Freitag, 31. Juli 2026

Schönheit

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Raupe des Schwalbenschwanzes an einer Fenchelstaude.
Foto © Jörg Niederer
"Die Mittagssonne brütet auf der Heide, / Im Süden droht ein schwarzer Ring. / Verdurstet hängt das magere Getreide, / Behaglich treibt ein Schmetterling." Detlev von Liliencron (1844-1909)

Entdeckt

Der Schwalbenschwanz (Siehe auch Beitrag vom 1. September 2025!) stielt vielen anderen Schmetterlingen sowohl als Raupe wie auch als Tagfalter die Show. Das führt dazu, dass die grossen Schmetterling gern zuhause gezüchtet werden. Aktuell fliegt bereits die zweite Generation des Jahres. Das Raupenstadium dauert 2-3 Wochen, dann folgt die Verwandlung in eine Gürtelpuppe und nach wiederum 2-3 Wochen schlüpft der fertige Schmetterling.

Es gibt eine Phase als Raupe, in der die Schönheit unwichtig ist. Junge Schwalbenschwanzraupen gleichen Vogelkot. So tarnen sie sich vor Fressfeinden. Auch haben sie eine chemische Waffe, mit der sie Schlupfwespen und andere Insekten vertreiben können.

Gesehen haben wir diese Raupe an einer Fenchelpflanze vor einem schönen Berner Bauernhaus. Mal schauen, was der heutige Tag an Schönheit und Überraschung bereit hält.

Jörg Niederer

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Weg geht nie aus

Ein Zitat

Das Schloss Burgdorf
Foto © Jörg Niederer
"Man muss nur hübsch alt werden: dann gibt sich alles." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Entdeckt

In den letzten viereinhalb Monaten ist meine Weg auf der Kapellentour bis Burgdorf weitergegangen. Seit Projektstart am 28. Oktober sind 541 Kilometer und 13'000 Höhenmeter zusammengekommen. Ich bin dabei an 39 von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) aktiv genutzten Liegenschaften vorbeigekommen. Weitere 27 aufgegebene Standort habe ich so nebenher auch noch besucht.

Die weitere Planung führt mich nun auf 238 Kilometern via Jegenstorf, Hindelbank, Langnau i. E., Signau, Worb, Belp, Wabern, Bern, Lyss, Aarberg, Täuffelen, Neuchâtel und Saint-Imier nach Biel.

Mit Neuchâtel werde ich mein westlichstes Tourenziel erreichen. Danach geht es wieder mehrheitlich ostwärts, und irgendeinmal werde ich dann erneut in Zürich landen.

Solche Reisen über lange Distanzen und mit gesteckten Zielen führen immer zu einem Problem: Irgendeinmal sind sie abgeschlossen. Was wird dann kommen? Nun, da wären noch einige Kapellen und Standorte der EMK im Berner Oberland. Und danach könnte der süddeutsche Raum folgen, oder auch Österreich, Ungarn, usw.

Der Weg wird mir nie ausgehen. Solange die Beine tragen, geht es in meinem Leben immer auch wieder zu Fuss weiter.

Jörg Niederer

Mittwoch, 29. Juli 2026

Fertig "Frauen auf der Kanzel"

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Die Kapelle der ehemalige Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf in ihrem Milieu hinter dem Kino und nahe am Bahnhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Wer es auf sich nimmt, Menschen zu führen, soll sich vorbereiten, dafür Rechenschaft abzulegen." Benediktsregel

Entdeckt

Ist das jetzt ein Fortschritt oder ein Rückschritt. Da wo in Burgdorf die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) steht, trifft sich neuerdings die "Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz". Wer im Internet nach der EMK Burgdorf sucht, landet auf der Webseite der EMK Breitenegg (siehe Beitrag vom 27. Juli 2026). Zwar findet man noch auf Allianzseiten die folgende Beschreibung: "Die Evangelisch-methodistische Kirche Burgdorf ist eine lebendige Gemeinde, die sich seit über 150 Jahren im Bahnhofquartier entwickelt hat. Basierend auf methodistischen Grundlagen bietet sie eine offene Kirche und Gastfreundschaft für Menschen jeden Alters. Die Gemeinde ist Teil der weltweiten United Methodist Church und verfolgt das Motto 'Gottes offenes Wohnzimmer'." Doch das ist Vergangenheit. Am 10. Mai 2026 (Siehe Bericht in D'Region Burgdorf!) feierte die Gemeinde nach 138 Jahren Präsenz in Burgdorf ihren letzten Gottesdienst. Nun, ganz fertig ist es nicht. Das "SamschtigZmorge", ein soziales Angebot, bei dem Deutsch gelernt und gemeinsam gefrühstückt wird, findet weiterhin statt. Initiiert wurde dieser Treffpunkt, der gerne von Migrant:innen besucht wird, von der pensionierten Pfarrerin Annemarie Studer. Auch dafür erhielt sie 2021 den Sozialpreis der Stadt Burgdorf verliehen (Siehe Beitrag vom 6. November 2021). Auch nach der Beendigung der EMK-Gemeindearbeit in Burgdorf ist sie weiter Ansprechperson für dieses Angebot.

Zurück zur Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz. Relinfo schreibt: "Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz LBKS wurde im Jahr 2012 in Burgdorf BE begründet von Personen südamerikanischer, spanischer und schweizerischer Herkunft … Die Lutherische Bekenntniskirche in der Schweiz vertritt einen altlutherischen Glauben mit betont liturgischer Ausrichtung und Ablehnung von theologischem Rationalismus und Frauenordination."

Auch wenn sich verschiedene Konfessionen im gemeinsamen Glauben an Christus verbunden wissen, so ist das schon eine andere Welt, die sich nun in der Johanneskapelle der einstigen EMK trifft. Besonders auffällig ist der Hinweis zur Frauenordination. Dass Frauen als Pfarrerinnen arbeiten, ist in der EMK gang und gäbe und seit vielen Jahren keine Frage mehr. Das sieht man ja auch an der immer noch in Burgdorf wirkenden EMK-Pfarrerin Annemarie Studer. 

Zu meiner Eingangsfrage nach Fortschritt oder Rückschritt: Ich empfinde es als Rückschritt, wenn an einem Ort, an dem viele Jahrzehnte auch ordinierte Frauen predigten, dies nun nicht mehr der Fall sein wird.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. Juli 2026

Der wilde, wilde Mann

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"Die Form von Unterdrückung, von der wir [Männer] befreit werden müssen ist folgende: Wir müssen uns von all den falschen Bildern und Erwartungen befreien, die uns die Gesellschaft aufgezwungen hat und die wir internalisiert haben." Richard Rohr, Der wilde Mann - Geistliche Reden zur Männerbefreiung, München 1986, S. 104

Entdeckt

Wirtschaftsschild vom Restaurant Wilder Mann in Ferrenberg bei Wynigen.
Foto © Jörg Niederer
Es ist ja nicht so, dass das Restaurant zum Wilden Mann in Ferrenberg ob Wynigen die einzige Gaststätte dieses Namens ist. Auch in Wynigen selbst gibt es einen ehemaligen Gasthof zum Wilden Mann. 1790 wurde das spätbarocke Haus errichtet. Hier aber auf dem Foto ist das Wirtshausschild eines anderen "Wilden Mannes" abgebildet. Das dazugehörige Speiselokal ist in einem alten Bauernhaus aus dem Jahr 1830 untergebracht. Was man sich in Ferrenberg einst unter einem "Wilden Mann" vorstellte, kann man am Wirtshausschild gut erkennen. Ein naiv gemalter Afrikaner im Baströckchen, Pfeil und Bogen, das war damals die heute peinliche wirkende Vorstellung eines Wilden Mannes. Zwischenzeitlich ist eine solche Darstellung glücklicherweise ein No-Go geworden. So darf man Afrikaner nicht mehr darstellen. Damals war es wohl für die Einheimischen kein Problem, ein derart abwertendes, klischeehaftes Bild von Menschen zu zeichnen und zu haben, die noch lange als Sklaven in den USA und andernorts ausgebeutet wurden.

Was wäre mein Bild von einem wilden Mann? 

Ist es der Wilde Mann aus dem Buch des Franziskaners Richard Rohr, ein emanzipierter, von "sexistischen, biographischen und gesellschaftlichen Klischees, Fixierungen und Zwängen" (Richard Riess) befreiter Mann?

Ist es der edle Wilde der Romantik, dieser unverdorbene, gute Mensch, den auch der Philosoph Jean-Jacques Rousseau einst beschworen hatte?

Wäre meine Vorstellung eines wilden Mannes die einer der westlichen Welt unterlegenen, in der Steinzeit verlorenen Mannhaftigkeit?

Oder ist es der wilde Mann im Sinne toxischer Männlichkeit, beschworen im Dunstkreis antifeministischer, Frauen verachtender Mannosphäre?

Was ist mein Bild eines wilden Mannes? Ein zahmer Mann zu werden scheint wenigen erstrebenswert zu sein.

Also: Was ist mein Bild eines wilden Mannes? So klar sehe ich noch nicht. Da braucht es noch ein weiteres Nachdenken.

Jörg Niederer

Montag, 27. Juli 2026

Die Kapelle und der Glungge-Hof

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Die Kapelle der Evangelisch-methodistische Kirche in Breitenegg gibt es seit 1924.
Fotos © Jörg Niederer

"Auf unseren gemeinsamen Weg als Bezirk Breitenegg freue ich mich und danke Euch herzlich für jegliche Unterstützung."
Thomas Lerch, neuer Gemeindemitarbeiter auf dem Bezirk Breitenegg

Entdeckt

Es gibt Orte, da wundert man sich, dass hier eine Freikirche zu finden ist, während andernorts diese ihre Tore schliessen musste. So geschehen auf dem evangelisch-methodistischen Kirchenbezirk Burgdorf-Breitenegg. In Burgdorf beendeten kürzlich die Methodist:innen ihre kirchliche Präsenz, während sie im kleinen Emmentaler Weiler Breitenegg auch nach 102 Jahren weiter wirken. Gestern war ich zum ersten Mal an diesem abgelegenen Ort im Emmental. Bis zur nächsten Busstation geht es 1,9 Kilometer weit und 125 Höhenmeter hinunter ins Önztal. Wer hier lebt, ist motorisiert. Vor der Kapelle stehen mehrere Autos, einige ohne Nummernschilder. Hinter der Kapelle, direkt in der Verlängerung am Haupteingang vorbei, ist ein Schwimmbassin für Kinder aufgestellt. Sitzgelegenheiten stehen etwas unordentlich beim Eingang herum. Es gibt ein Untergeschoss mit Gemeinderäumen. Die Kapelle war bei meinem Besuch verschlossen. Im ersten Stock standen die Fenster offen. Einen Moment lang sah ich dort eine Frau und grüsste. Das musste sie vertrieben haben. Wunderte sie sich über diesen neugierigen unbekannten Mann, der da Fotos von der Kapelle und sich machte?

Die Kapelle ist, so lese ich in einer Broschüre über das Dorf, auch das Übungslokal des Posaunenchors Rüedisbach, ein Allianzmusikverein. Weiter steht in der Broschüre, dass sich die Gläubigen der Evangelischen Gemeinschaft, einer Vorläuferkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), schon vor dem Kapellenbau in den Bauernhöfen Mutzgraben, auf der Heidenstatt und im Äusseren Grütt getroffen haben.

Zur Methodistenkirche Breitenegg zählen heute 38 Mitglieder. Hinzu kommt ein noch einmal so zahlreicher Freundeskreis, und etwa 25 Kinder.

Die Jungschar dort nennt sich Glungge und zählt aktuell 32 Personen. Mit dem Namen knüpft diese Jugendarbeit an verfilmte Werke von Jeremias Gotthelf an. Die Filme "Ueli der Knecht" und "Ueli der Pächter" wurden denn auch in einem imposante Bauernhaus aus dem Jahr 1681 im nahe gelegenen Weiler Brechershäusern gedreht. Seither wird besagtes Bauernhaus auch namentlich mit der Glungge aus den Büchern Gotthelfs gleichgesetzt.

Auf dieser Etappe der Kapellentour kamen wir nicht nur an der Methodistenkirche Breitenegg, sondern auch am Glungge-Bauernhof vorbei. Noch weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in dieser Gegend. Dazu später mehr.

Was mir auffällt. Die mir bekannten und eher abgelegenen Versammlungsorte der Methodist:innen haben gut in der Gesellschaft integrierte Jungscharen. Oft wird von der offiziellen, politischen Gemeinde auf dieses Angebot hingewiesen. Weiter sind eine grössere Zahl der Kirchgemeindeglieder in der Landwirtschaft tätig und stark familiär verbunden. Vermutlich ist das auch so in der EMK Breitenegg.

Von Breitenegg wird mich die geplante Wanderroute nach Burgdorf führen. Dazu später mehr.

Jörg Niederer

Sonntag, 26. Juli 2026

Auf Gott hören

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Glasfenster des Portals der Kirche von Wasen i. E.. Der besseren Lesbarkeit wurde das Foto gespiegelt.
Foto © Jörg Niederer
"Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich. Er wählte zwölf von ihnen aus, die er auch Apostel nannte." Bibel: Lukas 6,13

Entdeckt

Ich frage mich, welche Kriterien und welches Verfahren Jesus bei der Auswahl der Apostel angewandt hatte. Gab es ein Casting, bei dem sich die einen Jünger blamierten und andere das Publikum berührten? Hatte Jesus überhaupt die Wahl? Gab es mehr als 12 in Frage kommende Jünger? Musste sich Jesus als Headhunter in den Fischerhäfen und an den Zöllen herumtreiben, bis er fündig wurde? Mussten die Jünger Prüfungen bestehen oder Studien absolvieren, bevor sie als Botschafter für Jesus Christus ausgesandt wurden? Spielte das Alter eine Rolle? Warum waren es nur Männer und nicht auch Frauen? Und wer bitte ist dieser Bartholomäus, und hatte er einen Bart? Warum wählte Jesus auch politisch zwielichtige Typen aus wie etwa Simon den "Zeloten" (auf Deutsch "der Eiferer")? Bei Judas Iskariot, dem Verräter, hatte sich Jesus wohl vergriffen. Warum stellte er sich also diese kuriose Gruppe von Jüngern zusammen, um gerade sie zu lehren und zu beauftragen?

Warum? Da hätte es wohl bessere Dreamteams gegeben, eine schlagfähigere, gebildetere und homogenere Truppe.

Vielleicht liegt die Antwort in dem, was im Vers davor, in Lukas 6,12 steht: "Einmal in diesen Tagen stieg Jesus auf einen Berg, um zu beten. Die ganze Nacht betete er zu Gott." Eine ganze Nacht betend auf einem Berg. Intensive Zeit im Gespräch mit Gott. Keine Vernunfts- und keine Bauchentscheidung. Eine Gebetsentscheidung, geboren an einem speziellen Ort, unter dem Sternenhimmel des Abrahams, auf dem Gipfel des Fragens. Dort, bei Gott, findet Jesus die Antwort und seine zwölf Apostel.

Heute ist Sonntag. Sie könnten die kommende Nacht auf einen Berg gehen, um zu beten.

Jörg Niederer

Samstag, 25. Juli 2026

Überraschende Verbindung

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Oben: Hauptsitz der PB Swiss Tools in Wasen. Unten: Werkzeugsatz der PB Swiss Tools beim Berghotel Seebenalp.
Fotos © Jörg Niederer
"PB Swiss Tools: Innovation, die Werkzeuge neu definiert" Werbespruch der PB Swiss Tools

Entdeckt

Ich hätte am vergangenen Montag auf der Wanderung in Wasen i. E. nicht besonders auf die Fabrik PB Swiss Tools geachtet, wenn ich mit ihr nicht einen Menschen verbinde aus der Zeit meiner ersten Anstellung als Pfarrer in Huttwil. Der Mann war leitender Mitarbeiter in besagter Fabrik. Etwas vom ersten, das ich von ihm erhalten habe war ein Schraubenzieher-Set. Diese Schraubenzieher sind immer noch in meinem Besitz. So hielten wir bewusst Ausschau nach seinem einstigen Arbeitsplatz. Er und seine Frau, sind längst schon verstorben. Damals habe ich mich nicht leicht getan mit dem Ehepaar, und sie wohl auch nicht mit mir. Jedoch erlebte ich beide immer als sehr seriös und verantwortungsbewusst.

Am vergangenen Donnerstag war ich ganz woanders unterwegs. Vom Maschgenkamm zogen wir hinab zum Berggasthof Seebenalp und dann weiter zur Tannenbodenalp. Bei besagtem Berggasthof entdeckte ich zu meiner Überraschung einen Satz Schrauben- und Inbusschlüssel von Swiss Tools an der Hauswand. Sie sind wohl bestimmt für die vielen Mountainbiker:innen, die hier vorbeikommen, und manchmal Reparaturen vornehmen müssen.

Für mich verbinden nun diese Werkzeuge zwei Wanderungen, die geografisch doch ziemlich weit auseinanderliegen. Aber was liegt in der Schweiz schon weit auseinander?

Jörg Niederer

Freitag, 24. Juli 2026

Als Bergtouristen unterwegs

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Das Berggasthaus Seebenalp zwischen Gross- und Schwarzsee. Im Hintergrund von link nach rechts die Gipfel Schären, Wart und der Churfirstenberg Frümsel.
Foto © Jörg Niederer
"Wie die alten Berge von Abendrot triefen / Wie die Tannen brennen / wie das dichte Gebüsch mit Glut behängt ist / Verzaubert von Sonnen..." Emily Dickinson (1830-1886)

Entdeckt

Für unser ziviles Hochzeitstag-Jubiläum wagten wir uns ins Getümmel der Flumserberge. Begleitet wurden wir auf der kurzen Wanderung von Maschgenkamm hinunter zur Tannenbodenalp von unserem jüngsten Sohn. An diesem Tag gab es kaum einmal einen Moment, beim dem sich nicht in Hördistanz andere Bergtouristen bemerkbar machten. An der teils atemberaubenden Aussicht tat dies jedoch keinen Abbruch. Immer wieder ging der Blick hinüber auf die andere Seite des Walensees zu den Churfirsten. Oder dann bewunderten wir den amerikanisch anmutenden Westerngipfel Spitzmeilen und natürlich auch den markanten Sächsmoor. So viele Touristen sich tummelten, so wenig Vögel fanden sich über der Waldgrenze. Die intensive Berglandwirtschaft an diesem Ort ist nicht gerade förderlich für Wiesenbrüter.

Was dagegen wirklich empfehlenswert ist: das Essen im Restaurant Molseralp. Ich hatte ein Cordon bleu mit Bergkäse und Steinpilzen, dazu einen gemischten Salat. Selten ass ich ein so gutes Cordon bleu. Auch die Bedienung war flink und kompetent, trotz der vielen Gästen.

Alles in allem: Ein niederschwelliger Bergausflug mit schönen Ausblicken, vielen Mitreisenden, feinem Essen und der besten Begleitung meines Lebens.

Jörg Niederer

Donnerstag, 23. Juli 2026

Trockengelegt

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Der ausgetrocknete Churzeneibach in Wasen i. E. am 20. Juli 2026.
Foto © Jörg Niederer
"Es war die Zeit, da die Bäume in der Stadt welk sind ohne Herbst, da die glühenden Gassen, ausgedehnt von der Wärme, nicht enden wollen und man durch Gerüche geht wie durch viele traurige Zimmer." Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Entdeckt

Er gilt als gutes Forellengewässer: der nicht einmal 9 Kilometer lange Churzeneibach. Am Montag, 20. Juli 2026 morgens um 10.30 Uhr sah er in Wasen i. Emmental so aus wie auf dem Foto. Total trockengelegt. Von der Töss weiss ich, dass sie im Sonner teilweise unterirdisch fliesst. Ob das beim Churzeneibach auch so sein könnte? Auch weiss ich nicht, ob der Bach weiter oben doch noch Wasser führt. So genau habe ich nicht nachgeforscht. Jedenfalls fliesst kurz vor dem Zusammenfluss mit dem Hornbach – gemeinsam bilden sie in der Folge die Grüene – oberflächlich gar nichts mehr.

Der Hornbach dagegen führt noch Wasser, wie wir dann anhand des Wasserstands in der Grüene feststellen konnten. Das ist erstaunlich, da beide Bäche ihr Quellgebiet unterhalb vom Farnli-Esel haben. Allerdings fliesst der Hornbach durch Regionen, die mit ihren Namen "Wässerig" oder "Badgraben" auf einen gewissen Wasserreichtum schliessen lassen, was für den Churzeneibach nicht in gleicher Weise gilt. 

Noch etwas fällt auf unseren Wanderungen auf. Viele Brunnen sind versiegt, oder spenden gerade einmal ein paar Tropfen pro Minute.

Gestern nun meldeten die Newsportale, dass wegen der Hitze die Kühe bis 25% weniger Milch geben. Ausgiebiger Regen ist gerade auch nicht in Sicht. Klimatisch werden uns ganz neue Erfahrungen geboten. Erfahrungen, die uns nicht sehr optimistisch in die Zukunft blicken lassen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 22. Juli 2026

Die Predigten im Heimet Zimmerhus

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Oben. Das Zimmerhus ist ein schönes Emmentaler Heimet ob Griesbach. Unten. Das Harmonium steht immer noch im einstigen Gottesdienstraum des Zimmerhus'.
Fotos © Jörg Niederer
"sapere aude / incipe. / Wage es, weise zu sein, fange an!" Horaz (65 - 8 v. Chr.)

Entdeckt

Ernst und Heidi wahren ihr Leben lang Kleinbäuerin und Kleinbauer im Heimet Zimmerhus. Das Land reichte nicht, um von der Milchwirtschaft zu leben. So stellten die beiden den Betrieb in den Emmentaler Hügeln ob Griesbach bald schon auf die weniger aufwändige Muttertierhaltung um. Ernst arbeitete nebenher als Fahrer für verschiedene Unternehmen. Heidi, eine gebürtige Berner Oberländerin, schaute tagsüber zu Hof und Kindern. An den Abenden und Wochenenden versorgte Ernst die Tiere mit und bestellte das Feld.

Ich lernte die Familie kennen, als ich 1985 meine Pfarrstelle auf dem Bezirk Huttwil antrat. Es war der Vater von Ernst, der in einem Zimmer dieses Bauernhauses mit christlichen Versammlungen begann. Das Harmonium steht noch heute im Andachtsraum, den man über eine steile Treppe erreich. Dort fanden die methodistischen Gottesdienste statt. Die Menschen kamen aus der direkten Umgebung, aus den benachbarten Höfen. Es ging familiär zu und her.

Am letzten Montag besuchten meine Frau und ich die beiden betagten Leute auf unserer Kapellentour-Etappe von Wasen i. E. nach Affoltern i. E. Wir kamen zur ungünstigen Mittagszeit an. Das Essen war fertig, es wurde Besuch erwartet, und da sich dieser Besuch um eine Stunde verspäten würde, mussten wir uns mit Händen und Füssen dagegen wehren, dass uns nicht deren Essen vorgesetzt wurde. Die Stunde mit Heidi und Ernst verging im Flug. Viele Erinnerungen an Menschen und Situationen mussten besprochen werden. Damals kam ich meist mit der Bahn von Huttwil nach Griesbach, um dann mit dem Fahrrad die rund hundert Höhenmeter durch ein Wäldchen hinauf zum Zimmerhus zu bewältigen. Das reichte, um oben schweisstriefend anzukommen. So wechselte ich jeweils vor dem Gottesdienst oder der Bibelstunde die Kleider. Letztere fand jeweils in der Stube der Familie statt. Es kam vor, dass ich nachts im Wäldchen die Hand nicht vor den Augen sah. Da half das Dynamolicht am Fahrrad auch nicht viel weiter. Im Winter war ich mit Spicks an den Fahrradreifen unterwegs auf den eisigen Strassen. Auch schon musste ich mich durch hohe Schneeverwehungen hinauf zum Zimmerhus kämpfen. Dass ich zwei der drei Jahre den Dienst auf dem Bezirk Huttwil ohne Auto versah, führte immer wieder dazu, dass Heidi und Ernst sich für ihr Autofahren entschuldigten. Dass sie an diesem Ort nicht ohne Auto auskommen, konnte ich absolut verstehen, doch es gelang mir nicht, sie davon abzuhalten, ihr motorisiertes Unterwegssein immer wieder zum Thema zu machen. Heidi fährt auch heute noch Auto, Ernst musste es wegen einer Augenerkrankung aufgeben.

Ich weiss nicht mehr genau, ob die Gottesdienste im Zimmerhus während meiner Zeit aufgegeben wurden, oder ob es erst kurz nach meinem Weggang geschehen ist. So nebenbei bemerkte Heidi, dass ihren Kindern die Gottesdienste vor Ort nicht gut getan hätten, ohne dies näher zu erklären. Es war wohl der Erwartungsdruck, Dabeisein zu müssen; aber was weiss ich schon. Längst wird der einstige Gottesdienstraum anderweitig genutzt. Ein Hometrainer steht dort. An der Wand hängen Bilder des einen Sohns, der Kunst studierte und heute Lehrer ist. Auf der Treppe zum ehemaligen Andachtsraum hängen die Fotos der zehn Grosskinder.

Bald schon könnte das Heimet in die Hände von entfernten Verwandten übergehen. Was das dann mit Ernst machen wird, wenn er wegziehen muss, er, der ein Leben lang an diesem Ort wohnte, davon 56 Jahre mit Heidi zusammen? Ich denke daran, wie er gleich kurz nach der Begrüssung lachend meinte, er werde wohl bald sterben. Die Nieren könnten den Dienst versagen. An die Dialyse wolle er nicht, er habe ein langes, gutes Leben gehabt.

Dann kommt, nach unserem unerwarteten, auch der erwarte Besuch und wir verabschieden uns von den beiden mit einem "auf Wiedersehn". Ob es dazu noch einmal auf dieser Erde kommen wird?

Die Weiteren Beiträge zum methodistischen Bezirk Huttwil: Zu Huttwil und Neuligen; zu Rohrbach: zu Wasen i. E.!

Jörg Niederer

Dienstag, 21. Juli 2026

Der falsche und der richtige Ort

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Im Vereinshaus Gmünden versammelten sich einst die Methodist:innen von Wasen i. Emmental. Heute nennt man das Haus "Kirchenstübli". Es liegt direkt neben der Reformierten Kirche.
Fotos © Jörg Niederer

"Das Fussgehn ist gewiss die angenehmste Art zu reisen. Man geniesst die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen..."
Adolph Knigge (1752-1796)

Entdeckt

Ich war gestern wieder unterwegs auf meiner Kapellentour.

Das hat man nun davon. Selbst leitete ich in Wasen i. Emmental keine Gottesdienste mehr der Evangelisch-methodistischen Kirche. Diese endeten im Jahr 1982 und ich trat meine Stelle erst 1985 an. So führte mich meine Recherche zuhause vor Ort an eine total falsche Stelle. Da Methodisten ja immer auch in Wohnhäusern zusammenkamen, fotografierte ich voller Freude ein etwas verstecktes Haus beim Gasthof Rössli. Da erkundigte sich der Bewohner besagten Hauses, ob ich das Rössli kaufen wolle, und stellte klar in Abrede, dass ich mich bei seinem Haus an richtiger Stelle befinde.

Eine Nachfrage bei Passanten und in der Apotheke führte mich auf den rechten Pfad. Beim besagten Vereinshaus Gmünden handelt es sich um das heutige Kirchenstübli, direkt hinter der Evangelisch-reformierten Kirche. Das relativ kleine, freistehende Gebäude diente wohl einst der Landeskirchlichen Gemeinschaft als Versammlungsort. Dabei handelt es sich, wie beim Evangelischen Gemeinschaftswerk, um Spezialfälle im Kanton Bern. Innerhalb der Landeskirche versammelten sich die etwas "frömmeren" Christen zu eigenen Versammlungen und Bibelstunden, und stellten zu diesem Dienst auch Prediger ein. Trotzdem verstanden sie sich immer als Teil der grossen Landeskirche.

Vermutlich haben sich die Methodist:innen in diesem Vereinshaus zu den Gottesdiensten eingemietet. Das liegt auch nahe, weil die leitenden Personen auf dem heute aufgelösten Bezirk Huttwil (mit den Stationen Huttwil, Rohrbach, Neuligen, Zimmerhus und bis 1982 Wasen) in Wasen in direkter Nachbarschaft zum Vereinshaus Gmünden wohnten. Auch später arbeiteten die Methodist:innen mit der Landeskirchlichen Gemeinschaft eng zusammen. So unterrichtete ich einige Jahre die Unterrichtskinder der Landeskirchlichen Gemeinschaft, der Heilsarmee und der Evangelisch-methodistischen Kirche in einer Klasse. Das geschah in Griesbach auf dem Hof Unter Baumen, bei einem Mitglied der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Auf dem Bezirk Huttwil versammelte man sich also als Methodistenkirche in eigenen Kapellen, in Schulhäusern, in Vereinshäusern der Landeskirche und auch in Privathäusern. Selbst feierte ich die Gottesdienste noch auf dem Heimetli (so nennt man im Emmental die Bauernhöfe) Zimmerhus. Dazu dann im nächsten Blogbeitrag mehr.

Jörg Niederer

Montag, 20. Juli 2026

Fütterung der Vögel

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Infoboard und Notiz zum Vogelfüttern in einer Seitengasse von Huttwil.
Foto © Jörg Niederer
"Narren wachsen unbegossen." Deutsches Sprichwort

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Huttwil. Durchgang zwischen Coop-Einkaufszentrum und Restaurant Bahnhof. Das Infoboard ist zugestellt mit parkierten Autos. Ich frage mich, wer es beachtet an diesem düster wirkenden Ort. Mir fällt es auch nur auf wegen des Zettels darüber. "Das Vogelfüttern auf dem Areal des Restaurant Bahnhof ist untersagt", steht da in grammatikalisch nicht ganz korrekter Schreibweise. Genitiv ist schwer. Der Ort des Anschlags am Fensterladen des Hotels in dieser Seitengasse ist so seltsam wie der Inhalt. Gibt es hier eine Vogelplage? Haben sich Autofahrer hier getroffen, um Vögel zu füttern? Ich sehe nichts Geflügeltes an diesem unwirtlichen Ort, nicht einmal die obligaten Spatzen. Gab es sie einst zahlreich an dieser Lokalität? Sind sie nicht mehr da, weil das Füttern verboten und folglich nichts mehr zu holen ist?

Auf dem Touchscreen darunter wir just in dem Moment die Werbung für die Vogel Trockenbaumontage GmbH eingeblendet. Damit hat das Fütterungsverbot wohl nichts zu tun. Lustig ist es trotzdem, die beiden Botschaften zu verbinden. Wie sieht es aus mit den Mitarbeitenden der Vogel Trockenbaumontage GmbH? Dürfen die im Hotel Bahnhof gefüttert werden? Oder müssen sie sich andernorts verpflegen lassen?

Übrigens: nur 50 Meter weiter steht die einstige Kapelle der Methodisten. Dort haben die Vögel gesungen. Dort ist das Füttern auch nicht verboten. Dort ist es auch nicht so abseitig düster. Dort liegt Musik in der Luft.

Jörg Niederer

Sonntag, 19. Juli 2026

Ort der (Un-)Sicherheit

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Nein, das ist keine orthodoxe Kirche, sondern das Innere der fast vollständig ausgemalten Wallfahrtskirche Maria Hilf in Haslen, AI.
Foto © Jörg Niederer
"Sie brachte einen Sohn zur Welt. Den nannte Mose Gerschom, das heißt: Fremder-dort. Denn er sagte: 'Ich bin ein Fremder im fremden Land.'" (Bibel: 2. Mose 2,22)

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Mose war ein Flüchtling. Fluchtgrund: Entzug vor einer gerechten Bestrafung als Mörder. Nach heutigem Asylrecht hätte Mose keine Chance. Er wäre sogleich ins Herkunftsland zurückgeschafft worden, es sei denn, ihm hätte dort die Todesstrafe oder Folter gedroht.

Der entlaufene Mörder Mose fand ein neues Zuhause. In der Fremde half er den sieben Töchtern des Reguël. Es kam zu einer Art Solidargemeinschaft. Die Frauen und der entlaufene Mörder und Flüchtling. Mose schenkte den Frauen Achtung und Würde, und dafür erhielt er Würde, Familie und Gastfreundschaft in einem fremden Land. (Siehe Bibel: 2. Mose 2,15-22!)

Beim Spielen mit Pfeil und Bogen schoss das neunjährige Mädchen aus Benin City, Nigeria der Freundin das Auge aus. So wurde ihre Familie weit über die Möglichkeiten hinaus schadenersatzpflichtig. Das Mädchen war an allem Schuld. Es wurde von den Brüdern der Freundin verprügelt, es wurde vom Vater verprügelt, "immer auf die Augen", und dann kam es zum Onkel. Auch der verprügelte sie, wollte mit ihr schlafen, zerschnitt ihr die Kleider. "In Afrika dürfen Männer tun, was sie wollen, fremdgehen, prügeln, Männer dürfen alles." Irgendeinmal kam Onko, ein junger Mann und schenkte ihr Schuhe. Er lud sie ein nach Deutschland, und sie ging mit. Dort gab Onko ihr die Arbeitskleidung, Unterwäsche und BHs. Dann kamen die Männer, einer nach dem anderen. Heute lebt die Frau untergetaucht in Deutschland. Aus dem Milieu herausgeholfen hat ihr Schwester Lea Ackermann und die Leute von Solwodi, einer Organisation, die Zwangsprostituierten hilft. Aufgeschrieben hat die Geschichte Klaus Brinkbäumer im Buch: "Der Traum vom Leben".

Jörg Niederer

Samstag, 18. Juli 2026

Willkommenskultur

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Ein denkmalgeschützter Schriftzug im FläckeKafi Beromünster heisst Heiden, Christen und Juden allesamt willkommen.
Foto © Jörg Niederer
"Ob Heide, Jud' oder Christ, herein was durstig ist" Schriftzug im FläckeKafi Rosengarten in Beromünster

Entdeckt

Ich bin wieder auf meinem methodistischen Kapellenweg unterwegs. Vorgestern ging es über die Fritzenfluh von Eriswil nach Wasen. Hier möchte ich aber auf eine frühere Etappe zurückblicken. Auf die von Beromünster nach Süsstannen. Beromünster wird als "Flecken" bezeichnet. So nennt man Orte, die als historische Markt- und Verwaltungszentren fungierten. Vor Ort berühmt ist der Auffahrtsumritt, eine jährlich zelebrierte Wallfahrt, die um den Flecken Beromünster herumführt,  mit Priestern, Kreuz- und Fahnenträgern, Kirchenräten, Sängern und Musikanten, alle hoch zu Ross. Im Flecken Beromünster gibt es natürlich auch eine Fleckenzunft und ein FläckeKafi. Das FläckeKafi ist eine moderne Erweiterung des denkmalgeschützten Restaurant Rosengarten. Im Innern wird das schnell deutlich. Da finden sich alte Inschriften an den Deckenbalken. Eine hat es mir besonders angetan: "Ob Heide, Jud' oder Christ, herein was durstig ist", steht da geschrieben.

Der Flecken ist historisch streng katholisch. Noch 2014 gehörten 80% zur römisch-katholischen Konfession. In einem so von einer Konfession bestimmten Ort gab es wohl auch immer wieder Reibereien mit Andersgläubigen. So wie in der Kirche nur die Katholiken zur Eucharistie geladen waren, so hielt man sich die Protestanten und Juden möglichst auf Distanz. Umso erstaunlicher ist dieser Spruch am Deckenbalken des FläckeKafis Rosengarten. Wer Durst habe, egal mit welchem religiösen Hintergrund, hier an diesem Ort war und ist er (und sie) willkommen. Was da an der Decke steht, ist eine weltliche Vorwegnahme des Abendmahls. Alle sind eingeladen, niemand wird weggewiesen. Vielleicht waren Juden und Heiden in der katholischen Kirche nicht willkommen. Hier im Gasthaus durften sie selbstverständlich ihren Durst löschen.

Gut, man könnte nun spekulieren, dass der Wirt, der diese Worte auf den Balken schreiben liess, auch einfach geschäftstüchtig war. So sicherte er sich auch den Umsatz all der verschiedenen Durchreisenden. Doch auch dann ist dieser Balkenspruch Zeugnis einer echt eidgenössischen Willkommenskultur und sollte so manchem Patrioten heute zu denken geben.

Jörg Niederer

Freitag, 17. Juli 2026

Der Coiffeur ist weiblich

Ein Zitat

Alte inklusive Anschrift an einem früheren Friseurgeschäft in Gammenthal bei Summiswald.
Foto © Jörg Niederer
"Interviewer: 'Also Frank, du hast lange Haare. Macht dich das zu einer Frau?' Frank Zappa: 'Du hast ein Holzbein. Macht dich das zu einem Tisch?'" Frank Zappa (1940–1993)

Entdeckt

Wer sagt denn, dass die inklusive Sprache etwas Neues ist. Diese Anschrift an einem Haus habe ich aus dem Linienbus heraus in Gammenthal (siehe Google Street View!) bei Sumiswald fotografiert. Das Geschäft gibt es nicht mehr. Die Anschrift ist geblieben. Im als behäbig und traditionell geltenden Emmental erwartet man nicht sprachlich geschlechtergerechte Feinheiten. Und doch steht da nicht nur die männliche Bezeichnung "Coiffeur" sondern explizit auch die weibliche "Coiffeuse". Heute nennt die Berufsberatung beide Formen. Doch damals, als es dieses Friseurgeschäft (auch diese Bezeichnung wird bis heute meist nur in männlicher Schreibweise verwendet) noch gab, war die Ergänzung mit der weiblichen Schreibweise wohl aussergewöhnlich. Das ist sie bist heute. Eine kurze Suche mit dem Stichwort "Coiffeur" bei Google bringt es beispielhaft für Frauenfeld an den Tag. Bei den ersten beiden so bezeichneten Dienstleistern sind es ausschliesslich Frauen, welche dort Haare schneiden und frisieren.

Anders ist es bei den Barber-Shops, die sich überall in leerstehenden Gewerberäumen breitmachen. "Barber" ist englisch. Deutsch würde man vom "Barbier" sprechen, ein explizit von Männern ausgeübtes Gewerbe, bei dem Bärte geschnitten werden. Früher zogen die Barbiere auch Zähne. Aber das ist lange her.

Zurück zu den Hairstylisten, wie sich einige Friseure heute auch nennen. Da gibt es durchaus einige Frauen, die sich selbstbewusst als Hairstylistin bezeichnen. Klever, wer mit diesem Anspruch sein Geschäft mit "Hairdesign" bewirbt und so das Geschlechterdilemma bei der Geschäftsbezeichnung geschickt vermeidet. Beim Begriff "Coiffeur" funktioniert das nicht, wohl aber bei Friseur. Da könnte man auch von "Frisurengestaltung" (das gibt es wirklich!) schreiben, was aber wohl niemand bei der Geschäftsanschrift tut, wenn man dieses doch englisch viel stylischer umsetzen kann, und es mit "Haarsalon" noch eine weitere Option gibt.

Es bleibt. Wollen Coiffeur:innen betonen, dass sich bei ihnen im Salon Frauen und Männer von Frauen und Männern die Kopfhaare machen lassen können, ist die Geschäftsanschrift "Coiffeur und Coiffeuse" durchaus passend und auch avantgardistisch. Ob das im konservativen Emmental dazu geführt hat, dass es dieses so beschriftete lokale Geschäft heute nicht mehr gibt? Oder war es doch eher der etwas abseitige Standort an einer Ausfallstrasse von Sumiswald?

Jörg Niederer 

Donnerstag, 16. Juli 2026

Getarnt und meist stumm

Ein Zitat

Auf dem Foto versteckt sich ein heimliches Lebewesen im Unterholz. Kein Kobold, aber ein … gibt sich die Ehre.
Foto © Jörg Niederer
"Süsse Ruh', süsser Taumel im Gras, / Von des Krautes Arom umhaucht …" Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Entdeckt

Hast du mich gleich gesehen, oder suchst du mich noch? Vielleicht ist dir mein goldiges Augenlied aufgefallen. Vielleicht auch die leichte Farbnuance zum letztjährigen Herbstlaub. Es ist ja auch mein Ziel, dass du mich nicht entdeckst, wenn du auf dem Waldweg an mir vorübergehst. Los geht das Jahr für mich schon sehr früh, noch ehe der letzte Schnee geschmolzen ist. Man könnte sagen, ich bin einer der ersten meiner Tierzunft. Dann besuche ich die Teiche, dann kann man mich auch hören. Sonst bin ich nicht sehr gesprächig und verbringe auch nicht mehr viel Zeit am Wasser. Im Wald dagegen bin ich immer einmal wieder zu entdecken. Da liebe ich die feuchteren Stellen. Weisst du nun, wer ich bin? Oder soll ich noch sagen, dass man mich auch immer wieder mit Königshäusern in Verbindung bringt. Wenigstens in den Märchen. Meine Angst ist übrigens sprichwörtlich. "Sei kein Frosch", heisst es dann. Darf ich mich vorstellen: Ich bin der Grasfrosch.

Jörg Niederer

Mittwoch, 15. Juli 2026

Rast und Reise

Ein Zitat

Das Wanderwegzeichen steht für Bewegung, die Hauswurz für Verharren.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause." Elisabeth Barrett-Browning (1806-1861)

Entdeckt

Die Schweiz ist gepflastert mit Wanderwegzeichen. Dieser Rhombus gehört zum Wegnetz im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Angebracht an einem Gartenzaunpfahl ob der Sitter beim Gehöft Würzen erzählt er von Bewegung, von Fussreisen, von vorübergehenden Momenten. Auf dem selben Holzpfahl wächst die Hauswurz. Eine Dickblattpflanze, welche ein beachtliches Verharrungsvermögen aufweist. Zugleich ist sie weit verbreitet, von Marokko bis Iran, von der Meereshöhe bis in die alpinen Lagen. Bewegung und Verharren. Dazu passt auch das Zitat von Elisabeth Barrett-Browning: "Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause". Gelesen haben wir diesen Spruch einige hundert Meter weiter auf unserer Wanderung, auf einer Gartenbank.

Vorankommen hat wenig zu tun mit Geschwindigkeit, mit Rastlosigkeit. Voran kommt man, wenn man sich Zeit nimmt, einen Schritt vor den andern setzt, aber auch die Zeit an Ort und Stelle erträgt. Wie um das zu lernen, warten wir dann 90 Minuten lang auf das Postauto, das zu dieser Zeit in Haslen nur gerade alle zwei Stunden die Aufwartung macht. Das einzige Restaurant ist zu. Zerstreuung ist Mangelware. War es verlorene Zeit? Nein, das war es nicht.

Jörg Niederer 

Dienstag, 14. Juli 2026

Kunstflug und Affenhitze

Ein Zitat

Oben: Alpensegler im Formationsflug. Unten: Alpensegler beim Ein- und Ausflug am Neststandort.
Fotos © Jörg Niederer

"Je mehr der Alpensegler fliegt, desto hungriger ist er. Und je hungriger er ist, desto mehr fliegt er."
Beitrag zum Alpensegler

Entdeckt

Gerade ist ihr Drillern unüberhörbar bei der Zuckerfabrik Frauenfeld. Die Alpensegler nisten dort jeden Sommer. In diesem Jahr sind so 60-70 der eleganten Flugkünstler vor Ort. Rund um eines der grossen Zuckersilos haben sie unter dem über die Seitenwand heruntergebogenen Attikablech ihre Nester angelegt. Ich habe mindestens 14 verschiedene Einflugbereiche gezählt. Gleich sieht es an einem dort befindlichen, länglichen Industriegebäude aus. Auch unter dessen Blechdach nisten sie. In regelmässigen Formations-Vorbeiflügen kommunizieren die Elterntiere und die ein- oder zweijährigen Vögel laut hörbar mit den Jungtieren. Immer wieder fliegt ein Vogel mit Futter geschickt und in atemberaubender Geschwindigkeit zwischen Blechwand und Tropfkante hinauf in den Hohlraum hinein, in dem die Jungen schon laut bettelnd warten.

In diesen heissen Tagen muss es unter dem Blechdach so richtig unangenehm gewesen sein. Eine Tortour für die Jungvögel. Offensichtlich haben viele von ihnen die brütenden Hitzetage überstanden, und dies, ohne dass sie speziell Wasser trinken konnten. Alle Feuchtigkeit erhalten die Jungtiere vom Insektenfutter, das ihnen die Eltern bringen. Zwischen 54-66 Tage dauert es, bis ein Jungvogel sein enges Nest verlassen kann. Dann aber beginnt ein Leben, das sich 200 Tage pro Jahr ausschliesslich in der Luft abspielt. Auch schläft ein Alpensegler in der Luft, wobei ein Auge immer wach bleibt. In den 20 Lebensjahren legt so ein Vogel eine Distanz zurück, die zehn Hin- und Rückflügen zum Mond entspricht.

Alpensegler können nur schwer vom Boden auffliegen. Ihre Beine sind dafür zu kurz. Jungvögel, denen der erste Flug missglückt ist, werden daher oft Opfer der Falken. Baum- und Turmfalken suchen regelmässig die Brutstandorte der Alpensegler ab, und manchmal ziehen sie an Ort und Stelle ihre eigenen Jungen gross. So hat es im künstlichen Nistkasten zuoberst auf einem Zuckersilo Turmfalken, die dort erfolgreich ihr Nest eingerichtet haben. Die aufmerksamen Alpensegler warnen sich gegenseitig vor diesen Beutegreifern. Gemeinsam sind sie gut geschützt. Zusammenbleiben macht eben durchaus Sinn, und das nicht nur im Tierreich.

Jörg Niederer

Montag, 13. Juli 2026

Irritationen

Ein Zitat

Entflogener Nymphensittich in Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Ich habe nie geheiratet, weil ich drei Haustiere zu Hause habe, die den gleichen Zweck erfüllen wie ein Ehemann. Ich habe einen Hund, der jeden Morgen knurrt, einen Papagei, der den ganzen Nachmittag flucht und eine Katze, die spät in der Nacht nach Hause kommt." Marie Corelli (1855-1924)

Entdeckt

Erst flogen die Mauersegler nicht wie erwartet um die Nester am Backsteinhochhaus. Dann sang ein Buchfink, als wäre er ein Gartenrotschwanz. Während ich den Irritator fotografierte, strich mir eine schwarze Katze von links um die Beine. Auch hörte ich eine Hohltaube, konnte sie aber nirgends entdecken. Später dann tauchten die Mauersegler doch noch auf, und ich konnte die Einflüge in die Kunstnester beobachten. Damit war mein Beitrag bei der diesjährigen Zählung der Mauerbrüter abgeschlossen.

Doch die grösste Überraschung und Irritation gab es auf dem Heimweg, als ein laut rufender Vogel seine Runden drehte. Im Halbdunkel sah es aus, als würde der Turmfalke wieder den Mauerseglern nachstellen. Doch irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Als er sich gut sichtbar in eine Birke setzte, war das Elsternpaar wenig amused über den seltsamen Vogel, der sich als entflogener Nymphensittich herausstellte. Der vertriebene Kakadu seinerseits flog jeweils eine Runde und landete dann wieder bei den Elstern im Baum, was zu erneuten Annäherungen und Vertreibungen führte. Fremde haben es in der Schweiz nicht leicht.

Dem Aussehen nach handelt es sich um einen weissköpfigen Nymphensittich. Einfangen wird wohl schwierig. Wer gibt schon gern gewonnene Freiheiten wieder auf.

Jörg Niederer

Sonntag, 12. Juli 2026

Erschöpft

Ein Zitat

Drei Tauben an der Aare beim Bahnhof Olten liegen erschöpft von der Hitze am Boden.
Foto © Jörg Niederer
"Nach dem zweiten Frühstück soll man sich, ohne viel Zeit verstreichen zu lassen, an einem schattigen oder kühlen, windgeschützten Platz zur Ruhe niederlegen." Diokles von Karistos (4. bis evtl. 3. Jahrhundert v. Chr.)

Entdeckt

Die Tauben liegen einfach so da, zwischen den Stühlen und Tischchen. Die Hitze setzt ihnen zu. Ihr Schnabel ist leicht geöffnet. Nun hecheln sie sich Kühlung zu. Erschöpft ist ihre Energie. Nur widerwillig entfernt sich eine, als ich ihr zu nahe komme. Kaum einen Meter weiter legt sie sich wieder hin.

Vielleicht bist du auch erschöpft von der vergangenen Woche, von den heissen Temperaturen, vom Stress bei der Arbeit, von den Herausforderungen in der Familie. Da kommt der heutige Sonntag wie gerufen. Es ist der Ruhetag, der Tag, an dem man erschöpft sein darf. Es ist der Tag, an dem die Pflicht hinten anstehen soll. Gut, immer funktioniert das nicht. Aber versuche doch, wenigsten eine Stunde für dich selbst zu reservieren, in der dich nichts stören soll. Kein Smartphone-Ton, keine Kinder, kein Ehepartner, kein Chef, kein Staub oder Schmutz, keine Nachrichten, kein Fussballfrust. Eine Stunde, nur für dich allein. Eine Stunde, an dem der Friede Gottes Raum bekommen darf.

Jörg Niederer

Samstag, 11. Juli 2026

Abschleppen

Ein Zitat

Strassenschild für Fahrradfahrende, deren Velo, falsch abgestellt, amtlich entfernt wird.
Foto © Jörg Niederer
"Ich kann Dummheit nicht verhindern, aber ich kann sie abschleppen." Abschlepperspruch auf T-Shirt

Entdeckt

Man kann viel abschleppen: Ein Auto, ein Schiff, ein Wohnwagen, im übertragenen Sinn auch eine Frau oder einen Mann. Fahrräder kann man ebenfalls abschleppen, aber die Darstellung auf dem Abstellverbotsschild der Stadt Zürich ist doch etwas drastisch überzeichnet. Würde es so geschehen, hätte man  im übertragenen Sinn mit Kanonen auf Spatzen geschossen. So funktioniert das bestimmt nicht, und so wird es auch nicht gemacht. Wahrscheinlich fahren Angestellte der Stadt mit Seitenschneider und Pritschenwagen an die neuralgischen Punkte und verladen die Fahrräder von Hand auf die Ladefläche. Doch wie stellt man dies so dar, dass alle Fahrradabstellsünder:innen sich auf den ersten Blick der Gefahr bewusst werden, in die sie ihr Velo bringen?

Da kommen dann solchen Piktogramme heraus, bei denen ein Kranwagen das Fahrrad einem Auto gleich hinter sich herzieht. Ich hätte noch andere Ideen zur grafischen Umsetzung: Man könnte einen stilisierten Polizisten mit Panzerknackermaske (die aus Donald Duck), abbilden, der mit einem erbeuteten Fahrrad unter dem Arm von dannen zieht. Darunter hinschreiben könnte man: "Die Polizei dankt, dass sie legal dein Fahrrad klauen darf." Auch eine Möglichkeit: Gross hinschreiben: "Fahrrad-Bermudadreieck". Darunter versinkt ein Fahrrad in einem sich verflüssigenden Dreieck.

Jörg Niederer

Freitag, 10. Juli 2026

Grüne Augen

Ein Zitat

Man beachte das grüne Auge des Grossen Kohlweisslings auf der Blütendolde des Gemeinen Dosts!
Foto © Jörg Niederer
"The green eyes / Yeah, the spotlight / Shines upon you / And how could / Anybody deny you?" (Die grünen Augen / Ja, das Rampenlicht / Scheint auf dich / Und wie könnte / dir irgendjemand widerstehen?) Coldplay, Green Eyes

Entdeckt

Bei Menschen ist Grün eine der seltensten Augenfarben. Nur 2-4% weisen sie auf, wobei in Irland und Schottland jede 5. Person grüne Augen hat. Ganz anders bei braunen Augen, die bei 90% der Menschen vorkommen.

Ob die Augen grün sind, ist abhängig vom Pigment Melanin in der vorderen Schicht der Iris. Fehlt es weitgehend, gibt es blaue Augen, ist es reichlich vorhanden, gibt es braune Augen. Wenn das Melanin aber nur in geringer Menge vorhanden ist, schaut die Person dich mit grünen Augen an.

Ob das beim Grossen Kohlweissling, einem Tagfalter, auch der Grund für seine schönen, schwarz gepunkteten, leicht ins Türkis kippenden grünen Augen ist, weiss ich nicht. Extravagant sieht es aber schon aus. Auch habe ich bei diesem häufigen Schmetterling nicht erwartet, dass er mit so schönen Augen aufwartet.

Grüne Augen wurden schon oft besungen. Etwa auf Englisch von Coldplay oder auf Deutsch von Jeremias. Wie wäre es aber mit dem Song "Green Eyes" von Luna Green? Dazu kann man sich in den Garten oder an den Rand einer Wiese setzen, und dem Treiben der Insekten zuschauen.

Jörg Niederer

Donnerstag, 9. Juli 2026

Dekadenz im Tierreich

Ein Zitat

In Saas-Fee lässt sich ein Murmeltier mit einer geschälten Karotte aus der Hand füttern.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustand der Bändigung und Zähmung." Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Entdeckt

In Arosa sind es die Eichhörnchen und Tannenhäher, die den Passant:innen aus den Händen fressen. In Venedig setzen sich Tauben auf Arm, Schulter und Kopf. In Morges am Genfersee besuchen dich die Spatzen am Frühstückstisch und picken dir die Brosamen aus Hand und Teller. An der Nordsee haben die Möwen die Scheu verloren und reissen dir Frikadellen und Eiscreme aus der Hand. Und in Saas-Fee sind es eben die Murmeltiere, die sich aus der Hand füttern lassen, ja sogar gestreichelt werden können.

Wildtiere, die ihre natürliche Scheu verloren haben, das mag für Kinder und Erwachsene eine Attraktion sein. Ob es für die Tiere gut ist? Jedenfalls verdienen sich die Gemüsehändler in Saas-Fee mit geschälten Karotten, den Bund zu fünf Franken, einen ordentlichen Zusatzbatzen. Für den Tourismus ist es auch gut, spricht sich doch herum, wie nahe man in diesem natürlichen Streichelzoo den Alpennagern kommen kann.

Mir ist diese Vertrautheit von Mensch und Tier dennoch nicht ganz geheuer. Kann das auf Dauer gut gehen? Was, wenn die Fütterung ausbleibt, oder wenn die Munggen ob dem vielen vor die Nase gehaltenen Gemüse keine Wintervorräte mehr sammeln. Ist das nun die Dekadenz der Murmeltiere?

Andererseits, erfüllt sich da nicht ein wenig die biblische Verheissung vom Löwen und Kalb, die in Frieden beieinanderliegen (Jesaja 11,6)? Das vegetarische Alpenmurmeltier und der karnivore Mensch, freudig-friedlich vereint? Vielleicht hat sich gerade noch jemand mit einer Salbe auf Basis von Murmeltierfett den verkrampften Muskel eingerieben, und nun zieht er wieder strammen Schritts zur Wildtierfütterung der vorgezähmten Biberverwandten.

So ein bisschen Frieden auf Erden zwischen Mensch und Tier ist doch immer schön, oder nicht? Da kann man doch nichts dagegen haben? Das ist Action in den Bergen, auch für Influenzer:innen.

Mittwoch, 8. Juli 2026

Ein Schmetterling und der unterschwellige Rassismus

Ein Zitat

Ein Falter der Familie Erebia, vermutlich der Mandeläugige Schwärzling, sitzt ob Saas-Grund mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Wanderweg.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch hat freien Willen – d.h., er kann einwilligen ins Notwendige!" Friedrich Hebbel (1813-1863)

Entdeckt

Für einmal flatterte er nicht die ganze Zeit um uns herum, sondern sass mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Boden: ein Schmetterling aus der Familie "Erebia", vermutlich "Erebia alberganus", oder auf deutsch "Mandeläugige Mohrenfalter". Das Wort "Erebia" ist sprachlich verwandt mit dem Wort "Erebos". Damit wird die Unterwelt, auch die Finsternis oder Dunkelheit bezeichnet. Es wäre also naheliegend, wenn die rund 80 Erebia-Arten im Deutschen als "Dunkelfalter" bezeichnet würden. Stattdessen werden sie "Mohrenfalter" genannt. Vielleicht nannten die Bergbauern sie schon so, als der wissenschaftliche Name noch nicht feststand, und das Wort "Mohr" noch nicht den schalen rassistischen Beiklang hatte. Jedenfalls wehren sich viele Lepidopterolog:innen mit Händen und Füssen, eine Umbenennung vorzunehmen für diesen kleinen Schmetterling. Das musste der Ethnologe und Journalist Felix Riedel bitter erfahren, als er im Lepiforum, einem Fachforum der Schmetterlingskundler:innen vorschlug, die Mohrenfalter in Bräunlinge umzubenennen (Siehe GEO-Beitrag!).

Nun haben Schmetterlinge mit dunkelhäutigen Menschen etwas so viel oder so wenig zu tun wie mit hellhäutigen Personen. Auch sind wir heute weit entfernt davon, das Wort "Mohr" neutral zu verwenden, also im Sinn von "Dunkel". Heute schwingt immer auch eine abwertende und rassistische Bedeutung mit. Ganz ähnlich, wie beim Wort "Dirne" heute niemand – wie etwa zur Zeit Martin Luthers – eine achtenswerte Frau meint, sondern automatisch ans Rotlichtmilieu denkt. Einem Afrikaner heutzutage "Mohr" zu sagen ist etwa so verletzend, wie wenn man eine Frau heute als "Dirne" bezeichnet. Es gibt keinen "anständigen" Grund mehr, das Wort "Mohr" weiter zu verwenden, weder beim Gebäck noch bei den Schmetterlingen noch sonst wo. Warum das so schwer zu verstehen ist, entzieht sich meiner Intelligenz. Zumal im deutschsprachigen Raum diese Schmetterlinge auch etwas unbefangener "Schwärzlinge" genannt werden können und die Bezeichnung "Dunkelfalter" nebst dem von Felix Riedel vorgeschlagenen "Bräunling" auch möglich wäre. Ich jedenfalls nenne diesen Falter ab heute "Schwärzling" oder eben "Mandeläugiger Schwärzling". Das kostet mich nichts. Es kostet mich genauso wenig wie die inklusive Schreibweise. Ich bin sicher, irgendeinmal in vielen Jahren werden das auch die Lepidopterolog:innen so sehen und über ihren "erebischen" Schatten springen können.

Jörg Niederer

Dienstag, 7. Juli 2026

Der Vogel und die Wiesen

Ein Zitat

Baumpieper. Singendes Männchen unterhalb des Kreuzbodens bei Saas-Grund.
Foto © Jörg Niederer
"Fliegt der erste Morgenstrahl / Durch das stille Nebeltal, / Rauscht erwachend Wald und Hügel: / Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!" Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Entdeckt

Noch ein Vogel, der von den Veränderungen in der Landwirtschaft erzählt. Erstmals bewusst begegnete ich dem Baumpieper im Kanton Schaffhausen auf einer Wanderung durch die dortigen extensiv bewirtschafteten Blumenwiesen. Das ist denn auch genau der Ort, an dem der kleine Vogel am Boden brütet. Im Mittelland und auch immer mehr in den Voralpen werden die Wiesen jedoch oft schon im Mai und Juni geschnitten. Damit gehen auch die Bruten der Baumpieper verloren. Wie die meisten Bodenbrüter hat er daher im schweizerischen Mittelland einen schweren Stand. Zwischen 1988 und 2008 ist der Bestand im Kanton Zürich um 90% zurückgegangen. Am Bodensee sind es 95% zwischen 1980 und 2010. Im Jura ist der Baumpieper seit 1985 fast vollständig verschwunden.

Den Baumpieper auf dem Foto habe ich unterhalb des Kreuzbodens bei Saas-Grund gesehen. Dort in den höheren Lagen ab 1400 m. ü. M. ist sein Bestand ungefährdet. Dort kann man seinen markanten Singflug noch beobachten. Dort findet er noch Wiesen, die nicht so schnell gemäht werden. Natürlich sieht man in dieser Berglandschaft auch den häufigsten Pieperverwandten, den Bergpieper. Mit diesem teilt der Baumpieper sich den Lebensraum Gebirge.

Jörg Niederer

Montag, 6. Juli 2026

Heiss-Gas

Ein Zitat

Abkühlung an der Limmat in Baden AG.
Foto © Jörg Niederer
"Ach, dass der Mensch so häufig irrt / Und nicht recht weiss, was kommen wird!" Wilhelm Busch (1832-1908)

Entdeckt

Es ist heiss geworden bei uns. 1,5-1,7 Grad wärmer. In Zukunft wird es wohl noch wärmer. Der menschgemachte Klimawandel ist in vollem Gang und wird uns wohl noch viel kosten.

Heute las ich in der Sonntagszeitung, dass der grösste Erdölkonzern Saudi Aramco seit 1988 "unbezahlte Abfallrechnungen" in der Höhe von 3 Billionen US-Dollar angehäuft hat. So hoch ist der "Unrat", den der eine Konzern, es gibt noch viele von ihnen, in die Luft gelassen hat. Die Folgen kennen wir: Durch die Menschheit verursachter Klimawandel. Noch 1990 ging man davon aus, dass die Konsequenzen des Klimawandels für die Weltwirtschaft mit nur -1% nicht sonderlich hoch zu veranschlagen seien. So hat man denn auch lange nichts Konkretes unternommen. Heute zeigen neue Berechnungen: Der globale Anstieg der Erwärmung um 1 Grad Celsius verringert den Wohlstand um 20%.

Weiter hat ein Team ausgerechnet, dass der Umstieg von fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energiesysteme bis ins Jahr 2050 zwischen 5 und 12 Billionen US-Dollar günstiger kommt, als wenn wir weiter auf Erdöl und Erdgas setzen. Noch nicht berücksichtigt dabei sind die Klimaschäden durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe. Auch nicht berücksichtig ist das Artensterben. Was das mit uns machen wird, bleibt wohl ein unkalkulierbares Risiko. Wer jetzt nicht auf die erneuerbaren Energieträger setzt und für eine intaktere Natur sorgt, handelt wirtschaftlich kurzsichtig und unvernünftig.

Mir scheint, das ist in vielen Köpfen von Politiker:innen noch nicht angekommen. Aber auch wir Konsument:innen und Wählende habe da noch einige Korrekturen an unserem (Wahl-)Verhalten vorzunehmen.

Den ganzen Artikel aus der Sonntagszeitung gibt es (kostenpflichtig) hier!

Jörg Niederer

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