Ein Zitat
"Die Schweiz orientiert sich … an der Definition der UNO. Laut dieser ist eine Entwicklung dann nachhaltig, wenn sie gewährleistet, dass die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt werden, ohne dabei die Möglichkeiten künftiger Generationen zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu beeinträchtigen." Nachhaltigkeitsstrategie der Schweiz
Foto © Jörg Niederer
Entdeckt
Ein Sehnsuchtsbild. Unter dem weiten Himmel zeichnen sich am Horizont die Berner Alpen ab. Eiger, Mönch und Jungfrau und andere. Nach sommerlichen Tagen wünscht man sich etwas Bergfrische. Im Frühtau zu Berge...
Ein Sehnsuchtsbild. Weit und breit keine Zivilisation. Natur pur, soweit das Auge reicht.
Das Foto verschweigt das Gebrumme der Autos im Tal, die sich zwischen den Hügeln ausbreitenden Dörfer und Städte. Was es nicht verbergen kann: In der Schweiz ist nichts mehr Natur. Alles ist beeinflusst von uns Menschen. Gepflegte Bergwiesen nebst den Wäldern, die der Forstwirtschaft dienen. 80% der Schweizerischen Landwirtschaft sei Grasland, las ich gestern auf einer Werbeseite der Fleischwirtschaft. Das liegt nicht zuerst an der zunehmenden Bevölkerung, sondern daran, wie wir unsere Umwelt behandeln. Wir haben uns entschieden, massiv in die Natur einzugreifen. Luxemburg ist dichter bevölkert als die Schweiz, und doch weisst sie eine sorgfältigere, nachhaltigere Umweltgestaltung auf. Das könnte man auch in der Schweiz, wenn man denn wollte.
Dem Dichtestress in Zügen konnte ich schon in den 90er-Jahren nicht entkommen. Ich erinnere mich an die bis auf den letzten Platz gefüllten Bahnwagons auf der Strecke von Zürich nach Bern. Damals gab es gerade einmal 6 Millionen Menschen, die hier wohnten.
Autostaus gabe es in Olten schon während meiner Schulzeit vor 55 Jahren jeden Tag. So brauchte man Vater mit dem Geschäftsauto auf den zwei Kilometern von der einen Stadtseite zur andern eine halbe Stunde. Schlimmer ist es nicht geworden, auch wenn wir heute schon 9 Millionen Menschen sind, die hier leben.
Was nicht besser geworden ist: Der Wille zu einem nachhaltigeren Lebensstil. Dabei geht es um uns, um uns "Urschweizer". Wir haben entschieden, dass wir eine industrielle Landwirtschaft wollen, dass wir dem Strassenbau Priorität geben, dass wir zwei Autos pro Familie brauchen. Wir haben in den vergangenen Abstimmungen den Kurs der schweizerischen Nachhaltigkeit bestimmt. Die gehört zu den Schlusslichtern unter den europäischen Ländern. Wir schützen lediglich einmal 3,5 % unseres Boden so, wie es für mindestens 30% des Bodens sein sollte. Das haben nicht die Fremden entschieden, das haben wir entschieden.
So gesehen ist die Nachhaltigkeitsinitiative eine Mogelpackung. In Wirklichkeit geht es darum, unseren übermässigen Lebensstil nicht zu teilen. Wir wollen nicht, dass es anderen auch gut geht. Wir schieben den Fremden den Schwarzen Peter zu.
Aktuell verbraucht die Schweiz 3 mal soviel Ressourcen, wie uns zustehen würde. Daran ändert sich nichts mit einem Einwanderungsstopp bei 10 Millionen Menschen. Daran ändert nur die Bereitschaft, unseren Lebensstil so nachhaltig zu gestalten, wie nur möglich. Je besser wir das tun, je klüger wir die Nachhaltigkeitspolitik gestalten, desto besser tun das auch die Menschen, die in unser Land einwandern. Wir haben es in den Händen. Aber nicht mit einer Nachhaltigkeitsinitiative, die die Schuld den andern gibt, sondern mit der Bereitschaft, endlich die lebenswichtigen ökologischen Weichenstellungen zu tätigen.
Jörg Niederer