Montag, 31. August 2026

Kraut oder Unkraut

Ein Zitat

Eine Raue Gänsedistel wächst am Rand eines Feldes. Im Hintergrund sieht man ein Gewerbegebäude.
Foto: © Jörg Niederer
"Unkraut nennt man die Pflanzen, deren Vorzüge noch nicht erkannt worden sind." Ralph Waldo Emerson (1803-1882)

Entdeckt

Ist das auf dem Foto nun Kraut oder Unkraut? Die Raue Gänsedistel wird kaum je angebaut. Also ist sie wohl Unkraut. Andererseits kann man ihre Blätter essen, man muss nur vorher die stacheligen Ränder abschneiden.

Gibt es überhaut Unkräuter? Haben nicht alle Pflanzen einen Sinn im Netzwerk der Natur?

Darüber und über weitere Fragen gibt es morgen Dienstag, den 1. September 2026 um 18.00 Uhr einen Vortrag im Botanischen Garten St. Gallen von Tobias Brülisauer, Biodiversitätsexperte und ausgewiesener Pflanzenkenner.

Der Anlass zum Auftakt der Schöpfungszeit wird ergänzt durch eine ca. 45 Minuten dauernde Führung mit Fachleuten vom Botanischen Garten. Auf Personen mit eingeschränkter Mobilität wird dabei Rücksicht genommen.

Es folgt ein Abendsegen im Grünen Pavillon und ein anschliessendes Apéro.

Der Anlass ist kostenlos. Es wird eine Kollekte erhoben.

Der Botanische Garten ist erreichbar mit dem Bus der Linien 1,2,7 und 8 in Richtung Stephanshorn.

Die Schöpfungszeit wird jeweils weltweit vom 1. September bis zum Franziskustag am 4. Oktober begangen. Hinter dem Anlass im Botanischen Garten steht die Ökumenischen Kommission Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sowie die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) der beiden Kantone Appenzell und des Kantons St. Gallen. Der Flyer dazu kann auf de Webseite der ACK heruntergeladen werden.

Jörg Niederer

Sonntag, 30. August 2026

Königslust

Ein Zitat

Die 1912 erstellten Chorfenster von Alois Balmer in der Reformierten Kirche Münsingen zeigen die Bergpredigt.
Foto: © Jörg Niederer
"Da taten sich alle Ältesten Israels zusammen und gingen zu Samuel nach Rama. Sie sagten zu ihm: 'Du bist nun alt! Doch deine Söhne verhalten sich nicht wie du. Deshalb setze einen König bei uns ein, wie es bei allen Völkern üblich ist. Der soll unsere Angelegenheiten entscheiden.'" (Bibel: 1. Samuel 8,4-5)

Entdeckt

Samuel hatte schlechte Karten, um den Stammesältesten den Wunsch nach einem König auszureden. Schliesslich waren er und seine Familie Teil des Problems. Es kommt ja nicht darauf an, ob es Priester sind, die wie Könige regieren und ihre Macht an die manchmal unfähigen oder korrupten Nachkommen vererben, oder ob das Könige sind. In den Ohren der Stammesführer mussten die Argumente von Samuel (Siehe Bibel: 1. Samuel 8,1-22!) gegen eine Monarchie wenig überzeugend geklungen haben. Ihre Antwort auf Samuels Einwand war: Das gegenwärtige System hat versagt. Versuchen wir es mit dem, was an anderen Orten zu Wohlstand und Prosperität geführt hat.

Das entscheidende Argument in Samuels Überlegungen waren nicht die aufgezählten negativen Begleitumstände der Monarchie, sondern dass Israel damit seine Geschicke selbst regeln wollte, indem es den himmlischen König mit einem menschlichen König ersetzte. Menschen traten an die Stelle Gottes und wurden als Könige wie Götter verehrt. Man könnte meinen, diese Form der Verehrung gehöre in einer aufgeklärten Welt der Vergangenheit an. Doch dann denke ich an verklärende Messiasdarstellungen des aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wohlgemerkt: So etwas geschieht nicht in einem feudalistischen oder diktatorischen Staatswesen, sondern in einer bedeutenden Demokratie westlicher Prägung. Ich vermute, Samuel würde auch heute darüber nur den Kopf schütteln können.

Jörg Niederer

Samstag, 29. August 2026

Silbrig-bleicher Wald

Ein Zitat

Junger Trieb einer Silberpappel.
Foto: © Jörg Niederer
"Das Unwetter ist vorüber. Ich höre die Vögel jubilieren, das Huhn ist auf der Strasse und gackert wie zuvor." Giacomo Leopardi (1798-1837)

Entdeckt

Silberpappeln schimmern silbrig, und wirken dabei etwas ausgebleicht. Das gehört zu diesem Weidenbaum. Doch immer wieder einmal gehe ich Waldwege entlang, auf denen der Boden und die Pflanzen aussehen, als wären sie mit einer weissen Staubschicht überzogen. So habe ich mich gefragt, ob auch Wälder gedüngt werden. Tatsächlich kommt es selten vor, dass man Wälder kalkt. Das, um den Säuregehalt des Waldbodens zu senken. Meist führt das zu einer starken Vermehrung von Brombeeren, Himbeeren und Reitergräsern. Dagegen leiden Moose und Flechten unter dem Kalkeintrag.

In den meisten Wäldern sollte es nicht nötig sein, zu kalken oder zu düngen. Denn auch durch die Entnahme von Holz aus Wäldern gehen nur wenige Nährstoffe verloren, deutlich weniger als beim Gemüse- und Getreideanbau. Da betrachte ich lieber die bleichen Silberpappeln am Wegrand, als dass ich über den gekalkten Waldboden gehen muss.

Jörg Niederer

Freitag, 28. August 2026

Der Morgensonne zugewandt

Ein Zitat

Sonnenblumen gehören zu den beliebten Gartenpflanzen und werden vermehrt auch in der Schweiz als Nutzpflanzen angebaut.
Foto: © Jörg Niederer
"Wenn der Mensch mit regsamem Sinne die Natur durchforscht …, so wirkt unter den vielfachen Eindrücken, die er empfängt, keiner so tief und mächtig als der, welcher die allverbreitete Fülle des Lebens erzeugt." Alexander von Humboldt (1769-1859) 

Entdeckt

Die landläufige Meinung besagt, dass die Sonnenblume mit ihrer Blüte dem Stand der Sonne folge. Das stimmt so nicht. Tatsächlich sind nur die Knospen und Blätter heliotrop. So folgt die Knospe in ungeöffnetem Zustand der Sonne von Ost nach West, um sich nachts und in der Morgendämmerung nach Osten auszurichten. Geöffnete Blüten und Fruchtstände tun dies nicht mehr. In der Regel orientieren sich diese nach Osten und verharren aufgrund einer Verhärtung der Stängel in dieser Position. Darum schauen auch alle Blüten und Fruchtstände eines Sonnenblumenfelds in dieselbe Richtung. Sie können also die Himmelsrichtung anzeigen, genauso wie es der Moosbewuchs an Baumstämmen tun kann.

Gestern beobachtete ich aus dem Zug heraus, wie ein Schwarm Ringeltauben sich auf den reifen und braungebrannten Fruchtständen in einem Sonnenblumenfeld niedergelassen hatte. Taube neben Taube auf Sonnenblume neben Sonnenblume. Die Sonnenblumenkerne sind beliebte Futterquellen für die Vögel, die sich für den Zug in den Süden sammeln. Die Ringeltauben gehören zu diesen Zugvögeln. Natürlich naschten auch die Sperlinge von den vielen Kernen.

Sonnenblumen wurden schon 2500 v. Chr. in der Regionen Mississippi und Mexiko-Stadt angebaut. Durch spanische Seefahrer gelangte so um 1590 die Pflanze aus ihrer Ursprungsheimat nach Europa.

Die bedeutendsten Anbauländer für Sonnenblumenkerne sind Russland mit (im Jahr 2024) 17,2 Mio. Tonnen und die Ukraine mit 11 Mio. Tonnen. Dagegen wurden in der Schweiz lediglich 16'000 Tonnen auf ungefähr 4800 Hektaren angebaut. Öl aus Sonnenblumenkernen wird erst etwa seit dem 19. Jahrhundert gewonnen.

Und noch dies: Wenn in Städten an bestimmten Stellen viele Schalen der Sonnenblumenkerne auf dem Boden liegen, hat das etwas mit Migration zu tun. Denn es sind meist Menschen aus der Türkei und dem Balkan, welche gekaufte und geröstete Sonnenblumenkerne einen nach dem andern knacken und verspeisen. Das kann eine sehr meditative Form der Nahrungszunahme sein und dabei helfen, wieder zur Ruhe zu kommen.

Donnerstag, 27. August 2026

Aztekenvogel

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Portrait von drei weissen Puten.
Foto: © Jörg Niederer
"Kraft der mir als Präsident der Vereinigten Staaten verliehenen Vollmachten begnadige ich hiermit diese beiden Truthähne." Wortlaut der traditionellen Begnadigung zweier Truthähne anlässlich des Erntedankfestes in den USA.

Entdeckt

Die Azteken waren es, welche die wilden Truthühner einst domestizierten. Ihnen verdanken wir also diese grössten Hühnervögel. Es sind zutrauliche und neugierige Tiere. Da wo ich ihnen am vergangenen Montag begegnete, kamen sie sogleich neugierig bis an den Zaun. In beiden Fällen waren es Tiere der Züchtung "Weisse Pute". Bis 20 Kilogramm schwer können sie werden. Interessant auch, dass sie die Färbung der Haut im Kopfbereich während der Brutzeit intensivieren können. Im Verlauf eines Jahres legen Puten zwischen 20 und 40 Eier. Diese müssen nicht einmal befruchtet sein, um daraus Nachwuchs zu erhalten. Das nennt man Parthenogenese, oder auf deutsch: Jungfrauengeburt. Allerdings führt die Fortpflanzung durch unbefruchtete Eier immer zu männlichen Truthähnen. Die Überlebensrate so entstandener Puter ist mit 0,16% jedoch ausgesprochen gering.

Auf dem Foto ist ein Puter und zwei Puten zu sehen. Der Hautlappen, der über den Schnabel fällt, verrät es. Er ist so etwas wie ein äusseres Merkmal von Potenz und Stärke. Dieser Hautlappen kann fast vollständig vom Vogel eingezogen werden.

Aggressive Truthähne gebe es auch. Das sei fütterungsabhängig. Wenn es bei den Menschen nur auch so einfach wäre. Das richtige Essen servieren, und unsereiner wird sanft und fein. Leider ist das nur ein frommer kulinarischer Wunsch. Aber bei den Truthähnen und Truthühnern soll es funktionieren.

Jörg Niederer

Mittwoch, 26. August 2026

Von Frauen auf der Kanzel und der Glaubensdekonstruktion

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Oben: Die einstige Kapelle in Signau ist heute ein Wohnhaus. Unten: Der Bauernhof Schlossmatt. Hier fanden sich einst eine methodistische Sonntagschule.
Fotos: © Jörg Niederer
"Heute ist es ganz normal, dass eine Frau Pfarrerin werden kann. […] Und das finde ich sehr schön, und gut." Elsi Altorfer, methodistische Pfarrerin im Ruhestand

Entdeckt

Den methodistischen Kirchenbezirk Signau gibt es nicht mehr. Verschwunden ist die einst blühende Arbeit es gab 9 Standorte, davon drei Kapellen. 2012 wurden die Bezirke Langnau i. E. und Signau zu einem neuen Bezirk Oberemmental zusammengefasst. Das war auch das Jahr, als in der Kapelle Signau die kirchliche Arbeit beendet wurde.

Auf meiner Kapellentour werde ich nicht alle einstigen Standort besuchen. Doch am vergangenen Montag waren es wenigstens drei des ehemaligen Bezirks Signau. Zum Schulhaus Höchi schrieb ich im gestrigen Beitrag. Danach kam ich auch noch auf Mutten bei Signau am damaligen Sonntagschulstandort im Heimet Schossmatt vorbei. Das richtige Haus gefunden hätte ich nicht, wenn es mir nicht von einer älteren Frau gezeigt worden wäre. Die Predigten fanden wohl in einem Nachbarshaus bei einer Familie Lehmann statt, vermutlich parallel zur Sonntagschule.

Drei Kilometer zu Fuss weiter, am Rand von Signau und direkt am Schüpbachkanal, steht nach wie vor die Kapelle von Signau. Noch erzählen die hohen Bogenfenster im Erdgeschoss vom einstigen Versammlungsort. Meine früheste Erinnerung an die Kapelle Signau geht in eine Zeit zurück, als ich mich gerade erst als Christ zu verstehen begann. Damals gab es für Jugendliche Einsätze bei sogenannten Evangelisationen. Meist eine Woche lang versuchte man mit speziellen Verkündiger:innen und einer einladenden Botschaft Menschen für Christus zu gewinnen. An einer dieser Wochen nahm ich also in Signau teil. Gertrud Wehner war damals die Pfarrerin auf dem Bezirk. Eine Frau mit einem Dutt. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die in der Evangelisch-methodistischen Kirche Gemeinden leiteten und auf den Kanzel predigten. Vor 70 Jahren öffneten die Methodisten den Frauen den Zugang zum Predigtamt. In der Schweiz begann die erste ordinierte Frau vor 57 Jahren als Pfarrerin zu wirken. Dazu gibt es aktuell auch einige hörenswerte Interviews

Zurück zu Signau. Mit dabei an diesem Missionseinsatz war auch ein Student des Theologischen Seminars, heute die Theologische Hochschule Reutlingen. Er ermutigte mich damals, selbst das Studium der Theologie aufzunehmen.

Viel ist mir von diesem Einsatz in Signau nicht mehr geblieben an Erinnerungen. Zwischen damals und heute liegen  wie man so sagt  eine oder auch mehrere Phasen von Glaubensdekonstruktionen, gefolgt von jeweiligen Glaubensrekonstruktionen. Mit anderen Worten: Der Inhalt und die Umsetzung des persönlichen Glaubens ist in einem Wandel begriffen. Manches, was mir früher einleuchtete, ist mit meinem heutigen christlichen Verständnis nur noch schräg. Im Rückblick frage ich mich jeweils: Wie konntest du nur?

Es gibt in jeder christlichen Biografie Brüche und Aufbrüche. So wie auch in jeder kirchlichen Entwicklung. Diese Veränderungen, so glaube ich, haben bei mir zu einer reiferen Art des Glaubens geführt. Vielleicht sind die massiven Veränderungen in der Kirchenlandschaft ja auch so etwas wie eine Glaubensdekonstruktion, bei der Altes vergehen muss, damit Neues entstehen kann. Auf die "Rekonstruktion" des christlichen Glaubens heute bin ich sehr gespannt.

Jörg Niederer

Dienstag, 25. August 2026

Methodistisches Alleinstellungsmerkmal

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Jörg Niederer vor dem einstigen Schulhaus Höchi auf dem Gemeindegebiet von Signau. Hier fanden einst methodistische Gottesdienste statt und es wurde Sonntagschule angeboten.
Fotos: © Jörg Niederer
"Immer mehr kleine Dorfkäsereien müssen schliessen. Der Grund: Die Produktionskosten sind zu hoch - der Ertrag zu klein." SRF vom 25.10.2000

Entdeckt

Gestern beim Weiterwandern auf der Kapellentour von Aeschau nach Bowil kam ich gleich dreimal an methodistischen Wirkplätzen vorbei. Doch zuvor wurde ich von einem mir bis anhin unbekannten Altbauern und seiner Frau zum Kaffee eingeladen. Das kam so. Bei Aufstieg auf den gut 250 Metern über dem Tal der Emme gelegenen Weiler Höchi gelangte ich auf die Fahrstrasse zu Ober Fuhren. Ein kleines Auto näherte sich von hinten. Darin sass der über 80-jährige Samuel Mosimann. Mosimann, so heissen auf Fuhren fast alle. Er habe eben nach seinen fünf Bienenvölkern geschaut, sie gegen die Varroamilbe behandelt und gefüttert, erzählte er. Das Gespräch durch das geöffnete Autofenster war nur kurz. Dann fuhr er weiter. Wenige Minuten später kam ich zu den Bauernhäusern auf Ober Fuhren, wo Samuel Mosimann gerade eben sein Auto geparkt hatte. "So, jetzt können sie gleich mitkommen und mit mir einen Kaffee trinken." sagte er zu mir. Er beabsichtige das sowieso gleich zu tun. Wir stiegen etwas verwinkelt zwischen den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden hoch in eine überdachte Gartenlaube. Dort wurde uns von Frau Mosimann Kaffee serviert. Später setzte sie sich auch noch dazu, nachdem sie die Wäsche aufgehängt hatte. Ich erzählte Samuel Mosimann von meinem Projekt der Weitwanderung von einer methodistischen Liegenschaft zur nächsten, und dass ich bald auf der Höchi das Schulhaus besuchen wolle. Dort habe es wohl einst eine methodistische Sonntagschule und vermutlich aus Predigten gegeben. Samuel Mosimann bestätigte. Er sei selbst dort zur Sonntagschule gegangen. Auch seine Frau, aufgewachsen in Signau, war einst in die dortige methodistische Kapelle zur Sonntagschule gegangen. Zwar hätte sie zur reformierten Kirche gehört, doch Sonntagschule gab es nur von den Leuten aus der Kapelle.

Als ich später dann noch den letzten Anstieg hinauf zum Schulhaus Höchi nahm, wurde mir wieder einmal bewusst, wie wichtig die Sonntagschule in den Anfängen des Methodismus in der Schweiz war. Mann müsste wohl dabei von einem Alleinstellungsmerkmal sprechen. Es war die Innovation in der Kirchenlandschaft. Familien mit vielen Kindern schienen nur darauf gewartet zu haben, dass die Kinder am Sonntag etwas erleben konnten. Sonntagschulen mit 50 oder gar 100 Kindern waren keine Seltenheit. Mit den Jahren begannen dann auch die Landeskirchen mit eigenen Sonntagschulen. Zugleich veränderte sich die Demografie. Die Familien wurden kleiner. Dann zollte der christliche Glaube der Säkularisierung ihren Tribut. Eine dieser abgelegenen Landsonntagschulen nach der andern schloss ihre Pforten. Das war insofern auch für die methodistischen Gemeinden verhängnisvoll, fiel doch mit den Sonntagschulen ein wichtiger Anknüpfungspunk in die Gesellschaft hinein weg. Vermutlich ist die Tatsache, dass es zum Beispiel im Emmental und den angrenzenden Hügellandschaften heute genau noch zwei von früher zahlreichen methodistischen Gemeinden gibt, auf diese Veränderung bei den Sonntagschulen zurückzuführen.

Ein neues Alleinstellungsmerkmal mit Breitenwirkung wie einst die Sonntagschulen hat die Evangelisch-methodistische Kirche noch nicht gefunden. Doch auch die anderen Kirchen und Gemeinschaften verlieren Einfluss und suchen schon seit Jahren nach neuer Relevanz. Wie die Geschichte weitergehen wird? Ich weiss es nicht, aber es bleibt spannend.

Übrigens: Nicht nur Kirchen und Predigtplätze verschwinden. Auch Landschulhäuser werden stillgelegt, die Kinder in den Zentren zusammengezogen. Das Schulhaus Höchi ist heute ein Wohnhaus, in dem man sich eine Auszeit abseits des Trubels gönnen kann, direkt neben einer der wenigen noch aktiven und ausgezeichneten Emmentaler-Käsereien. Auch dort hatte der junge Samuel Mosimann einst Ferienvertretungen gemacht und für die 120 Kilogramm schweren Käseleibern geschaut.

Jörg Niederer

Montag, 24. August 2026

50 Jahre Diakonie an älteren Menschen

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Oben: Südostansicht des Alters- und Pflegeheims Weyergut Bethanien. Unten: Einweihungsfeier 1976 mit Bundespräsident Rudolf Gnägi (rechts), Ehefrau Verena Gnägi-Von Allmen und Bischof Franz Schäfer von der Evangelisch-methodistischen Kirche.
Foto oben: © Jörg Niederer Foto unten: unbekannt
"Ich wünsche dem Weyergut Bethanien, dass der Mut zur täglichen, kreativen Herzlichkeit weiterlebt - denn genau das ist hier das Wesentliche!" Andreas von Gunten, Fotograf

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Bundesräte werden jeweils für ein Jahr zum Bundespräsidenten gewählt. Manche schaffen es in ihrer Karriere sogar zweimal in dieses Ehrenamt. So auch Bundesrat Rudolf Gnägi (1917-1985), der von 1966-1979 einer von sieben Schweizer Bundesräten war. Als Bundespräsident hatte er nebst den Geschäften im jeweiligen Departement allerlei wichtige Repräsentationsaufgaben. Anfangs 1976 war es wieder soweit. Er besuchte die Einweihungsfeier des Altersheims Weyergut in Wabern bei Bern. Warum der damalige Bundespräsident der Eidgenossenschaft das tat, wusste nicht einmal Matthias Volkers, der aktuelle Leiter des Alters- und Pflegeheims, das einst durch methodistische Diakonissen getragen wurde und seit 2013 Teil der Diakonie Bethanien ist. Gestern wurde das 50-jährige Bestehen dieses innovativen Hauses gefeiert. Das zeigte sich gleich von Beginn weg etwas dadurch, dass es von 1976-1995 ein hauseigenes Hallenbad gab. 1976 wurde im Weyergut auch der ersten Schweizer "Gericours"-Vitaparcours für Senior:innen eingerichtet. Auf historischen Fotos, die anlässlich der Jubiläumsfeier gezeigt werden, sieht man ältere Menschen sich sportlich abmühen.

Das Weyergut Bethanien hat auch nach seiner Sanierung in den Jahren 2017-2019 den typischen Baustil des Brutalismus bewahrt. Mir gefällt es. Auch erinnere ich mich an ein 6-wöchiges Praktikum im Jahr 1983, als ich dem Pfarrer Ernst Gisler über die Schulter schauen durfte, der damals im Alfa-Zentrum (eine Kombination von Hotel und Methodistenkirche), nahe beim Hauptbahnhof Bern, wirkte. Damals predigte ich auch im Weyergutsaal, dem Raum mit den farbigen Glasfenstern des Künstlers Emil Reich. Das Alfa-Zentrum gibt es zwischenzeitlich nicht mehr. Die Glasfenster im Weyergutsaal aber schon (und übrigens auch Pfarrer Ernst Gisler). Der Weyergutsaal blieb während der heissen Tagen der vergangenen Wochen für Bewohner:innen und Passant:innen zugänglich. Dort war es schön kühl, und man konnte sich wunderbar erholen.

Extra wegen des Jubiläums habe ich auf meiner Kapellentour zwei Etappen vorgezogen, um diesen Anlass zu würdigen. Es hat sich gelohnt, wenn ich auch einen Tag vor den grossen Festivitäten hier vorbei gekommen bin. Allein schon das Glace mit Namen "Kalte Lust", hergestellt in meiner Geburtsstadt Olten, in der Geschmacksrichtung "Haskap-Beeren mit Mandeln" war der Besuch wert. An diesem noch ruhigen Samstag ergab es sich auch, dass ich einige Wort mit dem aktuellen Leiter Matthias Volkers wechseln konnte. So erfuhren ich, dass es keine fixen Esszeiten mehr gibt. Die Bewohner:innen können dann essen, wenn sie wollen. Das Restaurant ist nicht zugleich auch Speisesaal, sondern steht der Bevölkerung von Wabern und den Bewohnenden des Weyerguts zur Verfügung. Alle werden dort in gleicher Weise zuvorkommend bedient.

Übrigens: Rudolf Gnägi war nicht der einzige Bundesrat, der das Weyergut Bethanien besuchte. Auch Altbundesrat Adolf Ogi, er amtete als Magistrat von 1987-2000, besuchte 2012 privat den Geburtstag einer 100-jährigen Bewohnerin des Weyerguts und erfüllte ihr damit einen grossen Wunsch.

Weitere Jubiläumsanlässe im Weyergut Bethanien gibt es auch in den folgenden Wochen. Eine Übersicht findet sich auf der Webseite zum Jubiläum.

Jörg Niederer

Sonntag, 23. August 2026

Religionsfrieden

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Zentrales Wandgemälde aus dem Kapellenanbau des Alters- und Pflegeheims Bethanien in Wabern bei Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Und zwischen Israel und den Amoritern herrschte Frieden." Bibel, 1. Samuel 7,14c

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Es gibt da eine überraschende Notiz in der Bibel: Es wird berichtet, dass Israel mit den Amoritern in Frieden zusammen lebte. Damit sind Kanaanäer gemeint. Diese Aussage weicht von anderen Bibelstellen ab, nach denen Gott von Israel verlangte, die Bevölkerung Kanaans auszurotten (zum Beispiel Bibel: 5. Mose 7,1-4). Wie ist dieser Wiederspruch zu verstehen? Im Zusammenhang mit dem Bussgottesdienst in Mizpa, wie er in der Bibel in 1. Samuel 7 beschrieben wird, entledigte sich Israel zwar der kanaanäischen Götterbilder in den eigenen Reihen, aber vertrieb nicht die Kanaanäer und deren Glaubensausübung aus ihrem Gebiet. Vermutlich waren sie dazu gar nicht in der Lage gewesen. Es gab wohl so etwas wie eine Pattsituation. Oder beide Stammesverbände hatten in den Philistern einen gemeinsamen Feind. 

Ich verstehe diese Situation so: Es geht nicht darum, Menschen anderer Religionen zu vertreiben, sondern darum, am eigenen Glauben in einem multireligiösen Umfeld festzuhalten. Auf heute übertragen würde das heissen, in Frieden mit den Muslimen bei uns zusammenzuleben und zugleich allein an Christus als Begründer unseres Glaubens festzuhalten. Wenn wir sicher in unserem Glauben an Christus sind, müssen die Mitmenschen mit anderer Religionszugehörigkeit von uns Christinnen und Christen nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen werden. In Israel gab es jedenfalls eine Zeit, in der zwei unterschiedliche Religionen miteinander in Frieden zusammenleben konnten, und es scheint, dass der Gott Israels nichts dagegen gehabt hatte.

Zum Foto: Heute Sonntag feiert das Alters- und Pflegeheim Weyergut Bethanien in Wabern mit einem Fest sein 50-jähriges Bestehen. Das Weyergut wurde anfänglich von den methodistischen Bethanien-Diakonissen geführt. Bei der Einweihung war mit Bundesrat Gnägi einer der höchsten Schweizer Magistraten zugegen. Heute ist das Weyergut ein Werk der Diakonie Bethanien, nachdem es viele Jahre als selbständiges Werk geführt wurde. Auf Grund dieses besonderen Tages gibt es hier ein Foto vom zentralen Wandgemälde im Kapellenanbau des Alters- und Pflegeheims Weyergut Bethanien.

Jörg Niederer

Samstag, 22. August 2026

Endstation?

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Bei der Reformierten Kirche Jegenstorf findet sich bei einem Grabkreuz ein zugemauertes Tor.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich …" Franz Kafka (1883-1924)

Entdeckt

Es könnte ein Symbolbild sein. Beim Grab ist Endstation. Das Portal ist zugemauert. Da geht es gleich zweimal nicht mehr weiter. Aber ist der Tod wirklich das Ende? Könnte es nicht auch Übergang sein in eine andere Wirklichkeit?

Nichts Genaues weiss man nicht. Die Religionen geben zwar allesamt Antworten. Doch sie sind sich nicht einig, ja widersprechen sich. Heute fällt es mir schwerer, bestimmt zu sagen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn Menschen mit Überzeugung von einem Wiedersehen im Himmel sprechen. Ich wünschte es mir. Ich glaube auch daran. Doch sicher kann kein Mensch sein. Nun, wir werden es erfahren. Bis dahin gebe ich mich der Hoffnung hin. Denn ich wünsche mir Gerechtigkeit für die Opfer und Zukurzgekommenen. Dazu brauchen wir den Himmel als Ort der Wiedergutmachung. Auch den Ungerechten wünsche ich ein Augen und Verstand öffnendes Erwachen. Mögen dieses Erwachen den Umständen entsprechend böse oder gut sein.

Jörg Niederer

Freitag, 21. August 2026

Zürich HB

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Hauptbahnhof Zürich. Durchgang von der Bahnhofshalle zur Bahnhofstrasse.
Foto © Jörg Niederer
"Der richtige Spaziergänger ist wie ein Leser, der ein Buch wirklich nur zu seinem Zeitvertreib und vergnügen liest." Franz Hessel (1880-1941)

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Ein Transitort, ein Ort des Übergangs. Der Hauptbahnhof Zürich. Hier sind die Menschen auf dem Weg. Sie kommen an. Sie reisen ab. Sie verweilen kurz auf einem Perron oder in einem Café. Sie sortieren die Koffer. Sie schauen dem Treiben zu, den orange gekleideten Angestellten, wie sie den Müll verladen oder auf Wägelchen Dinge durch die Gegend fahren. Sie schauen den tätowierten Fremden nach, den Jungen im Ausgang, den Geschäftsleuten. Meist weiss der Mensch am Bahnhof, wohin er will. Wohin wollen die andern? 

Der Durchgang zwischen der grossen Bahnhofshalle zu den Trams und hinüber zur Einkaufsmeile, zur Bahnhofstrasse, ist auch ein Übergang vom Schatten an Licht. Silhouetten, Gestalten bewegen sich. An der Decke das Schweizerkreuz, wenig beachtet. Dann werden die Gehenden licht und hell und Teil der Flanierhungrigen.

Durch den Durchgang hindurchgehend verändert sich viel und nichts. Ein idealer Ort, um ein Lebensjahr zu beenden und ein neues zu beginnen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 20. August 2026

Nasse Insel in der Trockenheit

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Das Feuchtgebiet Gampen in der Gemeinde Berg TG wurde mit tierischem Beistand ökologisch aufgewertet.
Foto © Jörg Niederer
"Alle Projekte sind unweigerlich mit dem Wasser verbunden." Bodo Middelhoff

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Für einmal ist das kein Foto zur Trockenheit in der Schweiz. Obwohl, die Trockenheit ist auch im Feuchtgebiet Gampen, an der Gemeindegrenze von Berg im Kanton Thurgau deutlich zu erkennen.

Es geht bei diesem bewaldeten Landstück um ein Pilotprojekt des Kanton Thurgaus. Dieser will mehrere einstige Feuchtgebiete wieder vernässen, um so der Trockenheit entgegenzuwirken. Diese Feuchtgebiete wirken auch als natürliche Rückhaltebecken bei heftigen Niederschlägen. Zudem sind sie ökologisch sehr wertvoll. Moore speichern etwa zwanzigmal so viel CO2 wie Wälder.

Das Feuchtgebiet Gampen gehört zu den ersten dieser neu vernässten Feuchtgebieten. Dabei wurde der Wasserstand durch eine Regulierung der Abflüsse deutlich angehoben, so dass das einstige Waldgebiet überschwemmt wurde. Zugleich kam der Biber, und hob den Wasserstand um weitere 30 Zentimeter an. Man habe mit dem Biber sozusagen Hand in Hand zusammengearbeitet, meinte ein Verantwortlicher. Herausgekommen ist das, was man auf dem Foto sieht. Bäume sterben ab, das Gebiet ist deutlich feuchter und lichter geworden als die weitere Umgebung. Seltene Tiere kommen zurück, zum Beispiel der Mittelspecht.

Da wo der Biber die Landschaft gestaltet, steigt die Artenvielfalt massiv an. Das konnten die Fachleute des Kantons auch im Feuchtgebiet Gampen feststellen.

Grund genug, den Ort nicht sehr weit entfernt von meinen Wohnort aufzusuchen. Es hat sich gelohnt. Erstmals fotografierte ich die Blutrote Heidelibelle, ein Reh huschte über die Waldstrasse, Vögel konzertierten in den Zweigen und dann trafen wir noch eine Frau im Tarnanzug, die genau hier ihre bevorzugte Fotostrecke findet.

Eine Frage aber bewegt uns nach dem Besuch dieses bemerkenswerten Orts. Wie haben die Biber die Trockenheit überstanden? Ist noch genug Wasser da, um den Unterwasserzugang zum Bau zu gewährleisten? Denn sichtbares Oberflächenwasser war vom Weg aus nur an wenigen Stellen zu erkennen.

Übrigens: Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Gebiet durch einen Beitrag im "Echo der Zeit" vom 9. August 2026.

Jörg Niederer

Mittwoch, 19. August 2026

Fake Hupverbot

Ein Zitat

Das Hupverbots-Strassenverkehrsschild ist fake. In der Schweiz ist das Hupen so restriktiv geregelt, dass ein Verkehrsschild dazu keinen Sinn macht.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn du eine Diät machen willst, ersetze das Licht in deinem Kühlschrank durch eine Hupe." nach wordgag.de

Entdeckt

In der Schweiz wird nur ganz selten gehupt. Das hat Gründe. Denn die Verkehrsregelnverordnung (VRV) erlaubt Hupen (und auch Lichthupen) nur bei Gefahr und in sehr unübersichtlichen Kurven ausserorts. Hupen aus Freude über ein gewonnenes Fussballspiel kann teuer werden. Erst recht nachts. Ein Kollege von mir verlor wegen Hupens in der Nacht seinen Führerschein für einige Monate.

Im Artikel 29 der VRV steht: 

"1 Der Fahrzeugführer hat sich so zu verhalten, dass akustische Warnsignale oder Lichtsignale möglichst nicht notwendig sind. Er darf solche Signale nur geben, wo die Sicherheit des Verkehrs es erfordert; dies gilt auch für Gefahrenlichter (...).

2 Der Fahrzeugführer hat akustische Warnsignale zu geben, wenn Kinder im Bereich der Strasse nicht auf den Verkehr achten und vor unübersichtlichen, engen Kurven ausserorts.

3 Nach Eintritt der Dunkelheit dürfen nur Lichtsignale gegeben werden. Akustische Warnsignale sind nur in Notfällen zulässig."

Diese Verordnung bedeutet, dass ein Verkehrsschild für ein Hupverbot unnötig ist. Doch in Bern habe ich es entdeckt, aufgeklebt auf der Rückseite einer weiteren Verkehrstafel. Allein schon diese inoffizielle Anbringungsweise entlarvt das Hupverbotsschild als Fake.

Könnte das Schild etwas anderes bedeuten? Z.B. "Platzkonzerte von Bläsergruppen verboten", oder "Postautos verboten", oder "Kein Jagdrevier"? Andere Vorschläge bitte in die Kommentare.

Jörg Niederer

Dienstag, 18. August 2026

Doppelsichtig

Ein Zitat

Ein Vieraugenfisch im Tierpark Dählhölzli in Bern will wissen, wer ihn da fotografiert.
Foto © Jörg Niederer
"Das Wasser war ganz warm. Es hatte dieses wunderbare, durchsichtige, mit Silber gesprenkelte Blau, aber der Sand am Grund war wie Gold …" Katherine Mansfield (1888-1923)

Entdeckt

Noch einmal Tierpark Dählhölzli in Bern. Der Vieraugenfisch ist nebst einem Frosch das einzige Tier, das gleichzeitig sowohl über- wie unter Wasser scharf sehen kann. Dazu sind seine beiden Augen zweigeteilt und weisen je unterschiedliche Krümmungen und Pupillen auf. Bei diesem Brackwasserfisch handelt es sich um den grössten Zahnkärpfling, den wir kennen. Er lebt in Küstengewässern Südamerikas in Brack- und Süsswasser und bleibt stets an der Wasseroberfläche. Weil er so aussergewöhnlich ist, wird er gerne in Zoos den Besuchenden präsentiert.

Der Fisch sieht also im wahrsten Sinn des Wortes doppelt, und das ganz ohne Alkoholkonsum.

Jörg Niederer

Montag, 17. August 2026

Farbenfroh

Ein Zitat

Ein Rothaubenturako im Tierpark Dählhölzli in Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Bescheidenheit ist mein vorzüglichster Fehler, den ich mir mit der Zeit noch ganz abgewöhnen muss." Ludwig Tieck (1773-1853)

Entdeckt

Im Tierpark Dählhölzli in Bern werden viele europäische Tiere gehalten, zum Teil in sehr grossen Aussengehegen. Das hat mir schon gefallen, als ich noch als kleiner Junge mit meinen Eltern in Bern wohnte und immer einmal wieder einen Besuch im Zoo machen durfte. Aber auch exotische Tiere finden sich hier, so etwa dieser Rothaubenturako, ein Vogel aus Angola. Der Tierpark hält mehrere dieser farbenfrohen Vögel im Rahmen eines europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Auch ein Jungvogel turnt aktuell in den Volieren des Tierparks herum. Er weisst noch nicht die Farbenpracht seiner Eltern auf. Die rote und grüne Färbung entsteht übrigens bei diesem Vogel nicht durch die Oberflächenstruktur der Federn, sondern durch kupferhaltige Pigmente.

Rothaubenturakos ernähren sich fast ausschliesslich von Früchten. Früher zählte man sie zur Ordnung der Kuckucksvögel. Heute sind sie eine eigene Ordnung. Als Turakos zählen sie zu den Lärmvögeln! Das sagt einiges aus über ihre Stimmgewalt, mit der sie rufend, kreischend und schreiend ihr Revier abgrenzen. Wie das klingt, kann man sich hier anhören.

Jörg Niederer

Sonntag, 16. August 2026

Heilige Kühe

Ein Zitat

Kuh beim Wiederkäuen auf einer Alpweide.
Foto © Jörg Niederer
"Genauso machten es die Philister: Sie schafften zwei Kühe mit ihren Kälbern herbei. Die Muttertiere spannten sie vor den Wagen, während sie die Kälber in den Stall sperrten. Dann stellten sie die Lade des Herrn auf den Wagen, ..." Bibel: 1. Samuel 6,10-11a

Entdeckt

Die Bundeslade war lange Zeit das Allerheiligste in Israel. So war es besonders schlimm, als die Philister diese in einem Feldzug den Israeliten rauben konnten. Gott selbst sorgte in der Folge dafür, dass die Bundeslade den Philister kein Glück brachte und sie diese wieder los werden wollten (siehe dazu Bibel, 1. Samuel 5+6). 

Seit die Muttertierhaltung Einzug gehalten hat in der Viehwirtschaft, wissen wir wieder, wovon dieser Bibeltext redet. Versuche einmal, eine Mutterkuh auf der Weide von ihrem Kalb zu trennen! Das kann ins Auge gehen. Mütter neigen dazu, ihren Nachwuchs mit absoluter Konsequenz zu verteidigen. Untrainierte Kühe kann man auch nicht für das Ziehen eines Ochsenwagens gebrauchen. Das heisst: Die Philister haben es Gott besonders schwer gemacht, die Bundeslade wieder nach Israel zurück zu bringen. Sie wollten ihre Kriegsbeute gar nicht hergeben. 

Irgendwie ist das eine Jonageschichte. Eine Geschichte, die zeigt, dass Gott sein Ziel gegen jeden Widerstand erreichen kann. Bei Jona war es der Prophet selbst, der versuchte, Gott von seinem Ziel abzubringen. In der Bundesladengeschichte sind es die Philister, die es Gott so schwer wie möglich machten, seinen äusserst machtvollen Zauberkasten wieder ihrem Machtbereich zu entziehen. Doch die Kühe liessen lieber ihre Kälber stehen, statt sich Gott zu widersetzen. Es sind die Kühe, welche die Nachfolge höher gewichteten als die eigenen familiären Bande (siehe Matthäus 10,37!) und den eigenen Tod (siehe Matthäus 10,38-39!). Sie gaben Ihr Leben als Opfer für Gott. (Schade, dass die Kühe, obwohl sie alles richtig gemacht hatten, nicht weiter leben durften.)

Jörg Niederer

Samstag, 15. August 2026

Wasserfreude

Ein Zitat

Oben: Seehund im Tierpark Dählhölzli in Bern. Unten: Gewitterregen am Bahnhof Spiez.
Fotos © Jörg Niederer

"Es war einmal ein Mann der gung / In eines Flusser Niederung / Der Tanz der grünlich krausen Wellen / Tat seines Geistes Licht erhellen."
Kurt Schwitters (1887-1948)

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Eben noch war ich ein wenig neidisch auf die Seehunde im Tierpark Dählhölzli in Bern, die sich auf dem Grund des Beckens vor der Hitze und Sonne in Sicherheit bringen konnten, und nur gelegentlich mal kurz auftauchten und aus dem Wasser nach uns schweissgebadeten Zoobesuchenden schauten. Natürlich galt der Neid auch all den Menschen, die die Aare hinunter durch die Stadt Bern schwammen. Mangels Badehosen und bedingt durch ein anderes Ziel konnten wir uns nicht in gleicher Weise erfrischend treiben lassen.

Ein Tag später dann nach einer Beisetzungsfeier überraschte uns ein Gewitter am Bahnhof Spiez. Zum ersten Mal seit einigen Wochen spürte ich wieder Regentropfen. War das schön und erquickend. Laut den Meteorologen soll es in den kommenden Wochen wieder kühler werden und vermehrt Gewitter geben. Doch das helfe nicht, die Wasserspeicher aufzufüllen. So erzählte einer der Bergler an der Beisetzungsfeier, dass sie ein Schreiben von der Wassergenossenschaft erhalten hätten, in dem sie zum Wassersparen aufgefordert worden seien. Wassersparen wird wohl noch bis zum nächsten tagelangen Dauerregen ein bleibende Aufgabe sein. Bis es soweit ist, wird wenigstens der Schweiss weiter fliessen.

Jörg Niederer

Freitag, 14. August 2026

Das Vertriebsnetz

Ein Zitat

Einstige Predigtorte der Methodist:innen: Oben: Gehöft Ober Altenei. Unten: Bauernbetrieb Aspi.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir vergehen wie Rauch von starken Winden." Andreas Gryphius (1616-1664)

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Der bequeme Weg von Langnau nach Signau folgt den Flussläufen von Ilfis und Emme. Der unbequeme Weg dagegen führt auf direkterem Weg über die Emmentaler Hügel. Dabei kommt man an vielen Gehöften und Heimetli vorbei. Noch in Sichtweite von Langnau, 150 bis 200 Höhenmeter über der Talsohle, trafen sich einst Methodist:innen zu ihren Gottesdiensten in Bauernhöfen. Luftlinie sind diese Orte nur zwei, drei Kilometer von der "Mutterkirche" in Langnau entfernt. Von Langnau aus betreute die Pfarrperson auch die "Aussenstationen".

Man kann sich fragen, ob ein so dichtes Netzt an Predigtplätzen Sinn macht. Es scheint zumindest ein Bedürfnis gewesen zu sein, sonst hätte es diese abgelegenen Predigtplätze nicht gegeben. Vermutlich hätte man ohne sie viele Bauernfamilien an ihren schwer zugänglichen Orten nicht erreicht. Auch ist zu vermuten, dass solche Predigtplätze in Privathäusern auch von anderen Freikirchen im Emmental unterhalten wurden. Zumindest die Täufer trafen sich oft in abgelegenen Weilern.

1987 wurden die beiden methodistischen Predigtstandorte Altenei und Aspi aufgegeben. Das hat wohl vielfältige Ursachen gehabt. Zu vermuten ist, dass es auch im Emmental zu einer verstärkten Entfremdung der Bevölkerung von freikirchlicher Zugehörigkeit gekommen ist. Weiter wurden an vielen Orten die Wege wintersicher ausgebaut und damit die Mobilität erhöht. Auch die Grossfamilien auf den Bauernhöfen verschwanden, was das Transportproblem deutlich verringerte. Vielleicht wollte man die Pfarrpersonen entlasten. Weiter vermutet werden kann, dass das Gemeinschaftserlebnis vermehrt in Gottesdiensten mit höherer Beteiligung gesucht wurde.

Die negativen Folgen dieser Strukturbereinigung: Nähe zu und Einfluss auf die Menschen schwanden dahin. An manchen Orten sosehr, dass innerhalb von 30, 40 Jahren von der einst blühenden und vielfältigen Arbeit nur noch wenige Baudenkmäler übriggeblieben ist. So etwa auf dem kirchlichen Arbeitsfeld um Signau herum. Dazu später mehr in diesem Blog.

Der Niedergang erfolgte schleichend und unaufhaltsam. Das Alte ist vergangen, das Neue zeigt sich aktuell noch nicht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 13. August 2026

Sonnenfinsternis

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Der Höhepunkt der Sonnenfinstern vom 12. August 2026. Bis auf eine Sichel ist die Sonne vom Mond abgedeckt.
Foto © Jörg Niederer
"... bei einem Streit mit jemandem noch vor Sonnenuntergang wieder Frieden schliessen." Benediktsregel

Entdeckt

Grosses Theater am Abendhimmel. Kurz vor Sonnenuntergang schiebt sich der Mond zwischen Erde und Sonne. Nach einigen Minuten ist die Sonne nur noch als schmale Sichel zu sehen. Dann taucht sie abgedunkelt am Horizont weg und geht, wie man so sagt, unter.

Für einmal ist nicht der Mond "nur halb zu sehen", wie Matthias Claudius im Jahr 1779 dichtete, sondern die Sonne. Ein besonderer Tag für die Wissenschaft und für viele astronomisch Interessierte. Manche sind sogar nach Spanien gereist, um die dort vollständige Sonnenfinsternis zu beobachten.

Die Wissenschaft hat die Sonnenfinsternis entzaubert. Sie eignet sich nicht mehr für Weltuntergangs-Verheissungen. Faszinierend ist so ein seltenes Ereignis dennoch. Um es zu betrachten musste ich nicht einmal aus der Wohnung. Mir wurde die Show frei Haus geliefert. Wunderbar.

Jörg Niederer

Mittwoch, 12. August 2026

Lebendig verspeist

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Die Schlupfwespe Coleocentrus excitator auf einem Brombeerblatt.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts ist umsonst erschaffen, aber die Fliege ist nicht weit davon entfernt." Mark Twain (1835-1910)

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Darf ich vorstellen: Schlupfwespe. Weibchen von Coleocentrus excitator. Einen deutschen Namen hat das gut 23 mm lange Insekt nicht. Der Legestachel wurde bei der Grössenangabe noch nicht mitgemessen. Er ist noch einmal gut 17 mm lang. Die Schlupfwespe ist ein koinobionter Endoparasitoid. Das bedeutet, dass die Larven der Schlupfwespe lange Zeit in einem andern Tier leben, und dieses langsam von innen auffressen, aber so, dass das Wirtstier erst kurz vor Ablauf des Larvenstadiums der parasitierenden Tieres stirbt. Genau das bezeichnet das "Endo" vor dem Begriff "Parasitoid". Der Parasit bringt den Wirt langsam und schlussendlich um. Es gibt auch parasitoide Insekten, die den Wirt weiterleben lassen.

Im Fall von Coleocentrus excitator parasitiert dieser verschiedene Bockkäfer, etwa den Mulmbock, den Gelbbindigen Zangenbock, den Rothalsbock und den Braunrötlichen Spitzdeckenbock. damit reguliert Coleocentrus excitator mit seinem parasitierenden Verhalten einige Baumschädlinge. Das ist für die Bockkäfer natürlich nicht sehr schön, für die Kiefern, Fichten und Erlen jedoch schon.

Jörg Niederer

Dienstag, 11. August 2026

Tempi Passati

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"Wie traurig. Eine Hälfte der Welt glaubt nicht an Gott, die andere nicht an mich." Oscar Wilde (1854-1900)

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Oben: Das Lindenzytli in Hettiswil. Unten: Das Primarschulhaus von Hettiswil
Fotos © Jörg Niederer

Hettiswil ist ein kleines Dorf, südöstlich von Hindelbank. Wer hindurch wandert, steht irgendeinmal vor dem Lindenzytli. Der kleine Turm mit Uhr fällt auf. Seine Glocke erinnert an eine Zeit, die vor 900 Jahren begann, und in der Reformation endete, als hier ein kleines Cluniazenserpriorat stand. Nie lebten mehr als drei Mönche an diesem Ort. Heute ist nichts mehr von diesem "Gotzhus Hettiswil" zu sehen. Zwar fand die Glocke des Klosters, die vorübergehend in Solothurn ruhte, wieder als Feuerglocke ins Dorf zurück. Damit sie gut hörbar war, wurde das Lindenzytli im Dorfkern errichtet. Doch da die Glocke zersprang, ersetzte man sie durch eine neue. Auch das Lindenzytli steht nicht mehr da, wo es ursprünglich hingebaut worden war. Aufgrund des Verkehrs verschob man es zwischen 1950-1954 um zwei Meter. Heute ist das Lindenzytli Wahrzeichen von Hettiswil, und erinnert noch ein wenig an das verflossene Kloster.

All das ist Tempi Passati. Genauso, wie die Sonntagschule der Evangelisch-methodistischen Kirche im Primarschulhaus Hettiswil. Sie bestand bis 1981 als Teil der Arbeit des Kirchenbezirks Burgdorf. Sonntagschulen wurden an vielen Standorten in Schulhäusern abgehalten. Methodistische Kirchen brachten diese Form der sonntäglichen Kinderunterweisung überhaupt erst in die Schweiz. Schulen als Standorte waren ideal geeignet, kannten die Kinder doch schon den Ort und fühlten sich dort wohl. Offensichtlich entsprach dieses Angebot auch dem Bedürfnis jener Zeit. Sonntagschulen mit 100 Kindern und mehr gab es zum Beispiel in Strengelbach und an vielen anderen Orten. In meiner Anfangszeit erlebte ich noch Sonntagschulweihnachtsfeiern in einem dieser Landschulhäusern.

Heute ist es kaum möglich, als Freikirche ein solches Angebot im Schulhaus anzubieten. Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen sind religiös diverser unterwegs, wollen nicht, dass ihre Kinder in irgend einer ihnen nicht vertrauten Weise indoktriniert werden. Ein berechtigtes Anliegen. Also werden Schulräume kaum noch an Kirchen und Gemeinschaften vermietet. Selbst die Werbung an Schulen für die beliebten Kinderwochen, auch wenn die Landeskirchen beteiligt sind, wird nicht mehr gern gesehen.

So kann man nicht nur in Hettiswil sagen: Sonntagschulen in Schulhäusern sind wie das Kloster Hettiswil: Vergangenheit. Tempi Passati.

Jörg Niederer

Montag, 10. August 2026

Street Parade

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Die Scheibe im Abteil eines Zugs von Bern nach Zürich war wohl von Besuchenden der Street Parade in arge Mitleidenschaft gezogen worden.
Foto © Jörg Niederer
"Together We Move" Motto der diesjährigen Street Parade

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Wer seine Ruhe haben möchte, fährt besser nicht während der Street Parade von Bern nach Zürich. Nicht nur, dass manche Fahrgäste allen andern im Zug ihre Songs vorführen wollten, dabei lauthals mitsangen und alkoholbedingt ihre sprachlichen Lautäusserungen nicht mehr ganz auf Zimmerlautstäre einpegeln konnten. Nein, auch der Abfall häufte sich an den unmöglichsten Orten. Von unserem Abteil aus war auch die Aussicht, wohl aufgrund von Zusammenstössen irgendwelcher harter Körperteile mit der Scheibe, doch sehr fragmentiert. Vielleicht hatte aber auch jemand nun endlich diese Hämmerchen ausprobiert, das in den Zügen die Möglichkeit des Notausstiegs sicher soll. Falls ja, so hat alles wunderbar funktioniert. 

Die zerbrochene Scheibe ergab eine ganz neue Sicht der Dinge. Oder müsste man sagen: Zum ersten Mal sah man, wie zersplittert die Welt wirklich ist. Zusammengehalten wurde die Bruchscheibe von einer dünne aufgeklebten Plastikfolie. Diese sorgte dafür, dass auch bei Druckaufbau durch entgegenkommende Züge die Scheibe nicht kollabierte. Wie ist das mit unserer Gesellschaft? Was hält diese noch zusammen?

Jörg Niederer

Sonntag, 9. August 2026

Nachtragend

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Taufstein in der Reformierten Kirche Wynigen.
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Jesus spricht: "Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. Ihr sollt andere nicht verurteilen, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemanden zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben." (Bibel: Lukas 6,36+37)

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Im Buch "Der Friedhof in Prag" erzählt Umberto Eco die Geschichte eines Anwalts, der mit Urkundenfälschung und Falschaussagen Menschen begünstigt und andere ins Gefängnis gebracht hatte. Dann stellte er einen jungen Advokaten ein. Dieser hatte den Anwalt in Verdacht, ihn um sein Erbe gebracht zu haben. Der junge Advokat lernte die üblen Machenschaften seines Chefs, bis er ihn mit eben diesen Mitteln hinter Gitter und die Anwaltskanzlei in seinen Besitz gebracht hatte.

Was der Mensch sät, das wird er ernten. Jesus sagt es so: "Denn der Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten." (Bibel: Lukas 6,38)

Als Menschen hinterlassen wir unablässig unsere Spuren. Wir produzieren Altlasten. Sie erzählen von uns. Vielleicht, wie wir rücksichtslos den eigenen Vorteil gesucht haben auf Kosten anderer. Oder sie erzählen von der Grosszügigkeit und Hilfsbereitschaft unseres Lebens.

Lasten, die ich anderen Aufbürde, lasten schwer auf meinem Leben. Erleichterung, die ich anderen Menschen verschaffe, erfüllt mein Leben mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit.

Das Prinzip, das Jesus benennt, ist hinlänglich bekannt. Wie wir austeilen, so werden wir einstecken.

Manchmal bin ich jemandem gegenüber "nachtragend". Stelle dir das bildlich vor. Voraus derjenige, dem du etwas nachträgst, und dahinter keuchst du, beladen wie ein Page mit dem Übergepäck einer Diva. Du bist es, der von dieser Last schwer zusammengestaucht wird, nicht derjenige, dem du nicht vergeben kannst. Darum_ Lade deine Last ab, setze dich und den anderen frei!

Jörg Niederer

Samstag, 8. August 2026

Abschottung und Neutralität

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Ein mit einem Graffiti zur Flüchtlingsthematik versehener Güterwagon steht ausgerechnet am 1. August 2026, dem Schweizer Nationalfeiertag, auf dem Bahnhof Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Hab Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Immanuel Kant (1724-1804)

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1. August 2026. Morgens auf dem Bahnhof Frauenfeld steht ein Wagon. Jemand hatte ihn besprayt mit einer Botschaft zur Flüchtlingspolitik der Schweiz. Da gibt es Bührle-Waffen und Öl das durch Pipelines in die Schweiz fliesst, dahin, wohin Afrikaner auf dem Rücken eines Delfins auf dem Weg sind. Wirtschaftliche Interessen und eine Abschottungspolitik gegenüber Menschen aus ärmeren Ländern. Was für ein unwürdiges Theater. Vielleicht deshalb auch Ines Torelli und Jörg Schneider, die Darsteller:innen von Kasperli und Kompagnie.

Ob an diesem schweizerischen Nationalfeiertag auch wieder aufgerufen wurde, die Grenzen dichter zu machen für Migrant:innen? Es sind die Rechtsparteien, die sich so immer wieder der internationalen Solidarität entziehen wollen, sobald es die Schweiz etwas kostet.

Gerade ist wieder eine SVP-Initative am Start. Auf Bahnhöfen kann man die plakative Werbung zur sogenannten Neutralitätsinitiative kaum übersehen. Sie passt in diese Politik der Selbstgenügsamkeit und der Entsolidarisierung. Gefordert wird eine schweizerische Neutralität, die z.B. nicht mehr die Boykotte gegenüber dem kriegsführenden Russland mittragen könnte. Auch eine Koordinerung bei Rüstungsfragen mit den umliegenden Ländern wäre bei Annahme dieser Initiative nicht mehr möglich.

Der Slogan dazu spielt einmal mehr mit Ängsten: "Kein Krieg. Ja zur Schweizer Neutralität".

Die Schweiz gehört schon zu den neutralen Staaten. Eine Zustimmung zu dieser Initiative vermindert in keiner Weise, dass die Schweiz in kriegerische Händel hineingezogen oder angegriffen werden könnte. Ich habe nachgeschaut, wie viele neutrale Staaten schon von feindlichen Mächten angegriffen und/oder erobert wurden in den letzten rund hundert Jahren. Dazu gehören Belgien, Luxemburg, Holland, Estland, Lettland und Litauen, Norwegen und Dänemark, Monaco und San Marino und auch Island. Dies geschah im 1. und 2. Weltkrieg. Das neutrale Tibet wurde 1950 gar von China annektiert.

Selbst wenn nicht alle diese Staaten die gleich Art der Neutralität besitzen oder besassen wie die Schweiz, so zeigt die Aufzählung deutlich: Neutralität kann nicht davor schützen, in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelt zu werden.

War die Schweiz neutral im 2. Weltkrieg? War der Umgang mit der jüdischen Bevölkerung und jüdischen Flüchtlingen in jener Zeit neutral? Ich denke nicht. Waren die Waffentransporte und die finanziellen Verflechtungen mit Nati-Deutschland neutral? Auch das kann so nicht behauptet werden. Dabei konnte das kriegsführenden Deutschland das Territorium der Schweiz für ihre Kriegszwecke (die Waffentransporte durch die Schweiz) nutzen. Das war nach den geltenden Neutralitätsverträgen eine Verletzung der Schweizer Neutralität.

Dieses opportunistische Vorgehen der Schweiz zeigt deutlich auf, dass es gerade nicht die Neutralität war, welche uns vor einem kriegerischen Angriff schützte.

Darum stimmt es einfach nicht, was die Initianten behaupten. Die Neutralitätsinitiative schützt nicht vor Krieg. Vielmehr geht es einmal mehr um Opportunismus und eine Entsolidarisierung mit unsern friedlichen Nachbarn oder den in Kriege verwickelten Ländern wie der Ukraine.

Es lohnt sich, das Argumentarium zu dieser Initiative gut durchzulesen. Denn wir brauchen die Forderungen dieser unsolidarische Neutralitätsinitiative nicht.

Jörg Niederer


Freitag, 7. August 2026

Die Dürre und das liebe Vieh

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Dreimal Dürre. Einmal bei Burgdorf, dann bei Wynigen und ganz unten bei Hasle-Rüegsau.
Fotos © Jörg Niederer
"Überhaupt: Das Leben ist kurz; man muss die Gegenwart mit Vernunft und Gerechtigkeit nutzen. Sei nüchtern und entspannt." Marc Aurel (121-180 n. Chr.)

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Dreimal Dürre in der weiteren Region um Burgdorf herum. Ich erinnere mich an ein Gespräch. Es war im Frühjahr. Im Zug sass ich einem Flüchtling aus Afghanistan gegenüber. Der Bauernsohn lobte die grünen Wiesen und Matten in der Schweiz. Hier hätte es das Vieh noch besser als manche Menschen in seinem kriegsversehrten Land. Gerne würde er hier Bauer sein.

Das war, als die Dürre sich noch nicht abgezeichnet hatte. Gestern bei der Weiterwanderung auf der Kapellentour von Krauchthal zum Bahnhof Hasle-Rüegsau trafen wir in der Schwändi den Altbauern an, wie er auf einem alten Elektrovelo neben uns hoch flitzte und vor einem Wasserreservoir anhielt, um dort nach dem Wasserstand zu schauen. Ich fragte ihn, ob er noch genug Wasser habe. Er verneinte: "Eben ist es zu wenig. Die Quelle gibt noch einen Liter pro Minute." Jetzt füllte er das Reservoir mit dem teuren Wasser der Gemeinde etwas auf. Ich verstand nun, warum der Wasserschlauch von weiter oben zum Wasserspeicher des Bauern führte. Er erzählte. Sein Sohn, der nun den Hof führe, habe auch nicht mehr ausreichend Futter. Die Händler seien ausverkauft, sie könnten nicht mehr liefern, auch nicht aus Frankreich oder Deutschland, von wo sie in anderen Jahren Futter einführen konnten. Die Bauern der Nachbarsländer hätten selbst zu wenig Futter für ihre Tiere. Es habe zwar auch 2003 schon eine grosse Trockenheit gegeben, die sei aber nicht schon so früh gekommen. "So etwas habe ich noch nie erlebt", meint er. "Wir müssen wohl Kühe verkaufen."

An einer anderen Stelle sahen wir von Weitem eine Prozession von Kühen und Kälbern, wie sie über eine grosse, trockene Weide hinweg zum weit entfernten Zaun zogen. Dort hatte es angrenzend noch grüne Wiesen. Dort frassen sie dann unter dem Zaun hindurch. Andere Rinder hatten es besser, an denen wir vorbeiwanderten. Sie liessen sich nicht ablenken von dem relativ kleinen, von grünem Klee deutlich anders gefärbten Weideland. Es müsste wohl gerade gereichen haben für diesen einen Tag. Was aber dann?

Ich überlegte mir: Sieht es jetzt bei uns so aus, wie auf den Weiden des Bauernsohns in Afghanistan?

Jörg Niederer

Donnerstag, 6. August 2026

Der Kunstschatz in der kantonalbernischen Provinz

Ein Zitat

Das Langhans-Grab in der Reformierten Kirche Hindelbank wurde von Johann August Nahl dem Älteren geschaffen.
Foto © Jörg Niederer
"Kein Werk der Kunst hat jemals einen so mächtigen Eindruck auf mich gemacht als dieser Grabstein, den ich für das erhabenste Denkmal halten muss, das in der Welt irgend der Art besteht. Es ist das Grab, das seine Toten wiedergibt." James Fenimore Cooper (1789-1851)

Entdeckt

Da stand also der Autor des "Lederstrumpfs" vor dem Grabmal der Maria Magdalena Langhans in der Reformierten Kirche von Hindelbank, und war tief bewegt. Geschaffen wurde es von einer damaligen Berühmtheit, vom Bildhauer Johann August Nahl dem Älteren (1710-1781). Es war im Jahr 1751, als er dabei war, die Grabplatte für den berühmtesten Mann des Orts zu erstellen, für Hieronymus von Erlach. Dieser erbaute das Schloss Hindelbank, wirkte als bernischer Gesandter in Paris, war Schultheis von Bern und auch sonst ein Wohltäter bis zu seinem Tod 1748. In jener Zeit wohnte Nahl beim Pfarrer von Hindelbank in dessen Wohnung, um täglich schnell am Ort seiner Auftragsarbeit zu sein. Dabei lernte er auch die mit dem ersten Kind schwangere Frau des Pfarrers kennen. Maria Magdalena Langhans war eine einnehmende Persönlichkeit. Doch am Vorabend des Osterfests verstarb sie im Alter von erst 28 Jahren bei der Geburt eines Knaben, der seine Geburt ebenfalls nicht lange überlebte.

Nahl, der selbst den Tod von 12 seiner 15 Kindern miterleben musste, war tief betroffen und aufgewühlt. So schuf er auch das Grabmal für Maria Magdalena Langhans und ihren kleinen Sohn. "Eine Grabplatte, von Todessymbolen und den Wappen der Pfarrfamilie eingefasst, trägt die Inschrift: 'Herr, hier bin ich und das Kind, so du mir gegeben hast'!, sowie die Worte aus einem Gedicht des Berner Arztes und Naturforschers Albrecht von Haller: 'Horch! Die Trompete ruft, sie schallet durch das Grab / Wach' auf, mein Schmerzenskind, leg deine Hülle ab / Eil deinem Heiland zu, vor ihm flieht Tod und Zeit / Und in ein ewig Heil verschwindet alles Leid'. Der Stein, aus einem einzigen Block gehauen, scheint von unten herauf geborsten und in drei Stücke zerbrochen. Im entstandenen Riss wird die Pfarrfrau mit dem Kind sichtbar, die, zu ewigem Leben erweckt, ins Licht empor drängt." So wird das Grab auf der Webseite der Reformierten Kirche Hindelbank beschrieben.

Das Grab wurde bald von verschiedensten Menschen besucht und bewundert, darunter auch Johann Wolfgang von Goethe, Arthur Schopenhauer und Albert Anker. Bei "vermögenden Leuten und Kunstkennern des 18. Jahrhunderts" war das Langhans-Grab besonders angesehen. Manche erstanden Kopien aus Gips, Ton oder Porzellan. Kupferstiche davon wurden als Souvenir von Kutschenreisenden mit nach Hause genommen.

Ich muss zugeben, auch mir macht diese Grabplatte Eindruck. Und noch mehr diese tragische Geschichte, die damit verbunden ist.

Jörg Niederer

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