Ein Zitat
"Die Antwort für Energiesouveränität, Verlässlichkeit, Wertschöpfung vor Ort und günstige Strompreise ist längst erfunden und heißt erneuerbare Energien – das weiß jedes Kind." Julia Verlinden, deutsche Umweltwissenschaftlerin und Politikerin (*1979)
Foto © Jörg Niederer
Hingesehen
Ich stehe unweit der Kiesgrube Kulmerauer Allmend. Hoch über Walde und Bohler, an einem Ort, an dem man erwartet, dass sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, fährt so alle drei Minuten ein Kipper die steile Betonstrasse hinauf oder hinunter. Kies aus der Grube wird ins Werkareal Bohler transportiert und dort zu Beton verarbeitet. Bei der Kiesgrube handelt es sich um eine wandernde Baustelle. Auf der einen Seite wird sie erweitert, auf der anderen Seite wird renaturiert. Es entsteht eine grossräumige Sekundärlandschaft.
Von meinem Standort ist weder die Kiesgrube noch die Creabeton auf dem Bohler zu sehen. Zu sehen ist etwas anderes, das die letzten Monate weg war: Die Dampffahne aus dem Kühlturm des Atomkraftwerks Gösgen-Däniken. Zehn Monate stand das AKW still. Doch seit zwei Tagen ist es wieder in Betrieb. Es mag nun Menschen geben, die sagen: Daran ist nichts falsch, ausser dass der Betriebsstop so lange gedauert hat. Offensichtlich reichten Teile des Speisewassersystems nicht aus für einen sicheren Betrieb, und das schon viele Jahre. Es brauchte neue Ventile. Damit fielen 12% der schweizerischen Stromerzeugung ausgerechnet über die Wintermonate weg. Der Stromausfall kostet nun die Aktionäre insgesamt 500 Millionen Schweizerfranken.
Vor neun Jahren beschloss das Stimmvolk der Schweiz den Ausstieg aus der Kernenergie. Nun scheint der Wind zu drehen. Es wird wieder über neue Kernkraftwerke spekuliert. Scheinbar sei eine Mehrheit der Schweizer:innen dafür. Dahinter steht die Frage, ob es beim Ausbau der erneuerbaren Energien schnell genug vorangehe. In der Abstimmung von 2017 wurde nicht die Abschaltung der bestehenden Atomkraftwerke beschlossen, solange diese sicher betrieben werden können, sondern nur der Bau von neuen Werken verboten. Neue AKWs machen für die Erreichung der Klimaziele auch keinen Sinn, dauert die Bauzeit doch viel zu lange und die Wirkung auf die Verringerung des CO2-Ausstosses der Schweiz käme zu spät. Zudem zeigen Bauprojekte im Ausland, dass neuen AKWs kaum zu finanzieren sind. Das sind die wirtschaftlichen Gründe gegen einen Ausbau der Kernenergie. Nach wie vor ungeklärt ist die Entsorgung radioaktiver Abfälle und die zwar geringe, aber nicht ganz auszuschliessende Gefahr eines schweren Unglücks in der dichtbesiedelten Schweiz. An all dem ändert auch die Hoffnung auf neue Kleinreaktoren und weitere Technologiefortschritte nicht viel. Bei der Kernkraft wird, so könnte man sagen, der Teufel mit dem Beelzebul ausgetrieben. Das eine Übel ersetzt das andere.
Vielleicht ist es nicht falsch, dass die verbliebenen vier Kernkraftwerke noch länger in Betrieb bleiben. Das überbrückt die Zeit bis ins Jahr 2050. Bis dann sollte die Schweiz klimaneutral sein und ihren Energiebedarf ausschliesslich aus erneuerbarer, CO2-freier Energie decken. Ich werde das wohl nicht mehr erleben genauso wenig wie den Bau eines sicheren Atomendlagers. Versprochen hat man letzteres vor einem Menschenleben. Damit ist die Atomsicherheit so etwas wie eine Lebenslüge. Was also ist hier falsch?