Ein Zitat
"Ich bin eigentlich kein Fan von Reliquien." Aber "Sie sind ein Symbol, etwa für die Geburt Jesu." Martik Torzewski, Künstler, über die Aachener Heiligtumsfahrt
Foto © Jörg Niederer
Hingesehen
Manche alten Schriften sind, heute gelesen, unglaublich skurril und schräg. So wie etwas das Motiv der Windel Jesu im sogenannten "Arabischen Kindheitsevangelium", eine ausserbiblische Erzählung von der Geburt Jesu. Entstanden ist der Text wohl im 6. Jahrhundert nach Christus. In diesem Werk bekommt in einem Abschnitt die Windel von Jesus besonderes Gewicht. Ich zitiere:
"Und es geschah, als der Herr Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem geboren war, siehe, da kamen Magier aus dem Morgenland nach Jerusalem, wie es Zeraduscht [Zarathustra] vorausgesagt hatte. Sie brachten mit als Geschenk: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Sie beteten ihn an und brachten ihm ihre Geschenke dar. Da nahm die Herrin [lat. Domina!] Maria eine von jenen Windeln und gab sie ihnen als kleine Gegengabe. Sie nahmen sie von Maria entgegen und fühlten sich hoch geehrt. In der gleichen Stunde erschien ihnen ein Engel in Gestalt jenes Stern, der ihnen zuvor Wegführer gewesen war. Sie folgten seinem Licht und zogen von dannen, bis sie ihre Heimat erreichten.
Zu ihnen kamen aber Könige und ihre Fürsten mit der Frage, was sie gesehen und ausgerichtet hätten … und was sie mitgebracht hätten. sie aber zeigten ihnen jene Windel, die die Herrin Maria ihnen überreicht hatte. Aus diesem Anlass feierten sie ein Fest. Nach ihrem Brauch machten sie ein Feuer und beteten es an. Sie warfen jene Windel hinein: und das Feuer erfasste sie und nahm sie in sich auf. Als das Feuer erloschen war, zogen sie die Windel hervor, so, wie sie zuerst gewesen war, als habe das Feuer sie nicht angetastet. Daher begannen sie die Windel zu küssen, sie sich auf den Kopf und die Augen zu legen, und sagten: 'Das ist wirklich unbezweifelte Wahrheit. Es ist wirklich eine grosse Sache, dass das Feuer sie nicht verbrennen oder vernichten konnte!' Sie nahmen sie von dort mit und legten sie mit höchsten Ehren zu ihren Schätzen." (aus: Fontes Christiani, Band 18, Evangelia Infantiae Apocrypha - Apokryphe Kindheitsevangelien, Freiburg im Breisgau 1995, 176-179)
Da wird also eine vermutlich gebrauchte Windel als äusserst wertvolles Geschenk von der Domina Maria entgegengenommen. Diese legten sich Könige und Fürsten voller Seligkeit auf den Kopf und zeigte sie herum. Sogar ein Fest wurde ausgerichtet zu Ehren dieser Jesuswindel.
Noch delikater wird diese Geschichte, wenn man weiss, dass es im deutschen Aachen tatsächlich ein entsprechendes Fest gibt: die Aachener Heiligtumsfahrt. Dort wird nebst dem Kleid Mariens, dem Lendentuch Jesu und dem Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer auch die Windel Jesu durch die Stadt getragen. Dies nicht etwa vor tausend Jahren, nein, es geschieht hier und heute. Nach Aachen sei die Windel im Jahr 799 durch Karl dem Grossen gelangt, der sie in Jerusalem aufgetrieben habe. Echt ist sie wohl nicht, aber was soll's? Wie heisst es doch: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Selbst wenn der Anlass eine heilige Pampers ist.
Jörg Niederer
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen