hat es einen Volg-Einkaufsladen. Neben seiner auffälligen Front muss man den Zugang zur Gemeindeverwaltung, sie befindet sich im selben Gebäude, richtiggehend suchen.

Für Wandernde wichtig: Sind das Gemeindehaus und das Restaurant zu, sieht es schlecht aus mit öffentlichen Toiletten. Warum ich das weiss? Dreimal darfst du raten.

Der frühere Schlierbach heisst heute Weierbach und fliesst im Risitobel ums Dorf herum. Schlierbach bedeutet: "Schlammbach". Das Dorf erbte später diesen etwas unvorteilhaften Namen. Auch das ist irgendwie überraschend.

Jörg Niederer


Montag, 23. März 2026

Schlechtes für Gutes

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Der unverlangt zugesandte, 85 Gramm schwere, aus Kunststoff bestehende Multifunktionsöffner, der mich zum Spenden motivieren soll.
Foto © Jörg Niederer
"Wenigstens unser Plastikmüll reist auch dieses Jahr wieder ans Meer!" Aurel Mertz (*1989)

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Ich habe mir eine Woche Bedenkzeit genommen um abzuklären, ob ich diesen Blogbeitrag schreiben will. Denn ich finde es wichtig, was ZEWO-zertifizierte Vereine und Verbände wie der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) für Menschen tun, die Hilfe benötigen. Das gilt erst recht, da ich selbst eine fast blinde Mutter habe.

Doch was ich auf den Tod nicht ausstehen kann, ist, wenn mir mit der Spendenaufforderung irgendwelches Zeugs zugesandt wird, das ich gar nicht brauche. Und da hat der SBV mit der letzten Aussendung den Vogel abgeschossen.

Im Couvert befand sich der auf dem Foto zu sehende "praktische Multifunktionsöffner". 85 Gramm nicht genauer deklarierten Kunststoffs.

Da versuche ich im Alltag möglichst auf Kunststoffverpackungen zu verzichten, habe immer eine Tasche dabei, damit ich nicht jedes Mal im Laden einen neuen Plastikbeutel nehmen muss, verzichte weitgehend auf Autofahrten wegen des dadurch anfallenden Mikroplastiks von den Autoreifen (und auch wegen des CO2-Ausstosses), und dann dies! Vielleicht ist dieses Ding praktisch, aber ich brauche es einfach nicht und ich möchte es auch nicht zugesandt erhalten.

Wenn ich mir vorstelle, dass dieser Multifunktionsöffner vielleicht an 100'000 Adressen versandt wurde (vermutlich sind es aber noch weit mehr), dann sind das 8,5 Tonnen Kunststoff, produziert wohl irgendwo in China. Wenn ich annehme, dass mehr als die Hälfte der Haushalte, die das Ding zugesandt bekommen haben, damit nichts anfangen können, dann wurden wohl 5 Tonnen Kunststoff für die Müllhalde produziert. Weiter gehe ich nicht davon aus, dass dieses Teil, wenn es von mir auf eigene Kosten zum SVB zurückgesandt wird, dort in anderem Zusammenhang verwendet werden kann. Solche Restbestände wandern früher oder später auch in den Abfall.

Weiter mag ich es gar nicht, dass man mich mit solchen Geschenken zu ködern versucht. "Die haben mir etwas geschenkt, dann muss ich doch auch etwas spenden." Wie gesagt, diese Praxis verfolgt nicht nur der BVB, sondern unzählige Verbände und Organisationen. Aber das Zugesandte mag noch so nützlich sein, ich möchte es nicht und brauche es meist auch nicht. Was nützen mir 300 Kugelschreiber, die austrocknen, während ich den einen zum Schreiben verwende? Auch Schlüsselanhänger habe ich schon genug, und seien sie noch so schillernd. Post-It-Blöckchen reichen mir für den Rest meines Lebens, genauso wie die Glückwunsch- und Trauerkarten mit Couverts.

Ab sofort werde ich keiner Spendenaufforderung mehr nachkommen, die begleitet wird von irgend einem unverlangt zugesandten materiellen Geschenk. Ich mache bei diesem üblen, Ressourcen verschwendenden Spiel nicht mehr mit.

Und nun die Frage an euch: Wie habt ihr es so mit den Bettelbriefen und diesen "Geschenken"?

Jörg Niederer

Sonntag, 22. März 2026

Der Buchstabe des Gesetzes

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Die Pfarrkirche Bruder Klaus in Emmenbrücke gleicht in ihrer Formgebung mitunter der Silhouette des Luzerner Hausbergs Pilatus.
Foto © Jörg Niederer
"Jetzt aber sind wir frei geworden vom Gesetz, dem gestorben, woran wir gebunden waren, sodass wir in der neuen Wirklichkeit des Geistes dienen, nicht mehr in der alten Wirklichkeit des Buchstabens." (Bibel, Römer 7,6)

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Zum Foto: Die Pfarreikirche Bruder Klaus in Emmenbrücke ist als schützenswert eingestuft. Der Baustil folgt der Formensprache des Dekonstruktivismus. Architekt Hans Zwimpfer (1930-2017) schuf mit Hilfe von gefalteten Dachelementen auf Stahlstützen einen Bau, der in seinen Formen mitunter an die Silhouette des Luzerner Hausbergs Pilatus erinnert.

Zum Bibelvers: Wenn ich hier das Wort "Buchstabe" – auf griechisch "gramma" – lese, erinnere ich mich daran, wie schwer ich mich früher in der Schule mit der Grammatik, mit den Regeln und Geboten der Sprache getan habe. Zwar erschlossen mir die Buchstaben die Welt der Literatur, doch zugleich zwängten sie mich ein in das Korsett von Rechtschreibung, Syntax und Sprachlehre.

Diese doppelte – negative und positive – Erfahrung ist auch dem Gesetz eigen. Gedacht, um das Leben der Menschen miteinander zu ermöglichen, wurde es zu einer einengenden, beschneidenden Instanz. Einleuchtendes wurde zur Pflicht gemacht.

Peter Bichsel beschreibt in einer Kolumne, wie er enttäuscht war darüber, dass in den USA der selbstverständliche Umgang mit Behinderten begründet wurde mit der Aussage: "Es ist Gesetz". Das Gute kann doch nicht befohlen werden. Das Gute ist nur gut, wenn der Geist uns dazu anleitet.

Heinrich Böll erzählt in der Geschichte "Mein trauriges Gesicht", wie ein Mann, der betrübt in die Welt blickte, verhaftet wurde. Auf die Frage, was er verbrochen habe, wurde ihm geantwortet: "Es gibt ein Gesetz, das verlangt, dass sie glücklich zu sein haben". Bei der Einvernahme stellt sich der Verhaftete als Vorbestrafter heraus, der nach fünfjähriger Haft gerade entlassen worden war. Gefragt nach seinem damaligen Delikt antwortete er: "Glückliches Gesicht". Das war in einer Zeit, als per Gesetz Trauer befohlen gewesen war. (Heinrich Böll, Romane und Erzählungen 1, 1947-1951, Köln S. 269-275)

Es ist schon so: Der Buchstabe des Gesetzes steht nicht im Alphabet. Schon gar nichts zu tun hat er mit der frohen, geistgewirkten Botschaft der Bibel.

Jörg Niederer

Samstag, 21. März 2026

Caribbean Village in 6207

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Ein Gebäude des Caribbean Village direkt an der Bahnlinie in Nottwil leuchtet unwirklich farbig über dem Thujahag.
Foto © Jörg Niederer
"Der Zustand der gesamten menschlichen Moral lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: We ought to. But we don't." Kurt Tucholsky (1890-1935)

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Postleitzahl 6207. Diese Zahl ist vielen auf Rollstühle angewiesenen Menschen gut bekannt. Hier in 6207 Nottwil befindet sich das Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Gestern kam ich auf einer Überführungsetappe der Kapellentour daran vorbei. Zuvor viel mir aber dieses bunte Haus auf, das direkt an der Bahnlinie über die Thujahecke hervorlugt. Es gehört zum Caribbean Village. Das scheint ein beliebte Ausgehmeile am Sempachersee zu sein. Noch ist dort für 6 Tage Winterpause. Durchgehend rollstuhlgängig scheint das Caribbean Village nicht zu sein. Und das an einem Ort, an dem das Rollstuhlaufkommen schweizweit sehr hoch (wenn nicht am Höchsten) ist.

Jörg Niederer

Freitag, 20. März 2026

Der Schatten der Platane

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Eine Platane wirft ihren Schatten auf den Autoparkplatz des Denners in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Der morgendliche Auto-Stau: Man muss immer früher starten, um zu spät zu kommen!" Willy Meurer (1934 - 2018)

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Jahr für Jahr werden sie bis auf die Stümpfe zurechtgestutzt: die Platanen. Nur wenige Jahrestriebe lässt man ihnen. So entstehen diese an die Arme der Oktopusse erinnernden Schattengebilde. Erstaunlich, dass die Bäume das mit sich machen lassen.

Mir wäre es lieber, man würde den motorisierten Individualverkehr, diese Flut an Privatautos, zusammenstutzen, statt diese armen Bäume. Das Leben wäre ruhiger, sicherer, natürlicher. Aktuell wäre die perfekte Gelegenheit bei der massiven kriegsbedingten Ölknappheit, statt über die steigenden Benzinpreise zu lamentieren, Entscheide zu treffen, durch die Autofahren unattraktiver gemacht wird.

Ja, ich gebe es zu: Jeder Autostau freut mich. Man sollte sie künstlich herbeiführen. Ich bin ein Autohasser. Ich glaube, es gibt Schlimmeres. Etwa extrem zurechtgestutzte Platanen auf einem Autoparkplatz.

Jörg Niederer

Donnerstag, 19. März 2026

Kanzellandschaften

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Hinter Kanzeln finden sich oft, verborgen vor den meisten Gottesdienstbesuchenden, ungeahnte Schätze.
Foto © Jörg Niederer
"Es dreht sich alles um Lirum, Larum, / um Lirum, Larum Löffelstiel, / Alles in allem, es war nicht viel." Theodor Fontane (1819-1898)

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Der März ist mein Predigtmonat. An jedem Sonntag bin ich in einer anderen Gemeinde, um dort die Verkündigung mitzugestalten. Da komme ich also auf so manche Kanzel und erblicke, was den meisten Gottesdienstbesuchenden verborgen bleibt. Das, was sich so auf Kanzeln sammelt. Was abgesehen von den Rednerpulten, die keinen Stauraum aufweisen, fast überall zu finden ist: Ein Gesangbuch, eine Bibel, oder auch mal zwei. Ebenfalls ausgesprochen häufig liegen da Streichhölzer. Weiter finden sich Zettel mit Gottesdienstabläufen oder Mitteilungen früherer Sonntage. Je nach Kinderschaar im Gottesdienst kann es auch schon einmal zerknülltes und bemaltes Papiere oder angelutschte Bonbons haben, sind doch Kanzeln ausserhalb der Gottesdienstzeit willkommene Verstecke für die Kleinen. Das heisst aber nicht, dass ich dort je einmal ein beim Versteckspiel vergessenes Kind gefunden hätte. Gelegentlich steht da auch ein Glas mit abgestandenem Wasser, oder es finden sich gebrauchte und ungebrauchte Masken aus der Coronazeit. Auch Technisches ist hier verborgen. Die Schalter für die Lichtorgel oder fürs antiquierte Mikrofon, beziehungsweise die Schalthebel für die Hörschlaufe. Eher ungewohnt in evangelischen Kirchen sind die Räucherutensilien, der Weihrauch, die entsprechenden Gefässe, die Ikone. Doch auch das kann es geben, wenn im Raum eine orthodoxe Migrationsgemeinde eingemietet ist. Auch schon finden kann man Couverts mit Geld. Dabei handelt es sich meist nicht um Bestechungsgelder für kürzere Predigten, sondern um die versprochene Gage der Sonntagsrednerin oder des Sonntagsredners. Mögliche Kollektendiebe tun daher gut daran, auch auf den Kanzeln nach Devisen zu suchen. Sie müssen ja die dazugehörige Quittung nicht unterschreiben.

Faszinierend sind auch die Sitzmöglichkeiten und die je nach dem gestaltete Barrierefreiheit. Ich bin in meinen 40 Jahren Verkündigungsdienst in Kirchen mehr als einmal, statt würdevoll die Kanzel zu besteigen, dort hinaufgestolpert. Gelegentlich steht dann der Thron des Predigers mit den hinteren beiden Stuhlbeinen haarscharf am Rand des mehr oder weniger hohen Podest, was das unerwartet hohe Unfallrisiko von Pfarrpersonen erklärt. Der Heilige Gral, wie er auf dem Foto dieser Kanzelrückseite zu entdecken ist, gehört schon eher zu den Ausnahmen bei den Kanzelausstattungen. Auch Wein habe ich in den meist abstinenten Methodistenkirchen noch nie gefunden. Anders bei angebrochener Schokolade oder Pralinen. Die nehme ich dann jeweils mit. Ich will ja nicht, dass sie dort zu schmelzen beginnt, wie die Gefühle der Kanzelschwalbe bei der Ansprache.

Kanzellandschaften haben also, wie man so sieht, einiges zu bieten. Schaut doch mal bei euch im Gottesdienstraum nach, was ihr dort an Verschollenem und Brauchbarem entdecken könnt!

Jörg Niederer

Mittwoch, 18. März 2026

Predigtplatz im Nirgendwo

Ein Zitat

In einem unscheinbaren Wohnhaus in der Agglomeration von Luzern befand sich einst ein methodistischer Predigtplatz.
Foto © Jörg Niederer
"Mir ist es nur selten gelungen eine Gelegenheit wahrzunehmen, bevor es keine mehr war." Mark Twain (1835-1910)

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Ein Wohnhaus, wie es viele gibt. Auf zwei Stockwerken vier Wohnungen. Der Ort, irgendwo im weiteren Umfeld der Stadt Luzern. Hier stehen nur noch wenige ältere Häuser, wie dieses. Rundherum sind markante Wohnüberbauungen entstanden. Der Dorfkern ist nicht fern. Ein Coop, einige kleinere Läden, ein Bistro, eine Baustelle, nichts besonderes.

In diesem Wohnhaus in einer der Wohnungen befand sich einst ein Predigtplatz der Evangelisch-methodistischen Kirche. Den Raum zur Verfügung gestellt hatten Privatpersonen. Das ist, wie auch die Arbeit in Luzern (Siehe Beitrag vom 12. März 2026), längst Geschichte.

Dass es wirklich auch so war, davon kann man in Verzeichnissen älterer Konferenzverhandlungen lesen. Die so genannten "Jährlichen Konferenzen" findet bis heute jährlich einmal während 3-4 Tagen statt. Dann wird auch Buch geführt, eine Statistik der Mitglieder erhoben und die Wirkorte festgehalten. Auf dem Arbeitsfeld Luzern gab es im Jahr 1981 nebst der Kapelle in Luzern noch vier weitere Orte des Wirkens. Weitherum in der Schweiz traf man sich in Schulhäusern, auch Gemeindehäusern, in Hotels und Restaurants, in Altersheimen, in Fabriken und Verwaltungszentren und eben auch in Privathäusern. Nach und nach sind diese "Aussenstationen" verschwunden. Die Zeiten haben sich geändert. Es geht nicht mehr darum, in jedem grösseren Dorf eine kleine Glaubensgemeinschaft zu unterhalten. Kräfte werden gebündelt, die Kirche konzentriert sich auf wenige zentrale Standorte. Die Mobilität macht es möglich. Nicht mehr der Prediger, die Predigerin reisen zu den Gläubigen. Es sind die Gläubigen, die zu den Kapellen reisen, auch einmal 50 Kilometer, mit dem Privatauto oder dem öffentlichen Verkehr.

Geblieben sind mancherorts die Hauskreise. Diese finden immer noch in Privaträumen statt. Da treffen sich 5-10 Menschen zu Gesprächen über Texte der Bibel, über Kirche und Gesellschaft. Dazu braucht es selten eine Pfarrperson. Selbst ist heute die Christin, der Christ. Gut so.

Wie es weitergehen wird mit den Kirchen, mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz, wir werden es sehen. Leicht haben sie es nicht mehr.

Jörg Niederer

Dienstag, 17. März 2026

Street Art

Ein Zitat

Mit wenigen Kreidestrichen wurden aus den Kaugummispuren am Aufgang zum Bahnsteig 2 und 3 in Frauenfeld Karotten.
Foto © Jörg Niederer
"Zufriedenheit ist der Stein der Weisen, der alles in Gold verwandelt das er berührt." Benjamin Franklin (1706-1790)

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Die Kaugummispuren am Boden von Bahnhöfen sind eine Plage. Solange sie frisch sind, klebt man an ihnen fest. Alt geworden sehen sie scheusslich aus und sind nur mit hohem Reinigungsaufwand wieder loszuwerden.

So ist es auch am Bahnhof Frauenfeld, da wo man die Rampe hoch aufs Perron 2 und 3 geht. Einige der Kaugummiflecken sind tropfenförmig in die Länge gezogen, nachdem Personen auf sie draufgestanden sind, so dass die Masse in Gehrichtung gedehnt wurde.

Doch gestern entdeckte ich, dass da jemand kreativ geworden war. Mit wenigen Strichen und lediglich einer grünen Kreide hatte sie oder er aus den schwarzen Verschmutzungen Karotten gezaubert. So sieht Street Art und Verwandlung aus, im wahrsten Sinn des Wortes.

Jörg Niederer

Montag, 16. März 2026

Selbstironie vom Feinsten

Ein Zitat

Der fette Frosch auf dem Fröschenbrunnen an der Ecke Eugen-Huber-Strasse/Friedhofstrasse in Zürich-Altstetten erinnert an alte Zeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Man muss viele Frösche küssen, bis man einen Prinzen findet." Sprichwort

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Was für ein fetter Poser von einem Frosch! Dieser an eine Karikatur erinnernde Quaker steht für die Einwohner:innen von Zürich-Altstetten. Einst nannte man sie liebevoll (!) "Frösche", weil sie zwischen der Limmat und dem Ried von Albisrieden siedelten. Auf dem Kartenausschnitt von Swisstopo aus dem Jahr 1885 sind die Sumpfgebiete nördlich und südlich von Altstetten gut zu erkennen.

Ausschnitt aus der Swisstopo-Karte von 1885.
© Data: swisstopo
Der Bronzefrosch (hier ein Foto von 1934) wurde vom Zürcher Künstler Salvatore Francesco Romerio erstellt. Pikantes Detail: In Auftrag gegeben wurde die Arbeit 1933 vom letzten Gemeinderat von Altstetten anlässlich der Eingemeindung in die Stadt Zürich. 

Das nenne ich mal Selbstironie vom Feinsten. In Altstetten kann man über sich selbst lachen. Was einst als Spotbezeichnung der Dorfnachbarn gemeint war, wurde für die Altstetter:innen zu einer stolzen Selbstbezeichnung. Solche Umdeutungen im Verlauf eines Emanzipations- und Widerstandsprozesses nennt man neudeutsch "Reclaiming".

2014 wurde diese Bronzefigur doch tatsächlich entwendet. Das empfand man in Altstetten. Die "Frösche" brauchten wieder ihre identitätstiftende Brunnenfigur. Und so wurde 2016 eine originalgetreue Kopie vom Bronzefrosch an Ort und Stelle aufgestellt.

Entdeckt habe ich den Brunnen gestern, als ich in der Methodistenkirche Altstetten predigen durfte.

Auch die Methodist:innen kennen sich aus mit dem sogenannten Reclaiming. Was eins eine Spottbezeichnung der andern war, ist längst zu einer stolzen Selbstbezeichnung einer weltweiten Kirche geworden. Einige Mitglieder dieser Kirche haben sich gleich doppelt ironisch zurechtgefunden. Sie sind Frösche und Methodist:innen zugleich. Gut, dass es solche Menschen gibt.

Jörg Niederer 

Sonntag, 15. März 2026

Verdienstvoll verdienstlos

Ein Zitat

In der Kirche St. Karl in Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Denn der Lohn der Sünde ist der Tod. Aber die Gnade, die Gott uns gewährt, ist das ewige Leben. Denn wir gehören zu Christus Jesus, unserem Herrn." Bibel: Römer 6,23

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Zum Foto: Das Foto zeigt den Innenraum der Römisch-katholischen Kirche St. Karl in Luzern. Sie ist nach Karl Borromäus (1538–1584) benannt. Fritz Menger (1898-1973) hat sie entworfen. Erbaut wurde sie von 1932-1934 als die erste Beton-Kirche der Innerschweiz. Sie wird in der Liste der Kulturgüter in Luzern als von nationaler Bedeutung geführt. Die Entwürfe der Fresken und Fenster in der Oberkirche stammen von Hans Stocker (1896-1983). Der Kirchenraum fasst 900 Personen.

Zum Bibel-Zitat: Als ob man den Tod erwerben müsste. Als ob er etwas Verdienstvolles wäre. Dabei ist nichts so sicher wie der Tod. Er ist unabdingbarer Bestandteil jeder menschlichen Biographie. Nach den Aussagen von Paulus (Römer 6,12-23) haben wir Menschen den Tod verdient. Verdient durch unsere Sünden. Wenn der Tod aber den Sünder und nicht die Sünde trifft, dann bedeutet das doch, dass sich Sünder und Sünde, Mensch und Tat nicht trennen lassen. Dass Aussagen wie: "Gott hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder" falsch sind. Emil Brunner hat recht, wenn er schreibt: "Nicht bloss, wie wir uns gern einreden, 'das Sündige an uns', nein, der ganze Mensch muss in den Tod hinein. Sünde und Sünder sind nicht zu trennen." (Emil Brunner, das Gebot und die Ordnungen, Zürich 1978, Seite 157).

Wie wenn man sich das Leben verdienen könnte. Wie wenn wir des eigenen Glückes Schmied währen. Dabei ist nichts so unverdient wie das Leben. Oder kannst du gewisse Verdienste oder Versäumnisse ausweisen, die dazu geführt haben, dass du lebst, dass du reich oder arm geboren wurdest, dass du gesund oder versehrt zur Welt gekommen bist? Gewiss können wir das Beste aus einem geschenkten Leben machen. Besonders verdienstvoll ist das aber nicht. Denn letztlich sind wir uns selbst zum Leben geschenkt.

Jörg Niederer

Samstag, 14. März 2026

Namensgebung

Ein Zitat

Eine weisse Krokusblüte in einem Garten in Rothenburg.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn man erst einmal einen Namen hat, ist es ganz egal, wie man heisst." Spontispruch

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Auf Griechisch wird Safran "Krokos" genannt. Da der Safran in Form von Fäden im Innern der Krokusblüte wächst, ist damit schon alles gesagt.

Der weisse Krokus steht in der Symbolik für Reinheit, Frieden und Neuanfang. Das passt irgendwie nicht zu Hardrock. Und doch hatte sich einst Chris von Rohr für seine Band den Namen Krokus ausgesucht. Bei einem Spaziergang am Weissenstein bei Solothurn sei ihm diese durch den Schnee lugende Blume aufgefallen. Das habe dem Musiker gefallen und ihn an eine andere Solothurner Band mit Namen Kaktus erinnert. Mit Rock hat der Name der Blume auch noch ein wenig zu tun, enthält das Wort Krokus doch die Buchstabenfolge "rok".

So banal kann die Namensgebung sein. Umso faszinierender ist die Blume selbst. Und wer es lieber etwas weniger lieblich mag: Krokus live interpretiert den Song "Screaming In the Night".

Jörg Niederer

Freitag, 13. März 2026

Der Storch und die Kinder

Ein Zitat

Ein Storch sitzt während der grossen Pause beim Schulhaus Gerbematt in Rothenburg auf dem Kandelaber und schaut aus etwa 5 Metern auf die lärmenden und spielenden Kinder herunter.
Foto © Jörg Niederer
"Doch wer fasst in jungen Jahren / Die Gelegenheit bei Haaren? / Wann die Locken hingefahren, / Wird's der Kahlkopf erst gewahren." Friedrich Rückert (1788-1866)

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Bringt der Storch die Kinder? Natürlich nicht. Mag der Storch menschliche Kinder? Ich weiss es nicht. Jedenfalls setzte sich ein Storch just in der grossen Pause auf einen Scheinwerfermast direkt über dem Schulhausplatz Gerbematt in Rothenburg und beobachtete das quirlige, lärmende Treiben etwa fünf Metern weiter unten. Wohl gefühlt tausend Primarschüler:innen vergnügten sich bei diesem und dem benachbarten Schulhaus Lindau auf den für die Kinder vorgesehen Plätzen und auch da, wo sie nicht hätten sein sollen. Der Storch blieb davon unbeeindruckt. Interessiert schaute er auf diese Treiben hinunter. Was dachte er sich wohl dabei? Unten nahmen die meisten Kinder von Meister Adebar keine Notiz. Wer schaut auch schon zum Himmel, wenn es auf der Erde so viel zu entdecken und zu spielen gibt.

Auch meine neugierigen Blicke und die Kamera brachten den grossen Vogel nicht aus der Ruhe. Nett lächelte und posierte er einem Fashion Model gleich. Doch dann kam er (oder sie!): der zweiter Storch. Elegant flog er eine Runde über dem Pausenplatz. Als hätte er nur darauf gewartet erhob sich auch der andere in die Luft, und gemeinsam segelten sie von dannen. Zurück blieben die tobenden Kinder. Nur wenige von ihnen schauten wie ich den beiden Vögeln nach, bis sie hinter den nahen Wohnblocks verschwunden waren.

Bringt der Storch die Kinder? Ich würde sagen: Die eigenen schon.

Jörg Niederer

Donnerstag, 12. März 2026

Freikirche in der Innerschweiz

Ein Zitat

Jörg Niederer steht vor der Kapelle der einstigen Evangelisch-methodistischen Kirche Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man lässt." Odo Marquard (1928-2015)

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Sie ist wohl eine der markantesten methodistischen Kapellen in der Schweiz mit ihrem Turm und den auffälligen Eingängen. In der Ecke eines im Quadrat um einen Innenhof angeordneten Gebäudekomplexes fällt das über 100-jährige Gebäude gegenüber dem neuen Glashochhaus der Luzerner Polizei auf. Im mit "Evangelisch-methodistische Kirche" (EMK) beschriften Gebäude befinden sich nebst den Kirchenräumen acht Wohnungen und das Büro der Pfarrperson. Doch die Gemeinde, die dort seit 2008 ihre Gottesdienste feiert, gehört nicht zur Methodistenkirche. Die "International Church of Luzern" hat ihre Ursprünge bei den Batisten. Die Methodistenkirche stellte die Arbeit in Luzern 2008 offiziell ein. Das Gebäude ist immer noch im Besitz der schweizerischen Methodistenkirche und steht in einer attraktiven, leicht zu vermietenden, ruhigen Wohnlage, in Gehdistanz zur prächtigen Altstadt.

Zur Zeit, als ich meine ersten Pfarrstelle in Huttwil angetreten hatte, traf man sich als Gemeinde so ein-, zweimal pro Jahr mit den Luzerner Methodist:innen. Der Pfarrer, der damals dort wirkte, war einst mein allererster Religionslehrer. Das war zu einer Zeit, als er so etwas wie Testpfarrer in Zofingen war. "Praktikum" wurde diese Zeit genannt. Ich war als Viertklässler fasziniert von dem, was er erzählte. Auch später wieder, als wir uns ab und zu in Luzern trafen, habe ich ihn in seiner direkten, freundlichen und bestimmten Art geschätzt. Vor wenigen Tagen ist er nun verstorben.

Luzern ist eine weitere Station auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft. Meine Kapellentour macht hier eine 180° Wende. Methodist:innen in der Innerschweiz sind nicht erst rar, seit es die Gemeinde in Luzern nicht mehr gibt. Auch zuvor konnte die EMK in diesem streng katholischen Kerngebiet nicht leicht Fuss fassen. Das hat wohl auch etwas damit zu tun, dass man, anders als andere Freikirchen, sich nicht scharf vom Katholizismus abgrenzte und distanzierte. Vielmehr versuchte man einen partnerschaftlichen Umgang mit anderen Konfessionen zu pflegen, und hat eine gewisse Hemmung, in scharfe Konkurrenz zu diesen zu treten.

In Luzern übrigens fällt man nicht auf, wenn man mit umgehängter Kamera durch die Innenstadt zieht. Hier knippst die ganze Welt all die Sehenswürdigkeiten in der quirligen innerschweizer Metropole am Vierwaldstättersee weg. Hier läuft man eher in Gefahr, den "Einheimischen" als Tourist auf den Geist zu gehen. Es droht Overtourismus.

Jörg Niederer

Mittwoch, 11. März 2026

Stern am Waldboden

Ein Zitat

Der Zweiblättrige Blaustern blüht unweit vom Hallstattgrab auf dem Sonnenberg im lichten Wald.
Foto © Jörg Niederer
"Selbst der strengste Winter hat Angst vor dem Frühling." Sprichwort aus Finnland

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Der Zweiblättrige Blaustern blüht noch etwas früher als die Veilchen. In Auenwäldern kann er grosse blaue Teppiche bilden. Unweit vom Hallstattgrab (Siehe Beitrag von gestern!) bei Reinach blüht er nur in wenigen Exemplaren. Gepflückt werden sollte er auf keinen Fall, auch nicht für kleine Sträusse. Erstens ist er giftig und kann bei Hautkontakt allergische Reaktionen auslösen. Zweitens ist er geschützt, in manchen Kantonen sogar streng geschützt.

Wie andere Frühblüher ist er mit einer Zwiebel versehen. Für die eigene Verbreitung sorgt er mittels eines Tricks. Er produziert Ameisennahrung. Die Ameisen kommen und holen sich die Leckerbissen. Dabei transportieren sie gleich auch noch die Samen an andere Orte. Eine Win-Win-Situation. Ameisen haben so früh im Jahr etwas zu knabbern, und die Blausterne erschliessen sich neue Wirk- und Wachstumsstätten. Die Dritten, die etwas davon haben, sind all jede, welche sich an der Schönheit des Zweiblättrigen Blausterns erfreuen können.

Jörg Niederer

Dienstag, 10. März 2026

Hallstatt im Wynental

Ein Zitat

Das Hallstattgrab auf dem Sonnenberg bei Reinach ist leicht auffindbar und doch für viele unbekannt.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

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Da, wo ich wohne, gehe ich selten in Museen. Warum eigentlich? Auf der ganzen Welt habe ich Sehenswürdigkeiten besucht, aber da, wo ich lebe, ist es, als gäbe es diese Möglichkeiten nicht.

Auch im aargauischen Reinach, wo ich vor 3 Jahrzehnten wohnte, habe ich die Museen nie besucht. Sonst hätte ich wohl früher von den Hallstattgräbern auf dem Sonnenberg erfahren. Den einen Grabhügel findet man leicht, ist er doch in den Karten verzeichnet und auch entsprechend ausgeschildert. Der zweite Tumulus ist jedoch vom Wald überwuchert und wohl nur für Insider:innen auffindbar.

Die Hallstattzeit markiert den Beginn der Eisenzeit. Sie dauerte von 800 bis 450 vor Christus, und wird von der Latènezeit abgelöst. Bei den Menschen, die in dieser Zeit von Ungarn bis Frankreich siedelten, geht man von Kelten aus. Denn anders als viele vermuten, finden sich die ersten keltischen Funde in Hallstatt, und nicht etwa im heutigen Gebiet Grossbritanniens. Mit 1200 v. Chr. datieren sie aber viel früher als die Hallstattzeit.

In der Hallstattzeit bildeten sich hierarchische Strukturen heraus. Es gibt prunkvolle Hügelgräber, in denen bedeutende Personen mit Wagen, Schwert, Dolch oder Streitaxt beigesetzt wurden. Kleinere Grabhügel wie die vom Sonnenberg oder auch vom grossen Hallstatt-Gräberfeld von Unterlunkhofen enthalten Urnen oder auch Gebeine von einem oder mehreren Verstorbenen, sowie Keramik und weitere Artefakte wie Fibeln, Schmuck und Waffen.

Von Hallstatt aus wurde in jener Zeit mit dem Salzabbau neue Handelswege erschlossen. Das belegen Fundgegenstände aus dem Mittelmeerraum und aus dem östlichen Europa.

Es waren also bewegte Zeiten, damals, als der Grabhügel etwas abseits von der nie gefundenen Siedlung der bestatteten Menschen zuoberst auf den Sonnenberg angelegt wurde. Wer damals am selben Ort lebte, wie ich Jahrhunderte später, weiss man nicht. Namen sind nicht überliefert. Aber wer sich so ein Grab leisten konnte, musste etwa Besseres gewesen sein. Vielleicht der damalige Stumpenkönig vom Hallstatt-Stumpenland im Oberen Wynental.

Jörg Niederer


Montag, 9. März 2026

Veränderung

Ein Zitat

Jörg Niederer einmal neben der ehemaligen Evangelisch-methodistischen Kirche. Oben: Stirnseite des Gebäudes. Unten: Südseite des Gebäudes.
Foto © Jörg Niederer
"Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt." Mahatma Gandhi (1869-1948)

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Vom Ende der Evangelisch-methodistischen Kirche im Wynental habe ich an anderem Ort schon geschrieben (Siehe Beitrag vom 28. Februar 2026). Zwischenzeitlich ist dir Reise weitergegangen. Auf der Kapellentour bin ich auch bei der ehemaligen Kapelle in Reinach vorbeigekommen. Ein hübsches dreistöckiges Gebäude mit einem Türmchen an der Seite. An diesem Ort haben wir sieben Jahre lang gewohnt. Das war eine gute Zeit. Die Kinder waren klein. Die Gemeinde lebendig. Der Freundschaften gab es viele. In den 26 Jahren seit unserem Wegzug hat sich viel verändert. Manches zum Guten. So etwas das Trottoir entlang der Alten Strasse, oder die Migros in Sichtdistanz. Anderes ist verschwunden. Gerade wird da, wo einst ein Nachbar sein Anwesen sorgfältig pflegte und der Schäferhund seine Zeit im Garten in einem Zwinger verbrachte, in einer grossen Baugrube gearbeitet. Entlang der Strasse sind viele alte Liegenschaften neuen Mehrfamilienhäusern gewichen. Kleine Länden sind verschwunden. In den meisten wird heute frisierst und Haare geschnitten. Auch der Dorfmetzger neben der Kirche ist nicht mehr. Eines der alten Häuser, die noch stehen, ist sein Wohnhaus.

Überraschend, dass es die einstige Kapelle noch gibt. Sie ist schon viele Jahr eine Kita. Im Haus wohnen immer noch Menschen. Der grosse Balkon über dem ehemaligen Gemeinderaum wurde aufgestockt, so dass nun auch die Mieter im 2. Stockwerk etwas davon haben. Auch noch da ist der Bauernhof, der zu unserer Zeit noch in Betrieb war, auch wenn er mitten im Dorf stand. Dort besuchten unsere Söhne gerne die Kühe, was sich dann auch geruchsweise in unserer Wohnung bemerkbar machte. Hier neben der Kapelle schoss ein Nachbar eines Nachts mit der Kalaschnikow, bestückt mit Nachtsicht-Zielgerät, in die Luft. Und direkt daneben in unserem Gemüsegarten labten sich eines Tages die Schafe des Nachbarn an unserem Salat. Da gab es Wasserschlachten mit der ganzen Familie und ich schaufelte im Schweisse meines Angesichts den Kompost um. Bei mehreren Überschwemmungen der Wyna, sie fliesst bei der Kapelle direkt entlang der Alten Strasse, drang auch Wasser in die unteren Kirchenräume. Im Gemeindesaal gab es spezielle Gottesdienste. So hatten wir einmal lebende Echsen und Schlangen im Gottesdienst, und regelmässig gab es Klassik-Konzerte und Kinderwochen.

Wie wir nun am Samstag also dort vorbeiwanderten, wurde uns bewusst, dass nichts bleibt, wie es ist. Alles verändert sich.

Wie ertrage ich den Wandel der Zeit? Darüber denke ich heute nach. Wie geht es dir, wenn du nach vielen Jahren wieder einmal einen früheren Wohnort besuchst?

Jörg Niederer 

Sonntag, 8. März 2026

Ausgangsort der Hoffnung

Ein Zitat

Passionszeit in der Kirche Schwarzenbach LU bei Beromünster
Foto © Jörg Niederer
"Durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen gerieten alle in die Gewalt der Sünde. Ebenso werden auch durch den Gehorsam eines Einzigen alle vor Gott gerecht sein." Bibel: Römer 5,19

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Niemand ist für sich allein schuldig. Das Unrecht ist immer kollektiv. Im besten Fall betrifft unser Versagen die nächste Umgebung, im schlimmsten Fall die ganze Welt. Vielleicht kennst du den Kinderreim "Joggeli söll ga Birli schüttle". Weil Joggeli die Birnen nicht schütteln will, werden der Reihe nach Hund Stock, Feuer Wasser Kalb und Metzger ausgesandt. Doch alle lassen sich vom Ungehorsam Joggelis anstecken. erst als der Meister eingreift, kommt die Sache ins Rollen, so dass schlussendlich sogar die Birnen fallen wollen.

Noch eindrücklicher illustriert Mani Matter die Kettenreaktion des Versagens mit dem Lied: "I han es Zündhölzli azündt". Ein brennendes Streichholz, das auf den Boden fällt, lässt Mani Matter darüber nachdenken, was hätte geschehen können. Über den Wohnungsbrand zum Stadtbrand, über den daraus folgenden Bürgerkrieg zum Weltkrieg wäre alles denkbar. Immer mehr Menschen würden in das Versehen oder die Schuld dessen verwickelt, der ein Streichholz hat fallen lassen. Immer mehr – am Schluss alle – währen mitbetroffen.

Niemand kann für sich allein gut sein und werden. Es gilt auch dabei das Prinzip der Kettenreaktion oder Solidarität. Stell dir vor, der Meister hätte bei der Joggeli-Geschichte nicht mit Fusstritten losgelegt, sondern indem er selbst mit gutem Beispiel vorangegangen wäre und mit Joggeli zusammen die Birnen geerntet hätte. Paulus nun ist überzeugt, dass irgendeinmal das Vorbild und die Aufopferung von Jesus das Wesen aller Menschen erfassen wir, so dass sie sich dem Guten zuwenden.

Nun, aktuell ist es wohl noch nicht so weit.

Jörg Niederer

Samstag, 7. März 2026

Eseliert

Ein Zitat

Zwei Esel eines Wanderhirten begleiten die Schafe auf ihrer Reise.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Esel, der Haber frisst, tanzet auf dem Eise." Redensart in der Bedeutung: "Narren können gute Tage nicht vertragen."

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Es sei eine von Johann Nestroys vielen Wortschöpfungen. Sie ist zu finden in seinem Werk "Der Talisman". Darin verbindet er in einem Wort das Tier Esel mit dem Zustand der Isolation. "... eine Einöde nehme mich auf, ganz eseliert will ich sein", sagt darin ein gewisser Titus.

Esel gelten als störrisch und dumm, was sie keineswegs sind. Im Gegenteil: als Gebirgstiere sind sie besonders vorsichtig. So rennen sie nicht einfach los wie die Pferde bei der kleinsten Irritation, sondern denken erst einmal nach.

Die Paarung "dumm und einsam" trifft auf den grauen Vierbeiner auch nicht zu. So kommen mehrere Esel sofort recht gut miteinander aus und müssen nicht erst die Hackordnung bestimmen, wie bei den Pferde. Wozu soll man sich durch Gefechte untereinander im schwierigen Gelände in Gefahr bringen. Also wird sogleich Frieden geschlossen; es muss ja nicht die beste Freundschaft werden.

Mit Einsamkeit kommen Esel auch recht gut zurecht. Das Alleinsein fürchten sie nicht. Wie sie fast gar nichts fürchten, und sich durchaus zu wehren wissen.

So gesehen könnte es sogar erstrebenswert sein, zum Esel gemacht zu werden. Das wusste schon Apuleius in seinem Werk "Metamorphosen". Dort wird Lucius von einer Hexe in einen Esel verwandelt, durchaus zu seinem Vorteil, wenn auch aus anderem Grund, als dem der Klugheit. Nur soviel sei verraten: Es hat etwas mit dem Potenzial im Bereich der hinteren Extremitäten zu tun.

Genug der Eseleien: Wie eseliert (sprich: einsam und klug) fühlst du dich heute?

Jörg Niederer

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