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Donnerstag, 9. Juli 2026

Dekadenz im Tierreich

Ein Zitat

In Saas-Fee lässt sich ein Murmeltier mit einer geschälten Karotte aus der Hand füttern.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustand der Bändigung und Zähmung." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Entdeckt

In Arosa sind es die Eichhörnchen und Tannenhäher, die den Passant:innen aus den Händen fressen. In Venedig setzen sich Tauben auf Arm, Schulter und Kopf. In Morges am Genfersee besuchen dich die Spatzen am Frühstückstisch und picken dir die Brosamen aus Hand und Teller. An der Nordsee haben die Möwen die Scheu verloren und reissen dir Frikadellen und Eiscreme aus der Hand. Und in Saas-Fee sind es eben die Murmeltiere, die sich aus der Hand füttern lassen, ja sogar gestreichelt werden können.

Wildtiere, die ihre natürliche Scheu verloren haben, das mag für Kinder und Erwachsene eine Attraktion sein. Ob es für die Tiere gut ist? Jedenfalls verdienen sich die Gemüsehändler in Saas-Fee mit geschälten Karotten, den Bund zu fünf Franken, einen ordentlichen Zusatzbatzen. Für den Tourismus ist es auch gut, spricht sich doch herum, wie nahe man in diesem natürlichen Streichelzoo den Alpennagern kommen kann.

Mir ist diese Vertrautheit von Mensch und Tier dennoch nicht ganz geheuer. Kann das auf Dauer gut gehen? Was, wenn die Fütterung ausbleibt, oder wenn die Munggen ob dem vielen vor die Nase gehaltenen Gemüse keine Wintervorräte mehr sammeln. Ist das nun die Dekadenz der Murmeltiere?

Andererseits, erfüllt sich da nicht ein wenig die biblische Verheissung vom Löwen und Kalb, die in Frieden beieinanderliegen (Jesaja 11,6)? Das vegetarische Alpenmurmeltier und der karnivore Mensch, freudig-friedlich vereint? Vielleicht hat sich gerade noch jemand mit einer Salbe auf Basis von Murmeltierfett den verkrampften Muskel eingerieben, und nun zieht er wieder strammen Schritts zur Wildtierfütterung der vorgezähmten Biberverwandten.

So ein bisschen Frieden auf Erden zwischen Mensch und Tier ist doch immer schön, oder nicht? Da kann man doch nichts dagegen haben? Das ist Action in den Bergen, auch für Influenzer:innen.

Mittwoch, 29. April 2026

Bluescht im Hoschtet

Ein Zitat

Einblick in einen blühenden Obstgarten bei Zihlschlacht.
Foto © Jörg Niederer
"Über dem mit kleinen Wölkchen gesprenkelten Horizont im Osten ging eben die Sonne auf. Ihr Licht verlieh den taufrischen Blüten und Blätter der Obstbäume festlichen Glanz..." Charlotte Brontë (1816-1855)

Hingesehen

Es ist die Zeit der Bluescht-Fahrten durch den Kanton Thurgau. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Helles Weiss und lichtes Grün überwiegen. Welch eine Lust, durch die Landschaft zu wandern. Bienchen summen, Hummeln torkeln im Tiefflug über den Boden. Frösche quaken aus Tümpeln am Rand der Wälder. In der Ferne grüsst der Säntis, die Vögel singen einer schöner als der andere. Die Sonne wärmt, die Jacken bleiben im Rucksack. Da und dort grüssen sich Menschen, die sich noch nie begegnet sind. Man könnte meinen, die Welt sei aber auch so etwas von in Ordnung. Da stösst ein Rotmilan mit lautem Ruf hinab ins Wiesengrün. Nicht weit von uns blühen Bäume über Bombentrichtern und Blumen auf Massengräbern.

Jörg Niederer

Sonntag, 7. Dezember 2025

Gerechtigkeit und Frieden

Ein Zitat

Adventsschmuck hängt goldig glitzernd über den langen Rolltreppen am Flughafen Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab." Bibel, Psalm 85,11+12

Hingesehen

Hass und Neid spucken sich an, aber "Gerechtigkeit und Frieden küssen sich".

Auf dem dunklen Hintergrund von Hass und Neid wird die Zärtlichkeit im Bild von Gerechtigkeit und Frieden, die sich küssen, speziell deutlich. Da geht es nicht um den Buchstaben des Gesetzes, auch nicht um die Abwesenheit von Krieg. da geht es um das verliebte Zusammensein, um die Potenzierung der Geborgenheit. Es sind Hoffnungsbilder, welche die Psalmschreibenden mitten in eine erfüllt unerfüllte Verheissung hineingesprochen haben. Israel war nach dem Exil ins Land der Väter und Mütter zurückgekehrt und fand sich dort wieder einmal mehr in einem Land, das seinen Ertrag nur im Angesicht des Schweisses und der ständigen Bedrohung durch böse Nachbarn brachte. Dahinein ist die Verheissung Gottes wie die Hand der Mutter, die dem traurigen Kind über die Wange fährt, wie der Kuss zweier Verliebter, der alle Liebesbeteuerungen und Worte übersteigt und hinter sich zurücklässt. Drei Worte treffen den Sachverhalt: "Gott ist Liebe". Das gilt auch für diese Adventszeit.

Jörg Niederer

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