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Samstag, 24. Oktober 2026

Ein besonderer Augenschein auf die Lukaskapelle

Ein Zitat

Oben: Die einstige Lukaskapelle am Balmweg 5 in Bern wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Unten: In der einstiegen Lukaskapelle kann man heute die eigenen Augen fotografieren lassen.
Fotos: © Jörg Niederer

"Kirchen strahlen ja eine grosse Ruhe aus, und wir geniessen diese Stimmung jetzt in unserem Wohnzimmer. Ich bin stolz, in einer Kirche zu wohnen – es ist schon etwas Besonderes."
Cornelius Morscher, Architekt

Entdeckt

Da ich mich zwischen Täuffelen (Siehe Beitrag vom 20. Oktober 2026!) und Neuchâtel in methodistischem Niemandsland bewege, und die Witterung und die Lebensumstände gerade wenig Wandertage möglich scheinen lassen, werde ich in den nächsten Tagen in unregelmässigen Abständen auf methodistische Standorte zurückschauen, von denen ich noch nicht geschrieben habe. Ich beginne heute mit der einstigen Lukaskapelle in Bern. Dort traf sich die Evangelisch-methodistische Gemeinde von 1925 bis 2006, wobei zuletzt noch ein Hauskreis auf diesem einstigen Bezirk zusammen kam. Das Gebäude steht nach wie vor am Balmweg 5 und hat seinen Charakter auch nach der Umnutzung in ein Wohnhaus weitgehend behalten.

Drei Dinge möchte ich im Zusammenhang mit dieser Liegenschaft erwähnen: Strategie, Umnutzung und eine spezielle heutige Mieterschaft.

Zur Strategie: Hauptsitz der Evangelischen Gemeinschaft, eine Vorgängerkirche der heutigen Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), war die Zionskapelle an der Nägeligasse (Siehe Beitrag vom 29. September 2026!). Der nächste Ableger dieser Kirche befand sich ab 1919 lediglich 1,9 Kilometer entfernt in einem eher kleinen Haus an der Tscharnerstrasse 22. In jener Zeit schon suchte man eine bessere Lösung, entschied sich aber gegen eine Liegenschaft an der Mattenhofstrasse. Die Distanz vom 1,6 Kilometern zur Zionskapelle wurde aber als zu gering erachtet, um eine dritte Gemeinde nebst einer weiteren im Liebefeld (Siehe Beitrag vom 10. Oktober 2026!) zu etablieren. Als man dann 1924 Grundstück und Chalet eines Lehrers am Balmweg 5 erstehen konnte, schien den Verantwortlichen der Standort perfekt. Das, obwohl auch hier die Distanz zur Zionskapelle lediglich 2 Kilometer betrug. Strategisch erstaunen die geringen Distanzunterschiede, die den Ausschlag gaben. Sie zeigen auch etwas davon, wie es um die Mobilität jener Zeit bestellt war.

Zur Umnutzung: Die Liegenschaft Balmweg 5 erlebte im Kontext der methodistischen Arbeit und danach zwei wesentliche Umnutzungen. Zuerst wurde durch den Anbau an das Chale, (ein Ersatzneubau kam nicht in Frage, weil man sonst das Näherbaurecht verloren hätte,) aus dem Haus eine äusserlich gut erkennbares kirchliches Gebäude erstellt mit Kreuz auf dem Turmanbau und Inschrift. Ebenfalls wurde eine Pfarrerwohnung integriert. Teile des Chalets wurden in den Gottesdienstraum integriert. Es waren wohl vor allem Familien aus der Nachbarschaft, welche in der Folge die Lukaskapelle besuchten. 1979 wurde die Kapelle erneut umgebaut, um für die Jugend mehr Raum zu schaffen.

Als dann die Gemeindearbeit an diesem Standort wohl um 2006 definitiv eingestellt wurde, stand die Liegenschaft lange zum Verkauf ausgeschrieben. Erworben hat sie dann der Berner Architekt Cornelius Morscher. Wieder kam eine Abriss der Liegenschaft nicht in Frage. Die aktuelle Bausubstanz überschritt die aktuelle Ausnützungziffer bei weitem. Morscher bezeichnete den Umbau von 1979 als "Verschandelung". Er wollte erst eine Loftwohnung aus dem Kirchenraum erstellen. Das wäre finanziell nicht aufgegangen. So erstellte er ein zusätzliches Zwischengeschoss, das als "Betonkiste" in den Kirchenraum gehängt wurde. Damit konnte der ursprüngliche Raum in seiner Höhe weiter erfahrbar bleiben. Der kirchliche Charakter ist heute immer noch von Aussen erkennbar. Da sind die hohen Kirchenfenster, das Kreuz auf dem Dach und die Inschrift "Jesus Christus gestern, heute und in Ewigkeit."

Die heutige Mieterschaft: Es ist immer wieder interessant, wie einstige Kapellen genutzt werden. in der Lukaskapelle findet sich aktuell auch ein Geschäft für Fotografie. Dies ist insofern aussergewöhnlich, weil es sich dabei um "Iris-Fotografie" handelt. Wer möchte kann sich seine Iris abfotografieren lassen und daraus ein digitales Kunstwerke erstellen lassen. Da werde ich schon auch an biblische Zitate erinnert. Etwa an das Wort Jesus: "Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören" (Matthäus 13,16). Oder das sehr bekannte "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (2. Mose 21,24). In diesem Fotogeschäft verliert man nicht das Augenlicht, sondern bekommt eine neue Sichtweise auf das Wunder des Augenblicks.

Jörg Niederer

Dienstag, 28. April 2026

Am Rand oder mittendrin

Ein Zitat

Oben: Die Evangelisch-methodistische Kirche Langenthal steht direkt neben einer katholischen und einer neuapostolischen Kirche. Unten: Die heute als Wohnung genutzte methodistische Kapelle von Rohrbach steht am Rand des Dorfs auf dem Weg zum Friedhof.
Fotos © Jörg Niederer
"Sonderbar, dass man sich erinnert, man habe sich einer Sache erinnern wollen, aber diese doch nicht mehr sicher erinnert." Jean Paul (1763-1825)

Hingesehen

Auf meiner Kapellentour befinde ich mich nun im Oberaargau, einem Teil des weitgehend protestantischen Kantons Bern. Behäbige Bauernhäuser säumen den Weg. Die bestimmenden Kirchen in den Dörfern sind reformiert.

In Langenthal hat wohl die Bevölkerungsentwicklung dafür gesorgt, dass die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) heute relativ nahe am Stadtzentrum steht. Sie ist an diesem Ort nicht das einzige Gotteshaus. Direkt daneben befindet sich das moderne Kirchengebäude der Neuapostolische Kirche, die seit einigen Jahren Teil der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz (AGCK) ist, genauso wie schon länger die EMK und die Römisch-katholische Kirche. Deren Kirche Maria König befindet etwa 60 Meter von der EMK entfernt quer über eine Kreuzung hinweg. So ist die recht agile Gemeinde der EMK an einem Standort, den man als religiöses Bermudadreieck beschreiben könnte.

Ganz anders, wenn man der Langete etwa 11 Kilometer flussaufwärts folgt, in Rohrbach. Dort steht die Kapelle am äussersten Rand des Dorfs an einer Nebenstrasse, die zum Friedhof führt. Wobei, eine Kapelle ist es nicht mehr. Auch hier wurde das Gebäude verkauft und wird heute als Wohnhaus genutzt. Als ich meine Laufbahn als Methodistenpfarrer begann, war das einer der ersten Orte, an denen ich predigte. Das war vor über 40 Jahren. Wir wohnten jung verheiratet in Huttwil in der dortigen EMK-Kapelle. In Rohrbach predigte ich regelmässig, wenn ich mich recht entsinne so alle zwei Wochen. Und doch war ich mir beim Anblick der einstigen EMK-Kapelle unsicher, ob das wirklich der Ort war, an dem ich erste Predigterfahrungen sammelte. So fragte ich eine Frau, die gerade den nahen Bauernhof verliess, ob das Gebäude einst eine Kapelle gewesen sei, und sie bestätigte.

Die Kapelle, einmal recht zentral, das andere Mal am Rand. Wo eine Kapelle oder Kirche zu stehen kommt, hat oft auch damit zu tun, dass jemand ein Grundstück spendet für diesen Zweck. So war es im 8. Jahrhundert mit der ersten Kirche in Rohrbach. Diese wurde von einem gewissen Adelgoz gestiftet, einem Alemannen aus der Ostschweiz. Und so wird es wohl auch mit der EMK in Rohrbach gewesen sein. Auch sie könnte auf gestiftetem Grund zu stehen gekommen sein. Heute befindet sich das einstige kirchlich genutzte Gebäude immer noch am Rand der bebaubaren Fläche. Eine unverstellte Aussicht über die weiten Felder südwestlich von Rohrbach ist den Bewohner:innen sicher.

Jörg Niederer

Freitag, 26. September 2025

Lost Church

Ein Zitat

Laserkopie eines Polaroid-Dias, mit zwei toten Schmetterlingen in der unbenutzten Kapelle von Gontenschwil.
Foto © Jörg Niederer
"Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte." Gustav Heinemann (1899-1976)

Hingesehen

Es war im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends, als ich im aargauischen Reinach auf eine Pfarrstelle kam. Damals gab es vier Kapellen der Evangelisch-methodistischen Kirche, die zu dieser Anstellung gehörten. In drei wurde noch gepredigt, eine Kapelle, die in Gontenschwil, wurde nicht mehr verwendet. Als ich sie besuchte, war es ein Lost Place, oder besser, eine Lost Church.

Dann versuchten wir, dort einen offenen Jugendtreff zu etablieren. Schulklassen bemalten die Innenwände, ein- bis zweimal pro Woche war die Kapelle am Abend geöffnet, drinnen konnte man Badminton spielen es gab kleine Feste und sogar noch einmal einen Gottesdienst.

Bevor aber all das geschah, habe ich Polaroidfotos aufgenommen, die eindrücklich eine vergangene Zeit in dieser Kapelle festgehalten haben. Aus dieser Serie ist der hier wiedergegebene Abzug. Er zeigt die Überreste zweier Tagpfauenaugen, wohl erbeutet von einer Spinne, die auch schon längst nicht mehr da ist. Mit den gemachten Bildern fand dann auch eine kleine Ausstellung statt. Das hier abgebildete Foto war betitelt mit den Worten. "In guten wie schlechten Zeiten".

Der Jugendtreff hatte nicht lange Bestand. Grund waren die sanitären Bedingungen. Die Kirche war nicht an die Kanalisation angeschlossen, und die Klärgrube war undicht. Aber entscheidend für das Ende des kurzeitigen neuen Lebens an diesem Ort waren die Einsprachen der Nachbarschaft.

Wie so viele ausgediente Kapellen wurde auch diese verkauft und umgenutzt. Heute ist sie ein Wohnhaus. Auf Satellitenaufnahmen ist zu erkennen, dass sogar eine Solaranlage das Dach ziert. Wer hätte das vor 30 Jahren wohl erahnt?

Jörg Niederer

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