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Donnerstag, 29. Januar 2026

Der Biber vom Bahnhof Frauenfeld

Ein Zitat

Ein Biber schwimmt direkt neben dem Bahnhof Frauenfeld in der Murg unter dem Fussgängersteg hindurch.
Fotos © Jörg Niederer
"Des Menschen Charakter ist sein Schicksal." Heraklit (um 520 - um 480 v. Chr.)

Hingesehen

Sonntagmorgen an der Murg, direkt beim Bahnhof Frauenfeld. Schon von weitem sehe ich ihn heranschwimmen, direkt auf den Steg zu, auf dem ich stehe. Auch ganz nahe taucht er nicht ab, schwimmt direkt unter mir hindurch. Erst auf der anderen Seite der Brücke taucht der Biber weg, und verschwindet irgendwo im Uferbereich.

Biber haben zurückgefunden in die Schweiz. Erste Auswilderungen im Jahr 1956 in Genf und an weiteren Orten haben heute zu einer Population von 4900 Tieren geführt. Überall im Schweizer Mittelland und in weiten Alpentälern sind sie heimisch geworden.

Da Biber Landschaften grossflächig umgestalten können und dabei Kulturland auch betroffen sein kann, da sie auch nicht Halt vor Obst- und anderen Bäumen machen, finden sich zunehmend Stimmen, die ihre Bejagung fordern.

Und kaum sind erste Fischotter in die Schweiz zurückgekehrt, heisst es auch von diesen Tieren, sie würden zu viel Fisch fressen, man müsse sie wieder vertreiben.

Dasselbe bei verschiedenen Wasservögeln. Diskutiert wird, ob Gänsesäger und Haubentaucher, ganz zu Schweigen von Kormoranen, wieder bejagt werden sollen, da sie zu zahlreich seien und den Fischern zu viel Fisch wegfressen. In der Konsequenz müsste es bei dieser geforderten Jagdstrategie doch auch den Eisvögeln an den Kragen gehen. Immerhin frisst ein einziger dieser farbenprächtigen Vögel täglich mindestens sechs Jungfische.

Eine diskutierte Bejagung von Kormoranen im Winter bringt aber nicht viel, weil die Vögel, die dann bei uns in der Schweiz sind, nicht die selben sind wie die, welche im Frühjahr und Sommer bei uns brüten.

Kormorane, die in grossen Kolonien brüten und mit ihrem scharfen Kot ganze Baumbestände abtöten können (genauso wie die Biber, indem diese Baumbestände unter Wasser setzen) schaffen so neue Lebensräume für andere Tiere und Pflanzen im Netzwerk der Natur.

Aufgrund von Forschungen weiss man heute, dass sich Prädatoren auf die Artenvielfalt positiv auswirken. Das gilt leider nicht für den masslos gewordenen Menschen, der mit seinem Verhalten genau diese überlebenswichtige Artenvielfalt seinen meist monetären Interessen opfert. Da könnte man nun auch den Wolf anfügen, bei dem die Bejagung schon intensiv in Gang ist, obwohl er einen zu vernachlässigenden Schaden unter Nutztieren anrichtet (es sterben vielfach mehr Schafe durch Krankheiten und durch Abstürze auf ungeschützten Alpen) und er zugleich das Schalwild besser in Schach hält als menschliche Jäger, und damit die Gesundheit des Waldes fördert.

Übrigens ist der Biber natürlich kein Prädator, sondern ein hundertprozentiger Pflanzenfresser. Er würde wohl weniger weite Ausflüge ins Zuckerrübenfeld unternehmen, wenn es da, wo er lebt, auch Wölfe gibt. Denn für diese ist ein fetter Biber ein gefundenes Fressen. (Siehe auch meine früheren Beiträge zum Biber!)

Jörg Niederer

Samstag, 4. Oktober 2025

(Un-)Begründete Angst

Ein Zitat

Europäische Hornissen trinken an einer günstigen Stelle den Saft der Birke.
Foto © Jörg Niederer
"Die Menschen werden jenes Ding verfolgen, vor dem sie am meisten Angst haben." Leonardo Da Vinci (1452–1519)

Hingesehen

Angst sei ein schlechter Ratgeber, heisst es. Unvermittelt stand ich einen Schritt weit weg von drei Europäischen Hornissen. Mit nur wenige Zentimeter Spielraum wollte ich mich zwischen Birke und Gartenbank durchzwängen.

Hornissen. Früher hätte ich mich vor unseren grössten Fächerflüglern gefürchtet. Diesmal ging ich bis wenige Zentimeter mit dem Fotoapparat an sie heran. Sie liessen sich von mir beim Saugen des Birkensafts nicht stören. Eine vierte Hornisse flog sogar noch heran und setzte sich unter die Kamera.

Früher erzählten wir uns, dass es nur sieben Hornissenstiche brauche, um ein Pferd zu töten, und nur drei bei einem Menschen. Doch erstens stimmt das nicht. Selbst bei gefährlicheren Hornissen in den Tropen braucht es bei auf das Gift nicht allergischen Menschen mindestens dreihundert Stiche. Und zweitens sind die Europäischen Hornissen wenig aggressiv, was ich dort bei der Birke gut beobachten konnte.

Angst ist also bei diesen Insekten unbegründet.

Könnte es sein, dass wir uns oft täuschen in der Einschätzung von dem, was uns Angst machen sollte, und dem, wovor wir uns fürchten? Nur ein Beispiel: Warum ängstigen sich viele Menschen hier in der Schweiz mehr vor Schlangen als vor einer Autofahrt? Seit 1961 ist kein Mensch mehr durch einen Schlangenbiss ums Leben gekommen. Dagegen sind in der Schweiz allein im Jahr 2024 250 Personen im Strassenverkehr ums Leben gekommen. Würde Bundesrat Rösti ebenso konsequent wie er gegen Wölfe vorgeht (Es gab im Zeitraum von 1950 bis heute in Europa 8 durch Wölfe getötete Menschen, allesamt durch angefütterte Tiere oder durch Tollwut) gegen Todesfälle im Strassenverkehr handeln, müsste generell 30 km/h innerorts auf allen Strassen schon längst eingeführt sein. Selbst vor Schulen, vor denen Kinder schon durch den Strassenverkehr ums Leben gekommen sind, darf mitunter nicht das Tempo von 50 auf 30 km/h reduziert werden.

Bei diesem Vergleich spielt aber wohl noch eine andere Angst eine noch grössere Rolle. Die Angst vor einem Verlust an Popularität bei der eigenen Wählerschicht, bei den Autofahrer:innen und den Landwirt:innen.

So kommt es, dass wir uns lieber vor Hornissen fürchten, als vor einer Wanderung in den Bergen oder den Motorfahrzeugen auf dem Schulweg unserer Kinder. Vielleich sollten wir uns am ehesten vor unserer unkalibrierten Angst ängstigen, die uns immer wieder blind werden lässt für das, was uns am meisten das Fürchten lernen sollte: der wachsenden Lieblosigkeit gegen unsere Mitmenschen.

Jörg Niederer

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