Dienstag, 28. April 2026

Am Rand oder mittendrin

Ein Zitat

Oben: Die Evangelisch-methodistische Kirche Langenthal steht direkt neben einer katholischen und einer neuapostolischen Kirche. Unten: Die heute als Wohnung genutzte methodistische Kapelle von Rohrbach steht am Rand des Dorfs auf dem Weg zum Friedhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Sonderbar, dass man sich erinnert, man habe sich einer Sache erinnern wollen, aber diese doch nicht mehr sicher erinnert." Jean Paul (1763-1825)

Hingesehen

Auf meiner Kapellentour befinde ich mich nun im Oberaargau, einem Teil des weitgehend protestantischen Kantons Bern. Behäbige Bauernhäuser säumen den Weg. Die bestimmenden Kirchen in den Dörfern sind reformiert.

In Langenthal hat wohl die Bevölkerungsentwicklung dafür gesorgt, dass die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) heute relativ nahe am Stadtzentrum steht. Sie ist an diesem Ort nicht das einzige Gotteshaus. Direkt daneben befindet sich das moderne Kirchengebäude der Neuapostolische Kirche, die seit einigen Jahren Teil der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz (AGCK) ist, genauso wie schon länger die EMK und die Römisch-katholische Kirche. Deren Kirche Maria König befindet etwa 60 Meter von der EMK entfernt quer über eine Kreuzung hinweg. So ist die recht agile Gemeinde der EMK an einem Standort, den man als religiöses Bermudadreieck beschreiben könnte.

Ganz anders, wenn man der Langete etwa 11 Kilometer flussaufwärts folgt, in Rohrbach. Dort steht die Kapelle am äussersten Rand des Dorfs an einer Nebenstrasse, die zum Friedhof führt. Wobei, eine Kapelle ist es nicht mehr. Auch hier wurde das Gebäude verkauft und wird heute als Wohnhaus genutzt. Als ich meine Laufbahn als Methodistenpfarrer begann, war das einer der ersten Orte, an denen ich predigte. Das war vor über 40 Jahren. Wir wohnten jung verheiratet in Huttwil in der dortigen EMK-Kapelle. In Rohrbach predigte ich regelmässig, wenn ich mich recht entsinne so alle zwei Wochen. Und doch war ich mir beim Anblick der einstigen EMK-Kapelle unsicher, ob das wirklich der Ort war, an dem ich erste Predigterfahrungen sammelte. So fragte ich eine Frau, die gerade den nahen Bauernhof verliess, ob das Gebäude einst eine Kapelle gewesen sei, und sie bestätigte.

Die Kapelle, einmal recht zentral, das andere Mal am Rand. Wo eine Kapelle oder Kirche zu stehen kommt, hat oft auch damit zu tun, dass jemand ein Grundstück spendet für diesen Zweck. So war es im 8. Jahrhundert mit der ersten Kirche in Rohrbach. Diese wurde von einem gewissen Adelgoz gestiftet, einem Alemannen aus der Ostschweiz. Und so wird es wohl auch mit der EMK in Rohrbach gewesen sein. Auch sie könnte auf gestiftetem Grund zu stehen gekommen sein. Heute befindet sich das einstige kirchlich genutzte Gebäude immer noch am Rand der bebaubaren Fläche. Eine unverstellte Aussicht über die weiten Felder südwestlich von Rohrbach ist den Bewohner:innen sicher.

Jörg Niederer

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