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Donnerstag, 11. Juni 2026

Getarntes Misstrauen

Ein Zitat

Ein gut getarnter grüner Grashüpfer ist mir nur deshalb aufgefallen, weil er sich bewegte.
Foto © Jörg Niederer
"Das Gras hat so Geringes zu tun – / Ein Reich von schlichtem Grün – / Nur Bienen sind zu unterhalten – / Schmetterlinge aufzuziehn –" Emily Dickinson (1830-1886) 

Entdeckt

Einen Moment halte ich inne auf meinem Weg, da fliegt ein Vogel auf, den ich bisher gar nicht beachtet hatte. Beim Austreten im Wald fällt mir eine Maus auf, die durch das Unterholz wuselt. Hätte ich nicht "gemusst", ich hätte sie nicht gesehen. In der Wiese spickt etwas davon. Erst jetzt sehe ich den Grünen Grashüpfer, der sich gut getarnt zwischen den Stängeln verbirgt.

So oft entdecke ich Tiere erst dadurch, dass sie sich selbst verraten. Man sollte ihnen sagen, dass sie bei Menschen durchaus mehr auf ihre Tarnung vertrauen könnten. Vermutlich aber ist es wirklich klüger, wenn Tiere sich schnell vor Menschen in Sicherheit bringen. Uns ist da wirklich nicht ganz zu trauen. Oder?

Jörg Niederer

Samstag, 6. Juni 2026

Tiergedanken

Ein Zitat

Der in einen Lichtschacht gefallene und von mir dort gefangene Grasfrosch wartet auf seine Freilassung. Was er wohl denkt?
Foto © Jörg Niederer
"Giraffen können statistische Überlegungen anstellen, Kühe trauern, und Elefanten, Mantarochen und Elstern erkennen sich im Spiegel." Theresa Bäuerlein (*1980) auf Krautreporter 

Entdeckt

Zwischenzeitlich konnte ich nach der Erdkröte (siehe Blogbeitrag vom 2. Juni 2026!) auch den Grasfrosch einfangen. Beide waren in einen Lichtschacht gefallen und dort wohl schon längere Zeit gefangen gewesen. Anders als die Erdkröte brauchte es beim Grasfrosch etwas mehr, um ihn seinem Glück, der Befreiung aus dem Verlies, zuzuführen. Mehrfach entzog er sich dem Versuch, ihn in den Transportbehälter zu befördern durch schnelle Flucht an unzugängliche Orte. Wie auf dem Foto zu sehen ist, hat es irgendeinmal dann doch funktioniert, und der Grasfrosch war eingefangen.

Eines der Probleme ist, dass man Tieren nicht ohne weiteres die gute Absicht hinter einer Aktion verständlich machen kann. Gerne würde ich wissen, was der Grasfrosch sich wohl gedacht hat, als ich ihm nachstellte. Wie ein Storch sehe ich nicht gerade aus. Aber ob ich ein Franzose bin, der es auf seine cuisses de grenouilles abgesehen hat, kann er nun auch nicht so ohne weiteres erkennen. Wahrscheinlich hat er sich im Verlauf der etwa 10 Minuten, in der er gefangen durch die Plexiglasscheibe auf das menschliche Treiben schauen musste, in sein Schicksal ergeben. Wie konnte er auch wissen, dass sich seine Lage schon bald dramatisch zum Besseren ändern würde.

Nach einer kurzen Fotosession transportierte ich ihn unweit des Hauses zu einer wild überwachsenen Stelle entlang des Bahndamms, nicht zu nahe an den Geleisen. Dort ging es ganz schnell. Kaum hatte ich den Deckel des Transportgefässes geöffnet, hüpfte er mit eine weiten Satz weg von mir, schaute mich noch einmal an (Ich bildete mir ein, voller Dankbarkeit, aber vermutlich war es auch nur ein kontrollierendes Beobachten, vielleicht auch ein "Ätschibätsch-Blick" im Sinne von: "Du kannst mich mal, wenn du so dumm bist, mich wieder frei zu lassen, dann auf Nie-mehr-Wiedersehen".) und mit einem zweiten Satz war er im Brombeerdickicht verschwunden.

Nun hoffe ich natürlich, dass der Grasfrosch sich in der freien Wildbahn noch geschickter seinen natürlichen Feinden entziehen kann, als das bei mir der Fall gewesen ist. Möge er noch viele gute Jahre erleben.

Jörg Niederer

Freitag, 20. Februar 2026

Auf den Mensch gekommen

Ein Zitat

Ein mittelgrosser Mischlingshund begleitete mich zwischen Lelgio und Ranscea auf dem Fernwanderweg ViaGottardo.
Foto © Jörg Niederer
"Gleich wenn der Winter-Schnee auftauet und man den blossen Leib der Erde zum ersten mal wieder sieht, fängt diese Viel-Schönheit an..." Matthias Claudius (1740-1815)

Hingesehen

Plötzlich war er da. Auf der Höhe von Lelgio, da wo sich das Gehöft mit den neugierigen Ziegen befindet, stand er an meiner Seite. Der schwarze, mittelgrosse Hund mit dem einen hellen Bein sah ein bisschen so aus wie diese agilen Hirtenhunde, die geschickt ganze Schafherden dirigieren und treiben können. Ging ich voran, folgte er mir oder eilte neugierig herumschnuppernd voran. Ab und zu hob er das Bein. Blieb ich stehen, schaute er, was ich tat, kam zurück zu mir, wie als wollte er mich abholen. Er war sichtlich besorgt und ein vielfaches flinker als ich auf diesem ansteigenden Pfad. Bald machte ich mir Sorgen. Das Halsband war ein untrügliches Zeichen, dass er irgendwo da hinter mir ein Zuhause haben musste. Oder war er entlaufen und auf der Suche nach einem neuen Rudel. Was, wenn er mir bis Isone folgt, und dann ins Postauto springt? Würde man mir glauben, dass es nicht mein Hund ist, oder von mir verlangen, dass ich für ihn bezahle.

Die Aufmerksamkeit des Tieres tat gut, die stille Verständigung, seine wachsame freundliche Art. Dann war Zeit für einen kleinen Imbiss, da wo in Luera ein:e Anwohner:in in einem Kästchen am Wanderweg, direkt neben einer Gartenbank, den Fussreisenden kostenlosen Grappa offeriert. An diesem Ort überkam den Vierbeiner eine sichtliche Unruhe. Mehrfach setzte er sich hin und schaute hinunter ins Tal, an dessen Ende der Lago di Lugano blau zwischen den Bergen leuchtete. Fast etwas ärgerlich bellte der Hund ein einziges Mal, als wolle er die Seinen herbeirufen. Dann war er wieder weg. So sorgfältig er mich hinaufbegleitet hatte, so zielstrebig eilte er nun den Weg zurück, und verschwand bald schon meinen Blicken. Schade, dachte ich. Doch sogleich überkam mich auch eine gewisse Erleichterung. Der Hund hatte die Verantwortung für sein Leben wieder aus meiner Hand genommen. 

Jörg Niederer

Mittwoch, 28. Januar 2026

Auf einem Bein

Ein Zitat

"Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus." Alexander von Humboldt (1769-1859)

Hingesehen

Zwei Graureiher stehen nebeneinander, jeder nur auf seinem rechten Bein. Ihr Federkleid sieht einem langen Lodenmantel gleich.
Fotos © Jörg Niederer
Man kann offensichtlich auch synchron stehen (Siehe dazu auch Beitrag von gestern!). Die beiden Graureiher bei der Insel in der Steinacher Bucht tun dies reglos nebeneinander, blicken scheinbar teilnahmslos in die selbe Richtung, haben in gleicher Weise ihr Federkleid etwas aufgeplustert und den Nacken eingezogen und balancieren je nur auf dem rechten Bein. Als hätten sie sich abgesprochen. Doch wer sagt denn, dass sie sich nicht wirklich abgesprochen haben? Wir denken oft, Tiere seien mehr als wir instinktgleitet. Doch manches was sie tun und lassen, verlangt Urteilsfähigkeit. Nicht nur der Gebrauch von Werkzeug ist ein Zeichen für Intelligenz. Nur weil wir bei vielen Tieren die Sprache, die sie miteinander sprechen, nicht verstehen, heisst dies doch nicht, dass sie nicht denken können. Eher ist es ein Zeichen dafür, dass unsere Intelligenz beschränkter ist, als wir uns einbilden.

Zumindest eines haben uns die Graureiher voraus. Sie können deutlich länger auf einem Bein stehen als wohl die meisten Menschen. Ach ja, Fliegen können sie auch, und Fische mit dem Schnabel fangen, oder Mäuse unter dem Boden hören. Vielleicht haben sie noch nie ein Buch geschrieben. Na und? Brauchen sie Bücher, um ihr Leben zu meistern, dort, wo die meisten Menschen im Winter bestimmt nicht im Freien übernachten möchten.

Noch vor 250 Jahren dachte man, Tiere funktionierten wie Maschinen, und Pflanzen seien keine Lebewesen. Es musste ein Alexander von Humboldt (1769-1859) kommen, um zu erkennen, wie alles auf dieser Erde miteinander vernetzt und in dauerhaftem Dialog verbunden ist, und folglich auf Gedeih und Verderben voneinander abhängig bleibt. Und es musste ein Charles Darwin (1809-1882) kommen, um uns zu zeigen, dass wir auch in dieses Tierreich gehören und gemeinsame Vorfahren mit anderen Spezies haben. Wobei: Auch heute gibt es Menschen, die davon nichts halten. In den USA seien es über 30% der Bevölkerung, die diesen Erkenntnissen grundsätzlich misstrauen.

Dieweil stehen die beiden Graureiher nach ihren Bräuchen auf einem Bein im See. Auf mich wirken sie irgendwie weise und klug. Ob sich so Intelligenz zeigt (dass die Graureiher so wirken / dass ich das erkenne)?

Jörg Niederer

Montag, 17. November 2025

Wilhelm Busch und die Halbseitenzwitter

Ein Zitat

Ein Hahn der Sorte Appenzeller Spitzhauben wacht über seine Hühnerschar.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt." William Shakespeare, Hamlet - The Tragedy of Hamlet, 1. Akt, 5. Szene

Hingesehen

In Wilhelm Buschs Geschichte von Max und Moritz wird im ersten Streich dem Hahn und den drei Hennen von Witwe Bolte den Garaus gemacht. Den Abschluss ihres traurigen Endes beschreibt Wilhelm Busch so: 

"Ach, sie bleiben an dem langen, / Dürren Ast des Baumes hangen. / Und ihr Hals wird lang und länger, / Ihr Gesang wird bang und bänger.
Jedes legt noch schnell ein Ei, / Und dann kommt der Tod herbei."

Wobei, der Hahn legt auf der Karikatur natürlich kein Ei, sondern er verrichtet ein letztes Mal sein Geschäft.

Nun habe ich aber im Buch "Bitch" der Zoologin, Dokumentarfilmerin und Moderatorin Lucy Cooke gelesen, dass es gar nicht so abwegig sei, das ein Hahn ein Ei legt. So kennt die Forschung seit den 1920er Jahren sogenannte Halbseitenzwitter. Einerseits kommen sie in der Wildnis vor, etwa beim Rotkardinal, auch bei Schmetterlingen und Krustentieren, aber eben auch bei Haushühner. Bei den beobachteten Geflügel-Chimären ist die eine Seite des Tiers männlich, mit allem drum und dran, inklusive einem Hoden und stärkerem Knochenbau, die andere Seite ist weiblich und folglich von schwächerem Körperbau und natürlich ausgestattet mit Eierstock. Mit anderen Worten: Ein solcher Halbseitenzwitter ist in der Lage, Eier zu legen, aber stellt als Hahn im Korb auch den Hühnern nach.

Lucy Cooke schreibt dazu: "...sie entstehen, wenn Zwillingsembryonen zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihrer Entwicklung (zwischen dem 2-Zell- und dem 64-Zell-Stadium) verschmelzen..." (Lucy Cooke, Bitch, München 2023, S. 58)

Ein derartiges Huhn-Hahn-Tier kann man auf dieser Webseite bestaunen. Ich bin fasziniert, was es an Variabilität in der Natur gibt. Im selben Buch schon im ersten Kapitel habe ich gelernt, dass es im Tierreich alles gibt. Weibchen, die XX oder XY-Chromosomen haben genauso wie Männchen. Es gibt Tiere, die ihr Geschlecht je nach Situation und Umständen wechseln. Selbst das Maulwurfsweibchen ist ein Beispiel dafür. Er hat innere Fortpflanzungsorgane, die an einem Ende Ovarien (Eierstöcke) und am anderen Ende Hoden aufweisen. So ist die Unterscheidung, ob ein Maulwurf männlich oder weiblich ist, alles andere, als eine simple Sache.

Wie sagte doch einst ein erfundener Kerl in einem weltbekannten Werk: "There are more things in Heaven and Earth […] / Than are dream't of in your Philosophy."

Jörg Niederer

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