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Sonntag, 9. August 2026

Nachtragend

Ein Zitat

Taufstein in der Reformierten Kirche Wynigen.
Foto © Jörg Niederer
Jesus spricht: "Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. Ihr sollt andere nicht verurteilen, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemanden zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben." (Bibel: Lukas 6,36+37)

Entdeckt

Im Buch "Der Friedhof in Prag" erzählt Umberto Eco die Geschichte eines Anwalts, der mit Urkundenfälschung und Falschaussagen Menschen begünstigt und andere ins Gefängnis gebracht hatte. Dann stellte er einen jungen Advokaten ein. Dieser hatte den Anwalt in Verdacht, ihn um sein Erbe gebracht zu haben. Der junge Advokat lernte die üblen Machenschaften seines Chefs, bis er ihn mit eben diesen Mitteln hinter Gitter und die Anwaltskanzlei in seinen Besitz gebracht hatte.

Was der Mensch sät, das wird er ernten. Jesus sagt es so: "Denn der Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten." (Bibel: Lukas 6,38)

Als Menschen hinterlassen wir unablässig unsere Spuren. Wir produzieren Altlasten. Sie erzählen von uns. Vielleicht, wie wir rücksichtslos den eigenen Vorteil gesucht haben auf Kosten anderer. Oder sie erzählen von der Grosszügigkeit und Hilfsbereitschaft unseres Lebens.

Lasten, die ich anderen Aufbürde, lasten schwer auf meinem Leben. Erleichterung, die ich anderen Menschen verschaffe, erfüllt mein Leben mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit.

Das Prinzip, das Jesus benennt, ist hinlänglich bekannt. Wie wir austeilen, so werden wir einstecken.

Manchmal bin ich jemandem gegenüber "nachtragend". Stelle dir das bildlich vor. Voraus derjenige, dem du etwas nachträgst, und dahinter keuchst du, beladen wie ein Page mit dem Übergepäck einer Diva. Du bist es, der von dieser Last schwer zusammengestaucht wird, nicht derjenige, dem du nicht vergeben kannst. Darum_ Lade deine Last ab, setze dich und den anderen frei!

Jörg Niederer

Sonntag, 2. August 2026

Das Üben ist entscheidend

Ein Zitat

Glasfenster in der Kirche Wasen i. E. aus dem Jahr 1881: Jesus segnet die Kinder.
Foto © Jörg Niederer
"Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt." (Bibel: Lukas 6,31)

Entdeckt

Zwei Journalistinnen haben nach 5 bzw. 10 Jahren Schulabstinenz an einer Prüfung der 3. Sekundarschule über geometrische Dreiecksformen teilgenommen. Das Fazit der Lehrkraft: Eine Ahnung vom Lösungsweg sei ersichtlich, aber nicht mehr aktiv präsent. So bekam die Journalistin mit 5 Jahren Schulabwesenheit die Note 4,0 (Note 6,0 ist das Beste), die andere die Note 3,3. Mit anderen Worten: Weil Dreiecksberechnungen im Alltag der beiden Journalistinnen kaum eine Rolle spielten, haben sie vieles darüber wieder vergessen. Ohne ständiges Anwenden und Üben verlernt man einfachste Dinge.

Nun habe ich mich gefragt, wie das mit den Lebensregeln von Jesus ist. Wende ich sie täglich an, oder habe ich vieles wieder vergessen? Ist mein Christsein praktiziert, oder ist es nur graue Theorie, die im Alltag nicht mehr vorkommt?

Wie ist das mit der goldenen Regel? Behandelst du Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest? Wer diesen Grundsatz nicht ständig übt, wird im Ergebnis immer einmal wieder falsch liegen. Dann wird Gleiches mit Gleichem vergolten. Wie ist es mit der Feindesliebe (Lukas 6,27)? Gutes den Menschen tun, die mich hassen, ist eine echte Herausforderung. Aber wenn ich diesen christlichen Lebensgrundsatz nicht anwende, werde ich auch nicht die Kraft entdecken, die dabei frei werden kann in meinem Leben und im Leben anderer.

Wer nicht einfach im christlichen Mittelmass versinken will, ist herausgefordert, zu tun, zu üben, zu praktizieren, was Jesus Christus uns zu tun empfiehlt. Dann, beim ständigen Üben und Anwenden wird Christsein alltäglich – ansteckend alltäglich. Darum segne gerade heute die Menschen, die dich verfluchen und bete für die, die dich beschimpfen...! (Lukas 6,28)

Jörg Niederer

Sonntag, 26. Juli 2026

Auf Gott hören

Ein Zitat

Glasfenster des Portals der Kirche von Wasen i. E.. Der besseren Lesbarkeit wurde das Foto gespiegelt.
Foto © Jörg Niederer
"Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich. Er wählte zwölf von ihnen aus, die er auch Apostel nannte." Bibel: Lukas 6,13

Entdeckt

Ich frage mich, welche Kriterien und welches Verfahren Jesus bei der Auswahl der Apostel angewandt hatte. Gab es ein Casting, bei dem sich die einen Jünger blamierten und andere das Publikum berührten? Hatte Jesus überhaupt die Wahl? Gab es mehr als 12 in Frage kommende Jünger? Musste sich Jesus als Headhunter in den Fischerhäfen und an den Zöllen herumtreiben, bis er fündig wurde? Mussten die Jünger Prüfungen bestehen oder Studien absolvieren, bevor sie als Botschafter für Jesus Christus ausgesandt wurden? Spielte das Alter eine Rolle? Warum waren es nur Männer und nicht auch Frauen? Und wer bitte ist dieser Bartholomäus, und hatte er einen Bart? Warum wählte Jesus auch politisch zwielichtige Typen aus wie etwa Simon den "Zeloten" (auf Deutsch "der Eiferer")? Bei Judas Iskariot, dem Verräter, hatte sich Jesus wohl vergriffen. Warum stellte er sich also diese kuriose Gruppe von Jüngern zusammen, um gerade sie zu lehren und zu beauftragen?

Warum? Da hätte es wohl bessere Dreamteams gegeben, eine schlagfähigere, gebildetere und homogenere Truppe.

Vielleicht liegt die Antwort in dem, was im Vers davor, in Lukas 6,12 steht: "Einmal in diesen Tagen stieg Jesus auf einen Berg, um zu beten. Die ganze Nacht betete er zu Gott." Eine ganze Nacht betend auf einem Berg. Intensive Zeit im Gespräch mit Gott. Keine Vernunfts- und keine Bauchentscheidung. Eine Gebetsentscheidung, geboren an einem speziellen Ort, unter dem Sternenhimmel des Abrahams, auf dem Gipfel des Fragens. Dort, bei Gott, findet Jesus die Antwort und seine zwölf Apostel.

Heute ist Sonntag. Sie könnten die kommende Nacht auf einen Berg gehen, um zu beten.

Jörg Niederer

Sonntag, 8. März 2026

Ausgangsort der Hoffnung

Ein Zitat

Passionszeit in der Kirche Schwarzenbach LU bei Beromünster
Foto © Jörg Niederer
"Durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen gerieten alle in die Gewalt der Sünde. Ebenso werden auch durch den Gehorsam eines Einzigen alle vor Gott gerecht sein." Bibel: Römer 5,19

Hingesehen

Niemand ist für sich allein schuldig. Das Unrecht ist immer kollektiv. Im besten Fall betrifft unser Versagen die nächste Umgebung, im schlimmsten Fall die ganze Welt. Vielleicht kennst du den Kinderreim "Joggeli söll ga Birli schüttle". Weil Joggeli die Birnen nicht schütteln will, werden der Reihe nach Hund Stock, Feuer Wasser Kalb und Metzger ausgesandt. Doch alle lassen sich vom Ungehorsam Joggelis anstecken. erst als der Meister eingreift, kommt die Sache ins Rollen, so dass schlussendlich sogar die Birnen fallen wollen.

Noch eindrücklicher illustriert Mani Matter die Kettenreaktion des Versagens mit dem Lied: "I han es Zündhölzli azündt". Ein brennendes Streichholz, das auf den Boden fällt, lässt Mani Matter darüber nachdenken, was hätte geschehen können. Über den Wohnungsbrand zum Stadtbrand, über den daraus folgenden Bürgerkrieg zum Weltkrieg wäre alles denkbar. Immer mehr Menschen würden in das Versehen oder die Schuld dessen verwickelt, der ein Streichholz hat fallen lassen. Immer mehr – am Schluss alle – währen mitbetroffen.

Niemand kann für sich allein gut sein und werden. Es gilt auch dabei das Prinzip der Kettenreaktion oder Solidarität. Stell dir vor, der Meister hätte bei der Joggeli-Geschichte nicht mit Fusstritten losgelegt, sondern indem er selbst mit gutem Beispiel vorangegangen wäre und mit Joggeli zusammen die Birnen geerntet hätte. Paulus nun ist überzeugt, dass irgendeinmal das Vorbild und die Aufopferung von Jesus das Wesen aller Menschen erfassen wir, so dass sie sich dem Guten zuwenden.

Nun, aktuell ist es wohl noch nicht so weit.

Jörg Niederer

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Von der Wiege...

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Altarbild von Alois Schenk (1888-1949), Kirchenmaler aus Schwäbisch Gmünd in der 1935 geweihten Dreikönigskirche von Netstal. Die Geburt Jesu und seine Kreuzigung in einem Bild.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt für einen Starken, für einen Grossen dieser Welt nur zwei Orte, an denen ihn sein Mut verlässt, vor denen er sich in tiefster Seele fürchtet, denen er scheu ausweicht. Das ist die Krippe und das Kreuz Jesu Christi." Dietrich Bonhoeffer (London 1933-1935, DBW Band 13, Seite 342f) 

Hingesehen

Da gibt es diese Redensart, die ein ganzes Leben in sechs Worten zusammenfasst: "Von der Wiege bis zur Bahre". Genau das ist auch dargestellt auf dem Altarbild von Alois Schenk in der 1935 eingeweihten römisch-katholischen Dreikönigskirche von Netstal. Auf den ersten Blick ist da diese idyllische Darstellung der Heiligen Familie, versammelt um das Jesuskind in der Krippe. Doch darüber steht das übergrosse Kreuz, an dem der Gekreuzigte hängt. Auf dem Bildausschnitt sind die angenagelten Füsse zu sehen.

Ein Leben lässt sich nicht denken ohne Geburt und Tod. Die Weihnachts- und die Passionsgeschichte gehören zusammen. Der Geburtsschmerz der Maria und der Schmerzensmann am Kreuz. Die Erlösung, angekündigt von den Engeln, der Tod als gnädige Erlösung von der Folter.

Wer nur Weihnachten feiert, wird der ganzen Tragweite dieses Geschehens nicht gerecht.

Dreht man sich dort beim Altar in der Dreikönigskirche um 180 Grad und schaut zum Glasfenster über der Orgel hoch, ist der König David zu sehen in friedlicher Pose mit der Harfe in der Hand. Eine Anspielung auf den Christus, den König über Himmel und Erde? Die Geschichte ist nicht in Bethlehem zu Ende erzählt, auch nicht auf Golgatha. Die Geschichte geht weiter.

Jörg Niederer

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Die Konfluenz des Lebens

Ein Zitat

Die von Sedimenten des Juragebirges gesättigte Dünnern mündet bei Olten in die Aare ein, ohne sich gleich mit dem klareren Flusswasser zu vermengen.
Foto © Jörg Niederer
Jesus: "...wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden: Ihr Wasser fliesst und fliesst – bis ins ewige Leben." Bibel, Johannes 4,14

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Es ist nicht gerade die grosse Konfluenz von Rio Negro und Rio Solimões, bei der die unterschiedlichen Färbungen der beiden Ströme noch kilometerweit beobachtet werden können. Doch auch dort, wo die trübe gefärbte Dünnern in die deutlich weniger Schwebeteile führende Aare einmündet, in Olten also, bleiben die beiden Wasser einige Zeit in ihrem Fluss, bevor sie sich zunehmend und schlussendlich ununterscheidbar verqirlen.

So ist es, wenn zwei oder mehr Kulturen aufeinandertreffen. So ist es, wenn eine neue Pfarrperson in den "Gemeindestrom eingeleitet" wird. So ist es, wenn sich zweierlei Formen von Spiritualität treffen und sich im besten Fall gegenseitig befruchten. So ist es, wenn Frau auf Mann trifft oder auch Mann auf Mann und Frau auf Frau.

Es braucht Zeit, bis zur Vermengung, bis zur Symbiose, bis zur Verschmelzung, bis zur Perichorese.

Es braucht auch einen Blick für das Andere. Es braucht einen Blick für den Sinn des Andersartigen. Vielleicht kommt es dann zum Synkretismus, zur Vermischung verschiedener Philosophien oder Lebensstile.

Aktuell diskutiert man, ob man die von Ewigkeitschemikalien belasteten Trinkwasservorräte durch Hinzufügung von unbelastetem Trinkwasser wieder bedenkenlos trinkbar machen kann. Da stellt sich die Frage: Was geschieht, wenn der eine Strom übel und der andere rein ist? Wird beides schlecht oder beides gut? Oder können in dieser Sache diese moralischen Kriterien gar nicht angewendet werden?

Christlich theologisch könnte man nun davon sprechen, dass sich Gott in Jesus Christus als Mensch in den Strom der Menschheit hineingegeben hat. Diese Menschwerdung von Jesus ist zu Vergleichen mit einem Tropfen, der in die Wassermassen des Pazifiks fiel. Seither ist dieser Menschheits-Pazifik nicht mehr der selbe wie zuvor. Für einmal und unerwartet hat die homöopathische Dosis mehr als gewirkt, und alles, was es gibt, wird nach und nach verwandelt werden.

Jörg Niederer

Sonntag, 28. September 2025

Gebetsentscheid

Ein Zitat

Gemeinsame Gebetszeit an einer Retraite in Montmirail. So kommt Farbe ins Leben hinein.
Foto © Jörg Niederer

"Als es Tag wurde, rief er [Jesus] seine Jünger zu sich. Er wählte zwölf von ihnen aus, die er auch Apostel nannte."
Bibel, Lukas 6,13 

Hingesehen

Ich frage mich, welche Kriterien und welches Verfahren Jesus bei der Auswahl der Apostel angewandt hat. Gab es ein Casting, bei dem sich die einen Jünger blamierten und andere das Publikum berührten? Hatte Jesus überhaupt die Wahl? Gab es mehr als 12 in Frage kommende Jünger? Musste sich Jesus erst noch als Headhunter in den Fischerhäfen und an den Zöllen herumtreiben, bis er fündig wurde? Mussten die Jünger Prüfungen bestehen oder Studien absolvieren, bevor sie als Botschafter für Jesus Christus ausgesandt wurden? Spielte das Alter eine Rolle? Warum waren es nur Männer und nicht auch Frauen? Und wer bitte ist dieser Bartholomäus, und hatte er einen Bart? Warum wählte Jesus auch politisch zwielichtige Typen aus wie etwa Simon der "Zelot" (auf Deutsch "der Eiferer")? Bei Judas Iskariot, dem Verräter, hatte sich Jesus wohl total vergriffen. Warum stellte sich Jesus also diese kuriose Gruppe von Jüngern zusammen, um gerade sie zu lehren und zu beauftragen? (Siehe Lukas 6,12-16!)

Warum? Da hätte es wohl bessere Dreamteams gegeben, eine schlagfähigere, gebildetere und homogenere Truppe.

Vielleicht liegt die Antwort in dem, was als Einleitung steht: "Einmal in diesen Tagen stieg Jesus auf einen Berg, um zu beten. Die ganze Nacht betete er zu Gott." (Lukas 6,12).

Eine ganze Nacht betend auf einem Berg. Intensive Zeit im Gespräch mit Gott. Keine Vernunfts- und keine Bauchentscheidung. Eine Gebetsentscheidung, geboren an einem speziellen Ort, unter dem Sternenhimmel Abrahams, auf dem Gipfel des Fragens. Dort, bei Gott, findet Jesus die Antwort und seine zwölf Apostel.

Heute ist Sonntag. Du kannst heute auf einen "Berg" gehen, um zu beten.

Jörg Niederer 

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