Ein Zitat
"Denn woher [kommt] diese noch so allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Verfinsterung der Köpfe bei allem Licht, das Philosophie und Erfahrung aufsteckten?" Friedrich Schiller (1759-1805)
Foto: © Jörg Niederer
Entdeckt
Mitunter Seltsames ereignet sich, wenn man sich in der Zürcher Bahnhofshalle in ein Café setzt. Meist geht es keine 20 Minuten, bis etwas geschieht, das den normalen Bahnalltag durchbricht. So wie bei diesem Jugendlichen auf dem Foto, der in einer grossen Selbstverständlichkeit und nicht etwa am Dreikönigstag mit Krone auf dem Haupt vorüber schlenderte.
Gestern begab sich anderes Kurioses und zugleich Verstörendes, als ich am frühen Morgen in Frauenfeld in den bereits gut besetzten Zug nach Winterthur stieg. Schon beim Einstieg war das Gedränge von einer gewissen Ungeduld der Reisenden geprägt. Da drängten einige hinein, noch bevor die, welche den Zug verlassen wollten, ihm alle entstiegen waren. Irgendwie fand ich den Weg zu den Abteilen, suchte mir eines aus, in dem eine muslimische Frau mit Kopftuch alleine sass und auf ihrem Notebook arbeitete. Höflich fragte ich sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe, da drängte sich eine andere weiblich gekleidete Person durch den schmalen verbliebenen Raum zwischen Abteil und mir just auf den Platz, den ich anvisiert hatte. Schon draussen war sie mir unter anderen Reisenden als Transperson aufgefallen.
Nun, ich gab mich in mein Schicksal, und setzte mich halt ins gegenüberliegende Abteil zu zwei Frauen. Kaum hatte ich mich gesetzt, also gerade einmal zwei Sekunden später, geschah das Seltsame. Die Transperson schaute erstmals die Frau an, der sie nun schräg Vis-à-vis sass, erkannte diese als Muslima, sprang wie von der Tarantel gestochen auf und eilte in ein Abteil mit anderen, ihr wohl genehmeren Menschen.
Die Muslima und ich schauten uns verwundert und amüsiert an.
Was also war geschehen. Eine Person aus einer oft diskriminierten Minderheit wollte nicht am selben Ort sitzen, an dem eine andere Person aus einer anderen, oft diskriminierten Minderheit sass. Nicht nur kam die Transperson bei mir durch ihr Vordrängeln nicht gerade sympathisch herüber, sondern sie war auch noch von Vorurteilen geplagt, und sich nicht zu schade, diese durch ihr Verhalten deutlich sichtbar zu zeigen.
Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Später erzählte ich von diesem Erlebnis in einer Tischrunde. Da meinte eine der Frauen, die lange in einem sozialen Brennpunkt in Zürich gearbeitet hatte: "Das kenne ich. Bei uns wollten die Alkoholiker auch nicht bei den Drögelern am selben Tisch sitzen."
Vorurteile plagen alle Menschen. Besonders traurig finde ich es, wenn diese zwischen sonst schon benachteiligten Randgruppen der Gesellschaft zelebriert werden. Statt dass man die Chance ergreift, gemeinsam sich besser zu positionieren, ebnet man anderen einflussreicheren Kreisen den Weg zu mehr Macht. So kann es geschehen, dass die Mehrheit in Kantonsparlamenten den Töchtern von Muslimas vorschreibt, wie sie in der Schule gekleidet sein müssen. Und wiederum andere Mehrheiten in Parlamenten streichen die Sozialhilfe zusammen, um für Landesverteidigung mehr finanzielle Mittel freizusetzten. Es soll ja sicher nicht denen gegeben werden, die schon nichts haben oder darauf angewiesen sind; die auch gar nicht damit vernünftig umgehen können und überhaupt nicht zu uns guten Bürger:innen passen.. So verwehrt man dringend benötigte Mittel für Frauenhäuser, für die "selbstverschuldeten" Randständigen, oft "Sozialschmarotzer" genannt, für diskriminierte und marginalisierte Menschen.
Da kommt mir eine andere, jüngst erlebte Geschichte in den Sinn von einer Frau, die einer anderen in aller Öffentlichkeit nachrief, sie solle halt arbeiten. Diese Geschichte werde ich dann im morgigen Blog erzählen.
Jörg Niederer