Donnerstag, 30. April 2026

Schöne Augen zum Verlieben

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Teichfrosch mit Stechmücke im Hudelmoos bei Amriswil.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Frosch mit genug Kröten wird verdammt schnell zum Prinzen." Claudio Michele Mancini (*1945)

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In so schöne Augen kann man sich schon einmal verlieben. Da wundert es mich nicht, dass Prinzessinnen dazu gebracht werden können, einen Frosch zu küssen.

Doch welcher Art ist denn nun dieser Frosch? Sicher gehört er nicht zu den verwunschen Prinzen. Es könnte ein Kleiner Wasserfrosch, ein Teichfrosch oder ein Seefrosch sein. So einfach kann ich das gar nicht mehr sagen, seit die italienischen Seefrösche sich mit den Kleinen Wasserfröschen paaren und daraus die Teichfrösche entstehen, die nun ihrerseits selbst als Hybriden Nachwuchs unter ihresgleichen zeugen können.

Der Einfachheit halber sage ich einfach einmal: Das ist ein Teichfrosch. Davon hatte es hunderte, als wir gestern im Hudelmoos bei Amriswil eine kleine Runde drehten. Bei dieser Froschdame oder diesem Froschherrn – auch das ist nicht leicht zu erkennen so auf den ersten Blick – ist noch etwas anderes auffällig. Die Stechmücke auf dem Rücken, die offensichtlich auch Froschblut mag. Das ist wohl die Rache für die vielen im Schlund des Froschmunds verschwundenen Mücken und Fliegen.

Mir tun die Frösche leid. Sie müssen ausgerechnet da ausharren, wo es nur so wimmelt von diesen Plagegeistern. Ich kann mich am Abend in meine Wohnung zurückziehen, und werde nur ab und zu durch das Surren einer einzigen Mücke am Schlaf gehindert.

Ja, die Frösche haben es nicht einfach. Ständig feuchte Füsse, aber auch wunderschöne Augen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 29. April 2026

Bluescht im Hoschtet

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Einblick in einen blühenden Obstgarten bei Zihlschlacht.
Foto © Jörg Niederer
"Über dem mit kleinen Wölkchen gesprenkelten Horizont im Osten ging eben die Sonne auf. Ihr Licht verlieh den taufrischen Blüten und Blätter der Obstbäume festlichen Glanz..." Charlotte Brontë (1816-1855)

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Es ist die Zeit der Bluescht-Fahrten durch den Kanton Thurgau. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Helles Weiss und lichtes Grün überwiegen. Welch eine Lust, durch die Landschaft zu wandern. Bienchen summen, Hummeln torkeln im Tiefflug über den Boden. Frösche quaken aus Tümpeln am Rand der Wälder. In der Ferne grüsst der Säntis, die Vögel singen einer schöner als der andere. Die Sonne wärmt, die Jacken bleiben im Rucksack. Da und dort grüssen sich Menschen, die sich noch nie begegnet sind. Man könnte meinen, die Welt sei aber auch so etwas von in Ordnung. Da stösst ein Rotmilan mit lautem Ruf hinab ins Wiesengrün. Nicht weit von uns blühen Bäume über Bombentrichtern und Blumen auf Massengräbern.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. April 2026

Am Rand oder mittendrin

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Oben: Die Evangelisch-methodistische Kirche Langenthal steht direkt neben einer katholischen und einer neuapostolischen Kirche. Unten: Die heute als Wohnung genutzte methodistische Kapelle von Rohrbach steht am Rand des Dorfs auf dem Weg zum Friedhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Sonderbar, dass man sich erinnert, man habe sich einer Sache erinnern wollen, aber diese doch nicht mehr sicher erinnert." Jean Paul (1763-1825)

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Auf meiner Kapellentour befinde ich mich nun im Oberaargau, einem Teil des weitgehend protestantischen Kantons Bern. Behäbige Bauernhäuser säumen den Weg. Die bestimmenden Kirchen in den Dörfern sind reformiert.

In Langenthal hat wohl die Bevölkerungsentwicklung dafür gesorgt, dass die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) heute relativ nahe am Stadtzentrum steht. Sie ist an diesem Ort nicht das einzige Gotteshaus. Direkt daneben befindet sich das moderne Kirchengebäude der Neuapostolische Kirche, die seit einigen Jahren Teil der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz (AGCK) ist, genauso wie schon länger die EMK und die Römisch-katholische Kirche. Deren Kirche Maria König befindet etwa 60 Meter von der EMK entfernt quer über eine Kreuzung hinweg. So ist die recht agile Gemeinde der EMK an einem Standort, den man als religiöses Bermudadreieck beschreiben könnte.

Ganz anders, wenn man der Langete etwa 11 Kilometer flussaufwärts folgt, in Rohrbach. Dort steht die Kapelle am äussersten Rand des Dorfs an einer Nebenstrasse, die zum Friedhof führt. Wobei, eine Kapelle ist es nicht mehr. Auch hier wurde das Gebäude verkauft und wird heute als Wohnhaus genutzt. Als ich meine Laufbahn als Methodistenpfarrer begann, war das einer der ersten Orte, an denen ich predigte. Das war vor über 40 Jahren. Wir wohnten jung verheiratet in Huttwil in der dortigen EMK-Kapelle. In Rohrbach predigte ich regelmässig, wenn ich mich recht entsinne so alle zwei Wochen. Und doch war ich mir beim Anblick der einstigen EMK-Kapelle unsicher, ob das wirklich der Ort war, an dem ich erste Predigterfahrungen sammelte. So fragte ich eine Frau, die gerade den nahen Bauernhof verliess, ob das Gebäude einst eine Kapelle gewesen sei, und sie bestätigte.

Die Kapelle, einmal recht zentral, das andere Mal am Rand. Wo eine Kapelle oder Kirche zu stehen kommt, hat oft auch damit zu tun, dass jemand ein Grundstück spendet für diesen Zweck. So war es im 8. Jahrhundert mit der ersten Kirche in Rohrbach. Diese wurde von einem gewissen Adelgoz gestiftet, einem Alemannen aus der Ostschweiz. Und so wird es wohl auch mit der EMK in Rohrbach gewesen sein. Auch sie könnte auf gestiftetem Grund zu stehen gekommen sein. Heute befindet sich das einstige kirchlich genutzte Gebäude immer noch am Rand der bebaubaren Fläche. Eine unverstellte Aussicht über die weiten Felder südwestlich von Rohrbach ist den Bewohner:innen sicher.

Jörg Niederer

Montag, 27. April 2026

Methodistische Hotels und die Barrierefreiheit

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Oben: Das Zentrum Artos in Interlaken gehört zu den Top 3 der besten barrierefreien Hotels der Schweiz. Unten: Unter den Top 10 ist auch das Placid Hotel Design & Lifestyle in Zürich-Altstetten.
Fotos © Jörg Niederer
"Wir bejahen die volle Humanität von Menschen mit Behinderungen und erkennen ihre Gaben an. Wir rufen dazu auf, Barrieren abzubauen, die Menschen mit Behinderungen davon abhalten, ganz am Leben von Gemeinden und der Gesellschaft im Allgemeinen teilzuhaben." Soziale Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche, Die politische Gemeinschaft, H. Menschen mit Behinderungen

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Ein bisschen stolz bin ich ja schon. Da findet sich in der gestrigen Beilage "Reisen" der Sonntagszeitung wieder die Auflistung der 101 besten Hotels der Schweiz. Darin hagelt es Häuser mit 5 oder 4 Sternen, luxuriös und teuer. Aber in diesem Jahr gibt es auch einen Artikel über die besten barrierefreien Hotels der Schweiz. Procap, Mitgliederverband für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz traf die Vorauswahl. Sonja Häsler, erfahrene Reisende und Hoteltesterin mit Rollstuhl klapperte die Hotels dann auf die Anforderungen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ab. Und siehe da: Gleich zwei Gasthäuser mit kirchlich-methodistischem Hintergrund landeten in den Top 10. Da wäre das Zentrum Artos***S in Interlaken BE, das nach dem Centro Magliaso in Magliaso und dem Seebüel*** in Davos auf dem 3. Rang landete. Zum Artos schreiben die Autor:innen: "Im grossen Komplex mit Pflegeheim erfüllen die Häuser Oase und Siesta, wo 155 Hotelbetten untergebracht sind, alle Anforderungen der Barrierefreiheit, vermitteln aber gleichwohl Ferienfeeling."

Unter den 10 besten barrierefreien Häusern befindet sich auch das Placid Hotel Design & Lifestyle**** in Zürich Altstetten. Untergebracht ist es im modernen Hauptsitz der Diakonie Bethanien (Siehe dazu Beitrag vom 10. Januar 2026) und Teil des Engagements des Werks, das aus dem Wirken der methodistischen Diakonissen in Zürich und der Schweiz entstanden ist.

Als Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche hat es mich auch gefreut, im Bericht zu lesen: "Und die Top Three haben einen mal mehr, mal weniger sichtbaren christlichen Hintergrund." Ergänzen könnte man, dass dies auf mindestens 5 der 10 Besten zutrifft. Christlicher Glaube zeigt sich eben ganz konkret in praktischer Umsetzung der Überzeugung, dass alle Menschen wertvoll sind und teil der Gesellschaft, wie sehr oder auch nicht sie eingeschränkt sind in ihrem Leben.

Jörg Niederer

Sonntag, 26. April 2026

Fantasievolles Sehen

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Das Chorgestühl in der Klosterkirche St. Urban (Luzern) ist besonders prächtig; eine Augenweide.
Foto © Jörg Niederer
"[Gott] ... sagte zu mir: 'Du Mensch, sieh hin und hör gut zu! Pass genau auf, was ich dir zeigen will! Denn du bist an diesen Ort gebracht worden, damit ich dir etwas zeigen kann. Berichte den Israeliten alles, was du siehst!'" Bibel: Ezechiel 40,4

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Der Prophet Ezechiel sah in einer Vision den neuen Tempel, der ein untrügliches Zeichen einer neuen Gnadenzeit für Israel war. Indem er seinen Landsleuten im Exil von diesen Bildern erzählte, machte er ihnen Hoffnung und Mut.

Wie kann man ein klassisches Musikstück mit Worten beschreiben, dass jemand, der es absolut nicht kennt, wirklich auch hört? Wie kann man ein Bild so beschreiben, dass ein Leser es nicht nur in seiner Fantasie zu sehen glaubt, sondern es wirklich auch sieht?

Wie kann jemand ein Bauwerk so beschreiben, dass ein anderer, der seinen Worten lauscht, dieses Bauwerk auch wirklich sieht? 

Es müssen grosse Künstler sein, die so beschreiben können. Und es müssen sehr aufmerksame Leserinnen und Hörer sein, welche das Beschriebene in ihrer Vorstellung richtig rekonstruieren können. Meine Vorstellungskraft reicht dafür nicht aus. Mir sagt ein Bild mehr als tausend Worte.

Ezechiel beschreibt nicht nur den Tempel. Er zeichnet ihn wie ein Architekt. Der Tempel wird vermasst. Das macht es relativ einfach, dieses Gebäude in seiner Form zu rekonstruieren. Und doch sehen verschiedene Menschen Unterschiedliches. Da gibt es Ufo-Gläubige, die den Tempel als Weltraumhafen sehen für das "Raumschiff", das in Ezechiel 1 beschrieben werde.

Und wir: Interpretieren wir die Verheissungen und Zukunftsbilder der Bibel richtig? Spielt unsere Fantasie mit uns, oder sehen wir in den Visionen der Bibel wirklich Gottes zukünftige Welt?

Jörg Niederer

Samstag, 25. April 2026

An der Bisse de Langenthal

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Wässermatte an der Langete, kurz von Lotzwil.
Foto © Jörg Niederer
"Das Beste aber ist das Wasser." Pindar (um 517–437 v.Chr.)

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Wer sagt denn, dass nur die Walliser etwas verstehen von Bewässerung. Suonen gibt es auch im Mittelland, nur heissen sie da anders. Man nennt sie hier "Gräben". Der Bisse bzw. Suone entspricht der Hauptgraben, der das Wasser sammelt. Mittels Holzschieber, den Brütschen, wird das Wasser je nach Bedarf durch das weitverzweigte Gräbensystem auf die Wiesen geleitet.

Zwischen Langenthal und Lotzwil durchstreiften wir entlang solcher Gräben die Wässermatten. Dabei handelt es sich um Wiesen, die jährlich dreimal gewässert werden. Jede Wässerung dauert je nach Wassermenge zwei bis drei Tage. Indem die Wiese so buchstäblich unter Wasser gesetzt wird, wird sie durch die im Wasser befindlichen Schwebeteile natürlich gedüngt. Es entsteht eine feuchte Wiese, die besonders Artenreich und fruchtbar ist. Dieses Verfahren wurde im Oberaargau durch die Zisterziensermönche vom Kloster St. Urban im 9. Jahrhundert eingeführt. Auch heute noch ist Langenthal ein Hotspot der Wässermatten. Um die 110 Hektaren umfasst das so bewässerte Grasland entlang der Fliessgewässer Langete, Önz und Rot. Eine Wässermattenstiftung kümmert sich um die Bewirtschaftung und den Erhalt dieses Naturdenkmals von nationaler Bedeutung. Zugleich wurde diese traditionelle Bewässerung in Europa 2023 von der UNESCO auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gesetzt. Wen wundert es, dass auch die Suonen im Wallis dazugehören.

Aktuell blüht es in den Wässermatten. Es lohnt sich also, die "Bisser de Langenthal" zu besuchen.

Jörg Niederer

Freitag, 24. April 2026

Freikirche mit Glocke

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Die methodistische Johanneskirche in Strengelbach. Das kleine handgeläutete Glöckchen ist gut zu erkennen.
Foto © Jörg Niederer
"Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, / folg ich der Vögel wundervollen Flügen." Georg Trakl (1887–1914)

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Sie ist eine der ganz wenigen methodistischen Kirchen in der Schweiz mit einer funktionsfähigen Glocke im kleinen Türmchen auf dem Dach. Die Johanneskapelle in Strengelbach steht etwas versteckt in zweiter Reihe an der Hauptstrasse nach Brittnau. Als Pfarrer durfte ich an diesem Ort vier Jahre lang wirken. Dass eine Freikirche eine Glocke hat, ist deshalb aussergewöhnlich, weil dies in der Regel den Landeskirchen vorbehalten war, und man bei Freikirchen dafür keine Baubewilligung erteilte. Vielleicht war es das Misstrauen einer "ausländischen" Kirche gegenüber, die dazu führte, dass solche Glockentürmchen in Methodistenkirchen nur symbolischen Charakter hatten. Ganz ähnlich wie heute den Muslimen der Bau eines Minaretts verboten ist und jeweils viel Wiederstand entsteht, wenn sie eine Moschee bauen wollen, erging es wohl in der Anfangszeit auch vielen Freikirchen. Sie stiessen auf viel Widerstand und Vorurteile.

Warum war es in Strengelbach anders? Das Narrativ dazu, das ich hörte, ging so: Die Johanneskirche war die überhaupt erste Kirche in Strengelbach, die gebaut wurde. Das reformierte Gotteshaus wurde erst später erreichtet, genauso wie die Katholische Kirche. Das änderte die Rahmenbedingungen. Man wollte in Strengelbach wohl eine richtige Kirche, die aussah wie eine Kirche und auch klang wie eine Kirche, und nicht nur eine unbedeutende Kapelle.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ein über 80-jähriger Mann mir zeigte, worauf man achten müsse, wenn man die Glocke via Seilzug erklingen lassen wollte. Man durfte nicht zu heftig ziehen, und es brauchte an der richtigen Stelle eine kurze Pause, bevor der nächste Glockenschlag durch erneutes Ziehen am Seil eingeleitet wurde.

Geläutet wurde zu meinen Zeiten in Strengelbach jeweils am Samstagabend, um den Sonntag einzuläuten, und vor den Gottesdiensten an den Sonntagen. Wie es heute ist, weiss ich nicht.

Seit 2011 lädt der Kulturplatz regelmässig zu Konzerten in die Johanneskirche ein. Nach wie vor finden Sonntagsgottesdienste statt. Schön, dass die Johanneskapelle in Strengelbach auch in diesen Tagen erklingt.

Jörg Niederer

Donnerstag, 23. April 2026

Die gleiche Lebensstrategie

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Links: Die Vogel Nestwurz, eine parasitisch lebende Orchidee. Rechts: Die parasitisch lebende Gewöhnliche Schuppenwurz. Sieht ähnlich aus, ist aber keine Orchidee.
Fotos © Jörg Niederer
"Auf, auf, ihr kleinen Bienen / Der Winter ist fürbei: / Schon gaffen jetzt und gienen / Die Blümlein allerlei." Friedrich Spee (1591-1635)

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Zwei verschiedene Pflanzen, eine Lebensstrategie. Links die Vogel-Nestwurz, eine Orchidee. Über diesen Holoparasiten im Pflanzenreich habe ich an anderer Stelle (Siehe Beitrag vom 19.05.2025) schon geschrieben. Rechts die Gewöhnliche Schuppenwurz. Bei genauem Hinsehen besteht keine Verwechslungsgefahr. Schon allein die rosa Farbe der Schuppenwurz-Blüten ist ein deutliches Merkmal. Sie ist keine Orchidee, sondern gehört zu den Schuppenwurzen (Lathraea). Auch die Gewöhnliche Schuppenwurz ist ein Holoparasit, also ein Vollschmarotzer. Sie bezieht ihre gesamte Nahrung von benachbarten Bäumen; vornehmlich von Haseln, Erlen, Pappeln, Weiden und Buchen. Durch eine Spezialisierung kann sie im Frühjahr direkt nach der Schneeschmelze blühen, indem sie die verholzten Baumteile anzapft, die in dieser Jahreszeit durch organische Verbindungen und Pflanzensäfte durchtränkt sind. Wie die Vogel-Nestwurz kann die Gewöhnliche Schuppenwurz sich durch unterirdische Blüten fortpflanzen. Diese werden dort ohne sich zu öffnen bestäubt (Kleistogamie).

Damit der Samen einer Gewöhnlichen Schuppenwurz auskeimen kann, muss er näher als 1 Zentimeter bei der Wirtswurzel liegen. Ihren deutschen Namen hat die Gewöhnliche Schuppenwurz von der schuppigen Struktur ihres bis 2 Meter langen, verzweigten Wurzelwerks. Dieses kann ein Gewicht von 5 Kilogramm erreichen.

Die Pflanze ist nicht essbar, ja sogar leicht giftig. Also Hände weg von dem wundersamen Gewächs!

Jörg Niederer

Mittwoch, 22. April 2026

Kirchenfusion und Neuausrichtung

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Oben: Die Kapelle an der Sälistrasse 2/Weiherstrasse 7 in Zofingen mit dem ebenfalls zur Kirche gehörenden Haus an der Sälistrasse 4. Unten: Die einstige Kapelle der Bischöflichen Methodistenkirche an der Weststrasse 2 in Zofingen.
Fotos © Jörg Niederer

"Die EMK Zofingen ist ein Ort für Menschen in Bewegung – für Pilger, die merken, dass das Leben mehr sein könnte."
Selbstbeschreibung der Gemeinde

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Wenn zwei Kirchen sich zusammenschliessen, folgt an manchen Orten, an denen beide Traditionen vertreten sind, die Klärung des zukünftigen Standorts. Diese Frage stellte sich 1972 auch in Zofingen, als im Rahmen der Kirchenvereinigung der Bischöflichen Methodistenkirche und der Evangelischen Gemeinschaft die Evangelisch-methodistische Kirche entstand. In Zofingen gab es damals die Methodistenkapelle an der Weststrasse 2 und die Kapelle der Evangelischen Gemeinschaft an der Sälistrasse 2. An beiden Orten wirkten Pfarrpersonen.

In Zofingen entschied man sich für die grössere Kapelle an der Sälistrasse 2. Die Luftlinie gerade einmal 800 Meter entfernte Kapelle an der Weststrasse wurde anfänglich noch für Anlässe der vereinigten Kirche genutzt und später dann an die Pfingstgemeinde Zofingen verkauft.

Damals wurden auch die Zuständigkeitsbereiche neu definiert. Meist dauerte das einige Zeit. Die Gemeinde in Olten gehörte noch einige Jahre über die Zusammenlegung hinaus zu Zofingen, um dann mit den Gemeinden in Rothrist und Aarburg einen neuen Bezirks zu bilden. So kam es, dass ich auch Erinnerungen habe an die Kapelle an der Weststrasse. Dort erlebte ich als Kind einer dieser legendären Kinder-Grossanlässe. Etwa 200 Kinder trafen sich zur Sonntagschule im Gottesdienstraum. Wenn ich mich recht erinnere, herrschten chaotische Zustände. Gleichzeitig wurden uns Kinder von verschiedenen Sonntagschullehrer:innen Geschichten erzählt. Gewohnt an deutlich übersichtlichere Sonntagschullektionen fühlte ich mich an diesem Ort absolut unwohl und besuchte ihn danach auch nicht mehr.

In der Kapelle an der Sälistrasse wurde ich einige Jahre später konfirmiert, inklusive dem obligaten anschliessenden Familienausflug auf den Heiteren. Das war die Zeit der Samtanzüge. Jahre später, durfte ich hier in Zofingen als zweiter Pfarrer auf dem Bezirk wirken. Die Pfingstgemeinde hatte ihren Sitz noch in der Kapelle an der Weststrasse. In jener Zeit brodelte es zwischen den charismatisch ausgerichteten Methodist:innen und den anderen. Das führte dazu, dass eine grössere Zahl von Gläubigen die Evangelisch-methodistische Kirche Zofingen verliessen und mehrheitlich bei den Pfingstlern eine neue Heimat fanden. Kein Wunder, war das Verhältnis der beiden Denominationen damals angespannt. Schon in jener Zeit wurde die Kapelle an der Weststrasse zu klein für die Pfingstgemeinde. Eine Veränderung für das Haus war absehbar. Heute befindet sich im einstigen Gebäude der Bischöflichen Methodistenkirche das Kulturhaus West. Auf der Webseite gibt es verschiedene Fotos, wie die Räume jetzt aussehen. Das selbe gilt auch für die Räume der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Sälistrasse 2, die man auch auf der Webseite unter Vermietung betrachten kann.

Jörg Niederer

Dienstag, 21. April 2026

Vertrautheit

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Die Schnauze des Langhaardackels ruht im Zug auf dem einen Schuh seines Herrchen.
Foto © Jörg Niederer
"Dackel reden mit den Augen oft vernünftiger, als Menschen mit dem Mund!" nach Ludovic Halévy (1934-1908)

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Der treue Dackel, er ist sprichwörtlich. Der Schnappschuss aus dem Bahnwagon zeigt eine grosse Vertrautheit zwischen Herrchen und Hund. Wie selbstverständlich hat der Vierbeiner seinen Kopf auf den Schuh seines Vertrauens gelegt. So liegt er nun da, die ganze Stunde, weiss sich inmitten der fremden Gerüche, Töne und Leiber geborgen und sicher. Sein Besitzer seinerseits regt sich nicht, lässt den Fuss die ganze Zeit an Ort und Stelle. Vermutlich sind beide von Endorphinen geflutet, glücklich am Glück des andern.

Jörg Niederer

Montag, 20. April 2026

Kuhversammlung

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Kühe vergnügen sich auf der Weide mit dem Durchwühlen von Erdhaufen.
Foto © Jörg Niederer
"Einer schwanzlosen Kuh treibt Gott selbst die Fliegen weg." Sprichwort

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Auf der Weide, entlang des Elektrozauns haben sich Kühe um Erdhaufen versammelt. Vielleicht hat der Bauer sie ganz bewusst dort aufgehäuft, vielleicht ist es auch Abraum, der hier vorübergehend deponiert wurde. Die Kühe jedenfalls interessieren sie sehr für das Erdreich. Sie drängeln sich um die Haufen, wühlen mit dem Kopf in der Erde, schnuppern und schnaufen dabei genüsslich und laut. Spielen sie? Suchen sie nach fressbaren Wurzeln oder nach Mineralien? Wollen sie sich an diesem warmen Frühlingstag etwas abkühlen auf der sonst schattenlosen weiten Weide? Hätte man ihnen die Hörner nicht entfernt, sie würden wohl noch viel mehr Staub aufwirbeln.

Neugierig sind die Tiere, auch auf uns. Sie bestaunen uns, wie wir Menschen Zootiere bewundern, riechen an den Händen, die ihnen hingestreckt werden, glotzen uns mit ihren schönen Augen an. Und wir staunen zurück.

Jörg Niederer

Sonntag, 19. April 2026

Eigenruhm stinkt

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Die Klosterkirche und Teile des Klosters St. Urban. Heute befindet sich hier eine Psychiatrische Klinik.
Foto © Jörg Niederer
"Der Gerechte darf sich freuen über den Herrn – bei ihm wird er seine Zuflucht suchen. Jeder darf sich rühmen, der ein ehrliches Herz hat." Bibel, Psalm 64,11

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Ich musste diesen Vers zweimal lesen. So unglaublich ist das, was hier geschrieben steht. Da heisst es nicht: "Jeder darf Gott rühmen, der ein ehrliches Herz hat." Da heisst es, "Jeder darf sich rühmen...""Eigenruhm stinkt" haben wir als Kinder gesagt. Irgendwie ist der ganze Psalm in einer verqueren Logik geschrieben.

David, dem dieser Psalm zugeschrieben wird, war ja nicht gerade ein Engel. Dass er seinen Feinden die göttliche Rache an den Hals wünschte, mag aus menschlicher Sicht verständlich sein. Aber müsste er sich da nicht auch ein bisschen an der eigenen Nase nehmen? Dass es ihm letztlich – es sind ja die letzten Worte des Psalms – um seinen eigenen Ruhm geht, ist nun aber wirklich der Gipfel der Unverschämtheit. Der Psalm offenbart überdeutlich die Abgründe im Herzen des Beters. So wird Gott nicht geehrt. Er wird darin aufgefordert, Handlanger der eigenen Wünsche zu werden.

Das Beste, was dieses Gebet zeigt, ist: So total eigensüchtig und falsch dürfen wir mit Gott reden. Er hört uns ab, wie eine Mutter ihre frustrierten Kinder.

Jörg Niederer

Samstag, 18. April 2026

Die Trauer-Rosenkäfer und die Pollen

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Drei Trauer-Rosenkäfer auf einer Löwenzahnblüte sind ganz vertieft ins Fressen von Blütenpollen.
Foto © Jörg Niederer
"Möge die ganze Welt glücklich sein." Aus einem Hindugebet

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Sie sind vom Blütenstaub gelb überzuckert und in einem wahren Fressrausch, die drei Trauer-Rosenkäfer auf der Löwenzahnblüte. Es ist das zweite Mal, dass ich diesen potentiell gefährdeten Käfer fotografieren konnte. Das erste Mal fand ich ihn Mitte Mai 2024 auf einer Wildblumenwiese der Propstei Wislikofen (AG) (siehe Foto unter dem Beitrag vom 14.05.2024).

Fast einen Monat früher nun entdeckte ich etwa 20 Oxythyrea funesta auf einer lichten und stark sonnenbeschienenen Waldrandstelle direkt am Wanderweg bei Burgstelle nahe Pfaffnau (LU). Diese Käfer werden in den letzten 15 Jahren vermehrt bei uns und in Süddeutschland aufgefunden. Ihre eigentliche Heimat ist der Mittelmeerraum. Der Klimawandel begünstig offensichtlich ihre Ausbreitung auf die Alpennordseite. Die hübschen Trauer-Rosenkäfer sind ausgewachsen unverwechselbar. Mit ihren weissen Punkten auf schwarzem Grund sehen sie recht hübsch aus. In der Form gleichen sie dem häufigeren Goldglänzenden Rosenkäfer. Das Larvenstadium verbringen sie als bis zu 3 cm lange Engerlinge im Boden. In diesem Stadium kann man sie mit anderen Engerlingen verwechseln. Dann fressen sie Wurzelwerk. Als Käfer lieben sie Blütenpollen. Auf dem Foto sieht man beim Trauer-Rosenkäfer ganz rechts im Bild auch die starke Behaarung. Diese wird im Verlauf der weiteren Nahrungssuche und beim Kriechen durch enge Spalten abgeschabt und geht verloren. Bei den anderen beiden Käfer hat die "Rasur" bereits lichte Stellen hinterlassen.

Trauer-Rosenkäfer fliegen von Mai bis Juli und können folglich noch einige Zeit beobachtet werden. Dass sie bereits Mitte April anzutreffen sind, deutet darauf hin, dass sie sich den wärmeren Umständen im Schweizer Mittelland angepasst haben. Nahrung ist mit der Löwenzahn- und Rapsblüte jedenfalls im Überfluss vorhanden.

Leider ist der Käfer in der Schweiz nicht geschützt und gilt des Pollenfrasses wegen als Schädling in Obstbau. Besonders aber die Larven gelten als sehr schädlich für die Landwirtschaft. Für viele Vögel sind sie aber lebenswichtige Grundlage bei der Aufzucht der Jungen.

Jörg Niederer

Freitag, 17. April 2026

Die Waldgrille

Ein Zitat

Die etwa 4 mm lange Larve einer Waldgrille in ihrem Biotop im abgestorbenen Laub bei Langnau bei Reiden (LU) auf etwa 500 m.ü.M. am Nordabhang des Heuberibergs.
Foto © Jörg Niederer
"er hat vil hummeln, mucken, tauben, meusz oder grillen im kopff" Zitat aus Sebastian Frank (1654-1731), "Sprichwörter"

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Da bin ich nun schon beinahe 67 Jahre auf dieser Welt, doch dieses bei uns in der Schweiz häufige Insekt habe ich gestern zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Und das kam so: Beim Austreten im Wald, in den dabei vergehenden Sekunden hat man die Zeit und Musse, dem Detail mehr Beachtung zu schenken. Und so fielen mir am Boden im Laub nebst Ameisen auch Tierchen auf, die kurz still dasassen, um dann blitzschnell zu verschwinden. Erst dachte ich an Mücken – ich sehe je nach Distanz auch mit Gleitschichtbrille nicht immer klar, – doch dann, hinuntergebeugt, merkte ich, dass es sich um winzig kleine Grillen handeln musste. Immer, wenn ich versuchte, mit der Kamera und dem Makroobjektiv sie abzulichten, geschah das Gleiche. Ich fotografierte wunderbar zerfallendes Laub aus dem Vorjahr, aber von den Grillen war darauf nichts zu sehen. So hüpften sie mir bestimmt zwanzigmal aus dem Foto, und ich kann von Glück sagen, dass ich wenigstens eine dieser 4 mm kleinen Larven hier zeigen kann. In welchem Larvenstadium sich die Waldgrillen befinden, weiss ich nicht. Da es an dieser Stelle unzählige dieser Tierchen hatte, könnten es erst kürzlich geschlüpfte Nemobius Sylvestris, so der wissenschaftliche Namen, sein. Sie kommen im Laubwäldern an warmen Stellen vor und verstecken sich im abgestorbenen Laub. Dort überwintern auch die Eier, genauso wie im darauffolgenden Winter die Larven im 6. Entwicklungsstadium. Sie brauchen konstante Temperaturen nicht unter -1 °C und nicht über 25 °C. Feucht sollte es sein, und gute Versteckmöglichkeiten aufweisen.

Ausgewachsene Waldgrille werden max. 1,3 cm lang und sind daran zu erkennen, dass sie ein Längslinie über den Hinterleib aufweisen und am Kopf eine w-förmige weisse Zeichnung, die durch zwei weitere Linien ergänzt nach einem Fünfeck aussieht. Die Flügel bleiben unvollständig. Die Waldgrille kann nicht fliegen aber nutzt die Flügel um zu zirpen.

Wer noch mehr wissen möchte über dieses heimliche Insekt kann hier weiterlesen.

Ich jedenfalls hatte gestern, schon allein dieser Entdeckung wegen einen ausgesprochen interessanten, guten Tag.

Jörg Niederer

Donnerstag, 16. April 2026

Der Türtisch

Ein Zitat

Verwitterte Haustür an einem alten Schindelhaus.
Foto © Jörg Niederer
"Gebet eines Skeptikers / Gott, – wenn du bist, – errette aus dem Grabe / Meine Seele, – wenn ich eine habe." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

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Hier wieder einmal eine Leseprobe aus dem Buch: 20/21 Synchron - Ein Lesebuch zur Literatur der mehrsprachigen Schweiz von 1920 bis 2020, Zürich 2022. Diesmal ein Auszug aus den Möbelgeschichten von Tim Krohn (*1965).

"Im Schlafzimmer meiner Nona stand ein Tisch, der aus einer Tür gemacht war. Sie sagte immer: 'Das ist mein liebstes Stück, alles dürft ihr weggeben, aber nicht diesen Tisch.' Schliesslich fragte ich: 'Nona, was findest du daran? Es ist doch nur ein oller Tisch.' Sie lächelte verschmitzt. 'Leg dich drunter.' Ich kroch unter den Tisch und legte mich hin. 'Sieh hoch, jetzt führt die Tür direkt in den Himmel. Wenn ich tot bin, bahrt ihr mich darunter auf, und ich komme direkt ins Jenseits. So können wir uns den Pfarrer sparen.' Sie war wirklich so klein, dass sie unter den Tisch gepasst hätte. Aber wir bahrten sie dann doch auf dem Tisch auf, und der Pfarrer kam auch. Daran, dass sie in den Himmel kam, gab es sowieso keinen Zweifel."

Jörg Niederer

Mittwoch, 15. April 2026

Fangbaum

Ein Zitat

Ein blühender Baum, überwachsen von Efeu, steht am Osthang des Born bei Olten.
Foto © Jörg Niederer

"Ein Zeisig, der sein Nest nur eben angelegt, / Versang an einem heitern Morgen / Den Schlaf, die Bau- und Nahrungssorgen. / Ihm wuchs sein kleines Herz, / durch West und Lust erregt."
Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

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Ich hätte gesagt, es ist ein Kirschbaum. Google meint, es sei ein wilder Birnbaum. Es kann aber auch ein Apfelbaum sein. Auf dem Foto ist es nicht mehr sicher zu erkennen. Gut zu sehen ist der Efeu, der den Ästen entlang dreiviertel des Baums überwuchert hat. Nun gleicht er einem dieser riesigen Fanghandschuhe des Eishockey-Torwarts, oder auch eines Baseballspielers. Ein Biodiversitäts-Fanghandschuh. Auch als Palmwedel erscheint mir der weiss blühende Baum am Osthang des Born zwischen Olten und Aarburg. Ich stelle mir vor, dass er mir zuwinkt, während ich dem Wanderweg zum Höfli folge. In Gedanken winke ich zurück.

Jörg Niederer

Dienstag, 14. April 2026

Verewigt

Ein Zitat

Foto oben: Kritzeleien in den Kirchenbänken der Christkatholischen Stadtkirche Olten. Foto unten: Im Amtshaus Olten trafen sich einst die Methodisten zum Gottesdienst.
Fotos © Jörg Niederer
"Glaube ist kein Leistungssport." Zitat von Hans Gerni (Christkatholischer Bischof von 1986-2001) in der Stadtkirche Olten

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Vorne rechts, die ersten vier Bankreihen: Da sassen wohl die Kinder und Jugendlichen, wenn in der Kirche der Gottesdienst über die Bühne ging. Vorne rechts, die ersten vier Bankreihen: Schnitzwerk der Langeweile. Diese Form von Kreativität findet sich nicht selten in Kirchen und zeugt von einem gewissen Desinteresse an dem, was da so zelebriert wurde. Das vorliegende Beispiel-Foto (oben) wurde in der christkatholischen Stadtkirche von Olten aufgenommen, nahe dem Martin-Disteli-Altarbild zum Jüngsten Gericht. Vielleicht finden sich irgendwo eingeschnitzt auf den Bankrücken auch die Initialen F.H., sass doch hier in jugendlichen Jahren einst ein gewisser Franz Hohler. Was, wenn man erwischt wurde beim Beschädigen der Kirchenmöbel? Gab es zur Strafe Nachsitzen? Nachsitzen in einem Gottesdienst?

Standortwechsel: Amtshaus Olten (Foto unten), irgendwo in der 1. oder 2. Etage ganz hinten links. Ein relativ kleiner Raum. Hier trafen sich längere Zeit die Gemeindeglieder der Evangelisch-methodistischen Kirche zum Gottesdienst. Dort besuchte ich als Kind nach dem Gottesdienst die Sonntagschule, zusammen mit Geschwistern, Cousins und Cousinen und noch weiterem Kirchennachwuchs. Dort sassen wir also in den vorderen vier (!) Bankreihen und hörten den Geschichten von Tante Gerda und Co. zu. Auch wir kritzelten. Mangels Taschenmesser mit den Fingernägeln, mit denen wir die weichen Schichten der Jahrringe weiter einkerbten. Auch wir versuchten uns an Initialen (verräterisch) und wurden ab und zu dabei erwischt. Gab es Strafen? Ich kann mich nicht daran erinnern. Standpauken ja, aber mehr passierte nicht.

Der Kirchengutsverwalter, mein Onkel, war zwar alles andere als erfreut, man beklagte die Schäden an den Holzbänken, überlegte, was man dagegen tun könnte, und liess es dann doch auf sich bewenden. Nach dem Umzug der Kirche in eigene Räume an die Jurastrasse verschwanden die Bänke und wurden durch Stühle ersetzt. Damit waren unsere jugendlichen Meisterwerke kirchlicher Kunst verloren. Aber die Erinnerung daran wird noch einige Zeit wach bleiben bei denen, die damals dabei waren.

Jörg Niederer

Montag, 13. April 2026

Heiratskapellen-Erinnerung

Ein Zitat

In Rothrist findet sich das methodistische Gemeindezentrum Zehntenhaus (Foto oben!) unten im Dorf, dieweil die ehemalige Hölzlikapelle der methodistischen Gemeinde (Foto unten!) heute als Einfamilienhaus genutzt wird.
Fotos © Jörg Niederer
"Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und den Leben wird heiter dahinströmen." Epiktet (gest. 135 n.Chr.)

Hingesehen

Es war im August 1984, als sich meine Frau und ich in der Hölzlikapelle (Foto unten!) das Eheversprechen gaben und wir von Pfarrer Markus Schöni kirchlich getraut wurden. damals war ich noch Student am Theologischen Seminar in Reutlingen. Die Hölzlikapelle gehörte zu meinem kirchlichen Heimatbezirk, der aus den Gemeinden in Olten, Aarburg und Rothrist bestand. In den dazwischenliegenden 42 Jahren ist viel geschehen. Als wir 1999 nach Rothrist ins Zehntenhaus (Foto oben!) zogen, war noch das Heimatmuseum der Gemeinde Rothrist im Stockwerk über unserer Wohnung untergebracht. Die Evangelisch-methodistische Kirche hatte wenige Jahre zuvor das denkmalgeschützte Zehntenhaus erstanden und an Stelle des nicht geschützten Scheunenteils den kirchlichen Anbau neu errichtet. Nötig wurde der Gemeindeumzug, weil ein starkes Gemeindewachstum das Fassungsvermögen der Hölzlikapelle an seine Grenze brachte. Die Hölzlikapelle wurde von einem Architekten erstanden, der darin anfänglich ein Forum für allerlei esoterische Anlässe unterhielt, nicht zur Freude vieler Gemeindeglieder. Speziell war auch, dass dieser Architekt Teil der Zehntenhausgemeinde war.

Nach einigen Jahren baute der Architekt die Hölzlikapelle in ein loftähnlich gestaltetes Wohnhaus um. In den zentralen Kirchenraum wurden in einem rechteckigen, freistehenden Einbau die Nassbereiche untergebracht und die Empore wurde zum Schlafzimmer. Auch heute wohnen Menschen in diesem markanten Gebäude. Es steht nicht mehr allein auf weiter Flur. Rundherum ist eifrig gebaut worden, wobei das benachbarte Bauernhaus, in dem zeitwiese der Gemeindepfarrer wohnte, immer noch wie ein Relikt aus alten Zeiten dasteht.

Wie ist es, wenn man nach 42 Jahren wieder an dem Ort steht, an dem man sich das Jawort gegeben hat? Wie ist es, wenn dieser Ort nicht mehr Kirche ist, auch nicht mehr öffentlich zugänglich? Was mich betrifft betrübt es mich nicht. Klar, gerne würde man alte Zeiten wieder aufleben lassen. Aber im Leben verändert sich so vieles. Ich finde es schön, wenn ein sakraler Bau in anderer wohnlicher Weise weiterlebt. An der Liebe zu und der Vertrautheit mit meiner Frau hat diese Veränderung nichts geändert.

Jörg Niederer

Sonntag, 12. April 2026

Das Glockenspiel von Zofingen

Ein Zitat

Vom Stiftsturm in Zofingen erklingt immer wieder das Glockenspiel.
Foto © Jörg Niederer
"Du kannst alles auf der Welt besitzen und trotzdem der einsamste Mensch sein. Und das ist die bitterste Art von Einsamkeit. Der Erfolg hat mir weltweite Verehrung und Millionen Pfund gebracht. Aber er verunmöglichte es mir, das zu haben, was wir alle brauchen: eine liebevolle, anhaltende Beziehung." Freddie Mercury (1946-1991)

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Heute sind wir von Olten via Aarburg und Rothrist nach Zofingen gewandert. Wie wir von Osten her durch ein Tor unter dem Reformierten Kirchgemeindehaus in die Altstadt von Zofingen hineinschlenderten, hörten wir mit einem Mal das Glockenspiel vom Stiftsturm herunter. Zofingen besitzt ein Carillon, auf dem immer wieder Organist:innen live spielen. Meist aber wenn es erklingt, ist es der Abspielautomat, der die Glocken zum Schwingen bringt.

Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, und fasziniert zugehört. Speziell war, dass ich bald schon das Stück erkannte: Da wurde der Welthit "Bohemian Rhapsody" von den Queen gespielt. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich habe das Glockenspiel per Video aufgenommen. Leider verpasste ich den Anfang. Und wer die ersten Sekunden überlegt, ob ich mich mit dem Titel nicht geirrt habe, dem sei empfohlen, die Stelle bei 1:40 Minuten anzuhören.

Zum heutigen Sonntag möge euch nicht nur das Glockenspiel in freudige Stimmung versetzen, sondern auch die Ruhe erfüllen, die euch seit Anbeginn der Welt durch Gottes Liebe alle Sonntage geschenkt ist.

Jörg Niederer

Samstag, 11. April 2026

Von bunten Spechten

Ein Zitat

Buntspecht am Stamm und beim Abflug.
Foto © Jörg Niederer
"Der Specht ist bunt im Walde, das Menschenleben noch bunter."
Finnische Redensart

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Gleich noch einmal etwas über Vögel. Diesmal geht es um Spechte. Wann immer ich bis vor einigen Jahren einen bunten, schwarz-weiss-roten Specht sah, bin ich davon ausgegangen, dass es sich um einen Buntspecht handeln müsse. Bunter Specht, also Buntspecht. Irgendwie logisch, oder? Bis ich mich etwas näher mit den Spechten beschäftigte, und feststellen musste, dass es noch andere fast gleich gefärbte Spechte gibt. Ich meine den Kleinspecht und den Mittelspecht.

Beim Kleinspecht fällt es nicht schwer, zu erkennen, dass es kein Buntspecht ist. Er ist knapp etwas mehr als halb so gross wie der Buntspecht. Zu sehen bekommt man ihn eher selten.

Mittelspecht auf einem morschen Baumstamm.
Foto © Jörg Niederer
Das gilt auch für den Mittelspecht, der – und das ist nun wirklich logisch – in seiner Grösse zwischen Buntspecht und Kleinspecht angesiedelt ist. So auf Distanz ist es knifflig, Mittelspecht und Buntspecht auseinanderzuhalten. Am auffälligsten ist der schwarze Wangenstreifen, der beim Buntspecht bis zum Schnabel reicht, nicht aber beim Mittelspecht. 
Der Mittelspecht hat auch einen filigraneren Schnabel und ist daher auf morsches Holz angewiesen, anders als der Buntspecht. Letzterer ist weit verbreitet und anspruchsloser als der Mittelspecht, der wärmeliebend ist und sich gern in Wäldern mit Altholz und alten Baumbeständen aufhält. Er ist auch deshalb weniger leicht zu entdecken, weil er nur sehr selten klopft.

Bei den Fotos zu diesem Blog ist der Buntspecht gleich zweimal abgebildet. Erst sitzt er in arttypischer Haltung am Stamm, dann fliegt er davon. Der Mittelspecht hingegen sonnt sich auf dem dritten Foto zuoberst auf dem abgestorbenen Baumstumpf.

Jörg Niederer

Freitag, 10. April 2026

Das Kirchendrama von Frauenfeld

Ein Zitat

Der Wanderfalke hat Position bezogen vor dem Brutplatz der Turmfalken auf dem Turm der Stadtkirche Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Dass einer lächeln kann und immer lächeln / Und doch ein Schurke sein." William Shakespeare (1564-1616)

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Jahrelang wohnte in mehr oder weniger trauter Nachbarschaft zu Dohlen, Alpenseglern und Tauben ein Turmfalkenpaar im hoch aufragenden, neubarocken Turm der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch in diesem Jahr bezogen die geschickten Rütteljäger wieder ihre Vogel-Einzimmerwohnung. Doch dann kam vor einem Monat der Vogel auf dem Foto, und seither vollzieht sich ein kleines Drama in luftiger Höhe über der Thurgauer Kantonshauptstadt.

Wenn in der Politik von Falken gesprochen wird, so ist gerade auch der Wanderfalke dafür Vorbild. Er hält mit 320 km/h den Geschwindigkeitsrekord unter den Gefiederten und ist der natürliche Feind kleinerer Vögel ab etwa der Grösse von Tauben und Krähen. Er jagt im Sturzflug oder aus dem Hinterhalt und mit hoher Geschwindigkeit seine Beute in der Luft. Und ja, auch Turmfalken gehören in sein Beutespektrum.

Immer wenn ich nun in die Nähe der Stadtkirche komme, schaue ich hoch zur Luke, hinter der die Turmfalken wohl brüten. Gestern aber sass dort der Wanderfalke. Die beiden kleineren Turmfalken waren auch da. Sie duckten sich nicht weit entfernt in Nischen der Kirchenfassade. Ihnen war der Weg zu Nest versperrt. Da in den letzten Tagen bei der Kirche auch schon zwei Wanderfalken bei der Paarung beobachtet worden waren, kann es sein, dass diese dem Turmfalkenpaar den Nistplatz streitig machen. Es könnte aber auch sein, dass sie es auf den Turmfalken-Nachwuchs abgesehen haben. Bisher habe ich den Wanderfalken nicht dabei beobachtet können, wie er in den Nistkasten hineingeschlüpft wäre. Für die Turmfalken jedenfalls ist es gerade sehr ungemütlich. Wenn sie die Gefahr richtig einschätzen können, dann, so hoffen ich, werden sie sich einen andern Ort für ihr Brutgeschäft suchen.

Eine Chance gibt es aber auch an diesem Standort in der Stadtkirche für die schwächeren Turmfalken. Da der Wanderfalke ausschliesslich im ultraschnellen Flug jagt und nie seine Beute am Boden schlägt, sind sie auf den Mauersimsen und im bezogenen Nest relativ sicher.

Mal schauen, wie dieser Konflikt über unseren Köpfen weitergeht.

Jörg Niederer

Donnerstag, 9. April 2026

Jagdglück

Ein Zitat

In den Murgauen von Frauenfeld hat der dort lebende Graureiher eine Mauereidechse erbeutet.
Foto © Jörg Niederer
"Reden wir etwa sonderbares Zeug, wenn wir behaupten, dass der Schaden eines jeden Wesens in dem besteht, was wider seine Natur geht?" Epiktet (um 50-138 n. Chr.)

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Nach so viel Kultur der letzten Tage hier mal wieder Natur. In den Murgauen von Frauenfeld konnte ich den dort residierenden Graureiher beobachten, wie er eine Eidechse erbeutete. So ist die Natur. Das Überleben des einen hängt vom Tod des andern ab.

Nebst diesem Graureiher konnte ich heute weitere Tiere beobachten. So ein Wanderfalke und zwei Turmfalken bei der Kirche St. Nikolaus in Frauenfeld. Auch Dohlen flogen ein und aus. Wenig weiter dann Storch und Saatkrähen, verschiedentlich auch Tagpfauenaugen und Mauereidechsen. Weiter entdeckte ich Bunt- und Mittelspechte, hörte den Grünspecht und den Schwarzmilan. Hinzu kamen all die anderen häufigen kleinen Sänger: Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Buchfink, Rotkelchen, etc. Doch, das war ein sehr belebter Fauna-Tag in Frauenfeld.

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. April 2026

Pailletten, Bustiers und Posamenten auf der Kapellen-Empore

Ein Zitat

Die ModeAusstellung.ch mit Kostümen und Kleidern aus den letzten 150 Jahren ist in der ehemaligen methodistischen Kapelle von Uerkheim zu besichtigen.
Foto © Jörg Niederer
"Schau aufmerksam in den Spiegel und trage nur, was wirklich zu dir passt. Kümmere dich nicht darum, ob du modisch bist." Vivienne Westwood (1941-2022)

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Eine über hundertjährige Stündeler-Kapelle mit abgedunkelten Fenstern! Was da wohl von der Öffentlichkeit verborgen werden soll? Es ist gerade 13.00 geworden an diesem wunderschönen Ostertag, als wir eintreten. Wir werden von einem älteren Herrn, der sich sogleich mit Handschlag als André Wieland vorstellt, herzlich im privaten Mode-Museum in der ehemaligen Methodisten-Kapelle von Uerkheim begrüsst. Wir werden die einzigen Besuchenden sein in den zwei Stunden, in denen wir zwischen Kleidern und Kostümen aus 150 Jahren verbringen. Bei der Frage, woher wir von dieser Modeausstellung vernommen haben, gebe ich mich als Pfarrer der Kirche zu erkennen, zu der diese Kapelle einst gehörte. Seine Frau Martha, die eigentliche Modespezialistin, wird herbeigerufen. Es entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Dabei erfahre ich, dass kaum noch Kontakte zu den Kirchengliedern von früher bestehen. Einmal eine kleine Wanderausstellung bei den Methodist:innen in Hunzenschwil mit mässigem Erfolg, einmal eine Organistin, die wissen wollte, wohin das Altarbild verschwunden sei, einmal eine Nachbarin, die sich schwer tut mit der Umnutzung der Kapelle. Martha Wieland ist sichtlich endtäuscht über dieses Desinteresse. Bevor aber die Führung durch die Ausstellung beginnt, gehe ich aufs stille Örtchen. Auch dort Mode. Unterwäsche aus Wolle hängt an Bügeln an der Wand. Alles ist geschmack- und liebevoll gestaltet. Die beiden haben die Kapelle eigenhändig renoviert und umgebaut. Der Dachstock wurde ausgebaut, Treppenaufgänge umplatziert, der Saal im Untergeschoss erweitert. Kaum sei dieser fertig gewesen, habe die Uerke Hochwasser geführt. Das Wasser stand 40 cm im schönen Saal.

Auf der Führung erfahren wir viel über die Mode der letzten 150 Jahre. Da gibt es die Schuh- und Kostümsammlung von Caterina Valente. Im ehemaligen Pfarrerbüro befindet sich nun die Literatursammlung und die alten Modezeitschriften. Einige sehen aus wie Kirchenbücher von früher. Wir erfahren, weshalb in den Weltkriegszeiten die Mode leichter und die Röcke kürzer wurden – der Stoff war Mangelware – auch wurde im 2. Weltkrieg Viskose mangels anderer Stoffe salonfähig. Wir bewunderten St.Galler Stickereien, bestaunten kunstvolle Posamenten, entdeckten Hüte aus Rosshaar, wunderten uns über die Vorläufer der ersten Büstenhalter, realisierten das provozierende der Mode aus der Zeit, als der Charleston als Tanz und Modestil aufkam.

Die Zeit verging wie im Flug in diesem einzigartigen Ambiente aus Mode und Kapelle. Zwei Stunden später waren wir mehr als überzeugt: es hat sich gelohnt, nach Uerkheim zur einstigen Methodistenkapelle zu reisen. Die herzliche Art der Wielands und die faszinierenden Modekleider in der liebevoll ausgebauten Kapelle; da ist die Umnutzung eines Sakralbaums mehr als gelungen. Ganz besonders den einstigen Gottesdienstbesuchenden dieses Orts sei empfohlen, einen Augenschein zu nehmen. Wielands sind begierig, mehr von den Vorbesitzenden zu erfahren. Für Modeliebhabende ist es sowieso ein Muss, in die Museums-Kapelle an der Uerke zu reisen.

Jörg Niederer

Dienstag, 7. April 2026

Auf der Kapellentour – eine Zwischenbilanz

Ein Zitat

Hin und her führten mich die 35 Etappen auf der Kapellentour durch das Schweizer Mittelland.
"Ich glaube, die Welt ist wunderbar, und des Menschen Herz noch wunderbarer." Bettine von Arnim (1785-1859)

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Seit dem 28. Oktober bin ich immer einmal wieder tageweise unterwegs von Kapelle zu Kinderkrippe zu Altersheim zu Spital der Evangelisch-methodistischen Kirche. In 35 Etappen sind bisher 420 Kilometer schweizerisches Mittelland mit zwei Abstechern in die Alpen zusammengekommen. Im Grossraum Zürich gestartet ging es erst mal nach Glarus, dann wieder zurück in die Stadt Zürich und weiter mit einem Abstecher über Affoltern am Albis nach Aarau. Von dort führte mich der Weg nach Luzern und zurück an den Jurarand in die Stadt meiner Kindheit nach Olten. Durchschnittlich 12 Kilometer war ich dabei unterwegs. Es waren also durchaus Genusstouren. Ich bin selbst da, wo ich mich gut auskenne, mir unbekannte Wege gegangen und habe viel Neues und Faszinierendes entdeckt. Jahreszeitlich stapfte ich durch den Herbst, Winter und Frühling. Gebäude sah ich viele, die nach wie vor der Kirche und ihren "Tochtergesellschaften" gehören. Aber ich kam ebenfalls an vielen einstigen methodistischen Wirkorten vorbei, die heute nicht mehr kirchlich genutzt werden. Wenn ich mich nur schon an die Orte zurückerinnere, auf denen ich als Pfarrer die letzten 40 Jahre wirkte, dann gibt es von 19 Predigtstationen 12 nicht mehr. Umso erfreulicher waren die Begegnungen an den Orten, an denen ich auf Gemeindeglieder und Berufskolleg:innen traf. Sei es in Gottesdiensten oder zum Kaffee in einer Pfarramtsstube.

Es geht weiter. Die nächsten 100 Kilometer führen mich durch den Oberaargau und das Unteremmental nach Burgdorf. Dann geht es ins Seeland nach Biel und anschliessend über den Jura nach Basel und wieder zurück nach Zürich. Ich bin gespannt, was mich auf diesen Wegen erwartet.

Jörg Niederer

Montag, 6. April 2026

Skulpturen und Mode in methodistischen Kapellen

Ein Zitat

Oben: die ehemalige methodistische Kapelle in Staffelbach. Unten: die ehemalige methodistische Kapelle in Uerkheim.
Foto © Jörg Niederer
"Ich plane jeden Tag in die Kirche zu gehen!" Thomas Lüscher, der heutige Besitzer der früheren Evangelisch-methodistischen Kapelle in Staffelbach.

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Gestern an Ostern ging ich in die Kirche. Für einen pensionierten Pfarrer ist das nicht aussergewöhnlich. Allerdings war es ein spezieller Kirchenbesuch. Und das kam so.

Auf meiner Wanderung von methodistischer Liegenschaft zu methodistischer Liegenschaft entdecke ich auch einige für die Evangelisch-methodistische Kirche "verflossene" Kapellen. Heute gehören sie nichtkirchlich motivierten Besitzer:innen. So ist es auch bei den Kapellen von Staffelbach und Uerkheim. Mit dem Entscheid, nur noch in Bottenwil Gemeindearbeit zu tun, wurden die beiden Kapellen verkauft. Beim Verkauf von Kapellen ist es nicht gleichgültig, an wen die einstigen gottesdienstlich genutzten Häuser weitergegeben werden. Diese Gebäude, sie stehen oft unter Denkmalschutz, wurden viele Jahre liebevoll und mit hohem finanziellem Aufwand und freiwilliger Arbeit unterhalten. Sie wegzugeben, fällt den Christ:innen, die dort ihre Kinder getauft und geheiratet haben, nicht leicht. Auch  hat es durchaus schon Beispiele gegeben, bei denen sakrale Häuser als Bordell oder als esoterischer Brennpunkte genutzt wurden. 

Nun sind solche kirchlichen Liegenschaften nicht gerade gesucht. Die Käufer:innen-Auswahl ist klein. Gerade in nicht zentral gelegenen – um nicht zu sagen abgelegenen – Regionen auf dem Land sind es Glücksfälle, wenn sich geeignete Nachbesitzer:innen finden lassen. In Staffelbach und Uerkheim ist das aus meiner Sicht ausgezeichnet gelungen.

2014 zog in Staffelbach der Holz- und Bronzebildhauer Thomas Lüscher mit seiner Familie in die Kapelle ein. Nun ist der Gottesdienstraum sein Atelier. Dort werden allerlei Kurse angeboten, Werke erstellt und im Haus wird auch gewohnt. Die Kapelle hat einen Anbau bekommen, der ein wenig aussieht wie die Berg- oder Talstation einer Gondelbahn.

Schon früher, 2010, erstanden André und Martha Wieland die Kapelle in Uerkheim. Eigenhändig bauten sie die Liegenschaft so um, dass auf vier Etagen Räume genutzt werden können. Heute ist die Kapelle ein privates Mode-Museum. Kleider der letzten 150 Jahre sind dort ausgestellt. Die Mode-Sammlung kann jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats von 13-17 Uhr besichtigt werden. Gestern an Ostern war der 1. Sonntag im Monat. Und so wanderten wir von Muhen nach Bottenwil, und besuchten unterwegs die Kapelle Uerkheim und ihr neues Innenleben. Dieser Besuch war so aussergewöhnlich anregend, dass es dazu eines eigenen Blogbeitrags bedarf. Das kann ich schon einmal verraten: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und sich von Martha Wieland in die Modegeheimnisse einweihen zu lassen. Das Ambiente ist aussergewöhnlich, der Erkenntnisgewinn ebenso.

Das also war mein spezieller Oster-Kirchenbesuch.

Jörg Niederer

Sonntag, 5. April 2026

Osterlachen

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Deckengemälde der Katholischen Kirche St. Stephan in Beromünster. "Steinigung des Stephanus. Stephanus bezeugt den auferstandenen Christus.
Foto © Jörg Niederer
"Herzrasen ist auch nur ein anderes Wort für Brustbehaarung." Paul Linus Urban, Das Witzebuch II, Wien

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Hat Jesus gelacht. Darüber steht in den Evangelien nichts. Einige christliche Vertreter meinten deshalb, Lachen sei verwerflich.

Es gibt aber auch die alte Tradition des Osterlachens. Dabei wird der Tod ausgelacht, der angesichts der Auferstehung Christi seine Macht eingebüsst hat. Folglich werden in den Osterpredigten Witze erzählt, um das Lachen der Ostergemeinde zu provozieren.

Unlängst habe ich die Wortspiele und den Sprachwitz von Paul Linus Urban entdeckt. Die folgenden Beispiele zitiere aus seinem Büchlein "Das Witzebuch, Band II".

"Henker findet von der Arbeit nie nach Hause. - Er kennt nur die Hinrichtung."

"Ich weiss nicht, wie sich Maler über Wasser halten. - Die müssen jeden Auftrag streichen."

"Warum sind glatzköpfige Menschen so friedlich? - Weil sie sich nicht in die Haare kriegen können."

"Wusstest du, dass man Obst nicht ungewaschen essen soll? - Schon nervig, vor jedem Apfel duschen zu gehen."

Ich wünsche euch allen frohe Ostern.

Jörg Niederer

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