Mittwoch, 30. September 2026

Kapellen werden und vergehen

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Oben: Die einstige Wesley-Kapelle im Breitenrainquartier von Bern ist heute ein Kulturzentrum. Unten. Ob das wirklich die einstige Markuskapelle in Bern-Liebefeld ist? die Wahrscheinlichkeit ist gross.
Fotos: © Jörg Niederer
"Von der Methodistenkapelle zu Berns erster Adresse für Chanson & Kabarett" Quelle: La Capella, Bern

Entdeckt

Gestern schrieb ich von einstigen 8 Methodistenkirchen in der Stadt Bern. Nun, es waren nur 7. Bei einer Liegenschaft handelte es sich lediglich um ein Wohnhaus.

Schauen wir heute auf zwei sehr verschiedene Kapellen. Beginnen wir mit der Kapelle, die nach den Gründern der methodistischen Bewegung in England benannt und noch heute so angeschrieben ist, der Wesley-Kapelle. Sie steht im Quartier Breitenrain, war einst ein eigenständiger Kirchenbezirk und zählte 1981 noch 102 Mitglieder. 1993 wurde dort die methodistische Arbeit dann eingestellt. Interessanter Weise findet sich auf der aktuellen Webseite zur Liegenschaft (ich komme noch dazu!) der Hinweis, dass in der 1907 erbauten Kapelle der letzte Gottesdient 1998 stattfand. Vermutlich wurde die Kapelle also von einer anderen Gemeinschaft einige Jahre kirchlich weitergenutzt, bis im Jahr 1998 dann dort ein Kulturzentrum eröffnet wurde, das "La Cappella". So wird die Wesely-Kapelle heute genannt. Auf der Webseite spricht man von einem Vierteljahrhundert mit "grossartiger Kleinkunst", von Sternstunden in der "Wohlfühlkapelle", davon, dass in den letzten 27 Jahren über einen halbe Million Besucher:innen gezählt wurden.

Ganz anders die Markuskapelle in Bern-Liebefeld. Sie war Teil des Kirchenbezirks Bern-Lukaskapelle, also eine sogenannte Aussenstation. Als Standort wird Könizbergstrasse 5a angegeben. Dort steht heute die auf dem unteren Bild abgebildete Liegenschaft. Wie man sieht, ist es ein schon älteres Gebäude. Der Zusatz "a" zur Hausnummer gibt es heute nicht mehr. Eine Bewohnerin, welche seit 2006 im Haus wohnt, weiss zwar von einer Kapelle, die etwa 150 Meter entfernt stand, da wo sich heute ein blaugestrichenes grosses Mehrfamilienhaus befindet. Dass es sich bei einem Teil des Hauses an der Könizbergstrasse einst um eine Kapelle handelte, davon weiss sie nichts.

Nachtrag: Die Bewohnerin hatte recht. Die eigentliche Markuskapelle stand in direkter Nachbarschaft. Sie wurde 1991 für den Bau eines Mehrfamilienhauses verkauft und abgerissen. Mehr dazu kann man in meinem Blog vom 10. Oktober 2026 erfahren! 

Die zwei Türen an besagtem Wohnhaus - sie sehen beinahe ein wenig wie die Eingänge der Judenhäuser in Endingen und Lengnau aus (Siehe Beitrag vom 22. November 2023!) zeigen, dass hier einst zwei Partien wohnten. Die Bewohnerin des Hauses, mit der ich sprach, wusste davon, dass hier einmal ein Schuhmacher wirkte und auch ein Blumenladen untergebracht war. Heute ist dort ein Fahrradverlag "VeloKultur" angesiedelt und es finden Ausstellungen statt, aktuell gerade passend zum Thema Schuhe. Im verwilderten Garten entdecke ich eine hübsche schwarze Katze. Das Haus wirkt lebendig, Menschen gehen ein und aus. Ebenfalls im Haus zu finden ist eine Gemeinschaftspraxis für Atemtherapie, Psychosoziale Beratung und Craniosacral-Therapie. Auch eine Abschieds- und Ritualbegleiterin gehört zum Praxisteam. Die 3-Zimmer-Wohnung im 2. Obergeschoss ist aktuell ausgeschrieben für CHF 1740.- exkl. Nebenkosten. Gesucht werden nette Nachbarn.

Jörg Niederer

Dienstag, 29. September 2026

Ein Tag in der Bundeshauptstadt

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Oben: Rolf Wyder und Jörg Niederer in den Strassen von Bern-Bümpliz. Unten. Die methodistische Zionskapelle an der Nägeligasse 4 in der Innenstadt von Bern.
Fotos: © Jörg Niederer
"Menschen ohne ein Dach über dem Kopf finden bei uns eine Herberge für eine Nacht. Die Gemeinschaft beim Znacht und Zmorge ist ein wichtiger Teil dieses Angebotes." Information der Berner Methodistenkirche zum Projekt "Eine Nacht schenken".

Entdeckt

Auf meiner Kapellentour bin ich schon länger auch im Raum Bern unterwegs. Zwar fehlt noch ein kleines Teilstück über den Belpberg. Das werde ich, wenn das Wetter mitspielt, noch diese Woche begehen.

Kommen wir aber zur Stadt Bern. Hier gibt es zwei aktive methodistische Gemeinden. Da wäre einmal die durch jüngere Menschen assistierte Altersheimgemeinde im Altersheims Weyergut in Wabern (Siehe dazu der Beitrag vom 24. August 2026!). Interessanter Weise ist hier auch die methodistische Jungschar Terra Nova von Bern beheimatet.

In der Innenstadt findet man die Zionskapelle an der Nägeligasse 4. Aktuell ist Rolf Wyder leitender Pfarrer. Ihn habe ich, nachdem ich auch die letzten bisher noch nicht besuchten vier einstigen methodistischen Standorte in der Stadt erwandert habe, zum Mittagessen im Sternen Bümpliz getroffen. Dabei erzählte er mir auch von der bemerkenswerten sozialdiakonischen Arbeit, welche diese Gemeinde stemmt. Zu nennen wären das "Caffè Berna", das "Gasse-Kafi" und "Eine Nacht schenken". Auch eine Wandergruppe der Gemeinde gibt es.

Auch anderes erfuhr ich von Rolf. Aufgewachsen in Bern-Bethlehem in einem dieser markanten Hochhäusern im zweitobersten Stock zeigte er mir so en passant die Orte seiner Jugend. Mit Plätzen der Kindheit verbinden sich jeweils viele Erinnerungen und bekommen dadurch einen höheren biografischen Wert als so manche anderen Episoden aus dem weiteren Leben. Mir geht es jedenfalls so, dass es mir jeweils besonders Freude bereitet, diese Kindheitsplätze anderen Menschen zu zeigen. Auf diesem Weg zurück in die Zeit der Jugend von Rolf kamen wir auch unweit des Hauses von Kuno Lauener, Leadsänger von Züriwest vorbei.

Zurück zur Methodistenkirche in Bern. Von einst sieben aktiven Gemeinden gibt es also heute noch zwei, wobei sich ein Grossteil der Arbeit auf die Gemeinde der Zionskapelle konzentriert. Was aus den anderen sechs Standorten geworden ist, davon werde ich dann in einem weiteren Beitrag hier berichten.

Jörg Niederer

Montag, 28. September 2026

Der Schlagerpfarrer geht, der Schlagerpfarrer kommt

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Pfarrer Philipp Kohli (links) spielt in der Rosenbergkappelle der Evangelisch-methodistischen Kirche Wädenswil dem scheidenden Schlagerpfarrer Bälle zu.
Foto: © Jörg Niederer
"Was die Leute überhaupt nicht brauchen können, ist, dass jemand kommt und sagt: Das hättest du besser machen sollen! … Die Leute müssen hören: Gott ist da – auch wenn das Leben nicht perfekt ist." Stefan Moll, Schlagerpfarrer im Ruhestand

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Fernsehaufzeichnung in der zum Erntedankfest festlich geschmückten Rosenbergkapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Wädenswil. Anlässlich seiner Pensionierung wurde der Schlagerpfarrer Stefan Moll verabschiedet.

Bereits seit gut 12 Jahren gibt es die geistlichen Angebote auf dem Schlagermusik-Fernsehkanal musig24.tv. Von Anfang an dabei war Stefan Moll, EMK-Pfarrer und kreativer Kopf verschiedenster Projekte. Verabschiedet wurde er am gestrigen Sonntag von der Schlagerfamilie, eine Community von treuen Schlagerfans, meist in fortgeschrittenem Alter. Für sie haben die Formate "Stammtisch", "Grüss Gott" und "der Gottesdienst" dem Hunger nach geistlicher Nahrung und Lebenssinn eine Antwort gegeben. Regelmässig traf sich dieses Stammpublikum auch im realen Leben.

Stefan Moll gelang es in all den Jahren gut, zwischen den verschiedenen Rollen und Aufgaben zu jonglieren. So wurden ihm denn auch nach der Gottesdienstaufzeichnung in der Laudation von Philipp Kohli, seines Zeichens EMK-Pfarrer und verantwortlich für die "Kirche-anders"-Projekte (zu denen auch die Schlagerfamilie gehört) einige befreiende Bälle zugeworfen und herzlich gedankt für die intensive Zeit als Schlagerpfarrer.

Auf den Schlagerpfarrer Stefan Moll folgt Schlagerpfarrer Simon Zürcher. Im vergangenen Jahr konnte er Stefan Moll begleiten und sich so in diese neue Aufgabe einarbeiten. Das Fest wurde durch den Jodelklub Hirzel und die Buure-Band musikalisch passend bereichert und klang beim von Jugendlichen servierten Kirchenkaffee aus.

Jörg Niederer

Sonntag, 27. September 2026

Mit und ohne Fleiss, kein Preis

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Rote Waldameisen bei der Arbeit.
Foto: © Jörg Niederer
"Geh und beobachte die Ameise, du Faulenzer! Nimm dir ein Beispiel an ihr, damit du klug wirst!" (Bibel: Sprüche 6,6)

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Auf die Gefahr hin, dass du dich durch den Bibelvers gar nicht betroffen fühlst (du gehörst ja sicher nicht zu den Faulenzer:innen), möchte ich trotzdem zwei Geschichten über den Fleiss der Ameisen erzählen.

Als ein Vater seinem Sohn, der oft tagelang herumlungerte, den Fleiss der Ameisen als vorbildliches Verhalten vor Augen malte, führte dieser ihn auf den Spielplatz, und zeigte ihm Kinder, die kleine, fleissige Ameisen in einem wahren Jagdrausch einzeln zerquetschten. der Sohn fragte den Vater: "Was nützt den zerdrückten Ameisen nun all ihr Fleiss?"

Die andere Geschichte geht so. Sie ist wahr und geschieht jeden Tag auf der ganzen Welt. Ich selbst habe sie oft erlebt, wenn ich mit der Sense die Wiese mähte. Dabei schnitt ich nicht nur Gras entzwei, sondern so manchen Ameisenhaufen. Und wirklich, die Ameisen zeigten sich auch in dieser Katastrophe als vorbildliche, fleissige Tierchen. Aber was nützten ihnen ihre Rettungseinsätze? In zwei drei Monaten, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, wird der Sensenmann wieder kommen und den erwirtschafteten Reichtum mit einem Schnitt wegrasieren.

Bei aller Wertschätzung des Fleisses, wir dürfen nie vergessen, dass es noch Wichtigeres gibt als der sprichwörtlich schweizerische Arbeitseifer, als das "schaffe, schaffe, Häusle baue". In der Bibel findet sich dazu eine interessante Geschichte in Lukas 12,16-21.

Jörg Niederer

Samstag, 26. September 2026

Keine Angst vor Spinnen

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Eine Gartenkreuzspinne in ihrem Radnetz. Zu sehen ist ihre Unterseite.
Foto: © Jörg Niederer
"Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken." Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

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In letzter Zeit lese ich immer wieder in Kommentaren zu Spinnenfotos, man solle sie nicht töten, sie seien harmlos und ungefährlich. Das stimmt auch für die Spinnen, die es bei uns in der Schweiz gibt. Dass man bei so einem kleinen Tier hinschreiben muss, dass man es nicht töten soll, finde ich tragisch. Andererseits kenne ich natürlich die Arachnophobie, also die Angst vor Spinnen. Wie viele Phobien ist sie unbegründet, und doch gibt es sie. Gewisse Ängste lassen sich mit Logik und Vernunft halt nicht vertreiben. So hatte ich als Kind jahrelang Angst vor Schnaken, diesen langbeinigen geflügelten Insekten, die sich ab und zu von den Wiesen in die Zimmer verirren und dann knistern den Wänden entlangstreichen.

Dagegen haben mich Schlangen, Kröten, Echsen und Spinnen immer schon fasziniert. Was andere Menschen in die Flucht trieb, das hat mich angezogen. Diese Spinne habe ich einen Tag später noch einmal besucht, als sie gerade eine Wespenart in ihrem Netz gefangen hat. Es war interessant zu beobachten, wie sie das Insekt geschickt eingesponnen hat.

Gerade habe ich gelesen, dass alle Menschen der Erde pro Jahr zusammen 400 Millionen Tonnen Fleisch und Fisch vertilgen. Das ist viel, aber noch mehr vertilgen alle Spinnen der Erde zusammen: Bei ihnen kommt die gigantische Masse von 400-800 Millionen Tonnen Insekten und Kleingetieren zusammen. Gäbe es die Spinnen nicht, würden uns viele zusätzlich Plagegeister um die Ohren schwirren.

Aber auch das gibt es. Eine einzige Spinne ist bekannt, welche sich vegetarisch ernährt. Bagheera kiplingi lebt in Mittelamerika und ist eine Springspinne, welche einer Ameisenart protein- und fettreiche Knospen der Akazie vor der Nase wegschnappt.

Übrigens frisst die hier fotografierte Gartenkreuzspinne nebenbei auch pflanzliche Nahrung. Im Frühling verfangen sich in den Radnetzen der Spinne Blütenpollen und Pilzsporen. Um Energie zurückzugewinnen, frisst die Spinne alte eigene Netze wieder auf. Dabei vertilgt sie auch die Blütenpollen darin als zusätzlichen Energiesnack. Besonders junge Spinnen sind auf diese Nahrungsergänzung angewiesen.

Jörg Niederer

Freitag, 25. September 2026

Glaubensmurks

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Tanzvorführung beim Münster von Strasbourg.
Foto: © Jörg Niederer
"Wir haben alle mehr Torheiten als Haare." Jean Paul (1763-1825)

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Gestern hörte ich einen Spruch aus dem Mund eines Kollegen. Nicht dass er deren Inhalt gutgeheissen hätte, eher schon, um unsere Diskussion über einstige glaubensbegründete Verbote zu ergänzen. Ich habe mir den Spruch notiert, um ihn für diesen Blog zitieren zu können: "Das Bein, das dich zum Tanz bewegt, das wird im Himmel abgesägt."

Der Satz kommt aus einer nicht allzu vergangenen Zeit, als es in kirchlichen Kreisen noch verpönt oder verboten war, zu tanzen, ins Kino zu gehen, Alkohol zu trinken oder an den Feiertagen zu wandern, zu lesen oder zu stricken. Hinzu kamen Kleidungsvorgaben und auch der Haarschnitt wurde misstrauisch begutachtet. Weiter wurden in den Kirchen Alternativ-Kinderprogramme zur Fasnachtszeit angeboten, um unsereins davor zu bewahren, an diesen sündigen Ort zu gehen.

Solcherlei gehörte zum pädagogischen Rüstzeug der Glaubenshüter:innen. In meiner Sonntagschulzeit sangen wir als Kinder gerne das Lied: "Pass auf kleines Auge, was du siehst... denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich, drum pass auf kleines Auge was du siehst." Weitere Strophen thematisierten in gleicher Weise die Füsse, die Ohren die Hände usw.

Dass uns Kindern da ziemlich direkt ein verqueres Gottesbild serviert wurde, war uns zu jener Zeit nicht wirklich bewusst. Dieser Gott, der einzelne Sünden bestraft, der dich immer kontrolliert, ein Helikoptergott, der dir nichts zutraut, der den Freuden des Lebens abhold ist …, der geistert immer noch in manchen Köpfen von Christinnen und Christen herum.

Dank der Erziehung meiner Eltern hatte dieses Gottesbild bei mir glücklicherweise keine Chance. Gott sei Dank dafür!

Heute gibt es andere Formen frommer Disqualifikation. Man denke nur an die nicht enden wollenden Diskussionen, wer mit welcher sexuellen Orientierung zur Kirche gehören darf, und wer nicht.

Vielleicht kennst du auch noch solche "Weisheits-" bzw. "Dummheitssprüche" aus der Kirche, die vor allem dazu da waren, um Menschen mit der Angst vor Gott zu disziplinieren? Sende sie mir zu, oder schreibe sie gleich in den Kommentarbereich!

Jörg Niederer

Donnerstag, 24. September 2026

Verlobung

Abendrot über Frauenfeld.
Foto: © Jörg Niederer


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"'Ruhe ist viel wert', / Sagte das Nilpferd / Und setzte sich in was Weiches. / Der Elefant tat ein Gleiches." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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Verlobt man sich heutzutage noch? Mit dem Bedeutungsverlust der Ehe verlor auch das öffentliche Versprechen, in Zukunft die Ehe einzugehen, an Bedeutung. Vielleicht müsste man auch sagen, die Verlobung wurde in vielen Paarbeziehungen ein Dauerzustand. Das Versprechen, in nächster Zeit einen verbindlichen Schritt weiterzugehen, wurde selbst zum verbindlichen Zusammenbleiben, auch ohne Trauschein. So gesehen ist die Ehe ohne Trauschein eine Art Dauerverlobung. Das würde wohl niemand so benennen, wird doch das Konzept "Verlobung" als ein konservatives Konstrukt angesehen, während die Ehe ohne Trauschein als modern beziehungswiese postmodern empfunden wird.

Wie auch immer: Die Frau, zu der ich gehöre, und ich feiern jedes Jahr nebst den Jahrestagen der zivilen und kirchlichen Trauung auch den Verlobungstag. Nicht grossartig. Meist gehen wir fein essen an einem schönen Ort. Der diesjährige Jahrestag feierten wir im Restaurant des Plättli-Zoos in Frauenfeld. Während des Essens grasten draussen Benettwallabys und Lamas, als wäre man, je nach Kopfdrehung und Blickrichtung, in Südamerika oder Australien.

Dann wurde es auch noch dramatisch. Nicht in unserer Beziehung, sondern am Himmel über Frauenfeld. Das Abendrot war für sich allein schon ein kleines Fest, und ein Signal für die Schneeeule, ihr Nachtwerk zu beginnen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 23. September 2026

Ein Stuhl als Mahnzeichen

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Der Broken Chair auf der Place des Nations in Genf ist ein Mahnmal gegen den Einsatz von Antipersonenminen, Streubomben und gegen Zivilist:innen gerichtete Explosivwaffen.
Foto: © Jörg Niederer
"Unsere Idee war es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit anhand dieser machtvollen und hochwertigen Botschaft zu erreichen, die von den Genfer Behörden nicht ignoriert werden konnte." Paul Vermeulen, Mitbegründer von Handicap International Schweiz und Initiator des "Broken Chairs".

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Auf der Place des Nations steht der Broken Chair auf drei Beinen. Das 12 Meter hohe Kunstwerk des Künstlers Daniel Berset erinnert seit 1997 als Mahnmal an die Opfer von Explosivwaffen, insbesondere von Antipersonenminen, Streubomben und gegen Zivilisten gerichtete Explosivwaffen.

Ich erinnere mich gut, wie wir uns im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der Evangelisch-methodistischen Kirche für dieses Verbot eingesetzt haben, und wie ich zuvor im Militärdienst noch gelernt habe, wie man solche Minen einsetzt und Minenpläne zeichnet.

Im Jahr 1997 wurde die Ottawa-Konvention eingeführt. Dieser Vertrag verbietet den Handel, die Produktion, die Lagerung und den Einsatz von Antipersonenminen. Weiter schreibt sie die Vernichtung von Lagerbeständen innerhalb von vier Jahren, die Räumung minenverseuchter Gebiete innerhalb von zehn Jahren sowie die Bereitstellung finanzieller Mittel für die Minenopferhilfe vor. Nach der Unterzeichnung am 3. Dezember 1997 hat die Schweiz dieses Abkommen am 11. Juli 2000 ratifiziert. Bis heute sind 166 Staaten dem Abkommen beigetreten.

Die Zivilbevölkerung ist mit 85% Hauptleidtragende von Personenminen. Die Sprengkraft solcher Minen ist so dosiert, dass die Opfern oft mit abgerissenen Gliedmassen überleben. Das wird beim Kunstwerk "Broken Chair" mit dem einen abgerissenen Stuhlbein symbolisiert.

Das Verbot der Antipersonenminen zeigt einen beachtlichen Erfolg: Seit deren Umsetzung vor über 25 Jahren konnte die Zahl der Minenopfer von rund 25’000 im Jahr 1999 auf weniger als 5000 im Jahr 2023 gesenkt werden. Doch nun gibt es wieder einen Trend in die andere Richtung. So haben im vergangenen Jahr Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen ihren Ausstieg aus dem Vertrag über das Verbot von Antipersonenminen angekündigt. Russland setzt im Angriffskrieg gegen die Ukraine Antipersonenminen ein und bombardiert die Zivilbevölkerung. Auch die Ukraine hat in kleinerem Rahmen Antipersonenminen eingesetzt. Im Jahr 2023 zählte man in Myanmar 1003 Minenopfer, in Syrien 933, in Afghanistan 651, in der Ukraine 580 und im Jemen 499. Noch immer sind in 55 Ländern Landstriche mit Minen verseucht. Es gibt diesbezüglich also noch viel zu tun.

Jörg Niederer


Dienstag, 22. September 2026

Die Verrohung der Menschheit

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Oben: Hauptsitz des IKRKs in Genf. Unten: Memorial für die im Dienst getöteten Mitarbeitenden vor dem Hauptsitz des UNHCR in Genf.
Fotos: © Jörg Niederer
"Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste…" Friedrich Hölderlin (1770-1843)

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Wer sich vom Eingang zum UN-Besucherzentrum in Genf um 180 Grad umdreht, sieht hinauf zum Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Wer dann die Avenue de la Paix vorbei am Ghandi-Denkmal hinunterspaziert, über den Place des Nations mit seinem versehrten Stuhl hinüberwechselt zur Avenue de France, sieht schon von weitem den Hauptsitz des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR). Davor auf dem spitzen Dreiecksgrund, dort, wo die Rue de Montbrillant von der Avenue de France abzweigt, steht das Memorial für die im Dienst an Flüchtenden gefallenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des UNHCR. Gestiftet wurde es von Mitarbeitenden des UNHCR, von verschiedenen Hochkommissaren, von Freunden des UNHCR und dem Cafeteria-Kommitee.

Allein 2025 kamen 186 namentlich bekannte UNHCR-Helfer:innen im Gazastreifen und Westjordanland ums Leben. 71 Hilfskräfte verloren ihr Leben im Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo. In diesen Regionen starben viele Helfende durch gezielte Angriffe.

Etwas weniger im Dienst verstorbene Mitarbeitende verzeichnet das IKRK und der Rote Halbmond, welcher Teil des IKRKs ist. 27 Todesfälle waren dort 2025 zu beklagen. Weitere wurden ausserhalb des Dienstes bei Angriffen auf ihre Häuser und Familien getötet, verletzt oder entführt.

Die Zahl der Opfer der Hilfsorganisationen wird auch 2026 nicht zurückgehen. Im Gegenteil. Während in früheren Jahren die Mitarbeitenden des IKRKs weitgehend durch die Kriegsparteien geschützt wurden, finden heute vermehrt bewusste Angriffe auf diese statt. Dazu zählen auch unzählige Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen.   

Die beglaubigten Zahlen der getöteten UNHCR- und IKRK-Mitarbeitenden werfen auch ein Licht auf die zivilen Opfer in den Kriegsregionen. Zwar sind die Zahlen der getöteten Zivilisten im Gazastreifen nicht beglaubigt. Doch wenn allein an diesem Orten so viele namentlich bekannte Mitarbeitende der Hilfsorganisationen ums Leben gekommen sind, muss auf jeden Fall von Tausenden von Toten unter den Zivilisten ausgegangen werden.

Es ist höchste Zeit, dass sich die Staaten und Länder wieder am Humanitären Völkerrecht orientieren, und zwar unabhängig von den jeweiligen Sympathien. Jede Verteidigung der Missachtung dieses Völkerrechts muss verurteilt werden. Gerade linke Kreise müssen das bei der Unterstützung Palästinas beachten und christliche Kreise bei der Unterstützung Israels. Wohlwollen für die eine oder andere Seite dürfen uns nicht blind machen für das Leid, dass durch die jeweiligen Kriegstreiber mittels Menschenrechtsverletzungen in Kauf genommen oder bewusst angerichtet werden.

Jörg Niederer

Montag, 21. September 2026

Begegnungen der besonderen Art

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Wichtige Persönlichkeiten: Vordere Reihe von links nach rechts: Levi Bautista, Pfarrerin Allison Mark, Bischof Julius C. Trimble und Dr. Humberto Martín Shikiya.
Foto: © Jörg Niederer
"Frieden ist kein Ziel, sondern eine Verantwortung." Dr. Humberto Martín Shikiya, Methodistischer Friedenspreisträger 2026

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Internationale Konferenzen sind ideale Orte, um interessanten Menschen begegnen zu können. Aktuell tagt das "General Boards of Church and Society" (GBCS) der Evangelisch-methodistischen Kirche (United Methodist Church) in Genf. Auf dem Foto von der gestrigen Sitzung sind gleich vier herausragende Persönlichkeiten methodistischer Prägung zu sehen. Von links nach rechts in der vordersten Reihe sind dies:   

Levi Bautista, Stellvertretender Generalsekretär des GBCS für den Bereich "United Nations" und Internationale Angelegenheiten.

Pfarrerin Allison Mark, Präsidentin des "Boards of Directors", dem Aufsichtsorgan des GBCS.

Bishop Julius C. Trimble, Generalsekretär des GBCS

Dr. Humberto Martín Shikiya Von der autonomen Evangelisch Methodistischen Kirche in Argentinien. Er ist der Preisträger des Methodistischen Friedenspreises 2026. Ausgezeichnet wurde er für seine Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit in Kolumbien.

Heute steht eine Führung durch die Gebäude der UNO auf dem Programm. Ich bin gespannt, was ich da Neues erfahre.

Jörg Niederer

Sonntag, 20. September 2026

Genf, der Jet d'Eau und der Mont Blanc

Ein Zitat

Die Wasserfontäne des Jet d'Eau schiesst 140 Meter hoch. Dahinter sieht man von Genf aus den Mont Blanc, mit 4807,3 Metern der höchste Berg der Alpen.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Mann brachte mich zum Eingang des Tempels. Unter der Türschwelle sprudelte Wasser hervor … Der Mann sagte zu mir: 'Das Wasser fließt in ein Gebiet im Osten und dann in den Jordangraben. Der Fluss mündet schließlich ins Tote Meer und macht das Wasser darin lebendig.'"  (Bibel: Ezechiel 47,1+8)

Entdeckt

Zur Auflösung des gestrigen Blogs: Genf ist die Stadt, in der ich mich gerade befinde. Heute gibt es nun das Gespräch nach dem Gottesdienst in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Und darum geht es: "Das öffentliche Zeugnis, die regionale Kontextualisierung und die Sozialen Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche im europäischen Kontext". Es wirken unter der Leitung von Pfarrer Dr. Liberato Bautista mit: Bischöfin Rosemarie Wenner, Dr. Thorsten Göbel, Pfarrerin Sarah Tiainen und dann noch meine Wenigkeit.

Seit der Generalkonferenz 2020/24 ist es den EMKs in den verschiedenen Regionen der Welt stärker möglich, auf die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort angepasst zu reagieren. Zudem gibt es seit besagter Generalkonferenz neu formulierte Soziale Grundsätze. Es geht also im Wesentlichen um die sozialethische und diakonische Praxis der Kirche. Da passt doch die folgende Besinnung zum Bibelzitat oben ganz gut, ist doch das Wasser kostbares Geschenk aus Gottes Hand.


Ezechiel sieht in einer Vision, wie am Tempel eine Wasserquelle entspringt. Anfänglich klein, wird aus dem Bach nach etwa 2 Kilometern ein Strom, durch den man nicht mehr gehen kann und schwimmen muss. Dieses Wasser fliesst ins Jordantal und dann ins Tote Meer. Die Ortsbezeichnung En Gedi in Ezechiel 47,10 weist deutlich darauf hin. Das Tote Meer, ein Salzsee ohne Abfluss – es ist sein Wasser, das nach Vers 8 lebendig gemacht und damit geheilt wird durch den Strom, der vom Tempel in Jerusalem ausgeht. Ein tiefsinnig symbolisches Hoffnungsbild.

Heute streitet man sich im Nahen Osten um das Wasser des Jordans. Immer weniger davon gelangt ins Tote Meer. Es droht auszutrocknen. Techniker beraten, wie man den Salzsee retten könnte; etwa durch eine Meerwasserpipeline vom Mittelmeer zum 400 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen Toten Meer. Doch so etwas würde den Charakter des Salzsee-Wassers massiv verändern. Wer von diesen Schwierigkeiten weiss, wünscht sich, dass Ezechiels Vision vom Wasserstrom Wirklichkeit wird. Gegenwärtig sieht es anders aus. Die Situation ist in den letzten kriegerischen Monaten nicht einfacher geworden. Realität und Wunsch klaffen weit auseinander.

Dann wäre da noch diese Frage: Wie viel trauen wir Gott zu? Wie viel Lebenswasser erwarten wir von Gott her? Wo sind die Ströme lebendigen Wassers (Bibel: Johannes 7,38) die von einem Menschen ausgehen, der Jesus Christus vertraut? Manchmal habe ich den Eindruck, als würde es mit all meinem Glauben nur gerade tröpfeln. Doch was sah Hesekiel? Auch beim Tempel Gottes war der Strom nur ein kleines Bächlein. Da kann noch viel geschehen mit unsern Lebenswasser-Tröpfchen.

Jörg Niederer

Samstag, 19. September 2026

Die Stadt am See

Ein Zitat

Die Stadt am See gemalt von Frauen mit Kopftüchern.
Foto: © Jörg Niederer
"Die beste Art sich zu wehren ist, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten."
Marc Aurel (121-180 n.Chr.)

Entdeckt

Heute reise ich für drei Tage in die Stadt, die auf dem Foto zu sehen ist. Dort werde ich an einem Podiumsgespräch mitwirken. Denn für einmal trifft sich das General Board of Church and Society (GBCS) der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche nicht in den USA, sondern an diesem geschichtsträchtigen Ort in Europa. Ich freue mich schon auf die Begegnungen mit Menschen, die ich lange nicht mehr gesehen habe.

Nun frage ich mich, ob jemand herausfindet, in welcher Stadt ich die nächste Zeit verbringen werde.

Jörg Niederer

Freitag, 18. September 2026

Traktor- und andere Relikte

Ein Zitat

Ein dahinrostender Traktor der Marke Fordson Mayor E27N, geschmückt mit einem Kuhschädel.
Foto: © Jörg Niederer
"Die Waage gleicht der grossen Welt: Das Leichte steigt, das Schwere fällt." Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Entdeckt

Auf dem Wanderweg vom Chuderhüsi nach Bowil hinunter steht bei einem Hof bei Buchen dieser alte Fordson-Traktor, vermutlich Model Mayor E27N. Diese Traktoren wurde von 1940-1952 gebaut. Fordson ist die Marke von Autopionier Henri Ford, der mittels Fliessbandfertigung Autos und später auch Traktoren besonders günstig auf den Markt bringen konnte. Das Leergewicht des Fordson Mayor E27N betrug 2367 Kilogramm. Heute wiegen grosse Reihenkulturtraktoren bis 12 Tonnen. Mit voluminöseren, breiteren Reifen wird der Druck auf den Boden pro Quadratzentimeter zwar deutlich reduziert. Aber es liegt auf der Hand, dass die Bodenverdichtung durch die Traktoren heute höher ist als damals, als mit dem Fordson-Traktor gewirtschaftet wurde.

Nun, die Fordson-Traktoren sind Geschichte und einer von ihnen rostet bei Buchen dahin. Um den morbiden Charakter des ausrangierten Fahrzeugs noch zu verstärken wurde er mit einem Kuhschädel geschmückt. Vielleicht soll das auch daran erinnern, dass einst Kühe und Ochsen als Zugtiere auf den Äckern ihre Dienste versehen mussten. Damals, als Tiere die Pflüge zogen, war die Bodenverdichtung noch gar kein Thema und damit auch nicht deren Folgen: Bis 20% weniger Ertrag und deutlich weniger Bodenlebewesen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 17. September 2026

Charakterkopf

Ein Zitat

Ein neugieriger Esel sucht den Kontakt zu uns.
Foto: © Jörg Niederer
"Einen Esel zu Grabe läuten." Redensart dafür, wenn sitzende Kinder mit dem Beinen baumeln wie ein tonloses und damit unnützes Geläut.

Entdeckt

Esel haben Charakter. Esel sind – entgegen landläufiger Meinung – nicht dumm. Esel sind sanft und meist zutraulich. Esel gehören zu den absoluten Lieblingstieren meiner Frau, und ich mag sie auch (meine Frau und die Esel!). Ohne Esel wäre die Welt ärmer. So gesehen ist es ein Kompliment, als Esel bezeichnet zu werden. Gerade werde ich nicht als Esel bezeichnet. Eigentlich irgendwie schade.

Jörg Niederer

Mittwoch, 16. September 2026

Pinkelnde Pilze

Ein Zitat

Rotrandige Baumschwämme. Beim linken Pilz kann man anhand der Tropfen die als Guttation bezeichnete Absonderung von überschüssigem Wasser gut erkennen.
Foto: © Jörg Niederer
"Mit Menschen ist es wie mit Pilzen. Zuerst sieht man die Auffälligen. Aber die sind meistens giftig. Die Guten muss man länger suchen." Autor:in unbekannt

Entdeckt

Google sagt, bei den Pilzen auf dem Foto handle es sich um Rotrandige Baumschwämme. Ob es stimmt, kann ich nicht beurteilen. Dagegen bin ich sicher, dass der eine Pilz Wasser absondert. Man nennt diesen Vorgang, der nebst den Pilzen auch bei Pflanzen vorkommt, "Guttation".

"Gutta" ist ein lateinisches Wort und bedeutet "Tropfen" oder "Tröpfchen", auch "kleiner Fleck".

Bei bestimmten klimatischen Bedingungen, etwa wenn hohe Luftfeuchtigkeit vorliegt, es zugleich heiss ist oder dann um Null Grad Celsius, sondern einige Pilzarten überschüssiges Wasser ab. Das geschieht besonders auch zu Zeiten, in denen der Pilz stark wächst und daher mit dem Wasser auch viele Nährstoffe über das Myzel aus dem Holz gewinnen muss. Bei der Guttation handelt es sich also nicht um ein Schwitzen. Mit Schwitzen wird ja die Körpertemperatur reguliert. Eher könnte man sagen: der Pilz pinkelt. Denn die abgesonderten Tröpfchen bestehen nicht nur aus Wasser, sondern auch aus organischen Stoffen, etwa Aminosäuren. Pflanzen bei der Guttation geben so unter anderem auch zuvor aufgenommene Pflanzenschutzmittel ab (was für Insekten, die davon trinken, tödlich enden kann). Nebst der Regulierung des Wasserhaushalts entsorgen Pilze auf diese Weise Abfallprodukte. Es empfiehlt sich also nicht, diese Wassertropfen an den Pilzen zu trinken. Sie können für den Menschen schädliche Substanzen enthalten. Bei Giftpilzen kann deren Gift auch in den Guttationstropfen enthalten sein. Zudem sind diese Tropfen, auch wenn sie von ungiftigen Pilzen stammen, geschmacklich weit entfernt von reinem Wasser.

Jörg Niederer

Dienstag, 15. September 2026

Atemberaubend

Links: Aussicht vom Chuderhüsi-Turm: V.l.n.r. Wetterhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn Gross Fiescherhorn, Eiger, Mönch, Jungfrau. Davor sieben Hengste und Guggisgrat. Recht: der Chuderhüsi-Turm.
Foto: © Jörg Niederer

Ein Zitat

"Da liegt a junger Schrofndottl, / Er hat a Bergtour gmacht im Mai: / Gar langsam ist er aufikommen, / Aber untn g'wosn glei." Tiroler Marterl für einen abgestürzten Bergsteiger

Entdeckt

186 besteigbare Türme gibt es in der Schweiz. Erstaunlich, bedenkt man, dass viele von ihnen für nichts anderes gut sind, als um die Aussicht zu betrachten. Einer davon ist der Chuderhüsiturm. 195 Treppenstufen führen auf eine Höhe von 37 Metern. Diese Höhe braucht es auch, um über die mächtigen Tannen hinweg die Aussicht zu geniessen. Die ist dann auch bemerkenswert. Besonders der Blick zu den Berner Alpen ist atemberaubend. So sagt man zumindest, denn der Aussicht wegen hat noch niemand aufgehört zu atmen.

Auf dem Foto sind von links nach rechst die folgenden Alpengipfel zu sehen: Wetterhorn (3692 m ü. M.), Schreckhorn (4078 m ü. M.), Finsteraarhorn (4274 m ü. M.), Gross Fiescherhorn (4049 m ü. M. Der etwas niedrigere, schneebedeckte Gipfel rechts hinter dem Finsteraarhorn.), Eiger (3.967 m ü. M.), Mönch (4.110 m ü. M.) und Jungfrau (4.158 m ü. M.). Auf keinem bin ich je gestanden und werde es wohl auch nie. Dafür sieht man bei der Bergkette direkt vor den Alpenriesen die Sieben Hengste und den Guggisgrat. Die Sieben Hengste bestieg ich eins in jugendlichen Jahren von Beatenberg aus. Damals verbrachte ich Zeit in einem Sonntagschullager und durfte einige der Leitenden begleiten in diese atemberaubende (schon wieder!) Karstlandschaft. Es war meine erste grosse Bergtour. Da möchte ich unbedingt noch einmal hin. Vorerst aber bleibt das Schauen aus Distanz.

Jörg Niederer

Montag, 14. September 2026

Suchbewegung

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Oben: Auf der Martinsegg versammelten sich die Methodist:innen einst in diesem Bauernhaus. Unten: Coupe Prune, gegessen auf der Aussichtsterrasse vom Chuderhüsi.
Foto: © Jörg Niederer
"Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande." Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Entdeckt

Kennst du den Blog von Thomas Widmer, auch Wanderpapst genannt? Er verbindet Wanderungen mit dem Kulinarischen. Dabei fotografiert er gerne auch das, was er oder auch seine Begleitung sich einverleiben. Eigentlich ein No-Go, Fotos von Essen zu posten. Bei Widmer hat es aber eine wanderergänzende Bedeutung. So weiss man, wo man unterwegs gut (oder auch nicht) speisen kann. Heute mache ich es auch einmal so. Den Coupe Prune und das alkoholfreie Bier genoss ich im Chuderhüsi. Das ist ein Gasthaus auf 1100 Metern Höhe nördlich von Röthenbach im Emmental. Ein Wanderbus bedient den Ort an Wochenenden jeweils einmal am früheren Morgen und einmal am späteren Nachmittag. Geführt wird das Haus von der christlichen Organisation El Rafa, im Speziellen von Menschen mit Suchtproblemen. Von der Terrasse des Hauses aus hat man einen fantastischen Ausblick auf Schrattenfluh, Hohgant, Brienzer Rothorn, Sieben Hengste und natürlich die Giganten der Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau im Zentrum. Am vergangenen Samstag wurden wir zusätzlich mit Technoklängen des dreitägigen KuMuKu Festivals auf der Chapfwacht beschallt. Das Bum-Bum war weitherum zu hören.

Nun aber zum eigentlichen Thema. Wie findet man den Ort, an dem Methodist:innen einst in Privathäusern zusammengekommen sind. Auf dieser Wanderung von Bowil hinauf zum Chuderhüsi liegt etwa auf 1000 Höhenmetern der Weiler Martinsegg. In den Konferenzverhandlungen von 1981 steht, dass dort bei Familie Moser Predigten stattgefunden haben. Nun hat es auf der Martinsegg mehr als ein Bauernheimet. Welches es ist, versuche ich jeweils herauszufinden, indem ich im Telefonbuch nachschaue, ob dort immer noch (in diesem Fall) die Familie Moser lebt. Dumm, wenn es dann die falschen Mosers sind, die unweit davon wohnen.

Also frage ich in relativer Nähe zum gesuchten Haus auch ortsansässige Personen. Ein junger Mann, der mit einer Motorsense das Strassenbord schnitt, und zufällig selbst im Nachbarhaus des gesuchten Objekts wohnte, zeigte mir den Platz, an dem sich früher abends Menschen einfanden zur Predigt. Er wusste aber noch von weiteren Orten in näherer Umgebung. Es war halt bei den zahlreichen Freikirchen im Emmental üblich, sich bei Privaten zu versammeln. Unglücklicher Weise entschied ich mich, auf einem etwas anderen Weg hinauf zur Martinsegg zu wandern. Angekommen fragte ich wieder eine ältere Frau, die aber erst zwölf Jahre hier wohnte und keine Ahnung von lokalen christlichen Aktivitäten hatte. Mutig läutete ich im grössten der Bauernhäuser. Dort wusste man auch nichts von Gottesdiensten, aber im Haus weiter unten, man sehe es von hier oben, da habe eine Frau Moser Sonntagschule gegeben. Das sei aber schon 30 oder 40 Jahre her.

Hätte ich den zuhause geplanten Weg genommen, wäre ich an besagten Haus vorbeigekommen. Noch einmal hinuntersteigen um mein obligatorisches Selfie vor dem Anwesen zu machen (Solche Selfies sind ja fast so verpönt wie Bildern von Essen!) wollte ich nicht mehr. Also fotografierte ich das Bauernhaus so gut wie es eben ging von meinem erhöhten Standort aus.

Was folgte war der restliche Aufstieg zum Chuderhüsi, das Besteigen des nahen  Aussichtsturms und den Abstieg zum Wanderausgangspunkt beim Bahnhof Bowil. 540 Höhenmeter bei 13 Wanderkilometern. Eine Etappe mehr auf meiner Kapellentour, vielleicht die Königsetappe im Emmental.

Jörg Niederer

Sonntag, 13. September 2026

Eine Stadt für alle

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Bild: Terrakotta von Walter Loosli (Köniz) in der Kirche von Bowil: "Der Stamm Jakobs". Aufgrund der Schlangen in den Ecken und dem Engel zwischen Baum und Mensch könnte es aber auch die Vertreibung aus dem Paradies darstellen.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Umfang der Stadt beträgt neun Kilometer. Der Name der Stadt lautet von jetzt an: 'Hier-ist-Gott.'" (Bibel: Ezechiel 48,35)

Entdeckt

Die endzeitliche Gottesstadt ist klein, die Ezechiel hier in einer Vision beschreibt. Die Seiten des quadratischen Grundrisses messen 4500 Ellen, das sind etwa 2.25 km. Zum Vergleich: Ninive hatte damals eine Länge von 5 km und eine Breite von 2,3 km. Babylons Stadtmauer war 18 km lang.

Nur ein kleine Stadt, schon damals. Heute gibt es Städte mit 42 Millionen Einwohnern (Jakarta, Indonesien), und selbst Zürich ist etwa dreimal so gross wie die Stadt, die von Ezechiel beschrieben wurde. Ganz anders das neue Jerusalem, welches als Vision davon, was nach dieser Welt kommt, in Offenbarung 21,16 gezeigt wird. Wir müssen es uns als Würfel vorstellen mit einer Kantenlänge von 12'000 Stadien, das entspricht 2160 km. Warum war dagegen Ezechiels Stadt so klein?

Weil es nicht um Grösse geht. Das vorherrschende Element ist die Gleichförmigkeit. Vier gleichlange Seiten mit je drei gleich angeordneten Toren auf jeder Seite. Die Tore sind benannt nach den zwölf Stämmen Israels.

Alle werden gleich behandelt. Keiner hat das bessere Teil bekommen.

Gleichheit: Manche denken jetzt an Gleichmacherei. Doch was spricht gegen Gleichbehandlung in einer Welt des Ungleichgewichts. Das war doch immer wieder die Botschaft der Propheten, dass es Gott nicht gefällt, wenn die einen durch Unrecht und Gier Reichtum anhäufen auf Kosten der andern. Das ist auch heute eines, wenn nicht das grösste Problem, dass die 12 Superreichen soviel Vermögen (und damit Einfluss) besitzen wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Gottes neue Stadt soll dagegen ein Ort sein, wo jeder Mensch den gleichen Zugang zu Gott und Leben hat. Für jeden steht die Tür offen. Jeder Mensch soll seinen Anteil haben am Segen Gottes. Das ist nicht Gleichmacherei, sondern Gottes Gerechtigkeit. Denn diese Stadt heisst nicht "Hier-ist-der-Mensch", sondern "Hier-ist-Gott". Und das ist etwas ganz anderes.

Jörg Niederer

Samstag, 12. September 2026

Wer will schon betteln?

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Berufsreisende in der Stosszeit im Hauptbahnhof Bern.
Foto: © Jörg Niederer
"'Sie faule, verbummelte Schlampe', / Sagte der Spiegel zur Lampe. / 'Sie altes, schmieriges Scherbenstück', / Gab die Lampe dem Spiegel zurück. / Der Spiegel in seiner Erbitterung / bekam einen ganz gewaltigen Sprung." Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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Ich warte an der Haltestelle auf den Anschluss für die Weiterreise, da fragt mich eine hektisch herumeilende Frau, ob ich ihr für die Notschlafstelle 10 Franken hätte. Während ich zum Portemonnaie greife, und der Bettlerin fünf Franken gebe, beobachtet eine ältere Dame dies mit Argusaugen. Die bettelnde Frau hackt nach, ob ich nicht noch weitere fünf Franken hätte. Dann eilt sie weitere zu einer andern Person und dann zu dieser älteren Dame, welche uns beobachtet hat. Dort kommt sie aber an die Falsche. Nicht nur gibt die Dame ihr nichts, sondern ruft der davoneilenden Frau nach, sie müsse halt arbeiten gehen.

Ich spreche die ältere Dame an: "Haben Sie noch nie gebettelt? Machen Sie es einmal, das ist gar nicht so einfach, das ist demütigend." Die Dame entgegnet, sie hätte ein Leben lang gearbeitet, damit sie nicht betteln müsse. "Betteln ist auch arbeiten", entgegne ich. "Wissen sie, dass Heinrich Bullinger, der Nachfolger von Reformator Zwingli, sich sein Studiengelt zusammenbettelt musste." Die ältere Dame beton noch einmal, dass sie das nicht nötig habe, und dass jeder und jede den Lebensunterhalt selbst erwirtschaften müsse. Sie sei nie jemandem etwas schuldig geblieben. "Sie mussten noch nie die Hilfe anderer in Anspruch nehmen?", frage ich. "Ich bin nicht zu dem geworden, ohne die Vielen, die mir in meinem Leben geholfen haben. Kein Mensch kommt aus ohne dass ihm andere helfen. Auch sie wären heute nicht da ohne die Pflege ihrer Eltern, ohne die Lehrerinnen und Lehrer, ohne das Spitalpersonal. Wir alle brauch einander und kommen nicht immer allein zurecht." Zwischenzeitlich hören die anderen Wartenden unserem Gespräch zu. Die Dame gibt widerwillig zu, dass wir ohne andere Menschen nicht leben könnten. Dann schweigt sie, und auch ich fahre nicht weiter fort mit meiner Strassenpredigt.

Was ich dort bei der Haltestelle nicht gesagt habe: Auch in meiner Familie gibt es Personen, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens betteln mussten. Sicher hatten sie sich zum Teil selbst in diese Situationen manövriert. Aber da war auch das Schicksal und viel Pech. Jedenfalls kenne ich keinen Frau und keinen Mann, die von sich sagen würden, dass sie gerne betteln. Daran denke ich jeweils, wenn mich jemand fragt, ob ich ihm etwas Kleingeld habe. Betteln ist keine angesehene Arbeit. Aber es ist gerade deshalb Arbeit.

Jörg Niederer

Freitag, 11. September 2026

Bahnfahrterlebnisse

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Jugendliche auf dem Hauptbahnhof Zürich, einer trägt eine Krone auf dem Kopf.
Foto: © Jörg Niederer
"Denn woher [kommt] diese noch so allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Verfinsterung der Köpfe bei allem Licht, das Philosophie und Erfahrung aufsteckten?" Friedrich Schiller (1759-1805)

Entdeckt

Mitunter Seltsames ereignet sich, wenn man sich in der Zürcher Bahnhofshalle in ein Café setzt. Meist geht es keine 20 Minuten, bis etwas geschieht, das den normalen Bahnalltag durchbricht. So wie bei diesem Jugendlichen auf dem Foto, der in einer grossen Selbstverständlichkeit und nicht etwa am Dreikönigstag mit Krone auf dem Haupt vorüber schlenderte.

Gestern begab sich anderes Kurioses und zugleich Verstörendes, als ich am frühen Morgen in Frauenfeld in den bereits gut besetzten Zug nach Winterthur stieg. Schon beim Einstieg war das Gedränge von einer gewissen Ungeduld der Reisenden geprägt. Da drängten einige hinein, noch bevor die, welche den Zug verlassen wollten, ihm alle entstiegen waren. Irgendwie fand ich den Weg zu den Abteilen, suchte mir eines aus, in dem eine muslimische Frau mit Kopftuch alleine sass und auf ihrem Notebook arbeitete. Höflich fragte ich sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe, da drängte sich eine andere weiblich gekleidete Person durch den schmalen verbliebenen Raum zwischen Abteil und mir just auf den Platz, den ich anvisiert hatte. Schon draussen war sie mir unter anderen Reisenden als Transperson aufgefallen.

Nun, ich gab mich in mein Schicksal, und setzte mich halt ins gegenüberliegende Abteil zu zwei Frauen. Kaum hatte ich mich gesetzt, also gerade einmal zwei Sekunden später, geschah das Seltsame. Die Transperson schaute erstmals die Frau an, der sie nun schräg Vis-à-vis sass, erkannte diese als Muslima, sprang wie von der Tarantel gestochen auf und eilte in ein Abteil mit anderen, ihr wohl genehmeren Menschen.

Die Muslima und ich schauten uns verwundert und amüsiert an.

Was also war geschehen. Eine Person aus einer oft diskriminierten Minderheit wollte nicht am selben Ort sitzen, an dem eine andere Person aus einer anderen, oft diskriminierten Minderheit sass. Nicht nur kam die Transperson bei mir durch ihr Vordrängeln nicht gerade sympathisch herüber, sondern sie war auch noch von Vorurteilen geplagt, und sich nicht zu schade, diese durch ihr Verhalten deutlich sichtbar zu zeigen.

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Später erzählte ich von diesem Erlebnis in einer Tischrunde. Da meinte eine der Frauen, die lange in einem sozialen Brennpunkt in Zürich gearbeitet hatte: "Das kenne ich. Bei uns wollten die Alkoholiker auch nicht bei den Drögelern am selben Tisch sitzen."

Vorurteile plagen alle Menschen. Besonders traurig finde ich es, wenn diese zwischen sonst schon benachteiligten Randgruppen der Gesellschaft zelebriert werden. Statt dass man die Chance ergreift, gemeinsam sich besser zu positionieren, ebnet man anderen einflussreicheren Kreisen den Weg zu mehr Macht. So kann es geschehen, dass die Mehrheit in Kantonsparlamenten den Töchtern von Muslimas vorschreibt, wie sie in der Schule gekleidet sein müssen. Und wiederum andere Mehrheiten in Parlamenten streichen die Sozialhilfe zusammen, um für Landesverteidigung mehr finanzielle Mittel freizusetzten. Es soll ja sicher nicht denen gegeben werden, die schon nichts haben oder darauf angewiesen sind; die auch gar nicht damit vernünftig umgehen können und überhaupt nicht zu uns guten Bürger:innen passen.. So verwehrt man dringend benötigte Mittel für Frauenhäuser, für die "selbstverschuldeten" Randständigen, oft "Sozialschmarotzer" genannt, für diskriminierte und marginalisierte Menschen.

Da kommt mir eine andere, jüngst erlebte Geschichte in den Sinn von einer Frau, die einer anderen in aller Öffentlichkeit nachrief, sie solle halt arbeiten. Diese Geschichte werde ich dann im morgigen Blog erzählen.

Jörg Niederer 

Donnerstag, 10. September 2026

Wil mit Schloss

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Schlosswil. Rechts das Schloss Wyl, das dem Dorf den Namen gibt.
Foto: © Jörg Niederer
"Es rentiert nicht, aber es lohnt sich" Matthias Steinmann zum Erwerb und Unterhalt von Schloss Wyl

Entdeckt

Einst siedelten hier die Römer. Heute steht
das Dorf Schlosswil auf der Seitenmoräne des eiszeitlichen Aargletschers. Seit 1146 befand sich hier das Stammland der im 15. Jahrhundert ausgestorbenen Freiherren von Wiler. Von 1812 bis 2010 wirkte 
im später weiter ausgebauten Schloss die Behörde des Amtsbezirks Konolfingen. Seit 2011 kümmert sich die "Steinmann Stiftung Schloss Wyl" von Matthias Steinmann und seiner Firma Berakom um das Anwesen.

Der Stiftungszweck sieht allerlei Aufgaben bei der Verwaltung des Schlosses vor. Angeboten werden in den historischen Räumen Standesamtliche Trauungen, Hochzeitsfeiern, Anlässe von Behörden und Privaten, Vorträge und Lesungen, Seminarien, Workshops, Ausstellungen, besondere Aktivitäten für Schulen, Konzerte, Führungen, Theater und mehr.

Den rund 700 Bewohner:innen vom Ort Schlosswil scheinen die neuen Besitzverhältnisse zu passen. Die eigene Selbständigkeit als politische Gemeinde hat man vor einigen Jahren aufgegeben. Aufgrund einer Volksabstimmung fusionierten Grosshöchstetten und Schlosswil am 1. Januar 2018.

Wäre ich nicht auf meiner Kapellentour unterwegs, ich wäre wohl nie an diesen idyllischen Ort mit dem weitherum sichtbaren Schloss gekommen. Das Wandern abseits der breiten Massen hat halt auch seinen Reiz.

Jörg Niederer

Mittwoch, 9. September 2026

Standortwahl

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Oben: Die Markuskapelle in Worb wird seit 2025 nicht mehr von den Methodist:innen genutzt. Unten: Die ehemalige Kapelle der Methodist:innen in Münsingen steht nahe dem Bahnhof.
Fotos: © Jörg Niederer
"Wir haben traurige Leute. Wir haben enttäuschte Leute. Aber wir haben keine wütenden Leute mehr getroffen. Diejenigen, die mit auf den Weg gingen, können es verstehen und schweren Herzens akzeptieren. Das ist viel, dafür bin ich dankbar." Esther Bayer zur Beendigung der kirchlichen Arbeit in Worb.

Entdeckt

Fahren wir gleich fort mit der Vorstellung ehemaliger evangelisch-methodistischer Kapellen. Erwandert habe ich sie schon 29. August, und damit zeitlich der Etappe vorgezogen, die am vergangenen Montag von Bowil nach Schlosswil führte (siehe Beitrag vom 8. September 2026!).

Sowohl in Worb wie auch in Münsingen sind mir die ausgezeichneten Standorte der Kapellen und Liegenschaften wieder einmal aufgefallen. In Münsingen ist das Migros-Einkaufszentrum in direkter Nachbarschaft und zur Badi geht es nur unwesentlich weiter. In Münsingen, übrigens auch in Belp und Grosshöchstetten, befinden sich die Kapellen direkt beim Bahnhof. Die Kapelle Langnau ihrerseits befindet sich neben einem grossen Autoparkplatz. All das sind Standortvorteile. Man sollte meinen, dass dies einer Kirchgemeinde deutlich dabei hilft, Menschen auf die hilfreiche und motivierende Botschaft der Bibel aufmerksam zu machen und Gemeinschaft zu leben.

Doch Standortvorteil ist nicht alles. Das sieht man, wenn man Gemeinden anschaut wie die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) Breitenegg (Siehe Beitrag vom 27. Juli 2026). Man kann sich kaum einen remoteren Ort für eine lebendige Kirchgemeinde vorstellen.

Wie gut gelegen die beiden Kapellen in Worb und Münsingen sind, zeigt sich auch daran, dass wieder christliche Gemeinden dort wirken. In Worb ist es die Bewegungplus, in Münsingen die Freie Bibelgemeinde.

In Münsingen finden seit 2008 keine methodistischen Gottesdienste mehr statt. Das hat aber nichts daran geändert, dass gleich dreimal die methodistischen Tagungen der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika an diesem Ort durchgeführt wurden, nämlich in den Jahren 2010, 2012 und 2016.

In Worb wurde die Gemeindearbeit in der Markuskapelle erst gerade 2025 eingestellt. Einen einfühlsamen Bericht dazu findet man auf der Webseite der EMK Schweiz.

Jörg Niederer

 


Dienstag, 8. September 2026

Kapellenverwandlung

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Oben: Die vermutlich ehemalige Kapelle der Methodisten in der Längenei bei Bowil ist heute ein Einstellraum. Unten: Die einstige methodistische Kapelle in Grosshöchstetten ist immer noch mit einem beschrifteten Schaukasten versehen.
Fotos: © Jörg Niederer
"Werden also nicht zu Recht die glücklich genannt, die nichts brauchen?" Platon (428-348 v. Chr.)

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In den Konferenzverhandlungen 2003 der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) ist der Eintrag zur Kapelle in der Längenei verschwunden, was darauf schliessen lässt, dass im Übergang von 2002 auf 2003 dort die Gottesdienste eingestellt wurden.

Anders sieht es mit der einstigen Kapelle in Grosshöchstetten aus. Die Konferenzverhandlungen listen ab 2008 nicht mehr die Predigt- und Sonntagschulplätze auf, sondern nur noch die Liegenschaften im Eigentum der EMK. Damit kann ich mit meinen aktuell zur Verfügung stehenden Mitteln nicht sagen, wann nach 2008 die Aktivitäten der EMK in Grosshöchstetten endeten. Im Verlauf der Konferenzaufzeichnungen wechselten schon früher die Bezeichnungen dieses Versammlungsorts von "Kapelle" zu "Säli". Warum? Vielleicht empfand man das Versammlungshaus nicht mehr als Kapelle. Das unterhalb des Bahnhofs gelegene Gebäude ist ja auch eher ein Wohnhaus denn ein Sakralbau. Vielleich wechselte aber auch das Haus den Besitzer, wobei die Gottesdienste am Ort noch einige Jahre weitergingen. Dass es sich um den einstigen Versammlungsort handelt, steht ausser Zweifel. Noch immer steht der mit dem Kirchennamen versehene Anschlagkasten vor dem Haus.

Weniger sicher bin ich bei der Kapelle in der Längenei. In diesem Weiler am Dürrbach gelegen, südlich von Bowil, hat nur das auf dem Foto oben abgebildete Gebäude entfernt den Charakter einer einfachen Holzkapelle ohne Türmchen. Heute ist es ein Einstellraum oder eine Werkstätte. Das Schiebetor an der Seite scheint nachträglich angebracht worden zu sein. Beim überdachten Eingang weisst ein Schild auf die sich aussen angebaute Toilette hin.

Falls es wirklich die methodistische Kapelle war, was ich annehme, so zeigt sich ein weiteres Merkmal. Solche Kapellen waren oft einfach errichtete Holzgebäude im Stil eines länglichen Schopfs. Das Gebäude musste ja auch nur seinen Zweck erfüllen. Dafür reichte ein Dach über dem Kopf, eine Toilette und vielleicht noch eine einfache Heizmöglichkeit.

Sowohl die EMK-Standorte Grosshöchstetten wie auch Längenei wurden von Signau aus bedient. Von den neun Wirkorten des Arbeitsfeldes waren Grosshöchstetten und Längenei nebst Signau die beiden mit einem kircheneigenen Gebäude. An den sechs anderen Orten versammelte man sich in angemieteten öffentlichen Gebäuden, z.B. Schulhäusern, oder dann bei Privatpersonen zuhause, z.B. auf Bauernhöfen (siehe Beiträge vom 25. August und 26. August 2026!).

Jörg Niederer

Montag, 7. September 2026

Der Muni von Vielbringen

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Ein Muni der hornlosen Fleckvieh-Simmental-Zucht. Sie ist ideal geeignet für die Mutterkuhhaltung.
Foto: © Jörg Niederer
"Kracht die Kuh durchs Scheunendach, wollt' sie wohl den Schwalben nach." Bauernregel

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In Vielbringen, einem abgelegenen Ortsteil von Muri, hält ein Bauer nebst einer Muttertierherde auch den passenden Stier dazu. In diesem Fall ist es wohl eine hornlose Variante des Fleckviehs Simmental. Das ist schon ein beachtlicher Brocken, der da in seiner Herde für Ordnung und Nachwuchs sorgt.

Der Zuchtstier in Vielbringen wird seinen Kühen wohl "viel bringen". Gut, das Wortspiel ist nicht so der Brüller. Zudem hat die Ortsbezeichnung rein gar nichts mit "viel" und "bringen" zu tun, sondern seine Wurzeln im Alemannischen und bedeutet: "bei den Leuten des Vilmar".

Und wenn wir schon dabei sind. In der Schweiz werden die Zuchtbullen oder -stiere auch "Muni" genannt. Vermutlich handelt es sich dabei um ein lautmalerische Wort. So wie beim Vogel, dem wir Kuckuck sagen. Der ruft Kuckuck. Entsprechend wird das Tier, das "muht", Mu(h)ni genannt. Dass auch die Kühe muhen, führt aber nicht dazu, dass man bei ihnen wie beim Muni verfährt. Die Kuh nennt man so in Anlehnung an die indogermanischen Ursprungsbezeichnung für "Rind". Und doch ist auch da Lautmalerisches zu vermuten. "Muh" und "Kuh" klingen zu ähnlich.

Jörg Niederer

Sonntag, 6. September 2026

Hinter der Mauer

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Wieder einmal: Abendrot am Hauptbahnhof Zürich.
Foto: © Jörg Niederer
Gott spricht zu Ezechiel vom Tempel her: "Du Mensch, das ist der Ort, an dem mein Thron steht. Hier ruhen auch meine Füße. Hier will ich für immer unter den Israeliten gegenwärtig sein. Das Haus Israel wird meinen heiligen Namen nicht mehr unrein machen – weder durch Hurerei noch durch die Leichen von Königen, die sie an Kultplätzen ablegen. Das gilt für die Israeliten und ihre Könige. Sie bauten ihre Wohnungen direkt neben meine. Nur eine Wand trennte uns. Durch die Schandtaten, die sie begingen, machten sie meinen heiligen Namen unrein." (Bibel: Ezechiel 43,7b-8a)

Entdeckt

Verdichtetes Bauen nennt man das, wenn man den Raum möglichst optimal ausnutzt und Haus an Haus setzt, nur mit einer Mauer dazwischen. Was Gott durch Ezechiel daran beanstandete, war, dass auf der einen Seite der Mauer Menschen Elend bewirkten, während es auf der anderen Seite heilig zu und her gehen sollte. 

Tracy Chapman singt im Lied "Behind the Wall" davon, wie sie nachts durch ihre Wohnungsmauer hindurch aus der Nachbarswohnung Schreie hört, und wie sie nicht mehr die Polizei ruft, welche, wenn sie komme, erst spät komme. Und helfen wolle die Polizei nicht, weil sie nicht einschreiten dürfe bei einer privaten Streiterei zwischen einem Mann und seiner Frau. Eine weitere, schlaflose Nacht für die Sängerin.

Als Christ:innen möchten wir möglichst nahe bei Gott leben, Tür an Tür. Aber wenn durch die Tür hindurch Schreie der Menschen zu Gott dringen, die von uns vergessen, geschlagen, verlacht und verachtet werden, dann findet Gott keine Ruhe in der Nacht dieser Welt. Wen wundert es, dass Ezechiel davon spricht, wie Gott nicht mehr Mauer an Mauer mit den Jerusalemer leben wollte. Was Gott wolle sei, dass ganz Jerusalem ein Tempel Gottes sei. Die Menschen sollen sich nicht hinter einer Mauer vor Gott verstecken, sondern im Angesicht Gottes leben, heilig, wie Gott selbst heilig ist (Bibel: 1. Petrus 1,16), in seinem "hochheiligen" Tempelbezirk (Bibel: Ezechiel 43,12).

Einmal mehr frage ich mich: Verstecke ich mich vor Gottes Unmittelbarkeit, wie hinter einer Mauer? Bin ich ein Tempel des Heiligen Geistes (Bibel: 1. Korinther 6,19)? Lebe ich in Abgrenzung zu Gott oder in Übereinstimmung mit seinem Willen und seiner Liebe?

Jörg Niederer

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