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Samstag, 2. Mai 2026

Doppelte Vielfalt

Ein Zitat

Oben: Christliches Jugendtreffen in Nordmazedonien zum 1. Mai in einer Freizeitanlage nahe der griechischen Grenze. Unten: Eine winzige Wollbiene sitzt auf dem Fusspfad vor mir auf den Boden.
Fotos © Jörg Niederer
"Lasst uns ein Europa schaffen, das sowohl sokratisch wie christlich ist, gleichzeitig voller Zweifel und Glauben, voll Freiheit und Ordnung, voll Vielfalt und Einheit." Salvador de Madariaga (1886-1978)

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Während ich in Mazedonien im Hotel direkt an der Autobahn von Griechenland her am frühen Morgen diese Zeilen schreibe, jagen die Mehlschwalben, die über meinem Fenster nisten, wild hin und her. Ich höre auch Rauch- und Uferschwalben, den Pirol, und den Kuckuck. Weiden- und Haussperlinge melden sich, ein Pärchen der letzteren hat eines der Nester der Mehlschwalben für sich annektiert. Auch nicht weit sind Dohle und Star. Nachtigallen singen an jeder Hausecke und hinter jedem zweiten Busch.

Gestern besuchten wir über den Mittag ein christliches Jugendlager, das den freien 1. Mai für ein verlängertes Wochenende in einer grosszügigen Anlage direkt an den ersten Ausläufern des Gebirges nutzt. Die Jugendlichen kommen aus verschiedenen evangelischen Kirchen. Vielfalt und Lebensfreude war zu spüren. Wir vom Laienpredigerkurs waren eingeladen zu den Tischen und vollen Fleischtöpfen, die hier zum Essen nicht fehlen dürfen.

Einige Minuten lang erkundige ich den nahen Bachlauf bei der Freizeitanlage, der den Jugendlichen als Badeplatz dient. Auf einem Trampelpfad folge ich ihm aufwärts. Zwischen den Bäumen und Büschen hat es wunderschöne Trockenwiesen. Eine Riesensmaragdeidechse flüchtet vor mir mit Getöse ins Unterholz. Eine winzige, dunkelgefärbte Johannisechse schlängelt sich durchs Gras, der Wegerich-Scheckenfalter setzt sich auf eine Blume, fast schwarze Krabbenspinnen lauern auf dem hellbraunen Boden. Da gibt es unzählige Löcher der Falltürspinnen, eine winzige Wollbiene lässt sich anstandslos fotografieren, genauso wie die Gemeine Bodenwanze, der Schwarzer Schmalbock und die Punktiere Zartschrecke. Ich kann mich nicht erinnern, je eine Rundblättrige Osterluzei gesehen zu haben. Hier wächst sie. es gibt Weissfleckdisteln, und die gewöhnliche Mariendistel mit ihrer wunderschön symmetrischen Blüte. Auch den Echten Venusnabel entdecke ich, angelehnt an einen sich zersetzenden Baumstumpf.

All diese Eindrücke sind überwältigend. Was gäbe es hier noch zu entdecken, wenn ich mehr Zeit hätte?

So könnte es auch in der Schweiz aussehen, würde nicht jeder Wegrand regelmässig von Unkraut befreit, hätte es mehr Hecken und weiniger aufgeräumte Agrarlandschaft. Hinter dem Hotel ist der Übergang vom Wald zum strauchbestandenen Feld wunderschön abgestuft, auch etwas, das man in der makellosen Schweiz kaum noch sieht. Gestern beim Frühstück konnte ich dort einen Merlin beobachten, wie er auf einer Telefonstange seine Beute vertilgte.

Auch die Eindrücke von und mit den Menschen sind beglückend, die Gespräche bereichern. Sie werden geführt in Englisch und Deutsch und Mazedonisch und irgendwie, lächelnd, händeschüttelnd und manchmal händeringend.

Ich erlebe gerade doppelte Vielfalt. Das tut so richtig gut.

Jörg Niederer

Sonntag, 15. März 2026

Verdienstvoll verdienstlos

Ein Zitat

In der Kirche St. Karl in Luzern.
Foto © Jörg Niederer
"Denn der Lohn der Sünde ist der Tod. Aber die Gnade, die Gott uns gewährt, ist das ewige Leben. Denn wir gehören zu Christus Jesus, unserem Herrn." Bibel: Römer 6,23

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Zum Foto: Das Foto zeigt den Innenraum der Römisch-katholischen Kirche St. Karl in Luzern. Sie ist nach Karl Borromäus (1538–1584) benannt. Fritz Menger (1898-1973) hat sie entworfen. Erbaut wurde sie von 1932-1934 als die erste Beton-Kirche der Innerschweiz. Sie wird in der Liste der Kulturgüter in Luzern als von nationaler Bedeutung geführt. Die Entwürfe der Fresken und Fenster in der Oberkirche stammen von Hans Stocker (1896-1983). Der Kirchenraum fasst 900 Personen.

Zum Bibel-Zitat: Als ob man den Tod erwerben müsste. Als ob er etwas Verdienstvolles wäre. Dabei ist nichts so sicher wie der Tod. Er ist unabdingbarer Bestandteil jeder menschlichen Biographie. Nach den Aussagen von Paulus (Römer 6,12-23) haben wir Menschen den Tod verdient. Verdient durch unsere Sünden. Wenn der Tod aber den Sünder und nicht die Sünde trifft, dann bedeutet das doch, dass sich Sünder und Sünde, Mensch und Tat nicht trennen lassen. Dass Aussagen wie: "Gott hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder" falsch sind. Emil Brunner hat recht, wenn er schreibt: "Nicht bloss, wie wir uns gern einreden, 'das Sündige an uns', nein, der ganze Mensch muss in den Tod hinein. Sünde und Sünder sind nicht zu trennen." (Emil Brunner, das Gebot und die Ordnungen, Zürich 1978, Seite 157).

Wie wenn man sich das Leben verdienen könnte. Wie wenn wir des eigenen Glückes Schmied währen. Dabei ist nichts so unverdient wie das Leben. Oder kannst du gewisse Verdienste oder Versäumnisse ausweisen, die dazu geführt haben, dass du lebst, dass du reich oder arm geboren wurdest, dass du gesund oder versehrt zur Welt gekommen bist? Gewiss können wir das Beste aus einem geschenkten Leben machen. Besonders verdienstvoll ist das aber nicht. Denn letztlich sind wir uns selbst zum Leben geschenkt.

Jörg Niederer

Dienstag, 3. März 2026

Lebendgemälde

Ein Zitat

Grasfrösche haben bei Teufenthal ihren Laich in kleine Weiher abgelegt. Als hätte eine Malerin ihre Farbpalette angemischt.
Foto © Jörg Niederer
"Es läuft der Frühlingswind / durch kahle Alleen, / Seltsame Dinge sind / In seinem Wehen." Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

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Bei Teufenthal, direkt neben der Wyna, wurden drei kleine Tümpel angelegt. Ein Mini-Naturschutzgebiet. Wohl eher geschaffen für die seltenen Kreuz- und Geburtshelferkröten, haben die früh aktiven Grasfrösche die neuen Möglichkeiten für sich entdeckt. Davon zeugen Laichballen, die sich farblich verschiedenen Entwicklungsstadien zuordnen lassen. Im trüben Wasser wirken sie wie moderne Gemälde. Kunstwerke der Natur. Kreativität mit Mehrwert.

Jörg Niederer

Freitag, 28. November 2025

Schattensprünge

Ein Zitat

Früh morgens beim Bahnhof Frauenfeld reicht mein Schatten über den Lauf der Murg ans andere Ufer.
Foto © Jörg Niederer
"Kirche funktioniert in dogmatisch geheiligtem Schneckentempo... Willst du was bewegen? Bring Snacks. Viel Geduld. Und ein dickes Fell." Ina Jäckel, Pastorin

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Manchmal möchte ich schon da sein, wo mein Schatten bereits angekommen ist. Doch so einfach ist das nicht. Jeder Prozess, jeder Weg verlangt eine gewisse Anstrengung. Einmal komme ich leichter voran, dann ist es eine wirklich beschwerliche Reise.

Manchmal bin ich meinem Schatten auch schon weit voraus. Dann folgt er mir, lässt sich nicht abschütteln. Der Schatten hat kein Gewicht, ich muss ihn nicht hinter mir herschleppen oder vor mir herstossen. Aber er zieht mich leider auch nicht mit sich mit. Das ist gut, wenn es in die falsche Richtung gehen sollte. In die richtige Richtung könnte er mich schon etwas mehr unterstützen.

Als ich beobachtete, wie mein Schatten zum Zeitpunkt des Sonnenaufgangs mit Leichtigkeit auch den Wasserlauf der Murg überhüpfte, sagte ich mir: Da muss noch mehr gehen. Zum Beispiel könnte es ja sein, dass beim ersten Sonnenstrahl mein Schatten gar die 12 Kilometer weit entfernten Ufer des Neusiedlersees verbindet. Doch will ich wirklich über diese Distanz hoffnungslos hinter meinem Schatten zurückbleiben. Besser ich warte, bis sich die Sonne dem Zenit annähert, und meinen Schatten vom andern Ufer wieder zu mir zurück gleitet.

Als Gleichnis spricht der Schattenwurf in mein Leben hinein. Am Morgen früh gehen meine Pläne und Erwartungen weit in die Zukunft. Doch mit den Stunden werden die damit verbundenen Hoffnungen kleiner, bis sie beim Menschenmöglichen angekommen sind. Doch dann denke ich zurück an das, was auf diesem Weg gelungen oder misslungen ist. Ich drehe mich um, und sehe immer klarer, wie die Probleme wie Schatten anwachsen und dann glücklich im Sonnenuntergang flammend untergehen. Nun habe ich Ruhe, bis zum nächsten Morgen mit seinen neuen grossen Erwartungen.

Jörg Niederer

Freitag, 17. Oktober 2025

Fingerzeige

Ein Zitat

Leuchtend gelbe Blätter an einem herbstlich eingefärbten Ahornbaum.
Foto © Jörg Niederer
"Leb ich Gott, bist du bei mir, / sterb ich, bleib ich auch bei dir, / und im Leben und im Tod bin ich dein, / lieber Gott." Arno Pötzsch (1900-1956)

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Die Liedstrophe von Arno Pötzsch steht als Leitwort über der Todesanzeige eines Pfarrkollegen, an dessen Beisetzung ich heute teilnehmen werde. Dazu scheint mir dieses Foto eines Ahorns mit seinen leuchtenden und doch absterbenden Blättern gut zu passen. Die Äste ragen wie Finger in die Höhe, zeigen die Richtung an. Nicht hinab in die Grube, hinauf zum Licht geht die Reise. Die Blätter fallen einige Sekunden, der Baum aber streckt sich mitunter Jahrhunderte, weist mir die allgemeine Richtung.

Jörg Niederer

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