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Samstag, 3. Oktober 2026

Ein Lob auf 22 Millimeter

Der Belpberg von Belp aus gesehen.
Foto: © Jörg Niederer

Ein Zitat

"Das Haupt in Sonnenstrahlen, der Fuss in 'schlechtem Wetter.'" Wilhelm Raabe (1831-1910)

Entdeckt

Oben: Aussicht von Hof Simmlern (Belpberg) auf die Berner Alpen. Unten: Der Hof der Familie Schär auf Simmlern. Hier fanden einst methodistische Bibelstunden statt.
Fotos: © Jörg Niederer
"22 Millimeter". Die Altbäuerin hebt die Hände freudenstrahlend. Soviel hat es in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober auf dem Belpberg geregnet. Während ich auf den letzten Wanderungen kaum eine Wasserlache und viele ausgetrocknete Bäche gesehen habe, ist diesmal alles anders. Wassertropfen hängen an Blüten und Samenständen. Bäche begleiten mich gurgelnd entlang der Wanderwege.

Auf meinem Weg von Münsingen nach Belp über den Belpberg, ein markanter, 11 Kilometer langer und 3-4 Kilometer breiter isoliert stehender, glazial gebildeter, knapp 400 Meter hoher Bergrücken, besuche ich wieder einmal eine methodistische Wirkstätte. Knapp unterhalb des Chutzen, mit 893 Metern höchsten Punkt des Belpbergs, liegt der Bauernbetrieb der Familie Schär. "Simmlern" nennt sich die Örtlichkeit südlich von der Ortschaft Belpberg. In den Konferenzverhandlungen der Methodistenkirche steht "Semmlern" und als Tätigkeit an diesem Ort "Predigt". Der Ortsname sei falsch, hat im Vorfeld der Wanderung die mir gut bekannte Cousine der eingangs erwähnten Bäuerin erklärt und mir auf der Karte genau gezeigt, zu welchem Hof ich gehen müsse. Für einmal bin ich mir beim Standort also sicher.

Vor dem Hof lärmt eine grosse Pumpe. Verschiedene Autos stehen herum. Erst suche ich vergeblich. Doch dann, auf mein Klopfen an der Wohnungstür, öffnet eine älter Frau und begutachtet mich fragend und leicht misstrauisch. Ich erkläre, wer ich bin und was ich tue, bringe Frau Schär die Grüsse ihrer Cousine, und nach und nach kommen wir zwischen Tür und Angel ins Gespräch. Es sei schon lange her, als noch Prediger der Methodistenkirche von Münsingen und Worb hier oben Bibelstunden (nicht Predigten!) gehalten hätten. Nun, Bibelstunden waren wohl oft nichts anderes als verkappte Predigten, die an Tischen und nicht von der Kanzel gehalten wurden. Gekommen zu diesen Stubenversammlungen seien aber fast ausschliesslich Menschen aus der Umgebung, und eigentlich alle seien sonst ins EGW (Evangelisches Gemeinschaftswerk) gegangen. Dass es Pfarrer der Methodistenkirche waren, die hier diesen Dienst getan hätten, liege wohl an verwandtschaftlichen Beziehungen.

Und dann bricht die Bäuerin beim Abschied in dieses spontane Dankgebet für den Regen aus. Und wieder einmal wird mir bewusst, wie wetterabhängig der Beruf von Landwirt:innen ist.

Jörg Niederer

Sonntag, 20. September 2026

Genf, der Jet d'Eau und der Mont Blanc

Ein Zitat

Die Wasserfontäne des Jet d'Eau schiesst 140 Meter hoch. Dahinter sieht man von Genf aus den Mont Blanc, mit 4807,3 Metern der höchste Berg der Alpen.
Foto: © Jörg Niederer
"Der Mann brachte mich zum Eingang des Tempels. Unter der Türschwelle sprudelte Wasser hervor … Der Mann sagte zu mir: 'Das Wasser fließt in ein Gebiet im Osten und dann in den Jordangraben. Der Fluss mündet schließlich ins Tote Meer und macht das Wasser darin lebendig.'"  (Bibel: Ezechiel 47,1+8)

Entdeckt

Zur Auflösung des gestrigen Blogs: Genf ist die Stadt, in der ich mich gerade befinde. Heute gibt es nun das Gespräch nach dem Gottesdienst in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Und darum geht es: "Das öffentliche Zeugnis, die regionale Kontextualisierung und die Sozialen Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche im europäischen Kontext". Es wirken unter der Leitung von Pfarrer Dr. Liberato Bautista mit: Bischöfin Rosemarie Wenner, Dr. Thorsten Göbel, Pfarrerin Sarah Tiainen und dann noch meine Wenigkeit.

Seit der Generalkonferenz 2020/24 ist es den EMKs in den verschiedenen Regionen der Welt stärker möglich, auf die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort angepasst zu reagieren. Zudem gibt es seit besagter Generalkonferenz neu formulierte Soziale Grundsätze. Es geht also im Wesentlichen um die sozialethische und diakonische Praxis der Kirche. Da passt doch die folgende Besinnung zum Bibelzitat oben ganz gut, ist doch das Wasser kostbares Geschenk aus Gottes Hand.


Ezechiel sieht in einer Vision, wie am Tempel eine Wasserquelle entspringt. Anfänglich klein, wird aus dem Bach nach etwa 2 Kilometern ein Strom, durch den man nicht mehr gehen kann und schwimmen muss. Dieses Wasser fliesst ins Jordantal und dann ins Tote Meer. Die Ortsbezeichnung En Gedi in Ezechiel 47,10 weist deutlich darauf hin. Das Tote Meer, ein Salzsee ohne Abfluss – es ist sein Wasser, das nach Vers 8 lebendig gemacht und damit geheilt wird durch den Strom, der vom Tempel in Jerusalem ausgeht. Ein tiefsinnig symbolisches Hoffnungsbild.

Heute streitet man sich im Nahen Osten um das Wasser des Jordans. Immer weniger davon gelangt ins Tote Meer. Es droht auszutrocknen. Techniker beraten, wie man den Salzsee retten könnte; etwa durch eine Meerwasserpipeline vom Mittelmeer zum 400 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen Toten Meer. Doch so etwas würde den Charakter des Salzsee-Wassers massiv verändern. Wer von diesen Schwierigkeiten weiss, wünscht sich, dass Ezechiels Vision vom Wasserstrom Wirklichkeit wird. Gegenwärtig sieht es anders aus. Die Situation ist in den letzten kriegerischen Monaten nicht einfacher geworden. Realität und Wunsch klaffen weit auseinander.

Dann wäre da noch diese Frage: Wie viel trauen wir Gott zu? Wie viel Lebenswasser erwarten wir von Gott her? Wo sind die Ströme lebendigen Wassers (Bibel: Johannes 7,38) die von einem Menschen ausgehen, der Jesus Christus vertraut? Manchmal habe ich den Eindruck, als würde es mit all meinem Glauben nur gerade tröpfeln. Doch was sah Hesekiel? Auch beim Tempel Gottes war der Strom nur ein kleines Bächlein. Da kann noch viel geschehen mit unsern Lebenswasser-Tröpfchen.

Jörg Niederer

Mittwoch, 16. September 2026

Pinkelnde Pilze

Ein Zitat

Rotrandige Baumschwämme. Beim linken Pilz kann man anhand der Tropfen die als Guttation bezeichnete Absonderung von überschüssigem Wasser gut erkennen.
Foto: © Jörg Niederer
"Mit Menschen ist es wie mit Pilzen. Zuerst sieht man die Auffälligen. Aber die sind meistens giftig. Die Guten muss man länger suchen." Autor:in unbekannt

Entdeckt

Google sagt, bei den Pilzen auf dem Foto handle es sich um Rotrandige Baumschwämme. Ob es stimmt, kann ich nicht beurteilen. Dagegen bin ich sicher, dass der eine Pilz Wasser absondert. Man nennt diesen Vorgang, der nebst den Pilzen auch bei Pflanzen vorkommt, "Guttation".

"Gutta" ist ein lateinisches Wort und bedeutet "Tropfen" oder "Tröpfchen", auch "kleiner Fleck".

Bei bestimmten klimatischen Bedingungen, etwa wenn hohe Luftfeuchtigkeit vorliegt, es zugleich heiss ist oder dann um Null Grad Celsius, sondern einige Pilzarten überschüssiges Wasser ab. Das geschieht besonders auch zu Zeiten, in denen der Pilz stark wächst und daher mit dem Wasser auch viele Nährstoffe über das Myzel aus dem Holz gewinnen muss. Bei der Guttation handelt es sich also nicht um ein Schwitzen. Mit Schwitzen wird ja die Körpertemperatur reguliert. Eher könnte man sagen: der Pilz pinkelt. Denn die abgesonderten Tröpfchen bestehen nicht nur aus Wasser, sondern auch aus organischen Stoffen, etwa Aminosäuren. Pflanzen bei der Guttation geben so unter anderem auch zuvor aufgenommene Pflanzenschutzmittel ab (was für Insekten, die davon trinken, tödlich enden kann). Nebst der Regulierung des Wasserhaushalts entsorgen Pilze auf diese Weise Abfallprodukte. Es empfiehlt sich also nicht, diese Wassertropfen an den Pilzen zu trinken. Sie können für den Menschen schädliche Substanzen enthalten. Bei Giftpilzen kann deren Gift auch in den Guttationstropfen enthalten sein. Zudem sind diese Tropfen, auch wenn sie von ungiftigen Pilzen stammen, geschmacklich weit entfernt von reinem Wasser.

Jörg Niederer

Samstag, 5. September 2026

Ein Fluss namens "Elvis"

Ein Zitat

Der Zusammenfluss von Emme (rechts) und Ilfis (links), unweit von Langnau im Emmental.
Foto: © Jörg Niederer
"Die Wahrheit ist wie die Sonne. Du kannst sie einige Zeit abschirmen, aber sie wird niemals verschwinden." Elvis Presley (1935-1977)

Entdeckt

Man nennt es Confluence, wenn zwei Flüsse sich zu einem vereinen. Bei Emmenmatt ist es die Ilfis, die nach 24,7 Kilometern in die Emme fliesst. Sie ist also ein Nebenfluss der Emme, namentlich bekannt seit dem Jahr 1371. Woher der Name kommt ist unsicher. Er könnte abgeleitet sein vom gallischen "Elvis(i)ā" was "braun" oder "gelb" bedeutet. Eine Anspielung auf die Farbe des Wassers. Als ich den Zufluss der Ilfis in die Emme am 2. September 2026 fotografierte, war sie allerdings von den Algen grün gefärbt und stahl der Emme etwas die Show. So führte sie doch deutlich mehr Wasser als die Emme, die weitgehend ausgetrocknet daherkam. Es scheint, als hätte die Ilfis, welche in einer Karstlandschaft von nationaler Bedeutung am westlichen Abhang der Schrattenfluh entspringt, in ihrem Einzugsgebiet deutlich mehr Wasser abbekommen, als die Emme, die ihrerseits zwischen Hohgant und Augstmatthorn auf dem Gemeindegebiet von Habkern entspringt. Normalerweise führt die Emme hier durchschnittlich 7.27 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, die Ilfis dagegen nur 5,94 Kubikmeter.

Als ich vor einiger Zeit bei Aeschau vorbeikam, sah ich von weitem ein einzelnes Bauwerk, das aus der Ebene herausragte. Dort befindet sich an der Emme, etwas flussaufwärts von der Einmündung der Ilfis, die Grundwasserfassung der Stadt Bern, welche zu 70% durch die Emme gespeist wird. Gut möglich, dass das fehlende Wasser der Emme also in den durstigen Kehlen der Berner:innen gelandet ist.

Wie der Wasserstand aktuell beim Räbloch aussieht, ein Naturbrücke über die Emme etwas oberhalb von Eggiwil, weiss ich nicht. Vor Jahren durchwanderten wir im Wasser diese Stelle, damals geführt von einem Canyoning-Anbieter. Heute darf man hier im Sommer zwar immer noch durchgehen oder durchschwimmen. Ob das aber aktuell gerade Freude bereitet?

Mit Wassersport in der Emme ist es aktuell sowieso nicht weit her. Selbst an den tieferen Wasserstellen sollte man nicht baden, da diese die letzten Rückzugsgebiete der Fische sind. Dort ist das Wasser gerade noch kühl genug für sie. Der Trockenheit wegen darf aktuell sowohl an dem Emme wie an der Ilfis auch nicht geangelt werden.

Am Ufer der Ilfis sitzen und Musik von Elvis hören ist dagegen natürlich nach wie vor erlaubt, solange es nicht in Lärmbelästigung ausartet.

Jörg Niederer

Donnerstag, 20. August 2026

Nasse Insel in der Trockenheit

Ein Zitat

Das Feuchtgebiet Gampen in der Gemeinde Berg TG wurde mit tierischem Beistand ökologisch aufgewertet.
Foto © Jörg Niederer
"Alle Projekte sind unweigerlich mit dem Wasser verbunden." Bodo Middelhoff

Entdeckt

Für einmal ist das kein Foto zur Trockenheit in der Schweiz. Obwohl, die Trockenheit ist auch im Feuchtgebiet Gampen, an der Gemeindegrenze von Berg im Kanton Thurgau deutlich zu erkennen.

Es geht bei diesem bewaldeten Landstück um ein Pilotprojekt des Kanton Thurgaus. Dieser will mehrere einstige Feuchtgebiete wieder vernässen, um so der Trockenheit entgegenzuwirken. Diese Feuchtgebiete wirken auch als natürliche Rückhaltebecken bei heftigen Niederschlägen. Zudem sind sie ökologisch sehr wertvoll. Moore speichern etwa zwanzigmal so viel CO2 wie Wälder.

Das Feuchtgebiet Gampen gehört zu den ersten dieser neu vernässten Feuchtgebieten. Dabei wurde der Wasserstand durch eine Regulierung der Abflüsse deutlich angehoben, so dass das einstige Waldgebiet überschwemmt wurde. Zugleich kam der Biber, und hob den Wasserstand um weitere 30 Zentimeter an. Man habe mit dem Biber sozusagen Hand in Hand zusammengearbeitet, meinte ein Verantwortlicher. Herausgekommen ist das, was man auf dem Foto sieht. Bäume sterben ab, das Gebiet ist deutlich feuchter und lichter geworden als die weitere Umgebung. Seltene Tiere kommen zurück, zum Beispiel der Mittelspecht.

Da wo der Biber die Landschaft gestaltet, steigt die Artenvielfalt massiv an. Das konnten die Fachleute des Kantons auch im Feuchtgebiet Gampen feststellen.

Grund genug, den Ort nicht sehr weit entfernt von meinen Wohnort aufzusuchen. Es hat sich gelohnt. Erstmals fotografierte ich die Blutrote Heidelibelle, ein Reh huschte über die Waldstrasse, Vögel konzertierten in den Zweigen und dann trafen wir noch eine Frau im Tarnanzug, die genau hier ihre bevorzugte Fotostrecke findet.

Eine Frage aber bewegt uns nach dem Besuch dieses bemerkenswerten Orts. Wie haben die Biber die Trockenheit überstanden? Ist noch genug Wasser da, um den Unterwasserzugang zum Bau zu gewährleisten? Denn sichtbares Oberflächenwasser war vom Weg aus nur an wenigen Stellen zu erkennen.

Übrigens: Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Gebiet durch einen Beitrag im "Echo der Zeit" vom 9. August 2026.

Jörg Niederer

Dienstag, 18. August 2026

Doppelsichtig

Ein Zitat

Ein Vieraugenfisch im Tierpark Dählhölzli in Bern will wissen, wer ihn da fotografiert.
Foto © Jörg Niederer
"Das Wasser war ganz warm. Es hatte dieses wunderbare, durchsichtige, mit Silber gesprenkelte Blau, aber der Sand am Grund war wie Gold …" Katherine Mansfield (1888-1923)

Entdeckt

Noch einmal Tierpark Dählhölzli in Bern. Der Vieraugenfisch ist nebst einem Frosch das einzige Tier, das gleichzeitig sowohl über- wie unter Wasser scharf sehen kann. Dazu sind seine beiden Augen zweigeteilt und weisen je unterschiedliche Krümmungen und Pupillen auf. Bei diesem Brackwasserfisch handelt es sich um den grössten Zahnkärpfling, den wir kennen. Er lebt in Küstengewässern Südamerikas in Brack- und Süsswasser und bleibt stets an der Wasseroberfläche. Weil er so aussergewöhnlich ist, wird er gerne in Zoos den Besuchenden präsentiert.

Der Fisch sieht also im wahrsten Sinn des Wortes doppelt, und das ganz ohne Alkoholkonsum.

Jörg Niederer

Samstag, 15. August 2026

Wasserfreude

Ein Zitat

Oben: Seehund im Tierpark Dählhölzli in Bern. Unten: Gewitterregen am Bahnhof Spiez.
Fotos © Jörg Niederer

"Es war einmal ein Mann der gung / In eines Flusser Niederung / Der Tanz der grünlich krausen Wellen / Tat seines Geistes Licht erhellen."
Kurt Schwitters (1887-1948)

Entdeckt

Eben noch war ich ein wenig neidisch auf die Seehunde im Tierpark Dählhölzli in Bern, die sich auf dem Grund des Beckens vor der Hitze und Sonne in Sicherheit bringen konnten, und nur gelegentlich mal kurz auftauchten und aus dem Wasser nach uns schweissgebadeten Zoobesuchenden schauten. Natürlich galt der Neid auch all den Menschen, die die Aare hinunter durch die Stadt Bern schwammen. Mangels Badehosen und bedingt durch ein anderes Ziel konnten wir uns nicht in gleicher Weise erfrischend treiben lassen.

Ein Tag später dann nach einer Beisetzungsfeier überraschte uns ein Gewitter am Bahnhof Spiez. Zum ersten Mal seit einigen Wochen spürte ich wieder Regentropfen. War das schön und erquickend. Laut den Meteorologen soll es in den kommenden Wochen wieder kühler werden und vermehrt Gewitter geben. Doch das helfe nicht, die Wasserspeicher aufzufüllen. So erzählte einer der Bergler an der Beisetzungsfeier, dass sie ein Schreiben von der Wassergenossenschaft erhalten hätten, in dem sie zum Wassersparen aufgefordert worden seien. Wassersparen wird wohl noch bis zum nächsten tagelangen Dauerregen ein bleibende Aufgabe sein. Bis es soweit ist, wird wenigstens der Schweiss weiter fliessen.

Jörg Niederer

Freitag, 7. August 2026

Die Dürre und das liebe Vieh

Ein Zitat

Dreimal Dürre. Einmal bei Burgdorf, dann bei Wynigen und ganz unten bei Hasle-Rüegsau.
Fotos © Jörg Niederer
"Überhaupt: Das Leben ist kurz; man muss die Gegenwart mit Vernunft und Gerechtigkeit nutzen. Sei nüchtern und entspannt." Marc Aurel (121-180 n. Chr.)

Entdeckt

Dreimal Dürre in der weiteren Region um Burgdorf herum. Ich erinnere mich an ein Gespräch. Es war im Frühjahr. Im Zug sass ich einem Flüchtling aus Afghanistan gegenüber. Der Bauernsohn lobte die grünen Wiesen und Matten in der Schweiz. Hier hätte es das Vieh noch besser als manche Menschen in seinem kriegsversehrten Land. Gerne würde er hier Bauer sein.

Das war, als die Dürre sich noch nicht abgezeichnet hatte. Gestern bei der Weiterwanderung auf der Kapellentour von Krauchthal zum Bahnhof Hasle-Rüegsau trafen wir in der Schwändi den Altbauern an, wie er auf einem alten Elektrovelo neben uns hoch flitzte und vor einem Wasserreservoir anhielt, um dort nach dem Wasserstand zu schauen. Ich fragte ihn, ob er noch genug Wasser habe. Er verneinte: "Eben ist es zu wenig. Die Quelle gibt noch einen Liter pro Minute." Jetzt füllte er das Reservoir mit dem teuren Wasser der Gemeinde etwas auf. Ich verstand nun, warum der Wasserschlauch von weiter oben zum Wasserspeicher des Bauern führte. Er erzählte. Sein Sohn, der nun den Hof führe, habe auch nicht mehr ausreichend Futter. Die Händler seien ausverkauft, sie könnten nicht mehr liefern, auch nicht aus Frankreich oder Deutschland, von wo sie in anderen Jahren Futter einführen konnten. Die Bauern der Nachbarsländer hätten selbst zu wenig Futter für ihre Tiere. Es habe zwar auch 2003 schon eine grosse Trockenheit gegeben, die sei aber nicht schon so früh gekommen. "So etwas habe ich noch nie erlebt", meint er. "Wir müssen wohl Kühe verkaufen."

An einer anderen Stelle sahen wir von Weitem eine Prozession von Kühen und Kälbern, wie sie über eine grosse, trockene Weide hinweg zum weit entfernten Zaun zogen. Dort hatte es angrenzend noch grüne Wiesen. Dort frassen sie dann unter dem Zaun hindurch. Andere Rinder hatten es besser, an denen wir vorbeiwanderten. Sie liessen sich nicht ablenken von dem relativ kleinen, von grünem Klee deutlich anders gefärbten Weideland. Es müsste wohl gerade gereichen haben für diesen einen Tag. Was aber dann?

Ich überlegte mir: Sieht es jetzt bei uns so aus, wie auf den Weiden des Bauernsohns in Afghanistan?

Jörg Niederer

Mittwoch, 7. Januar 2026

Natur

Ein Zitat

In die Aare geworfene Fahrräder und Einkaufswagen bei der Bahnhofunterführung in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Die schmutzige Natur des sauberen Menschen liegt in der nachlässigen Art, seinen Abfall zu beseitigen." Daniel Mühlemann (*1959)

Hingesehen

Im Uferbereich färbt die Sonne das Wasser der Aare wie ein türkiser Strand in der Südsee. Mit Sicht auf den Grund entdecke ich schnell ein weggeworfenes Damenfahrrad. Ein Mountainbike liegt links neben dem Birkenstamm. Rechts davon rosten zwei Einkaufwägelchen nahe beieinander; orange leuchten ihre Handgriffe. Weiterer Müll verrottet da schon seit Monaten im Wasser. Ein Schirmständer, ein Eisengitter, ein in sich verdrehter Flachstahl, Reste eines Klappstuhls, ein Laufrad und eine Vielzahl kleiner Wohlstandshinterlassenschaften.

Immer wenn ich in Olten am Bahnhof etwas Zeit habe, besuche ich diese kleine Terrasse, die in Verlängerung zur Hauptunterführung direkt am Fluss liegt. Da, bei der neuen Brücke ist ein Zweifaches an Natur zu erkennen. Einmal die natürliche Natur, das Wasser, die Steine, Bäume, Büsche, Tauben, der Himmel und die Sonne. Dann die Natur des Menschen, die sich in allerlei Schönem und Hässlichem manifestiert. Kein Ort, an dem es Menschen gibt, die von seiner verschwenderischen Schaffenskraft unberührt bleibt. Doch die Natur des Menschen passt zur natürlichen Natur oft wie die Faust aufs Auge, sicher aber nicht wie die Sahne auf die Torte. Die Natur des Menschen ist immer wieder einmal ungeniessbar, leider.

Jörg Niederer

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