Ein Zitat
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| Fotos © Jörg Niederer |
Hingesehen
Vor 41 Jahren trat ich meine erste eigene Stelle als Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in der Oberaargauer Gemeinde Huttwil an. Es sollte meine einzige Anstellung im Kanton Bern sein. Damals gehörten zum Gemeindebezirk vier Stationen. Über die EMK in Rohrbach habe ich schon im Blogbeitrag vom 28. April 2026 geschrieben. Als weitere Aussenstationen gehörten Zimmerhus und Neuligen zu meinem Arbeitsfeld. Zuhause waren wir in der angebauten Wohnung der Kapelle Huttwil (siehe Foto oben!). Nach wie vor gehört diese Liegenschaft der EMK. Das Arbeitsfeld jedoch wurde vor einigen Jahren aufgelöst. Die kleine Gemeinde in Huttwil überlebte diese Strukturbereinigung noch einige Jahre als Aussenstation von Langenthal und wurde dann ebenfalls geschlossen. Dies ist somit der zweite EMK-Bezirk nebst Reinach auf dem ich Pfarrer war, (Siehe dazu Beiträge vom 9. März 2026; 28. Februar 2026; 25. März 2026: 2. März 2026) der heute nicht mehr existiert.
In Huttwil war ich nur drei Jahre stationiert. Doch diese drei Jahre sind voller Geschichten. So liess ich etwa den Rasen ums Haus herum wachsen und schnitt ihn mit der Sense. Das verstand die Bauerngemeinde nicht, genauso wenig, dass ich auf ein Auto verzichtete (Gemeindeglieder entschuldigten sich damals immer wieder bei mir, weil sie ohne Auto nicht auskommen konnten). Ökologie war noch kein Thema. Auch dass ich mich einer anderen politischen Partei anschloss, und nicht der Evangelischen Volkspartei (EVP), um als Kantonsrat zu kandidieren, wurde als Problem empfunden. Weiter setzte ich mich für Flüchtlinge ein, damals vorwiegend Menschen aus Sri Lanka. Zu all dem kam hinzu, dass meine Frau zusammen mit einer Freundin, die nach einer nationalen Abstimmung möglich gewordene Namensänderung auf dem Standesamt verlangte. Statt die Kombination von meinem und ihrem Nachnamen trägt sie seither ihren Nachnamen. Kommentar auf dem Standesamt: Das hätte ich meiner Frau nie erlaubt. Ja, der Oberaargau war konservativ und bodenständig geprägt.
Vor der Methodistenkirche in Huttwil fand jeweils ein monatlicher Viehmarkt statt. Nicht selten wurden die Tiere stundenlang ohne Wasser festgebunden stehen gelassen. Beim Verlad kam es mehrfach zu brutalsten Szenen. Einmal brach sich ein Rind das Bein. Seit dieser Zeit isst meine Frau kein Fleisch mehr.
Damals kaufte ich mir mein erstes Mountain Bike, ein Import aus Japan. Im Winter wechselte ich die Fahrradreifen und zog solche mit Spikes auf. Der damals noch kostenlose Bahnverlad von Fahrrädern erleichterte die Reise per Rad ein wenig. In der Hügellandschaft gab es wenige gerade Strecken ohne Steigung und viele steile Anstiege. Zum Predigtplatz in Neuligen (Foto unten) ging es etwas rund 100 Höhenmeter hinauf. Der Gottesdienst fand im damaligen Schulhaus statt. Sowas ging im ländlichen Kanton Bern noch: Christlich-religiöse Anlässe in öffentlichen Einrichtungen. Heute ist das Schulhaus wohl zum Wohnhaus umgenutzt. Die Gemeinde in Neuligen bestand im Wesentlichen aus einer grossen Bauernfamilie mit einem typisch bäuerlichen Hobby. Alle männlichen Vertreter der Familie waren im Schwingklub. Schwingen ist die populäre Schweizer Version des Ringkampfs.
Immer einmal hörte sich nebst dieser Bauernfamilie auch eine Katze am offenen Fenster meine Predigten an.
Gestern bin ich auf meiner Kapellentour von Rohrbach nach Eriswil an den beschriebenen zwei Predigtplätzen vorbeigekommen. Auch der vierte Predigtplatz in Zimmerhus werde ich besuchen, aber dazu sind noch zwei weitere Wandertage nötig.
Jörg Niederer

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