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Dienstag, 22. September 2026

Die Verrohung der Menschheit

Ein Zitat

Oben: Hauptsitz des IKRKs in Genf. Unten: Memorial für die im Dienst getöteten Mitarbeitenden vor dem Hauptsitz des UNHCR in Genf.
Fotos: © Jörg Niederer
"Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste…" Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Entdeckt

Wer sich vom Eingang zum UN-Besucherzentrum in Genf um 180 Grad umdreht, sieht hinauf zum Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Wer dann die Avenue de la Paix vorbei am Ghandi-Denkmal hinunterspaziert, über den Place des Nations mit seinem versehrten Stuhl hinüberwechselt zur Avenue de France, sieht schon von weitem den Hauptsitz des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR). Davor auf dem spitzen Dreiecksgrund, dort, wo die Rue de Montbrillant von der Avenue de France abzweigt, steht das Memorial für die im Dienst an Flüchtenden gefallenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des UNHCR. Gestiftet wurde es von Mitarbeitenden des UNHCR, von verschiedenen Hochkommissaren, von Freunden des UNHCR und dem Cafeteria-Kommitee.

Allein 2025 kamen 186 namentlich bekannte UNHCR-Helfer:innen im Gazastreifen und Westjordanland ums Leben. 71 Hilfskräfte verloren ihr Leben im Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo. In diesen Regionen starben viele Helfende durch gezielte Angriffe.

Etwas weniger im Dienst verstorbene Mitarbeitende verzeichnet das IKRK und der Rote Halbmond, welcher Teil des IKRKs ist. 27 Todesfälle waren dort 2025 zu beklagen. Weitere wurden ausserhalb des Dienstes bei Angriffen auf ihre Häuser und Familien getötet, verletzt oder entführt.

Die Zahl der Opfer der Hilfsorganisationen wird auch 2026 nicht zurückgehen. Im Gegenteil. Während in früheren Jahren die Mitarbeitenden des IKRKs weitgehend durch die Kriegsparteien geschützt wurden, finden heute vermehrt bewusste Angriffe auf diese statt. Dazu zählen auch unzählige Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen.   

Die beglaubigten Zahlen der getöteten UNHCR- und IKRK-Mitarbeitenden werfen auch ein Licht auf die zivilen Opfer in den Kriegsregionen. Zwar sind die Zahlen der getöteten Zivilisten im Gazastreifen nicht beglaubigt. Doch wenn allein an diesem Orten so viele namentlich bekannte Mitarbeitende der Hilfsorganisationen ums Leben gekommen sind, muss auf jeden Fall von Tausenden von Toten unter den Zivilisten ausgegangen werden.

Es ist höchste Zeit, dass sich die Staaten und Länder wieder am Humanitären Völkerrecht orientieren, und zwar unabhängig von den jeweiligen Sympathien. Jede Verteidigung der Missachtung dieses Völkerrechts muss verurteilt werden. Gerade linke Kreise müssen das bei der Unterstützung Palästinas beachten und christliche Kreise bei der Unterstützung Israels. Wohlwollen für die eine oder andere Seite dürfen uns nicht blind machen für das Leid, dass durch die jeweiligen Kriegstreiber mittels Menschenrechtsverletzungen in Kauf genommen oder bewusst angerichtet werden.

Jörg Niederer

Sonntag, 30. August 2026

Königslust

Ein Zitat

Die 1912 erstellten Chorfenster von Alois Balmer in der Reformierten Kirche Münsingen zeigen die Bergpredigt.
Foto: © Jörg Niederer
"Da taten sich alle Ältesten Israels zusammen und gingen zu Samuel nach Rama. Sie sagten zu ihm: 'Du bist nun alt! Doch deine Söhne verhalten sich nicht wie du. Deshalb setze einen König bei uns ein, wie es bei allen Völkern üblich ist. Der soll unsere Angelegenheiten entscheiden.'" (Bibel: 1. Samuel 8,4-5)

Entdeckt

Samuel hatte schlechte Karten, um den Stammesältesten den Wunsch nach einem König auszureden. Schliesslich waren er und seine Familie Teil des Problems. Es kommt ja nicht darauf an, ob es Priester sind, die wie Könige regieren und ihre Macht an die manchmal unfähigen oder korrupten Nachkommen vererben, oder ob das Könige sind. In den Ohren der Stammesführer mussten die Argumente von Samuel (Siehe Bibel: 1. Samuel 8,1-22!) gegen eine Monarchie wenig überzeugend geklungen haben. Ihre Antwort auf Samuels Einwand war: Das gegenwärtige System hat versagt. Versuchen wir es mit dem, was an anderen Orten zu Wohlstand und Prosperität geführt hat.

Das entscheidende Argument in Samuels Überlegungen waren nicht die aufgezählten negativen Begleitumstände der Monarchie, sondern dass Israel damit seine Geschicke selbst regeln wollte, indem es den himmlischen König mit einem menschlichen König ersetzte. Menschen traten an die Stelle Gottes und wurden als Könige wie Götter verehrt. Man könnte meinen, diese Form der Verehrung gehöre in einer aufgeklärten Welt der Vergangenheit an. Doch dann denke ich an verklärende Messiasdarstellungen des aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wohlgemerkt: So etwas geschieht nicht in einem feudalistischen oder diktatorischen Staatswesen, sondern in einer bedeutenden Demokratie westlicher Prägung. Ich vermute, Samuel würde auch heute darüber nur den Kopf schütteln können.

Jörg Niederer

Sonntag, 23. August 2026

Religionsfrieden

Ein Zitat

Zentrales Wandgemälde aus dem Kapellenanbau des Alters- und Pflegeheims Bethanien in Wabern bei Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Und zwischen Israel und den Amoritern herrschte Frieden." Bibel, 1. Samuel 7,14c

Entdeckt

Es gibt da eine überraschende Notiz in der Bibel: Es wird berichtet, dass Israel mit den Amoritern in Frieden zusammen lebte. Damit sind Kanaanäer gemeint. Diese Aussage weicht von anderen Bibelstellen ab, nach denen Gott von Israel verlangte, die Bevölkerung Kanaans auszurotten (zum Beispiel Bibel: 5. Mose 7,1-4). Wie ist dieser Wiederspruch zu verstehen? Im Zusammenhang mit dem Bussgottesdienst in Mizpa, wie er in der Bibel in 1. Samuel 7 beschrieben wird, entledigte sich Israel zwar der kanaanäischen Götterbilder in den eigenen Reihen, aber vertrieb nicht die Kanaanäer und deren Glaubensausübung aus ihrem Gebiet. Vermutlich waren sie dazu gar nicht in der Lage gewesen. Es gab wohl so etwas wie eine Pattsituation. Oder beide Stammesverbände hatten in den Philistern einen gemeinsamen Feind. 

Ich verstehe diese Situation so: Es geht nicht darum, Menschen anderer Religionen zu vertreiben, sondern darum, am eigenen Glauben in einem multireligiösen Umfeld festzuhalten. Auf heute übertragen würde das heissen, in Frieden mit den Muslimen bei uns zusammenzuleben und zugleich allein an Christus als Begründer unseres Glaubens festzuhalten. Wenn wir sicher in unserem Glauben an Christus sind, müssen die Mitmenschen mit anderer Religionszugehörigkeit von uns Christinnen und Christen nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen werden. In Israel gab es jedenfalls eine Zeit, in der zwei unterschiedliche Religionen miteinander in Frieden zusammenleben konnten, und es scheint, dass der Gott Israels nichts dagegen gehabt hatte.

Zum Foto: Heute Sonntag feiert das Alters- und Pflegeheim Weyergut Bethanien in Wabern mit einem Fest sein 50-jähriges Bestehen. Das Weyergut wurde anfänglich von den methodistischen Bethanien-Diakonissen geführt. Bei der Einweihung war mit Bundesrat Gnägi einer der höchsten Schweizer Magistraten zugegen. Heute ist das Weyergut ein Werk der Diakonie Bethanien, nachdem es viele Jahre als selbständiges Werk geführt wurde. Auf Grund dieses besonderen Tages gibt es hier ein Foto vom zentralen Wandgemälde im Kapellenanbau des Alters- und Pflegeheims Weyergut Bethanien.

Jörg Niederer

Sonntag, 7. Juni 2026

Fremde und Einheimische

Ein Zitat

Fenster mit Glasmalerei von Max Brunner in der Reformierten Kirche Madiswil. Dargestellt ist die Transformation von der Raupe zum Schmetterling. Ein Auferstehungssymbol.
Foto © Jörg Niederer
"Doch als die Ägypter das Volk immer härter unterdrückten, wurde es noch zahlreicher und breitete sich aus. Da packte sie das Entsetzen vor den Israeliten." Bibel: 2. Mose 1,12

Entdeckt

Die Mechanismen sind seit vielen tausend Jahren gleich. Angst erzeugt Druck, Druck erzeugt eine Gegenreaktion, und diese erzeugt neuen Druck, bis auf einer Seite der Druck zu gross wird und es zu Eskalation und Gewalt kommt.

Ägypten fürchtete vor 3500 Jahren die Überfremdung (Bibel: 2. Mose 1,9), und zugleich den Verlust billiger Arbeitskräfte (Bibel: 2. Mose 1,10+11). Ähnlich ist es doch auch bei uns heute in der Schweiz. Wir brauchen die Fremden, damit unsere Wirtschaft funktioniert. Zugleich wollen viele Schweizerinnen und Schweizer nicht ihre Privilegien mit Menschen aus anderen Ländern teilen. In Ägypten griff man zur Repression. Fronarbeit, Versklavung, Misshandlung, Rechtsungleichheit, Geburtenregelung durch Mord.

In der Schweiz schieben wir die Schuld den Fremden zu. Mit unserem Land sei es so schlimm gekommen bei der Umwelt und dem Wohlbefinden, weil wir zu viele Fremde reingelassen haben. 10 Millionen seien genug. Zuviel sind aber lediglich die anderen, die Fremden. Also sorgen wir dafür, dass es nicht noch mehr Fremde werden. Wir brauchen die Schweiz schliesslich für die Schweizer.

Gott ist in diesen Spannungen parteiisch. So wie er sich in ägyptischen Zeiten seinem unterdrückten Volk zuwandte, so wendet er sich noch heute den Mühseligen und Beladenen zu, den Diskriminierten, den Ungeliebten. Gott ist kein Schweizer, der nur die Schweizer liebt. Gott liebt alle Menschen. 10 Millionen sind ihm nicht genug. Den Gott liebte die Welt (also alles und alle) selbstaufopfernd (Bibel: Johannes 3,16).

Jörg Niederer

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Fortschritt der Trümmerhaufen

Ein Zitat

Der "Engel der Geschichte" von Günther Blenke unweit vom Jüdischen Museum in Hohenems.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Flügel ist zum Schwung bereit / ich kehrte gern zurück / denn blieb ich auch lebendige Zeit / ich hätte wenig Glück" Gerhard Scholem (1897-1982), Gruss vom Angelus

Hingesehen

In Hohenems, unweit vom Jüdischen Museum, steht eine Brunnenfigur von Günther Blenke, erstellt aus Teilen einer vom Blitz getroffenen Eiche. Aufgestellt wurde der "Engel der Geschichte" erstmals im Jahr 2020.

Dazu steht auf einer Tafel:

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. der Engel der Geschichte muss so aussehen. er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Wenn ich diese Zeilen lese, denke ich an zwei Jahre und einen Tag unglaubliches Leid im Nahem Osten, denke ich an das durch die Hamas für Israel und die eigene Bevölkerung ausgelöste und durch Israels Regierung fortgeführte Grauen, und komme nicht darum herum, das in diesem Text auffindbare düstere Bild der Vergangenheit und der Geschichte zu teilen. Wie viel Leid geschieht sinnlos durch die Menschheit? Wann endlich werden alle Tränen abgewischt?

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