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Samstag, 3. Januar 2026

Mein Tag in der Wiboradazelle

Ein Zitat

Steintafel zu Ehren der Heiligen Wiborada von St. Gallen an der Kirche St. Nikolaus in Wil, SG.
Foto © Jörg Niederer
"Sie wurde zur Gesprächspartnerin für die Bevölkerung, für die Mönche des Klosters, den Abt, für Ratsuchende, Arme, aber auch für Reiche und Einflussreiche, Durchreisende, Neugierige. Wiborada war einfach jeden Tag da." Webseite zum Wiborada-Jubiläum

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Seit dem 1. Januar 2026 läuft eine Aktion zu Ehren der Heiligen Wiborada. Ihr Tod als Märtyrerin jährt sich in diesem Jahr zum 1100. Mal. Sie lebte von 916 bis 926 als Inklusin in ihrer Zelle bei der Kirche St. Mangen in der Stadt St. Gallen. Aus diesem Anlass wird an jedem Tag des Jahres 2026 eine Person die am Originalschauplatz nachgebaute Zelle von 10.00 - 18.00 Uhr bewohnen. Ausgehend davon, dass Wiboradas Kennzeichen ihr bedingungsloses Da-Sein war, heisst diese Jubiläumsaktion "Da-Sein". Da-Sein war Wiboradas Superkraft. Sie war die Person in der Stadt, von der alle wussten, dass sie da ist. Sie war jederzeit erreichbar, das damalige Pendant zur heutigen Google-Suche, mit dem Vorteil, dass ihre Ratschläge mit Gott abgesprochen waren.

Am nächsten Montag, dem 5. Januar 2026, ist mein Tag in der Wiboradazelle. Ich darf auch Besuch empfangen, sogar in der Zelle selbst, oder dann am Fenster. Ideal dafür sind die Zeiten von 10-13 Uhr und von 14-18 Uhr. Über Besuch würde ich mich sehr freuen. Mitgebracht muss nichts werden. Für einen Tag kann ich auf vieles Verzichten.

Für alle, die von weiter her anreisen: St. Gallen hat noch bedeutendere Sehenswürdigkeiten als meine temporäre Anwesenheit :-). Etwa die weltberühmte Stiftsbibliothek oder die Kathedrale. Ein Besuch lohnt sich folglich immer.

Zum Hintergrund der Aktion "Da-Sein" erfährt man mehr auf der Webseite. Dort kann man sich auch immer noch für einzelne, noch freie Tage in der Wiboradazelle eintragen.

Selbst habe ich auch schon einiges über Wiborada geschrieben. Zusammengefasst sind es die hier verlinkten Artikel.

Sehen wir uns am kommenden Montag bei Wiborada (Kirchgasse 17) in St. Gallen?

Jörg Niederer

Samstag, 29. November 2025

Im Zigerschlitz

Ein Zitat

Selfie vor der Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Glarus.
Foto © Jörg Niederer
"Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit» Friedrich Schillers Worte beschreiben auch den Pioniergeist in Glarus

Hingesehen

Nach 51 Kilometern, aufgeteilt auf drei Etappen, bin ich endlich in Glarus angekommen. Der letzte Abschnitt davon startete gestern in Eiseskälte in Reichenburg, führte bei heftigem, kalten Gegenwind an der KVA Linth vorbei, um kurze Zeit später in den sonnengewärmten Zigerschlitz einzubiegen. In Näfels dann wartete das Schlachtdenkmal, in dem die Helden der Eidgenossenschaft gefeiert werden für ihren Sieg im Jahr 1388 über ein zehnfach überlegenes habsburgisches Heer. Weiter spazierte ich der Linth entlang, auch als Escherkanal bekannt, am Flugplatz Mollis vorbei, und erlebte, wie kurz nach 13 Uhr die Sonne hinter dem Glärnisch unterging. Zum Glück nicht für immer, denn etwas 800 Meter weiter tauchte sie wieder auf und liess nicht mehr locker bis vor die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) in Glarus.

Durchs Fester des Kirchenteils entdeckte ich eine Person bei Staubsaugen, was die Hoffnung auf einen Besuch im Inneren der Kapelle nährte. Tatsächlich wurde ich von Urs, dem Hausverwalter, freundlich empfangen. Auch Pfarrer Bernd wurde dazu geholt, der sich darüber wunderte, dass endlich man ein Kollege den weiten Weg nach Glarus gefunden hatte. Erst aber wurde ich etwas beiseite gestellt, da es noch galt, die nicht über jeden Zweifel erhabenen Mikrofone für den Gottesdienst vom Samstagabend am richtigen Ort zu platzieren. Dann aber bekam ich eine schöne, grosse Tasse Kaffee, mein erstes warmes Getränk an diesem Bilderbuchwettertag mit Nonstop-Wanderung. Die Gespräche am Tisch drehten sich in der Folge über Gott und die Welt, über die EMK-Gemeinde, die Kirchenmusik, Peter Spuhler und so einige gemeinsame Bekannte, über die wir natürlich nur Gutes ausgetauscht haben.

Doch, die 20 Kilometern lange Fussreise in die verschneite Bergwelt des Sardona-UNESCO-Naturerbes hat sich bestens gelohnt. Da bin ich nicht zum letzten Mal gewesen. Ich muss (will) schliesslich dann auch wieder von Glarus zurück an den Zürichsee wandern.

Jörg Niederer

Sonntag, 26. Oktober 2025

Ein ungebetener Gast

Ein Zitat

Weihnachtsprojektionen eines Gastes auf eine Tür in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Abraham sagte: 'Mein Herr, wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, dann geh nicht hier vorüber. Ich stehe dir zu Diensten'." Bibel, 1. Mose 18,3

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Drei wildfremde Menschen stehen vor dem Zelt Abrahams. Er kennt sie nicht. Doch er lädt sich sogleich zum Essen ein. Das ist orientalische Gastfreundschaft.

Ich stelle mir vor, wie ich, ein Schweizer, in der Wohnung sitze. Da klingelt es. "Ja", frage ich durch die Gegensprechanlage. Jemand fragt im gebrochenen Deutsch, ob er mit mir sprechen dürfe. Ich bin misstrauisch. Was will denn der? Warum läutet er bei mir?

Ich überwinde mein Misstrauen und öffne. Nun steht er vor der offenen Wohnungstür. Kein Hausierer, kein Bettler. Und doch weiss ich nicht recht, ob ich ihn hereinbitten will.

"Was möchten Sie?" frage ich ihn. "Nur mit Ihnen reden und einen Kaffee trinken", antwortet er. "Sie wollen mit mir meinen Kaffee trinken, an meinem Tisch sitzen, und auf Kosten von meiner Zeit mit mir reden." Nun müsste er merken, dass ich nicht begeistert bin. "Sie sind nicht etwa von den Zeugen Jehovas?" frage ich ihn. Er schweigt. Er hat verstanden. Bei uns steht nicht jedem X-beliebigen die Tür offen. Bei uns kann man nicht einfach so kommen. Bei uns sind Gäste willkommen – nach Voranmeldung und mit gültigen Ausweispapieren. Ich schliesse die Wohnungstür. Ich bin froh, dass er von alleine wieder gegangen ist.

Was wäre, wenn Abraham derart seinen Besuch weggewiesen hätte? Er hätte die Ankündigung seines Lebens verpasst. Es sind manchmal Fremde, die dir das Wichtigste im Leben sagen. Wie heisst es doch im Hebräerbrief 13,2: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen."

Jörg Niederer

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