Posts mit dem Label Kleid werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kleid werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 8. April 2026

Pailletten, Bustiers und Posamenten auf der Kapellen-Empore

Ein Zitat

Die ModeAusstellung.ch mit Kostümen und Kleidern aus den letzten 150 Jahren ist in der ehemaligen methodistischen Kapelle von Uerkheim zu besichtigen.
Foto © Jörg Niederer
"Schau aufmerksam in den Spiegel und trage nur, was wirklich zu dir passt. Kümmere dich nicht darum, ob du modisch bist." Vivienne Westwood (1941-2022)

Hingesehen

Eine über hundertjährige Stündeler-Kapelle mit abgedunkelten Fenstern! Was da wohl von der Öffentlichkeit verborgen werden soll? Es ist gerade 13.00 geworden an diesem wunderschönen Ostertag, als wir eintreten. Wir werden von einem älteren Herrn, der sich sogleich mit Handschlag als André Wieland vorstellt, herzlich im privaten Mode-Museum in der ehemaligen Methodisten-Kapelle von Uerkheim begrüsst. Wir werden die einzigen Besuchenden sein in den zwei Stunden, in denen wir zwischen Kleidern und Kostümen aus 150 Jahren verbringen. Bei der Frage, woher wir von dieser Modeausstellung vernommen haben, gebe ich mich als Pfarrer der Kirche zu erkennen, zu der diese Kapelle einst gehörte. Seine Frau Martha, die eigentliche Modespezialistin, wird herbeigerufen. Es entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Dabei erfahre ich, dass kaum noch Kontakte zu den Kirchengliedern von früher bestehen. Einmal eine kleine Wanderausstellung bei den Methodist:innen in Hunzenschwil mit mässigem Erfolg, einmal eine Organistin, die wissen wollte, wohin das Altarbild verschwunden sei, einmal eine Nachbarin, die sich schwer tut mit der Umnutzung der Kapelle. Martha Wieland ist sichtlich endtäuscht über dieses Desinteresse. Bevor aber die Führung durch die Ausstellung beginnt, gehe ich aufs stille Örtchen. Auch dort Mode. Unterwäsche aus Wolle hängt an Bügeln an der Wand. Alles ist geschmack- und liebevoll gestaltet. Die beiden haben die Kapelle eigenhändig renoviert und umgebaut. Der Dachstock wurde ausgebaut, Treppenaufgänge umplatziert, der Saal im Untergeschoss erweitert. Kaum sei dieser fertig gewesen, habe die Uerke Hochwasser geführt. Das Wasser stand 40 cm im schönen Saal.

Auf der Führung erfahren wir viel über die Mode der letzten 150 Jahre. Da gibt es die Schuh- und Kostümsammlung von Caterina Valente. Im ehemaligen Pfarrerbüro befindet sich nun die Literatursammlung und die alten Modezeitschriften. Einige sehen aus wie Kirchenbücher von früher. Wir erfahren, weshalb in den Weltkriegszeiten die Mode leichter und die Röcke kürzer wurden – der Stoff war Mangelware – auch wurde im 2. Weltkrieg Viskose mangels anderer Stoffe salonfähig. Wir bewunderten St.Galler Stickereien, bestaunten kunstvolle Posamenten, entdeckten Hüte aus Rosshaar, wunderten uns über die Vorläufer der ersten Büstenhalter, realisierten das provozierende der Mode aus der Zeit, als der Charleston als Tanz und Modestil aufkam.

Die Zeit verging wie im Flug in diesem einzigartigen Ambiente aus Mode und Kapelle. Zwei Stunden später waren wir mehr als überzeugt: es hat sich gelohnt, nach Uerkheim zur einstigen Methodistenkapelle zu reisen. Die herzliche Art der Wielands und die faszinierenden Modekleider in der liebevoll ausgebauten Kapelle; da ist die Umnutzung eines Sakralbaums mehr als gelungen. Ganz besonders den einstigen Gottesdienstbesuchenden dieses Orts sei empfohlen, einen Augenschein zu nehmen. Wielands sind begierig, mehr von den Vorbesitzenden zu erfahren. Für Modeliebhabende ist es sowieso ein Muss, in die Museums-Kapelle an der Uerke zu reisen.

Jörg Niederer

Sonntag, 25. Januar 2026

Kleiderfrage

Ein Zitat

Kleider spielen eine grosse Rolle bei Weber-Butikk in St. Gallen. Schaufensterauslage mit Modepuppe und drei Hunden.
Fotos © Jörg Niederer
"So spricht der Herr, der Gott Israels! Du hast die Worte gehört und sie dir zu Herzen genommen. Du hast dich demütig vor deinem Gott gebeugt. Denn du hast gehört, welches Unheil ich angekündigt habe für diesen Ort und seine Bewohner. Deshalb hast du dich vor mir gebeugt, deine Kleider zerrissen und vor mir geweint. Und ich habe dich erhört – Ausspruch des Herrn. –" Bibel, 2. Chronik 34,26b+27

Hingesehen

Wann habe sie das letzte Mal aus Empörung oder Trauer ihr Kleid zerrissen? Als Kind habe ich einmal einem anderen Kind aus Wut das T-Shirt zerrissen. Aber aus Trauer habe ich noch nie eines meiner Kleider zerstört. Zur Zeit des biblischen Königs Joschija war das Zerreissen eines Kleides Ausdruck tiefen Schmerzes und Trauer. Joschijas Trauer gründete auf den Worten des zu seiner Zeit wieder entdeckten göttlichen Gesetzes, das im Tempel unerwartet ans Tageslicht gekommen war. Diese Schrift hatte ihm die Augen geöffnet.

Heute sind Kleider Massenware. Sie werden zu tiefsten Preisen produziert. Sie zu zerreissen wäre eine billige Form der Busse. Bei Joschija blieb es nicht beim Kleiderzerreissen. Joschija begann, die religiösen Missstände in seinem Hoheitsgebiet anzugehen. Diese bedrohten das soziale Gefüge seines Landes. Ob diese Reform auch soziales Unrecht auszumerzen versuchte, davon schreibt der Chronikschreiber nichts. Andere, Propheten wie Amos, haben den Fokus genau darauf gelegt.

Damit sind wir wieder bei den Kleidern. Würde ein T-Shirt heute nur 20 Rappen teurer verkauft, und würde man dieses Geld der Näherin geben, dann würde diese Näherin doppelt so viel verdienen, wie sie jetzt verdient. Hier könnte unsere Form von Busse ansetzen. Statt Kleider immer billiger zu kaufen, können wir dazu beitragen, dass Menschen auf dieser Welt gerechtere Löhne erhalten. Die Clean Clothes Campaign zeigt, wie heutige Busse, also Umkehr, geschehen kann. Denn unser soziales Gefüge ist in Gefahr, weil wir masslos geworden sind auf Kosten anderer Menschen dieser Welt.

Jörg Niederer

Empfohlen

Glockengeschichten

Ein Zitat Fotos © Jörg Niederer "Im taussd sib hundert eilfften Jahr / ich ganz von new gegossen war, / weil d'Kilchen-Gmeind erset...